Die Welt ist voller großartiger Menschen. Aber wir haben wenig Gelegenheit, das zu realisieren. Und möglicherweise ist es auch eine sehr ungünstige Position für uns, das zu realisieren. – Letzterer Satz kann auch als ein „Warnhinweis“ verstanden werden, hier nicht weiterzulesen…


Ich führe ein Leben, das mir ganz bestimmte Einsichten verschafft. Einsichten, die einigen anderen vielleicht nicht ganz so leicht zugänglich sind. – Ich meine damit: Einsichten in die Lebensführung, Seinsart und Verhaltensweisen einer sehr großen Zahl heute lebender Menschen: Aus allen möglichen Ländern, in allen möglichen Altersstufen, mit allen möglichen Berufen, mit fast allen möglichen Besitzverhältnissen, in allen möglichen psychischen Zuständen.

Wie ich an diese Einsichten gelange? – Aus mehreren Quellen: Ich bestreite seit nun mehr als 8 Jahren einen Großteil meines Lebensunterhalts mit dem, was man manchmal „Coaching“ nennt. Und einen Teil davon wiederum mit der Begleitung von Menschen, die in beruflicher Veränderung sind, die zu mir über die „Agentur für Arbeit“ geschickt werden. Weit entfernt davon, dass heute „nur bestimmte“ Menschen arbeitslos würden oder sich arbeitslos meldeten, treffe ich in diesem Zusammenhang die (beinahe) gesamte Bandbreite an Menschen, die heute an dem Ort leben, an dem ich auch lebe. Soweit ich sehen kann, fehlen bisher nur „die allerallerobersten 10.000“ in meinem Kundenkreis.

Und ich treffe dabei ständig: Großartige Menschen. Menschen, bei denen mir vor Erstaunen innerlich der Mund offensteht. Und das nicht gelegentlich, sondern ständig, immer und immer wieder. – Und: Das hört zu meinem noch größeren Erstaunen nicht auf. Obwohl ich mittlerweile mehr als 3000 Menschen in weit mehr als 10.000 Stunden begleitet haben dürfte, empfinde ich keine Ermüdungserscheinungen, keine Abnutzung und keine Verringerung meines Erstaunens, wenn ich die Geschichte dieser Menschen hören darf, ihre Fähigkeiten und Eigenheiten wahrnehme und natürlich vor allem auch mit ihren Problemen und ihren Umgangsweisen mit diesen Problemen konfrontiert bin.

Das ist, so finde ich, vor dem Hintergrund meines eigenen Bildes „von der Menschheit“ und auch vor dem Hintergrund des Bildes von der Menschheit, das ich bei anderen genauso wie in den medialen Diskursen wahrnehme, ziemlich erstaunlich. Genauer gesagt: Es sind diese Bilder, die meine Begegnungen im beruflichen Kontext überhaupt erst erstaunlich machen.


Nun könnte man völlig zu Recht zweifelnd einwerfen, dass ich durch meine berufliche Rolle, in der ich all diesen Menschen begegne, womöglich einer „positiven déformation professionelle“ unterliege: Da ich mich durch meine Berufswahl dazu verurteilt habe, mit all diesen Menschen zu arbeiten, habe ich mich womöglich zu einer Betriebsblindheit verurteilt, die darin besteht, dass es mir besser geht und mir auch die Arbeit leichter von der Hand geht, wenn ich die Augen vor all dem Negativen verschließe, das bei meinen Kunden da ist. Eine Coach-Berufsbedingte Blauäugigkeit.

Dagegen kann ich nur einwenden: Die Begrenzungen, Unfähigkeiten und auch die groben Asozialitäten, blinden Flecken und Schrägheiten meiner Kunden sind unvermeidlich auch Thema meiner Arbeit: Sie bedingen die Probleme, mit denen diese Menschen zu mir kommen. Ich könnte meine Arbeit nicht machen und wäre wohl auch ein ziemlich wenig hilfreicher Coach, würde ich sie nicht wahrnehmen. – Dass das so sein könnte, kann ich nicht wirklich ausschließen. Sie müssten also wahrscheinlich meine Kunden fragen, ob sie diesen Eindruck haben: Dass ich sie „viel zu positiv“ wahrnehme und wenig hilfreich bin.


Aber noch andere oder ergänzende Einwände sind möglich: Ich könnte ein von Natur aus sehr blauäugiger, positiv gepolter, menschenfreundlicher Mensch sein, der andere Menschen immer schon in einer Weise wahrnimmt, die ihre Schlechtigkeiten ausblendet und ihre wunderbaren Seiten zur Großartigkeit überhöht.

Hierzu kann ich nur sagen: Dem ist nicht so. Ich bin einer jener geworden-geborenen Pessimisten, Menschenfürchter oder fast schon Menschenhasser, die von Beginn recht viel Mist an ihren Mitmenschen wahrnehmen: Dummheiten, Ungerechtigkeiten, Grausamkeiten, Desinteresse. Eine meiner frühesten Fantasien war: Eine Welt ohne Menschen, in der ich als einziger Überlebender einer weltweiten Katastrophe in Ruhe mit den von mir als „gut“ fantasierten Tieren zusammenlebe. – Eine Flucht- und Wunschtraumfantasie. Das alles macht übrigens meine Berufswahl auch für mich selbst einerseits sehr wundersam, andererseits durchaus gut nachvollziehbar. In jedem Fall ist es so, dass in meiner persönlichen Tradition, was andere Menschen angeht, der Blick immer darauf gerichtet war, „das Halbleere im halbleeren Glas zu sehen“.

Vor diesem Hintergrund kann man sagen: Meine ganz persönliche Erwartung an das „Gutheits-Niveau“ meiner Mitmenschen ist denkbar tief. Und das, dieser mein Frame könnte durchaus eine Rolle dabei spielen, warum es meine Kunden mit stabilster Regelmäßigkeit schaffen, mich extrem positiv zu überraschen und Glück und Bewunderung in mir auszulösen.


Nun ist es nicht etwa so, dass es mir nur in meinen Kunden-Beziehungen so geht. Ein weiterer Teil meines Lebens besteht darin, dass ich auf vielen Veranstaltungen, Netzwerktreffen und bei lockeren Treffen im Café ebenfalls mir völlig fremde Menschen treffe, ohne dabei in meiner beruflichen Coach-Rolle zu sein. Das sind allesamt Situationen, in denen sich mehr noch als bereits im Coaching-Verhältnis ein reines „Mensch begegnet anderem Menschen“ abspielt. – Und, was soll ich sagen? Dort erlebe ich genau die gleichen Effekte: Erstaunen, Verwunderung, Beglückung, den immer und immer wiederholten „Bruch meines Menschen-sind-heftig“-Frames.

Man muss immer extrem vorsichtig mit Verallgemeinerung persönlicher Erfahrungen sein. Statistisch arbeitende psychologische und soziologische Forscher können davon ein langes, detailreiches Lied singen. – Würde ich aber meine persönlichen Erfahrungen sehr ernst nehmen, die ich täglich machen darf, so müsste ich zu folgendem Schluss kommen:

„Gefühlte 95%“ aller Menschen sind einfach großartig. Sie sind nicht perfekt. Sie sind keine Heilige. Sie haben sehr offensichtlich erkennbare Grenzen, Verletzungen, Vorurteile und Idiosynkrasien. Sie haben das, was man „Persönlichkeit“ oder „Charakter“ nennt. Sie können manches fantastisch gut und anderes so lala und anderes (derzeit) überhaupt gar nicht.

Unter den anderen 5%, die ich persönlich als „nicht-großartig“ erlebe – wobei man auch hier vorsichtig sein muss, denn dies ist wiederum mein sehr persönliches Erleben, das für einen anderen Menschen durchaus sehr anders sein könnte -, glaube ich Folgendes wahrzunehmen:

Von diesen 5% sind wiederum „gefühlte 95%“ in einer akuten Notlage, sind emotional landunter, durchlaufen gerade eine für sie schwerwiegende Transformation ihrer Frames, weil ihnen ihre alten brüchig geworden sind. Sie haben nahezu ausnahmslos vor kurzer Zeit schwere Verluste, Enttäuschungen und Verletzungen erlitten.

Und nur jene „5% von 5%, jene 0,25% der Menschen, die mir begegnen, sind tatsächlich für mich schwer aushaltbare, geworden-geborene „Arschlöcher“.

Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber in meinen Welt- und Menschenvorstellungen ist diese Zahl deutlich höher. Interessant ist, dass sich diese meine Vorstellungen in keiner Weise und in keinem Kontext mit meinen Erfahrungen decken.


Es könnte allerdings so sein, dass ich einfach „extremes Glück“ habe. Dass mir also nicht die Schattenseiten meiner Mitmenschen aus Naivität nicht auffallen. Und dass mir auch nicht aufgrund meiner sehr düsteren Erwartungen Eigenschaften an Menschen positiv erscheinen, die andere deutlich negativer bewerten würden, die keinen solchen Pessimismus pflegen. Sondern dass mir der Zufall lauter großartige Menschen zuführt. Dass ich also ein Glückskind bin, warum auch immer.

Aber auch das kann ich kaum bejahen: Natürlich ist mir, wie nahezu jedem anderen Menschen, mit dem ich darüber spreche (und man kann sich vielleicht vorstellen: das sind recht viele bei mir), auch viel Mist mit vielen Menschen passiert. Mist, den ich mir verdammt gut gemerkt habe, weil wohl unser Gehirn so ausgelegt ist, sich solchen Mist gut zu merken und deutlich präsenter zu halten als all die guten Erfahrungen, die ich permanent mit anderen Menschen machen darf.

Nur fällt dieser Mist – mit etwas Abstand gesehen – in eine von drei Kategorien:

Entweder handelt es sich um Situationen, wo der „Mistbauende Andere“ zu jenen „gefühlten 4,75%“ gehört, die sich aus akuter Not mir gegenüber asozial verhalten.

Oder es waren jene wirklich extrem seltenen gefühlten 0,25%.

Oder, und das ist der häufigste Fall: Der Mist ist Mist, den ich selbst ganz entscheidend mitgebaut habe. Also Fälle, in denen ich mich selbst „daneben benommen“ habe und in denen der Mist der Anderen eine direkte, und mit Abstand gesehen: auch völlig situations-angemessene Reaktion auf meinen Mist ist, was mir freilich schwer fällt, mir in der Situation einzugestehen. – Glücklicherweise bringt man ja gelegentlich den Mut auf, im Anschluss mit dem dann vorhandenen Abstand das Gespräch zu suchen und gegebenenfalls den Anderen um Entschuldigung zu bitten.


Entscheidend scheint mir nun die Frage zu sein, wie hoch der Anteil meines „Die Menschheit ist scheiße“-Frames daran ist, dass ich Mist baue, der Mist-Verhalten meiner Mitmenschen auf den Plan ruft.

Meine hochspekulative Vermutung ist: Sehr hoch.

Und dann, aber nur dann, wäre die statistisch erforschte und daher erwartbare „Normalverteilung“ von Giver-Verhalten und Taker-Verhalten, von der Adam Grant in diesem Ted Talk hier spricht, deutlich verschiebbar in eine Richtung, von der ich ausgehe, dass wir sie uns alle wünschen.

Wir sind alle ein Teil dieser Welt. Vor allem der zwischenmenschlichen, der psycho-sozialen Welt. Und diese Welt hat eine Eigenschaft, die unsere nicht-menschliche Umwelt in weit geringerem Ausmaß hat: Sie wird geformt und geprägt von unseren eigenen Erwartungen, von dem, was ich im Coaching-Sprech „Frames“ nenne.

Insofern sind unsere Fantasien über die Welt und die Menschen, die uns umgeben, eine wirklich mächtige Größe. Allerdings eine Größe, die wir nur schwer und nur selten in unser Bewusstsein bekommen, weil sie sozusagen die unsichtbare Operationsbasis dieses gleichen Bewusstseins darstellt.

Es mag uns gefallen oder nicht: Das ist der Grund, warum „optimistischen Menschen“ viel menschlich Gutes widerfährt, „pessimistischen Menschen“ dagegen viel menschlich Übles.

In meinem möglicherweise etwas speziellen Fall ist es wohl schlicht und einfach die déformation professionelle durch den Coaching-Beruf, die es möglich gemacht hat, dass mir trotz tiefen Pessmissmus‘ ständig „menschlich Gutes widerfährt“.

Und das wollte ich hier einmal teilen, da ich annehme, dass das Bild, das wir alle von uns selbst und voneinander haben, die Welt, in der wir leben, ganz entscheidend mitformt.

Wir sollten daher unsere Welt- und Menschenbildframes gelegentlich versuchen, in den Blick zu bekommen. Denn sie könnten recht wirksam und überaus folgenreich für uns sein.

Aber auch dazu brauchen wir in der Regel: Andere Menschen.

Zumindest besteht die einzige mir bekannte Art, die eigenen Frames und die eigenen Bilder, mit deren Hilfe wir die Welt überhaupt erst wahrnehmen und begrifflich sortieren können, selbst in den Blick zu bekommen und zu verändern, darin, sie von anderen Menschen gespiegelt zu bekommen.

In der Regel sind solche Vorgänge der Frame-Spiegelung für uns keine sonderlich angenehmen Vorgänge. Darum hilft es uns sehr, wenn die Menschen, die uns unsere Frames spiegeln, uns spürbar mögen. So sehr, dass wir an diesem Angenommen-Sein emotional gar nicht mehr vorbeikommen. Und dass dieses Angenommen-Sein den Schmerz trägt, den eine Frame-Veränderung für uns nahezu immer bedeutet.

Denn unser Bewusstsein ist ebenfalls ein System, für das nicht gilt: Panta rhei – Alles fließt. Es ist auf Stabilität, auf Selbsterhaltung ausgelegt, möge an Ereignissen auch kommen, was wolle.

Denn es handelt sich bei unserem Bewusstsein um das Schiff, auf dem wir zu stehen glauben. Und auf hoher See sträubt es sich sehr dagegen, umgebaut zu werden, da es annimmt, es würde dann sinken und wir dabei ertrinken.

Advertisements