Nahezu alle Gedanken über unsere Welt, die wir heute vorfinden, scheinen gegen eine solche Möglichkeit zu sprechen.

Wir müssen daher zunächst genauer bestimmen, was wir eigentlich damit meinen und worüber wir da reden, um uns dann gezielt den derzeit stärksten Unwahrscheinlichkeiten zuzuwenden.


O.) Definition von „Gewalt“

Natürlich kann nicht gemeint sein, dass wir je in einer völlig unfallfreien Welt leben können, in denen Menschen nicht mehr zu schaden kommen. Wovon auch immer Versicherungen und Mediziner, die eine unfallfreie Welt als erste arbeitslos machen würde, sprechen mögen, es wird aus sehr einfachen Gründen immer das Phänomen geben, dass ein Körper nicht an der Stelle eines anderen Körpers sein kann, ohne dass mindestens einer der beiden Körper mindestens einen Teil seiner Qualitäten verliert. Ist einer der beiden Körper ein lebendes Gebilde, so nennen wir das „Verletzung“. – Wir sprechen also weder von einer unfallfreien, noch von einer verletzungsfreien Welt.

Wir könnten uns daher mit der Definition behelfen, die wir in dem Gedankengang benutzt haben, der sich mit der Frage nach der Wünschbarkeit einer völlig gewaltfreien Modernen Gesellschaft beschäftigt: „Unter ‚Gewalt‘ verstehen wir dabei die ‚Vorsätzliche oder fahrlässige Schädigung des Körpers und/oder der Psyche von Menschen durch Menschen'“

Zwar enthält der Begriff der Fahrlässigkeit bereits einen Hinweis auf strukturelle Gewalt, zumindest so lange, wie wir bestimmte Strukturen als von Menschen änderbar denken oder als aus menschlichem Handeln/Nicht-Handeln hervorgegangen. Wenn also „Verantwortung für Strukturen“ kein reiner Unsinn ist.

Für die Erörterung der Frage nach der Möglichkeit einer völlig gewaltfreien Modernen Gesellschaft erscheint es mir aber ergiebiger, etwas offensiver und umfassender anzusetzen. Daher verstehe ich im Folgenden unter „Gewalt“ einen Begriff, der dem Begriff des Zwangs nähersteht, und den ich an Thomas Gordons Definition von „Macht“ (im Unterschied zu „Einfluss“) anschließe:

„Macht erwächst aus der Fähigkeit, zu belohnen und/oder zu bestrafen. Anders ausgedrückt: Macht ist die Fähigkeit, anderen Schmerzen zuzufügen oder Lust zu verschaffen. Wer Macht ausübt, setzt Belohnungen und Strafen ein, um zu bekommen , was er haben möchte. Ist die Strafe schlimm oder die Belohnung verlockend genug, so gelingt ihm das auch.“ (In: „Gute Beziehungen“, S. 21)

Dieser – Vergleich zu dem, wie wir im Alltag von Macht sprechen, oder wie etwa Foucault von Macht spricht – erfrischend klarer und unesoterischer Machtbegriff, ermöglicht uns zu sagen:

Gewalt ist Macht, die eingesetzt wird. Gewalt ist Macht in Aktion. Während Macht die Fähigkeit ist (die von menschlichen Interaktionspartnern freilich so gut wie immer antizipiert wird), ist Gewalt die Ausübung. Für die altgriechisch Verdorbenen: Dies scheint mindestens in Teilen der Unterscheidung von δύναμις und ἐνέργεια zu entsprechen. Da wir als Menschen die Gabe der zwischenmenschlichen Antizipation haben und in den meisten Situationen unseres täglichen Lebens andere Menschen den für uns relevantesten Teil unserer Umwelt bilden, muss der, der Macht hat, nur selten diese Macht einsetzen, um seine Macht zur Entfaltung zu bringen. Man wird Menschen, die sich in einer momentanen Position der Macht gegenüber anderen Menschen befinden, daher eher selten gewalttätig erleben. Es ist zur Entfaltung von Macht schlicht und einfach nicht notwendig, diese Macht auch einzusetzen. Es genügt völlig, dass die, die diese Macht betrifft, wissen, dass Macht eingesetzt werden könnte.

Insofern ist „Macht“ (im Gordon’schen Sinn) ein ganz besonderer Stoff: Er nutzt die zwischenmenschliche Dynamik, um zu wirken. Er kann Akt und Potenz zugleich sein. Oder genauer: Die Antizipation des Akts durch andere macht bereits einen Großteil des Akts aus.

Aus diesen Überlegungen heraus ergibt sich, dass Macht als Fähigkeit zu belohnen/bestrafen weitgehend identisch mit Gewalt ist, auch wenn Gewalt im engeren Sinne ein rein physischer Vorgang des absichtsvollen Verletzens eines anderen Menschen ist.

Wenn wir nun im weiteren nach der Möglichkeit einer völlig gewaltfreien Modernen Gesellschaft fragen, so fragen wir danach, ob es unter den Bedingungen der in-sich-hoch-differenzierten, stark arbeitsteiligen Weltgesellschaft möglich ist, dass Gewalt in dem oben definierten Sinn nicht mehr vorkommt. – Nicht, weil sie durch eine übergeordnete Gewalt, die pro forma nicht als „Gewalt“ gilt, daran gehindert wird (dann wäre der Begriff der „Gewaltfreiheit“ ein Widerspruch in sich selbst), sondern weil unter uns Menschen gar keine Impulse zur Gewaltausübung mehr auftreten.

Die Frage zu stellen, setzt dann freilich die Annahme voraus, dass wir als Menschen zwar zur Gewaltausübung befähigt sind, dass es sich aber um kein „natürliches“ (im Sinne von: automatisches) Verhalten handelt. Sondern dass unser Impuls zur Gewaltausübung noch weitere Voraussetzungen hat, die mehr oder weniger gegeben sein können.

Ob diese Voraussetzungen in einer Modernen Gesellschaft nun in soweit „weniger gegeben“ sein können, dass sie einen Nullpunkt erreichen, ist die Frage der vorliegenden Untersuchung.


1. Naivität der Gutmenschen

Gegen das Für-möglich-Halten einer völlig gewaltfreien Gesellschaft spricht heute und sprach wohl auch in allen bisherigen Zeiten jede Evidenz.

Heute sind wir konfrontiert mit Kriegen, Bürgerkriegen, Terrorismus, Staatsterrorismus, Gewaltkriminalität, Gewalt in Familien, Gewalt in Unternehmen, sowie mit dem Umstand, dass alle nur denkbaren Gruppen von Menschen unseres Planeten sich mit tief sitzendem Hass und noch tiefer sitzendem Unverständnis gegenüberstehen.

Menschen, die völlige Gewaltfreiheit für möglich halten und die es ebenfalls zu allen Zeiten gab, müssen daher mit dem äußerst naheliegendem Vorwurf völliger Naivität rechnen.

Es wäre jedoch genauso naiv anzunehmen, dass diese vermeintlich naiven Menschen aus einer Unkenntnis „des wahren Gewaltniveaus“ zu ihrer Haltung, ihren Ansichten und ihrem Für-möglich-halten kämen. Nach meinen Erfahrungen verhält es sich vielmehr so, dass sowohl die friedliebensten als auch die gewalttätigsten Menschen unter uns aus Situationen hervorgehen, in denen sie über lange Zeit intensivsten Gewalterfahrungen ausgesetzt waren.

Das wird möglicherweise spürbar, indem wir uns auf einen Abschnitt aus Thomas Gordons „Gute Beziehungen“ stehen, in dem er Reuel Howe zitiert, und der mich persönlich sehr beeindruckt hat:

„Jeder Mann [und jede Frau; Einfügung von Gordon] ist ein potenzieller Feind, das gilt sogar für die Menschen, die wir lieben. Nur der Dialog kann uns von der Feindschaft erlösen, die jeder gegen jeden empfindet.“ („Gute Beziehungen“, Klett-Cotta 2013,  S. 68)

Bösere Zungen als die derjenigen, die die naheliegende Vermutung einer Naivität des gewaltverschonten Gutmenschen anstellen, gehen noch einen großen Schritt weiter und behaupten, dass eine solches Für-möglich-Halten völliger Gewaltfreiheit nur aus einer völlig fehlenden Tätererfahrung hervorgehen kann, also aus einem „totalen Opfersein“. Nietzsche können wir als prominentes Beispiel einer solchen bösen Zunge nehmen. Der überwältigende Wunsch nach Gewaltlosigkeit überdeckt in dieser Annahme bei einigen Menschen, die guten Grund haben, sich keine Gewalt mehr zu wünschen, den Realitätssinn durch eine nackte, gewaltige Verdrängung. Weil nicht sein soll, was für diese „schwachen Naturen“ nicht aushaltbar ist, wird die Gewalt von ihnen einfach weggewünscht. So jedenfalls die Annahme derjenigen, die sich auf der Seite der „rein starken Naturen“ zu wissen glauben. Die menschliche Welt unterteilt sich dann in „Gewinner und Verlierer“, das allerdings nicht in einem spielerischen, durch Beziehung und Respekt bestimmten Sinn, sondern im Rahmen eines wechselseitigen Vernichtungsverhältnisses, in dem „die starken Menschen ihr Geburtsrecht unumschränkter Dominanz wahrnehmen“ und in dem „die schwachen Menschen wertlos sind und nur ein Recht haben: dominiert zu werden.“ – Für Nietzsche und seine Anhänger ist es unvorstellbar, dass der Wunsch nach einer völlig gewaltfreien Gesellschaft aus einer starken, selbstbewussten Position heraus formuliert werden kann. Generell denken sie auch gar nicht gesellschaftsintern „in Positionen“, sondern führen Naturkategorien ein, die „positionsunabhängig“ und damit auch „situationsunabhängig“ sind. So wird ihnen undenkbar, dass ein Mensch zugleich Täter und Opfer von Gewalt sein kann. Der Normalfall heutigen menschlichen Daseins ist für sie also nicht mehr wahrnehmbar.

Wir leben nicht in Gorillagesellschaften, in Horden mit Silberrückenmännchen, die – wenn man genauer hinsieht – „Gesellschaften“ mit einem Männchen und vielen Weibchen sind, die sich um dieses Männchen prügeln dürfen und aus irgendwelchen, überhaupt gar nicht nachvollziehbaren Gründen – alles merkwürdig, sehr sehr merkwürdig – „untereinander sehr zickig“ seien, wenn man den am Gehege angebrachten Tafelaufschriften im Münchner Zoo glauben kann. Dem einen und einzigen Silberrücken komme die Aufgabe zu, Streit unter den Weibchen zu schlichten. Eine Aufgabe, der er als pater familias dann auch sehr aufmerksam und großzügig nachkommt. – Menschliche Sozialdynamik, die sich nicht durch körperliche Kraft allein bestimmt, sieht in den meisten Fällen so aus, dass sich „die vielen schwächeren“ gegen die Hegemonie „des einen starken“ zusammenschließen und ihn in seine Schranken verweisen. Eine Dynamik, ein Teil der menschlichen Natur, die auch Nietzsche klar vor Augen hatte,  die ihm als bekennenden „Anti-Demokraten“ unheimlich unheimlich war und die ein rechtes Ärgernis für ihn darstellte. Um nicht zu sagen: Das Problem, das seine Philosophie zu lösen antrat. – Nicht nur auf viele europäische Nationalsozialisten vor 1933, auch auf einige us-amerikanische Politiker nach 1945 hatte Nietzsche vermittelt über Leo Strauss‘ Nietzsche-Interpretation übrigens sehr großen Einfluss.

Die Annahmen jener bewusst „bösen Zungen“ sind nicht nur leicht lächerlich zu machen, sie sind auch sehr leicht zu falsifizieren. – Exemplarisch könnte man auf Marshall Rosenberg verweisen, der, bereits für seine „Gewaltfreie Kommunikation“ berühmt geworden, von früheren Schulkameraden damit konfrontiert wurde, dass sie es niemals für möglich gehalten hätten, dass ausgerechnet ein ausgewiesener Schulhofschläger wie er eine solche Praxis der Gewaltfreiheit entwickeln würde.

Auch die Praxis vieler heutiger „Unternehmenschefs“, die freiwillig sehr weitgehend auf ihre strukturell gegebenen Gewaltmittel verzichten, ist ein klar sichtbares Beispiel, dass die Annahme falsch ist, dass der Wunsch nach Gewaltlosigkeit nur aus einer Position völliger Machtlosigkeit formuliert wird. Ein Ricardo Semler bei Semco, ein Gernot Pflüger bei CPP Studios, ein Detlef Lohmann bei Allsafe Jungfalk oder ein Uwe Lübbermann bei Premium Cola demonstrieren Tag für Tag, dass es andere, sehr gute Gründe gibt, Alternativen zu Gewaltverhalten zu suchen. Oder, um mit Thomas Gordon zu sprechen: „Macht durch Einfluss zu ersetzen“. – Alle diese Unternehmen sind mit diesen Ansätzen meines Wissens auch wirtschaftlich sehr gut gefahren. In meinen Augen allerdings nicht das Hauptargument für eine solche Praxis, denn es gibt auch zutiefst gewalttätige Unternehmen, die „wirtschaftlich“ sehr gut dastehen, weil sie geschickt die Kosten ihrer Gewalttaten externalisieren.

Selbst beim Ur-Vater des Gedankens der strukturellen Notwendigkeit von Gewalt finden wir bereits Ansätze angelegt, die auf eine generelle Überwindbarkeit von Gewaltzuständen durch andersartige Beziehungsformen hinauslaufen. Den Gedanken an eine Möglichkeit einer völlig gewaltfreien Modernen Gesellschaft muss man nicht, aber man kann ihn als einen besonders konsequenten Hobbesianismus verstehen, der Hobbes‘ Gedanken an die Auflösbarkeit menschlichen Gewaltverhaltens unter mittlerweile veränderten Bedingungen noch ein paar Schritte weiter gehen kann, als er sie selber zu seiner Zeit gehen konnte.

Diese Verweise mögen für den Moment genügen, um zumindest einen gewissen Zweifel an der vermeintlichen Naivität eines Denkens zu säen, das sich mit der Möglichkeit einer völlig gewaltfreien modernen Weltgesellschaft beschäftigt.


2. „Menschenbild“

Genauso häufig wie der Naivitätseinwand und mit ihm gekoppelt ist der Zweifel, dass der Gedanke an die Möglichkeit einer gewaltfreien modernen Weltgesellschaft zwingend an ein bestimmtes Menschenbild gekoppelt sei, das unwahr sei und wahlweise der Empirie, dem gesunden Menschenverstand oder prinzipiellen Erwägungen widerspräche.

Nun gibt es in der Philosophie bereits eine lange Tradition der Verabschiedung von einem Denken, das überhaupt von „Menschenbildern“ ausgeht. Hierbei handelt es sich allesamt um Gedankengänge, die so abstrakt sind, dass sie Menschen mit vergleichsweise geringen philosophischen Neigungen nur wenig Freude bereiten können und auch, aber nicht nur deswegen leicht missverstanden werden können. Autoren dieser Art sind z.B. Hobbes, Hegel, Luhmann, auch Sartre, Heidegger oder Derrida könnte man dazuzählen, genauso wie Richard Rorty, für den das Gemeinsame „des Menschen“ ist, „dass er gedemütigt werden kann und dass er in der Lage ist, sich selbst neu zu erfinden“. Keine besonders reichhaltigen Aussagen, wenn es um ein „Menschenbild“ geht. – Die moderne Philosophie zeichnet sich durch eine beachtliche und bemerkenswerte Weigerung aus, „den Menschen“ zu denken.

Ich will gestehen, dass ich zu den konkreter gepolten Naturen gehöre, die sich nur sehr bedingt in der Welt der reinen Abstraktionen wohlfühlen, zumal sich aller Erfahrung nach gerade in den schönsten Ideenhimmel durch die Hintertür Menschlich-Allzumenschliches einzuschleichen pflegt. Daher wird es in meinem Fall nicht ganz ohne „Menschenbild“ gehen. Und das macht meine Gedanken wunderbar angreifbar, denn jegliches Menschenbild lässt sich sehr leicht in Zweifel ziehen – mithilfe der drei genannten Mittel: Empirie, Gesunder Menschenverstand und Prinzipien.

Bevor ich also darauf eingehe, wie viel Menschenbilderei ich mir antue und einhandle, möchte ich eine kleine gedankliche Schutzimpfung vornehmen, die vielleicht der einen oder dem anderen hilft, bei dem Folgenden keine allzu großen Kopfschmerzen zu bekommen:

Theorie über Menschen, ihre Beziehungen und Sozialformen ist eine besondere Theorieform. Sie hat als Besonderheit, dass sie „ihren Gegenstand“ noch auf andere Weise verändert als das naturwissenschaftliche Theorien tun, die ebenfalls mit einer eigenen Form von „Beobachterparadoxon“ kämpfen. Sozialtheorie und Anthropologie verändern ihren Gegenstand. Sie sind eingesponnen in eine Zirkularität, die weder Anfang noch Ende kennt. Sobald wir uns selbst, andere Menschen und unsere Beziehungen zum Gegenstand unseres Denkens machen, beginnen diese „Gegenstände“ sich unweigerlich zu verändern. – Ob wir uns das gerade sehnlichst wünschen (dann werden wir über das Ausmaß dieser Veränderbarkeit häufig enttäuscht sein) oder ob wir uns das gerade nicht vorstellen können (dann werden wir für das Ausmaß dieser Veränderbarkeit blind sein).

Aus diesem Grund sind Empirische Einwände und Einwände des Gesunden Menschenverstands gegen solche Theorien nur von begrenzter Kraft: Sie können nur auf das hinweisen, was schon da ist, was es schon gegeben hat, was wir schon kennen. – Sie können aber nicht darauf hinweisen, was uns alles möglich ist, was wir noch nie waren, was wir noch nicht kennen. Sozialtheorie ist in ihren besten Formen immer auch „Formung der Zukunft“ und ein Versuch, die Geschichte der Menschheit eben gerade nicht einfach aus ihrer Vergangenheit abzuleiten, die bisherige Linie zu extrapolieren, sondern sie ist ein Versuch, einen „Bruch“ mit dem bisherigen herbeizuführen. M.a.W. jede Sozialtheorie, nicht nur die hier entwickelte, ist unweigerlich ein Versuch, die menschliche Zukunft zu bestimmen und zu verändern. Ein Versuch, Einfluss zu nehmen mit den Mitteln der begriffsbildenden und begriffsverändernden Theorie.

Für mich gibt es keinen schöneren Ausdruck für diesen Sachverhalt als den Rorty’s, der davon spricht, „die Dichter“ seien „die Gesetzgeber der Zukunft“. – Mit der kleinen Einschränkung, dass ich mir mittlerweile eine menschliche Gesellschaft vorstellen kann, die nicht vom Begriff des Gesetzes bestimmt ist, sondern vom Begriff der Beziehung, und die diesen Begriff so sehr mit Leben füllt, dass die Welt der Rechte und Gesetze (die Welt, die wir kennen und in der wir derzeit leben) von uns abfällt wie die abgelebte Haut von einer Schlange.

Prinzipielle Einwände sind dagegen immer möglich. Um ihnen zu begegnen, behelfe ich mir mit einer Psychologisierung der Theorie. – Ich frage solche Theorien mit Marshall Rosenberg: „Was sind Deine Bedürfnisse hinter diesen prinzipiellen Einwänden? – Gibt es möglicherweise bessere Strategien, um Dir genau diese vorhandenen Bedürfnisse zu erfüllen als die Anhängerschaft an diesen Prinzipien?“ – Nach meinen Erfahrungen schmelzen die meisten Theorien vor solchen Fragen dahin wie derzeit das arktische Eis von der Klimaerwärmung. Weswegen sie den Prinzipienreitern unter uns zutiefst verhasst sind. Sie wollen recht behalten, keine menschlichen Probleme lösen. Und sie hassen es vor allem deswegen, weil sie durch solche Fragen damit konfrontiert sind, in welchem Zustand sie sich selbst befinden. Etwas Schlimmeres als „nosce te ipsum“ kann man vielen Menschen nicht antun und wir neigen dazu, anderen Menschen eine solche uns von außen aufgedrückte Selbsterkenntnis („Feedback“) weniger zu verzeihen als irgend etwas anderes, das man uns antut. – Wenn es nicht auf der Basis einer bestehenden, guten Beziehung geschieht. Performativ ist der Einfluss von Beziehung gerade in diesem Verhältnis überaus spürbar: Einem Menschen, den wir mögen und den wir als uns grundsätzlich wohlgesonnen annehmen, verzeihen wir solches Feedback. Ja, wir wünschen es uns sogar von ihm und uns fehlt etwas, das für uns so wichtig ist wie die Luft zum Atmen, wenn wir es von keinem Menschen bekommen. Einem Menschen, zu dem wir in keinerlei Beziehung stehen, verzeihen wir seine unangenehme Rückmeldung, die unser liebevoll gehegtes Selbstbild angreift, dagegen nicht. – Nach meinem Empfinden ist das ein noch viel zu wenig beachteter Umstand in den heutigen Zeiten von „Virtuellen Teams“ und „Social Media“.

Nun also zu meiner angreifbaren „Anthropologie“: Ich sehe „uns Menschen“ als Beziehungswesen. Alles wird uns zur Beziehung, Beziehungen formen unsere Welt, halten uns von Anfang an am Leben. Unsere Primärerfahrungen sind zwischenmenschlicher Art. Generell kann man in Frage stellen, ob unsere „Erkenntnisfähigkeit“ sich nicht in dem erschöpft, was wir „anthropomorphisieren“ können (- nota bene: das ist eine Menge!). Hinreichende Anzeichen darauf, dass das so sein könnte, finden wir allein schon in unserer Sprache, die voller toter, aber durchgängig „menschenförmiger“ Metaphern ist. Insoweit wir uns mithilfe unsere Sprache unsere Welt erschließen, „vermenschlichen“ wir sie – um uns mit unserer Welt in eine für uns sinnvolle Beziehung setzen zu können. Denn auch dies gilt m.E. unumschränkt: Wann immer wir von „Sinn“ sprechen, ist eine Beziehung im Spiel. Es ist für uns unmöglich, sinnvolles Handeln zu erleben, wenn wir nicht zugleich eine Beziehung fokussieren oder zwischenmenschliche Beziehungskategorien auf tote oder lebendige Entitäten in der Welt übertragen. Wir leben in einer menschlichen Welt. Einfach weil wir Menschen sind und gar nicht anders können.

Diese, ebenfalls sehr „leere“ Anthropologie, die uns auf „Zwischenmenschlichkeit und ihre Ausweitungen auf anderes“ festlegt, ist m.E. rein deskriptiv. Wir haben aber historisch mittlerweile hinreichend viel Erfahrung mit solchen rein deskriptiv gemeinten Auslassungen, um wissen zu können, das sie kaum deskriptiv bleiben können, sondern „von sich aus“ dazu neigen, ins Normative zu kippen. Oder zumindest: Dass sie keinen großen Widerstand leisten, wenn jemand sie normativ „umversteht“. – Und Normen, wenn sie von einem Menschen, der „Macht hat“, vertreten werden, sind Formen der Gewalt.

Dies ist zugleich auch der tiefere Grund für den Anthropologie-Verzicht von großen Teilen der modernen Philosophie: Sie will unter den gesellschaftlichen Bedingungen bestehender staatlicher Gewaltmonopole keine Mittel zur gewaltsamen „Menschenformung“ mehr bereit stellen. Nicht nach den totalitären Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Im Zeitalter der bürokratischen Machtapparate haben viele vordem machtlosen Gedanken ihre „politische Unschuld“ verloren: Jederzeit kann sich eine Bürokratie ihrer Begriffe bemächtigen und sie als Gewaltmittel dafür benutzen, bestehende gesellschaftliche Gewaltniveaus aufrecht zu halten und an ihrer natürlichen Selbstauflösung zu hindern. Manche Begriffe scheinen dafür geeigneter, andere weniger.

Ob eine Philosophie, die vollkommene Gewaltfreiheit der Modernen Weltgesellschaft durch die Bereitstellung von dafür geeigneten Begriffen fördern möchte, in diesem Punkt wirklich unvorsichtiger sein darf, kann wiederum leicht in Frage gestellt werden. Zumal wir heute auch für das Phänomen maximaler Gewalt gerade durch „beste Absichten“ sensibilisiert sind, weil wir eben damit bereits viele ungute Erfahrungen machen durften: „Der Zweck heiligt die Mittel“, und ähnlicher Unsinn mehr.

Nur wenn wir plausibel zeigen können, dass sogar die staatlichen Gewaltapparate selbst eine vorübergehende historische Erscheinung sein könnten, ein Mittel, von dem es sein kann, dass wir es nicht auf alle zukünftigen Zeiten hin brauchen werden, haben wir vielleicht eine kleine Chance, „nicht-gewaltförderndes Denken“ zu betreiben. – Aber selbst das scheint mir persönlich unsicher. Gewalt hat eine hohe Eigendynamik nach der Regel: „Aus Gewalt folgt Gewalt“ und Dynamik-Unterbrechungen sind „schwer zu fabrizieren“. – Für mich allerdings ein Grund mehr, gerade das zu versuchen.

Für den Moment können wir sagen: Wir halten unser Bild vom Menschen als Beziehungswesen nur für schwer bestreitbar. Wir werden und vergehen in Beziehungen. Beziehungen sind nachweislich die einzige bekannte Quelle für tiefgehende Verhaltensänderungen und Musterunterbrechungen. Auch neue Technologien interessieren uns als Menschen nur insoweit, als sie uns neue, andere Beziehungen versprechen. – Daher waren noch nie die Technologien selbst „Treiber von Wandel“, sondern unsere Träume von andersartigen Beziehungen als denen, die wir bisher erlebt haben. Und es sieht nicht so aus, als könnte „der Mensch, das träumende Tier“ damit jemals aufhören. Von besseren Beziehungen zu träumen scheint „in unserer Natur zu liegen“.


3. Gesellschaftliche Bedingungen sine qua non

Wenn wir das Gewaltpotential von uns als Menschen so ernst wie nur möglich nehmen und wenn wir unserem eigenen Abgrund dergestalt ins Auge schauen, dass wir uns all die Grausamkeit und Menschenverachtung bewusst machen, zu der wir selbst unter bestimmten Bedingungen in der Lage sind, dann können wir heute fast nur zu dem Schluss kommen: Gewaltverzicht ist grob fahrlässig. Nicht nur, dass wir selbst nicht mehr geschützt wären vor den menschlichen Abgründen anderer, sondern das Fehlen eines gewaltsam Ordnung aufrecht erhaltenden Staates würde sich vor allem so bemerkbar machen, dass wir selbst in unsere eigenen Abgründe hineinfielen: Wir würden ungehemmt verletzten, morden, demütigen, vergewaltigen, rauben, missbrauchen, betrügen, etc.

Wir schieben mal die als Frage getarnte, billige Retourkutsche beiseite, was für ein Menschenbild wir haben, wenn wir so von uns und unseren Mitmenschen auf diesem Planeten denken. Ganz einfach deswegen, weil all dies in der Menschheitsgeschichte viel zu regelmäßig vorkam und ausgeklügelte psychologische Experimente auch mit uns heutigen Menschen zeigen, wie leicht Gewaltverhalten und Grausamkeit in uns hervorzurufen sind. Für Hochmut gegenüber den Menschen vergangener Tage scheint es wenig Anlass zu geben.

Gleichzeitig muss auch noch der pessimistischste Blick auf unser Verhalten anerkennen, dass nicht alle unsere Verhaltensweisen in jeder Beziehung von Gewalt geprägt sind. – Das ist immerhin bemerkenswert. Natürlich kann man das staatliche Gewaltmonopol im modernen Flächenstaat als Grund heranziehen, warum das so ist. Und das wird ja auch fleissig getan, mit der überraschenden Einsicht, dass seit den biblischen Tagen sesshaft werdender Menschengruppen die Gewalt-pro-Kopf erstaunlich konstant und erstaunlich drastisch zurückgegangen ist.

Und selbst ohne solches Big Data-Zeugs, das man nach der Devise „glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast“ in Zweifel ziehen kann, bleibt immer noch das bemerkenswerte Phänomen bestehen, dass wir in nahezu allen Gesellschaften erstaunlich viel Warmherzigkeit, zwischenmenschliches Bemühen, Empathie, Offenheit, Gutwilligkeit, Aufrichtigkeit, und vieles andere mehr an hochsozialen, auf beiderseitiges Wohlergehen ausgerichteten Verhaltensweisen antreffen. „Das soziale Gute“ scheint erstaunlich widerborstig, erstaunlich Umstände-resistent zu sein. Fast könnte man das buddhistische Bild von der Lotusblüte bemühen, die auch noch aus dem modrigsten und stinkendsten Sumpf wächst und blüht. Oder den Hölderlin-Spruch, demzufolge „das Rettende auch wächst“, „wo aber Gefahr ist“. Also jenen Kalenderspruch der letzten Hoffnung, den wir immer dann bemühen, wenn wir grade keinen besseren Anlass zu hoffen finden können. Es ist gleichsam so, als würde allseits wünschenswertes Sozialverhalten aus sich selbst entstehen, aus einer unbekannten Quelle des Guten, die niemals versiegen kann. Und gleichzeitig eine sehr wohl bekannte Quelle des Schlechten vorhanden sein, die sich ebenfalls aus dem Nichts speist und daher ebenso unvernichtbar ist. Ein ewiges Spiel von Gut und Schlecht, an dem wir teilhaben, weil wir Teil einer Welt der Dualitäten sind, die „ohne einander nicht sein können“. – Metaphysik over and out.

Evolutionsbiologen, die etwas nüchterner argumentieren, geben sich jedenfalls große Mühe, den auch in ihren Augen ebenso unübersehbaren wie überraschenden „Altruismus der Gene“ dadurch zu begründen, dass sie seine „Nützlichkeit zum Überleben“ herausarbeiten. Man muss dem nicht folgen, aber man kann das zur Kenntnis nehmen. Und es kann einem in unterschiedlichste Richtungen zu Denken geben. Ich für meinen Teil gehe davon aus, dass auch „die Evolution“ als Gottersatz wenig taugt und dass ihr daher herzlich egal ist, ob es uns gut geht oder nicht. Wir werden uns schon um uns selbst kümmern müssen. Und das heißt immer auch: Um einander. – Ein Konzept, das mit allen mir bekannten religiösen und nicht-religiösen Weltanschauungen recht gut verträglich zu sein scheint.

Wir kehren an die Stelle zurück zur Fantasie und zur Kraft von Bildern und Vorstellungen: Es ist nun die Frage, was wir mit solchen „Daten“ machen, in welche Bilder, in welche Rahmungen, in welche „größeren Konzepte“ wir sie fassen, von denen wir aus sie dann deuten, so dass sie „für uns Sinn machen“. – Man kann einen solchen Rückgang der Gewalt natürlich als großen Erfolg von Hobbes oder – wenn man möchte – auch Hume feiern. Man kann ihn in ein eher Thukydideisches Konzept des niemals endenden und nur zufällig und vorübergehend erfolgreichen Kampfs um die Zurückdrängung der Gewalt fassen. Wir befinden uns dann in einem Ausnahmezeitalter, das schon bald durch Naturereignisse, von denen unsere eigene Natur eben nicht die schwächste aller Gewalten ist, zur Erosion gebracht werden wird.

Das nüchterndste Bild, das sich für dieses Thukydideische Konzept finden lässt, ist das einer „Gewaltasymptote“: Die Häufigkeit und die Intensität von menschlicher Gewaltanwendung lässt sich durch Sozialtechnologie à la Hobbes und durch eine Ausweitung des empathischen Mitfühlens à la Hume bis zu einem bestimmten Punkt absenken. Aber sie lässt sich nie ganz auf Null senken, weil sie irgendwann, auf irgendeinem unbestimmten Niveau die Form einer Parallele zur X-Achse annimmt.

Nimmt man die thukydideische Verschärfung hinzu, jenes philosophische Konzept, das sich zwischen den Zeilen seiner Geschichtsschreibung vom „Peloponnesischen Krieg“ findet, dann ist auch diese Absenkung immer nur vorübergehend und eben historischen Zufällen geschuldet, die sich durch menschliche Kraft und Findigkeit nicht systematischen stabilisieren lassen: Wir sind der Natur ausgeliefert. Der äußeren Natur wie unserer inneren Gewaltnatur. Wir können uns glücklich preisen, wenn wir zufällig in „friedlichen Zeiten“ leben. Und wir können nur jammern und wehklagen, wenn wir zufällig in Zeiten des menschlichen Welt-Bürgerkriegs leben, der all unsere Grausamkeit zu Tage fördert.

Das ist zunächst einmal ein Bild. Und wie Bilder so sind, ist es ein plausibles Bild. Das ist die Funktion von Bildern. Das haben Bilder so an sich.

Die Frage ist, welche anderen Bilder sich bereits heute finden lassen, die uns mehr und anderes erwarten lassen, ohne dass wir uns den Vorwurf völliger Naivität und Realitätsfremdheit (s.o.) machen lassen müssen?

Das bisher stärkste Bild, das mir bisher zwischen die Gehirnzellen gekommen ist, ist das der „Welt als Dorf“, geerdet durch den extraterrestischen Blick auf unseren blauen Planeten.

Nun ist diese Metapher zunächst einmal – wie alle lebendigen Metaphern – eine offensichtliche Lüge. Die Welt ist kein Dorf. Schon die Dunbar-Zahl führt ein solches Bild ad absurdum: Wir können auf der Welt – anders als in einem kleinen Dorf oder umherziehenden Stamm – nicht zu allen Menschen auf der Welt unmittelbare, persönliche Beziehungen unterhalten.

Wenn wir die Welt heute oder in absehbarer Zukunft als Dorf-ähnlich „empfinden“ können, dann muss dies also andere Gründe haben. Der gemeinsame und schon etwas abstraktere Nenner sind: Die unmittelbaren Kopplungen im Sozialgeschehen zwischen einzelnen Menschen, die für ein Dorf ebenso typisch sind wie für die Weltgesellschaft, die sich gerade erst zu entwicklen begonnen hat und die eher an ihrem Anfang denn an ihrem Ende stehen dürfte.

Wenn wir heute die politischen Geschehnisse in weit entfernten Ländern der Erde gebannt und in Echtzeit verfolgen, wenn wir zu Katastrophen, von denen wir selbst nur höchst mittelbar betroffen sind, Katastrophenhilfe schicken, wenn wir von vertriebenen Menschen „heimgesucht“ werden, die aufgrund unserer verfehlten Wirtschaftspolitik zu uns fliehen, wenn wir Opfer einer Klimaerwärmung werden, zu der auch andere Menschen an weit entfernten Orten kräftig beigetragen haben, wenn wir Güter konsumieren, die aus Bestandteilen hergestellt sind, die an den unterschiedlichsten Orten der Welt geerntet und verarbeitet wurden, wenn wir selbst Güter herstellen, die Menschen zu gute kommen, die wir nie kennenlernen, mit denen wir aber über unsere „Produkte“ und „Dienstleistungen“ in unmittelbarster Verbindung stehen…

…dann leben wir in einer zutiefst verbundenen Weltgesellschaft. Denn diese Liste ist alles andere als vollständig. Und zu dem, was man schon heute noch alles in sie eintragen könnte als Formen von „weltweiter Beziehungskopplungen“, dürfte in naher Zukunft noch vieles hinzukommen, das wir heute noch kaum bewusst wahrnehmen können.

Jenes Bild vom Schmetterling, der auf der anderen Seite der Erde einen Wirbelsturm auslöst, das „die Chaostheorie“ bemüht, mag auf naturaler-außermenschlicher Ebene schwer nachweisbar sein. Auf zwischenmenschlicher, auf Beziehungsebene ist es eine bereits heute greifbare Realität. Wir stehen heute allüberall in tausendfacher Weise in Verbindung miteinander, häufig sogar in mehrfachen „Rollen“ gleichzeitig. Wir sind heute auch auf eine viel unmittelbarere Weise beziehungsmäßig weltweit miteinander vernetzt, nachdem es in nahezu jedem Land der Erde mehr oder weniger große „communities“ von Menschen aus jedem anderen beliebigen Land der Erde gibt, und sich die Daseinsform des „Expats“ (Expatriate) zu einer regulären Lebensform neben der des „Kriegs-, politischen oder Wirtschafts’flüchtlings'“ entwickelt hat, ohne dass uns völlig klar ist, was diese beiden Daseinsformen eigentlich wirklich voneinander unterscheidet. Mit beiden Lebensformen verbinden sich Güter-, Finanz- und Mem-Ströme aus allen Ländern der Erde in alle Länder der Erde. – Und nur der Umstand, dass es keinen „Weltstaat“ gibt (und vielleicht nie einen geben wird), lässt uns übersehen, dass wir bereits in einer vollkommen ausgebildeten Weltgesellschaft leben, die nur noch durch sehr artifizielle polit-rechtliche Grenzen flächenmäßig aufgeteilt ist.

Das weltweite Beziehungsnetz hat zur Folge, dass das Wohltuende oder Verletzende, das ich einem Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung in meinem ganz gewöhnlichen Alltag tue, sehr wahrscheinlich schon über ein, zwei „Knotenpunkte“ auch andere Menschen beeinflusst, die ich persönlich nicht kenne und die an einem ganz anderen Ort auf der Erde leben. – Wiederum im Guten und im Schlechten. Unmittelbares Feedback auf mein Handeln erhalte ich jedoch nur durch meinen menschlichen Interaktionspartner. In jeder solchen Rückkopplung in unserem heutigen Alltag ist also das „menschliche Weltbeziehungsnetz“ bereits enthalten und dürfte eine schwer wahrnehmbare Wirksamkeit haben. Wir sind als Menschen bereits alle miteinander verbunden. Und das vorrangig gerade nicht durch die sehr weitgehend körperlose Kommunikation mithilfe von Schrift und Bildern, die uns das Internet ermöglicht, sondern viel unmittelbarer in den Begegnungen und Nicht-Begegnungen unseres Weltgesellschaftsalltags: durch unsere Kollegen, Nachbarn, Familie, Freunde, etc. – Jeder einzelne von uns ist auf seine besondere Weise eingebettet in dieses Weltbeziehungsnetz, das damit ein weiteres Bild darstellt, das wir benutzen können.

Dies alles ist hier nur deswegen von Bedeutung, weil wir auf der Suche sind nach a) einem plausiblen Bild für die Zukunft der Modernen Weltgesellschaft, das den sich nachträglich  entwickelnden Begriffen den Weg bahnt, und b) den Bedingungen, die sich benennen lassen, unter denen zwischenmenschliche Gewalt unwahrscheinlich wird bis zum Nullpunkt.

In einer Gesellschaft, in der man immer damit rechnen muss, dass man sich mindestens ein weiteres mal begegnen wird, in der man mit den menschlichen Folgen des eigenen Verhaltens unmittelbar konfrontiert ist, in so einer Gesellschaft wird es bemerkenswert schwierig, die Kosten des eigenen Verhaltens zu „externalisieren“, wie es so schön heißt. Das für einen persönlich Unangenehme in einer Weise auf andere Menschen abzuwälzen, gegen die sich diese Menschen nicht wehren können. Man kann sich klar machen: „Abwälzen“ an sich ist mit einer Beziehungsbrille betrachtet kein Übel. Es bildet vielmehr das Grundprinzip menschlicher Arbeitsteilung: „Ich mache das lieber und dies ist für mich eher unangenehm. Und Du machst dies lieber und das ist für Dich eher unangenehm – Okay, dann lass uns einander wechselseitig helfen und wir beide fühlen uns gut dabei und können von Herzen dankbar sein, dass es den anderen gibt und dass er so ist wie er ist, nämlich in einigen Punkten etwas anders als wir selbst.“ Solches Abwälzen ist für alle Beteiligten völlig unproblematisch. Es ist lustvoll, es macht Freude, es ist wechselseitig und es ist nicht von Machtverhältnissen und dem drohenden Einsatz von Gewalt geprägt. Solche Arbeitsteilung taucht ganz von allein auf in Unternehmen, in denen Menschen über längere Zeiträume hochkooperativ miteinander zusammenarbeiten. Und solche Arbeitsteilungsformen finden sich in jeder Familie. Also überall dort, wo Menschen über eine längere Zeit zusammenleben, überall dort, wo wir etwas miteinander „zu schaffen haben“, überall dort, wo wir miteinander „wirklich in Beziehung sind“, ohne dass Macht im Gordonschen Sinn diese Beziehungen vergiftet und z.B. aus Unternehmen schmerzbefreite Höllen auf Erden macht oder aus Familien scheinbar völlig emotionslose Zweck-WGs.

Damit taucht ein weiteres Bild auf: Das der Menschheitsfamilie. Auch dieses Bild ist wie alle Bilder „schief“. Es ist zugleich aber konsequent insofern, als die Etymologie von „Mensch“ und seinen Äquivalenten in allen Sprachen der Erde sinngemäß nichts anderes heißt als „einer von uns“. „Menschheit“ ist ein Begriff, der über die Jahrtausende immer weiter ausgeweitet wurde, bis er seinen heutigen Umfang angenommen hat. Denn seinen heutigen Umfang hatte dieser Begriff beileibe nicht immer schon: Ursprünglich bezog er sich auf diejenigen „engeren Familienangehörigen“, mit denen man eine „Großfamilie“, einen „Stamm“ oder ein „Volk“ bildete. Alle diejenigen, die wir heute als „Menschen“ bezeichnen, und die kein Teil jenes zahlenmäßig engen Kreises bildeten, mit denen man „Gene, Sprache und Kultur“ teilte, waren keine Menschen, sondern Naturgewalten, mit denen Interaktion schwierig, wenn nicht prinzipiell gewalthaft war.

Wenn wir also vom „Zusammenwachsen der menschlichen Welt zu einem Dorf oder einer Familie“ sprechen, dann sprechen wir zugleich von einem Geschehen, dass sich im Grunde bereits vollzogen hat. Wir haben zwar immer noch Angst voreinander und die sogenannten „Nationalismen“ (eine Erfindung der Moderne) scheinen lebendiger denn je. Unter der Hand hat aber der Satz „alle Menschen werden (sind) Brüder und Schwestern“ bereits eine Allgemeingültigkeit erreicht, von der nur schwer gedacht werden kann, dass sie reversibel ist. Selbst wenn wir in den Kategorien einer globalen Katastrophe denken – durch Atomwaffen, Klimaveränderung, Meteoreinschlag, Supervulkane oder was die Welt noch an Apokalyptischem zu bieten hat: Die Zerstörung menschlicher Infrastruktur, Technik und Institutionen müsste schon sehr weitgehen, um hier eine Rückkehr des Stammesdenkens und eine Ent-Netzung der Weltgesellschaft bewirken zu können. Und selbst wenn dies der Fall wäre, so erscheint aus heutiger Sicht eine neuerliche Entwicklung hin zu einer Modernen Weltgesellschaft nicht nur als sehr wahrscheinlich, sondern fast als naturgesetzartige Notwendigkeit. – Es scheint kein Entrinnen vor der Weltgesellschaft zu geben. Ein Gedanke, der Angst machen kann, wenn Entrinnbarkeit ein Wert an sich ist.


∞.) Zusammenfassungen

Fassen wir zusammen: Wenn zutrifft, dass

a) wir dorfähnliche, enge soziale Kopplungen auf Weltgesellschaftsebene haben

b) unmittelbare soziale Kontrolle in reziproken Beziehungen Gewaltauftreten extrem unwahrscheinlich macht, weil die individuellen Kosten von Gewaltgebrauch extrem hoch werden

c) eine Weltgesellschaft ein unausweichliches Menschheitsschicksal ist, vor dem wir uns nur durch unsere (Selbst-)Auslöschung bewahren können,

dann erscheint eine völlig gewaltfreie Moderne Gesellschaft nicht nur als möglich, sondern als unausweichlich. Sie erscheint als eine erwartbare Entwicklung. Und das gegen alle Evidenz heutigen menschlichen Gewaltverhaltens, das uns glauben lässt, auch nur die Vorstellung einer solche Gesellschaftsform sei undenkbare, fahrlässige Träumerei.


Ich will zugeben, dass mir bei solchen „Prognosen“ und „historischen Unentrinnbarkeiten“ nicht sonderlich wohl ist. Zum einen ist jenes „wir haben die Geschichte auf unserer Seite“-Ding eine Sache, die mehrfach an unterschiedlichsten Orten der Welt zu Massenmorden und grausamsten Demütigungen geführt hat. Zum anderen kann der, der sich auf der Welle einer sich-automatisch vollziehenden historischen Entwicklung zu reiten glaubt, sich entspannt zurücklehnen und das Ganze als von-sich-getrennt denken: „Es passiert ja so oder so – gleichgültig, was ich tue.“ Entfremdung von der eigenen noch ungelebten Geschichte oder Diebstahl an der eigenen Zukunft kann man das nennen.

Produktiver dürfte daher die Annahme sein, dass eine völlig gewaltfreie Moderne Gesellschaft möglich, aber nicht sicher ist. Und dass sich in den obigen Argumentationsketten zehntausend Lücken finden lassen.


Zugleich können wir jeden Tag wahrnehmen, dass unmittelbarere Beziehungen das Potential haben könnten, heutige politische und juristische Institutionen sehr, sehr alt aussehen zu lassen.

Noch sind wir da nicht, dass solches Überflüssig-Werden von Politik und Recht flächendeckend wirksam wird. Vielleicht sehr lange noch nicht. Vielleicht stehen wir bereits kurz davor und wissen es nicht, ahnen es nicht einmal leise, weil wir davon noch nichts spüren können.


Begreifen kommt von „Greifen“, sagt man. Was wir heute bereits greifen können, ist das unmittelbare Beziehungsgeschehen. Ist das, was wir mit anderen Menschen erleben, und was das mit uns macht, was wir mit anderen Menschen erleben. Inmitten eines Lebens, dass von Gewalt und zur Gewalt-Abwehr gedachten Gewalttätigkeiten durchdrungen ist und dass daher immer neue Beziehungsstörungen erzeugt, erleben wir bereits heute ständig „unwahrscheinliche“ Beziehungen auf Augenhöhe, mit viel Reziprozität, mit zirkulären Wirkungen, sind wir eingebettet in zahlreiche Gemeinschaftsformen, die uns die Quadratur des Kreises: „Freiheit in Verbundenheit“ bereits zur Verfügung stellen. Sehr viel „richtiges Leben im Falschen“.

Wir können bereits heute all unsere eigenen wie auch fremde Gewalttaten als absurd empfinden. In einer Weise empfinden, die früheren Gesellschaften als absurd erschienen wäre.

Und ich möchte sagen, dass genau das gegen frühere Gesellschaftsformen sprechen könnte und sehr für einen Grund zur Dankbarkeit früheren Generationen von Menschen gegenüber, auf deren Schultern wir stehen und die es uns durch ihr Leiden, Fantasieren und Tun ermöglicht haben, unsere heutigen Beziehungen zu leben. Der Vergangenheit treu zu sein, bedeutet nicht, ihr nachzueifern, sondern ihren Beitrag zu einem Heute zu würdigen, das fundamental anders ist und sein muss als das Gestern.

Es gibt kein zurück. Aber es gibt immer sehr viel Morgen zu entdecken.


Von daher wäre es ein großes Verkennen, würde man Gedanken über die Möglichkeit einer völlig gewaltfreien Modernen Gesellschaft in den Bereich des „utopischen Denkens“ verschieben. Es handelt sich vielmehr um ein „polytopisches Denken“, das aus einem zentralen menschlichen Bedürfnis hervorgeht und von ihm zusammengehalten wird: Unserem Bedürfnis nach erfüllten Beziehungen zu anderen Menschen. Und – vermittelt über unsere guten Beziehungen zu unseren Mitmenschen – nach einer erfüllten Beziehung auch zu uns selbst.

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