Charles Taylor zum Beispiel

Charles Taylor hat in den Schlusskapiteln seines schönen Buches „Das Unbehagen an der Moderne“ einige Gedankengänge vorgelegt, die mich persönlich sehr angeregt und mir geholfen haben, meine eigenen Gedanken weiter zu klären und zu entwickeln.

An einer wichtigen Stelle seines Buches (S. 132 der verlinkten Ausgabe) wird deutlich, worauf seine vorausgegangenen Erörterungen der modernen Konzepte der „Authentizität“ und der „Instrumentellen Vernunft“ hinauslaufen und wovon sie ursprünglich motiviert werden. Taylor vermisst in unserer Modernen Weltgesellschaft das Vorkommen und die Möglichkeit einer Identifikation des einzelnen Menschen mit einer politischen Gemeinschaft. Er sieht die Identifikation mit einer politischen Gemeinschaft durch das Denken wie auch durch die institutionellen Strukturen der Modernen Weltgesellschaft in einem solchen Ausmaß erschwert, dass er kaum Hoffnung sieht, wie Einzelne oder Zusammenschlüsse von Einzelnen gegen sie erfolgreich ankommen wollen. – Diesem Phänomen gibt er die Bezeichnung „Fragmentierung“. Dieses Phänomen der Fragmentierung bedeutet für ihn also eine generelle Unfähigkeit von uns heute lebenden Menschen, „ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einem (politischen) Kollektiv“ zu empfinden. Da er dieses Zugehörigkeitsgefühl für die Voraussetzung hält, gemeinsam handlungsfähig zu bleiben oder zu werden, kann er verbreitete Ohnmachtsgefühle im Fehlen dieses Zugehörigkeitsgefühl verursacht sehen. Wir könnten handeln, wenn wir es hätten, haben es aber leider nicht, können daher nicht gemeinsam handeln, was selbst noch einmal zum weiteren Schwund des Zusammengehörigkeitsgefühls beiträgt. Ein „Circulus vitiosus“, wie Taylor schreibt.

Nun ist es ein bekanntes Phänomen in der Philosophie, dass nichts so entscheidend ist für eine Theorie wie ihre Problem-Exposition. Je nachdem, was wir überhaupt als gravierendes Problem wahrnehmen, das einer theoretischen Aktivität bedarf, werden wir völlig unterschiedlichen Lösungen kommen. Bzw. wird anderes, was eben keine plausible Lösung zu eben diesem Problem darstellt, gar nicht erst in unseren Überlegungen auftauchen.

Die Lösungen, die Taylor nach seiner oben beschriebenen Problem-Exposition kurz umreißt, bestehen in „Dezentralisierung“, „Gewaltenteilung“, konsequenter Anwendung des Subsidiaritätsprinzips. Eine höhere „Regionalität“ der politischen Einheiten, wie er sie in seinem Heimatland Kanada vorfindet, empfindet er dementsprechend als vorteilhaft, gerade wenn er sie mit der vergleichsweise größeren „Zentralisation“ in den USA vergleicht. Das kanadische bundesstaatliche System ermögliche eine höhere Identifikation der Einzelnen mit der jeweiligen politischen Einheit, weil „die Einheiten, denen die Macht übertragen wird, als Gemeinschaften schon eine Rolle im Leben ihrer Angehörigen spielen.“ – Sprich: Taylor bemängelt die emotionale Künstlichkeit größerer politischen Einheiten. Sind diese zu groß, werden sie von den Menschen als fremde, ihnen äußerliche Macht empfunden. Sind sie klein genug, hilft die erlebte Gemeinschaft bei der Identifikation auch mit der politischen Einheit, der „die Macht übertragen wird“.

Nahezu im gleichen Atemzug beschreibt Taylor dann das Scheitern der kanadischen Gesellschaft, das in seiner Sichtweise darin besteht, dass diese Gemeinschaft einen „Machtverlust“, wie ihn „kleinere Gesellschaften“ empfinden, „die im Schatten der größeren Mächte leben.“ – Diese empfundene Ohnmacht koppelt Taylor an ein fehlendes Selbstverständnis von politischen Einheiten à la Kanada, er spricht dabei vom „eigentlichen Wesen der kanadischen Andersartigkeit“, bei dem es „mißlungen“ sei, es „zu verstehen und zu akzeptieren.“

Interessanter als die Problemexposition und Lösungsvorschlag sind für mich drei Beobachtungen anhand des Dargelegten:

1.)  Das zentrale Moment der frühneuzeitlichen Politik, wie es von Thomas Hobbes erfasst wurde und sich in den gegenwärtigen politischen Institutionen niedergeschlagen hat, taucht in Taylor’s Überlegungen gar nicht auf. Das Problem der Gewalt von Menschen gegen Menschen scheint für Taylor kein Problem von heutiger Politik zu sein.

2.) In der Folge tauchen Passagen wie die folgenden beiden in seinem Abschlusskapitel auf:

„Von einem unausgewogenen System wie diesem [gemeint ist ein politisches System, das zunehmend Richter über politische Fragen entscheiden lässt], wird die Fragmentierung sowohl widergespiegelt als auch weiter vertieft. Sein Geist ist auf gegnerisches Verhalten eingestellt, wobei die Leistungsfähigkeit des Bürgers darin besteht, dass er seine Rechte durchsetzt, einerlei, welche Konsequenzen das für das Ganze hat.“ (S. 130 f.)

Und:

„Doch wie bekämpft man Fragmentierung? Einfach ist das nicht, und es gibt kein Patentrezept. Es hängt in hohem Maße von der spezifischen Situation ab.“ (S. 132)

Die erste Passage ist eine Reformulierung der vertrauten konservative Klage über „den Egoismus des modernen Menschen“ und „den fehlenden Gemeinsinn in der Moderne“. Interessant ist sie für mich nur, weil sie die Formulierung „gegnerisches Verhalten“ enthält, also zumindest eine Andeutung des Problems der zwischenmenschlichen Gewalt. Folgen wir der Spur der Lösung des Gewaltproblems, die Taylor hier legt, landen wir bei der antiken „Lösung“, die bereits Platon und Aristoteles präferiert zu haben scheinen und die da lautet: „Bildung und Erziehung“. Eine Lösung wohlgemerkt, die von Hobbes anno 1651 deswegen kritisiert und durch eine andersartige abgelöst wurde, weil sie an notorischer und gut beobachtbarer Erfolglosigkeit litt. Taylor unterschreitet hier das Theorieniveau der frühen Neuzeit genau dann, wenn man ihm unterstellt, dass obige Formulierung überhaupt einen Kommentar zum Problem der Gewalt in der Gesellschaft darstellt.

Die zweite Passage greife ich heraus, weil ich es extrem auffällig finde, dass das Wort „bekämpft“ in ihr auftaucht, und das gerichtet gegen ein abstraktes Konstrukt. Die Anschlussformulierungen artikulieren eher Hilflosigkeit angesichts des Problems, das sich Taylor da selbst vorgelegt hat, im besten Fall kann man sie als eine Art Heuristik oder Suchanweisung verstehen, eine Suche nach konkreten Lösungen in konreten Situationen, auf die er uns zu schicken versucht. Er versucht unser Problembewusstsein zu wecken, in der Hoffnung, dass wir dann schon Lösungen finden werden. Wenn wir nun „kämpfen“ sollen, das Problem der Gewalt aber aus derart politischen Überlegungen ausgeklammert ist, ist es nach meinen Erfahrungen naheliegend zu fragen, ob es sich hier um einen re-entry des Ausgeklammerten handelt. Gegen etwas zu kämpfen ist in jedem Fall etwas anderes als sich für etwas einzusetzen. Und ein Autor, der den zu hohen Geist der Gegnerschaft beklagt und gleichzeitig Anhänger sucht, die mit ihm in einem Kampf gegen ein von ihm wahrgenommenes Phänomen der Moderne ziehen, ist immerhin spannend.

3.) Am auffälligsten ist für mich bei all dem aber eine dritte Beobachtung: Die heute naheliegendste aller Lösungen, selbst wenn das Problem eine allzu hohe „Fragmentierung“ ist, scheint bei Taylor genauso ausgeklammert wie das von Hobbes als fundamental politisch verstandene Problem der Gewalt. Diese naheliegende Lösung besteht in einer Nutzung der natürlichen Verbindung zwischen Menschen, die in direkten Beziehungen besteht. Also in der zutiefst sozialen Natur des Menschen vom ersten Atemzug an.

Ich kann nur spekulieren, warum Taylor diesen Verbindungen nichts für die Lösung seines Fragmentiertheits-Problems zutraut. Was auch immer seine Gründe sein mögen: Fakt ist, dass er durch die Ausklammerung dieser Option das Individuum, den einzelnen heute lebenden Menschen ebenso „asozial“ konzipiert, wie Hobbes das tut. Und Hobbes konzipiert das erkennbar nur deswegen so, um das Gewaltproblem in all seiner Drastik auf den Tisch zu kriegen.

Taylor scheint sich „Verbundenheit“ nur über Bande vorstellen zu können: In einer gemeinsamen Bezugnahme mehrerer Menschen auf ein Drittes. In diesem Fall: Auf eine „politische Einheit“, der sie alle angehören. Verbundenheit anderer Art scheint für ihn apolitisch zu sein. – Das kann man so denken. Und in der Tat hat man das tradtionell oft so gedacht, sowohl in der antiken, als auch in der frühneuzeitlichen politischen Philosophie.

Taylor geht es also erkennbar um ein „größeres Gut“, das in der Modernen Weltgesellschaft bisher verfehlt wird und dessen Fehlen als Kritik und Veränderungsmotor heutiger Aktivitäten, Beziehungen und Institutionen taugt. Wer sehr vorausschauend theoretisiert, erkennt hier die Grundfigur einer Kritik an der Modernen Gesellschaft, die selbst potentiell gewaltfördernd ist: Gewalt ist nicht das Schlimmste. Es gibt Schlimmeres, als da ist ein fehlendes Gemeinschaftsgefühl, in dessen Namen…


Die Negation der Negation – Und vice versa

Wir können Taylor’s Versuche also als exemplarisches Beispiel eines ganz bestimmen heutigen Theorietypus‘ verstehen. Eines Typus, der genau diejenige für unser Handeln folgenreiche Einseitigkeit hervorbringt, die entsteht, wenn man das Problem der Gewalt nicht zum zentralen Bestandteil von Gesellschaftstheorie macht.

Die ähnlich fatale, aber entgegengesetzte Einseitigkeit bringen Theorien von jener Bauart hervor, für die exemplarisch die Gesellschaftstheorie des Thomas Hobbes steht: Sie machen das Problem der Gewalt zu ihrem Ausgangspunkt – und lassen die Gesellschaftstheorie sich in einem Vorschlag zur Lösung dieses Problems erschöpfen.

Beide Theorietypen haben aus meiner Sicht die gleichen zwei Defizite:

1.) Sie lösen das Problem der Gewalt in einem geringeren Ausmaß als möglich ist. – Dieser Kritikpunkt ist besonders für den Hobbes’schen Theorietypus vernichtend, da damit sichtbar wird, dass seine Lösung des Problems, das er sich vorgelegt hat, unter ihren Möglichkeit bleibt. Ja, dass sie aufgrund der Bauart der Theorie unter ihren Möglichkeiten bleiben muss. Eine Theorie, deren Ziel allein ein Vorschlag zur Gewaltreduktion ist, wird weniger gewaltreduktiv wirken, als eine Theorie, die zwar das Problem der Gewalt voll in sich aufnimmt, die aber nicht von ihm ausgeht und nicht in ihm endet. Theorieformen von der Art, wie sie Hobbes gewählt hat, stabilisieren das Gewaltvorkommen in der Gesellschaft, weil sie uns in unserem Denken und Handeln auf dieses Problem fixieren und das Gesellschaftliche um Gewaltvermeidung kreisen lassen. In jeder Negation wird aber vor allem das Negierte wach gehalten bzw. noch-einmal-affirmiert. Aus innertheoretischen Gründen verfehlt Hobbes das praktische Ziel seiner theoretischen Anstrengungen. Die praktischen Folgen dieses theoretischen Verfehlens können wir alle heute täglich spüren.

2.) Sie tragen weniger zu einem guten menschlichen (Zusammen-)Leben bei als möglich ist. Ihre positive, visionäre Kraft als genereller Frame, innerhalb dessen wir unser eigenes Handeln wahrnehmen, ist begrenzter als möglich. – Dieser Kritikpunkt ist besonders für den Taylor’schen Theorietypus vernichtend, da damit sichtbar wird, dass seine Lösung des Problems, das er sich vorgelegt hat, unter ihren Möglichkeiten bleibt. Ja, dass sie aufgrund der Bauart der Theorie unter ihren Möglichkeiten bleiben muss. Eine Theorie, deren Vorgehen das Problem der Gewalt ausklammert, nicht pointiert in den Blick nimmt und allenfalls als randständiges Problem „streift“, wird Formen hervorbringen, die als Beiträge des Denkens zum guten menschlichen (Zusammen-)Leben völlig wirkungslos bleiben müssen. Im schlimmeren Fall führen solche Theorien praktisch zu völligem Hoffnungsverlust und Zynismus. Eine Theorie, die sowohl von Formen des Guten ausgeht, deren Fehlen als „Ursache“ für das Auftreten von Gewalt gesehen werden können, und die zugleich ein bejahbares Bild von möglichen Gesellschaftsformen geben kann, in denen diese Formen des Guten in höherem Ausmaß realisiert sind als in der Gegenwart, wird motivierender und vor allem nachhaltiger motivierender wirken als das Theorieformen von der Art tun können, wie sie z.B. Taylor gewählt hat.

Die Verirrungen des Denkens zeigen sich also wie immer als produktiver als seine Lösungen. Das, was wir an bestimmten Gedankengängen jeweils vermissen, ist das, was unser eigenes Denken in Gang bringt.

Taylor’s Gedankengänge leisten damit bei all ihren Mängeln zugleich etwas, das ich als überaus wertvoll empfinde: Ähnlich wie die Theorieformen von Autoren wie Hegel, Honneth, Hume und Rorty eröffnet Taylor sinnvolle Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit der Hobbes’schen Theorie. Denn die Mängel einer rein gewaltzentrierten Gesellschaftstheorie werden überhaupt erst erkennbar, wenn man sich mit Autoren wie Taylor auseinandersetzt. Erst das macht andersartige Ansätze und Vorgehensweisen von Gesellschaftstheorie möglich, die sowohl Hobbes‘ als auch Taylor’s Ansprüchen gerecht werden.

Taylor’s eigene Theorie als Theorie der Ignoranz gegenüber dem gesellschaftlichen Problem der Gewalt realisiert aus meiner Sicht einen ganz bestimmten Theorietyp, der mit Blick von Hobbes aus so offensichtliche Mängel hat, dass er als generell ungangbarer Weg heutiger gesellschaftstheoretischer Tätigkeit gelten kann. Das von Hobbes scharf herausgearbeitete Problem des Gefangenendilemmas, das Problem der Formen des sozialen Feedbacks in einer Modernen Weltgesellschaft bleiben bei Taylor schlichtweg ungesehen und daher auch völlig ungelöst. So erkenntnisreich Taylor’s Ausführungen auch sind, indem sie uns helfen, Hobbes Mängel deutlicher zu sehen: Als exemplarische Form eines ganz bestimmten Theorietyps kann man bei Taylor sehr deutlich sehen, warum solche Theorieformen heute scheitern bzw. zutiefst unbefriedigend bleiben müssen.


Exkurs: Bewusster double-fail eines dritten Theorietypus

Zu Theorien dieses Typs zählen nach meiner Einschätzung auch Luhmanns Systemtheorie und Foucaults Historiografie der „Macht“. Wobei gerade diesen Theorien alles fehlt, was sie in irgendeiner Form interessant machen könnte. Es fehlen ihnen nämlich beide Seiten: Eine theoretische Rekonstruktion des Problems der Gewalt. Aber genauso ein Vorgehen, dass das Denken des Gesellschaftlichen nicht von diesem Problem als „prima causa“ ausgehen und sich nicht in ihm erschöpfen lässt (Hobbes, Thukydides, Nietzsche). Es handelt sich also um Theorien, die nicht nur eine der beiden möglichen Klippen hinunterfallen, denen Gesellschaftstheorie erlegen kann, sondern beiden zugleich. Sie sind erkennbar geprägt von dem Versuch, „nichts falsch zu machen“ oder „nichts zu riskieren“. Und genau darum sind sie – jenseits der rein intellektualistischen Freude an purer Komplexität um ihrer selbst willen – völlig unfruchtbar. Ich gehe davon aus, dass es sich in beiden Fällen, sowohl bei Luhmann wie bei Foucault um eine bewusst gewählte Unfruchtbarkeit handelt: Um den Versuch einer Verschonung des Menschen von der Theorie. Dieser Anspruch ist zwar nachvollziehbar und gewissermaßen „edel“, weil er einen ethischen Anspruch an sich selbst als Theoriebildenden miteinschließt. Er ist aber deswegen verfehlt, weil er eine Nullwirkung bedeutet. Und zumindest ich stelle mir die Frage, ob Menschen mit diesem konzeptionellen Potential nicht Denkvorschläge entwickeln können, die Besseres zur Gesellschaft beitragen können als den sowieso zum Scheitern verurteilten Versuch, „das für das Handeln relevante Denken zum Erliegen zu bringen“. Solche Theorien sind Formen, die das für das Handeln relevante Denken lieber anderen überlassen wollen und sich wortreich der Vorschläge enthalten. Wir alle, als Menschen die unweigerlich ständig Entscheidungen treffen und „handeln müssen“, werden dann auf alte Formen des Denkens zurückgreifen. Alte Formen des Denkens, die den heutigen Möglichkeiten des menschlichen Zusammenlebens nicht mehr angemessen sein können. Dies mag unter den Eindrücken der Grausamkeiten der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts, zu denen bestimmte philosophische Gesellschaftstheorien fleissig beigetragen haben, nachvollziehbar und ehrbar sein. Dass es das Beste ist, was Theorie leisten kann, kann aber ebenfalls in Zweifel gezogen werden. – Wir entnehmen solchen Denkformen immerhin einen Anspruch, den sie mit ihrem erreichten Niveau an uns stellen, wenn wir heute andersartige Denkformen entwickeln und vorschlagen. Einen Anspruch, den wir nicht abweisen können, und eine Niveau, das wir bei unseren eigenen Versuchen nicht unterschreiten sollten: Unsere Denkformen müssen so konzipiert sein, dass es ausgeschlossen ist, dass sie als Anstoß und Rechtfertigung von Gewaltverhalten von Menschen gegenüber anderen Menschen genutzt werden können.


Zusammenfassung – Auf was Gesellschaftstheorie heute antworten muss

Wir haben aus dem Gesamt-Gedankengang generelle „Bauanweisung“ an jede mögliche Gesellschaftstheorie gewonnen, die genau deswegen „brauchbar“ oder „sinnvoll“ ist, weil sie weder Gewaltverhalten ignoriert, noch fördert, noch bewusst unfruchtbar ist, indem sie das Denken über Gesellschaft immer wieder im pragmatischen Nirwana enden lässt. Dies sind zugleich konzeptionelle Anforderungen an Gesellschaftstheorien, die in verantwortungsvoller Weise Hoffnung wecken und die uns helfen, uns in unserem alltäglichen Handeln zu fokussieren.

1.) Sie muss eine überzeugende Antwort auf das Problem der Gewalt haben. Versäumt sie das, wird dieses Problem alle Wolkenblütenträume von einer besseren Gesellschaft zerschlagen. Das ist das, was Taylor’s Ausführungen widerfährt.

2.) Sie muss eine heute glaubwürdige Vision entfalten, in welche Richtung sich unsere Moderne Weltgesellschaft durch unser Zutun entfalten kann. Konzentriert sie sich allein auf das Problem der Einhegung von Gewalt, wird sie keinen Beitrag zu irgendwelchen Verbesserungen leisten können. Im Grunde ist eine solche Theorie heute rein resignativ, wenn nicht sogar nihilistisch. – Der Hobbes’schen Theorie widerfährt heute so etwas, wobei man Hobbes selbst zu Gute halten muss, dass er aus seiner Zeit heraus eine äußerst wirkungsmächtige Theorie konzipiert hat, die für seine Zeit ein fundamentaler Fortschritt war. Viele gesellschaftliche Institutionen, wir heute als selbstverständlich ansehen, machen ohne den Hobbes’schen Denkschritt keinerlei Sinn. Wer allerdings heute noch in Hobbes’schen Bahnen denkt, wird zwangsläufig dazu neigen, ein „Ende der Geschichte“ zu postulieren, weil er dazu gezwungen ist, sich nichts Besseres vorstellen zu können als das bereits gesellschaftlich Erreichte. Dass Hobbes‘ Theorie erklärtermaßen eine „Theorie der Angst“ ist und bewusst keine Theorie der Hoffnung, sollte zumindest zur Kenntnis genommen worden sein, wenn man so eine Wahl trifft. – Dass die Welt sich in ihrer Dynamik nicht auf diesem Niveau festhalten lassen will, dass sie fast verzweifelt nach einer hoffnungsvollen, positiven Vision für die gesellschaftliche Zukunft ruft, lässt sich heute nicht mehr ignorieren. Wir können das daran ablesen, dass die Hauptleistung der Hobbes’schen Theorie: Die flächendeckende Reduktion unseres Gewaltverhaltens derzeit wieder in Frage steht. Es gilt, einen Schritt weiter zu gehen, gerade dann, wenn man erhalten möchte, was wir bereits erreicht haben. Das ängstliche Klammern an Errungenschaften hat noch immer zuverlässig zum Verlust jener Errungenschaften geführt. So dürfte es auch hier sein. Wer eine gewaltfreie Moderne Weltgesellschaft wünscht, kann seine gesellschaftstheoretischen Überlegungen gerade nicht im Problem der Gewalt beginnen und enden lassen. Er muss solche Überlegungen zwar einschließen (siehe 1.), aber es braucht heute andere Ausgangs- und Endpunkte des Denkens, sowohl um weitere Fortschritte in der Reduktion des gesellschaftlichen Gewaltniveaus erzielen zu können, als auch um nicht in alte Formen des menschlichen Zusammenlebens zurückzufallen, die von weitaus drastischeren Gewalttätigkeiten geprägt sind als viele heute auf der Erde lebende Menschen sie gewohnt sind, als sie für „ganz normal“ oder „ganz natürlich“ empfinden.

3.) Sie muss sicherstellen, dass sie keinen Beitrag zur Re-Brutalisierung der Gesellschaft leistet. Sämtliche Anstöße, die im Handeln zu einem „der Zweck heiligt die Mittel“ oder „das höhere Gut verlangt Opfer“ führen könnten, verbieten sich. Dies muss schon vom Theorieaufbau her sichergestellt werden. Auch Denkformen, die einmalige Gewalt rechtfertigen, um Institutionen zu beseitigen, die regelmäßig zu Gewalt führen, verbieten sich kategorisch. Alle solche Formen unterschreiten das Hobbes’sche Theorieniveau und ignorieren den Umstand, dass Gewalt nicht durch Gewalt beseitigt werden kann. Gewaltsame Veränderungen hinterlassen in uns und in unseren Interaktionsformen immer solche drastischen Spuren, dass sie – aus welchem besten Willen sie auch kommen mögen – nur Verschlimmbesserungen hervorbringen können. Der Versuch, dem heute vorgefundenen Gewaltniveau mit seinen eigenen Mitteln zu begegnen, wird, wie Hobbes deutlich gezeigt hat, immer in eine „Gesellschaft“ führen, die wir verfluchen würden, würden wir sie herbeiführen.  – Doch das immer mögliche Schlechtere kann kein Argument sein, das Bessere nicht mehr zu denken zu versuchen (siehe 2.). Vielmehr bedeutet das Aufgeben solcher Versuche ebenso zuverlässig den Verlust von lebenswerten Formen des menschlichen Zusammenlebens wie die gewalthaften Versuche einer Änderung von Menschen und Institutionen.

Eine Theorie aber, die – gleich ob willkürlich oder unwillkürlich – zur Steigerung unseres Gewaltverhalten beiträgt, ist deswegen in-sich-sinnlos, da Gewalt alle denkmöglichen Werte in der Wirklichkeit mitvernichtet, die wir durch ihren Gebraucht anstreben könnten. – Dies konnte und kann man von Hobbes lernen, wenn man es denn lernen und nicht einfach ignorieren möchte.

Unsere Gedanken sind damit auch deutlich erkennbar als eine Form jenes Theorien-Pragmatismus in Anschluss an Richard Rorty, der Theorien weitaus weniger „von ihrer Wahrheit her“ bildet und beurteilt, als vielmehr von ihrer Wirkung her. Genauer: Von der Wirkung her, die sie unmittelbar auf uns und vermittelt durch uns auf die menschlichen Interaktionsformen haben, die wir dann wiederum als „Welt“ vorfinden.

Advertisements