Viele meiner Freunde und Bekannten haben angesichts der politischen Entwicklungen der letzten Monate große Ohnmachtsgefühle. Man weiß nicht: „Was kann ich dagegen machen, dass ein Trump gewählt wird oder dass die AfD im deutschen Wahljahr 2017 deutlich besser abschneidet, als mir lieb ist?“

Viele Reaktionen, die ich bei anderen in diesem Zustand wahrnehme, werden im Modus des politischen Kampfes formuliert. Was nicht überraschend ist, wenn das subjektive Erleben darin besteht: Mir/Uns wird durch Trump, durch die AfD, vielleicht auch durch den Brexit oder durch Erdogan oder durch Putin oder durch Orban etwas weggenommen.

Ich für mein Teil bin mir nicht so sicher, ob uns etwas „weggenommen“ wurde und wird, obwohl es sich selbstverständlich so anfühlt, als ob das so wäre. – Wäre es so, könnte es nur darum gehen, „den alten Zustand wieder herzustellen“, vor Trump z.B., „als die Welt noch in Ordnung war.“ – Aber dann kommt bei mir sofort die Frage: War die Welt denn davor in Ordnung? Aus meiner Sicht? Und die klare Antwort lautet: Nein. Ich konnte auch davor so viel Leid, Schmerz, Verletztheit, Demütigung, Überanpassung, Zynismus, Zorn, Depression und Hoffnungslosigkeit bei den meisten Menschen in unserer Gesellschaft wahrnehmen, dass ein „vor Trump war doch alles ganz okay“ eine rückblickende Augenwischerei wäre. Eine Verleugnung meiner eigenen schlechten Gefühle aus der Perspektive eines nun eingetretenen noch größeren Unglücks heraus. Wenn man denn von „Unglück“ sprechen will, denn das, genau das kann man mit guten Gründen in Frage stellen.

Denn dann sind dann da ja auch noch „die anderen“, diejenigen Mitmenschen und Mitbewohner unseres Planeten, die Rechtspopulisten und politische Heilsversprecher gewählt haben oder wählen wollen. Nach deren Gründen fragte vorher keiner und fragt auch jetzt kaum jemand. Zumindest in den meisten meiner Beziehungskreise nicht. Sie gelten als Ewiggestrige, als dumm, naiv, unaufgeklärt und was weiß Gott noch was alles. Weil sie Leute gewählt haben oder wählen wollen, die ganz offensichtlich psychisch gestört sind, die alles andere als das Gemeinwohl im Sinn haben und die auf ebenso unverschämte wie geschickte Weise Zwietracht, Zorn, Menschenverachtung und Hass sähen. – Die genau damit aber dem Schmerz „eine politische Stimme“ geben, der auch vorher schon vorhanden war. Oder eben den Ohnmachtsgefühlen angesichts eines politischen nicht mehr eingefangenen Finanzkapitalismus, für den Unternehmen wie Arbeitsplätze nur Spielzeuge sind, die hin und hergeschoben werden können, als ob an ihnen keine Menschen und keine menschlichen Gefühle und Bedürfnisse hingen. Oder eben Ohnmachtsgefühle angesichts einer wirtschaftlich-politischen Bürokratie, die einem jederzeit sinnlose Regeln auferlegen kann, ohne dass man je dazu gehört wurde, was diese Regeln für einen als Mensch in seinen Lebensvollzügen bedeuten und wie sich das für einen anfühlt.

Mit ihrer politischen Wahl lösen sie nun allgemeine Ohnmachtsgefühle aus. Und machen all die anderen zu Ewiggestrigen, die sich „die alten Zustände“, vor dem blöden Trump und vor der noch blöderen (weil uns näheren) AfD zurückwünschen. – Wenn man schon keine Macht hat, irgendetwas zu beeinflussen, so hat man doch die Macht, andere sich so fühlen zu lassen, wie man sich selbst gerade fühlt.

Das erinnert an jenes Altruismus-Spiel, in dem der eine 100€ für sich und einen Spielpartner frei aufteilen kann, und der andere Spielpartner nur  annehmen oder ablehnen kann, wobei die Ablehnung des Zweiteren bedeutet, dass beide gar nichts bekommen. Unterhalb von 70-30 nimmt auf der ganzen Welt unter Menschen die Tendenz zu, den „ungerechten Aufteiler“ lieber für die Missachtung der eigenen Person zu bestrafen, als wenigstens noch eine geringe Summe mitzunehmen, die ja immerhin besser ist als gar nichts.

Ich weiß nicht, wie das andere einschätzen, aber ich gehe davon aus, dass ein Mensch, dem es gut geht, weder Trump noch AfD wählt. – Dem scheinen Studien zu widersprechen, die uns mitteilen, dass durchaus auch viele Menschen eine solche politische Wahl treffen, die nicht zu „den Abgehängten“ oder zur „Unterschicht“ gehören. Die Frage ist nur, ob das wirklich unser einziges Kriterium für „gut gehen“ ist? – Alle AfD-Sympathisanten, mit denen ich längere Gespräche führen durfte, waren jedenfalls Menschen, mit deren Leben ich um keinen Preis der Welt tauschen möchte. Sehr verkürzt gesprochen waren die Beziehungen, die sie in ihrem Alltag hatten, von der Art, dass ich mich gefragt habe, ob ihre Verbindung zu ihren Mitmenschen wirklich die Bezeichnung „Beziehung“ verdient hatte. Emotional gesehen handelte es sich in der Regel um mehr als mittlere Katastrophen, in denen sie ihr Leben verbrachten.

Und die Projektion in die Politik war immer schon ein guter Kanal für persönliche Frustration.

Auch hier kann man allerdings fragen, ob es sich um eine „reine Projektion“ handelt, oder ob nicht viele die zumindest insofern nicht völlig falsche Intuition haben, dass unsere politischen Institutionen Anteil daran haben, dass es so viele tief frustrierte Menschen gibt. – Bei gleichzeitig unerreicht hohem Lebensstandard für eine unerreicht hohe Anzahl von Menschen.

Nun bin ich niemand, der für irgendetwas Revolutionsartiges oder auch nur eine „Ich-werf-mal-eine-Dynamitstange-ins-politische-System-damit-die-da-oben-mal-mitkriegen-was-hier-unten-abgibt“-Protestwahl zu haben ist. Durch meine kurdischen Erfahrungen, durch meinen intensiven Kontakt mit den ungarischen politischen Gegebenheiten und nicht zuletzt durch mein Philosophiestudium bin ich für so etwas völlig verdorben worden. Ich bin nicht erst seit gestern der Auffassung, dass es in der Politik der Neuzeit im Kern um die Verhandlung des Problems der Gewalt geht. Und von daher erwarte ich nicht sonderlich viel Positives von der Politik. Oder genauer: Ich erwarte ausschließlich von ihr, dass sie es hinkriegt, dass sich die Gewalt unter Menschen in sehr überschaubaren Grenzen hält.

Allerdings reißt die herkömmliche Politik gerade die Latte meiner vergleichsweise niedrigen Erwartungen, die mit „funktionierender Nachtwächterstaat“ recht gut umrissen sind. Wir gehen nämlich absehbar sehr gewaltvollen Zeiten entgegen, hinsichtlich derer ich kein sonderlich großes Verlangen hege, dass ich oder Menschen, die mir nahe sind, sie erleben müssen.

Anders als es vielleicht klingt, neige ich auch nicht dazu, hier irgendwem einen Vorwurf zu machen. Ich habe nicht den Eindruck, irgendwelche Politiker hätten irgendetwas falsch oder „ihren Job“ nicht gemacht. Ich habe weitaus mehr den Eindruck, dass unser bisheriges politisches System gerade an seine Grenzen gerät.

Und dass sich damit die Frage, was Politik eigentlich ist, völlig neu stellt.

Diese Frage ist zugleich mein sehr persönlicher Ausweg aus der sonst möglicherweise auch von mir empfundenen Ohnmacht: Ich glaube nicht, dass das Bisherige alles ist, was man „Politik“ nennen kann. Wenn, wie ich glaube, alles, was Gewalt zwischen Menschen unwahrscheinlicher macht, „politisch“ ist, weil es den Kern dessen trifft, was man in der Philosophie der Neuzeit als „Politik“ aufgefasst hat, so sind eine Menge anderer Handlungsweisen politisch. Handlungsweisen, die nichts mit dem politischen System zu tun haben, das wir kennen und an das wir uns gewöhnt haben.

Es handelt sich um Alltagspraktiken, die Gewalt deswegen unwahrscheinlicher machen, weil sie das Problem der zwischenmenschlichen Gewalt bei seiner Wurzel packen, anstatt es, wie es neuzeitliche politischen Institutionen gar nicht anders können, nur einzudämmen und zu verwalten.

Gewalt wird ausgelöst aus einer ganz spezifischen Form von Beziehungsohnmacht, bei der ich den Eindruck habe, keinen anderen Weg zu haben, auf andere Menschen so einzuwirken, dass ich mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen von ihnen wahrgenommen werde. – Gewalt ist dabei immer verzweifelt, weil sie nie die Form von Wahrgenommen-werden auslöst, die ich mir eigentlich wünsche. Und die Schäden, die sie in mir selbst und in meinen Beziehungen auslöst, ist immer gewaltig.

Auch wenn viele sich das nicht vorstellen können, so ist für mich beispielsweise klar, dass alle Politiker von Rang als Menschen ausnahmslos „arme Schweine“ sind. Mit keinem möchte ich tauschen, weil ein politisches Amt für mich eine Selbstaufopferung wäre, die ich nicht nur mir nicht wünsche, sondern keinem Menschen. Gerade die machtvollsten von ihnen, jene, die zu autokratischen Formen neigen, sind für mich menschlich in einer derart unbeneidenswerten Lage, dass es mir manchmal ein Rätsel ist, wie andere das übersehen können. Der gemeinsame Nenner: Politiker verwalten für uns diejenige Gewalt, die wir auch heute noch als „legitime Gewalt“ aufrechterhalten, weil wir sie für notwendig halten. Das entfernt sie von ihrer Menschlichkeit. Genauso wie jene Menschen in der „Exekutive“, die dazu ausgebildet werden, diese legitime Gewalt anzudrohen und auszuüben.

Gewalt teilt Menschen in Täter und Opfer und vergiftet Beziehungen. Sie korrumpiert beide Seiten: Die, die die Gewalt ausüben, genauso wie die, die Gewalt erleiden und sich ohnmächtig fühlen. Die Lösung, die wir bisher gefunden haben, um Gewalt unwahrscheinlicher zu machen: Die Herausbildung eines „Staates“, der im Kern aus einem allgemein akzeptierten Gewaltmonopol besteht, ist vor diesem Hintergrund auf Dauer notwendigerweise unbefriedigend. Es ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss.

Wie gesagt: Trotz all dieser Annahmen bin ich sicher kein „Revolutionär“ oder ein „Anarchist“ in irgendeinem gebräuchlichen Sinne dieser Worte. – Einen einfacher Wegfall staatlicher Institutionen kann ich mir nur als einen äußerst gewalthaften Akt vorstellen. Und die Form: „Gewalt, um Gewalt zu beseitigen“ haben wir ja bereits schon. Und sie funktioniert nach meinem empfinden schlechter als nur sehr mäßig. Gewalt löst immer weitere Gewalt aus. Sie ist unweigerlich epidemisch. Kein gewaltsamer Akt kann jemals diejenige gewaltbefreite Gesellschaft hervorbingen, die ich mir wünsche und die ich für menschenmöglich halte.

Viele Menschen spüren das: Sie merken, dass herkömmliche Politik sie korrumpieren würde. Sie sind von Politik angewidert. M.E. sind das sehr gesunde Reaktionen, unbewusste Wahrnehmungen des Kernproblems der Politik. Politik kann kein schönes Geschäft sein, weil es in ihr um nichts Gutes geht, sondern immer nur um die Verhinderung des Schlimmsten. Die Politik kreist um ein schwarzes Loch von Negativität. Sie versucht, die restliche Welt davon abzuhalten, in dieses Loch hineinzustürzen. Und Gewalt hat wie gesagt immer eine Sogwirkung.

Was wir also tun können hat mit einer Abwendung von allem Politischen im herkömmlichen Sinn zu tun. Die Energie, die dadurch frei wird, hat das Potential, irgendwann, eines schönen Tages, politische Institutionen tatsächlich als überflüssig erscheinen zu lassen, so dass sie eben nicht mit einem Gewaltakt beseitigt werden, sondern einfach von uns abfallen, weil wir sie gar nicht mehr brauchen. – Im Moment brauchen wir sie leider nach wie vor dringend.

Was aber bereits jetzt deutlich spürbar wird, ist, dass es nicht ewig einfach so weitergehen kann, dass das menschliche Leid, dass unsere ökonomisch-politischen Institutionen systematisch erzeugen und dulden, nicht einfach „notwendig“ ist, nicht „zum Leben dazugehört“ und wir es „nicht einfach in Kauf nehmen müssen“.

Die Wurzel von Gewaltprävention ist die aktive Wahrnehmung menschlicher Gefühle und Bedürfnisse in Beziehungen. Wer also heute einen „revolutionären politischen Akt“ durchführen möchte, kann dies jederzeit tun und braucht dazu keinen einzigen Politiker und kein einzige politische Institution. Er kann bei sich beginnen. Und er kann die Menschen, mit denen er unmittelbar lebt, miteinbeziehen. Die Basis und die Methode dieses Vorgehens ist eine Aktivität, die deswegen voller erfüllender Beziehungen ist, weil sie gleichzeitig voller entschiedenem Gewaltverzicht ist. Sie ist in einem sehr umfassendem Sinne „lohnend“.

Damit ist dann auch mit der ganzen politischen Verantwortungsverschiebung, die uns allen so ungeheuer auf die Nerven geht, unmittelbar Schluss: Wir alle sind jederzeit „Politiker“. Wir alle leben in einer globalen Polis namens „Weltgesellschaft“. Wir sind ein unweigerlich nicht nur passiver, sondern auch aktiver Teil dieser Gesellschaft. Das, was wir in unseren Beziehungen tun: In unseren beruflichen Beziehungen, in unseren Familien, in unseren Freundschaften, in unseren Nachbarschaften, bei unseren Einkäufen, bei unseren Investitionen – all das hat unweigerlich „politischen Impact“. Es ist uns nur meist einfach nicht bewusst. Wir alle haben eine so große Bedeutung für andere, dass das fast wehtun und einen immer wieder völlig überfordern kann. Und das gilt nicht um so weniger, als wir 7 + X Milliarden Menschen auf diesem Planeten sind, sondern um so mehr.

Wir selbst sind als Menschen allesamt „Quellen des Guten“ und „Quellen des Schlechten“ in der zwischenmenschlichen Welt. In jedem Moment. In allem was wir tun und nicht tun. Und das in einem durchaus „politisch relevanten Sinn“, da das Ausmaß von guten/schlechten Beziehungen und die Notwendigkeit von herkömmlicher Politik einander wechselseitig berühren.

Ich möchte hier also die Sichtweise anbieten, dass das, was wir heute unter „Politik“ verstehen, in derjenigen Zukunft, die ich meinen Mitmenschen wünsche, rückblickend als nichts weiter als eine „schlechte Gewohnheit“ erscheinen wird, die wir glücklicherweise irgendwann in der Lage waren zu beenden. Eine Gewohnheit die aus sytematischen Gründen immer wieder Ohnmachtsgefühle erzeugen musste.

Wer aber keine Ohnmacht empfinden will, muss handeln. Er muss unterscheiden, was er im Guten beeinflussen kann und was er nicht beeinflussen kann. Und dann beherzt das beeinflussen kann, was in seinem Einflussbereich liegt. Das sind bei uns allen unweigerlich: Andere Menschen, der relevanteste Teil unser aller Umwelt als Menschen.

Das Schöne daran ist: Alle Menschen haben exakt gleich viel „Einfluss“. Während „Macht“ vermittelt über Eigentumsanhäufungen oder technische oder Gewaltmittel von einigen wenigen über viele andere ausgeübt werden kann, ist Einfluss gebunden an lebendige Beziehungen, in denen es keine auf Dauer gestellte Machtasymmetrie gibt. Und diese Bindung von Einfluss an Beziehungen bedeutet, dass es natürliche Grenzen unseres Einflusses gibt: „Die Grenzen meiner Beziehungsfähigkeit sind die Grenzen meiner (zwischenmenschlichen) Welt“. Keiner von uns kann unendlich viele unendlich intensive Beziehungen haben. Beziehungsfähigkeit ist eine um einen recht stabilen Wert herum schwingende Größe. Sie ist zwischen uns gleicher verteilt als nahezu alles andere. Ein Glück, dass ausgerechnet sie das Wichtigste für uns ist.

Wer sich heute auf gute, machtbefreite Beziehungen konzentriert, ist in meinen Augen ein „guter Politiker“. Wer Machtgrenzen in Richtung Zwischenmenschlichkeit überschreitet, wer seine objektiv durchaus vorhandene Macht demonstrativ und dauerhaft nicht einsetzt, oder wer seinen Opferstatus nicht annimmt, in den ihn seine objektiv durchaus vorhandene Ohnmacht bringt, indem er Beziehungen sucht, wo er sie nach den „Gesetzmäßigkeiten der Macht“ nicht zu suchen hat, tut in meinen Augen das Werk einer „Politik der Zukunft“, in der man heutige politische Institutionen und Kämpfe kaum noch verstehen können wird, weil sie so fremd geworden sind.

Mir begegnen von beiden Sorten ständig viele Menschen: Sowohl objektiv Mächtige, die demonstrativ ihre Macht nicht gebrauchen. Und genauso objektiv Ohnmächtige, die demonstrativ Einfluss nehmen, in dem sie die ganz eigene Kraft des In-Beziehung-gehens entschieden nutzen.

Wer einer von ihnen sein möchte, kann das jederzeit tun.

Es gibt keinen Grund und keine Entschuldigung für Ohnmachtsgefühle.

 

 

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