Lese grade wieder Rorty’s „Kontingenz, Ironie und Solidarität“. Ein wichtiges Buch für mich, das mir damals, vor vielleicht 15 Jahren, viel gegeben hat und das immer noch „mitwabert“ in vielem, das ich denke.

Und man ändert sich ja. Ein paar kurze Notizen, was mir bei diesem Mal Lesen auffällt:

  • Rorty’s Snobismus nervt mich.
  • Ich kann mit Formulierungen wie „den besonders Begabten – denen, die fähig zur Autonomie sind“ nichts mehr anfangen. (S. 230). Wer heute noch glaubt, es gäbe „langweilige Menschen“, war noch nicht mit vielen von ihnen im full contact sport zugange. Dabei wird man nämlich unvermeidlich sehr schnell eines anderen belehrt.
  • Ich finde Derrida jetzt sympathischer, glaube diesmal in Rorty’s Darstellung mehr davon zu verstehen, worum es Derrida gegangen sein könnte, finde ihn zugleich aber noch uninteressanter als damals.
  • Ich habe derzeit größere Zweifel am Sinn der Unterscheidung privat/politisch, die Rorty in seinem Buch auflädt und die ihm die These ermöglicht, man könne die ganzen totalitären Knalltüten in der Philosophie dadurch entschärfen, dass man sie als „Privatleute“ umversteht. Mir kommt es so vor, als ob diejenigen, die er „in ihrem Streben nach Autonomie“ bewundert, einfach mächtig einen an der Klatsche hatten. Sehr viel Bewunderungswürdiges kann ich nicht wahrnehmen. Der social impact, den sie mit ihrer beziehungsfernen und unverbundenen Denke hatten, beunruhigt mich aber mehr denn je.
  • Ich finde Rorty’s Verständnis, was ein „Liberaler“ ist, sinnvoller und wundervoller denn je. Rorty’s eigenen Konflikt zwischen Mitgefühl und Hochgefühl kann ich nachvollziehen.
  • Ich kann die Sache mit der universellen Kontingenz nicht mehr ganz mitgehen, da ich mittlerweile die universelle Wirksamkeit von menschlichen Bedürfnissen und Beziehungsdynamiken annehme und mich deren konkrete Auswirkung in konkreten Situationen mehr interessiert. Bin wohl ein Anthropozentristischer Metaphysiker oder sowas. Ist mir aber komplett wurscht, wie das, was ich denke, in philosophisch verhunzten Augen aussieht. Meine Referenz findet sich an Orten, zu denen den Bezug verloren zu haben Philosophie ermöglicht, bedeutet und ist.
  • Ich finde die Formulierung „Abschließende Vokabulare“ weiterhin smart, aber nicht mehr so wichtig. – Man könnte auch von „Frames“ sprechen, um ähnliches zum Thema zu machen. Generell machen Erfahrungen in Coaching und Therapie spürbar, dass Sprache im Zusammenspiel mit Körperlichem wirksam ist und der reinen Selbstbezüglichkeit von Sprache etwas fehlt, das ihr überhaupt erst „Sinn verleiht“. Der Körper kommt in Rorty’s Ausführungen nicht vor. In dieser Hinsicht könnte man ihn als erstaunlich „platonisch“ wahrnehmen.
  • Ob ich mich noch als „Ironikerin“ in Rorty’s Sinne verstehen will? – Keine Ahnung. Die Ankerung starker Wertungen in nichts weiterem als in der eigenen Affirmation scheint mir weiterhin sinnvoll zu sein, tief „humanistisch“ im besten Sinne. Das Zwanghafte in der Angst, von den eigenen Frames nicht nur gehalten, sondern auch in einem Gefängnis festgehalten zu werden, das einen „unter seinen Möglichkeiten bleiben lässt“, erscheint mir nichts anderes als krank. Oder milder: Unnötig. Unsere Frames werden heute ständig herausgefordert. Durch andere Menschen. Autistischer Selbstumbau im sozial- und selbstenfremdeten Raum ist eben Autistischer Selbstumbau im sozial- und selbstenfremdeten Raum. – Oder ich würde das heute als traurigen Reflex auf eine Gesellschaft beschreiben, die von Autistischem Selbstumbau erst zu einer Gesellschaft gemacht wurde, auf die bestimmte Menschen wiederum mit Autistischem Selbstumbau reagieren. – Die Philosophie als Anti-Soziale Persönlichkeitsstörung, als fehlende Bewältigung von Traumata, die im zwischenmenschlichen Miteinander erlitten wurden, aber nicht in heilsame Beziehungen überführt wurden. Und sich seitdem fortschreiben und immer wieder und immer weiter fortschreiben. Ich kann mir heute wünschen, es möge nicht nur deutlich weniger Philosophen (Menschen, die sich für philosophische Texte begeistern) geben, sondern genauso auch deutlich weniger zwanghaft originell-sein-wollende. Wohin das Zeug kanalisiert wird, ist für mich mehr Symptom, deren „langweilige“ psycho-soziale Formen deutlich mehr Aufmerksamkeit verdienen als die Symptome selbst. Auch dass Ironikerinnen weniger Schaden anrichten als klassische Theoretiker im Sinne Platons, scheint mir Zweifelhaft. Beide ziehen sehr effektiv Aufmerksamkeit von dem ab, was mir deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient zu haben scheint. Zwei verschiedene Geschmacksrichtungen von Mindfuck. – Ich denke, für die Figur der Ironikerin zumindest in Rorty’s Sinne habe ich kaum Verwendung mehr.
  • Möglicherweise kann ich mir wieder neu eingestehen, in der Philosophie „immer schon“ etwas gesucht zu haben, das dort nichts verloren hat und schlecht aufgehoben ist. Etwas, das durch sie viel verloren hat.
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