Ich möchte im folgenden Artikel ein wenig damit beschäftigen, welchen möglichen Nutzen „philosophisches Denken“ unter heutigen Bedingungen haben kann.

Ich betrachte dabei Philosophie als diejenige Tätigkeit, die auch das Selbstverständlichste in Zweifel zieht und παράδοξος agiert. Philosophieren ist in der hier vorgeschlagenen Sichtweise vielleicht als einzige unserer Aktivitäten in der Lage, nicht nur einzelne Gedanken und Kategorisierungen in Frage zu stellen, sondern aktiv und bewusst ganze Denkrahmungen („frames“) zu brechen, um sie in einer in-sich-geordneten Weise durch andere Rahmungen zu ersetzen. Philosophie wäre dann die aktiv gesuchte Tätigkeit der Horizonterweiterung, die sich über (rückwirkend) willkürlich erscheinende Begrenzungen des Denkens hinwegsetzt, um sie durch andere zu ersetzen.

Was der menschliche Grund eines solchen Tätigseins sein kann, ist durch dieses Verständnis von „Philosophieren“ offengelassen. – Konzeptionell lassen sich aber alle denkbaren Gründe entweder auf ein Denken aus Notwendigkeit oder auf ein Denken aus Lust an der Grenzüberschreitung reduzieren. Im ersteren Fall landen wir bei einer Position des „Theorien-Pragmatismus“, in der die philosophische Tätigkeit dadurch begründet ist, dass ein Denkrahmen als unbefriedigend erlebt wird. Die Aufgabe der Philosophie besteht dann darin, den alten Denkrahmen durch Vorschläge neuer, anderer Denkrahmen zu ersetzen, die die jeweils betroffenen, menschlichen Bedürfnisse besser zu erfüllen versprechen; oder (Denk-)Grundlagen zur Verfügung zu stellen, die insofern „besser“ sind, als sie bessere menschliche Handlungsweisen ermöglichen. Im zweiteren Fall eines Denkens aus Lust an der Grenzüberschreitung liegt ein solches Unbefriedigt-Sein nicht notwendig vor. Hier können wir von einer „Entfesselung“ des menschlichen Potentials zu ganz Anderem sprechen, von einer Bewegung ins Offene, Gefährliche hinein oder – zahmer – vom „Prozess der theoretischen Neugierde“ (Hans Blumenberg).

Nach meiner Beobachtung lassen sich in nahezu alle philosophischen Aktivitäten der Vergangenheit, denen man zuschreiben kann, solche Rahmenersetzungen geleistet zu haben, beide Handlungsgründe hineinprojizieren, ohne den jeweiligen Philosophierenden all zu viel interpretatorische Gewalt anzutun.

Mit anderen Worten: Fälle von philosophischer Aktitivät aus reiner Not oder aus reiner Lust sind zumindest mir bisher unbekannt geblieben.

– Vielleicht ist das auch der psychologische Grund, aus dem heraus die antiken Begründer der Philosophie die Lust als untrennbar an die Not geknüpft behauptet haben. Eine Verknüpfung, die aus heutiger Sicht alles andere als evident erscheint.

Um handlungsfähig zu sein, brauchen Menschen immer beides: Ein Unbefriedigt-Sein als Handlungsgrund genauso wie Fähigkeiten, dieser Unbefriedigung Abhilfe zu verschaffen.

Und, weiter gedacht, benötigen wir über diese beiden Voraussetzungen hinaus auch noch Folgendes:

  • Lust an der Handlung, die sich nur aus einem Gefühl des Überschuss‘ heraus ergeben kann.
  • Unbegründete Hoffnung, es besser als bisher machen zu können. Eine Hoffnung, die nicht nur unbegründet, sondern prinzipiell unbegründbar ist.
  • Eine innere, psychische Verbindung zur eigenen Not, ein Bewusstsein, das sich dem eigenen Nicht-Bewusstsein liebevoll zuwendet, ein Denken, das mit mit den eigenen Gefühlen als Informationen über Befriedigung/Nicht-Befriedigung verbunden ist oder mindestens, dass sich mit ihnen zu verbinden trachtet. – Eben das, was wir in einem umfassenderen, psychologischen Sinne heute „Bewusstsein“ nennen.

Philosophie ist demzufolge eine voraussetzungsreiche Tätigkeit, die aber – so diese Voraussetzungen gegeben sind – jedem Menschen offensteht, und die sich – möglicherweise – gelegentlich als nützlich erweist. Immer aber als lustvoll in dem Moment, in dem sie ausgeübt wird.

Philosophie ist erscheint demzufolge zunächst als eine zutiefst asoziale Tätigkeit, und zwar insofern, als sie als ihre vermeintliche Primärbedingung ein quasi-autistisches Auf-sich-selbst-bezogen-sein hat: In ihr findet sich nur „Ich und die Sache des Besser-machens und meine Lust daran“. – Die soziale Nützlichkeit, die Nützlichkeit der „Ergebnisse“ des Philosophierens für den Philosophierenden und andere Menschen, erscheint demgegenüber als „nur sekundär“. – Vielleicht ergibt sich ein Nutzen, vielleicht auch nicht.

Dieses Verhältnis spiegelt sich sowohl in der platonischen Formulierung des Philosophierens als „einem Gespräch der Seele mit sich selbst“, als auch im – vermeintlich – modernen Konzept der „Forschungsfreiheit“, das wissenschaftliches Denken und Infragestellen grundsätzlich von Nützlichkeitsaspekten freihält als Bedingung einer Möglichkeit des „freien Denkens und Forschens“. – Da in heutiger Zeit sich Nützlichkeitserwägungen vermittelt über Finanzierungsfragen und politische Absichten tief hinein in das Wissenschaftssystem gefressen haben, hat man den Begriff der „Grundlagenforschung“ geschaffen, um der Nützlichkeit unzugänglichere Refugien des freien Denkens zu schaffen. – Wie man beobachten kann, ist das ein nicht sonderlich effektiver Weg, um das Denken vor seiner potentiellen Nützlichkeit zu retten, denn auch Grundlagenforschung will finanziert und gefördert sein. Und die Finanzierer und Förderer haben sogenannte „Interessen“, die sie auch noch der Grundlagenforschung ins Stammbuch ihrer Forschungsanträge schreiben.

Nicht nur aus diesem Grund: Dem sozialen Rahmen und seinem „illegitimen“ Einfluss auf heutige Forschung können wir annehmen, dass das Asoziale des Philosophierens nur Schein ist. Das, was wir soeben als „Primärbedingung“ des freien Denkens markiert haben, ist allenfalls sekundär, kommt frühestens an zweiter Stelle.

Philosophie ist allein schon deswegen vom ersten Moment ihres Auftritts „sozial“, eingelagert in ein Beziehungsgeschehen, als ihre Akteure, Menschen, die sich entschließen, philosophischen Aktivitäten nachzugehen, von Anfang an „soziale Wesen“ sind, tief eingelagert und eingesponnen in Beziehungsgeflechte, die uns als Menschen Welterfahrung überhaupt erst ermöglichen. Noch einmal: Die primäre Umwelt eines jeden Menschen, auch die eines „Philosophen“ (eines Menschen, der gern und daher häufig philosophiert) sind andere Menschen. Nichts kann je auf Dauer wichtiger sein für einen Menschen. All die Attitüden und all der Habitus des Asozialen, das Eremitendasein, das Autistische, die Handwerker-Haltung „Nur Ich und die Sache“, der Denker in der einsamen Dachkammer, die Nerdigkeit, all das ist bloßer Anschein, den man nicht zum Nennwert kaufen sollte. Diese Bilder vom Forscher oder Philosophen sind selbst soziale Strategien, die nur Sinn machen mit Blick auf ein konkretes Beziehungsgeschehen, auf das sie jeweils antworten.

Da Philosophen Menschen und keine Götter sind, ist die Bezeichnung der Philosophie als eine „Tätigkeit, die auf eine Verähnlichung mit Gott“ (Platon) hinausläuft, ein Wunsch- und Traumbild derjenigen, die sich von ihren zwischenmenschlichen Beziehungen, die sie als unbefriedigend empfinden, abzukoppeln versuchen. Von Menschen also, die in schwerer Not sind und daher alles andere als „göttlich“. Denn der philosophisch-technische Gottes-Begriff beinhaltet v.a. eins: Die grundsätzliche Unfähigkeit, Not leiden zu können.

Ein Philosophieren, das die menschliche Not nicht negiert, sondern umarmt, wird daher den Begriff des „Bedürfnisses“ eher in der Form verstehen, in der es durch Marshall Rosenberg und Eugene T. Gendlin beschrieben wurde: Als Macht des Lebens, die es verdient hat, dass wir uns ihr zuwenden und nicht, dass wir vor ihr fliehen. Die Quelle von Kräften, die uns als Menschen zur Verfügung stehen, findet sich in der Hinwendung des menschlichen Bewusstseins zur eigenen Not, nicht in der Abwendung von ihr.

Mit diesem Gedanken als unverrückbarem Ausgangspunkt könnte es sich auch lohnen, noch einmal Platons Gastmahl zu lesen, und v.a. die Schilderung des „Eros“ durch Platons Alter-Ego Sokrates in diesem Dialog, um nicht zu sagen: in diesem strategischen Austausch der Ansichten.

Denn traditionelle Philosophie dient oft anderen Zwecken als sie vorgibt. Sie ist nicht-transparent in dem Sinne als sie psychologisch nicht auf der eigenen Höhe agiert. Sie ist sich ihrer psychologischen Beweggründe schon allein deswegen unbewusst, als sie sich nicht sonderlich für sie interessiert, wenn sie diese Beweggründe nicht sogar offensiv als „nicht zur Sache gehörig“ herabwürdigt.

Ich denke, dass Philosophieren das heute nicht mehr nötig hat. Auch: Dass heutiges Philosophieren, das keine Klarheit über die eigenen, menschlich-allzumenschlichen Zwecke hat, schlicht und einfach lächerlich wirkt. Und dies nicht deswegen, weil die „nicht-philosophische“ menschliche Umwelt keine Ahnung davon hätte, was der „Berufsphilosoph“ da gerade tut, wenn er philosophiert, sondern weil der Philosoph keine Ahnung von sich selber hat, wenn er eine solch arrogante, entmenschlichende Haltung sich selbst gegenüber einnimmt.

Philosophie war in ihren besten Formen immer schon praktische Psychologie, „Psychagogie“. Heute aber ist sie darauf angewiesen, dass sie sich über ihre eigenen Beweggründe im Klaren ist, dass sie über ihre Beweggründe Auskunft geben kann und in diesem Sinne transparent agiert. Philosophieren ist heute mehr denn je erkennbar als ein zutiefst soziales Handeln.

Das setzt keinen Automatismus des Verstanden-Werdens voraus. M.E. wird es immer unklar bleiben und werden sich situationsabhängig die Gewichte immer wieder verschieben, ob Verstehen „Hol- oder Bringschuld“ ist. Idealerweise wird Verstehen getragen von einem Willen zum Verstanden-Werden beim Äußernden und einem Willen zum Verstehen beim Aufnehmenden. Und „Wille“ steht dabei vor allem für: „Das kostet Kraft. Kraft, die bei uns nicht immer und überall vorhanden ist.“

Wenn ich der Ansicht bin, dass Philosophie heute nicht darum herum kommt, einen psychologischen Blick auf die philosophierenden Menschen und die Beweggründe ihres Handelns zu werfen, so heißt das daher nicht, dass dies automatisch das Verständnis für die Ergebnisse oder den Prozess des Philosophierens erhöht. – Menschen sind jederzeit frei, auch einfach nicht zu verstehen, Unverständnis zu haben. Es gibt heute nichts mehr, das wir „verstehen müssen“.

Meine Ansicht vom Philosophieren unter den Bedingungen der Modernen Gesellschaft ist vielmehr ein Ausdruck meiner tiefen Verbundenheit mit jenem „homo mensura“-Satz, der auch auf das Philosophieren, auf jeden Denkrahmen, auf jede Theorie bezogen werden kann:

Das Denken nutzt in irgendeiner Form dem menschlichen Leben. Anders besteht es nicht. Anders kann es gar nicht bestehen. Und entstehen auch nicht.

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