Liebe ist bisher schwer messbar, ausbeutbar und hat zugleich einen viel zu guten und einen viel zu schlechten Ruf. Zudem leidet das schöne Wort darunter, dass die meisten von uns einen vergleichsweise reduzierten, um nicht zu sagen engen Liebes-Begriff haben. Der Begriff flimmert, oszilliert und ist wunderbar schwammig.

Ich habe keine Ahnung, ob sich aus dem Begriff der „liebevollen Beziehung“ heute oder irgendwann eine stimmige und in nicht fataler Weise handlungsleitende Gesellschaftstheorie zimmern lässt. – Ich kann aber eine Menge Gründe anführen, genau das zu versuchen.

Der erste und wichtigste Grund ist der, dass das, was die allermeisten unserer Beziehungen heute anstrengend, schmerzhaft, demütigend und beengend macht, sich tatsächlich am einfachsten und treffendsten so beschreiben lässt, dass es sich um „wenig liebevolle Beziehungen“ handelt. Vergiftete Beziehungen, die uns häufig nach „alternativen Beziehungen“ Ausschau halten lassen, sind so gut wie immer „lieblos“. Wir bleiben aus reiner Alternativlosigkeit oder Hoffnungslosigkeit in ihnen: Weil wir in unserer Not nicht glauben, dass uns Beziehungen möglich sind, die deutlich besser sind als die, die wir derzeit führen.

Im Kern scheint mir der Begriff der Liebe aus drei Elementen zu bestehen, die große Schnittmengen haben, jedoch jeweils verschiedene Schwerpunkte setzen:

1) Emotionale Anteilnahme am Zustand und an den Veränderungen des Anderen

2) Aktivitäten der Fürsorge bei gleichzeitiger Wahrung der Distanz, die Selbständigkeit nicht verunmöglicht

und

3) Wiedererkennen des Eigenen im Außen, im Anderen.

– Alle diese Elemente finden wir in den unterschiedlichen Formen der Liebe wieder: In Eros, der begehrenden Liebe zu dem, was man nicht selber zu sein glaubt. In Philia, der freundschaftlichen Liebe, vermittelt über ein gemeinsames Drittes. Sowie in Agape, der elterlichen Liebe zu dem, was aus uns hervorgeht, zu dem, was wir selbst hervorgebracht haben.


Hält man „Lieblosigkeit“ oder „Entfremdung“, die für mich zwei beinahe bedeutungsgleiche Begriffe sind, für das größte Problem in menschlichen Beziehungen und damit auch in der heutigen Modernen Weltgesellschaft, kommt man nicht umhin wahrzunehmen, dass die meisten unserer bisherigen Institutionen alles mögliche unterstützen und stabilisieren, aber sicher nicht die Möglichkeit, liebevolle Beziehungen einzugehen und aufrecht zu erhalten.

Man kommt in diesem Fall auch genausowenig darum herum zu fragen, was Lieblosigkeit genau fördert bzw. liebevolle Beziehungen blockiert und aus welchen Gründen genau wir Institutionen geschaffen haben, die eben dies leisten. Denn dass es dafür sehr gute Gründe gibt, dürfen wir voraussetzen.


Ich bin mir nicht sicher, ob der Blick zurück auf vergangene Theorieformen, die ähnliche Probleme aufwerfen und verhandeln, wirklich produktiv ist, oder ob sie nicht eher den Blick auf das verstellen, was heute erstmals in dieser Form gedacht werden kann.

Diesen grundsätzlichen Zweifel vorausgesetzt, der die Möglichkeit einer ganz anderen Abzweigung des Denkens markiert, ist es aber sicher nicht sonderlich „gefährlich“, genau das: mit Blicken in die Theoriegeschichte zu experimentieren und zuzusehen, wohin das jeweils führt.

Konkret bezogen auf das „Problem der lieblosen Gesellschaft“ liegt es nahe, sich mit dem Denken des jungen Hegel zu beschäftigen, der dem Begriff der Liebe zumindest in Teilen viel zuzutrauen schien. Mehr zumindest als die allermeisten seiner Theoretikerkollegen, die allesamt die platonische Gefühligkeits-Schelte geschluckt hatten. Eine Schelte, die – was vielen nicht im geringsten bekannt ist – ursprünglich gegen das philosophische Konzept der politisch-rhetorischen Vernunft gerichtet war; und im weiteren Sinne gegen eine Aufmerksamkeit für das Zwischenmenschliche überhaupt, gleich in welcher Form und aus welchen Gründen.

Hegel, obgleich genauso Platoniker wie die allermeisten Philosophen vor und nach ihm, ist daher allein schon aufgrund seines Versuchs, den Begriff der Liebe eine gesellschaftstheoretische Bedeutung zu geben, ein interessanter Partner für eine theoretische Auseinandersetzung.

Ich stütze mich dabei im Folgenden auf Axel Honneths allzeit lesenswerte Darstellung im ersten Teil seines Buchs „Kampf um Anerkennung“, weil man hier in verdichteter und herausgefilterter Form den Punkt leicht wahrnehmen kann, um den sich die Dinge bei Hegel drehen und an dem wir zugleich eine andere Abzweigung nehmen können, die uns im Denken und Handeln zu ganz anderem führt.

Kategorisch: Liebe als Korruption von Wirtschaft und Staat

Sowohl in seinem „System der Sittlichkeit“ wie auch später in seinen „Grundlinien zu einer philosophie des Rechts“ nutzt Hegel ein 3-er-Schema und unterscheidet mit seiner Hilfe jeweils verschiedene Formen der „objektiven Freiheit“ bzw., wenn man Honneth folgt, verschiedene Formen der wechselseitigen Anerkennung. Diese Formen werden bei Hegel allerdings nicht nur unterschieden, sondern sie beziehen sich jeweils in spezifischer Weise aufeinander, weil es Hegel von einer Ontologie ausgehend immer auch um den Nachweis gehen muss, dass die jeweiligen Formen „notwendig“ und nicht rein willkürlich sind:

1) Familie

2) Bürgerliche Gesellschaft (das, was wir heute „die Wirtschaft“ nennen)

3) Staat

Allein in der ersten Sphäre der von ihm so genannten „Sittlichkeit“ ist Liebe das Medium und die Bezugsform, in der die einzelnen Menschen einander begegnen.

Durch diese konzeptionelle Entscheidung steht bereits fest, dass die Theorie Formen der „Liebe“ in den jeweils anderen Sphären als eine Art Kategorienfehler ansehen muss. Da Hegel, anders als Kant, seine Begriffe mit ontologisch aufgeladender Empirie füllt, bedeutet das in seinem Fall jedoch mehr: Tauchen „Liebes-Beziehungen“ in Wirtschaft und Politik auf, muss man mit Hegel davon ausgehen, dass es sich um Deprivationsformen des Wirtschaftlichen bzw. Politischen handelt. Die jeweils teleologisch anzustrebende Sittlichkeit wird dann (vorübergehend, wie man mit Hegel denken muss) nicht realisiert. Denn Hegels Denken ist ja kein bloß die Realität „abbildendes“ Denken, das kein normatives Urteil über die Empirie zulassen würde, sondern es gibt nach aristotelischem Muster durchaus Möglichkeiten an die Hand, zu beurteilen, wann die Empirie da ist, wo sie sein soll und wann nicht. Die unvollkommene Wirklichkeit kann in Hegels Denken immer als „auf dem Weg zur Selbstvervollkommnung“ beschrieben werden, wobei das theoretische Denken den empirischen Phänomenen ihren genauen Platz auf diesem Weg zuordnen zu können glaubt. Es gehört dabei zu den Hegel-typischen Paradoxien, dass die Wirklichkeit dabei zugleich immer als abgeschlossen und entwicklungsoffen zugleich gedacht werden muss, dass es also mit Nachdruck ein „Ende der Geschichte“ nahelegt und dieses Ende gleichzeitig negiert.

Innerhalb des Hegelschen Horizonts muss nun also Liebe in wirtschaftlichen Austauschbeziehungen als Korruption gedacht werden. Und in der Politik, z.B. in den Formen einer charismatischen Herrschaft à la Weber ebenfalls. Liebevolle Beziehungen erscheinen dort als Invasionen familiärer Formen in andersartige Beziehungen, in denen sie nichts zu suchen haben und die sie dann, wenn wir das tun, was wir da tun, von innen heraus zerstören.

Mit der Folgen, dass wir durch dieses unser Geschehen-lassen sowohl einen Großteil unserer Freiheit einbüßen, als auch dass ein Großteil unserer Bedürfnisse unbefriedigt bleiben müssen. Diejenigen Bedürfnisse nämlich, die nur durch die „objektive Realität“ jener anderen beiden Sphären der Sittlichkeit befriedigt werden können.

In Hegels eigener Terminologie geht es freilich spätestens in der Sphäre des Politischen, die er „Staat“ nennt, nicht mehr um Bedürfnisse, sondern um kategorial anderes. Auch hier ist allein schon die Rede von „Bedürfnissen“ eine Steilvorlage für Schwundformen des Politischen. Für Hegel erfüllt sich im Politischen vielmehr ein menschlich-bedürfnisfreier Raum.

Klassisch altgriechisch betritt „der Mensch“ den Raum des Staates als „Freier“, als jemand, der die Bande der Familie und der ökonomischen Bedürfnisbefriedigung hinter sich gelassen hat. Und das genau deswegen, weil sie dort bereits voll befriedigt worden sind. Es kann, darf und muss im Politischen um anderes gehen, wenn auch Familie und Wirtschaft sie selbst bleiben können sollen und nicht ihre eigenen Formen in geringerem Ausmaß realisieren als dies – rein theoretisch – möglich wäre.

Warum wir heute keine Hegelianer mehr sein können

Nun treffen wir in unserer heutigen Welt auf Beziehungen, die sich aus meiner Sicht am effektivsten durch die Eigenschaft der „Lieblosigkeit“ beschreiben lassen. Wir könnten nun auch Hegels Schemata auf diese unsere Wirklichkeit loslassen und uns dabei zusehen, wohin uns das trägt. – Ich bin mir ziemlich sicher, dass Hegel bei einem solchen Vorgang noch für einige überraschende Dinge gut ist und sein Denken einiges zum Heutigen zu sagen hat, das von vielen nicht als vollkommen abgegriffen empfunden würde.

Dennoch möchte ich eine andere Ausfahrt nehmen. Da ich die Liebe mit und gegen Hegel als „den natürlichen Zustand“ oder „die natürliche Beziehungsform des Menschen“ ansetze, erscheint die Lieblosigkeit in großen Teilen unserer heutigen Gesellschaft als erklärungsbedürftig und keineswegs als selbstverständlich oder gar als „genau richtig so“. – Die „Corruptio“ kann dabei zugleich anders gedacht werden, nämlich als Verfall unserer natürlichen Fähigkeit, sich in Beziehungen bedürfnisbewusst und gefühlsorientiert zu begegnen. Und das auch und gerade in den beiden gesellschaftlichen Bereichen, die wir heute eben „Wirtschaft“ und „Politik“ nennen. Das hohe Ausmaß an Gewalt und an für uns unbefriedigenden Beziehungen, das diese beiden Bereiche heute durchzieht, erscheint mir als Indiz, dass unser Denken dieser Bereiche und die mit ihm verbundenen Institutionen ein paar verantwortungsvolle Experimente verdient hat. Ein Indiz dafür ist auch, dass es uns als völlig normal erscheint, in beiden Bereichen über „Bedürfnisse“ zu sprechen und dass beide Bereiche obsessiv Gefühlskategorien benutzen, „um sich für uns interessant zu machen“ (ähnlich wie das die gefühls-averse platonische Philosophie schon seit weit mehr als 2000 Jahren sehr erfolgreich macht).

Hegel dreht in Honneths Darstellung zwar das Hobbes’sche Schema der Gründung der Gesellschaft aus einem asozialen Naturzustand heraus (wieder) um und denkt erneut Menschen als von Beginn an zutiefst soziale Wesen (zoon politikon). Aber er denkt zugleich die bei ihm kategorial familiäre Liebe als etwas, das Menschen unselbständig macht und unselbständig machen muss:

„… Hegel beschreibt den Prozess der Etablierung von ersten Sozialverhältnissen zunächst als einen Vorgang der Herauslösung der Subjekte aus natürlichen Bestimmungen; dieses Anwachsen von ‚Individualität‘ vollzieht sich in zwei Stufen der wechselseitigen Anerkennung, deren Differenzen untereinander sich daran bemessen, welche Dimensionen der persönlichen Identität auf ihnen jeweils praktisch Bestätigung finden. Im Verhältnis von ‚Eltern und Kindern‘, das eines der ‚allgemeinen Wechselwirkung und Bildung der Menschen‘ ist, erkennen sich die Subjekte reziprok als liebende, emotional bedürftige Wesen an; der Teil der individuellen Persönlichkeit, die hier Anerkennung durch andere findet, ist das ‚praktische Gefühl‘, die Angewiesenheit des Einzelnen also auf lebensnotwendige Zuwendungen und Güter. Die ‚Arbeit‘ der Erziehung freilich, die für Hegel die innere Bestimmung der Familie ausmacht, ist auf die Formierung der ‚inneren Negativität‘ und Selbständigkeit des Kindes gerichtet, so dass ihr Resultat die ‚Aufhebung‘ jener ‚Vereinigung des Gefühls‘ sein muss. Dieser überwundenen Form der Anerkennung lässt Hegel dann als eine zweite Stufe, noch immer unter dem Titel der ’natürlichen Sittlichkeit‘, die vertraglich geregelten Tauschbeziehungen von Eigentümern folgen…“ (Axel Honneth, Kampf um Anerkennung, Suhrkamp 2003, S. 33 f.)

Hier wiederholt sich etwas, das auch in Honneths Hegel-Rekonstruktion in seinem Buch „Leiden an Unbestimmtheit“ herausgearbeitet wird: Die Liebe wird aus schematischen Gründen auf die Kategorie der Familie beschränkt, obwohl rein empirisch nichts zu solch einer Beschränkung Anlass gibt. Honneth hat hier v.a. die „Freundschaft“ als eine weitere durch Liebe geprägte, aber nicht-familiäre Beziehungsform im Blick, über die Hegel beredt schweigt. Honneth konstatiert in der Konsequenz eine Art „Überinstitutionalisierung“ als das größte Manko von Hegels Konzeption.

Dem kann ich mich hier sehr gut anschließen. Lässt man Hegels Versuch einer Wiedergewinnung klassischer Ontologie unter modernen Bedingungen beiseite, so gibt es keinerlei Grund, irgendwelche gesellschaftliche Institutionen normativ aufzuladen und ihnen damit Notwendigkeits- oder sogar Ewigkeitscharakter zu verleihen. Wir können dann unseren Vergesellschaftsformen die Zufälligkeit lassen, die wir z.B. in einem anthropologisch oder historisch vergleichenden Blick überdeutlich wahrnehmen können und die von geschichtsteleologischen Schemata mehr schlecht als recht überdeckt wird. Hegel wie Platon oder Aristoteles ist „der Zufall“ ein Graus und nicht „würdig, unser Schicksal (mit-)zubestimmen“ (Richard Rorty).

Spannend ist nun, dass wir uns in unseren Alltagsdiskursen oftmals erkennbar wie „Hegelianer“ benehmen: Wir Ontologisieren unsere Institutionen, wir kaufen Hegels Konzept der Sittklichkeit und halten viele unserer Intitutionen für nowendig bis hin zur Nicht-Hinterfragbakeit und Unveränderbarkeit. Wir glauben, dass ein Zweifel an unseren Institutionen nur zu barbarischen Rückfällen führen kann in Zustände, die wir nicht wollen können. Wir sind hierbei Hobbes und Hegels die treuesten Anhänger, die sich nur denken lassen.

Hegels bleibende Frage an die Denkmöglichkeit einer „Politischen Liebe“

Hegel, um seinen weiteren Gedankengang  grob verkürzt wiederzugeben, sieht Anreicherungen und Fortschritte in der Individuierung, in der Verallgemeinerung und in der Freiheit des einzelnen Menschen in den Übergängen von Familie in die Wirtschaft ins Politische. Was die Familie an Trennendem und „Partikulierendem“ an sich hat, ist in der Wirtschaft mit ihren Rechtsverhältnissen „aufgehoben“ und „zur Allgmeinheit gebracht“. Was der Wirtschaft gegenüber der Familie an Ruhe und Geborgenheit fehlt, findet sich „auf höherer Ebene“ und ohne „den partikularistischen Makel“ in der Politik wieder.

Der Durchgang durch die Sphäre der Wirtschaft hat bei Hegel erkennbar auch den Sinn, „Familie“ und „Staat“ auseinanderzubringen. Das ist ein Denkschema, für das sich in der heutigen Wirklichkeit durchaus empirische Plausibilitäten oder Anwendungsmöglichkeiten beibringen ließen. Denn überall dort, wo es keine hocharbeitsteilige bürgerliche Gesellschaft gibt, scheinen auch heutige menschliche Gesellschaften „ganz natürlich“ dazu zu neigen, stammesartige politische Strukturen herauszubilden, inklusive politischer Familien-Dynastien, die sich der staatlichen Bürokratien als familiäres Anhängsel und Machtmittel zur Selbstbereicherung bedienen, in denen aber kaum „freie Bürger“ als eine „Objektivierung und Affirmation der eigenen Freiheit“ wiedererkennen können, es sei denn in einem hochgradig zynischen Sinn. Oder anders und kürzer: Überall dort, wo es keine moderne Wirtschaft gibt, gibt es keine politische und gesellschaftliche Freiheit und das Wohl des Einzelnen besteht darin, möglichst nah am „Zentrum der Macht“ zu sein, idealerweise durch verwandtschaftliche Bande.

Ein Denken, das demgegenüber behauptet, dass Liebe als Beziehungsform auch außerhalb von Familie und Freundschaft viel verloren hat, nimmt so gesehen eine große gedankliche Hypothek und Beweispflicht auf sich. Es muss nämlich zeigen, dass die Verallgemeinerung „liebevoller Beziehungen“ sich nicht automatisch zu einem „Terror der Liebe“, zu einer Schreckensherrschaft mausert, sei es aus wirklichen oder auch aus vermeintlichen guten Absichten heraus, die die schönen Worte dafür nutzen, andere Menschen einzulullen und die eigenen macchiavellistischen Aktivitäten zu übersehen.

Hinsichtlich dieses gedanklich naheliegenden „Terrors der Liebe“ möchte ich drei Probleme unterscheiden, die ich derzeit erkennen kann und die als Möglichkeiten vollkommen ausgeräumt sein müssen, bevor man auch nur ansatzweise daran denken kann, „liebevolle Beziehungen“ ganz unhegelianisch zu entgrenzen:

1. Moralischer Liebesterror

„Du musst Lieben, sonst…“

…bist Du kein guter Mensch, kein gutes Familienmitglied, kein guter Mitarbeiter, kein guter Investor, kein guter Kunde, kein guter Dienstleister, kein guter Produktentwickler, kein guter Bürger, kein gutes Staatsmitglied, etc.

Solche Formen könnte ein moralisch verstandender Liebesbegriff annehmen. All diese Formen dürften von den meisten Menschen als purer Horror empfunden werden. Sie führen zu Gesellschaftsformen, Institutionen und Lebensvollzügen, die so unfrei und beklemmend sind wie nur irgendwie möglich. Kommunismus und Faschismus haben uns hier sehr anschauliche Beispiele gegeben, wie sich so etwas konkret als gesellschaftliche Wirklichkeit darstellt und was wir in diesen Formen mit uns selbst machen.

Interessant ist es nun, was genau die Quelle jenes „Muss“ ist, wenn liebevolle Beziehungen als moralischer Imperativ aufgefasst werden. M.E. gibt es genau zwei mögliche Quellen, die diesem „Müssen“ in der sozialen Realität für Menschen relevanten Nachdruck verleihen können: Ökonomische Ungleichheit und Gewalt.

Ohne mindestens eine dieser beiden Quellen kann sich ein solcher moralischer Standpunkt in der Wirklichkeit nicht halten, sondern löst sich in reiner Lächerlichkeit auf. Denn „natürlicherweise“ stoßen sich Liebe und Sollen wechselseitig ab. „Du musst lieben“ ist ein Widerspruch in sich selbst. Nach allem, was wir heute über menschliche Beziehungen und psychische Prozesse wissen, ist vollkommene Machtfreiheit eine Voraussetzung für liebevolle Beziehungen. Jede liebevolle Beziehung der Welt wird einer gewaltigen Belastungsprobe ausgesetzt, wenn Machtasymmetrien in sie Einzug halten, sei es in der Form von Gewaltandrohungen, (Beziehungs-)Freiheitsberaubungen oder in der Androhung der Entzug von Gütern und Mitteln.

Da der Begriff einer moralisch geforderten Liebe sich praktisch ad absurdum führt, wenn er nicht mit Macht künstlich aufrecht erhalten wird, und die Entgrenzung liebevoller Beziehungen unweigerlich genau darauf hinausläuft, dass diese Machtmittel gar nicht mehr zur Verfügung stehen, kann die Gefahr einer totalitären Entgleisung eines Denkens ausgeschlossen werden, das liebevolle Beziehungen soweit entgrenzt, dass sie auch außerhalb von Familie und Freundschaft denkmöglich werden, ohne zugleich als „sittlich ungehörig“ oder „kategorisch fehl am Platz“ markiert zu werden.

2. Mit Liebesterror in die Vormoderne

Politische oder ökonomische Familiendynastien, Herrscher über Staaten und Firmen, die „geliebt werden wollen“, Unternehmen, die von ihren Mitarbeitern „Begeisterung verlangen“…

…solche oder so ähnliche Formen kann man befürchten, wenn liebevolle Beziehungen nicht mehr auf jene Bereiche begrenzt sind, die wir heute pauschal als „Privatleben“ (als „beraubtes Leben“, ganz hübsch antik wie wir nunmal sind) bezeichnen.

Hier kippt die Möglichkeit der liebevollen Beziehung unter der Hand in jenes moralische Lieben-Sollen, von dem bereits unter 1.) die Rede war. Und es ist die Frage, was ein solches Kippen überhaupt zuverlässig verhindern soll, wenn nicht durchaus recht lieblose, bürokratische Institutionen oder vielleicht sogar staatlich monopolisierte Gewalt?

Denken wir uns die Anonymität des Marktes, des Rechts, der Verträge, des Kleingedruckten, der Bürokratie und der staatlichen Gewalt weg, so scheint nichts dagegen zu stehen, dass sich Mafia-artige Strukturen in der Modernen Gesellschaft herausbilden, in denen es unter dem Deckmantel von emotional stark geladenen Beziehungen nur darum gehen kann, sich mit dem Zentrum der Macht gut zu stellen oder möglichst weit oben in einer dann weitgehend informellen Beziehungshierarchie zu stehen. Mit immensem Schaden auch, aber nicht nur für die gesellschaftliche Produktivität. Darüber hinaus mit einem immensem Schaden für all die vielen Menschen, die dann ganz unten in solchen informellen Hierarchien zu finden sind. Und mit einem immensem Schaden auch für all diejenigen, die dann nur scheinbar das schönste Leben, die aber emotional völlig verarmen, da sie in einer sie narzisstisch spiegelnden Beziehungs-Scheinwelt leben, in der all die Liebe, die sie erfahren, niemals echt sein kann, sondern in Wirklichkeit nur die Angst vor ihrer Macht spiegelt. Ein gesellschaftlich-psychologisches Desaster für alle beteiligten Menschen. Macht korrumpiert. Absolute Macht korrumpiert absolut. Macht korrumpiert Mächtige genauso wie Ohnmächtige. – Und genau solche Akkumulation menschlicher Macht erscheint unausweichlich, wenn es innerhalb der Modernen Gesellschaft nicht auch „lieblose Beziehungen“, einen kalten, emotionslosen Apparat gibt, der über menschliche Anteilnahme hinwegsieht und einfach nur Rechte und Gesetze exekutiert.

Es gibt keine Garantie, dass gute Beziehungen voller Anteilnahme den immer bestehenden Anreiz ausschalten können, das Vertrauen auszunutzen, das in solchen Beziehungen entsteht: „Der Vertrauensvolle ist der Dumme“. Aber es gibt nachweislich die „Vorteile des guten Rufs“ und die Nachteile des schlechten Rufs in Gesellschaften, in denen große Transparenz und Überprüfbarkeit von Schein und Sein besteht. Es gibt viele, die auch hier einen Terror fürchten: den Terror der Transparenz; dass es nichts mehr Privates mehr gibt, sondern nur noch Öffentlichkeit.

In einer Gesellschaft, in der die von uns derzeit genutzten Mittel nicht existieren, Verhaltensweisen wie Gewalt, Demütigung und Unterdrückung unwahrscheinlicher zu machen, wären wir in jedem Fall darauf angewiesen, spontan gemeinsam zu handeln, wenn sich personelle Macht erkennbar zu verfestigen beginnt. Machtasymmetrien würden von uns selbst im Keim erstickt, bevor sie sich selbst institutionalisieren können. Wir müssten Sie sowohl rechtzeitig erkennen, als auch rechtzeitig gemeinsame Handlungsfähigkeit erlangen, um ihnen entgegenzutreten. – Das erscheint im Moment zu viel Zutrauen in unsere Wachsamkeit, Geistesgegenwart und Mut.

Wir wären zudem auf jederzeit existierende Beziehungsalternativen angewiesen, auf die Möglichkeit, zu für uns geringen Kosten den Partner, den Beruf, das Unternehmen und den Wohnort wechseln zu können und denjenigen, die uns schlecht behandeln, ohne große Mühe aus dem Weg gehen und stattdessen andere Beziehungen mit anderen Menschen eingehen zu können. All jene vormodernen Beziehungsangebote führten dann wohl recht schnell zur Vereinsamung derjenigen Menschen, die weiter auf ihnen bestünden. Ihnen würden einfach die Beziehungspartner abhanden kommen, weil diese mit anderen Menschen soviel Erfüllenderes, Produktiverers, Reziprokeres erleben würden. Autokratischer Narzissmus würde sich schlicht und einfach kaum mehr lohnen. Und Narzissten reagieren recht sensibel auf Liebesentzug, wie wir wissen. Und können sich anders als Soziopathen gut anpassen…

Und wir wären schließlich auch darauf angewiesen, dass die menschliche Möglichkeit der Verstellung, Täuschung und Lüge jederzeit clever begegnet werden kann. Also eine politisch-rhetorische Kultur, die die Lüge nicht tabuisiert, sondern mit ihr offen spielt, so dass jeder jederzeit auf sie gefasst ist. Eine Kultur des Theaterspiels, in der sich Menschen nicht leicht durch die Lüge der Authentizität täuschen lassen, weil sie das Spiel durchschauen, und das wiederum, weil auch sie es selbst zu spielen verstehen.

Nur Letzteres besitzen wir bereits in hinreichendem Ausmaß.

3. Der Terror der Liebesrhetorik als Mittel der Macht

Ein weiteres Problem ist ganz offensichtlich, dass Liebesrhetorik wirksam ist. Das sie ein Instrument ist. Und dass sie daher „missbraucht“ werden kann. Relevant wird dies allerdings allein in macht-asymmetrischen Beziehungen, in denen die Liebesrhetorik dazu dient, dem Ohnmächtigen sowohl Handlungsimpulse als auch Solidarität anderer zu entziehen:

  • In Staaten, in denen die Flamme des Patriotismus die Ausbeutung der Machtlosen bis zur Unsichtbarkeit überstrahlt,
  • In Unternehmen, in denen Siegel  wie „Most empathetic company“ oder „Weltbester Arbeitgeber“ verschleiern, dass sich hier Menschen via geschickter Anreizung auspressen lassen wir Zitronen,
  • In Familien, in denen tägliche Gewalt und Missbrauch mit einem flauschigen „Wir lieben uns hier doch alle“ zugedeckt wird.

Als Donald Trump bereits zum us-amerikanischen Präsidenten gewählt war, kritisierte ein Polit-Analytiker Trump’s liberale Kritiker dahingehend, sie hätten sich während seines Wahlkampfs nur wenige Auftritte in voller Länge angeschaut. Hätten sie das getan, wäre ihnen möglicherweise aufgefallen, dass dort „love“ eines der meistgebrauchten Worte in seinem Wortschatz gewesen sei. Ich kann den entsprechenden Artikel im Moment leider nicht mehr finden, dafür aber einen Artikel der Washington Post, der Trump’s Love Language analysiert und empfiehlt, sowie einen zweiten, der Politikern offensiv empfiehlt, die Mechanismen der menschlichen Seele zu verstehen und rhetorisch zu adressieren.

Zu einer offen rhetorischen Kultur gehört die Anerkennung des Umstands, dass wir als Menschen durchaus rhetorisch manipulierbar sind. Und das in einem weitaus höheren Ausmaß, als uns das sowohl bewusst als auch lieb ist.

Nun ist die Entgrenzung des Liebesbegriffs und seine Ausweitung auch auf politische Verhältnisse in einer Paradoxie gefangen: Sie sind von der Absicht getragen, Machtasymmetrien überflüssiger zu machen und reziproke Beziehungen auf Augenhöhe zu fördern, wo wir bisher Hierarchien und Machtasymmetrien für unausweichlich gehalten hatten. Zugleich müssen wir aber anerkennen, dass eine Entgrenzung des Liebesbegriffs gerade dort oft stattgefunden hat, wo besonders drastische Machtasymmetrien etabliert werden sollten oder sich zu stabilisieren suchten.

Liebe im politischen Raum: Imperativ des Abbaus von institutionalisierter Machtungleichheit

Was also tun? Vorsichtiger mit dem Wort „Liebe“ und mit den offensiven Signalen der Empathie umgehen, weil sie immer auch ein Manipulations-Potential haben?

Alle Vertreter der politisch-rhetorischen Vernunft, von Gorgias bis Rorty haben sich mit dem Vorwurf der Manipulation auseinandersetzen müssen. Zwar scheinen wir Manipulation in bestimmten Situationen erstaunlich leicht zu verzeihen und eine ganz bestimmte Form von Amnesie gegenüber solchen Manipulationen an den Tag zu legen. Aber unsere Alltagserfahrung zeigt auch, das wir dafür einen hohen Preis zahlen.

Der Erfinder des provokativen Stils in der Therapie, Frank Farrelly, der den Einsatz hochmanipulative Mittel perfektioniert hat, und in seinem Standardwerk „Provocative Therapy“ sogar Trump’s „Locker room talk“ buchstäblich vorwegnimmt, führt eine wichtige Unterscheidung ein, die für die Durchführbarkeit wirksamer therapeutischer Interventionen von entscheidender Bedeutung ist: Es ist unmöglich, manipulativ wirksam zu sein, wenn man als Therapeut den Klienten nicht mag, wenn man im Grunde keine deutlich bessere Meinung von ihm hat, als dieser von sich selbst. Bevor Farrelly seine eigenen therapeutischen Formen entwickelte, ging er nicht nur durch die Schule der Klientenzentrierten Therapie Carl Roger’s, sondern noch viel mehr durch die Schule des Lebens in einer irischstämmigen Großfamilie. Tiefes Wohlwollen auch noch mit dem seltsamsten und unsympathischsten Anderen war ihm zur Natur geworden. Eben darum wurden Farrelly seine Manipulationen von seinen Klienten nicht übelgenommen. Nicht weil man es sich als Klient nicht leisten konnte, es ihm übel zu nehmen, aufgrund einer überwältigenden Machtposition des Therapeuten. – Farrelly fiel ständig aus der Rolle des allmächtigen Therapeuten und sendete stattdessen offensiv Ohnmachtssignale. – Sondern weil man als Klient nicht an der Wahrnehmung vorbeikam, dass dieser therapeutische Bastard es ganz offensichtlich gut meinte mit einem.

Dass echtes Wohlwollen die Voraussetzung für die Wirksamkeit von Liebesrhetorik ist, gilt in politischen Großkundgebungssituation offensichtlich genausowenig wie in medial vermittelten Statements. Der Zynismus, der darin besteht, offensiv „Liebesbotschaften“ zu schicken und für sich so gering wie nur möglich von den Adressaten dieser Liebesbotschaften zu denken, kennt in der Politik – anders als im therapeutischen Setting – keine Wirksamkeitsgrenzen.

Die Konsequenz kann für jemanden, dem die Auflösung der Normalität von Entfremdung in unserem modernen Alltag ein drängendes Anliegen ist, möglicherweise nur folgende sein:

Ämter, Wahlen und Parteien überhaupt zu ersetzen, und zwar durch deutlich demokratischere Verfahren der Besetzung von Positionen, die politische Entscheidungen für uns als menschliches Gemeinwesen zu treffen haben.

Die einzige Garantie, dass die Ausweitung unseres empathischen Vermögens und einer zugehörigen Sprache nicht machtpolitisch ausgenutzt werden kann, besteht darin, fixe machtpolitische Positionen selbst nicht mehr zuzulassen, sondern diese „Positionen“ personell entschieden zu verflüssigen.

Ansonsten, so scheint es mir sicher, ist die Ausweitung des Liebesbegriffs auf den politischen Raum eine ausgesprochen fatale Idee. – Auch Hitler gab vor, „die Deutschen“ zu lieben. Man hat ihm geglaubt. Ich habe wenig Zweifel: Auch wir würden ihm heute wieder glauben. Und seine Liebesrhetorik hat Hitler nicht davon abgehalten, reale „deutschen Menschen“ ohne Ausnahme seiner abstrakten „Idee des Deutschen“ opfern, also einer narzisstischen Ausweitung seines eigenen entfremdeten Ich. Weil die realen Menschen sich als seiner „Liebe“ nicht würdig erwiesen hatten. – Doch die Anführungszeichen helfen uns hier keinen Millimeter weiter.

Wo Zynismus an der Macht ist, wird er Liebesrhetorik nutzen, um Menschen dazu zu bringen, sich in den Tod schicken zu lassen, und andere Menschen dazu zu bringen, nichts dagegen zu unternehmen.

Und auch darüber darf man sich keine Illusionen machen: Macht macht uns als Menschen immer zynisch, weil sie uns von unseren Möglichkeiten abschneitet, Empathie zu bekommen und Empathie zu geben.

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