Vom amerikanischen Philosophie-Aussteiger Richard Rorty stammt die Aussage, er schätze an der englischen Sprache, dass man in ihr nicht ganz so leicht einen Unterschied zwischen „überreden“ und „überzeugen“ machen könne wie im Deutschen zum Beispiel. Die naheliegenden englischen Pendants: „Persuade“ und „Convince“ können beides gleichermaßen heißen, mit leicht unterschiedlicher Schwerpunktsetzung vielleicht.

Die von Rorty geschätzte Un-Unterscheidbarkeit dürfte sich in Zeiten geringer Beliebtheit erfreuen, in denen der Terminus des „Populismus“ eine Renaissance erlebt. Die Verführbarkeit des Volkes, oder „der Vielen“ durch schöne Worte, durchschaubar allzuschöne Worte erscheint als Steilvorlage für den Nutzen der Unterscheidung. – Auch die tiefseriösen und noch tiefer etablierten Volksparteien haben das erkannt. So beschloss die CDU im Herbst des Jahres 2016 in ihrer Vorbereitung auf das folgende Wahlkampfjahr, man wolle „Modernisierungsverlierer“ abholen, aber selbstverständlich unter Verzicht auf jeglichen Populismus, der eben keine Lösung sei, sondern eben gerade die Wurzel des politischen Übels. Für eine Partei mit einer gelernten Naturwissenschaftlerin an ihrer Spitze ist das aus meiner Sicht eine recht naheliegende Position. Warum diese politische Strategie gerade aufgrund einer scheinbar so unpolitischen Nebensächlichkeit wie dem Beruf unserer derzeitigen Kanzlerin naheliegend ist, erschließt sich, wenn ich Glück habe und jemand so weit lesen mag, dem einen oder der anderen vielleicht etwas weiter unten in diesem Artikel.

Und hat nicht eben erst ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat mit offener Koketterie, was sein Verhältnis zur politischen Lüge angeht, das Rennen in einem Wahlkampf gemacht, in dem er keine Chance zu haben schien? Hat er nicht seine Wählerschaft überredet, während seine Kontrahentin kläglich gescheitert ist mit ihren altbackenen Versuchen, ihre Wählerschaft von sich und ihrem Programm zu überzeugen?

Wer wollte da sagen, dass es keine Besinnung auf seriöse Politik brauche? Auf die Kraft des stärkeren Arguments? Auf Rationalität, um die Staatsschiffe ohne Schiffbruch durch diese „komplexer werdenen“ Zeiten zu navigieren?


Ich weiß nicht, ob es für wirklich viele interessant sein kann, aber Populismus-Bashing steht auch an einem der vielen Anfänge der abendländischen Geschichte: Der Begründer der abendländischen Philosophie im engeren Sinne, Platon, der viele Strömungen des zuvor eher kursorisch-unverbundenen Denkens seiner Vor- und Mitaltgriechen zusammenführte, schaffte diese bewundernswerte Leistung nur, indem er eine Kraft nutzte, die auch heute noch Dinge zusammenführen kann, die davor unverbunden waren: Durch den Aufbau eines starken Gegners, der als Kandidat der Ursache allen Übels seiner Zeit in Frage kam. Keiner geringen Übel, denn wir reden hierbei über die Ereignisse und Folgen von 30 Jahre Bürgerkrieg zwischen (Stadt-)Staaten, die eigentlich durch verwandschaftliche Bande einander zugetan und miteinander befreundet hätten sein müssen, wie man auch zur damaligen Zeit schon fand.

Dieser starke Gegner, der die Geburt der Philosophie durch seine Instrumentalisierbarkeit als Haudrauf-Dummy ermöglichte, war „die Sophistik“, uns vorrangig bekannt in der Version, die Platon aus ihr machte. Eine ebenfalls lose, unverbundene Reihe von Denkern und Lehrern der athenischen Demo-Aristokratie, die heute wohl als Rhetorik-Trainer und Politikberater durchgehen würden, und deren Sexappeal im Versprechen lag, „das starke Argument schwach machen und das schwache Argument stark machen zu können“ (Eine Kompetenz, die man heute H. Clinton, A. Merkel und vielen anderen Vertretern eines sozial verantwortungsvollen, ökologisch aufgeklärten Liberalismus von Herzen wünschen würde…).

Platon, der in seiner Jugend davon träumte, ein gefeierter Autor von Theaterstücken zu werden, nutzte sein Talent zur Dramaturgie nach dem polisch aufgeladenen Tod des von ihm vergötterten Sokrates, um den Sieg seines Jugendhelden zu inszenieren – den Sieg über jene politischen Berühmtheiten der damaligen Zeiten, die wir eben heute dank Platon als „Sophisten“ kennen.

In minutiösen, manchmal beinahe langatmigen Dialogen lässt Platon seinen Sokrates die Aussagen jener Menschen ad absurdum führen – Bis jeweils zu jenem Punkt, an dem Sie einsehen müssen, dass sie unwissend sind und ihre Aussagen unhaltbar sind. So reiht sich in den platonischen Dialogen ein glorreicher Sieg der Logik und des Rationalismus an den nächsten. Fast möchte man fragen: „Wo warst Du, lieber platonischer Sokrates, als 2016 Wahlkampf in den Staaten war?  – Wirst Du uns denn vielleicht im Wahlkampf des Jahres in Deutschland 2017 beistehen?“

Platon jedenfalls erreichte sein ursprüngliches Ziel: Er starb als anerkannte Berühmtheit. Und als einer der ersten Autoren der westlichen Welt schaffte er es, durch bildreiche Sprache und überzeitlich interessant bleibende Inhalte, fast im Gesamtwerk bis auf den heutigen Tag überliefert zu werden. Keine kleine Leistung, wenn man ahnt, was über die Jahrtausende alles mangels lückenloser Überlieferung verloren gegangen und in Vergessenheit geraten ist!

Wie ein Echo zog sich seitdem das Rhetorik-Bashing durch die abendländische Geistesgeschichte. Selbst offensichtliche Anti-Platoniker wie Thomas Hobbes oder bekennende Anti-Platoniker wie Karl Popper führten die platonische Wertschätzung der nackten Rationalität fort oder wiederholten sogar wörtlich seine rhetorische Figur, nach der „die falsche Bennenung der Dinge“ die Ursünde jeglichen Denkens ist und auf Teufel komm nicht raus vermieden werden müsse…

Selbst die neuzeitliche Semiotik und die postmoderne Dekonstruktion können dieser tiefsitzenden Tradition wenig anhaben. Ihre Voraussetzungen, ihr historischer Kontext und ihre Metaphern sind längst vergessen. Ihre Plausibilität ist dagegen auch heute voll intakt. Wer Gefühle anspricht, wer „überredet, anstatt zu überzeugen“, wem das Gewinnen im politisch-institutionalisierten Streit über die Wahrheit geht, wer ein instrumentalistisches Verhältnis zu Fakten pflegt, der hat die Gefolgschaft zumindest intelligenter Menschen (für die sich nahezu alle von uns halten) nicht verdient. Denn er handelt gegen die Logik, gegen die menschliche Vernunft.


Nicht aber gegen die politische Vernunft.

Den Arbeiten von Alfons Reckermann, und in Teilen schon den Arbeiten eines seiner Lehrer, Hans Blumenberg, ist es zu verdanken, dass es auch eine andere Sichtweise auf die antiken Sophisten gibt. Eine Sichtweise, in der sie mitnichten die Dummbatzen und verantwortungsbefreiten Geldschneider sind, als die die platonische Darstellung sie in unserem kulturellen Gedächtnis verankert hat.

Reckermanns Rekonstruktion der „noblen Sophistik“ oder „politisch-rhetorischen Vernunft“ als einer mögliche, als einer legitimen philosophischer Haltung, als einer mögliche Grundform des Denkens, hat mich als damals nocht etwas jüngerer und zugleich sehr politischer Mensch sehr berührt und bewegt. Diese Rekonstruktion unterscheidet sich freilich sehr von dem, was wir bei Platon über die Sophisten finden. Und sie macht den platonischen Rationalismus zugleich sichtbar als etwas, das er in seinem historischen Kontext wohl wirklich war: Eine Aussteiger-Figur, die Reaktion eines über den griechischen Bürgerkrieg und über die Verurteilung seines Sokrates politisch Enttäuschten, der seine „Akademie“ in einem hochsymbolischen Akt vor den Toren Athens ansiedelte. – „In your face, Polis Athen“ würde Platon heute vermutlich bei der Bekanntgabe seiner Akademiegründung twittern. Jener Akademie by the way, die als erster ernsthafterer Versuch der systematischen Institutionalisierung von Wissenschaft gelten könnte, als Gründungsakt dessen, was wir heute Wissenschaftssystem nennen. Man darf sagen: Platonismus ist das, was sich herausbilden kann, wenn Politik fundamental gescheitert zu sein scheint. So wie Gnosis das ist, was sich herausbildet, wenn die Apokalypse ausgeblieben ist (Jacob Taubes). – So hat jeder sein Päcklein zu tragen.


Es gehört zu den interessanteren Paradoxien der abendländischen Philosophiegeschichte, dass gerade diejenigen Philosophen, die leidenschaftliche Hater einer politisch-rhetorischen Vernunft sind, denen saubere Begrifflichkeiten, minutiöse Definitionen, logischer Fortgang der Argumentation über alles geht, und die daher Metaphern und Lüge als Teufelszeug markieren…

…dass gerade diese Philosophen selbst begnadete Dichter und Rhetoriker waren. Gerade bei Platon und Hobbes, die in ihrem jeweiligen Denken an sich unvereinbare philosophische Grundannahmen ausrollen, aber zugleich in ihrem anti-rethorischen Rationalismus vereint sind, sieht man deutlich, dass sie sehr offen und erkennbar lustvoll Bilder und Metaphern einsetzen, um den von ihnen bevorzugten Haltungen und Positionen Aufmerksamkeit und Überzeugungskraft zu verschaffen. – Und, damals noch ein Thema, das heute, im Zeitalter des „Das Netz vergisst nichts“ nur noch schwer nachvollziehbar ist: Sich Überlieferung zu sichern.

„Du wahrheitsverdrehender Sophist“ ist damit erwiesenermaßen eine der gelungensten, wirkungsmächtigsten rhetorischen Figuren der abendländischen Geistesgeschichte. Und der performative Selbstwiderspruch dieser rhetorischen Figur, dieses Wasser-predigen-und-im-nächsten-Atemzug- Wein-trinken, ist für den Rationalismus genausowenig ein Problem wie die fundamentale Durchsetztheit sämtlicher menschlichen Sprachen mit „toten“ Metaphern, die den staubtrocken-hochabstrakten Begriffen erst ihre Greifbarkeit geben.

So kann man an den Sophisten Protagoras anschließen: Der Mensch ist das Maß aller Theorien, der nachvollziehbaren, dass sie nachvollziehbar sind, der wenig-nachvollzogenen, dass sie auf ewig nur das Interesse von ein paar verschrobenen Außenseiter-Nerds auf sich ziehen können.


Warum nun das, was selbst im Herzen der Rhetorik-Verachtung gilt und wirkt, ausgerechnet im Herzen der Rhetorik-Wertschätzung: Im politischen Geschehen schädlich sein soll, ist vielleicht eine Frage, die einen philosophisch verbildeten Menschen nachts wach halten kann. Den glücklicheren Teil der heutigen „Öffentlichkeit“ dürfte das vergleichsweise weniger verstören.

Hier regiert viel eher die Sorge vor derjenigen Sorte Blendern und Menschenverführern, deren durchschlagende Wirkung im modernen politischen Feld, deren politischen Erfolg in mehr oder weniger entwickelten Demokratien man im 20. Jahrhundert bestaunen und beklagen musste.

Droht uns also eine neue „totalitäre Phase“, eine weitere tödliche politische Epoche, in der es charismatische Politiker schaffen, sich der modernen politischen Institutionen zu bemächtigen, sich das moderne Gewaltmonopol zu nutzen, um Gegenmeinungen auszuradieren – und mit ihnen ganze als „falsch“ markierte Menschengruppen?

Als bekennender Paranoiker darf ich sagen: Ja, ich persönlich habe solche Sorgen. Da ich mir viel, viel vorstellen kann, bevorzugt Schlimmstes, ist das für mich durchaus im Bereich des Nicht-Unmöglichen.

Aber darüber käme ich nie auf die Idee, nach der „nackten Vernunft“ zu rufen, die uns vor diesem bösen Schicksal in der politischen Arena bewahren soll.

Weitaus eher frage ich mich, wo die begnadeten Rhetoren heute sind? Wo diejenigen sind, die dagegen halten können, wenn menschenverachtende Positionen unter geschicktem schauspielerischem Einsatz von Sprache, Körper und den Mechanismen moderner Medienöffentlichkeiten nach uns, dem Wahlvolk fischen?

Dass die Wahrheiten genauso ohnmächtig wie widersprüchlich sind, dass sie sich eben nicht „von alleine durchsetzen“, könnte man heute (nach über 2300 Jahren Erfahrung mit dem Platonismus) wissen, wenn man es denn zu wissen wünscht.

So gesehen, kann Anti-Rhetorische Vernunft nicht die Antwort auf die heutigen Populismen sein. Man wird sich schon in den Wassern der menschlichen Gefühle die Hände schmutzig machen müssen, wenn man gegen die ins politische Feld reitet, die man für ein politisches Verhängnis der heutigen Zeit hält.

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