Möglicherweise erwecken einige in diesem Blog gemachten Ausführungen den Anschein, dass sie dem sogenannten „Kommunitarismus“ nahestehen. – Anlass  genug, ein paar alte philosophische Schinken aus dem Keller zu holen und sich noch einmal in eine Wort-für-Wort-Lektüre dieser Bücher hineinzustürzen.

Eins dieser Bücher ist „Das Unbehagen an der Moderne“ des kanadischen Philosophen Charles Taylor, im Original erschienen 1991.

Eine der größten Überraschungen, die ich dabei erleben durfte, ist die Tatsache, dass Talyor darin von „Anthropozentrismus“ spricht und dass er dieses Wort als Kampf- und Abgrenzungsbegriff gebraucht. – Das ist etwas, das nicht ohne Gefühle an jemandem vorbeigeht, der sich tief mit dem homo-mensura-Satz verbunden hat und daran bisher nichts Problematisches erkennen konnte.

Aus einer Theoretiker-Perspektive wirft es die Frage auf, wie das überhaupt sein kann? Wie kommt es dazu, dass im Werk eines Menschen, der ähnliche Dinge vor Augen hat und ähnliche Absichten zu verfolgen scheint, „Anthropozentrismus“ als Schmähwort auftaucht?

Für mich eine sehr produktive Frage.


Taylor bemängelt wie alle Nicht-Nietzscheanischen Philosophen, die dennoch etwas an der Moderne auszusetzen haben, dass wir in einer Kultur der Egoismen und des Narzissmus leben. – Genau dagegen schreibt er an und versucht eine, für die Moderne Gesellschaft passende und uns überzeugende Alternative zu entwickeln.

Diese Grundkonstellation hat bei ihm zur Folge, dass er aus der Perspektive eines Platonikers spricht. – Man sollte nicht vergessen, dass Taylor sein ganzes Leben gläubiger Katholik war und geblieben ist. Aus einer solchen Grundkonstellation, tief geerdet im Urgrund des Theoretischen Denkens macht der Vorwurf des „Anthropozentrismus“ Sinn. Ein Vorwurf, den er nicht nur gegen die lebensweltlichen Haltungen vieler Menschen im Kapitalismus, sondern auch gegen die lebensweltlichen Haltungen vieler Anhänger des Nietzscheanismus aka Postmodernismus erhebt.

Interessant ist dabei, dass man bei ihm innerhalb dieses Projekts keinerlei relevante Unterscheidung zwischen Egoismus&Narzissmus einerseits und „Anthropozentrismus“&Humanismus andererseits entdecken kann (zumindest war ich nicht in der Lage, bei ihm irgendetwas in dieser Richtung zu entdecken). Diese Nicht-Unterscheidung oder In-eins-Setzung hat mehrere Folgen für seine Denkmöglichkeiten. Die beiden wichtigsten sind:

a) Er muss eine Lösung für sein Problem im reinen Denken suchen

b) Er kann keine neuartigen Lösungen entdecken, die nicht schon seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden große Bekanntheit genießen. Lösungen, die allesamt nicht verhindern konnte, dass sich eine uns von uns selbst und voneinander entfremdende, vereinzelnde Kapitalistische Weltgesellschaft herausgebildet hat.

Dieser Zusammenhang führt uns noch einmal ins Herz der Theoriebildung und des Platonismus. Taylor ist – zumindest in unserer, von Nietzsche übernommenen Begrifflichkeit – ein „Platoniker“, indem er eine Perspektive außerhalb der Menschlichkeit nicht nur für möglich, sondern vor allem auch für wünschenswert hält. Taylor teilt diesen Impuls mit dem Erfinder der Philosophie. „Philosophie“ in dem Sinne, wie sie eine Tradierung über die Jahrtausende hinweg erreichen konnte. Daher ist es aus meiner Sicht nicht völlig daneben, Taylor als Platoniker zu sehen, und das in einem ganz anderen Sinne als Nietzsche diesen Begriff verwendete. Denn in diesem Verständnis, von dem ich hier ausgehe, teilen Platon, Nietzsche und eben auch Taylor einige Grundpraktiken, die man heute lieber nicht mehr nachvollzieht, zumindest wenn man meine Annahmen, Erfahrungen und Empfindungen teilt oder teilen möchte.


Im Grunde spricht Taylor also einfach nur in „gelehrter Form“ jene Annahmen aus, die wir auch in so mancher katholischen Predigt zu hören bekommen: Dass der Mensch im Menschen kein Heil zu finden vermag, dass dies eine Überfrachtung der Erwartungen an andere Menschen führt. Kurz: Ein tiefer Frust und eine tiefe Enttäuschung von seinen Mitmenschen spricht aus der Theorie.

Zwar vermeidet es Taylor – soweit ich sehen kann – uns direkt an Gott als sicherere und in jeder Hinsicht bessere Alternative zu verweisen, die uns nicht in gleicher Weise enttäuschen würde wie unsere Mitmenschen auf dem blauen Planeten. Aber die Denkfigur ist exakt die Gleiche. Da Taylor an eine lange und fest in Kultur und Sprache verankerte Denktradition anknüpft, muss er dazu auch gar nicht von „Gott“ sprechen. – Wir werden uns die Pointe seiner Ausführungen selber denken. Ein Trick, den auch die moderne Werbung gern verwendet, da sich das vermeintlich „selbst gedachte“ weitaus besser im Gehirn verankert als das, was uns als wahr und gut und schön angepriesen wird und als „zu schön um wahr zu sein“ reflexhaft unser Misstrauen weckt.


Interessanter als all dieser durchschaubare Versuch, dem Platonismus in der Moderne wieder mehr Publicity zu verschaffen und ihn damit wieder politisch wirksam zu machen, ist für mich, dass er uns noch einmal zum Impuls zur Philosophie zurückbringt, den man auch bei Platon beobachten kann und der seitdem erstaunlich stabil geblieben ist:

Platons Tätigkeit, die er „Theorie“ oder „Philosophie“ nennt, ist die Agenda eines politisch tief Enttäuschten, der gleich mehrere Traumata in einer einzigen Lösung produktiv handelnd aufarbeitet. Platons Enttäuschung betrifft nicht nur den Umstand, dass seinem Mentor Sokrates in der Polis die allgemeine Anerkennung verwehrt blieb. Die aus Platons Sicht unübertroffene menschliche Größe des Sokrates wurde nicht nur verkannt, sondern sogar mit Füßen getreten, indem man ihn öffentlich der „Verderbnis der Jugend“ und der „Gotteslästerung“ anklagte und für schuldig befand.

Nein, Platons politisches Trauma hat weitaus mehr Aspekte: Auch der Peloponnesische Krieg und seine Folgen für Athen, die Beteiligung von Verwandten Platons an der Terrorherrschaft der Dreißig, Platons fruchtlose Gespräche mit seinen Mitadligen, der vergebliche Versuch der Errichtung eines Staates nach seinen Vorstellungen in Syracus – und wohl noch einiges andere mehr, das keine historisch nachvollziehbaren Spuren hinterlassen hat -, all das führt Platon zum phantastischen Versuch, eine nicht-menschliche Welt außerhalb des Bekannten, Offensichtlichen, Unmittelbaren zu suchen, die als Ideal Halt gibt und danach wieder als Richtschnur in die zwischenmenschliche Welt eingeführt werden kann. – „Idealismus“ eben.

Man mag das alles für Verkürzungen halten, wahlweise für philosophische Verkürzungen oder für historische Verkürzungen. „In Wahrheit ist alles viel komplizierter“. Auf einer menschlich-psychologischen Ebene können wir das jedoch leicht als Kern-Impuls und psychologische Strategie Platons bezeichnen. Wir mögen als Menschen zu viel Komplexem und Kompliziertem in der Lage sein. Aber in vielen Dingen sind wir zugleich auch sehr einfach gestrickt. Das betrifft nicht nur den berühmten Patellasehnenreflex. Das betrifft auch unsere hübsche kleine Psyche. – Und wenn wir Platon nicht rückwirkend zubilligen, wie es bewusst oder unbewusst Jahrhunderte von Interpretatoren getan haben, dass er ein ganz andersartiges Menschenwesen war als wir, ein Göttlicheres sozusagen, so dürfen wir gerne annehmen, dass er von den nicht vollkommen unähnlichen menschlich-allzumenschlichen Gefühlen bewegt war wie wir heute. Das Hauptindiz dafür, das Platon „einer von uns“ (ein Mensch) ist, besteht im übrigen darin, dass seine psychologische Strategie ihm ganz unmittelbar zu einer politischen Strategie wurde. Dass er also bei aller Weltfluchttendenz „aus der Höhle des Philosophen“ zurückkommen zu müssen glaubte, um die Welt der Menschen (die Polis) mit seinen sicheren Erkenntnissen zu beglücken. Philosophie ist immer auch eine politische Strategie. Auf eine gewisse Weise sind daher jene Nerds und Naturwissenschaftler, jene übersteigerten Platoniker, die gar nicht mehr versuchen, „Politik zu machen“, die es schaffen zu glauben, sie könnten sich in einen Zustand begeben, in dem das, was sie tun, nicht zugleich immer auch Politik ist, also folgenlos für sich und ihre Mitmenschen, keine Platoniker mehr. Allerdings gäbe es auch sie ohne Platon allesamt nicht. Nicht in den uns heute bekannten Formen.

Auf eine ganz bestimmte Weise haben wir sogar gar keine Wahl, als Platon und alle seine Nachfolger „zu uns herabzuziehen“, sie als die Menschen zu sehen, die sie waren, sie zu psychologisieren und zu „vermenschlichen“, – als ob sie vorher keine Menschen gewesen seien.

Die Philosophie entspringt aus heutiger Sicht leicht wahrnehmbar einer Pathologie, einem vielfältigen und in-sich-komplexen Leiden, das Menschen zu komplexen Lösungsstrategien geführt hat, die wir eben „Philosophie“ nennen.

Nun ist menschliches Leiden (pathein) noch nicht für sich „pathologisch“, im derzeit verwendeten psychiatrischen Sinn. Zum einen gibt es keine Menschen, die nicht leiden im altgriechischen Sinn und man kann die Philosophie genau als den Versuch bezeichnen, solche Nicht-Leidenden-Menschen möglich zu machen („Verähnlichung mit Gott“; die Fantasie vom Göttlichen als dem „Nicht-Leidenden“). Zum anderen könnte man auch in Zweifel ziehen, dass jemand, der so aktiv, beinahe unübertroffen produktiv am Sozialleben seiner Zeit teilnehmen konnte, irgendwelchen Indikationen nach ICD-10 Klasse F(00-99) unterlag. Eine gewagte Annahme wegen der vielen gegenwärtigen und historischen Gegenbeispiele. Aber psychische Gesundheit ist nunmal sehr schwer zu fassen und stabil produktive Teilnahme am sozialen Leben immer noch eins der vergleichsweise sichersten Indizien.

Wir können aber auch sehen, dass die Philosophie im platonischen Sinn auf einer Pathologisierung des Menschlichen hinausläuft. Der Mensch ist dann nicht nur ein „Mängelwesen“, dem vieles zu fehlen scheint, das sich an anderen Tieren beobachten lässt (Selbständigkeit unmittelbar nach der Geburt, ein schützendes Fell, Reißzähne oder Hörner, sichere Instinkte), sondern er Bedarf ganz grundsätzlich des Heils, der Heilung – und zwar durch eine Außermenschliche, eben göttliche Macht. – Im Menschlichen selbst oder im Zwischenmenschlichen ist nichts Gutes, ist kein „Heil“ zu finden. Eben das hat der erste Philosoph erfahren, eben das hat für ihn Evidenz, eben das bildet den Ausgangspunkt und den eigentlichen psychischen Impuls seiner philosophischen Tätigkeit. Darum sucht er Gutes im Außermenschlichen, um von dort aus, im Besitz eines sicheren, festen Maß‘, sowohl den einzelnen Menschen als auch die menschliche Gesellschaft zu formen und sicher zu verbessern.

Die Philosophie war überaus erfolgreich. Man muss kein Nietzsche-Fan sein, um wahrzunehmen, dass unsere Sprechen, Fühlen und Denken auch heute noch von Platonismen durchzogen und mitgeformt ist.

Die Frage ist für mich, ob wir das auch heute noch so sehen können. Und noch mehr: Ob wir das auch heute noch so sehen wollen.

Die Platonische Philosophie hat zum Verschluss vieler menschlicher Möglichkeiten geführt. – Auch deswegen ist alle neuere Philosophie immer ein Versuch gewesen, Alternativen zum Platonismus zu bieten. Das beginnt bereits mit Aristoteles als Platons Schüler. Und bisher haben diese unsere Versuche nicht aufgehört.

Eines der vielen Dinge, die das Platonische Denken mit sich führt, ist die Wertung, dass Rhetorik in irgendeiner Form defizitär sei. Und die vorausliegende Annahme, dass es überhaupt so etwas geben könne wie Argumente, die Rhetorik-frei seien, die aus einer fernen, rein-logisch aufgebauten Welt kämen, die daher para-doxa seien (der unter uns Menschen verbreiteten widersprächen), eben göttliches Wissen, einigen wenigen Auserwählten durch harte Denkarbeit zugänglich, so dass sie nun zu uns herabsteigen wie Mose mit den 10 Steintafeln.

Ich denke, wir können heute leicht sehen, wenn wir das wollen, dass solche Versuche vor allem eins sind: lächerlich durchschaubar und menschlich gesehen einigermaßen erbärmlich. Es gibt keine „unmenschlich-übermenschlichen“ Argumente, alles Denken ist menschförmig. All unsere Worte entstammen unserem sehr spezifischen menschlichen Dasein und sehr spezifischen Erfahrungen, die wir qua Mensch-Sein mit unserer Umwelt machen. Und „Unsere Umwelt“ ist in ihren wichtigsten „Bestandteilen“ wiederum: menschlich. Selbstverständlich gibt es auch nicht-menschliche „Natur“ und selbstverständlich interessiert auch sie uns und weckt ebenfalls unsere Neugier. Aber wie viel mehr und intensiver interessieren die meisten Menschen: Andere Menschen. Wenn, ja wenn: Sich keine tiefen Traumatisierungen sich ereignet haben, die das primäre Interesse an menschlicher Gemeinschaft und die Freude, die man mit anderen Menschen erleben kann, umgelenkt haben auf „sicherere Gegenstände“, die „beherrschbarer“ und „logischer“ erscheinen. Ein „gesundes“ Interesse an nicht-menschlicher Natur hat daher auch gar keinen Bedarf, die Unterschiede von menschlicher und nicht-menschlicher Natur emotional aufzuladen. Weil wir von dort kein Heil erwarten, haben wir keine Probleme, uns auch dort verbunden zu fühlen und unsere sehr durchschaubar menschlichen Begriffe unbefangen auf alles Mögliche anzuwenden. Die Erkenntnis, das wir unsere Welt immer und unweigerlich „anthropomorphisieren“, in menschlich-allzumenschliche Begriffe fassen, hat so rein gar nichts Defizitäres oder Verzweifeltes an sich. Es wäre – ohne Platonismus – „natürlich“, mühelos, spielerisch für uns. Die Neugier und das Hochsoziale an uns Menschenkindern dürften uns auch im Umgang mit nicht-menschlicher Natur gegenwärtig  bleiben, ohne dass wir darin einen „Kategorienfehler“ oder gar einen moralischen Makel sehen.

Den platonischen Versuchen fehlt der Mut zur eigenen Verletzlichkeit und Unperfektheit – aus psychologisch gut nachvollziehbaren Gründen, die nähere Beschäftigung verdienen. Und sie wären sicher auch mitleiderregend für uns, wenn sie nicht immer noch so wirkmächtig und verbreitet wären, dass diejenigen Menschen, die solche Versuche auch heute noch nachvollziehen, viel zwischenmenschliches Leid auslösen. Die platonische Philosophie wurzelt in persönlichen und gesellschaften Traumata – und sie gibt diese Traumata ungefiltert in die Zukunft weiter, indem sie sie immer wieder neu erzeugt und hervorruft, um dann als „die naheliegende Lösung“ unvermittelt um die Ecke zu springen, hinter der sie die ganze Zeit gekauert hat.

Ein treffenderer Titel für Charles Taylor’s Buch wäre daher gewesen: „Das Unbehagen an der Menschlichkeit, v.a. an der Zwischenmenschlichkeit“.


Nun reicht es nicht, wenn wir einfach nur auf den Platonismus einschlagen oder gar auf diejenigen Menschen, die ihn auch heute noch bewusst oder unbewusst in ungefilterter Form praktizieren und dabei sich und andere Menschen fortgesetzt traumatisieren. Kein Mem, kein Muster, kein Trauma kann sich selbst dauerhaft erhalten ohne eine handfeste Basis im hier und jetzt.

Die viel wichtigere Frage ist, was uns heute, in unserem alltäglichen Leben den Platonismus immer noch als relevante Alternative erscheinen lässt? – Erleben wir unser Miteinander als ähnlich unbefriedigend wie das den Platonikern durch die Jahrtausende ergangen ist? Erleben wir die Erwartung, befriedigende Beziehungen mit anderen Menschen finden zu könen, auch heute noch als so unerfüllbar, dass wir  Zuflucht zu gedachten Welten nehmen müssen, „die besser sind“? Erleben wir dieses Miteinander, unsere heutige Zwischenmenschlichkeit als so begrenzend, eingengend, dass wir sie fliehen müssen, hin zu ganz anderen „Gegenständen“? Erleben wir so wenig Erfüllung in unseren heutigen Beziehungen, dass es als überaus nachvollziehbar gelsten kann, dass wir uns „anders orientieren“, hin auf Besseres, Erfüllenderes? Ist unser Sozialleben auch heute noch ein Anhängsel für das Eigentliche, worum es in einem menschlichen Leben geht? Ein notwendiges Übel, das halt nicht zuviel Stören, Schmutzen und Rabbatz machen sollte? Eine Pflicht, während irgendwo ganz woanders die Kür auf uns wartet?

Wenn wir die Platonismen in all ihren Schattierungen, Farbtönen und Geschmacksrichtungen, die sie über die Jahrhunderte angenommen haben, nicht wieder und wieder und wieder durchprobieren möchten, bis zum Erbrechen, werden wir uns diesen Fragen stellen müssen. Am besten miteinander und nicht im stillen Kämmerlein der platonischen Dachstube.

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