„In aller Rhetorik steckt die Gefahr der Selbstüberredung, auch und erst recht in der philosophischen.

(Hans Blumenberg, Einleitung zu „Wirklichkeiten in denen wir leben“, Reclam 1981, S. 5)

1971 hat der deutsche Philosoph Hans Blumenberg seinen Aufsatz „Anthropologische Annäherung an die Rhetorik“ erstmals veröffentlicht, der dann nochmals 1981 in einem dieser gelben Reclam-Bändchen erschienen ist.

Es gehört zur Originalität Blumenbergs, dass er nicht nur philosophische Bilder und Begriffe im Wandel der Zeiten verfolgen konnte, sondern dass er dabei zugleich auch das erstaunlich Ungebrochene wahrnehmbar macht, dass viele Philosopheme auch heute noch an den Tag legen.

Eines dieser ungebrochenen Philosopheme ist unser ungebrochenes Misstrauen gegenüber der Rhetorik. Ein Misstrauen btw, das ein recht handfestes Indiz gibt, in welchem Ausmaß wir alle gemeinsam auch heute noch den vollständigen Sieg des Platonismus verkörpern.

Die politischen Zeitläufte haben dazu geführt, dass derzeit Begriffe wie „Fake-News“, „postfaktisch“ und „Alternative Fakten“ häufige Verwendung finden. Und es ist unser Platonismus, mit dem wir in dem offensiven Gebrauch rhetorischer Mittel der Trump-Administration oder weniger atomar ausgestatteter Rechtspopulisten eine größere Gefahr wahrnehmen als in dem Umstand, dass sich diese Menschen in einem Zustand befinden, in dem sie äußerst dringend eines für sie emotional relevanten Feedback durch uns bedürfen. Eine Eigenschaft, die sie mit allen eingefleischten Psycho- und Sozialtheoretikern teilen. Über alle Orte und Zeitalter hinweg.

Blumenberg ist einer der wenigen Philosophen, die der Tatsache eine philosophische Bedeutung zugeschrieben haben, dass sich Platons Philosophie der Sophistik als Aufbaugegners bedient hat. Und dass „Rhetorik-Bashing“ damit an einem der vielen Anfänge des Abendlandes steht. – Die Haupttradition der Philosophie betrachtet die Rhetorik nicht als philosophisch ernstzunehmende Position, sondern als minderbemittelten Sparringspartner, dessen einzig erwähnenswerte Leistung darin besteht, von einem ihrer Champions bei seinen Aufwärmübungen mehrfach „fertig“ gemacht worden zu sein.

Diese Auffassung teilt der Geistesgeschichts-Phänomenologe Blumenberg nicht. In seinem Aufsatz „Anthropologische Annäherungen an die Rhetorik“ legt er die Möglichkeit einer genuin philosophisch-rhetorischen Position nahe, die der platonischen Tradition möglicherweise mehr als nur gewachsen ist.

Aus meinem Eindruck heraus, dass die derzeitigen politischen Vorgänge fatalerweise immer noch im platonischen Paradigma interpretiert werden und ihre für uns weitaus wichtigere soziale Dynamik eben dadurch viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt, möchte ich mich hier Blumenbergs Aufsatz zuwenden. – Wenn ich dabei sage, dass die soziale Dynamik der Rhetorik deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient hat, als sie durch eine platonische Brille betrachtet bekommen kann, so bedeutet das vor allem eins: Eine heute vollkommen unnötig gewordene Begrenzung unserer Reaktionsmöglichkeiten, Handlungsmöglichkeiten, unserer Findigkeit und unseres Pragmatismus in Gesprächen und Interaktionen mit anderen Menschen.

Unser Platonismus hat uns auf den Erwerb von Wissen konditioniert – und dabei en passant unsere natürlichen Möglichkeiten korrumpiert, gut miteinander auszukommen.

Es gibt also gute Gründe, heute Blumenbergs „Anthropologische Annäherung an die Rhetorik“ wahrzunehmen.

Der Mensch: Ein Mängelwesen mit natürlichem Rhetorik-Bedarf

Auf den ersten beiden Seiten des Aufsatzes konfrontiert uns Blumenberg mit dem Gegensatz zwischen der Mensch-als-Mängelwesen-Theorie und der Mensch-als-Krone-des-irdischen-Seins-Theorie. Er koppelt diese beiden einander tödlichen Feinde an zwei unterschiedliche Auffassungen von Rhetorik: Die Auffassung, dass Rhetorik der Wahrheit zu dienen habe, und die Auffassung, dass Rhetorik ein für uns Menschen überlebenswichtiges Mittel ist, da wir keinen Zugang zur Wahrheit haben.

Soweit so bekannt. Zumindest unter Menschen, die sich für antike Philosophie interessieren.

Blumenberg nutzt diese doppelte Entgegensetzung zweier verschiedener Anthropologien, Erkenntnistheorien und Rhetorik-Verständnisse nur als Aufhänger, um darauf folgende Pointe zu setzen:

„Die Technik der Rede erscheint dabei als der spezielle Fall von geregelten Weisen des Verhaltens, das etwas zu verstehen gibt, Zeichen setzt, Übereinstimmung bewirkt oder Widerspruch herausfordert. Ein Schweigen, eine sichtbare Unterlassung in einem Verhaltenskontext können so rhetorisch werden wie ein vom Blatt abgelesener Aufschrei des Volkszorns, und der platonische Dialog ist nicht weniger zur Rhetorik aufgelegt als der sophistische Lehrvortrag, gegen den er literarisch angetreten ist. Rhetorik ist, auch unterhalb der Schwelle des gesprochenen oder geschriebenen Wortes, Form als Mittel, Regelhaftigkeit als Organ. NIETZSCHE mag fehlgegangen sein mit der Feststellung, Platos Kampf gegen die Rhetorik sei aus dem Neid auf ihren Einfluss zu verstehen, aber hat recht, wenn er an derselben Stelle sagt, die Griechen hätten mit der Rhetorik die ‚Form an sich‘ erfunden.“ (Blumenberg, ebd., S. 106)

Platon zeigt sich in seinen Dialogen als begnadeter Rhetoriker. Wir erleben aber in unserer heutigen Zeit gerade, dass Rhetoriker, die sich um die Ängste Platons recht unbekümmert zeigen, diejenigen unter uns am Nasenring durch die öffentlichen Arenen ziehen, die auch heute noch brave Platoniker sind. Brave Platoniker zeigen sich heute jenen anderen gnadenlos unterlegen, die ein „rein instrumentelles Verhältnis zur Wahrheit pflegen, wenn überhaupt irgendeines“.

Das könnte einem zu denken geben.

Tut es aber in der Regel nicht. Hillary Clinton war beispielsweise in der Lage, sich gleich zweimal auf für sie überaus schmerzhafte Weise einem anti-rhetorischen Platonismus in die Arme zu werfen. Auch die Verarbeitungszeit von 8 Jahren zwischen diesen beiden politischen Niederlagen scheint ihr kein bisschen hilfreich gewesen zu sein, jenen platonischen Frame abzuschütteln, der ihr die erste Niederlage eingebrockt hatte.

Frames sind hartnäckig. Wenn uns niemand unterstützt, der uns mag und den wir mögen und der uns zugleich mit uns selbst konfrontiert, verlieren wir Frames nur auf die harte, auf die für uns zutiefst traumatische Tour. Und manchmal umarmen wir sogar lieber innig dieses Trauma, als unseren Frame mitloszulassen. Schmerzen, die wir uns selbst über ungeeignetes Verhalten zufügen, garantieren keineswegs, dass wir jenes Verhalten verändern. Dieser Effekt scheint mit der Größe der Schmerzen manchmal mehr zuzunehmen als abzunehmen, zumindest in komplexen Zusammenhängen, die nicht dem mechanischen Muster „Finger auf heißer Herdplatte“ entsprechen.

Und – ist es wirklich nötig, das eigens zu erwähnen? – beinahe alles Zwischenmenschliche ist ein „komplexer Zusammenhang“.

Der Fall „Platon und Thukydides vs. die Rhetorik“

Es war jedoch immer schon ein Mangel von uns Philosophen, dass wir uns so auf „das reine Denken“ und auf die semantischen Aspekte der Sprache kapriziert haben. Weder Blumenberg noch einer der vielen anderen philosophischen Anti-Platoniker ist da eine Ausnahme.

Denn zur Vernachlässigung der pragmatischen Anteile der Sprache gehört auch eine auffällige Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass es nichts weniger als gleichgültig ist, wer ein Argument vorbringt. Zu dem „Wie“ des Vortrags, zum pragmatischen Anteil der Rede, gehört eben auch das „Wer“ diesen Vortrag hält.

Diese Tilgung des Pragmatismus vollzieht sich ebenfalls bereits bei Platon. Platon mag ein großartiger Denker und ein noch größerer Dramatiker gewesen sein. Aber er war mit recht großer Sicherheit nicht das, was ihn selbst an seinem Spiritus Magnus Sokrates so fasziniert hatte: Eine großartige Persönlichkeit. Denn diese lässt sich anders als „die Regeln der Rede“ nicht einfach duplizieren, vervielfältigen, sicher herstellen. – Mit beim einen mehr oder bei einer anderen weniger Übung (die universelle Einheit für „Talent“).

Wenn man so will, haben mit der Philosophie „die Nerds der Antike“ die Rhetorik gekapert. Menschen, denen Kontrolle und Reproduzierbarkeit über alles ging, denen Zufälligkeit und Emotionen ein Graus und soziale Verbundenheit bestenfalls egal waren, wurden zum Menschen-Ideal erhoben. Technizistischen Autismus aus der Mathematik in die Politik zu bringen, das war das Projekt Platons.

Auch deswegen Platon baut die Figur seines Sokrates als Anti-Redner auf, der die offiziellen Bühnen meidet und die adligen Sprösslinge Athens privatissime zur Philosophie verführt.

Der Zusammenhang, dass sich das Gute der Rhetorik nicht herstellen lässt, findet sich in aller Deutlichkeit bei jenem anderen großen politischen Pessimisten, den die Polis Athen hervorgebracht hat: Thukydides. In der „Perikles-Rede“ seiner historischen Darstellung des Peloponnesischen Krieges zeichnet er zunächst plastisch das Gute, das ein „guter Anführer“ für das politische Gemeinswesen bedeutet. Perikles ist in Thukydides Darstellung ein Psychagoge, ein „Seelenleiter“ im besten Sinne des Wortes. – Alle Unternehmen der heutigen Welt wünschen sich solche Führungskräfte. Allein, trotz aller Trainings, scheinen diese schwer zu finden zu sein. – Thukydides dramatisiert dann den Kriegsverlauf zwischen Athen und Sparta so, dass die Logik besagt: Sobald dieses Gut eine Ausfallerscheinung ist, geht es auch automatisch bergab mit der guten Gesellschaft. Zum Krieg gesellt sich der Bürgerkrieg. Und der besteht in grausamsten Gemetzeln zwischen Menschen, die gestern noch befreundet schienen. Was gestern Tugend war gilt heute als Schwäche, etc.

In all das kann man sehr leicht die momentane Entwicklung der westlichen Demokratien hineinprojizieren. Einschließlich des Wechsels des bevorzugten Mediums des demokratischen Austauschs von offiziellen Presse-Organen zu quasi-privaten sozialen Netzwerken.

Solche Projektionen blenden freilich sehr viel aus, dass unsere heutigen Großgesellschaften sich in vielen Aspekten ganz gewaltig von den kleinen Stadtstaaten der Antike unterscheiden. Interessant bleibt aber die Frage danach, ob die psychische Verbindung zwischen Menschen sich wohl rein technisch (durch Insitutionen und Regeln der Rede, durch „Züchtung“ großartiger Persönlichkeiten) herstellen läßt oder ob es Ausnahmebegabungen braucht und Wohl und Wehe der gesellschaftlich verfassten Menschheit reiner Zufall ist, wie das ein zutiefst enttäuschter Thukydides uns nahezulegen versucht.

Die Politik-Verachtung Platons ist letztlich der Annahme geschuldet, die er mit Thukydides teilt: Dass Wohlergehen in der Politik reiner Zufall ist. Während Thukydides das jedoch durch den Zusatz ergänzt: „Dieser Zufall besteht im zufälligen Vorhandensein/Nicht-Vorhandensein einer Perikles-Gestalt, die als rhetorische Naturbegabung das Gemeinwesen seelisch in der richtigen Weise bewegt“, ergänzt Platon diese Annahme durch den Satz: „…, solange die Könige nicht Philosophen und die Philosophen nicht Könige sind.“ Eine Ergänzung, die nicht nur zur Verfassung seiner belehrenden Dialoge führte, sondern vor allem zur Gründung der platonischen Akademie, in der jene zukünftigen Könige gezüchtet werden sollten. Platon ist also Erfinder der Experto-Kratie, der wissenschaftlichen Steuerungsfantasien. Und das lange bevor der Begriff des „Experten“ erfunden war.

Rhetorik: Physische Signale des emotionalen Verstanden-Werdens

Die eigentliche Verachtung der Rhetorik besteht seit Platon weniger in der Zufälligkeit des Vorhandenseins wirksamen politischen Talents, sondern noch mehr im Verdacht, die Rhetorik sei tatsächlich in der Lage, die Herzen der Menschen und damit des Gemeinwesens in jede beliebige Richtung zu bewegen. – Und das, ohne „zu wissen, welche Richtung die richtige sei“. Rhetorik ist in Platons Verständnis unendliche Manipulierbarkeit des politischen Gemeinwesens ohne innere Gewissheit der Manipulierenden. Es ist daher nicht die Manipulation an sich, gegen die sich der Manipulations-Zauberkünstler Platon wendet, sondern die „uninformierte Manipulation“: Die Manipulation „der Vielen“ durch die Wenigen, die es auch nicht besser wissen.

Insofern erweisen sich all diejenigen, die sich heute Wünschen, es mögen doch bitte „die Richtigen“ an die Macht kommen und jene Fäden ziehen, an denen insitutionell vermittelt unsere politischen Gefühle hängen, als Platoniker. Sie werden getrieben von einer Sehnsucht, die gut nachvollziehbar ist, da rhetorische Techniken über die digitalen sozialen Medien neue Wirksamkeit erhalten haben.

Die Frage, an der sich der Sinn der politischen Rhetorik entscheidet, besteht nach wie vor darin, ob man glauben mag, dass es in der Politik sicheres Wissen geben kann. Wäre man dieser Meinung, müsste man tatsächlich für die Ersetzung der eine Argyro-Kratie begünstigenden Wahlen eintreten, und zwar zugunsten einer Besetzung von Ämtern durch wissenschaftliche Experten, die den jeweils aktuellsten Stand der Forschung vertreten.

Doch solche Gedanken liegen den meisten von uns heute fern. Wir können vielmehr klar erkennen, dass die neuen rhetorischen Techniken ein Bedürfnis bedienen, für das knochentrockene, aufrichtig-korrekte Wissenschaftlernaturen die schlechteste Wahl darstellen: Emotionale Repräsentanz.

Zumindest Wahlen dürften heute und in absehbarer Zeit diejenigen gewinnen, die emotionale Repräsentanz am stabilsten herzustellen bereit sind. – Eine rein rhetorische Frage, die völlig unabhängig von den Absichten der politisch Handelnden ist. Eine Anerkennung der Rhetorik würde an dieser Stelle aber bedeuten, dass das menschliche Bedürfnis nach emotionaler Repräsentanz kein „Fehler im System“ ist, sondern die eigentliche Aufgabe des politischen Feldes.

Unsere Gedanken über die Rhetorik folgten viel zu lange der Aktivitäts-Passivitäts-Einbahnstraße des platonischen Denkens, das eine erste, zu 100% aktive Ursache annimmt, die den Rest bewegt, bis sich dieser Aktivitätsimpuls am „Widerstand der Materie“ verbraucht hat. Denkt man das Politische und mit ihm die Rhetorik in dieser Form, so richten sich die Blicke immer auf „den ersten Beweger“.

In einer Zeit, in dem der Begriff der „Ursache“ aber verdächtig geworden ist, in dem die Zirkularität von Wechselwirkung breite Aufmerksamkeit erhalten hat, erscheint es ein wenig altbacken wenn nicht fahrlässig, der platonischen Spur weiter zu folgen, wenn es um Politik und Rhetorik geht.

Richtet sich der Blick weniger auf „die Politiker“ als vielmehr auf die Verbindung und Wechselwirkung zwischen „Menschen, die gerade im politischen Amt sind“ und „Menschen, die gerade nicht im Amt sind“, so erscheint auch die Rolle der Rhetorik als eine völlig andere:

Sie wird dann nicht mehr betrachtet werden können als „die Kunst durch regelgeleitete Rede die menschlichen Emotionen zu bewegen“, sondern vielmehr als „die Kunst, die vorhandenen menschlichen Emotionen aufzunehmen, sichtbar anzuerkennen und politisch zu repräsentieren“.

Das „Wahlvolk“ erschiene nicht mehr als passive Masse, bewegt von einem gottgleichen begnadeten Rhetor, sondern vielmehr als ebenfalls aktives Moment in einem zirkulären Geschehen. „Gute Politik“ bestünde in einem offenen und anerkennenden Umgang mit emotionalen Resonanzphänomenen; „schlechte Politik“ dagegen in einer völligen Verkennung des Bedarfs an emotionaler Resonanz und Repräsentanz in der Politik. Gute politische Amtsträger wären daher viel weniger die Expertokraten, Argyrokraten und Bürokraten, „die das Volk zum als richtig Erkannten zu bewegen suchen“ oder es ihm irgendwie unter Gebrauch geeigneter rhetorischer Kniffe in guter alter platonischer Manier „vermitteln“. Sondern es wären Menschen in politischen Ämtern, die die aktive Bewegung in den politisch repräsentierten Menschen anerkennten und diese Anerkennung physisch-rhetorisch zu verkörpern in der Lage sind. Die „dem Volk dienen“, indem sie sich auch rein körperlich als physischer Resonanzkörper anbieten. Ein guter Politiker wäre dann jemand, der nicht nur mit schalen Worten, sondern genauso mit seinem Körper überdeutlich signalisiert, dass er die Emotionen derer, die er zu repräsentieren versucht, aufnimmt und „verstanden hat“. Er wäre passiv-aktiv, genauso wie er die, die er zu repräsentieren versuchte, als aktiv-passive Menschen verstünde.

Man käme so zu dem schwer erträglichen Schluss, dass z.B. Donald Trump im Kern einen guten politischen Job macht, während Hillary Clinton genau das versäumt hat. Clinton wurde es über ihre für alle offensichtliche Expertise nicht mehr nachgesehen, dass sie ihr Wahlvolk ebenso offensichtlich als passive Masse behandelte, die rhetorisch in die als richtig erkannte Richtung zu bewegen sei.

Kurzgesagt: Der Platonismus ist heute an einem neuen politischen Ende angelangt. An einem Punkt, da die Aktivität aller und das emotionale Anerkennungsbedürfnis aller eine solche Wucht entwickelt hat, dass es für die meisten von uns wichiger geworden ist, als wissenschaftlich wohlaufgeklärtes politisches Entscheiden und Managen.

Und es ist kein Zufall, dass dies zu einer Zeit geschieht, da in Unternehmen die Form „des Managements“ an ein Ende zu kommen scheint. Also eine Form, die „Professionalität“ ebenfalls über die emotionalen Zustände und Resonanzbedürfnisse der an Unternehmen beteiligten Menschen stellt.

Platonismus funktioniert nicht mehr. Auch die Rhetorik des Platonismus erweist sich heute als bemerkenswert wirkungslos. – Wir scheinen in einer Zeit angelangt zu sein, in der es Ernst wird mit der „Demokratie“ in jenem Sinne: Dass wir neue Formen finden müssen, in denen wirklich alle über alle herrschen. Oder freundlicher: In denen Politik wirklich „Selbstbeeinflussung“ bedeutet, und das „Selbst“ in diesem Begriff nicht in verschiedene Parteien und andere Gruppen zerfällt, sondern wirklich alle Menschen einschließt. Es kann heute nicht mehr sein, dass einige herrschen und andere beherrscht werden. Es kann heute nicht mehr sein, dass einige (die immer-gleichen) eine aktive politische Rolle einnehmen, und dass andere (die ebenfalls immer-gleichen) eine rein passive Rolle in der Politik einnehmen: Als reine Konsumenten und Erleidende von politischen Entscheidungen, die andere getroffen haben.

Partizipation und Mitbestimmung brauchen heute neue Formen. Politische Formen, die anerkennen, dass wir heute anerkennen, dass alle Menschen selbst-gestaltende, aktive Wesen sind. Und das, obwohl wir heute genauso um die passiven und verletzlichen Seiten aller Menschen wissen. Oder genauer: Auch deswegen.

Es kann heute nicht mehr mit Platon um die Steigerung des Aktivitäts-Anteils im Gemeinwesen gehen („des göttlich-rationalen Anteils im Menschen“, und damit um ein Zurückdrängen des Passiven („der Leidenschaften“). Es kann heute nur noch darum gehen, das Aktiv-Passive in jedem Menschen anzuerkennen, darauf einzugehen und politische Insitutionen entsprechend zu gestalten. Emotionen, so können wir von der Rhetorik lernen, haben in der Politik viel mehr verloren, als uns unsere alten platonischen Reflexe glauben machen wollen.

An dieser Stelle, also nachdem ich uns viel an beinahe Unerträglichem zugemutet habe, möchte ich in meiner Not zu Blumenberg zurückkehren…

Eine offen rhetorische Kultur

Nach dem Siegeszug des Platonismus, so will ich in meiner kleinen privaten Verschwörungstheorie andeuten, war ein unverkrampfter Umgang mit den Mitteln der Rhetorik nicht mehr möglich.

Das ist um so bemerkenswerter als die Rhetorik den großen Vorzug hat, ein gewaltfreies Mittel wechselseitiger Beeinflussung und Beinflussbarkeit zu sein, wie auch Blumenberg mit Verweis auf den antiken Rhetorik-Lehrer Isokrates nahelegt:

„Aber von den Griechen selbst ist die Überredung in den Gegensatz zur Überwältigung gestellt worden: im Umgang der Griechen mit Griechen, so Isokrates, sei das Überreden angemessen, im Umgang mit Barbaren der Gebrauch der Macht.“ (Blumenberg, ebd., S. 111)

Auch heute bringt der, der die Notwendigkeit von Machtmitteln im gesellschaftlichen Miteinander setzt, zum Ausdruck, dass er zumindest einen Teil der Menschheit für Barbaren hält, mit denen Interaktion über Rhetorik allein nicht beizukommen sei. Und „Barbar“ heißt wohlgemerkt nichts anderes: Wir sprechen keine gemeinsame Sprache. Wir haben – obwohl beide Menschen – so unterschiedliche Erfahrungen, dass es keine kommunikative Basis zwischen uns gibt. Mit Blick auf die große Ähnlichkeit menschlicher Körper und die alle Menschen umfassende, natürliche „Sprache des Körpers“ ist die Auszeichnung anderer Menschen als „Barbaren“ in der heutigen Modernen Weltgesellschaft ein Zeichen, das nach meiner Einschätzung auf eine quasi-platonische Traumatisierung hinweist.

Doch selbst dort, wo der unmittelbare menschliche Zugriff auf „die Wahrheit“ bereits gebrochen ist, wie im Denken der frühen Neuzeit bei Descartes und Hobbes, wird in der Hoffnung auf die möglichst weitgehende Erlangung von „unverfälschtem Wissen“ munter weiter auf die Rhetorik und ihr liebstes Mittel: Die Metapher eingeprügelt.

Bei Hobbes als im Kern politischen Philosophen hat dieser Platonismus besonders interessante Auswirkungen, weswegen ich hier einige längere Passagen aus Blumenbergs Auseinandersetzung mit der spezifisch Hobbesianischen Anti-Rhetorik wiedergeben möchte:

„Gegen alle Rhetorik, die nicht ‚der klare und elegante Ausdruck der Gedanken und Begriffe‘ ist, empfahl HOBBES den Gebrauch der ‚richtigen Vernunft‘. […] Schön gesagt, aber wer sonst könnte beurteilen, ob es sich jeweils um die ‚richtige‘ Vernunft handelt, als wiederum die Vernunft, und zwar die ‚richtige‘? Für Hobbes ist es einer der gewichtigsten Einwände gegen die Demokratie, dass sie nicht ohne Rhetorik auskommen kann und folglich zu Entscheidungen mehr impetu animi als recta ratione gelangt, denn ihre Redner richten sich nicht nach der ‚Natur der Dinge‘, sondern nach den Leidenschaften ihrer Zuhörer.

[…]

Hobbes Pathologie der Rhetorik führt die Erregung der Leidenschaften auf den ‚metaphorischen Gebrauch der Worte‘ zurück. Auch für ihn ist Metaphorik das signifikante Element der Rhetorik; er meint, sie sei ‚den Leidenschaften angepasst‘ und damit ‚weit entfernt von der wahren Erkenntnis der Dinge‘. Worauf beruht dieser Zusammenhang von Metaphorik und Leidenschaft, den Hobbes hier als selbstverständlich unterstellt? Für ihn ist die Metapher der Gegensatz zum Begriff; in dem sie das Instrumentarium der Vernunft ausschaltet, gibt sie das Feld frei für alles, was der Tradition nach von der Vernunft gezügelt und kontrolliert wird, was sich gern vor der Anstrengung des Begriffs in die Bequemlichkeit der bildhaften Orientierung flüchtet. Hobbes lässt an dieser Stelle eine Beredsamkeit (eloquentia) gelten, die sich die Metapher enthält und ‚aus der Betrachtung der Dinge selbst‘ hervorgeht, die nur in der Eleganz der Dasrstellung von Erkenntnissen besteht. Der ‚Natur der Dinge‘ als einem möglichen Besitz konfrontiert, erscheint die Rhetorik wirklich als ein exzentrisches Kunstmittel.

[…]

Hobbes selbst hat den Widerspruch seiner organischen Metaphorik für die ‚Staatsperson‘ zur Künstlichkeit ihres Ursprunges übersehen – und gerade das ist aufschlussreich, denn das Verdikt der Metapher erschwert die Wahrnehmung ihrer faktischen Hintergrundfunktion. Noch das Verbot der Rhetorik ist ein rhetorischer Vorgang, den dann nur die anderen als solchen wahrnehmen. Das Beispiel Hobbes zeigt, dass Antirhetorik in der Neuzeit zu einem der wichtigsten rhetorischen Kunstmittel geworden ist, für sich die Härte des Realismus in Anspruch zu nehmen, die dem Ernst der Lage des Menschen […] allein gewachsen zu sein verspricht.“

(Blumenberg, ebd., S. 130 – 132)

Wir können festhalten, dass bei Hobbes der demokratische Impuls, bei den einzelnen Menschen für die Anerkennung staatlicher Institution mit vertrauter philosophischer Rhetorik zu werben, dadurch gebrochen ist, dass er befürchtet, eine Anerkennung von Rhetorik als legitimem Mittel der wechselseitigen Auseinandersetzung der Bürger müsse zwangsläufig zu politischem Chaos und niemals endendem Krieg zwischen den dann Nicht-mehr-Bürgern führen.

So kommt ein erkennbarer Fan von allgemeiner menschlicher Partizipation dazu, Argumente für Autoritäre Herrschaft aufzutürmen. – Und Hobbes sollte nicht der letzte Philosoph in einer Reihe illustrer Namen sein, denen genau dieses gleiche Schicksal widerfahren ist: Als lebendiger Demokrat gesprungen, aber als autokratischer Bettvorleger geendet zu sein.

Dass ein Zusammenhang zwischen platonischen Programmierung auf Anti-Rhetorik und Leidens(chafts)verachtung und der entschiedenen Bevorzugung autoritärer Herrschaft besteht, die die Bürger mit Machtmitteln (Belohnung/Bestrafung) „auf die richtige Spur bringt“, halte ich nach meinen Erfahrungen mit Hobbes für schwer bestreitbar.

Dabei gerät jedoch eins aus dem Blick: Alle geselschaftlich erfolgreichen Platoniker waren zugleich auch großartige Rhetoriker, die eben das sehr gut verstanden, was gute Rhetorik zu leisten im Stande ist: Menschen durch Worte zu bewegen anstatt durch körperliche Gewalt und durch den Anreiz, die Vorzüge genießen zu dürfen, die es bringt, „wenn man möglichst nah an der Macht ist“: Also Aufstiege in der „Stellung“, in der gesellschaftlich etablierten Hierarchie.

Der Unterschied zwischen platonischer Rhetorik und sophistischer Rhetorik besteht aus dem Blickwinkel der Letzteren also eben nicht daraus, dass Erstere im Besitz der Wahrheit ist (oder „näher dran“) und sie selbst nicht. Der Unterschied besteht viel mehr darin, dass die platonische Rhetorik es sich selbst vorbehält, sich als Nicht-Rhetorik zu tarnen, während die Sophistik dieses rhetorische Mittel performativ aus der Hand gibt, indem sie mit offenen Karten spielt: Eben offene, unverkrampfte Rhetorik ist, die sich nicht in den performativen Selbstwiderspruch des Platonismus begibt: Anti-Rhetorik zu predigen und Rhetorik zu sein.

Oder mit den Worten Blumenbergs:

„Rhetorik lehrt, Rhetorik zu erkennen“ (Ebd., S. 126)

Der Platonismus jeglicher Couleur musste daher sehr früh die Unterscheidung einer exoterischen von einer esoterischen Rhetorik einführen. Von verschiedenen Redeweisen für „Eingeweihte“ und „Unverständige“, immer mit dem Ziel, das am Ende erstere die letzteren zu beherrschen hätte und das Gegenteil um jeden Preis zu vermeiden sei. Das war das Ziel des Platonismus: Die philosophische Züchtung guter Herrscher und die Sicherstellung, dass die Richtigen jeweils diesen Posten zu bekommen hätten.

Ich denke, wir haben eine Stufe gesellschaftlichen Fortschritts erreicht, an dem die platonische Anti-Rhetorik so brüchig geworden ist, dass sie ihre Wirksamkeit verloren hat.

Das gibt uns die Wahrnehmung frei auf das, was Platon durch sein politisches Trauma hindurch als Wahrheit zu verdrängen suchte: Dass der Mensch im Guten wie im Schlechten das Wichtigste ist für den Menschen. Und es in der Politik daher stets um die jeweils bestmöglichen Verhaltensabstimmungen aller Beteiligten gehen muss, die wir gemeinsam finden können, unter aktiver Beteiligung aller Menschen.

Was das Mittel der Gewalt von vornherein als ausgeschlossen erscheinen lässt, da sich unter dem Eindruck von Gewalt erwiesenermaßen keine guten Verhaltenskopplungen zwischen Menschen einstellen und der Grad ihres Engagements bis auf den Nullpunkt zurückgeht. – Sei der Gewaltgebrauch in seiner Selbstwahrnehmung wie „vernunftgeleitet“ auch immer.

Ich nehme an, dass wir unseren Platonismus einen schönen, natürlich noch unglaublich fernen Tages endlich soweit abgestreift haben, dass wir uns doch tatsächlich ernsthaft vorstellen können – man wagt es kaum auszusprechen -, die entscheidenden politischen Ämter aus unser aller Mitte heraus im reinen Losverfahren zu besetzen…

…Und diejenigen Menschen, die das Los zu ihrer demokratischen Pflicht der gesellschaftlichen Bestimmung ruft, rhetorisch aufeinander loszulassen, sie sich mit betroffenen Menschen, gerne auch mit „Experten“ unterhalten zu lassen und uns ihre Entscheidung im Nachhinein ebenfalls rhetorisch zu vermitteln. Der Zugang „zur Sache“, auch soweit müssten wir dazu Nicht-Platoniker sein, ist uns immer vermittelt über andere Menschen, zumindest dann, wenn wir nicht selbst unmittelbarer: über unsere Gefühle und Bedürfnisse betroffen sind. Eine Diskussion der Sache ist daher immer eine Diskussion zwischen uns Menschen. Mit einem Interesse aneinander, an dem, wie es uns im Gespräch über bestimmte Dinge geht, welche Gefühle sich dabei regen und wie wir diese sprachlich vermitteln, können wir sicherstellen, dass wir uns, dass wir einander nicht im Gespräch über „Sachfragen“ verlieren. In der Moderne hat jeder einzelne Mensch das Recht erworben, dass sein individuelles Gefühl und die Bedürfnisse, auf die es verweist, „die Sache“ sind, um die es uns allen geht. Weil Menschen das sind, was für Menschen das Wichtigste ist. Weil „gesellschaftlicher Fortschritt“ ohne Referenz auf menschliches Wohlergehen, wahrgenommen anhand von guten Gefühlen und körperlichen Zuständen, tatsächlich eine „leere Worthülse“ ist. In solchem Rest-Platonismus, solcher Anti-Rhetorik, solchem „Gefühlsterror“ kann zumindest ich keinen Schaden für irgendwen erkennen. Sind die Gefühle aller kategorisch gleich bedeutsam für uns, kann keiner von uns mehr den Verweis auf seine Gefühle, Intuitionen und Bedürfnisse benutzen, um einen anderen „mundtot zu machen“.

Ich denke daher, dass wir keine „Wahlen“ mehr brauchen. Ich denke, dass wir keine „Parteien“ mehr brauchen. Ich denke, dass wir keine „Berufspolitiker“ mehr brauchen.

Wenn uns unser Platonismus am Ende nicht doch wieder allzu plausibel erscheint.

Dies aber ist eine Schlacht, die wiederum rein rhetorisch zu schlagen ist. Immer wieder.

Eine offen therapeutische Kultur

Und vielleicht, vielleicht geht es ja nicht einmal mehr „um eine Schlacht“, sondern um die Zunahme unserer Fähigkeit, die Gefühls- und Bedürfniszustände anderer sowie von uns selbst in geeigneter Form körperlich-rhetorisch anzuerkennen.

Die therapeutischen Erfahrungen, die wir im 20. Jahrhundert gemacht haben, und die wir gemeinsam fortlaufend zu politischen Erfahrungen weiterentwickeln, scheinen dies zumindest nahezulegen.

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