Unsere Rede von Unternehmen ist mit einer philosophischen Brille betrachtet meist offen nihilistisch. Das gilt selbst noch für hochintelligente und innovative Konzeptionalisierungen von Unternehmen und Unternehmertum, wie z.B. den Ted Talk von Martin Reeves über die bionischen Inspirationen, die Unternehmen aus dem Aufbau und der Funktionsweise von biologischen Immunsystemen ziehen können.

Was an solcher Rede nihilistisch ist, lässt sich leicht am derzeitigen Modebegriff der „Disruption“ erläutern. Reeves‘ Vortrag mündet u.a. in die Empfehlung, von einem mechanischen zu einem biologischen Paradigma des Denkens von Unternehmen zu wechseln und aus diesem Paradigma heraus die Kontinuität des Unternehmens in der Selbst-Disruption der eigenen, gut laufenden Geschäftsmodelle denken zu können.

Bei jemandem, der sich ausführlich an der Philosophie Nietzsche gerieben hat, weil das aus guten Gründen zum Bildungsprogramm seines schrulligen Philosophielehrers gehörte, schrillen bei solchen Empfehlungen die Alarmglocken. Denn der Grund, den uns Reeves gibt, unser Denken umzustellen, ist: Das nackte Überleben des Unternehmens, bzw. die Steigerung der Chancen, dass das Unternehmen ein paar Jährchen länger überlebt. „Conservatio sui“ – Die Selbsterhaltung als letzter Handlungsgrund ist aber exakt das, was Nietzsche in seinen Schriften als die entblößte, nicht mehr kaschierte Gestalt des Nihilismus gekennzeichnet hat.

Man mag es mit Nietzsches Denken halten wie man will, die Problematik der Selbsterhaltung als letztem Handlungsgrund führt auch in anderem Denkrahmen dazu, dass sie unseren mentalen Fokus ohne Umschweife aus einer Welt der Fülle in eine Welt des Mangels teleportiert: „In der Wirtschaft“ geht es dann automatisch ab sofort und ausschließlich um einen „Kampf ums Überleben“. Und es wird ebenso automatisch beinahe unmöglich, anderes auch nur denken zu können, weil der Fokus „Überleben“ auf uns als Menschen eine starke hypnotische Wirkung hat, bestimmte unserer Hirnautomatismen nachhaltig triggert und uns selbst ebenso nachhaltig in unseren Möglichkeiten reduziert.

Sinnvolle Operationalisierung von „Disruption“

Im Empfinden eines Denkens im Beziehungsparadigma, das durch die Unterscheidung Bedürfnis/Strategie (M.Rosenberg) angereichert ist, wird dabei noch einmal deutlich mehr spürbar: Nicht nur der Nihilismus, die völlige Sinnleere eines Denkens in Überlebenskategorien – Warum soll es überhaupt erstrebenswert sein, dass ein Unternehmen ein paar Jahre länger besteht? -, sondern auch eine Überwindungsform dieses Nihilismus, die mit Nietzscheanischen Ansätzen nichts gemein hat.

Diese Überwindungsmöglichkeit lässt sich gut am Begriff der „Disruption“ fest machen und an einer naheliegenden, jedoch bisher selten gewählten Alternative, die diesen Begriff voll integriert, die jedoch nicht durch einen Fokus auf „Überleben“ bzw. „Verlängerung des Überlebens“ in Gang gehalten wird. – Disruption lässt sich leicht anders denken und ist dann zugleich keine gar so große Sensation mehr, als die sie in den derzeitigen Diskussionen über den Wandel des Unternehmertums erscheint. Sie wird zu etwas ganz natürlichem, leichten, undramatischen, das sich nebenher vollzieht, während wir auf ganz anderes fokussiert sind als auf unsere Angst, andere könnten unser Geschäftsmodell zerstören, wenn wir es nicht vorzeitig selbst tun.

In einem Unternehmen, in dem sich die Mitunternehmer wechselseitig in die Lage versetzen, sowohl bestimmte Kundenbedürfnisse („Bedürfnisse“ im Rosenberg-Sinn) zu ihrem Handlungsfokus zu machen und zugleich mit ihren eigenen Bedürfnissen gut verbunden zu bleiben, wird „Disruption“ zu keinem sonderlich schmerzhaften Geschehen, ganz einfach deswegen, weil „das Unternehmen“ dann nicht in bestimmten Strategien (aka: „Geschäftsmodellen“) besteht, sondern in dem gemeinsamen Willen, ganz bestimmte Bedürfnisse der Menschheit durch gemeinsame, koordinierte Tätigkeit so gut wie nur irgendmöglich zu befriedigen.

Selbstoptimierung der eigenen Geschäftsmodelle hat hier einen positiven Fokus in menschlicher Verbundenheit, nicht einen negativen Fokus im Angst vor dem „vorzeitigen“ Tod des Unternehmens. – Bösartig könnte man auch sagen, dass ein Unternehmen, dessen einziges Ziel (intern) das nackte Überleben des Unternehmens ist, in seinen Mitunternehmern in der Regel tiefe Seufzer der Erleichterung auslöst, wenn es dann endlich den Tod durch Insolvenz erleidet. Die Insolvenz wird von den Mitunternehmern dann oft als Erlösung von außen erlebt. Ironischerweise ist also Überleben des Unternehmens gerade in Unternehmen, die sich auf Überleben des Unternehmens fokussieren, für die an ihnen unmittelbar beteiligten Menschen gerade überhaupt kein erstrebenswertes Ziel, sondern ein Übel.

Spillover Effekt von externem Nihilismus hinein ins Unternehmen

Den Hintergrund des Umstands, warum diese Form des „Unternehmens“ derzeit so hohe Verbreitung hat, möchte ich hier für den Moment in seiner eigenen Komplexität und Auflösbarkeit ausklammern. Für hier daher nur soviel zu diesem eigenen Thema: Dieser Hintergund besteht im Kern aus dem dem Unternehmen (externen) Ziel, aus dem Geld von Investoren und Eignern „mehr Geld“ zu machen, also aus einem ebenfalls sinnentleerten, unverbunden Selbstzweck, der den internen sinnentleerten Zweck des „Überlebens“ zwingend nach sich zieht. Der externe Nihilismus, von dem Unternehmen heute in großer Zahl betroffen sind, hat in der Regel einen ungebrochenen internen Nihilismus zur Folge. Brüche dieser Übersetzung von äußerem Nihilismus in internen Nihilismus sind äußerst selten und den „heroischen“ Aktivitäten einzelner Geschäftsführer und Mitunternehmer zuzurechnen, die nie lange Bestand haben können und als strukturelle Ausnahmeerscheinungen gelten müssen. Solche Formen sind kurz gesagt instabil. Können wir den externen Nihilismus nicht zugunsten verbundenerer, nicht-entfremdeter und nicht-entfremender Formen des Investierens auflösen, so werden wir immer nur vereinzelte Inseln echten Unternehmertums erleben, die dadurch zustande kommen, dass einzelne Menschen in Unternehmen übermenschliches auf sich nehmen – und dabei regelmäßig zugrunde gehen. Märtyrer-Gestalten des modernen Wirtschaftslebens sozusagen. – Und wie wir z.B. mit Hegel denken können, sind Situationen, in denen heroisches Märtyrertum notwendig ist, um Formen des Guten aufrechtzuerhalten, immer ein absolut zuverlässiges Zeichen struktureller Ausfallerscheinungen.

Disruptive & resiliente Unternehmen verstehen sich selbst nicht in erster Linie als disruptive & resiliente Unternehmen

Unternehmen, die im Beziehungsparadigma operieren und in denen sich die an ihnen beteiligten Menschen als Teil eines ganz bestimmten Beziehungsgeflechts sehen können, das sie zugleich selbst durch ihre Aktivitäten aufrecht erhalten, sind ganz von allein „disruptiv“ (in der externen, nachträglichen Analyse), ohne dass ihre interne Kommunikation von Kategorien wie „Disruption“ geprägt wäre; und damit auch nicht in den Kategorien von „Kampf ums Überleben“, „Ausbeutung von Märkten“, „die Konkurrenz aus dem Feld schlagen“, etc.

Unternehmen, die im Beziehungsparadigma operieren und genaus aus diesem Grund auch die Hände von Kategorien wie „Disruption“ lassen können, sind diejenigen, die nicht nur Chancen haben, länger zu bestehen (das haben die angstgetriebenen auch), sondern dabei auch als bejahenswert, lebenswert und bestehenswert empfunden zu werden.

Ex post können Unternehmenstheoretiker wie Martin Reeves dann auch in solchen Unternehmen „Resilienz gegen Disruption“ diagnostizieren. Das sind jedoch keine Denkmodelle, die solche Unternehmen in ihrem Alltag benutzen. Also Unternehmen, die  nicht nur langlebig sind, sondern die auch vor erfülltem menschlichen Leben strotzen. Das ist nicht, wie solche Unternehmen selbst über sich und das, was sie tun, sprechen. Sie sprechen viel eher davon, wie gut sie mit ihren Kunden und Dienstleistern, untereinander und auch mit ihren Eignern und Investoren verbunden sind, wie sie die Beziehungen untereinander gestalten, wie sie auch in kritischen Situationen die sachliche Auseinandersetzung wagen können, und ähnliches, weiteres. Kurz: Sie beschreiben sich selbst in Beziehungskategorien, nicht in Kategorien des Überlebenskampfes.

Genau das könnte einigen Unternehmens-Theoretikern durchaus zu denken geben, wenn sie nicht gar so hypnotisiert wären von ihrem eigenen Ego und ihrer kindlichen, verantwortungslosen Freude an ihren überaus smarten Entdeckungen, mit denen sie dann ihre kommunikative Umwelt verpesten und dazu beitragen, das Beziehungsgeschehen in Unternehmen so nachhaltig übel zu gestalten, wie nur irgend menschenmöglich…

Aus Gründen, bei denen wir uns an unsere eigene Nase fassen dürfen, haben wir Unternehmen geschaffen und halten wir Unternehmen am „Leben“, in denen das menschliche Leben „einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“ ist. – Wir haben ohne Not den Hobbes’schen Naturzustand hinein in unsere heutigen Unternehmen übertragen.

Das Beziehungsparadigma des Unternehmens: All that is needed

Ich persönlich traue dem Beziehungsparadigma zu, diese Selbsthypnose durch defizitäres Denken zu überwinden. Weil es bereits Unternehmen gibt, die sich dabei beobachten lassen, wie sie sich selbst im Beziehungsparadigma beschreiben, und man auch die  wünschenswerten Folgen solcher Selbstbeschreibungen wahrnehmen kann. Auf dem Stand heutiger psychologischer Erkenntnisse können wir mit recht großer Wahrscheinlichkeit sagen, dass es für uns als Menschen kein Entkommen aus „hypnotischen Prozessen“ gibt. Wir können aber positive hypnotische Prozesse, die ihre eigenen Brechungen selbst vorbereiten, so dass konzeptionelle Umbrüche von uns als undramatisch emfpunden zu werden, von jenen negativen hypnotischen Prozessen unterscheiden, mit denen wir uns das Leben miteinander zur gemeinsamen Hölle machen und Drama auf Drama folgt, und in denen Nihilismus aus Nihilismus folgt.

Unternehmertum hat das Potential, alles andere als nihilistisch zu sein. Unternehmen ist eine zutiefst positive, erfüllende Tätigkeit, in der wir uns gemeinsam auf andere Menschen beziehen und anderen Menschen etwas von unserem Besten zu geben vermögen.

Aber wenn wir dieses Potential in unserer heutigen Wirklichkeit realisieren wollen, wenn wir das hier und heute „am eigenen Leib“ erleben wollen, sollten wir etwas umsichtiger damit sein, wie wir unsere Unternehmungen beschreiben, welche Kategorien wir dabei verwenden und was die Verwendung bestimmter Kategorien ganz unmittelbar mit uns selbst macht.

Dieses Wahrnehmen „was unser Sprechen / Denken“ mit uns selbst macht, bedarf entweder der guten alten Praxis der achtsamen Introspektion („nosce te ipsum“), oder weniger aufgeblasen: Wir könnten uns immer wieder Zeit für uns selbst nehmen, um zu fühlen anstatt nur zu denken, wie es uns geht. Und worum es uns geht.

Oder es braucht qualifiziertes, emotionales, unmittelbares Feedback unserer Mitmenschen. Also eine Praxis, in der wir uns gerade nicht wechselseitig in Ruhe lassen, sondern in der wir uns gegenseitig darauf aufmerksam machen, wenn wir uns mal wieder verloren haben, wenn wir gerade die Verbindung zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen und zum Beziehungsgeschehen auf diesem Planeten verloren haben. – Weil wir uns in den Kategorien unseres exorbitanten Werkzeugs namens Gehirn verlaufen haben.

Der Prozess der theoretischen Neugierde hat sicher seine eigene Berechtigung. Mir als leidenschaftlichem Theoretiker liegt es fern, mir zu wünschen, wir mögen unsere theoretischen Experimente beenden. Ohne Rückbindung ans Menschlich-Allzumenschliche führt Theorie aber ganz unweigerlich zu einem sehr praktischen, handfesten, spürbaren Nihilismus.

Ich gehe davon aus, dass wir alle diesen Nihilismus in unseren heutigen Unternehmen, in  unserem Alltag sehr unmittelbar spüren können. Als Menschen brauchen wir nicht nur Verbindlichkeiten, sondern Verbindungen untereinander, die wir als erfüllend, befruchtend und sinnhaft erleben können. Wir sind zutiefst soziale Wesen. Und Unternehmen sind zutiefst soziale Institutionen. Zu unserem eigenen Nachteil verstehen wir sie derzeit aber nur höchst oberflächlich als solche: Alles „Soziale“ ist ihnen äußerlich aufgepropft, nebensächlich, „cheap talking“, das erste, was zeitliche wie finanziell unberücksichtigt gelassen wird, wenn es um die vermeintlich wirklich wichtigen Dinge in Unternehmen (= „ums Überleben“) geht.

Es ist daher eine gute Zeit, Unternehmen neu zu denken. Von einem konsequenten Beziehungsparadigma aus.

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