Die wirkungsvollsten und erfolgreichsten Vertreter des politischen Rationalismus ihrer Zeit haben immer gewusst, dass „die politische Wirkkraft des Arguments“ nur sehr begrenzt ist.

U.a. auch deswegen greift Platon exzessiv auf Rhetorik, Mythen, theatralische Inszenierungen, sowie auf „Erziehung“ zurück.

Und Thomas Hobbes als neuzeitlicher Vertreter des politischen Rationalismus auf die Zwangsgewalt eines Staates, dem wir das Gewaltmonopol in einer Region übertragen übertragen sollen. Von den Bildern, die Hobbes benutzt, um seine „politische Wissenschaft“ zu plausibilisieren, schweigen wir mal. Denn falscher, metaphorischer Sprachgebrauch wird auch von ihm als ein „Anfang allen Übels“ gesehen. In genau diesem Punkt ist er sich mit Platon völlig einig; trotz all seiner sonstigen Brüche mit der antiken Philosophie

Interessant ist für mich daran zweierlei:

Viele heutige Fans des politischen Rationalismus scheinen dieses Wissen nicht zu besitzen. Obwohl sie ständig wahlweise erleben, dass sie einflusslos sind oder selbst zu Gewaltmitteln grefen müssen, um „dem besseren Argument“ Durchsetzungskraft zu verschaffen, schaffen sie es mit bewunderungswerter Stabilität, diese ihre Erlebnisse für ihr Denken über Politik folgenlos bleiben zu lassen. Das prominenteste Beispiel dafür ist Hillary Clinton, die bereits einmal „emotional überholt“ wurde (in den demokratischen primaries von Barack Obama 2008), und die es nichtsdestotrozt schaffte, daraus nichts für ihre Präsidentschaftswahl 2016 gegen den aktuellen us-amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu lernen.

Spannender als diese Stabilität des rationalistischen Frames vieler heutiger Menschen ist für mich die Entwicklung, die heute möglich ist, die aber von ihm blockiert wird:

Jenseits von…

a) Kraftloser, weil wenig bewegender Argumentiererei

b) Geschickter, manipulativer Rhetorik

c) Zwangsmitteln, die Einsichtslosen mit Gewalt zu Verhaltensanpassungen zu bewegen

…gibt es – rein theoretisch – auch noch…

d) die Kraft der Beziehung

…wenn es darum geht, andere Menschen zu bewegen.

Innerhalb eines rationalistischen Denkrahmens lässt sich diese Kraft weder wahrnehmen, noch für gesellschaftliche Entscheidungen und Veränderungen fruchtbar machen.

Hinzu kommt, dass die allermeisten Vertreter des Rationalismus in der Politik ihre größten Fähigkeiten gerade nicht im Feld des Aufbaus nicht-hierarchischer Beziehungen haben. Rationalisten neigen aus naheliegenden Gründen dazu, sich selbst als „einsichtsvoller als die meisten“ zu sehen, die deswegen wahlweise zu ihrem Glück erzogen oder gezwungen werden müssen. Sie nehmen kommunikativ eine hierarchisch-höherstehende Position ein, sprechen wenig von sich, von ihren eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Verletzungen und machen ihren Kommunikationspartnern daher Beziehungsangebote, die wenig attraktiv sind.

Natürlich könnte – ebenfalls rein theoretisch – ein überzeugter politischer Rationalist seine „wahre Haltung“ verstecken und nach außen sehr umgänglich auftreten. Das ist das, was viele heutige Politiker versuchen, und was ihnen nach persönlicher Disposition mehr oder weniger offensichtlich misslingt. Im Grunde handelt es sich hierbei dann um b): (Un-)geschickte manipulative Rhetorik. Und um ein Verfahren, das wie beschrieben, auch schon von Politischen Theoretikern wie Platon und Hobbes genutzt wurde, um ihrem Denken Einfluss zu verschaffen und diesem Denken im Vor-Internetzeitalter Überlieferung zu sichern.

Erst nach konsequenter Aufgabe des rationalistischen Frame werden andersartige Beziehungsangebote möglich. Und erst dann kann sich unser derzeitiges politisches System zu neuen Formen weiterentwickeln. Momentan schreit es förmlich nach diesen Weiterentwicklungen.

Aber der rationalistische Frame ist weiterhin stabil. Wie Frames eben so sind: Sie sollen ja auch genau das für uns leisten: Mentale Stabilität im allgemeinen Wandel.

Wir können davon ausgehen, dass es für viele Menschen ein massiver Identitätseinbruch ist, wenn sie entdecken würde, wie „irrational“ sie sich selbst in tausenderlei Hinsicht verhalten und wir irrational der Rationalitätsframe selbst ist, wenn er denn zu befriedigenderen Beziehungen in allen möglichen gesellschaftlichen Feldern führen soll. Die Kraft der Einsicht kann sich scheints nur sehr schwer gegen ihre eigene Aufgabe angesichts der eigenen Ohnmacht wenden. Sobald man auch nur anfängt, in diese Richtung zu denken, melden sich zuverlässig Stimmen im innen und außen, die dann hochemotionale, frame-sichernde Dinge wie „Untergang des Abendlandes“, „Chaos“ oder „Apokalypse“ rufen.

Entdeckungsmöglichkeiten für die eigene „Irrationalität“, die zuverlässig alle Einsicht überlebt, finden sich heute überall. Und wenn man es im wahren Leben gern ignorieren möchte, so findet man es – intellektuell gut aufbereitet – heute bei Autoren wie z.B.  ob bei Dan Ariely, bei Noni Höfner oder Björn Süfke.

Ich nenne „Irrationalität“ ja lieber ganz wertungsfrei „Gefühle“. Und die lassen sich nicht durch Einsichten ändern.

Auch wenn ich es hier als alter Rationalist mal wieder versucht habe und immer weiter und wieder versuche…


Gefühle sind Informationen über innere Zustände / Bedürfnisse. Mentale Frames sind allein schon deswegen emotional geladen, weil sie die Operationsfähigkeit des Bewusstseins aufrechterhalten helfen. Was da also so schreit, wenn wir den Rationalismus-Frame in der Politik in Frage stellen ist nicht mehr und nicht weniger als das Bedürfnis, ohne Unterbrechung handlungsfähig zu bleiben.

Dass sich nach dem Bruch eines Frames schnell ein neuer Frame findet, der unsere Handlungsfähigkeit wieder herstellt, interessiert unser Bewusstsein wenig: Solange es stabil seinen Frame irgendwie aufrecht erhalten kann, wird es das tun. – Auch gegen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, alle medial kolportierten „Fakten“ und alle persönlichen Erlebnisse.

Frames nachhaltig überwinden, indem sie durch neue ersetzt werden, die uns andere Handlungsmöglichkeiten öffnen, das aber geht meines Wissens nur in guten Beziehungen.

Gute Beziehungen, „in denen wir darüber offen reden können“, machen für uns denjenigen Stress überhaupt erst aushaltbar, den eine Frame-Ablösung für uns immer unweigerlich bedeutet.

 

 

 

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