Nein, es geht in diesem Artikel nicht um eine Klicke von Super-Empathen, die sich „die Macht im Staat“ unter den Nagel reißen und damit die Welt beglücken soll. – Das wäre ziemlicher Schwachsinn, wenn man sich anschaut, was Empathie ist und worin sie besteht. Und zugleich, was politische Macht ist und worin sie besteht. Denn dann wird man ein gewisses wechselseitiges Abstoßungsverhältnis zwischen beidem wahrnehmen: Menschen in Machtpositionen tun sich sowohl schwer damit, Empathie von anderen zu bekommen, als auch damit, empathisch mit anderen zu sein. Aus systemischen, positions-bedingten Gründen, die wenig bis nichts mit ihnen als Individuen zu tun haben.

„Empathischer Totalitarismus“ ist vielmehr der Versuch eines Begriffs für die Annahme, dass es uns unmöglich ist, einander zu begegnen, miteinander zu tun zu haben und miteinander zu kommunizieren, ohne dass wir Einfluss auf das vorhandene Empathieniveau nehmen. Sowohl in Begegnungen, gemeinsamem Handeln und in zwischenmenschlicher Kommunikation ist der Fall, dass die Interaktion keine Wirkung auf die vorhandene Empathie hat, extrem unwahrscheinlich. – Wir könnten dazu auch frei nach Watzlawick sagen: „Du kannst nicht empathiewirkungslos kommunizieren“.

Egal ob wir einen Raum betreten, ob wir auf der Straße unterwegs sind, ob wir unseren Beruf ausüben, uns mit Freunden oder Verwandten treffen, ob wir einkaufen oder einer anderen Beschäftigung nachgehen: Sobald wir dabei mit anderen Menschen in Berührung kommen, haben wir Einfluss darauf, ob das Empathieniveau zwischen uns, bei uns und bei den jeweilig involvierten Mitmenschen steigt oder sinkt. – Wir haben allerdings keinen Einfluss darauf, dass das unweigerlich passiert. Wir können uns wünschen, dass Empathie keine Rolle spielen soll oder von unserem Agieren unbeeinflusst bleiben soll. Dieses Wünschen ändert aber nichts daran, dass „es uns dennoch unweigerlich passiert“, dass wir Einfluss nehmen, in Richtung auf weniger oder mehr Empathie.

Selbst in Momenten, in denen wir allein sind und derzeit offensichtlich nicht mit anderen Menschen interagieren, haben wir diesen Einfluss: Wir sind in diesen Zeiträumen und Situationen mehr oder weniger mit uns: mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen verbunden. Bzw. genauer: Wir verbinden oder entbinden uns von ihnen durch die Art und Weise, „wie wir da sind“ und wohin wir unser Bewusstsein und Aufmerksamkeit lenken und wohin gerade nicht. Und wie wir auf aufsteigende Gefühle und vorhandene Bedürfnisse reagieren, was wir mit ihnen anfangen. – Und all diese Umgangsformen mit uns selbst zahlen wiederum direkt auf unsere Möglichkeiten ein, in unseren nächsten Interaktionen mit anderen…

…das vorhandene Empathieniveau zu steigern oder zu senken.

Ob wir also wollen oder nicht: Wir sind ständig mit anderen verbunden. Und wir haben ständig Einfluss auf das Empathieniveau „der Welt“ oder „der Gesellschaft“, was in diesem Fall so ziemlich das Gleiche sein dürfte.


„Freiheit ist Bei-sich-sein im Anderen“, so eine der vielen Freiheits-Definitionen Hegels. Wenn wir diese Definition in Zusammenhang mit  unserem mehr oder weniger empathischem Dasein und Tätigsein betrachten, verschwimmen die Grenzen zwischen Selbst- und Anderempathie: Es geht dann um die Gleichzeitigkeit der Wahrnehmung von emotionalen Impulsen, die bei mir als Mensch und bei anderen Menschen auftreten. Diese Impulse werden dabei nicht ununterscheidbar und unzurechenbar, aber die Wertigkeit, all das Fragen nach „Egoismus vs. Altruismus“ macht dann nur noch wenig Sinn. Ich begegne mir im Anderen selbst und der Andere begegnet sich in mir. Und dass wir „Getrennte“ sind, verschiedenartigste Menschen mit verschiedenartigsten Äußerungen unserer gleichartigen Gefühle und Bedürfnisse, fällt demgegenüber deutlich weniger ins Gewicht als in einem Bewusstsein, dass die menschliche Getrenntheit absolut setzt. Das Verschiedenartige wird immer interessant und spannend für uns sein. Doch es ist nur möglich auf der Grundlage fundamentaler Gemeinsamkeiten, die ein tiefes Verständnis, Einverständnis und Wiedererkennen zwischen Menschen und selbst anderen Lebewesen ermöglichen.

Das, was ich hier versuchsweise „Empathischer Totalitarismus“ nenne, ist kein moralischer Standpunkt. Es ist eine Beschreibung, die in sich selbst manche Wahrnehmungen als relevanter für uns als andere setzt. In meinen Begriffen ist das nicht mehr oder weniger als ein Vorschlag, den man verwerfen oder annehmen kann. Es kann niemals einen „empathischen Imperativ“ geben, weil Imperative selbst unempathisch sind, ein unmittelbarer performativer Selbstwiderspruch.


Wir können zugleich sehen, dass unser Empathieniveau in vielen Situationen, in vielen Beziehungen und in vielen gesellschaftlichen Institutionen vergleichsweise gering ist.

Doch wird sich das, sofern wir uns das überhaupt wünschen, nur durch jene Form des Einflusses jemals ändern, der wir selber sind.

Unweigerlich.

Im oben beschriebenen Sinn.

Es gibt kein Entkommen für uns vor der Bedeutung, die Empathie für uns hat. Und es gibt kein Entkommen für uns davor, dass wir einen gewichtigen Unterschied machen in Sachen Empathie. Einen Unterschied für uns selbst und andere. Das gilt selbst noch in unseren asozialsten und menschfernsten Situationen und Zuständen.

Diese Annahme nennen ich „Empathischer Totalitarismus“. Ein anthropozentrisches Konzept, zugegeben. Aber damit zugleich ein selbstreflexives Konzept. Mir hat man ja mal beigebracht, dass nur die was taugen würden. Ich hab das gekauft. Es erschien mir stimmig. Daran ändert für mich auch ein Zeitalter wenig, das sich zunehmend schwer zu tun scheint, Narzissmus und Selbstreflexion voneinander zu unterscheiden.


Wenn Empathie nun ein für uns derart „totalitäres“ Phänomen ist, könnte man meinen, dass es kein „Außen“ hat. Also kein Anderes. Und damit keinen Unterschied macht in dem Sinne, dass ein Unterschiedenes erst einen Unterschied durch das macht, von dem es unterschieden wird (Einheit der Unterscheidung, die Klassiker sind hier wiederum: Hegel, aber auch George Spencer Brown mit seinen „Laws of Form“).

Wäre dem so, brauchte man über Empathie kein Wort zu verlieren. Sie wäre da wie die Luft zum Atmen, die man gerade dann nicht bemerkt, wenn sie vorhanden ist, weil sie immer vorhanden ist.

Wir wissen nun aus eigener, leidvoller Erfahrung, dass dem nicht so ist. Empathie glänzt durch Abwesenheit. Abwesenheit sowohl in unserem eigenen Verhalten als auch im Verhalten anderer Menschen als auch in strukturell reproduzierten Situationen, die das Auftreten oder besser: Praktizieren von Empathie systematisch erschweren.

Während Empathie nur durch unser Handeln vermehrt werden kann (und somit leicht für ein „ethisches Verhalten“ gehalten werden kann), kann sie durch Strukturen und Institutionen verringert werden. Stichpunkt ist hier wieder einmal: „Macht“ im Sinne Thomas Gordons, also die Fähigkeit eines Menschen, einen anderen Menschen einseitig zu belohnen oder zu bestrafen, um ihn zu einem Verhalten zu bewegen, dass dem „Machthaber“ wünschenswert erscheint. Sobald so verstandene „Macht“ im Spiel ist, wird Empathie unwahrscheinlich.

Nun ist es zwar auch unser Handeln, das sich unmittelbar auf das Absenken des Empathieniveaus auswirkt (in uns, in anderen, in Situationen). Aber da wir uns in machtasymmetrischen Situationen unmenschlich schwer tun, weiterhin Empathie zu praktizieren (wiederum ununterschieden: Selbstempathie und Anderempathie), können wir das Nicht-Vorhanden-Sein von Empathie mit gleich guten Gründen auf Personen wie auf Situationen zurechnen.

Wir haben sowohl die Freiheit, uns in empathisch/nicht-empathisch zu verhalten. Als auch haben wir diese Freiheit gerade nicht, uns zwischen beidem zu entscheiden. Letzteres genau in den Fällen, in denen strukturell-situative Machtasymmetrien objektiv gegeben sind.

Um also aus dem Nicht-Vorhandensein von Empathie ein ethisches Thema machen zu können, müssten wir uns in einer institutionell-systemisch idealen Welt bewegen. Und wir alle wissen intuitiv, dass dem nicht so ist. Stattdessen haben wir es in unserem Alltag permanent mit denjenigen Unmöglichkeiten zu tun, die Macht/Ohnmacht gleichermaßen auslösen.

Wir können also sagen: Tritt Empathie auf, so ist sie entweder „heroisch-märtyrerisch“ – Nämlich genau dann, wenn die institutionell geformten, situativen Rahmenbedingungen ihren Auftritt extrem unwahrscheinlich, weil individuell riskant und kostspielig machen. Oder sie ist „gute Selbstsorge“, weil die Bedingungen günstig sind (es gibt gerade keine Machtasymmetrien in den besagten Situationen), so dass Nicht-Empathie massive Selbstschädigungen bedeuten würde. Nichtsdestotrotz ist über „Traumata“ oder einfach: über Prägungen und Gedächtnisse damit zu rechnen, dass auch das auftritt: Dass wir Empathie nicht nutzen, obwohl es uns durch sie besser gehen würde, obwohl aktuelle Rahmenbedingungen empathisches Verhalten nicht sanktionieren und nicht überwältigend kostspielig für uns machen. – In der Regel sprechen wir in Bezug auf solche vergangenheitsrationalen Empathieblockaden verkürzend und wenig einsichtsvoll von „psychischen Krankheiten“.

Fehlt Empathie, so ist das entweder eben eine solche Selbstschädigung, die im Grunde nur durch vorhandene Traumata und Verletzungen der Psyche in der Vergangenheit erklärt werden kann. Unser unempathisches Verhalten folgt dann der Ratio einer vergangenen, nicht mehr präsenten Situation. Oder das Fehlen von Empathie ist deswegen „völlig rational“, weil das Praktizieren von Empathie einen individuellen Preis  verlangt, der in der gegebenen Situation, unter den gegebenen Rahmenbedingungen so hoch ist, dass wir darauf verzichten. In der Regel geht es dann „zumindest gefühlt“ ums Überleben.


Wir kommen alle aus einer traumatischen sozialen Vergangenheit, in der Gewalt „normal war“ und Spuren in der kollektiven Psyche hinterlassen hat. Diese Spuren haben sich auch in der Form bestimmter Institutionen niedergeschlagen, die wir Narben im Gewebe der Gesellschaft liegen. Sie sollen uns schützen vor weiteren Wunden. Sie setzen dabei aber zugleich ein fortgesetztes Gewaltniveau voraus, dass sie durch ihr pures Bestehen weiter Triggern. Sie schaffen ihren eigenen fortgesetzten Bedarf. Sie schaffen die Fortsetzung ihrer „Notwendigkeit“.

Die Frage, wie diese zweite Haut von uns abfallen kann, ist die Frage, über die sich „gesellschaftlicher Fortschritt/Rückschritt“ entscheidet.

Nach allem, wie es bisher aussieht und sich anfühlt, werden wir hier über Wagnisse der Empathie und eine recht konsequente Alltagspraxis nicht herumkommen.

Da Institutionen Empathie nicht erzeugen können, sondern nur blockieren, ist es an uns, gesellschaftlichen Fortschritt zu ermöglichen, der möglicherweise irgendwann so weit geht, dass bestimmte Institutionen hinreichend vielen Menschen als hinreichend überflüssig erscheinen. Institutionen, die Machtasymmetrien zwischen uns Menschen sowohl stabilisieren als auch immer wieder neu hervorrufen. Und die die natürliche Praxis der Empathie bis hin zur Beinahe-Unmöglichkeit erschweren.

Es gibt keine Gegenkraft, auf die wir dabei zählen können, um uns aus diesem Teufelskreis zu befreien.

Es liegt wirklich an uns. Ob wir das nun großartig finden oder zum Fürchten. Es ist wohl beides gleichzeitig.

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