Seit Jahrhunderten geht es um Freiheit, um nichts anderes. Bloß: Um welche Freiheit? Freiheit wovon? Freiheit wozu?

Ist man irgendwie hineingeraten in die Politischen Philosophie der Neuzeit, kommt man schlecht darum herum, dass es eine Menge völlig uneinheitlicher Antworten auf diese Fragen gibt:

Die von Montaigne: Um die Freiheit, außerhalb von unsern Ämtern und Rollen zu schreiben, was wir denken.

Die von Hobbes: Um die Freiheit des Menschen vom eigenen Zwang zur Gewalttätigkeit und der anderer Menschen, um die Freiheit vom „Naturzustand“

Die von Rousseau: Um die Freiheit des Naturwesens Mensch von den Zumutungen einer fragwürdigen Gesellschaftsform.

Die von Voltaire: Um die Freiheit, alles satirisch ins Lächerliche ziehen zu können, was anderen Menschen heilig ist.

Die von Kant: Um die Freiheit vom Zwang zur selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Die von Hegel: Um die Freiheit zur Selbstverwirklichung des menschlich-göttlichen Bewusstseins in der Wirklichkeit.

Die von Marx: Um die Freiheit von den Zumutungen eines außer Rand und Band geratenen Kapitals, das aber gefälltigst jetzt mal völlig außer Rand und Band zu geraten hat, damit wirklich alle merken, was sie zu tun haben, zefix!

Die von Nietzsche: Um die Freiheit des großen Geistes von seinen eigenen plebejischen Reflexen, die der schwächliche Platonismus ihm über die Jahrtausende eingeimpft hat, um ihn zu vergiften und auf sein Niveau herabzuziehen. Um die Freiheit von der nihilistischen Demokratie.

Die von Sartre: Um das Immer-wieder-neu-Realisieren, dass der Mensch im Kern Freiheit ist. Und damit Nichts ist. Und damit nicht ist.

Die von Foucault: Um die Freiheit von der Freiheit, wenn sie nur bedeutet, von der „Macht“ diskursiv verwurstet zu werden.

Die von Rorty: Um die Freiheit von der eigenen Neigung, sich selbst mit einer höheren Macht zu verbinden, um mehr zu scheinen als man ist. Um die Freiheit dazu, nicht mehr und nicht weniger zu sagen als: „Das ist meine Haltung, es gibt keine tieferen Gründe für sie, aber es ist meine.“

(Liste ohne Anspruch auf irgendeine Vollständigkeit)


Man könnte auch fragen: Was macht uns frei? Oder wann fühlen wir uns frei? Oder: Warum fühlen wir uns so oft unfrei?

Diejenigen Antworten auf diese Fragen, die ich derzeit am spannendsten finde, kommen höchstens über Umwegen aus der Philosophie. Viel eher kommen sie aus der praktischen, therapeutischen Psychologie:

Was uns unfrei macht, sind a) bestimmte traumatische Muster in uns und b) bestimmte, alternativlos erscheinenden Beziehungen zu Menschen um uns.

Die Quelle von beiden, von uns unfrei machenden inneren Mustern und uns unfrei machenden, scheinbar alternativlosen Beziehungen ist: Gewalt. – Oder „Macht“ in der Definition von Thomas Gordon.

Das, was uns frei macht und uns hilft, uns frei zu fühlen, sind Beziehungen zu anderen Menschen, in denen Macht keine Rolle spielt. Sie helfen auf beiden Ebenen, in beide Richtungen: Uns von unfrei machenden, inneren Mustern lösen und uns von unfrei machenden, macht-verseuchten Beziehungen zu lösen.

Das, was ich über alles andere an der modernen, liberalen Gesellschaft schätze, in der wir leben, ist die Möglichkeit, Beziehungen aufzulösen und einzugehen. „Beziehungsfreiheit“, wenn man so will. Wir haben sie in verbürgten Rechten zu freien Berufswahl. Wir haben sie in verbürgten Rechten zur freien Partnerwahl. Wir haben sie in verbürgten Rechten zur freien Wahl unseres Lebensortes. Wir haben sie in verbürgten Rechten zur Wahl von Lebensanschauungen, die uns mit bestimmten Menschen verbinden und von anderen fernhalten.

Und trotzdem ich möglicherweise einer der größten noch lebenden Fans der Neuzeit und der modernen Gesellschaft sein könnte (man weiß ja nie genau, wie sehr die Begeisterung der Mitmenschen abgeklungen ist…), kann ich dem alten Rousseau einiges abgewinnen: „Der Mensch ist frei geboren, doch überall liegt er in Ketten…“. – Ich sehe einfach wenig Menschen um mich herum, die ich als „wirklich frei“ erlebe. Und das, obwohl ich durch meinen Beruf und die Art der von mir gewählten Lebensführung seit Jahren ständig viele und für mich neue Menschen kennenlernen darf. Tausende Menschen, um etwas konkreter zu werden und ganz ohne Übertreibung.

Dieser geringe Grad an „gefühlter Freiheit“ erscheint mir bemerkenswert vor dem Hintergrund jener Rechte, die die meisten von uns fraglos ohne jede Einschränkung genießen. Mit einer Selbstverständlichkeit, die fast dazu führt, dass wir diese Rechte gar nicht mehr als „Rechte“ erleben, sondern einfach als „normal“. Es ist eben ebenso schwer, etwas zu fühlen und zu schätzen, das man ständig genießt, wie es schwer ist, eine Luft zu riechen, die man ständig um sich hat.

Die moderne Gesellschaft, in der wir heute leben, erlebe ich also als immer noch reichlich unfrei, zumindest wenn ich die Menschen auf mich wirken lasse, in denen sie besteht. Natürlich kann ich denjenigen Menschen, die mich in meiner Verfasstheit allzu sehr stören, leicht aus dem Weg gehen und mir die Beziehungen suchen, die mir mehr zusagen als andere. Doch das ist mitunter ein schwacher Trost, solange das allgemeine Beziehungsniveau unterirdisch ist.

Die Beziehungsfreiheit, die mich die moderne Gesellschaft derart schätzen lässt, dass ich mich trotz all ihrer Defizite als einer ihrer größten Fans empfinden kann, besteht auch darin, dass sie die Zahl unserer möglichen Beziehungen vergrößert, die wir „probieren“ können, so wie wir durch die Vervielfachung der Zahl unserer Konsummöglichkeiten ständig dabei sind, neue Dinge „auszuprobieren“. Der Reiz des Neuen ist endlos – und man kann in ihm unter- und verlorengehen.

Was wir dabei endlich zu suchen scheinen, sind nach meinen Erfahrungen: Machtfreie Beziehungen. Und das allein aus dem Grund, weil wir in ihnen Verbundenheit erleben. Oder „Freiheit in Beziehung“, die das große Thema unserer Zeit ist, wenn man dem Hirnforscher Gerald Hüther glauben schenken will. Dies scheint mir nicht ganz weit weg von jenem Hegel-Wort, nach dem wir unsere Freiheit im „Bei-sich-sein im Anderen“ finden. Wenn das stimmt, so ist „Freiheit in Beziehung“ nicht nur das große Thema unserer Zeit oder der Modernen Gesellschaft, sondern dann ist es das Thema der menschlichen Geschichte, der aufeinanderfolgenden Formen der conditionis humanae.

Und wenn auch die Fragen verstörend sind, warum wir – trotz aller unserer Rechte, die wir bereits selbstverständlich genießen – so wenig machtfreie Beziehungsangebote vorfinden, und warum es uns bisher gelingt, nur so wenige machtfreie Beziehungen aufzubauen, so ändert das nichts daran, dass wir in der beziehungsfreiesten Gesellschaft aller bisherigen Zeiten zu leben scheinen: In keiner anderen mir bekannten Gesellschaft sind oder waren Menschen freier von Beziehungen und freier in ihren Möglichkeiten, Beziehungen zueinander einzugehen.

Ja, das mag einer individualistischen Konsumlogik folgen und schlimmer noch: es mag diese individualistische Konsumlogik auf das Heiligste übertragen, das wir heute haben. Aber es ignoriert nicht, – wie so viele dem politischen Liberalismus seit seinem Entstehen immer wieder vorgeworfen haben -, dass wir Menschen von Anfang an soziale Wesen sind und ohne erfüllende Beziehungen nicht gedacht werden können. Weil wir ohne sie gar nicht mehr am Leben wären.

Beziehungen sind heilsam. Sie heilen uns von unseren Unfreiheiten. Darum ist es gut, in einer Gesellschaft zu leben, die es uns ermöglicht, Beziehungen zu erproben, sie wieder aufzulösen, uns auszuprobieren, sich uns finden und uns wieder verlieren zu lassen.

Und außerdem bin ich am Ende dann eben doch: Einfach einer von diesen komischen Liberalern. Das heißt: Ich darf das. Und: Ich darf das gut finden.

 

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