In einer sozialen Umwelt, die uns Verbundenheit auf viele Arten erschwert, fällt der Mythos des heroischen Einzelnen auf fruchtbaren Boden. Wir fühlen uns bereits allein gelassen. Wir fühlen uns bereits so, als ob wir einen harten Kampf führten, bei dem es darum ginge, nicht zu jammern, sich nicht zu beklagen, es mit sich alleine auszumachen – und andere nicht mit unserem inneren Schmerz und unserer Einsamkeit zu belästigen.

Was wir denken können, ist verknüpft mit dem, wie wir leben. Wie wir leben, ist verknüpft mit dem, was wir uns vorstellen können, mit unseren „frames“. Es ist ein Zirkel. Ohne Anfang, ohne Ende, ohne Ursache. In einen Zirkel können wir überall „intervenieren“, es gibt keine falsche oder richtige Stelle dafür. Unser Sein bestimmt unser Bewusstsein nicht mehr oder weniger als unser Bewusstsein unser Sein bestimmt. Alle Fragen nach Freiheit oder Determinismus, nach Egoismus oder Altruismus sind nur ablenkendes Geplänkel.

Das Asoziale und Trennende jeder „schlüssigen Theorie“

Wir sind von Anfang an bis zum letzten Ende soziale Wesen. Weder kommen wir noch sind wir noch gehen wir allein. Wir sind soziale Wesen in einem ebenso körperlichen wie seelischen Raum, der nur in solchen Hinsichten „ein in sich geschlossenes System“ bildet, die allzu absichtlich von allem absehen, das für uns wertvoll und wichtig ist. Solche „Theorien“ haben nicht den geringsten Wert, auch wenn das ihren Liebhabern anders erscheint. Doch lässt man sich mit diesen verirrten Liebenden auf engeren, menschlichen Kontakt ein, so kann man fühlen, in welchem wenig beneidenswerten Zustand sie sind: Sie haben sich selbst in Gefängnisse eingeschlossen, die sie von anderen Menschen trennen. Sie haben sich eingeschlossen, um sich vor dem Schlimmen zu schützen, das sie im zwischenmenschlichen Kontakt vermuten. Und ihre Theorien sind nur der willkürliche Akt, den Schlüssel der Tür zu ihrem selbstfabrizierten Gefängnis möglichst weit weg zu werfen.

Doch der Schlüssel ist nicht verloren. Es mag sein, dass sie ihn so weit wegwerfen konnten, dass sie selbst nicht mehr an ihn herankämen, selbst wenn sie das „in einem schwachen Moment“ wollten, den selbst ein entschiedener Lonesome Hero immer mal wieder haben kann.

Wenn wir unseren Gefängnisbau weniger schlüssig gestalten; wenn wir „Lücken“ gelassen haben, um einander zu begegnen und zu berühren; wenn wir gelegentlich im Freien der sozialen Wildbahn herumstreunen, dann können wir gelegentlich die Schlüssel nehmen und den anderen in seinem Gefängnis besuchen. Denn die Schlüssel von jedem sind irgendwo da draußen, dort, wo er sie hingeworfen hat, aber nicht mehr selbst erreichen kann.

Niemand, der sich in den gut gebauten Frame einer Theorie eingesperrt hat, ist erfreut über Besuch aus Fleisch und Blut. – Doch nicht lästig fallen zu wollen ist auch nur „another brick in the wall“.

Es ist das größte Wagnis, das ein Mensch eingehen kann, darauf zu verzichten, Mauern zu bauen. Und für einen Menschen, der ein Meister im lückenlosen Mauerbau ist: für einen Theoretiker, ist es bereits eine heroische, eine unglaublich mutige Tat, kleine Lücken in den eigenen vier Wänden zu lassen. Lücken, durch die menschlichen Fingern zarte Berührungen möglich sind.

Der Horror jeder Theorie ist die Berührbarkeit. Der Horror eines jeden menschlichen Lebens sind schlüssige Theorien, die Sicherheit vor dem Leben da draußen versprechen.

Und es sind nicht wenige Gefängnisinsassen, denen es vor nichts mehr graut als vor der Entlassung. Sie fürchten sich, dass sie nicht überleben werden, unter Menschen.

Und sie haben recht: Wirklich unter Menschen zu sein, bedeutet spürbar, jeden Tag zu sterben.

Die magische Anziehungskraft von Gefängnissen

Doch vielleicht gibt es noch ein größeres Wagnis für uns Menschen als das Wagnis, unser Gefängnis schlecht zu bauen: Es besteht darin, andere Menschen in ihren gut gebauten Gefängnissen zu besuchen. In ihrer selbstaufrechterhaltenen Einzelhaft. Denn bei solchen Besuchen werden wir mit unserer eigenen Berührbarkeit und Verletzlichkeit konfrontiert, was für sich schon unaushaltbar schmerzhaft sein kann. Und darüber hinaus sind wir bei solchen Besuchen von Menschen in ihrer selbstgemachten Einzelhaft auch noch mit einer verführerischen Aussicht und mit einem vernichtenden Urteil konfrontiert: Solche Besuche sind geeignet, in uns den Gedanken zu nähren, wir könnten und sollten unsere eigenen Mauern besser bauen. Wir werden konfrontiert mit der Großartigkeit der Mauerbaukunst, gegen die unsere eigenen „Gedankengebäude“ lächerlich, schäbig und eben: lückenhaft anmuten.

Das Gefühl der theoretischen Großartigkeit ist möglicherweise eine der wirksamsten Betäubungsmittel, wenn es darum geht, unseren Schmerz über die scheinbar unvermeidbare menschliche Einsamkeit niederzuringen. Unsere Unerfülltheit nicht mehr wahrzunehmen. Die Wucht unserer Leere nicht mehr zu spüren. Unsere Angst vor Verlassenheit zu verdrängen. Unsere Sehnsucht zu verleugnen, unsere Sehnsucht danach, von anderen Menschen berührt und gehalten zu werden. Und stattdessen die uneingeschränkte Kontrolle des strahlenden Helden zu erlangen, der Herr der Lage ist.

Das Ideal aller Theoretiker dieser Welt ist vollkommene Unempfindlichkeit. Ist vollkommene Schmerzbefreitheit. Ist vollkommene Einsamkeit.

Gespräche mit guten Theoretikern können daher unseren Glauben bestärken, es sei ein Fehler von uns, dass wir noch empfinden. Dass wir mit unseren unerfüllten Bedürfnissen in Kontakt sind. Dass wir uns nicht gut genug betäubt und nicht gut genug eingeschlossen haben. Dass unsere Gedanken „logische Lücken“ haben.

Von Gefängnisbesuchen in schlechtem eigenen Zustand sollte man daher möglicherweise Abstand nehmen. Sie bergen das Risiko, an Gefängnissen Gefallen und im Gefängnisbau Beruhigung zu finden.

Vielleicht können wir stattdessen zum Mythos des heroisch Unvereinzelten beitragen. Indem wir „in freier Wildbahn“ bleiben: In Gemeinschaft, in Kontakt, in unmittelbarem Austausch, in Konfrontation, in Liebe.

Advertisements