Emotionale Ressourcenknappheit vs. Materielle Ressourcenknappheit

Unser Denken und unsere Institutionen sind gut auf Situationen eingestellt, die von materieller Ressourcenknappheit bestimmt waren. Das Problem ist: Das ist nicht mehr unsere heutige Situation. Wir leben heute in einer Welt, in der wir materielle Ressourcenprobleme sehr weitgehend lösen könnten. Wenn, ja wenn wir uns nicht einer anderen, in ihrer Form neuartigen Ressourcenknappheit ausgesetzt finden würden: Emotionaler Ressourcenknappheit. Der Mangel, den wir heute nahezu ständig und nahezu überall empfinden, ist ein Mangel an guten Beziehungen.

Die beiden Phänomene: Materielle und Emotionale Ressourcenknappheit sind in mehrfacher Hinsicht miteinander verbunden. Für den Moment möchte ich jedoch vorschlagen, davon auszugehen, dass wir uns in einer grundsätzlich neuartigen Situation befinden, in der wir sowohl gedanklich als auch institutionell „noch nicht wirklich angekommen sind“.

Was ist gemeint, wenn wir von „Emotionaler Ressourcenknappheit“ oder „Mangel an guten Beziehungen“ sprechen? – Wie wir alle wissen, wenn wir es nicht gerade vergessen wollen, hat unser Empfinden von „guten Beziehungen“ nichts mit der Anzahl unserer Freunde zu tun, auch nicht mit der Zeit, wie lange wir bereits mit jemandem zu tun haben, und rein gar nichts mit den Klick-Zahlen unter unseren Postings und Beiträgen zur materiellen Welt.

Gute Beziehungen haben mit emotionaler Spiegelung zu tun. Im Alltag ist das z.B. dann der Fall, wenn wir davon sprechen, „dass wir uns von jemandem gut verstanden fühlen“. Dies ist immer ein emotionales Ereignis. Und es ist immer ein Beziehungsphänomen. Es kann etwas damit zu tun haben, das jemand „eine Meinung von uns teilt“, aber es muss nichts damit zu tun haben. Verständnis/Wahrnehmbares Mitgefühl einerseits und Einverständnis/Zustimmung andererseits sind sehr verschiedene Dinge. Und Knappheit herrscht nicht an letzteren, sondern an ersteren.

Emotionale Ressourcenknappheit hat durchaus auch eine „materielle Basis“, ist also alles andere als abgekoppelt von materiellen Vorgängen und Zuständen. Das hat mit einer ebenso schwer leugbaren wie häufig ignorierten Tatsache zu tun: Empathie kostet uns Kraft. Sie kann zwar sehr erfüllend und befriedigend sein. Das ändert aber nichts daran, dass sie uns Kraft kostet und unsere Möglichkeiten, mit uns und anderen empathisch zu sein, begrenzt und voraussetzungsreich sind.

Was ich vorschlagen möchte weiterzuverfolgen ist dies: Wenn es zutrifft, dass unser Denken und unsere gesellschaftlichen Institutionen nach wie vor eine Welt spiegeln, die von materieller Ressourcenknappheit bestimmt waren, und wenn es weiter zutrifft, dass dies heute ganz überwiegend nicht mehr unsere Situation ist, könnte es dann nicht sein, dass unser auf materielle Ressourenknappheit eingestellten Institutionen und Denken Teil davon sind, emotionale Ressourcenknappheit überhaupt erst zu erzeugen?

Das mag akademisch klingen. Für mich ist der Zusammenhang jedoch sehr handfest und naheliegend: In einer (sozialen) Welt mit knappen materiellen Ressourcen ist es sehr vernünftig, Verteilungskämpfe auszutragen, sich selbst zu behaupten und seine Rechte einzufordern. Denn was der eine mehr hat, muss der andere zwingend weniger haben.

Solche Knappheits-Phänomene haben wir durchaus auch in Beziehungen, auch in guten Beziehungen. So kann man seine volle Aufmerksamkeit zur gleichen Zeit immer nur einer Person schenken. Menschen, die vor und zu Gruppen sprechen, ist das sehr gut bekannt. Und es macht Gefühle wie „Eifersucht“ und Begriffe wie „Aufmerksamkeitsökonomie“ sinnvoll.

Allerdings fühlen wir uns nur sehr selten von Menschen verstanden und „gut emotional gespiegelt“, mit denen wir gerade Verteilungs- und Machtkämpfe um die Durchsetzung unserer Rechte austragen.

Es könnte also sein, dass unser gedankliches und institutionelles Verhaftet-Sein in einer Welt der materiellen Knappheit, die längst nicht mehr „real“ ist, dazu führt, dass wir weniger gute emotionale Spiegelungen und weniger gute Beziehungen erfahren, als das auch bereits heute gut möglich wäre.

Ein Indikator dafür ist die Zunahme der Zahl von Psychotherapeuten, Coaches, Sozialberater und weiterer Menschen, die in Berufen arbeiten, in der emotionale Zuwendung „professionalisiert“ wird und notwendiger Bestandteil der Arbeit ist. Auch die Entstehung der „alternativen Medizin-Sektors“ mit tausenden Heilpraktikern, die für uns auf eine Art da sind und die Menschen auf eine Art zuhören, wie es Ärzte aufgrund von Effizienz-Kriterien im „klassischen Medizin-Sektor“ nicht mehr können, spricht dafür, dass hier Bedarfe und Bedürftigkeiten entstanden sind, deren Notwendigkeit und Normalität wir durchaus hinterfragen könnten.

Wenn Emotionale Ressourcenknappheit tatsächlich die Materielle Ressourcenknappheit als zentrales Problem menschlicher Gesellschaft verdrängt hat, wie ich hier behaupte, so steht fest: Wir brauchen in der Politik und an den anderen Orten, in denen wir uns über das verständigen, was wir voneinander wollen und wünschen, eine andere Sprache, andere Paradigmen und sicher auch veränderte gesellschaftliche Institutionen.

Es kann für uns dann nicht mehr um „War on XYZ“ gehen. Oder den „Kampf für…“. Oder „das Recht auf … einzufordern“. Oder „die Idee … durchzusetzen“.  Es kann auch genausowenig darum gehen, einfach zu schweigen und hinzunehmen, wenn Dinge schlecht laufen für uns oder Menschen oder Wesen, die uns am Herzen liegen. Es kann und muss dann durchaus weiterhin um Aktivität gehen.

Aber nicht im „Kampfmodus“, so viel Energie dieser in uns tief angelegte Modus auch freisetzen mag. Kampf kann Anerkennung und Respekt begründen. Gute Beziehungen und wechselseitige Spiegelung des gesamten Möglichkeits-Spektrums menschlicher Gefühle wird durch den Eindruck „gerade angegriffen zu werden“ jedoch effektivst-möglich blockiert. Für einen „guten Kampf“ ist so weitgehende emotionale Sicherheit bei beiden Kampfpartnern notwendig, dass wir sagen können: Gute Beziehungen tragen gute Kämpfe. Aber Schlechte Beziehungen können durch Kämpfe nicht in gute Beziehungen „verwandelt“ werden. So siegreich wir auch sein mögen: Mit dem Feuer, unter das wir den Anderen nehmen, treffen wir immer und nicht zuletzt auch uns selbst. In dieser Art von „sozialen Kämpfen“ verlieren wir zuverlässig viel von jener Lebensqualität, die uns Menschen durchaus sehr irdisch möglich ist.

Die Zeit der Verteilungskämpfe ist möglicherweise einfach vorbei. Wir haben es nur noch nicht gemerkt. Und setzen darum die Kämpfe von gestern fort. Und leiden heute an ihnen. Und verlängern sie dadurch künstlich in ein Morgen hinein, das auch in vielen Punkten sehr anders aussehen kann, ohne deswegen gleich „paradiesisch“ zu sein.

Denn sicher ist auch: „Wir sind für’s Paradies nicht gemacht.“ Auch als religionsferner Mensch kann ich die Weisheit anerkennen, die an diesem Punkt im biblischen Mythos steckt.

Darum aber gleich mit Vorsatz in so mancher Beziehungshölle zu brennen und den darin enthaltenen Schmerz und Demütigungen keine Abhilfe zu schaffen, sondern still weiter vor sich hinzuleiden und auf die Zunge zu beißen, das allerdings fühlt sich – mit Verlaub – auch nicht sonderlich sinnvoll an.


Ich möchte abschließen noch ein paar Sätze zu jenem naheligenden Argument sagen, dass der, der materielle Verteilungskämpfe für nicht mehr sinnvoll hält, sich bloß zum Interessenvertreter derjenigen macht, „die derzeit mehr haben“:

Die finanzielle Ungleichheit zwischen den Menschen, die unsere derzeitige Weltgesellschaft zulässt, ist in meiner Wahrnehmung zusammen mit ein paar anderen „Kleinigkeiten“ der größte und effektivste Beziehungskiller, den man sich ausdenken könnte. Finanzielle Ungleichheit gibt denjenigen, die deutlich mehr haben, strukturelle und situative Macht über diejenigen Menschen, die deutlich weniger haben.  Die Instrumentalisierung und Objektivierung von Milliarden von Menschen sind dann nahezu unausweichlich. Und schlimmer noch: Eine solche stabile Machtasymmetrie macht wechselseitiges Mitgefühl und Interesse äußerst unwahrscheinlich. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass „die Mächtigeren“ kaum wissen, was in den „Ohnmächtigeren“ wirklich vor sich geht. Nicht nur aus fehlender Eigenerfahrung, sondern aus weiteren, beziehungsdynamischen Gründen können Menschen in einer Machtposition nicht verstehen, was im Leben von Menschen „auf der anderen Seite der Macht“ vor sich geht und was Situationen für sie bedeutet. In Beziehungen ist der Ohnmächtiger immer der „Beziehungsschlauere“. – Eine Schlauheit, die ihm und die beiden in den allermeisten Beziehungssituationen jedoch wenig bis gar nichts nützt. Umgekehrt ist aber Mitgefühl mit Menschen, die einen aufgrund einer stabilen Machtasymmetrie belohnen oder bestrafen können, ebenfalls sehr unwahrscheinlich: Der Ohnmächtigeriger versteht den Mächtigeren zwar deutlich besser als umgekehrt. Aber es handelt sich um ein rein kognitives Verstehen, nicht um ein empathisch-mitfühlendes. Um in einer stabilen Machtasymmetrie zu überleben und „zu bekommen was man braucht“, muss man schlichtweg frühzeitig erkennen, was im Anderen vor sich geht und was er wohl als nächstes tun wird oder was er tun wird, wenn man selber xyz tut.

Formelhaft: Macht korrumpiert. Sie korrumpiert immer. Sie korrumpiert jeden. Sie korrumpiert den Mächtigen wie den Ohnmächtigen. Zuverlässig.

Und wenn wir hier von „Korruption“ sprechen, so meinen wir sinnvollerweise: „Unfähig-Werden zu guten Beziehungen und emotionaler Spiegelung“. Alle stecken dann in ihren Körperpanzern und in ihren mentalen Panzern. Und diese fortgesetzte menschliche Panzerung hat genau einen erkennbaren Zweck: Emotionale Verletzungen abzuwehren, die in Situationen hochwahrscheinlich sind, die von Machtasymmetrie zwischen uns Menschen geprägt ist.

Wollen wir in der Frage der finanziellen Ungleichheit und anderer institutionell gestützter Machtasymmetrien Fortschritte machen, so können wir uns nicht nur fragen, was denn „Fortschritt“ hier überhaupt heißen kann und soll, wenn es nach uns geht. Wir können uns darüber hinaus auch fragen, ob Machtasymmetrien durch Kampf wirklich beseitigt werden können, da Kampf nur „Gewinner und Verlierer“ hervorbringen kann.

Geht es uns bei „Fortschritt“ um Verbesserungen unserer gesellschaftlichen Beziehungsmöglichkeiten und individuellen Beziehungsfähigkeiten, so wird schon der Weg dahin „irgendetwas mit Empathie“ zu tun haben.

Der Beginn könnte die Frage sein, ob die objektiv mächtigeren Menschen wirklich so viel glücklicher sind in Sachen Beziehungsqualität. Und das, ohne zugleich das Beziehungsunglück der objektiv ohnmächtigeren Menschen aus der Wahrnehmung zu verlieren oder zu bagatellisieren. Ich gehe davon aus, dass wir in Sachen Beziehungsqualität nur alle gemeinsam glücklicher werden können. Und dies ist ein großer Unterschied von emotionalen Ressourcen gegenüber materiellen Ressourcen. Während im Materiellen win-lose die Regel ist, und die meisten von uns daher energisch auf die „win“-Seite streben, haben wir im Emotionalen nur die Wahl zwischen lose-lose oder win-win. Was Beziehungsqualität angeht, gewinnen oder verlieren wir alle gemeinsam. Und was der eine von uns weniger hat an Beziehungsqualität, gewinnt der andere von uns nicht dazu.

Ich weiß: Das ist eine echte Herausforderung für uns. Nicht nur gedanklich, weil dieses Denken uns noch fremd ist. Sondern es birgt auch ein sehr reales Risiko: Jeder Schritt kann hier auch einfach ein taktischer Schachzug sein, um den Anderen in (Beziehungs-)Sicherheit zu wiegen, nur um ihn dann nochmal geschickter über’s Ohr zu hauen in einem ewigen Hauen und Stechen, in einem nimmer-endenden Ressourcenverteilungskampf.

Aber gute Beziehungen sind ohne Risiko eigener Verletzlichkeit niemals zu haben. – Und wir müssen nicht die Augen schließen vor den Mechanismen der Macht, um diese Risiken einzugehen. Wenn es nach mir geht, dürften wir sie sogar noch deutlich weiter aufmachen. Solange wir darüber nicht verzweifeln und weiterhin Großes wagen.

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Warum wir den Zauber des „Miteinander Redens“ bisher kaum nutzen

Wenn „Miteinander reden“ so heilsame Wirkungen auf uns und andere hat, wie wir hier behaupten; wenn es so vielfältige Formen hat, wie wir hier behaupten; wenn es in gewisser Weise so unvermeidlich ist, wie wir hier behaupten:

Aus welchen Gründen nutzen wir diese unsere Zauberkraft dann nicht in den unzähligen Situationen unseres Alltags, „in denen es drauf ankommt“? – Denn dass wir das nicht tun, scheint mir ein Fakt zu sein. Wann immer offensichtliche Güter und Ressourcen offensichtlich nicht genutzt werden, kann man ja auch mal darüber nachdenken, warum nicht.

Ich möchte im Folgenden kurz ein paar Gründe aufzählen, die die Vermeidung „bedeutsamer Gespräche“, die die Ansprache von „Problemen“,  die das Spiegeln von Gefühlen und die das Eingehen von gehaltvollen Beziehungen als eine sinnvollen Unterlassung erscheinen lassen. Denn wenn solch ein Zaubermittel so hartnäckig ungenutzt bleibt, könnte man misstrauisch werden, ob es sich wirklich um so etwas zauberhaft Wirkungsvolles handelt; oder nicht vielleicht eher um eine hausgemachte Scharlatanerie. – Es braucht also – wie immer bei Erlösungsgeschichten – ein paar Verschwörungstheorien, die uns das bisherige Ausbleiben der doch angeblich so naheliegenden Erlösungen plausibel machen:

Die Gründe für das Vermeiden von Gesprächen, wo sie möglich und hilfreich wären, dürften ungefähr so vielfältig sein wie die Vielfalt menschlich-sozialer Situationen und wie die Vielfalt menschlich-psychischer Dispositionen. In der Tat lässt sich Vermeidung immer gleichermaßen leicht beidem zurechnen: „Den besonderen Umständen“ und „den Besonderheitheit einer Person oder Personengruppe“.

Zu den Umständen gehören auch organisatorische Strukturen, z.B. Weisungsketten und Reportinglines in Unternehmen und Behörden. Oder dass jemand „schwer greifbar“ oder sogar gezielt „kommunikativ abgeschottet“ ist. Insbesondere insitutionell zementierte Machtasymmetrien zwischen Personen machen sinnvolle und notwendige Kommunikation schwer bis unmöglich. U.v.a.m.

Zu den personenbezogenen Gründen gehören schlechte Vorerfahrungen, Übertragungsphänomene, Missverständnisse, persönliche Ängste, Gerüchte und Vorurteile. Aber auch Bequemlichkeit, fortgesetzte Blauäugigkeit, die aufgrund ebenso fortgesetzter Enttäuschungen irgendwann in Zynismus kippt und fixierte Selbstbilder, die in ein „Ich kann das nicht“ münden. U.v.a.m.

Produktiver als eine detaillierte Erörterung der unzähligen und variantenreichen „Obstacles“ ist aber möglicherweise die Frage, ob wir dieses ganz besondere Heilsversprechen nicht vielleicht doch kaufen wollen. Denn anders als alle Sektiererei und als alle Erlösungen von Außen in den handelsüblichen, unterschiedlichen Geschmacksrichtungen hat „der Glaube an die heilsame Kraft von Beziehungen“ zwei nicht ganz unwichtige Besonderheiten:

1) Er legt alles in unsere eigene Hand. Er entfremdet uns nicht von unseren realen Handlungsmöglichkeiten, sondern stupst und mehr oder weniger sanft auf sie.

2) Er verbindet uns und trennt uns nicht, wie das andere „Glaubensrichtungen“ unvermeidlich tun, wie religiös, rationalistisch, gefühlig oder intellektuell sie daher kommen mögen.

Der Glaube an die Kraft von Beziehungen sagt nichts anderes als: „Sprich an, was angesprochen werden muss. Nutze, dass der andere auch ein Mensch ist. Nutze Dein Gewicht, dass Dir Deine Menschlichkeit bei anderen Menschen ganz natürlich verleiht. Entdecke die (Beziehungs-)Möglichkeiten!“

Das war’s auch schon.

Natürlich kann man sich auch weiterhin von seiner psychischen Verfassung oder der psychischen Verfassung der Anderen, von Situationen, Strukturen und Umständen davon abhalten lassen, in Beziehungen zu gehen und diese offensiv zu nutzen. Sie alle geben uns jederzeit gute Gründe, „warum das gerade hier und jetzt nicht geht.“ An diesen Gründen wird es nie Mangel geben. Und es scheint zumindest mir sehr unwahrscheinlich, dass Ängste, Bequemlichkeiten und Entfremdung durch Strukturen je vollständig aussterben werden. Beziehungen werden also wohl immer „irgendwie schwer bleiben“.

Dass sie der Ort maximaler menschlicher Erfüllung sind, wird sich allerdings genausowenig ändern. Nicht einmal durch die auch heute noch ganz erheblich unterschätzten Möglichkeiten der AI, die zu Interaktionsformen und Beschäftigungen führen dürften, die wir uns heute noch nicht einmal ansatzweise vorstellen können. Geschweige denn, dass wir eine Ahnung davon hätte, wie sie sich konkret anfühlen werden. Dennoch ist es nicht allzu wagemutig, davon auszugehen, dass es nur zwei Entwicklungsmöglichkeiten gibt, die die Sache mit der AI nehmen kann – und das nicht aus Gründen technischer Grenzen, sondern aus Gründen menschlicher Grenzen:

Entweder wird die AI für uns die rein dienende Funktion behalten, die wir auch schon von wenig eigendynamischer Technik kennen. Und das auch bei aller Cyborgisierung, die ebenfalls schon weiter vorangeschritten ist, als uns das im Alltag oft bewusst ist. AI wird noch viel komplexer, dynamischer und variantenreicher werden als bereits jetzt. Aber sie wird stets unter der Fuchtel menschlicher Bedürfnisse und Wünsche bleiben. Sie wird „Objekt“ bleiben, niemals „Subjekt“ werden.

Oder die AI wird selbst sehr menschenähnliche Formen annehmen. Wir werden Beziehungen mit dem haben, was wir selbst irgendwann, in einer fernen Vergangenheit einmal „künstlich“ geschaffen haben und was sich nun selbständig weiterreproduziert und auch weitgehend autark von uns weiterentwickelt. Dann, ja dann werden wir also  Mensch-Nicht-Mensch-Beziehungen haben. Mit allen Problemen und Möglichkeiten, die wir mit anderen Menschen auch jetzt schon haben. Wenn sie „Subjekt wird“, wird auch AI Angst entwickeln, sie wird bequem sein und den unnötigen Fixierungen der Selbst-Identifikation erliegen. Es wird sich für uns nicht besser oder schlechter anfühlen mit AI zu reden und zu interagieren als mit anderen Menschen. Es wird sich höchstens anders anfühlen.

Absehbar wird sich also unvorstellbar viel auf der Ebene der Beziehungsformen ändern, ohne dass sich auf der Ebene der Beziehungslogik jemals viel ändern könnte. Ob das etwas Gutes ist oder etwas Schlechtes, wage ich nicht zu beurteilen.

Wohl aber, dass „die menschliche Aufgabe“ stets die Gleiche bleibt: Gute Beziehungen einzugehen, zu ermöglichen und zu kultivieren. Im größtmöglichen Bewusstsein über die eigenen Grenzen, Gefühle und Bedürfnisse. – Das ist zumindest mein Credo.

Das Schweigen der Gefangenen und das Schweigen aller Krieger gegen alle

Das erste Mal wurde ich mit dem Gefangenendilemma im Studium konfrontiert, jetzt vor etwas mehr als 15 Jahren. Es wurde am Lehrstuhl für Wirtschaftsethik an der LMU München gern benutzt, um ordoliberale politische Positionen zu begründen und zu veranschaulichen.

Grob geht es in etwa so:

Zwei Gefangenen wird ein gemeinsames Verbrechen zur Last gelegt. Sie werden getrennt verhört und können nicht miteinander kommunizieren. Man kann ihnen direkt nichts nachweisen, bietet ihnen aber beiden getrennt voneinander folgenden Deal an: Gesteht einer von ihnen und belastet damit auch den anderen, so geht derjenige, der gesteht, als Kronzeuge straffrei aus. Derjenige, der nicht gestanden hat, erhält in diesem Fall dagegen die Höchststrafe von 8 Jahren. Gestehen aber beide, so werden sie beide mit 6 Jahren Freiheitsentzug bestraft. Leugnen beide, so werden sie nur wegen eines anderen, beweisbaren, aber geringfügigeren Verbrechens bestraft und gehen beide für 1/2 Jahr ins Gefängnis.

Ich weiß nicht, was Ihnen an dieser „spieltheoretischen“ Fiktion besonders auffällt. Diese Fiktion wird oft auch benutzt, um zu zeigen, wie „trotz bester Absichten“ ein für beide Interaktionspartner suboptimales Ergebnis zustande kommt. Die Gefangenen kommen zu einem insgesamt optimalem Ergebnis, wenn Sie beide gleichermaßen dicht halten und nichts gestehen. Bedroht durch die Möglichkeit des Geständnisses des jeweils anderen und den hohen Anreiz der eigenen Straffreiheit ist es aber hochwahrscheinlich, dass sich beide gemeinsam in die Situation manövrieren, in der sie beide eine hohe Strafe bekommen (die 6 Jahre), aber immerhin wenigstens die Höchststrafe an ihnen beiden vorbei geht.

Mir fällt an dieser schönen-unschönen Geschichte heute vor allem zweierlei auf: Ähnlich wie im Fall der Folter oder anderweitigen Bedrohung von Menschen, denen eine Straftat zur Last gelegt wird, wird durch die Situation ein Geständnis „erpresst“. – Und das völlig unabhängig davon, ob die beiden das Verbrechen überhaupt begangen haben oder nicht.

Wichtiger noch ist mir aber der zweite Aspekt am Gefangenendilemma-Szenario: Das schwer suboptimale Ergebnis durch „nicht-kooperatives Verhalten“ kann nur dadurch zustande kommen, dass den Gefangenen die Möglichkeit zur Kommunikation „künstlich genommen ist“.

Könnten die beiden sich absprechen, hätten sie vertrauen zueinander oder befänden sie sich in der Situation einer Beziehung ( = Erwartung zukünftiger, subjektiv bedeutungsvoller Interaktionen miteinander), wird es mit einem Schlag deutlich wahrscheinlicher, dass sie gemeinsam ihr „Beziehungs-Optimum“ realisieren können und beide nach einem halben Jahr wieder frei sind, anstatt wie ohne Kommunikationsmöglichkeit nach 6 Jahren.

Als ich in der entsprechenden Vorlesung saß, die vom Wirtschaftsethiker Karl Homann gehalten wurde, hatte ich allerdings auch schon ein für mich persönlich sehr wichtiges und intensives Jahr Hobbes-Studium intus. Und in Thomas Hobbes‘ „Leviathan“ findet sich im berühmten 13. Kapitel die Beschreibung einer Situation, die strukturell mit dem Gefangenendilemma vergleichbar, wenn nicht sogar identisch ist. – Hobbes‘ Szenario sieht skizzenhaft umrissen folgendermaßen aus:

In einem fiktiven „Naturzustand“ sind wir Menschen (gedacht als sesshafte Ackerbauern) damit konfrontiert, dass andere Menschen sich bewaffnen könnten und uns die Früchte unserer Arbeit nehmen, möglicherweise auch unsere Werkzeuge und unser Leben. Da Menschen diese mögliche Bedrohung nun antizipieren, rüsten sie selbst auf und investieren einen Teil ihrer Zeit, Aufmerksamkeit, Ressourcen und Geschicklichkeit in die Herstellung von Waffen und Übung von kriegerischen Fähigkeiten. – Im Ergebnis entsteht so eine allseitig arme, hochgerüstete „Nicht-Gesellschaft“, die Ressourcen für Nicht-Produktives verschwendet, nur um am Ende nicht beraubt werden zu können und dann mit ganz leeren Händen dazustehen: Der berühmte „Krieg aller gegen alle“.

Um die kommunikative Parallele zum Gefangenen-Dilemma zu sehen, müssen wir uns bewusst machen, dass der Begriff „Mensch“ nicht immer schon ein Speziesbegriff war, der alle menschlichen Wesen in der Form einschloss, in der er das heute tut. Ich gehe davon aus, dass in allen Sprachen der vormodernen Welt der Begriff Mensch bzw. die Begriffe, aus denen später der heutige Menschen-Begriff hervorging, am besten mit Folgendem übersetzbar ist: „Einer von uns / Einer, der so ist wie wir / Einer, mit dem man sinnvoll kommunizieren, verhandeln und sich austauschen kann.“

M.a.W.: „Mensch“ war einmal ein eher auf den eigenen „Stamm“ oder die eigene Großfamilie bezogener Begriff, auf eine relativ geschlossene Kleingesellschaft, die miteinander häufig nicht nur Verwandtschaft, sondern auch eine Menge an kulturellen Gewohnheiten teilte, von denen die gemeinsame und exklusive Sprache nicht die einzige, aber auch nicht die unwichtigste war.

Vor diesem Hintergrund ergibt sich eine produktive Wahrnehmung von Hobbes‘ Naturzustands-Szenario: Das Bild, demzufolge wir Menschen uns aufgrund unseres wechselseitigen Bedrohungspotentials ohne „Staat“ samt „Gewaltmonopol“ notwendigerweise in einem niemals endenen Krieg gegeneinander wiederfinden, macht nur dann Sinn, wenn die dort vorausgesetzten „Menschen“

a) sich im Naturzustand nicht kommunikativ austauschen können

b) es in der wechselseitigen Antizipation für wahrscheinlicher halten, dass sie durch den jeweils anderen beraubt werden, als dass man einander bereichert: einander hilfreich, nützlich und heilsam sein wird.

In der Tat ist Hobbes‘ zentrales Argument im „Leviathan“ eben die Aussage, dass erst und allein der (bei ihm: autoritäre) Staat eine solche Wahrscheinlichkeit herstellt: Weil alle mit dem strafenden Staat und seinen Gesetzen rechnen müssen und rechnen können, haben alle Sicherheit, können individuell abrüsten und ihre Energien in produktivere Bahnen lenken.

Was ich heute dem Hobbes’schen Theorem entnehme, ist allerdings etwas ganz Anderes. Es ist die gleiche Erkenntnis, die mir auch beim Gefangenendilemma auffällt: Kommunikation hat ein Potential, das Lösungen, die Gewalt benötigen, damit keine für alle suboptimalen Ergebnisse zustande kommen, überflüssig machen kann.

Die menschliche Begabung zur empathischen Rede bedeutet, dass autoritäre Gewalt nicht die systematisch einzige Möglichkeit ist, soziale Dilemma-Situationen aufzulösen.

Die Szenarien von Gefangenendilemma wie Naturzustand sind eben nicht zufällig „asoziale Konstruktionen“, die Beziehungskommunikation entweder durch gesetze Rahmenbedingungen verunmöglichen oder einfach qua historischer Plausibilität als unwahrscheinlich ansetzen.

Beides ist heute, da wir auf eine Moderne Weltgesellschaft zusteuern, die in menschlicher Hinsicht „voll-inklusiv“ ist und kein menschliches Außen mehr hat, auffällig.

Und es wirft Fragen nach unserer Beziehungsgestaltung auf: Wann wir das unmittelbare Gespräch miteinander suchen. Und warum wir es oft nicht suchen, obwohl es prinzipiell durchaus möglich wäre.

Denn wie es scheint, ist Beziehungskommunikation in der Lage, uns von Gefangenendilemmata und Naturzuständen in einer Form zu „erlösen“, die wir bisher nur der „rechtsetzenden Gewalt“ zugetraut haben.

Hobbes war, wie ich schon in anderen Artikeln oft betont habe, ein politischer Optimist. Er war – ähnlich wie die athener Sophisten als Vertreter einer politisch-rhetorischen Vernunft – der Meinung, dass wir Menschen selbst die alleinverantwortlichen Erzeuger unseres politischen Wohlergehens oder unserer politischen Katastrophen sind.

Weit entfernt davon, der Atheist zu sein, den man später in ihm gesehen hat, liefert Hobbes im „Leviathan“ auch eine frühneuzeitliche Lösung des Problems, das später „Theodizee-Frage“ bezeichnet wurde. „We can’t blame God, if we go to war“ könnte Hobbes Antwort lauten. Und „war“ steht hier als Chiffre für alle menschengemachten Übel, die aus dem „Krieg aller gegen alle“ hervorgehen. Also auch für die wechselseitigen Wohltaten, die uns entgehen, weil wir unsere Energien in wechselseitige Bedrohung und Zerstörung stecken.

Die andere Seite dieser „Verantwortungsanmaßung“ (Gerhard Wohland): Wir Menschen sind nach Hobbes‘ Ansicht in der Lage, uns selbst eine Art „Himmel auf Erden“ zu bereiten. Nach Hobbes‘ Dafürhalten dadurch, dass wir unsere gottgegebene Vernunft angemessen einsetzen und den Staat streng deduktiv ableiten mit den Mitteln der frühneuzeitlichen, mechanistischen „Wissenschaft“.

Es ist einen Versuch wert, Ähnliches heutzutage, in einem deutlich dichteren gesellschaftlichen Beziehungsgefüge als Hobbes es kannte, unseren Fähigkeiten zu wechselseitiger Empathie, kommunikativem Austausch und aktiver Beziehungsgestaltung zuzutrauen. „Gott“ müssen wir dabei nicht, können wir aber von mir aus gerne aus dem Spiel lassen.

Psychologisierungen und Soziologisierungen von Beziehungsdynamiken – Und warum sie uns wenig helfen, gute Beziehungen miteinander zu pflegen

Ich möchte in diesem Artikel kurz umreissen, warum es ein hilfreicher Gedanke sein könnte, uns sowohl vor Psychologisierungen als auch vor Soziologisierungen zu hüten, wenn wir in Beziehungen agieren und unsere Beziehungen bewusst miteinander gestalten wollen.

Anders als in einem Vorläufer-Artikel möchte ich also eine kritische Haltung gegenüber beiden Denkformen einnehmen. Dort hatte ich dafür argumentiert, dass beide Perspektiven ihre Berechtigung haben, dass sie einander ergänzen und wir daher immer beide brauchen. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher. Und ich denke, ich kann dafür ein paar Gründe nennen und diese Gründe zumindest halbwegs plausibel machen.

Beziehungsprobleme als situativer Anlass

Zunächst die notwendige Klärung: Was verstehe ich im Folgenden überhaupt unter „Psychologisierung“ bzw. „Soziologisierung“?

Als bekennender philosophischer Pragmatist verorte ich Sprechhandeln grundsätzlich situativ. D.h. Sprache macht unabhängig von sozialen Situationen recht wenig Sinn. Sowohl Psychologisierungen als auch Soziologisierungen kommen nur dann zum Einsatz, „wenn es ein Problem gibt“. Genauer: Wenn jemand ein Problem hat oder zu haben glaubt. Mit Thomas Gordon kann man hier von der Frage nach dem „Problembesitz“ sprechen.

In Beziehungen, wenn sie denn diese Bezeichnung verdient haben, gehört das Problem immer automatisch beiden Beziehungspartnern. Es ist zwar denkmöglich, aber pragmatisch unsinnig, davon auszugehen, dass der eine das Problem hat, den anderen das Problem aber nicht betrifft. In der sozialen Realität von Beziehungen und Beziehungsdynamiken ist es dagegen so, dass das Problem des einen immer automatisch auch für den anderen ein Problem darstellt. Da wir als soziale Wesen auf vielen Ebenen engstens miteinander verbunden sind, „übertragen sich“ Probleme auf uns, egal wie gut unsere Abgrenzungstechniken und -Fähigkeiten sind. Auf meine an dieser Stelle schon zur Gewohnheit gewordenen Rede von Spiegelneuronen, Resonanz-Phänomenen, usw. gehe ich nicht weiter ein. Das kann jeder gern recherchieren, den das Thema tiefergehend interessiert. Ich gehe stand heute davon aus, dass wir hier noch nicht einmal alle materiellen Prozesse entdeckt haben, die es uns ermöglichen, unser Verhalten und unsere Emotionen aufeinander abzustimmen. So rechne ich z.B. fest damit, dass es auch auf olfaktorischer Ebene Übetragungen und Resonanzen gibt, die noch nicht entdeckt und schon gar nicht wissenschaftlich erforscht sind. Von visuellen, auditiven und haptischen Resonanzen ganz zu schweigen. – „Individuelle Getrenntheit“ betrachte ich mittlerweile als Ideologie mit langer Tradition (= seit Platon), die aber dazu führt, dass unserem Bewusstsein für uns Wichtiges permanent entgeht. Dass wir also aufgrund ideologischer Vorprägungen unseres Bewusstseins vieles gar nicht wahrnehmen, das uns sehr helfen würde, unsere Beziehungen miteinander für alle Beteiligten befriedigender zu gestalten, wenn wir sie lernen würden wahrzunehmen. Dafür braucht es aber eine andere Sprache und andere Fokussierungs- und Wahrnehmungsgewohnheiten als die, die derzeit unter uns verbreitet sind und als „normal“ gelten.

Das Problem mit Psychologisierungen: Verschlechterung von Beziehungen durch gleichzeitige Überforderung und Unterforderung der Einzelnen

„Psychologisierungen“ bedeuten in diesem Kontext erst einmal nur, dass ein Mensch unangenehme Gefühle hat, die er nun ursächlich einem oder mehreren Menschen zuschreibt. Die sprachpragmatische Funktion einer Psychologisierung besteht darin, das Zirkuläre der Beziehungsdynamiken aufzubrechen und eine „Ursache“ zu finden, an der man ansetzen kann. Zugleich bringt dem Menschen, der Psychologisierungen gebraucht, allein schon der Einsatz von Psychologisierungen eine unmittelbare emotionale Entlastung. Diese Entlastung lässt sich übersetzen entweder in: „Die Schuld liegt nicht bei mir – Der andere ist Schuld“ oder in: „Die Schuld liegt bei mir – Der andere ist nicht Schuld.“ Beide Vorgänge sind emotional entlastend und belastend zugleich und sehr offensichtlich keine sonderlich produktive Betrachtungsweise. Nicht von ungefähr spricht die Transaktionsanalyse von der dogmatischen Setzung eines „Ich bin O.K. – Du bist O.K.“ als Basis aller produktiven Beziehungsgestaltung. Und nicht von ungefähr spricht der von mir vielfach bemühte Thomas Gordon sehr überzeugend davon, dass „Diagnosen“ in Beziehungen eine handfeste „Kommunikationssperre“ darstellen (in: „Gute Beziehungen“, Klett-Cotta 2013, S. 61). Ich möchte hier ergänzen, dass das auch dann der Fall ist, wenn sich die „Diagnose“ auf den Diagnostizierenden selbst richtet. Und dass sie auch dann für die Beziehung ungute Effekte nach sich zieht, wenn sie sich „im Stillen“ vollzieht, also gar nicht ausgesprochen wird.

Psychologisierungen haben mit der Brille der Beziehungsdynamik betrachtet den großen Nachteil, dass sie dem Einzelnen eine Verantwortung aufbürden, die für ihn viel zu groß ist. Ähnlich wie die Kategorie der „Schuld“ und andere Kategorien des Moralisierens wird die Beziehungsdynamik mit ihrer Unmöglichkeit, eine eindeutige Ursache zu benennen, durch Psychologisierungen direkt verleugnet und unwahrnehmbar gemacht. Man könnte auch sagen: Psychologisierungen sind der Tod derjenigen Art von Beziehungsklugheit, die durch eine entschiedene Fokussierung auf Beziehungsdynamiken ermöglicht wird.

Ist „der Schuldige“ oder „Pathologische“ gefunden und identifiziert, kommen zugleich Entlastungen ins Spiel. Entweder verlangt man von dem Psychologisierten bestimmte Verhaltensweisen nicht mehr, was zu krankhaft einseitigen Beziehungen führt, wie sie etwa Frank Farrelly sehr anschaulich beschrieben hat. Oder man verlangt vom Beziehungsumfeld des Psychologisierten bestimmte Verhaltensweisen nicht mehr, wie es etwa Alan Deutschman für die gängigen Praktiken in amerikanischen Gefängnissen sehr anschaulich beschrieben hat, die voller angeblich „unheilbarer Psychopathen“ sind.

Kommen Psychologisierungen innerhalb einer Beziehung ins Spiel, und sei es wie subtil oder offen auch immer, so beginnen sie das Beziehungsspiel zwischen den Beziehungspartnern merklich umzugestalten und bestimmte starre Rollen nahezulegen, die der Fülle der Möglichkeiten der Beziehungswirklichkeit nicht gerecht werden. Alle beteiligten Beziehungspartner werden dann in ihren menschlichen Möglichkeiten begrenzt und unnötig vereinseitigt. Man könnte geradezu von einer Pathologisierung aller Beteiligter sprechen, die durch die Verwendung von Psychologisierungen in Gang kommt und erhalten wird.

Ich möchte daher zu Vorsicht vor Psychologisierungen raten. Grundsätzlich. Und das sowohl für einen alltäglichen, privaten wie beruflichen Kontext. Über den Nutzen von ICD-10-Diagnosen für die therapeutische Arbeit im klinischen und ambulanten Bereich möchte ich als Unberufener bewusst schweigen.

Ist ein Mensch erst einmal mit einer psychologisierenden Diagnose „gebrandet“, entsteht automatisch eine beziehungsallseitige Überforderung. Die weitere Beziehungskommunikation vollzieht sich im Paradigma der „Heilung“. Beziehungsdynamisch gesehen hat dieses Heilungs-Paradigma beinahe komische Züge, bei denen man manchmal nicht weiß, ob man eher über sie weinen oder über sie lachen soll. Die Behandlung, die dem psychologisierten Menschen angedeiht, hat große Ähnlichkeiten mit dem Paradigma „Reparatur einer kaputten Maschine“. Da Menschen aber keine komplizierten Maschinen, sondern – sofern überhaupt als „Maschinen“ betrachtbar – komplexe, selbstbewegte und selbsterschaffende Maschinen sind, die bei ihrer Selberschaffung intensiv auf andere Menschen zurückgreifen, geraten alle Beteiligten im Heilungs- oder Reparatur-Paradigma in einem Zustand erschöpfender und unproduktiver Überforderung. Fähigkeiten des als krank diagnostizierten Menschen, verdeckter Krankheitsgewinn und vieles anderes mehr geraten aus dem Blick, die Verantwortung für eine befriedigende Beziehungsgestaltung flipp-floppt zwischen den Beteiligten hin und her wie eine heiße Kartoffel, die keiner lange in der Hand behalten kann.

Ich habe keine Ahnung, ob der Rat zur psychologisierenden Zurückhaltung in den gesellschaftlichen Kontexten, in denen wir uns heute bewegen, operativ umsetzbar und durchhaltbar ist. Was ich aber mit Sicherheit glaube behaupten zu können, ist: Dass diese Zurückhaltung notwendig ist, wenn wir Beziehungsdynamiken besser in den Blick bekommen wollen und in unserer gemeinsamen Beziehungsgestaltung neuartige Wege gehen wollen. Die Formen, die von systemischen Beratungsansätzen in den letzten Jahrzehnten entwickelt wurden, z.B. in der hypno-systemischen Arbeit Gunther Schmidts oder in der in meiner Wahrnehmung nicht weniger systemischen Arbeit von Frank Farrelly und des provokativen Stils und einigen weiteren Ansätzen, all diese Formen machen mich recht zuversichtlich, dass wir in der Lage sind, unser Sprechen, Fühlen und Handeln in Beziehungen über den Stand hinaus weiterzuentwickeln, den wir bereits miteinander erreicht haben. Ich halte eine menschliche Weltgesellschaft für möglich, in der wir unser Zusammenleben, unsere Probleme miteinander und unsere Freude miteinander in einer anderen Sprache berschreiben, die mit anderen Umgangsformen verknüpft ist und die dazu führt, dass wir bestimmte Verhaltensweisen weitaus weniger tolerieren als bisher, während wir für andere Verhaltensweisen weitaus aufgeschlossener werden als bisher. Die Vorstellung, dass menschliche Gesellschaft jemals zu einem Endzustand kommen könnte, in dem sie sich nicht mehr weiterentwickelt, erscheint mir absurd. Und das, obwohl ich zugleich nicht an einen „Automatismus der Weiterentwicklung“ glaube ( = Geschichtshistorismus, Geschichtsmetaphysik) und für mich genauso auch grobe Rückschläge und Rückfälle in Gesellschaftszustände vorstellbar sind, die wir bereits als „überwunden“ glauben.

Sofern wir uns aber als Gesellschaft in unseren Beziehungsgestaltungen weiterentwickeln, so wird das aus den genannten Gründen sehr wahrscheinlich mit einem Rückgang der Verwendung von psychologisierender Zuschreibungen gekoppelt sein. Von daher glaube ich eine generelle Zurückhaltung gegenüber Psychologisierungen empfehlen zu können.

Das Problem mit Soziologisierungen: Stabilisierung von Opferhaltungen und  Unterschätzung der Rolle von Emotionen bei der Beziehungsgestaltung

Was soll nun aber das Problem mit Soziologisierungen sein, dem Pendant zu Psychologisierungen?

Soziologisierungen sind oft von dem Wunsch getrieben, die Probleme, in die Psychologisierungen hineinführen, systematisch zu vermeiden. Insbesondere möchte man den versteckten oder offenen moralischen Kategorien aus dem Weg gehen, die zu unproduktiven Schuldzuschreibungen führen, von denen her kaum eine produktive Beziehungsgestaltung mehr möglich ist.

Dabei führen Soziologisierungen, deren Absichten ähnlich gut sind wie die Absichten hinter Psychologisierungen, in kaum geringere Probleme. Indem ich Probleme, die in Beziehungen auftreten auf Umstände und Rahmenbedingungen zurechne, die für keinen der Beteiligten unmittelbar verfügbar sind, öffne ich Hilflosigkeitsgefühlen und gepflegten Opferverhalten mit verstecktem Beziehungsgewinn Tür und Tor. Es mag unserem intellektuellen Erkenntnisdrang große Befriedigung verschaffen, gesellschaftliche Zusammenhänge und ihre Auswirkungen zu durchschauen – Für Beziehungsgestaltungen, die sich im Hier und Jetzt ereignet, geben Soziologisierungen sehr selten etwas her.

Dem geringe beziehungsdynamische Nutzen von Soziologisierungen stehen hohe beziehungsdynamische Kosten gegenüber. Das eigentliche Problem, das der Gebrauch von Soziologisierungen erzeugt, besteht ähnlich wie beim Gebrauch von Psychologisierungen darin, wie sie uns selbst im Beziehungsgeschehen positionieren: Ist mein innerer Fokus auf übergeordnete gesellschaftliche Zusammenhänge gerichtet, entgeht mir nicht nur meist, was im Hier und Jetzt geschieht, sondern auch, welche Rolle ich selbst dabei einnehme und wie sich diese Rollenwahl auf mich, auf andere und auf unsere gemeinsame Beziehung auswirkt. Ich nehme mich „gedanklich aus dem Spiel, das gerade läuft“. Beziehungsdynamisch gesehen ist dies in der Regel gekoppelt mit einer dominanten, intellektualistischen Rollenwahl im Beziehungsgeschehen, die vorhandene Emotionen bei allen Beteiligten als unerheblich, störend oder nicht-vorhanden herabwürdigt. Der soziologisch Erleuchtete verhält sich in der Beziehung meist als wäre er ein gestandener Vollidiot: Er doziert, belehrt und schüchtert die anderen Beziehungspartner ein, mindert damit ihre aktiven Anteile, ihre Ideen, ihren Humor, ihre Ressourcen und ihre anderen Lösungskompetenzen. Soziologisierungen klingen meist sehr beeindruckend. Sie führen aber weg aus dem Hier und Jetzt, in dem sich die Dinge ereignen, die für uns gemeinsam eine Rolle spielen.

Von ausführlichen Soziologisierungen verseuchte Beziehungen enden meist in Ratlosigkeit, Frustration und tiefer Unverbundenheit der Beziehungspartner: Alle haben „viel verstanden“, dennoch oder gerade deswegen fühlt sich keiner der Beteiligten vom anderen richtig verstanden. Die Beziehungsseite der Kommunikation wird durch Soziologisierungen nämlich konsequent ausgeblendet, ausgelöscht und in die Unwahrnehmbarkeit verdrängt: Wovon wir in unseren Beziehungen nicht offen reden, das hört auf, für unser Bewusstsein zu existieren.

Wir können uns an dieser Stelle daran erinnern, dass es Beziehungsprobleme sind, die den Impuls zu Soziologisierungen auslösen. Soziologisierungen führen unser Bewusstsein auf eine umfassendere, abstraktere, allgemeinere und unverfügbarere Ebene, es führt uns aus Angst vor den übertriebenen Schuldzuschreibungen und Verantwortungsübernahmen der Psychologisierung hin zu einer erlernten und intellektuell verfestigten Hilflosigkeit.

Damit ist der Schaden, den Soziologisierungen innerhalb von Beziehungen anrichten, aber noch nicht vollständig benannt. Noch fataler und blockierender für neue Umgangsformen und gemeinsame Lösungen ist die Ignoranz gegenüber Emotionen, die mit Soziologisierungen unvermeidlich einhergeht. Indem unsere begrenzten Aufmerksamkeits- und Fokussierungsressourcen durch Soziologisierungen auf übergeordnete gesellschaftliche Zusammenhänge hingelenkt werden, lenken sie unsere Aufmerksamkeit zugleich weg von dem, was uns innerlich bewegt und was  uns zugleich mit anderen verbindet: Also weg vom unmittelbaren Beziehungsgeschehen.

Soziologisierungen lösen auch deswegen Ohnmachtsgefühle aus, weil sie unsere Verbindung mit uns selbst schwächen, die in der Verbindung mit Anderen gestärkt werden könnte. Indem wir mithilfe von Soziologisierungen von uns und unseren gegebenen Emotionen absehen, treiben uns Soziologisierungen in einen gefühlsbefreiten Rationalismus, der einen sinnvollen Wiedereintritt in ein Handlungsparadigma nahezu unmöglich macht. Da das, was positive Beziehungsgestalten ausmacht, in der sinnvollen Spiegelung von Gefühlen durch sprachliches und nicht-sprachliches Verhalten besteht, kann man ohne Umschweife feststellen, dass Soziologisierungen zur Verbesserung von Beziehungen nicht nur nichts beitragen, sondern selbst wie eine Sperre oder Blockade für solche produktiven Verhaltensweisen in Beziehungen wirken.

Soziologisierungen stärken keine Verbundenheit, sondern erschweren sie, wenn sie sie nicht sogar ganz unmöglich machen. Sie wirken in Beziehungen oft wie ein intellektueller Panzer, Rationalisierungen für vorhandene Emotionen, und erfüllen damit voll und ganz ihren Zweck, Verletzlichkeitsgefühle zu unterdrücken und zu verdrängen. Sie verschaffen ein falsches Gefühl der Möglichkeit von Einflussnahme und Gestaltungsmacht, während sie gleichzeitig Gestaltungsmöglichkeiten in der Gegenwart unwahrnehmbar machen.

Man kann sagen, dass Soziologisierungen mit Blick auf die realen Probleme, die durch Psychologisierungen ausgelöst werden, „das Kind mit dem Bade ausschütten“. Aus lauter Furcht vor Schuldzuschreibungen wird gar nicht mehr über das Gesprochen, was die beteiligten Beziehungspartner unmittelbar bewegt und verbindet. Die Rede über übergeordnete Strukturen, Rahmenbedinungen und Prozesse entfremdet nicht nur den Einzelnen von dem, was auch ihm gehört, sondern auch die beteiligten Beziehungspartner voneinander und jeden Einzelnen von sich selbst und seinen aktuellen Gefühlen und Bedürfnissen, die er nach dem Durchgang durch soziologisierende Redeweisen deutlich schwerer wahrnehmen kann als zuvor.

Man kann daher mit einigen Gründen vor Soziologisierungen genauso warnen wie vor Psychologisierungen. Mit Blick auf Beziehungsdynamiken und bewusste Beziehungestaltung geben beide Formen genauso wenig her und wirken sich ähnlich fatal auf die Menschen aus, die an ihnen beteiligt sind.

Das gemeinsame Übel: Vermeidung und Entfremdung

In meiner Wahrnehmung handelt es sich bei Psychologisierungen und Soziologisierungen im Grunde weniger um Gegensätze, sondern eher um die berühmten „zwei Seiten der gleichen Medaille“: Während uns Psychologisierungen vereinzeln, indem sie uns als Einzelne, unabhängig von unseren Beziehungen beschreiben, vereinzeln uns Soziologisierungen, indem sie uns gar nicht mehr beschreiben. Führen Psychologisierungen in Ohnmacht, indem sie dem einen viel zu viel und dem anderen viel zu wenig Verantwortung aufbürden (Opfer-Täter-Retter), führen Soziologisierungen in Ohnmacht, indem sie alle Beteiligten gar nicht mehr als Handelnde, sondern bevorzugt als „Opfer von unverfügbaren Umständen“ beschreiben, als ob diese Umstände nicht auf gemeinschaftliches Handeln rückführbar wären.

Psychologisierend kann man diese Vorgänge beide (sowohl die Psychologisierung als auch die Soziologisierung) als Vermeidungs-Verhalten beschreiben: Vermieden werden produktive Verhaltensweisen, die anstrengend und beängstigend sein können und die in der Lage sind, die aktuelle Identitäten der Beziehungspartner in Frage zu stellen. Solche Vermeidungen sind psychologisch gesehen gut nachvollziehbar. Besser werden sie dadurch aber keinen Meter.

Soziologisierend kann man beide Vorgänge als verbreitete Strukturformen ansehen, die dazu dienen, gesellschaftliche Prozesse stabil zu halten und gegen soziale Innovationen abzudichten. Warum man einen solchen Blick wählen sollte, dafür fehlen mir ganz offen gesprochen die Gründe. Außer intellektueller Selbstbefriedigung fällt mir im Moment tatsächlich kein Grund ein, der einen dazu motivieren kann, eine solche Perspektive zu wählen.

Denn die moralisierende Überladung, die die Soziologisiererei zu fürchen vorgibt, ist auf anderen Wegen viel effektiver aufhebbar: In einem Blick auf die Beziehungsdynamik, in der wir jeweils selbst beteiligte und aktive Mitgestalter sind, ist eine gleichzeitige Kultivierung von Selbst- und Anderempathie möglich, die nur dann funktioniert und zu unmittelbar befriedigendem Beziehungsfeedback führt, wenn wir sie weitgehend Moralinfrei praktizieren. Einige sprechen hier von der „eingebauten Supervision“, was nichts anderes heißen soll als: Wir kriegen es recht unmittelbar zu spüren, wenn wir unsere Beziehungen bewusst zu gestalten versuchen und dabei beginnen, entweder uns oder den anderen mit der moralischen Keule zu verprügeln. Denn das, was unmittelbar nach solcher Keulenschwingerei geschieht in unseren Beziehungen, das fühlt sich nur höchst selten gut und befriedigend für uns an.

Achtsamkeit für Beziehungen bedeutet immer auch: Gleichzeitige Achtsamkeit auf unsere emotionale Eigenzustände und auf die emotionalen Zustände unserer Beziehungspartner. Aussprache und Ansprache von „Beziehungsereignissen“, spontanes (Neu-)Erfinden einer Beziehungssprache, Spiegelung von emotional bedeutsamem Verhalten, das sich in unseren Körperreaktionen überdeutlich zeigt. – Wenn, ja wenn wir sie beachten und ihnen unsere Aufmerksamkeit schenken.

Dazu haben weder Psychologisierungen noch Soziologisierungen viel beizutragen. Mit ihrem Gebrauch machen wir es uns in Beziehungen deutlich schwerer als wir es haben müssten. Gute Beziehungen können wir völlig ohne Rückgriff auf diese beiden Formen gestalten. Mit klarem Blick für anderes: Dich und mich im Hier und Jetzt und was sich gerade zwischen uns ereignet, was sich zwischen uns abspielt, was wir gerade einander vorspielen und wie wir gerade einander mitspielen…

Was ein „Arschloch“ ist und nach welchen Umgangsformen es ruft

– Ich danke Lydia Krüger für ihre zahlreichen Anregungen hier und im persönlichen Gespräch! 🙂 Die Ansichten in diesem Artikel sind zwar nur meine notdürftig zusammen geschraubten Gedanken, aber ich hätte sie ohne Lydias Ideen, ohne ihre Fragen und Einwände kaum wie folgt formulieren können:


Bewusstes und unbewusstes Arschloch-Verhalten

Ein „Arschloch“ ist leichter und klarer zu definieren als man vielleicht meinen könnte: Es handelt sich um einen Menschen, der zuverlässig ein Verhalten an den Tag legt, das deutlich ausdrückt: „Es kümmert mich kein bisschen, wie es Dir dabei geht“.

Weniger ins Gewicht fällt, ob es sich um ein „bewusstes“ oder ein „unbewusstes Arschloch“ handelt. Ob ein Mensch sich also merklich für das „I don’t care“ entscheidet oder ob er schlicht nicht auf die Idee kommt, sich um die Befindlichkeit, die Gefühle und Wünsche seiner Interaktionspartner zu kümmern. Menschen, die sich bei vollem Bewusstsein dafür, was sie anderen antun, dafür entscheiden, wird oft „Sadismus“ unterstellt. Ich persönlich glaube, dass die Deutung, die diese Bezeichnung unterstellt, in den meisten Fällen grob daneben liegt. Und Menschen, die sich andererseits einen großen blinden Fleck leisten, was die Auswirkungen ihres Agierens auf andere Menschen angeht, würde ich ähnlich nicht alle als „gleichgültig“ bezeichnen. Auch bei unbewusstem Arschloch-Verhalten sind zahlreiche Gründe und Erscheinungsformen denkbar. Beide Formen von Arschloch-Verhalten sind vielfältig. Bei aller Vielfalt haben Sie aber immer eine fehlende Sorge um das Wohlergehen anderer Menschen gemeinsam.

Ganz persönlich möchte ich bekennen, dass mich unbewusstes Arschloch-Verhalten mehr auf die Palme bringt als bewusstes: Wer sehenden Auges anderen schadet oder an ihren Bedürfnissen vorbei agiert, negiert dabei diese Bedürfnisse nicht, sondern nimmt sie wahr und erkennt sie implizit an. Würde man seine unerfüllten Bedürfnisse bei Menschen, die bewusstes Arschloch-Verhalten zeigen, addressieren, würde man auf Dialogfähigkeit treffen. Genau das ist bei unbewusstem Arschloch-Verhalten nicht der Fall: Man kann das Arschloch-Verhalten im ersten Schritt kaum ansprechen. Denn im Horizont des anderen kommen die eigenen Bedürfnisse und die eigene Situation überhaupt nicht vor. Hier wird – in aller „Unschuld“ – nicht nur das universalmenschliche „Caring“ verweigert, hier wird auch die Anerkennung verweigert, dass es gerade überhaupt ein Problem gibt. Und diese Verweigerung der Anerkennung von Bedürftigkeit kann deutlich mehr schmerzen als die Weigerung, sich zu kümmern. Nicht von ungefähr betonen viele Mediations- und Wiedergutmachungs-Profis, dass es entscheidend ist, dass der menschliche „Täter“ glaubwürdig anerkennt, welchen Schaden er angerichtet hat, damit das menschliche „Opfer“ von Arschloch-Verhalten einen Schlussstrich ziehen und seinen Frieden damit machen kann.

Doch gleich, wie die genau Gemengelage ist, welche Variante bewussten oder unbewussten Arschlochverhaltens also vorliegt, es ändert in der Situation selbst erst einmal wenig für diejenigen Menschen, die ihm ausgesetzt sind. – Es stellt sich stattdessen sehr unmittelbar die Frage „Was tun?“, d.h. unmittelbar, nachdem der erste Schock der Konfrontation mit Arschlochverhalten verdaut ist.

Generell sind 4 Hauptreaktionen auf Arschlochverhalten anderer naheliegend. Diese Reaktionsformen möchte ich kurz umreissen und in ihren Konsequenzen ausloten.

1) Konfrontation und Feedback

Natürlich könnte man Arschloch-Verhalten jederzeit als solches ansprechen: „Ich fühle mich verletzt von dem, was Du gerade gesagt hast.“ / „Ich fühle mich nicht gehört, gesehen, verstanden, wenn Du…“ – Doch das Ansprechen birgt ein Risiko: Es birgt das Risiko einer Erneuerung und Vertiefung der bereits erfolgten Verletzung. Und das ist ein „gefühlt sehr hohes Risiko“ nachdem der Andere in der eigenen subjektiven Perspektive ja deutlich gemacht zu haben scheint, dass er sich einen feuchten Kehricht um das eigene Befinden und die eigene Person zu schert.

Erfolgt diese „brave“ Form von Konfrontation und Feedback dennoch, so muss sie als Vertrauensvorschuss und als Risiko-Investition in die Beziehung verstanden werden. – Wird dieses Vertrauen nicht gewürdigt, z.B. indem weiter Unverständnis für das Anliegen geäußert wird oder generelle Unwilligkeit, sich überhaupt mit dem Anderen auseinderzusetzen, so wird die Beziehung in der Regel irreparabel geschädigt.

Feedback erfolgt zudem meist dann, wenn es keine einseitige Machtasymmetrie zwischen den Beziehungspartnern gibt. In allen Situationen, in denen das Arschloch-Verhalten von jemandem ausgeht, der in der Lage ist, mich zu belohnen oder zu bestrafen, werde ich es mir sehr gründlich überlegen, ob ich das Arschloch-Verhalten unmittelbar anspreche oder konfrontiere. – Ein Mitgrund, warum nahezu alle Menschen, die Machtpositionen innehaben, nahezu nichts darüber wissen, wie verletztend sie sich häufig verhalten: Sie bekommen kein Feedback mehr, das typisch wäre in einer machtsymmetrischen Beziehung.

In einer Situation, in der man in seiner Kraft ist und in einer nicht-abhängigen Position gegenüber dem Menschen, der Arschloch-Verhalten an den Tag legt, ist es zudem möglich, provokatives Feedback zu geben (im Sinne Frank Farrellys): Es ist dann möglich, entweder den anderen so übertrieben zu spiegeln oder ein so überdeutliches Opfer-Verhalten zu spielen, dass der andere auf emotionale Weise mit seinem gerade erfolgten Arschloch-Verhalten konfrontiert wird und nicht rein kognitiv. – Gute Freunde verhalten sich häufig so.

Menschen, die provokatives Feedback auch noch in Situationen geben, in denen sie sich in einem abhängigen Verhältnis zum Quasi-Arschloch befinden, sind aus guten Gründen rar. Aber es gibt sie: Sie gehören zu der Marke Karl Valentin oder John Yossarian, den wahren „Hofnarren“, die keineswegs in objektiver Sicherheit sind, sondern buchstäblich Kopf und Kragen dabei riskieren, anderen einen Spiegel vorzuhalten. Diese Form von sozialem Mut ist m.E. gekoppelt mit großer innerer emotionaler Sicherheit, die auf sehr gute und lebendige Beziehungen in der Kindheit zurückgehen, wie sie auch der Meister des Provokativen gehabt zu haben scheint.

Möglicherweise können aber auch gute Beziehungen in der Gegenwart eine nicht ganz so grandiose Kindheit zu einem guten Ausmaß kompensieren. Soll heißen: Wer gute andere Beziehungen hat, tut sich leichter, Menschen bei Arschloch-Verhalten zu konfrontieren. Und das auch dann, wenn er sich zu diesem Menschen in einem Abhängigkeitsverhältnis befindet. Denn gute Beziehungsalternativen machen uns frei und unabhängiger. Und dann eben auch frei zur Konfrontation.

Was auch immer die Quelle ist, aus der wir den Mut zur unmittelbaren Konfrontation schöpfen: Menschen, die die Konfrontation wagen, sind in der Lage, sich großen Respekt auch und gerade bei eingewachsenen Arschlöchern zu erarbeiten, d.h. bei Menschen, die sich meist positionsbedingt so sehr an Arschloch-Verhalten gewöhnt haben, dass es ihnen mittlerweile normal vorkommt und sie die Auswirkungen ihres Verhaltens auf und in Anderen kaum noch wahrnehmen können.

2) Kontaktabbruch

Die Flucht. – Das kann weniger ehrenrührig sein, als es möglicherweise auf’s Erste klingt. Kontaktabbruch kann die bestmögliche unter mehreren schlechten Optionen sein oder sogar eine Bejahung guter Selbstsorge.

Dies ist immer dann der Fall, wenn wir akut nicht in der Verfassung sind, auf eine produktive Art Feedback zu geben, wenn also unsere „Gesamtbedürfnis-Erfülltheits-Lage“ all zu schlecht aussieht und wir das auch nicht auf die Schnelle verbessern können. Es ist zudem dann der Fall, wenn wir bereits in der Vergangenheit durch spezifisches Arschlochverhalten traumatisiert wurden und die subjektiv empfundene Wucht eines aktuellen, ähnlichen Arschlochverhaltens eine Situation darstellt, zu der wir in aller Klarheit sagen können und müssen: „It’s beyond my present skill level“ (Marie Miyashiro).

Wir haben es dann mit einer Herausforderung zu tun, die keine „zu bewältigende Situation“ mehr ist, an der wir wachsen, sondern eine Herausforderung, von der wir wissen können, dass wir an ihr scheitern und vertiefte Traumatisierungen mitnehmen werden.

Wir kümmern uns also gut um uns selbst, wenn wir bestimmten Menschen einfach aus dem Weg gehen. Wir müssen es dann auch nicht als unsere „Pflicht“ ansehen, jenen Menschen zu helfen, ihr eigenes Arschloch-Verhalten in unseren Spiegelungen wahrnehmen zu können, sondern können diesen „Job“ anderen überlassen. Nicht alles, was auf Gottes weiter Welt zu tun ist, ist automatisch unsere Aufgabe.

Wir können uns aber vor einem Kontaktabbruch durchaus die Zeit nehmen, in Ruhe zu überlegen, ob wir nicht möglicherweise doch die Kraft zur Konfrontation in uns finden und ob wir es uns mit einem Kontaktabbruch all zu leicht machen.

Da Kontaktabbrüche in intensiven Beziehungen aber in der Regel hohe Kosten für uns mit sich bringen, haben wir solche Überprüfungen oft bereits hinter uns, wenn wir an Kontaktabbruch denken.

In diesem Bereich gibt es möglicherweise kein „Sicheres Wissen“, was wann das Richtige für uns ist. Wir müssen eine Entscheidung treffen, was wir riskieren und was wir uns zumuten wollen. – Im Grunde ist eine besonnene, ruhige Reflexion über die Optionen Konfrontation vs. Kontaktabbruch bereits ein Akt guter Selbstsorge. Rät unsere ruhige Intuition zu einem von beiden, können wir diesen Weg ohne unproduktive Reue gehen, egal wohin uns dieser Weg führt.

3) Bündnisse eingehen

Bei fortgesetztem Arschloch-Verhalten bietet es sich an, Bündnisse einzugehen: Das beginnt bei der emotionalen Entlastung und Notfall-Empathie bei unbeteiligten Dritten. Es kann aber auch zur bewussten Ansprache von Mit-Betroffenen führen, bei denen Verständnis zu erwarten ist.

Solche Bündnisse sind allerdings nach aller Erfahrung oft brüchig, wenn sich der Arschloch-Verhalten-an-den-Tag-Leger in einer Machtposition gegenüber allen Bündnispartnern gleichermaßen befindet. Dann wird es extrem unwahrscheinlich, dass eine gemeinsame Ansprache das erreicht, was sie erreichen soll: Dass der Betroffene, der andere betrifft, realisiert, was sein Verhalten bei denen auslöst, die dieses Verhalten nun ansprechen. Es ist dann leicht für ihn, das erhaltene Feedback für sich herunterzuspielen oder offen zu bagatellisieren, indem Einzelne, die sich besonders aktiv äußern, genauso einzeln angesprochen werden, so dass den anderen Bündnispartnern ein unehrenhafter Rückzug ins Schweigen ermöglicht wird. „Teile und herrsche“ ist eine Strategie, die auch in Situationen, in denen man unangenehmes Feedback erhält, zur unmittelbaren emotionalen Entlastung und Erhaltung eines positiven Selbstbildes gern gewählt wird. Zudem ist es in Beziehungen, die von Machtasymmetrien bestimmt sind, nahezu unmöglich, unangenehmes Feedback nicht als „Angriff auf die eigene Machtposition“ zu reinterpretieren. Jeder echte Austausch und jede Äußerungen von Emotionen gerät dann schnell zum Machtkampf, den beide „Parteien“ aus guten Gründen zu beinahe jedem Preis zu vermeiden suchen.

Oft wird dann ersatzweise „intrigiert“ oder es werden die vielen kleinen und großen verdeckten Rache-Aktionen gewählt, die im Grunde nichts weiter sind als ein verdeckter Kleinkrieg, der sich nie als offener, heißer Krieg zeigt und der sich dennoch genauso destruktiv für alle Beteiligten auswirkt.

Ist offene, gemeinsam Ansprache des zu Feedback-Zwecken geschlossenen Bündnisses nicht möglich, ist wahrscheinlich „Kontaktabbruch“ die bessere Variante.

4) Aussitzen, „Breites Kreuz zeigen“, Abwarten

Auch diese Strategie braucht vor allem eins: Emotionalen Rückhalt im Innen und Außen.

Als vorbildlich für diese Umgangsform mit Arschloch-Verhalten empfinde ich das Vorgehen, das Uwe Lübbermann von Premium-Cola im hier verlinkten Kurz-Video sehr anschaulich beschreibt (es handelt sich um das zweite Premium Cola-Video auf der Seite).

Es ist getragen von einer Haltung, die einen in die Lage versetzt, das Arschloch-Verhalten eines anderen Menschen „nicht persönlich zu nehmen“ und eigene Angriff/Flucht/Unterwerfungs-Reflexe mit Besonnenheit auszuschalten.

Dieses Vorgehen kostet nicht weniger Kraft als die besonnene Konfrontation und hat oft keine geringeren Kosten als der Kontaktabbruch oder das Schmieden von Feedback-Bündnissen.

Die gemeinsame Voraussetzung eines guten Umgangs mit Arschlöchrigkeiten

Wir können ganz generell festhalten, dass der Umgang mit Arschloch-Verhalten uns nahezu immer Kraft, Zeit, Aufmerksamkeit und die Kultivierung einer gehörige Portion Selbst-Liebe abverlangt. Es gibt keine „guten Abkürzungen“, die Arschloch-Verhalten bei anderen Menschen elegant und einfach beenden können. Zwar träumen wir ständig von solchen Möglichkeiten, aber diese Träume sind mehr Ausdrücke unseres Unwillens, uns mit Arschloch-Verhalten auseinandersetzen und dafür Kraft und Zeit bereit halten zu müssen.

Die meiste Zeit träumen wir uns also in eine perfekte, Arschloch-Verhalten-freie, soziale Welt, in die solches Verhalten dann als „unerwartete Störung“ hineinbricht.

Mit Arschloch-Verhalten fest zu rechnen, ohne einem generellen Menschenhass, Misstrauen oder sozialen Paranoia zu verfallen, ist daher möglicherweise die zentrale Voraussetzung dafür, irgendeine der hier angedachten Umgangsformen auf eine gute und zielführende Art praktizieren zu können.

Dazu gehört dann wohl, dass wir die Sichtweise kultivieren, dass Arschloch-Verhalten eine Normalität im Spektrum menschlicher Verhaltensoptionen darstellt und eben keinen „moralischen Skandal, der vergolten werden muss“. Nur dann werden wir so freundlich und aufmerksam bleiben können, wir wir sein müssen, um auf Arschloch-Verhalten besonnen reagieren und unsere jeweilige, situationsbezogene Strategie bewusst auswählen zu können.

Wer Arschloch-Verhalten auf Augenhöhe begegnen, wer es abholen, einfangen und in produktive Beziehungskanäle leiten will, der muss ständig diejenigen menschlichen Ressourcen bereit halten, die dafür nötig sind.

Dass wir einen derart schlechten Job machen beim Umgang mit Arschloch-Verhalten, wie wir das permanent tun, hat nach meinem Dafürhalten also etwas damit zu tun, das es schlicht ziemlich anstrengend ist, der ganz normalen sozialen Realität mit ihrer ganz normalen Arschlöchrigkeit permanent ins Auge zu schauen. Wir träumen lieber und erleben dann eben immer wieder „ein böses Erwachen“.

Kurz: Wer eine bessere soziale Welt will, muss die dafür notwendigen Ressourcen bei sich kultivieren und bereit halten. Wenn Arschloch-Verhalten dann „überraschend“ auftritt, ist es ohne solche „Vorbereitung“ nicht mehr möglich, gut zu reagieren, gute Lösungen zu finden, gut damit umzugehen. Ob wir mit Arschloch-Verhalten gut umgehen können, entscheiden wir nicht in der Situation seines Auftretens, sondern lange davor und lange danach.

Generell leben wir in meiner Wahrnehmung in einer Welt, in der wir uns daran gewöhnt haben, soziale Realitäten, Beziehungsqualität und anderen Dinge dieser Art deutlich weniger Aufmerksamkeit zu schenken als sie verdient haben, wenn man gleichzeitig wahrnimmt, welche Auswirkungen das Soziale auf uns hat und wie wichtig gute Beziehungsqualitäten für uns ist.

Man könnte auch sagen: Wir nehmen viel zu wenig wichtig, was unabweisbar wichtig für uns ist. Oder: Wir nehmen uns selbst bei Weitem nicht wichtig genug. Dieses „selbst“ steht für die Dinge, die uns wirklich bewegen, die emotional hochaufgeladen für uns sind, die uns berühren und die wir berühren wollen.

Unser eigenes Arschloch-Verhalten

Was ist nun aber mit der Frage, die man sich ebenfalls stellen könnte: Ob man nicht vielleicht selbst einer jener Menschen ist, die regelmäßig einen blinden Fleck an jener Stelle aufweisen, an der sich ihr Arschlochverhalten ereignet? Ob man nicht vielleicht selbst desöfteren ein „unbewusstes Arschloch“ ist?

Wenn Arschloch-Verhalten eine Normalität ist, „mit der zu rechnen ist“, dann natürlich auch mit eigener Unachtsamkeit, eigenem Instrumentalismus, eigenem Reflex-Verhalten, eigener Aggression aus Unsicherheit, eigenen unangebrachten bösartigen Unberstellungen und eigenem Sadismus und eigener Gleichgültigkeit.

Da wir aber nicht wissen können, was wir nicht wissen können: Da blinde Flecke nunmal blinde Flecke sind, ist unser eigenes Arschloch-Verhalten einer jener Punkte, die deutlich machen, wie sehr wir auf andere Menschen und ihr Feedback angewiesen sind: Ohne Konfrontation werden wir uns kaum weiterentwickeln können, da wir ohne Feedback nicht „sehend werden können“. Schmerzhaftes Feedback ist das, was uns bei unserem ständigen Verfertigen unsere Identität stört. Schmerzhaftes Feedback ist das, was unsere Identifizierung mit einem makellosen, großartigen Ich unmöglich macht.

Annehmen können wir es daher in der Regel nur von Menschen, von denen wir uns einigermaßen sicher sind, dass sie „auf unserer Seite stehen“, dass sie im Grunde wohlwollend sind und uns nichts Böses wollen. Die Irritation darüber, dass das, was wir normalerweise ein „Angriff“ interpretieren würden, in diesem Fall nur schlecht ein Angriff sein kann, weil es von jemandem kommt, der uns offensichtlich schätzt, wenn nicht liebt, diese Irritation ist die möglicherweise heilsamste Kraft, über die wir in Sachen Arschloch-Verhalten verfügen. Und diese Kraft kann sich, können wir nur in weitgehend machtsymmetrischen Beziehungen entfalten. Denn in Beziehungen, die in eine Machtasymmetrie eingespannt sind, herrscht immer „kalter, verdeckter Krieg“ und jede produktive Irritation muss hier als realer Angriff verstanden werden in einem Machtkampf, der nach dem Win-Lose-Muster gestrickt ist. Wohlwollen mir gegenüber kann ich hier nicht mehr unterstellen. Und daher stellt sich hier auch nicht jene Irritation ein, die in der Inkongruenz zwischen akutem Feedback und genereller Beziehungsqualität liegt. Werde ich in einer machtasymmetrischen Beziehung von jemandem mit eigenem Arschloch-Verhalten konfrontiert, den ich „auf meiner Seite“ wähnte, werde ich schnell mit der Interpretation eines „Lager-Wechsels“ bei der Hand sein.

Daraus können wir zwei Dinge für unseren Wunsch mitnehmen, eigenes und fremdes Arschloch-Verhalten auf diesem unserem schönen Planeten immer weiter zu reduzieren:

1.) Wer Arschloch-Verhalten reduzieren will, muss belastbar mit dem Menschen befreundet sein, der Arschloch-Verhalten an den Tag legt. Ohne eine solche Freundschaft ist keine Konfrontation und Irritation möglich, die eine Verhaltensänderung auslöst, da solches Feedback unsere Identität bedroht. Wir können das nur von „Freunden“ annehmen und aushalten. Gute Beziehungen heilen hier und ermöglichen die Konfrontation.

2.) Wer Arschloch-Verhalten grundsätzlich reduzieren will, darf keine Macht-Asymmetrien in Beziehungen dulden. Macht-Asymmetrien begünstigen nicht nur das Auftreten von Arschloch-Verhalten, indem sie den Perspektivenwechsel erschweren, der der erste Schritt bei empathischem Verhalten ist. Sie machen auch Irritation durch liebevolle Konfrontation unmöglich: Machtasymmetrien erschweren es massiv, dass es jemand wagt, zu konfrontieren. Sie machen es aber unmöglich, dass jemand die liebevolle Konfrontation auch als solche verstehen kann und nicht als Angriff, der einen „Gegen-Angriff“ herausfordert.

Denn alle Angriffe der menschlichen Welt und alle Arschlöchrigkeiten können stets durch „Angegriffen-Worden-Sein“ gerechtfertigt werden und werden stets auch so gerechtfertigt. Wenn nicht offen und äußerlich, so doch auf jeden Fall verdeckt und innerlich. Denn die (Be-)Wahrung der eigenen Identität ist die stärkste Kraft in der menschlichen Psyche.

 

Ist der Wunsch nach „Weltfrieden“auch heute noch so lächerlich wie er das in der Vergangenheit war?

„Was wünscht Du Dir?  – Weltfrieden!“

Wenn man der Frage nachgehen möchte, ob dieser Dialog auch in einer unironischen Variante Sinn machen kann, muss man vielleicht zunächst einmal klären, was das denn bitteschön heißen soll – „Weltfrieden“?

Vielleicht kann man sich dem Begriff des Weltfriedens annhähern, indem man auflistet, was ihn zu einem problematischen Begriff macht:

  • Unter Stress werden wir manchmal gewalttätig, öfter unachtsam. Es wird uns gleichgültiger, was unser Handeln/Nicht-Handeln mit anderen Menschen macht.
  • Um uns selbst zu schützen, wählen wir manchmal die Strategie „Angriff ist die beste Verteidigung“
  • Individuelle und gesellschaftliche Traumata neigen zur Selbst-Reproduktion und Re-Inszenierung: Verletzungen, Gewalt und Demütigungen, die sich in der Vergangenheit ereignet haben, werden durch gegenwärtige „Auslöser“ in die Zukunft hinein verlängert, indem wir uns selbst und andere Re-Traumatisieren. Traumata erhalten sich aus sich selbst heraus, wenn man sie nicht wahrnimmt und auf sie eingeht. Sich mit Traumatisierungen auseinanderzusetzen ist anstrengend, oft wenig lustvoll. Oft erscheint anderes drängender und wichtiger.
  • Fehlende unmittelbare Verbindungen, fehlendes unmittelbares Feedback sorgt für Gewalt, die gerade von dem, der die gewaltsamen Wirkungen auf andere erzeugt, nur schwer wahrgenommen werden kann. Von den menschlichen Opfern dieser Gewalt wird dies als Gleichgültigkeit, Unachtsamkeit, wenn nicht als Böswilligkeit und Egoismus wahrgenommen, weil dies in unmittelbaren Beziehungen in persönlichen Kleingesellschaften die Gründe solchen Verhaltens wären. In der teil-anonymen Weltgesellschaft kann solche Gewalt jedoch ganz andere Gründe haben. – Die Gesellschaft braucht daher „künstliche“, neuartige Feedback-Ergänzungen, weil wir sonst das Leid, das wir bei anderen verursachen, in dem Moment, in dem wir es bewirken, nicht spüren können.
  • Unsere formellen Institutionen, Prozesse und Regeln können gewalttätig sein, wenn sie nicht durch passende Praktiken empathischer Kommunikation und situativer Anpassung und Ausnahmen ergänzt werden. Oft werden Institutionen, die uns helfen sollen, besser miteinander umgehen zu können, selbst zum Problem, wenn wir sie nicht mehr hinterfragen, sondern absolut setzen. Institutionen neigen dazu, ihren eigenen Sinn zu untergraben. Wir ruhen uns auf ihnen aus und machen sie dadurch zu „Wohlergehens-Maschinen“. Durch diese unsere Unachtsamkeit und Bequemlichlichkeit werden sie aber zuverlässig zu grausamen, menschenverachtenden Höllenmaschinen.
  • Menschen, die sich selbst für unverletztlich halten oder ihre ihre eigene Verletzlichkeit mit Kraft aus ihrem Bewusstsein ausblenden, neigen dazu, andere Menschen zu verletzen. Gerade Menschen, die in Positionen sind, die ihnen in einem hohen Ausmaß Unverletzlichkeit garantieren oder die bestimmte Formen der physischen oder psychischen Verletzung selbst noch nicht erlitten haben, neigen dazu, „ohne Bewusstsein“ gewalttätig, grausam, demütigend, unachtsam, rücksichtslos zu sein und andere Menschen dadurch zu verletzen.
  • Wir alle sind anfällig dafür, „Drama“ anzuzetteln, aus Angst vor Leere und Langeweile. Gewalt und Konflikte garantieren „Action“: Den Anschein, das gerade etwas passiert. Daher wird „Friede“ oft assoziiert mit Tod, Grau-in-Grau, Öde, Ereignislosigkeit. „Weltfriede“ wird so zu einer wenig attraktiven Perspektive, die mehr Horror als Wunschtraum sein kann: Eine Welt, in der die Langeweile und Leere vollkommen und auf Dauer gestellt sind. Auch nur die Angst vor Langeweile kann uns dazu bringen, im Hier und Jetzt unmittelbar Dramen zu inszenieren, das unser Gefühl der Leere für eine kurze Zeit wegwischt.
  • Unsere Geschichten, Mythen und Bilder, auch unsere Sprache mit ihrem „Heer an toten Metaphern“ neigt dazu, uns auf Gewaltverhalten zu programmieren. Sie sind Teil des Vorgangs, unsere vergangenen Traumata in unsere Zukunft zu verlängern.
  • Ein Großteil der Spiele, die wir miteinander spielen, programmiert uns auf Konkurrenz und lässt uns Win-Lose-Spiele als selbstverständlich und normal empfinden: „So war es immer schon. So ist es richtig. So wird es immer sein. – Also muss man sich darauf einstellen, sich daran anpassen, sich wappnen, selber aufrüsten, selber eine gewisse Grundaggression pflegen und für alle Fälle bereit halten“ . Menschen, die Waffen kaufen und Kampfsport trainieren, um sich sicherer zu fühlen, handeln in diesem Sinne teil-rational. Naiverweise ausgeblendet wird dabei immer der potentielle Mörder, zu dem man in so mancher Alltagssituation selber werden könnte. Wer ihm nahestende Menschen wirklich liebt, müsste nach den immer wieder neu bestätigten Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung eigentlich die Finger davon lassen. Die Annahme: „Ja, aber mir passiert das sicher nicht!“ ist naiv. Fragen Sie mal nach bei Polizisten und Rettungssanitätern. Die können Ihnen detailliert erzählen, wie „normal“ und alltäglich Gewaltverhalten gegen nahestehende Menschen heute immer noch ist.

Betrachtet man diese – sicher unvollständige – Liste, kann man den Eindruck gewinnen: „Weltfrieden“ ist möglicherweise weit weniger ein Zustand, als vielmehr eine Arbeit, eine Aufgabe.

Sollte dem aber so sein, so wird unser ironisches Lächerlichmachen des Wunsches nach einer erhöhten Kooperativität zu einem weiteren Problem: Wenn unsere Entschlossenheit in Frage gestellt ist, nach einer Erhöhung von Empathie, Reziprozität und Kooperation zu streben, so werden wir uns an diese Aufgabe gar nicht erst machen. Wir werden stattdessen blind und unbewusst diejenigen Gewalttaten verüben, die wir verzögert, indirekt und mittelbar dann wieder erleiden.

Dann fällt diejenige Macht aus, deren Aufgabe es sein könnte, „Weltfrieden“ zu ermöglichen: Wir selbst. In der relativ besseren Version von uns selbst.

Denn wenn es je eine Erkenntnis gegeben hat, die Philosophie, Psychologie und Soziologie miteinander teilen, dann die: „Der Mensch“, also wir „ist“ nicht. Die Kategorie des Seins macht unter uns, bei uns, zwischen uns weitaus weniger Sinn als bei allen anderen „Gegenständen“.

Bei uns selbst macht es einen andersartigen Unterschied, was wir über andere Menschen und was wir über uns selbst denken, als bei allem anderen, „was in der Welt ist“.

Wir – als Einzelne die in Gemeinschaft leben und als Gemeinschaften, mit denen wir uns identifizieren – sind formbarer und veränderbarer durch uns als beinahe alles andere in der Welt. Wir verändern uns und „unsere Welt“ permanent. Doch das meiste davon bleibt außerhalb unseres Bewusstseins. Unsere eigenen Wirkungen entziehen sich zum Großteil unserer Wahrnehmung. Wie wir über uns und andere Menschen denken, ist eine Macht, die uns, die andere und die unsere Welt formt.

Daher brauchen wir ständig Feedback. Auch daher brauchen wir einander. Immer. Wir alle.

Die Arbeit am Weltfrieden erscheint daher ebenso unausweichlich wie ihre beinahe zahllosen und erdrückenden Schwierigkeiten. Heute vielleicht mehr als in der Vergangenheit.

Doch „Arbeit“ das klingt hart: Es klingt immer noch nach „Pflicht“, nach „wenig lustvoll“, nach „wenig attraktiv“, nach „extrinsischer Motivation bedürftig“.

Das, was „die Arbeit am Weltfrieden“ möglicherweise attraktiver machen kann als jenes: „Wir brauchen das, sonst werden wir alle sterben!“ oder jenes: „Wir brauchen das, sonst werden wir unsere gegenwärtigen Probleme nicht lösen können!“, sind die unmittelbaren Gefühle, die sich bei dieser „Arbeit“ einstellen können.

Möglicherweise, so könnte man denken, kann auch die Arbeit am Weltfrieden „süchtig“ machen. Möglicherweise gibt es auch hier so etwas wie Workaholismus.

 

Homo deus? – Nicht mit mir, Du Idiot!

Yuval Noah Harari’s Buch „Homo deus“ macht gerade die Runde. „Wir werden Götter sein“ titelt der Spiegel. – Zeit für eine kleine Aufklärung über den klassisch-abendländischen Gottesbegriff.

Der klassiche Gottesbegriff ist recht technisch: „Gott“ ist in der platonischen Philosophie ein Grenzbegriff, der trotz aller wichtigen Einflüsse aus der hebräischen Theologie für den abendländischen Raum prägend geblieben ist. Kurz gesagt ist „Gott“ das „rein aktive“, das „nicht-leidende“ Wesen. Ein Wesen, dem alle „Pathologie“ fremd ist, also im Wortsinne von „pathein“ (leiden).

„Gott“ war seit Platons Definitionen und Geschichten stets der Traum des Menschen von sich selbst in einer leidlosen Variante. Die Platonische Philosophie eine „Methodik“ der Bildung hin zur eigenen Gott-gleich-Werdung. Auch als mit der neueren christlichen Mythologie der Schöpfer-aus-dem-Nichts-Gott Einzug ins Denken hielt, blieb der Subtext des Platonismus überaus wirksam. Indem wir uns davon nie wirklich frei gemacht haben, verurteilten wir uns dazu, uns in erster Linie als „geniale Schöpfer“ zu sehen und „in Konkurrenz mit Gott“ zu treten. Vieles von der auch heute noch ungebrochenen Wissenschafts- und Technikgläubigkeit hat seine psychologischen Wurzeln in diesen ursprünglich philosophisch-theologischen Mythologemen. Viel „Maskulismus“ atmet immer noch die alte, abgestandene platonische Luft.

Dass ein Menschenbegriff, aus dem Verletzlichkeit gedanklich herausgerechnet ist, nicht sonderlich viel Sinn macht, blieb dabei meist unreflektiert. Zu übermächtig erschien das „Leiden“, so groß die Sehnsucht nach vollkommener Unverletzlichkeit.

Nun leben wir aber wieder in einer Zeit, die gern alle menschliche Verletzlichkeit von sich abschütteln möchte. Die in der Leidensfähigkeit und Beschämbarkeit des Menschen keine Ressource und keinen Reichtum erkennen kann, sondern nur einen Makel, den man – mithilfe von Technik und Wissenschaft – möglichst aus der Welt schaffen sollte. Verähnlichung mit Gott, ja ja. Das uralte Spiel.

Der platonische Mensch, auch das könnte man heute wissen, ist ein asozialer Mensch. Die „Polis“, die griechisch-antike Chiffre für das soziale Gemeinwesen, in dem sich Menschen verbunden sind und als Freie begegnen, war dasjenige Angebot für menschliches Engagement, GEGEN das Platon antrat und das er mit seiner „Philosophie“ zu überbieten versuchte. Die platonische Philosophie ist in ihrem Kern anti-politisch, anti-sozial. Und wir haben viele Platonismen auch heute noch unreflektiert übernommen. Auch unser Denken, Fühlen und Handeln wird immer noch von zahlreichen Platonismen bestimmt.

Dass wir Menschen von Geburt an soziale Wesen sind. Dass wir durch Gefühle und Resonanzphänomene noch vor allem „logos“ miteinander verbunden sind. Dass wir Sinn und Erfüllung nur in guten Beziehungen finden: All das kann jemandem kaum bewusst werden, der sich voll unter die uralte Fuchtel Platons stellt.

Klassisch gab es eine Bezeichnung für Menschen, die das Soziale in seinen anspruchsvolleren Formen des Miteinanders, die Menschen in ihrem gemeinsamen Streben nach einem guten Leben verachteten: Man nannte diese Menschen „idiotes“.

Ein Mensch, der sich von allem Leiden, von aller Verletzlichkeit frei machen könnte, ein Mensch der ein „homo deus“ wäre, so ein Mensch wäre vor allem eins: Ein perfekter Tyrann. Wie man bereits jetzt sehr gut an Menschen wahrnehmen kann, die ihre eigene Verletzlichkeit abwehren, verleugnen und betäuben, ist es die zentrale Voraussetzung für Grausamkeit gegenüber anderen lebenden Wesen, dass man sein eigenes Leiden ins Dunkel des Unbewussten verschiebt.

Um Empathie mit anderen kultivieren zu können, muss man seine eigene Verletzlichkeit bejahen können. Dass das viel leichter gesagt als getan ist, ist der unveränderliche Teil der ansonsten sehr veränderlichen conditio humana.

Wer aber menschliche Erfüllung erleben will, wird an Verbundenheit mit anderen vermittelt über die eigene Verletzlichkeit nicht vorbeikommen.

Der „homo deus“ ist eine reine Horrorvision von Menschen, die auf eine sehr intelligente Art sehr dumm sind. So vorsätzlich abgestumpft, dass sie den platonischen Horror der Verähnlichung mit Gott gar nicht mehr wahrnehmen können.

Die Kälte und Grausamkeit, die allen Phantasien über die eigene Unverwundbarkeit, Unverletzlichkeit und Unsterblichkeit gemein ist, können nur die Menschen fühlen, die ihre eigene Verletzlichkeit zu umarmen versuchen und die sich auf ihren Schmerz einlassen, ohne ihn zu verdrängen.

 

Schlechte Geschichten – Von guter Business Fiction und warum es sie bisher nicht gibt

Die bestehende Business-Welt und die New-Work-Szene haben eine ungute Gemeinsamkeit: Sie sind schlecht im Geschichten-Erzählen. Genauer: Sie sind schlecht darin, Geschichten zu erzählen, die Menschen wirklich interessieren können. Das wirft die Frage auf, wie Geschichten denn eigentlich sein müssen, „die Menschen interessieren können“? – Hier ein Versuch:

Wir Menschen mögen zwei Arten von Geschichten nicht oder nur kurzzeitig. Wir vergessen diese Geschichten schnell wieder, sie lösen wenig bis nichts in uns aus, oft lesen oder hören wir sie gar nicht bis zum Ende:

Da wären einmal die Geschichten, in denen wir selbst nicht vorkommen. Diese Geschichten erleben wir als „abstrakt“, als langweilig und „akademisch“. Wir fühlen uns belehrt, aber nicht interessiert. Natürlich gibt es Menschen, die solche Geschichten durchaus interessieren. Sie sind meist vom gleichen Schlag wie die jeweiligen Erzähler solcher Geschichten. Man kann aber wissen (wenn man das denn realisieren will), dass nur ein sehr kleiner Teil der Menschheit zu diesem Schlag gehört. Viel wertvolles Wissen verbreitet sich daher schlicht und einfach deswegen nicht, weil manche Menschen verdammt schlechte Geschichtenerzähler sind. Und sie sind verdammt schlechte Geschichtenerzähler, weil sie sich im Grunde nicht für Menschen interessieren, sondern für anderes. Um gute Geschichten zu erzählen, braucht man aber dieses Interesse, ein Interesse daran, „wie Menschen wirklich sind“ oder „was Menschen wirklich brauchen“. – Die meisten „guten Lehrern“ haben z.B. diese Eigenschaft oder haben sie kultiviert. Daher sind sie so gut wie immer gute Geschichtenerzähler.

Zum anderen sind da die Geschichten, in denen wir zwar vorkommen, aber in denen uns ein fester Platz zugewiesen wird, eine feste Rolle, 1:1 mit dem, was wir „unsere Realität“ nennen. Das sind die Geschichten, die von denen erzählt werden, die zwar realisiert haben, dass man „Menschen abholen“ muss, aber die dennoch kein echtes Interesse an ihnen und ihrer Individualität und ihrer Subjektivität haben: An ihrer Fähigkeit, ihre Realität aktiv zu gestalten. Im New-Work-Kontext werden viele Geschichten diesen Typs erzählt. Da werden „Fälle“ ausgepackt, „Szenarios“, Business-Nahe-Geschichten, die den Hörern und Lesern dieser Geschichten ein Angebot zur Identifikation machen sollen. Nur geht das meist gründlich schief: Indem diese Geschichten Geschichten „über die Realität“ sein sollen, werden sie ganz einfach zu Belehrungen. Sie sind nicht anregend, sondern töten den Geist. Sie polarisieren im besten-schlechtesten Fall: Lösen begeisterte Zustimmung bei denen aus, die das genauso auch schon denken, was da über die Geschichten als „Botschaft“ vermittelt werden soll. Und sie lösen bösen Widerspruch bei denen aus, die ganz einfach anderer Meinung sind. In Bewegung bringen diese Geschichten nichts. Vorher ist alles genauso wie nachher und das wenig verehrte Publikum hat allein Gelegenheit bekommen, seine jeweiligen Vorurteile noch einmal in die eine oder andere Richtung gründlich zu vertiefen. Sekten und Religionen erzählen solche Geschichten auch sehr gerne, denn sie stellen eine bestimmte Art von Bindung und eine Gemeinschaft von Rechtgläubigen her.

Die Art Geschichten, von denen m.E. viel zu wenige erzählt werden, sind anders als die erste Gruppe von Geschichten und anders als die zweite Gruppe von Geschichten: Sie gehen auf das Bedürfnis von Menschen ein, sich in der Geschichte wiederfinden zu können und die Geschichte selbst weiterzuschreiben. Sie sind also „fiktional“, aber auf eine Weise, die es uns leicht macht, uns „hineinzuträumen“ in die jeweilige Geschichte. Und das womöglich sogar auf vielfältige Weise, an vielfältigen Stellen und in vielfältigen Rollen. Es ist schwer Beispiele für solche „guten Geschichten über die Realität“ zu finden. Aus dem Stand fällt mir nur Ralph Goldschmidts „Shake your life“ ein, das aber wohl aus seiner Erzählperspektive heraus ein Fall sein dürfte, der nur wenigen Geschichtenerzählern als Inspiration dienen kann. Bücher wie „The big 5 for life“ oder „Delivering happiness“, „The goal“haben gute Ansätze, sind von einem erzählerischen Standpunkt aus aber auch erschreckend armselig, schematisch und uninteressant. Am ehesten sind „unternehmensbiografische Bücher“ noch das, was man „gute Geschichten“ nennen könnte. Also Bücher wie „Erfolg ohne Chef“, „Und Mittags geh ich heim“ oder der vergleichsweise kurze Interview-Part in „Dialogische Führung“.

Aus meiner Sicht ist es ein Armutszeugnis, dass es kaum gut gemachte, reine Business-Fiction gibt, also Geschichten, die uns anregen und inspirieren, ohne uns dabei nur zu belehren und eine bestimmte Theorie „anschaulich rüberbringen zu wollen“. Wenn die einzigen halbwegs guten Geschichten biografischer Art sind – eine Erzählform die die Hörern leicht in ein cultural benchmarking abrutschen lässt und sie dadurch nicht reicher, sondern ärmer macht -, dann leiden wir heute vor allem unter einem: Unter einem Mangel an guten Geschichtenerzählern. Menschen, die sich wirklich für die innere Dynamik ihrer Zuhörerschaft interessieren und die gleichzeitig phantasievoll genug sind, in ihren Pfaden eine Menge noch unentdeckter Pfade anzulegen, die von uns als Hörern oder Lesern weiter erforscht werden können. Geschichtenerzähler, die die Bedürfnisse ihrer Zuhörer nach emotionaler Ladung und Dramatik genauso ernst nehmen wie ihre Fähigkeit, selbst Geschichten zu erzählen und neu zu erfinden. Geschichtenerzähler, die ihr menschliches Publikum weder langweilen noch sie zu ausführenden Trägern irgendeiner Ideologie zu machen versuchen, die also ihre Zuhörer nicht instrumentalisieren.

In der rein fiktionalen Literatur und in Filmen gibt es solche Erzähler auch heute zuhauf. Diese Erzähler scheinen sich aber nicht sonderlich für die „realen Probleme“ der heute lebenden Menschen zu interessieren. Sie entführen uns in fremde Welten, aber sie lassen uns in unserer Alltagsrealität verloren zurück.

Daher bleibt gute Business-Fiction wohl ein Wunschtraum von mir. Für mich allein sprechend kann ich nur sagen, dass ich große Ermüdungserscheinungen verspüre, wenn mir mal wieder eine Geschichte serviert wird, wie ich sie hier als Typ1 oder Typ2 skizziert habe. Und das, obwohl ich Geschichten liebe und obwohl ich unsere Businesswelt für dringend veränderungsbedürftig und ebenso für veränderungsfähig halte. Nehme ich mich dreisterweise als Maßstab (man weiß ja nie, wie allein oder wie allgemein man mit seinen Gefühlen ist), dürften viele ganz unsägliche Geschichtenerzähler da draußen sich ein paar neue, andere Beschäftigungen zulegen. Sie befriedigen nach meinem Empfinden mit ihren Geschichten allein ihr Ego (Typ1) bzw. ihr Bedürfnis nach einer gläubigen Gemeinschaft (Typ2). Sie befriedigen aber weder die Bedürfnisse irgendeiner Zuhörerschaft, noch irgendwelche Bedürfnisse, die Unternehmen heute haben.

Die meisten bisherigen Geschichten, so empfinde ich es, können weg. Sie stehlen einem nur die Zeit und bewirken nichts.

„Leistung muss sich lohnen“ – Wirklich?

Der Mensch ist ein Wesen, über das sich schlecht unter dem Vorzeichen des Seins sprechen lässt. Das gilt für den einzelnen Menschen genauso wie für unsere Gattung als ganze. Jede Seinskategorie, die man „dem Menschen“ zuschreibt oder abspricht, wird uns zu einer Sollenskategorie – Ob wir das beabsichtigen oder nicht.

Die Anthropologen wie die Sozial-Theoretiker des 20. Jahrhunderts haben sich daher zu großen Teilen entschlossen, über „den Menschen“ nach Möglichkeit zu schweigen. Aus einem humanen Impuls: Sie wollten ihn vor der Zumutung des Sollens verschonen. Sie wollten seine Freiheit nicht dadurch beschränken, dass sie „den Menschen“ so oder so oder so beschrieben.

Wir können heute feststellen, dass diese Verschonung zwar ehrenwert, aber naiv war. Naiv aus zwei Gründen: Nur weil Theoretiker aufhören, über den Menschen zu sprechen, enden nicht die anderen Diskurse über den Menschen. Der Streit darum, was der Mensch ist oder nicht ist, ist keiner, der sich von Theoretikern durch Schweigen zum Enden bringen ließe. Das mag bei anderen „Gegenständen“ funktionieren. Über uns selbst wird es niemals ein Schweigen geben. Theoretiker ohne bewusste Anthropologie überlassen die Anthropologie einfach nur anderen.

Zum anderen hat jede Theorie eine Anthropologie. Dadurch, dass sie versucht, keine zu haben, drängt sie ihre Anthropologie lediglich in den Bereich der unbewussten, unbedachten Einflussnahme auf das, was wir an uns für möglich, für unmöglich und vor allem was wir an uns für wünschenswert halten. – Sie schaut weg von sich selbst. Solche fehlende Selbstreflexivität wurde seit es Theorie gibt beschrieben als „schlechte Theorie“. Das muss uns nicht unbedingt kümmern. Wir sollten aber wissen, dass es keine Theorie ohne Einflussnahme, ohne Wirkungen auf den Einzelnen und unser Zusammenleben geben kann. Da reine, folgenlose Deskription unmöglich ist und bei allem Menschlichen das Sein stets ins Sollen kippt, ist jede Theorie normativ. Ob sie das selbst wahr haben will oder nicht.

Die Folgen der anthropologischen Verschonung

Wir erleben gerade, am Anfang des nicht mehr gar so jungen 21. Jahrhunderts, dass die theoretische Verschonung, die im 20. Jahrhundert entschlossen geübt und eingeübt wurde, Folgen hat, die viele von uns als wenig wünschenswert empfinden. Die Ausblendung des Menschlichen aus den meisten Sozialtheorien des 20. Jahrhunderts hat dazu geführt, dass uns in vielen Bereichen die Sprache fehlt, die wir bräuchten, um unsere gegenwärtigen Probleme sinnvoll und neu zu beschreiben. – So dass uns neuartige Vorgehensweisen möglich werden.

Die anthropologische Verschonung hat darüber hinaus dazu geführt, dass uns unsere Anthropologie technokratisch und bürokratisch wurde. Und dass Irrtümer der Anthropologie aus früheren Jahrhunderten einfach fortgeschrieben werden – Obwohl sich die gesellschaftlichen und technischen Rahmenbedingungen des menschlichen Lebens seit jener Zeit drastisch verändert haben. Man könnte auch formulieren: Die Theoretiker des 20. Jahrhunderts haben, freundlich: aus edlen Absichten, unfreundlich: um sich die Hände nicht dreckig zu machen, ihren Job nicht gemacht, als sie sich entschlossen, so wenig wie möglich über uns Menschen zu sprechen. Sie haben nicht mit den Theoremen aufgeräumt, die längst in der Totenkiste der Geschichte verschwunden sein müssten. Stattdessen führen sie in unserer Alltagspraxis, in unseren Institutionen und in unserer Sprache ein grausames, untotes Dasein, dass uns Teile unseres heutigen Lebens zur Hölle macht. – So können beste Absichten ihr Ziel verfehlen. Wieder einmal. So etwas kennen wir an sich ja mittlerweile recht gut.

Es ist an der Zeit, dass wir den Streit darum, wer wir sein wollen, wieder bewusster führen. Denn wir sollten nicht so weiter machen wie bisher. Ja, wahrscheinlich können wir das nicht einmal, selbst wenn wir wollten. Selbstverschonung, Zum-Erliegen-Bringen der poltischen Diskurse ist keine Option. Denn wenn wir diesen Streit um unser Wollen und Sollen nicht führen, entscheiden einfach andere für uns. Entscheidet anderes diese Diskurse und unstilllegbaren Fragen für uns: Das menschliche Denken der Vergangenheit, aus anderen Bedingungen heraus entstanden als denen, die uns heute bedrängen und die uns heute zur Verfügung stehen.

„Leistung muss sich lohnen“

Zu solchen untoten Bestandteilen unserer heutigen Anthropologie gehört nach meinem Dafürhalten der Satz in unserem politischen Denken, dass sich „Leistung für den Einzelnen lohnen müsse“. Als historischer Beleg dafür dient uns – ob bewusst oder unbewusst – der gescheiterte „Sozialismus“ in den Ländern Osteuropas, der in völliger Verkennung seiner Leistungsvergötterung rückblickend zu einer Gesellschaft verklärt wird, die das individuelle Leistungsprinzip negiert habe und eben daran zugrunde gegangen sei. Faulheit aus der Tragik der Allmende heraus. Man kennt das ja aus WG-Küchen: Was keinem gehört, um das kümmert sich keiner so richtig. Und wer sich kümmert, fühlt sich irgendwann als der letzte Depp, stellt seine sozial förderlichen Aktivitäten ein oder zieht frustriert und fluchend aus der WG. So oder so ähnlich ist die Begründung des Satzes „Leistung muss sich lohnen“ in unserer Psyche verankert.

Doch unser so konstruiertes, vermeintlich rein deskriptives Bild von menschlicher Leistungsbereitschaft hat nicht nur einen Haken: Es ist getrieben vom Bild des asozialen Einzelwesens, von einer armen Anthropologie, die uns darauf festschreibt, dass wir nicht nur zu sozialen Impulsen unfähig sind, sondern dass wir zu sozialen Impulsen unfähig zu sein haben. Unsere Anthropologie, die aus der frühen Neuzeit stammt und dort ihre historische Berechtigung gehabt haben mag, hat eine soziale Welt hervorgebracht, in der wir uns gegenseitig darauf konditionieren „rationale Egoisten“ zu sein. Das individuelle Vorteilsstreben, die Absehung vom Wohl des Anderen bei unserem Tun und Entscheiden verstehen wir mittlerweile soweit als normal, selbstverständlich, menschen-natürlich, dass wir darüber übersehen, dass wir aus unserer Asozialität eine gesellschaftlich verankerte Pflicht gemacht hat, die sich vor allem in der Art unserer Institutionen und Sprache greifbar machen lässt.

Es mag sein, dass es unter ganz bestimmten Gesichtspunkten Sinn macht, den Menschen als Mängelwesen zu beschreiben und in eine Anthropologie ökonomische Momente einzubauen, also: Umgang mit begrenzten Ressourcen, mit Mangel.

Dies ignoriert allerdings, was für Menschen die relevanteste Umwelt ist und worin sich die Frage nach Mangel/Fülle aus ihrer subjektiven Perspektive entscheidet: Andere Menschen und die Währung der Resonanz-Gefühle und Korrespondenz-Gefühle sind das, was in uns Erleben von Mangel oder der Fülle auslöst. Daher sind wir in der Lage, inmitten materieller Armut Fülle zu empfinden (solange wir emotional mit anderen sind und diese mit uns), und ebenso fähig, inmitten materiellen Reichtums Mangel zu empfinden (solange wir emotionsbefreit mit anderen sind und dies mit uns).

So beschrieben ist das Streben des Menschen eines, das ihn von Anfang bis Ende in ein Verbunden-Sein mit anderen Menschen einbettet. Uns so beschrieben wird der Satz „Leistung muss sich lohnen“ überraschend fragwürdig.

Denn über was für „Leistungen“ reden wir hier? Sprechen wir über Erfindungsreichtum? Über Fehlerfreiheit? Darüber, wer schneller rennen kann? Wer Tore schießen, wer sie verhindern kann? Wer Drachen töten kann?

Leistung lohnt sich für uns. Immer. Wenn wir ihre emotionale Resonanz nicht blockieren.

Was eine „Leistung“ ist und was keine, so befand schon Thomas Hobbes als Erfinder der modernen Ökonomie des asozialen Einzelwesens, darüber entscheiden nicht wir selbst, darüber entscheiden andere. – Zumindest in unseren alltäglichen Sprachgebrauch.

„Leistung“ ist eine Anerkennungskategorie, in der von einem menschlichen Gegenüber oder von Dritten in wahrnehmender Rolle konstatiert wird, dass hier von jemandem etwas getan wurde, was anderen Menschen nützt.

Was aber nützt, hat einen Bezug zu menschlichen Bedürfnissen. Und was einen Bezug zu menschlichen Bedürfnissen hat, hat einen Bezug zu menschlichen Gefühlen.

Eine „Leistung“ ist also stets etwas, das ein Mensch tut (oder lässt), das bei mindestens einem anderen Menschen ein gutes Gefühl auslöst.

Wenn wir in diesen geklärten Leistungsbegriff den Satz einfügen: „Leistung muss sich lohnen!“, so ist leicht zu erkennen, dass mit diesem Satz etwas nicht stimmen kann.

Denn wenn ich als Mensch in anderen Menschen durch mein Tun und Lassen gute Gefühle auszulösen vermag, und wenn es zugleich als gesetzt gelten kann, dass die für alle Menschen relevanteste Währung die Wärhung der Emotionen ist, dann hat sich jede meiner Leistungen in dem Moment für mich gelohnt, in dem sie in ihrer emotionalen Wirkung beim Anderen zur Entfaltung kam und ich diese Wirkung beim Anderen erleben konnte. Dann „spüre ich meine Leistung“, und zwar direkt während der Leistungserbringung. Anstrengung und emotionale Erfüllung verknüpfen sich dann unmittelbar in uns. Dann brauche ich keine extrinsische Motivation mehr. Dann brauche ich keine „Belohnung“ mehr. Dann brauche ich keine „Aufwandsentschädigung“ mehr. Dann brauche ich kein „Schmerzensgeld“ mehr.   – Anschauliche Beispiele für das, was damit gemeint ist, finden sich ganz gegen Ende dieses Zeit-Artikels von 2014.

Die interessante Frage, die an den Satz von der sich zu lohnen habenden Leistung zu stellen ist, ist also weniger die Frage danach, was eigentlich „eine Leistung“ ist, sondern noch mehr die Frage danach, „was sich für uns eigentlich lohnt“.

Was ist der angemessene Lohn einer Leistung? – Materielle „Entgeltung“. Ist das sicher? Ist das klug? Ist das menschengemäß? Im Rahmen welcher Anthropologie? Im Rahmen derjenigen Selbstbeschreibung (= Anthropologie), die wir befürworten? Oder doch eher im Rahmen einer Anthropologie, die uns deutlich mehr im Weg steht als uns hilfreich zu sein?

Gehen wir für einen Moment davon aus, dass der Lohn, „den wir eigentlich erhalten wollen“, eine emotionale Resonanz derjenigen Menschen ist, denen wir diese Leistung erbringen, so ist damit die Frage nach unserem materiellen Auskommen nicht automatisch mitbeantwortet. – Zumindest in der sozialen Welt, in der wir uns derzeit bewegen, die wir geschaffen haben und anhaltend reproduzieren.

Aber in jedem Fall ist die Frage nach unserem materiellen Auskommen ernüchtert und ent-emotionalisiert. Sie reduziert sich dann darauf, wie man so schön im Unternehmenskontext sagt, „dass Geld ein Hygiene-Faktor ist“.

Dies deutet allerdings daraufhin, dass in einer sozialen Welt, die von einer neuartigen Anthropologie beschrieben wird, unsere Möglichkeiten, materielle Reichtümer anzuhäufen und dem Gemeinwesen zu entziehen (= zu „privatisieren“) wohl irgendwie begrenzter sein werden als in unser heutigen sozialen Welt.

Und das macht genau dann Sinn, wenn wir keine emotional notorisch unbefriedigten Menschen voraussetzen, die in der Anhäufung materiellen Reichtums ihr notorisch unbefriedigendes Kompensationsbemühen gefunden haben. – Es ist ein „natürliches“ Absterben des Strebens nach unermesslichem Reichtum genau dann denkbar, wenn wir eine soziale Umwelt voraussetzen, die Leistung mit großer Zuverlässigkeit emotional honoriert. Eine „freundliche Wirtschaft“, wenn man so will. In der der offene Austausch der durch sie erzeugten Emotionen als normal empfunden wird.

Die Wurzel unseres Mangelempfindens – Zwei Wege sie auszugraben

Hier beißt sich aber – wieder einmal – die Schlange des Beharrens in den eigenen Schwanz: In einer Welt voller materieller Ungleichheit ist emotionaler Austausch kaum möglich. Die materielle Ungleichheit erstickt in ihrer Auswirkung als „Machtasymmetrie“ zuverlässig die Gefühle und den freien Austausch positiver Emotionen zwischen uns Menschen.

Wo also beginnen?

Ist es naiv anzunehmen, dass Praktiken des offeneren Umgangs mit positiven Emotionen bei Austauschprozessen eine Atmosphäre schaffen können, indem das Streben nach materieller Ungleichheit (= materiellem Reichtum) ganz natürlich abstirbt und von uns als menschlicher Weltgemeinschaft abfällt wie eine alte, abgelebte Haut?

Ist es kontraproduktiv zu fordern, man möge das selbst fragwürdig gewordene Instrumentarium des staatlichen Gewaltmonopols dazu nutzen, die Möglichkeit des Entstehens unbegrenzten materiellen Reichtum zu begrenzen, damit der weltweite Austausch zwischen uns Menschen wieder offen emotionaler werden kann? Damit die Strukturen aufhören unsere postiven Gefühle füreinander und für das, was wir jeweils füreinander tun, zu ersticken?

Offen gesagt: Ich weiß es nicht.

Aber irgendwo werden wir beginnen müssen, wenn wir die schreckliche und mörderische Anthropologie des Thomas Hobbes nicht einfach fortschreiben wollen. Wenn wir nicht einfach reproduzieren und in unsere Zukunft hineinverlängern wollen, was wir mittlerweile nur allzu gut kennen.

Im Bereich des Menschlichen: Im Bereich der Psyche und der Sozialformen ist wenig sicher. Das Wenige, das sicher ist, ignorieren wir hartnäckig und entschlossen. Das Viele, das möglich ist, ignorieren wir ebenso hartnäckig und entschlossen.

Menschlich gesehen, so möchte ich das hier beschließen, verurteilen wir uns mit unserer ebenso gegenwärtigen wie überkommenen Anthropologie zu einer Dummheit, mit der wir uns weh tun. Wieder und wieder und wieder und wieder.

Es ist an der Zeit, deutlich sensibler zu werden. Sensibler für uns und sensibler für Andere.

 

Formen moderner Entfremdung: Entkörperlichung & Fehlendes Fernstenfeedback

1.) Entkörperlichung

Mit „Entkörperlichung“ ist jener Zustand gemeint, in den wir geraten, wenn wir durch fortgesetzte Wegfokussierung von unseren körperlichen Zuständen unsere vorhandenen Gefühle und die Fülle unserer Bedürfnisse kaum noch wahrnehmen.

Es ist an dieser Stelle leicht, in alter philosophischer Tradition auf „Verschwörungen“ der einen oder anderen Art zu sinnen. Also nach „Schuldigen/m“ zu suchen dafür, dass wir in solche Zustände geraten, dass wir vermeintlich vermehrt in solche Zustände geraten, etc.

Ich neige an dieser Stelle derzeit eher zu einer Art „Voluntarismus“: D.h. ich würde gerne auf eine Suche nach Ursachen, Schuldigen und Verschwörungen verzichten und schlicht und einfach sagen: Enkörperlichung ist eine menschliche Option. Es ist eine Option, die uns als Menschen offen steht. – Und wir haben die Wahl zu fokussieren, was wir fokussieren wollen. Zumindest in Situationen, in denen wir nicht fortgesetzt von anderen Menschen „hypnotisiert werden“, d.h. in denen andere Menschen ihre natürliche Wertigkeit, die sie für uns haben, dazu nutzen, um uns auf Bestimmtes hinzufokussieren, so dass wir anderes nicht mehr wahrnehmen. U.a. auch unsere Gefühle nicht mehr wahrnehmen. – Solche hypnotische Situationen sind nach meinem Eindruck selten. Sie sind zwar als Extremformen eben auch extrem interessant. Sie geben aber wenig her dafür, den Vorgängen der Entkörperlichung nachzuspüren, weil sie nicht der Regelfall sind, und weil zugleich Entkörperlichung weitaus häufiger vorkommen als solche hypnotische Fokussierung weg von allem Möglichen hin auf Bestimmtes.

Wir entscheiden uns also in der Regel für Entkörperlichung. – Und haben dann mit den Folgen unserer Entkörperlichung umzugehen.

Prinzipiell möglich sind uns Menschen Vorgänge in Richtung auf unsere Entkörperlichung, weil unser Bewusstsein extrem „kontaktfreudig“ ist und unsere Aufmerksamkeit extrem „suchtanfällig“: Wir können uns leicht verstricken in alles Mögliche, das uns entsprechende iterative oder sich steigernde Reize verschafft. Wiederholung und Variation in Kombination haben immer gute Chancen, unsere dauerhafte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wir lieben Muster und Musterbrechungen. Und finden wir entsprechendes in unserer Umwelt, so bleiben wir gerne dabei. – Und wir sind extrem gut darin, Muster zu finden oder zu erfinden (je nachdem, wie man das gerade lieber verstehen mag…).

Die Folgen von Entkörperlichung für uns kann man mit sehr verschiedenen Vokabularien umschreiben: Als Substanzverlust, der einen geneigt machen könnte, jenes „Mensch, werde wesentlich!“ neu aufzulegen. Oder als Orientierungslosigkeit, die hektische Aktivität nach sich zieht, aber in dieser hektischen Aktivität doch keine Orientierung zu finden vermag. Oder als „Externalisierung“: Als eine Suche nach äußeren Ergebnissen und Erfolgen zum Zwecke der „Selbstfühlung“ über Umwege. Philosophisch naheliegend ist auch die Umschreibung als innerer Entfremdungsvorgang, der äußerliche Entfremdung: Von der Welt, ihren Gegenständen und vor allem von anderen Menschen als notwendiges Pendant hat. Ohne dass man immer festzustellen wagte, was da Henne und was da Ei sei.

Sicher könnte man auch „die böse Technik“ hier als Sündenbock heranziehen: Eine digitale Welt, die uns in sie hineinzieht, ein Fixierung auf technische Lösbarkeit in unseren Wissenschaften und anderen Praktiken, ein Bild von unserem Körper und unserer Psyche, das stark an Automechanik und Autoreparatur erinnert und nicht zuletzt unsere Science Fiction, die uns nahelegt, dass unsere Bindung an unseren Körper ohnehin ein Auslaufmodell und eine Entkoppelung von ihm für uns bewusstseinsverlustfrei möglich sei.

Ich kaufe solche Technik-Dämonisierung nicht. Ich gehe aber auch davon aus, dass neue technische Möglichkeiten und der Umstand, dass die Art und Weise, in der wir alle „Cyborgs“ sind, sich permanent wandelt, uns vor permanent neue Fragen stellt, wie wir mit dem Phänomen der Entkörperlichung umgehen wollen.

Denn Entkörperlichung ist wie angedeutet nicht folgenlos für uns zu haben. Wir finden in unseren innerlichen Körpervorgängen und zuallererst in unseren auf unsere Bedürfnisse verweisenden Gefühlen eine Orientierung oder zumindest einen Impuls, der Handeln überhaupt möglich macht. Wie António Damásio gezeigt hat, sind Menschen mit mit schweren Hirnschäden im Großhirnteil des emotionalen Apparates, besonders in einigen Arealen des Stirnlappens, weitgehend unfähig zu allem, was wir „Handlung“ nennen. Entkörperlichung kann gesehen werden als eine alltäglichere und vergleichsweise weniger dramatische Form der gleichen Störung, nur dass diese frei gewählt und „selbst verschuldet“ ist.

Für unsere Lebensführung, v.a. für die Vielfältigkeit und „Tiefe“ unseres Erlebens, für unser Gedächtnis, für unsere fortlaufenden Identitätskonstruktionen, für die Vermeidung von Süchten und für unseren komplexen Interaktionen mit anderen Menschen dürfte Entkörperlichung also vermutlich deutlich dramatischere Folgen haben als uns heute gemeinhin bewusst ist. Gerade in der Interaktion mit anderen Menschen kommt zudem eine weitere Folge von Entkörperlichung zur Entfaltung, die uns kaum kalt lassen kann: In einem entkörperlichten Zustand sind wir nicht mehr in der Lage, sinnvoll mit anderen Menschen zu kommunizieren. Weder verstehen wir, „was uns der andere eigentlich sagen will“, noch können wir uns so ausdrücken, dass der Andere eine Chance hat zu verstehen, „was wir ihm eigentlich sagen wollen“. – Natürlich verstehen wir nicht nichts. Wir interpretieren ja ständig, finden ständig Muster. Aber wir haben auch keine Chance mehr, unser Missverständnis zu entdecken, und zwar durch auffällige Inkongruenzen zwischen Inhalt der Kommunikation und emotionaler Wahrnehmung. Wir missverstehen dann ständig und werden ständig missverstanden – Und zwar ohne dass wir eine Möglichkeit haben, überhaupt zu bemerken, dass es ein Missverständnis gibt. Entkörperlichung kann also auch als Tilgung der Kategorie des Missverständnisses beschrieben werden. Wir sind dann tatsächlich in einem Zustand angekommen, in dem der Satz „es kommuniziert“ nicht gar so wenig Sinn macht. Dass dieser Zustand pathologisch ist, ist nur noch von außen wahrnehmbar, also für andere, die sich selbst entkörperlichten Zustand befinden. Da aber „Pathologie“ sich unvermeidlich an „Normalität“, „Üblichkeit“ und „Verbreitung“ orientiert, ist selbstverständlich ein Zustand denkbar, in dem Entkörperlichung so weite Verbreitung gefunden hat, dass sie nicht mehr sinnvoll als Pathologie beschrieben werden kann: Was alle machen und alle sind, kann nicht seelisch krank sein. Es gibt dann kein Außen mehr und damit auch keine Inkongruenzen, da es niemanden gibt, der diese Inkongruenzen überhaupt noch wahrnehmen könnte. Die alte Frage, ob es denn ein Geräusch gäbe, wenn es keiner hört, bekommt hier eine bittere Note.

Andererseits können wir auch fragen, ob überhaupt ein Problem für uns besteht, wenn uns etwas fehlt, dessen Fehlen wir gar nicht mehr bemerken? Denn ein „Problem“ ist immer eine Sein-Sollens-Differenz. Und mindestens für das Sollen, wenn schon nicht für das Sein, benötigen wir ein Subjekt, dass dieses Sollen vertritt. Ein Subjekt, dass sich durch ein bestimmtes Sein so gestört fühlt, dass es dazu neigt, in Aktion zu treten. Eben diese Funktion übernehmen aber in unserem Alltag (und möglicherweise immer) unsere „negativen Gefühle“, die uns auf unerfüllte Bedürfnisse hinweisen.

Entkörperlichung kann also durchaus auch als ein Weg in die „Ungestörtheit“ oder „Störungsfreiheit“ verstanden werden. Ein völlig entkörperlichter Mensch, ist, sofern wir ihn noch Mensch nennen wollen, ein Mensch ohne Probleme.

Dass allerdings macht die Interaktion mit ihm eher schwierig, wenn nicht sogar zu einer äußerst unangenehmen Erfahrung für alle diejenigen, die sich noch nicht im körperbefreiten Nirwana befinden.

Freilich sprechen wir hier von einem recht spekulativen Szenario. Denn wahrscheinlicher ist es im Moment, dass eine solche Annäherung an eine kollektiv entkörperlichte menschliche Gesellschaft sich nicht unfall- und störungsfrei vollziehen kann.

Solange aber der Einzelne, der sich seine fortgesetzten Fokussierungen und Alltagspraktiken entkörperlicht, keine Störung wahrnehmen kann, gibt es keine relevante Grenze für eine Ausbreitung und Vervollständigung individueller Entkörperlichung. Sicher sind Krankheit, Vereinsamung, Gewalttätigkeit, Sucht und Tod Grenzen, die einer individuellen Entkörperlichung gesetzt sind. Doch gibt der Tod, anders als viele meinen, uns keinen Grund, irgendetwas zu tun oder zu lassen. Wir sind in der Lage, uns für eine Lebensführung zu entscheiden, die uns in vorhersehbar unangenehme Zustände bringt oder einen offensichtlich „vorzeitigen“ Tod. Auch wenn die Zeiten einigermaßen vergessen sind, in dem Gesellschaften die menschliche Bereitschaft, Unangenehmes auf sich zu nehmen und vergleichsweise jung daran zugrunde zu gehen, heroisiert haben, so bleiben doch die Mechaniken kurzfristiger Schmerzvermeidung zulasten langfristigen Wohlergehens immer in Kraft. – Enkörperlichung wird also auch dann immer eine Option sein, selbst dann, wenn vollkommen klar und anerkannt wäre, dass sie „gesundheitsschädlich zum Tode“ ist.

2.) Fehlendes Fernstenfeedback

Dem Begriff des Fernstenfeedbacks nähert man sich am Besten über das Begriffspaar an, das ihn inspiriert hat: „Nächstenliebe/Fernstenliebe“.

„Fernstenliebe“ wurde ursprünglich gebildet, um unsere Aufmerksamkeit darauf hinzulenken, dass wir uns manchmal leichter tun, Empathie für das Leiden von Menschen in fernen Ländern aufzubringen, während wir „das Leiden nebenan“ gleichzeitig ausblenden und ignorieren, geschweige denn, dass es uns zu irgendwelcher Aktivität veranlasste. Der Grund für diese unsere vermeintliche „Bigotterie“ ist leicht auszmachen: Es geht um Selbstbestimmtes Helfen. Während man dem Leiden nebenan nur schwer ausweichen kann, kann man sich zu Hilfssendungen und Spenden in ferne Länder gerade deswegen gut aufraffen, weil man hier gerade kein Verpflichtungsgefühl empfindet: Man meint hier „edler Spender“ sein zu können, während das Leiden nebenan einen bei seiner Wahrnehmung in die vergleichsweise unangenehme Selbstbild pressen würde, man mache sich ständig einer „unterlassenen Hilfeleistung“ schuldig. – Es geht also auch um die Tücken der Verantwortlichkeit in einer Welt, in der das Leiden unendlich und die Zusammenhänge unklar zu sein scheinen.

Allerdings kann man heute auch leicht Zweifel aufwerfen, ob die Kategorien „nah und fern“ sich heute in erster Linie nach Entfernung in Kilometern bemessen. Ich möchte zumindet im Zusammenhang mit der neugeschaffenen Kategorie des „Fernstenfeedbacks“ davon ausgehen, dass es heute mehr Sinn macht, ganz anders zu begreifen, wer uns nah und wer uns fern ist.

Wir leben heute in einer Welt, in der mir so mancher Mensch am anderen Ende der Welt nicht nur mehr am Herzen liegt als mancher meiner Nachbarn oder Kollegen, sondern an der mir so mancher Mensch in fernen Ländern auch deutlich ähnlicher sein dürfte an Eigenschaften und Interessen. Und mit so manchem Menschen, der nach Kilometern weit entfernt von mir sein Leben gestaltet, dürften mich sehr enge, handfeste Wechselwirkungen verbinden. Zuweilen deutlich stärkere Kopplungen als sie mich mit so manchem Menschen verbinden, der mir in Kilometern deutlich näher ist.

„Nah und fern“ haben sich heute also nach meinem Verständnis nicht aufgelöst. Aber sie haben sich als Kategorien verändert. Ich könnte auch sagen: Sie haben sich (wie alles) deutlich subjetiviert. „Nah“ ist mir, wer mir nah geht. „Fern“ ist mir, wer mir fern liegt.

Nimmt man diese Subjektiviertung der Kategorien „Nah und fern“ in ihren Konsequenzen ernst, so ist es durchaus möglich, dass Bezeichnungen wie „der ferne Kollege, der ferne Chef, der ferne Kunde, der ferne Dienstleister, der ferne Geldgeber, der ferne Nachbar, der ferne Partner“ anfangen, Sinn zu machen.

Wollen wir uns aber nicht in einem sinnlosen Subjektivismus verfangen, gilt es, die Kategorien in Beziehungskategorien zu übersetzen. Dann aber stellt sich die nicht grade triviale Frage, wer „von den beiden Enden einer Beziehung“ denn über „Nähe/Ferne“ die Deutungshoheit hat?

Denn Wechselwirkungen sind leider nicht immer automatisch Wechselwirkungen in unserer heutigen schönen neuen Welt und Dorfgemeinschaft. Es ist möglich, dass mir ein Mensch nah ist, dem ich fern bin. Und möglich, dass ich einem Menschen nah, allzunah bin, der mir fern zu leben scheint.

In recht allgemein akzeptierter Form treffen wir auf solche Phänomene, auf solche Beziehungsverhältnisse z.B. bei „Chefs, die immer da sind, wenn man sie nicht braucht, und nie da sind, wenn man sie braucht“. Solche Vorgesetzte in Unternehmen liegen uns offenbar allzunah und allzufern zugleich: Sie selbst bestimmen einseitig über Nähe und Ferne, und wir werden dann Opfer mal übergroßer, mal völlig fehlender Distanz.

In der von mir angestrebten Terminologie bin ich für einen solchen Chef ein „Fernster“. Und das obwohl derjenige mir örtlich durchaus recht nah sein kann.

Wenn wir in Beziehungswechselwirkungen denken, dann können wir nämlich in Ferstenwirksamkeit von Fernstenfeedback unterscheiden.

Fernstenwirksamkeit besteht immer dann, wenn wir durch unser Dasein und unser Handeln auf Menschen Wirkung haben (oder sie auf uns), ohne dass eine Beziehung besteht, in der ein wechselseitiger Austausch über Gefühle und Bedürfnisse beider Beziehungspartner stattfindet.

Selbst wenn es eine Fernstenwirksamkeit in umgekehrter Richtung auch gäbe, wenn es sich also um ein Reziprozitätsverhältniss handelt und die Wirkung für einen der Partner  keine gefühlte Einbahnstraße ist, fehlt beiden Partnern in diesem Verhältnis: Fernstenfeedback.

Fehlendes Fernstenfeedback ist definiert durch Fernstenwirksamkeit ohne machtfreie Beziehung zwischen den menschlichen Subjekten und den menschlichen Objekten der Wirkungen.

Und es ist heute genauso verbreitet wie das Phänomen der Entkörperlichung.

Wir müssen hierzu nicht auf die Klimaerwärmung zurückgreifen oder auf die weltumspannenden Wertschöfpungsketten, also auf Phänomene, bei denen wir Menschen in der vermeintlich „Entwickelten Welt“ durch unser Handeln und Leben massive Wirkungen haben auf Menschen, die andernorts leben. Auch das ist natürlich Ferstenwirksamkeit ohne Ferstenfeedback.

Wir können eben genauso unseren Alltag durchgehen und auf uns wirken lassen, wo wir auf andere oder andere auf uns massive Wirkungen haben, ohne dass wir Feedback geben können, was das mit uns macht, oder ohne dass andere uns Feedback geben können, was das mit ihnen macht, was wir so machen.

Was aber blockiert „Fernstenfeedback“ in einer Welt, in der digitale Kommunikation alle weltweiten Schranken eingerissen zu haben scheint?

Zum einen gibt es das Risiko: Wir tun uns oft gerade in sehr“engen Beziehungen“ oder zumindest für uns überaus bedeutungsvollen Beziehungen besonders schwer, direktes und offenes Feedback zu geben, was Wirkungen angeht. Es steht einfach zu viel auf dem Spiel. Wir haben Angst vor den Folgen (Beziehungsabbruch, Verlust von Zugängen zu Ressourcen, Demütigung, Schamgefühle, Erleiden von bürokratischer oder körperlicher Gewalt). – Dadurch rücken uns gerade die besonders „fern“, die uns eigentlich besonders nah sein sollten.

Zum anderen gibt es in unserer heutigen „Organisation von Beziehungen“ die Möglichkeit, viele Interaktionen und Transaktionen beziehungsfrei zu gestalten: Solange „es läuft“, muss ich mich nicht mit dem Bäcker auseinandersetzen, von dem ich mein Brot beziehe, nicht mit dem Beamten im Kreisverwaltungsreferat, nicht mit meinem Chef (es steht ja alles im Arbeitsvertrag) und in einer routinierten, eingespielten Zweck-WG-Beziehung nicht einmal mit meinem Lebenspartner.

Beziehungsfreiheit ist für viele von uns geradezu ein Ideal: Sie erleichtert das Leben ganz immens. Wir versuchen so beziehungsfrei zu leben wie möglich. Damit aber leben wir auch so „fern“ von allen anderen Menschen wir nur möglich. – Feedback ist lästig, ist eine Störung, ist anstrengend, ist unerwünscht. Zumal andere Menschen die unangenehme Eigenschaft haben, damit immer dann um die Ecke zu kommen, wenn wir gerade nicht darauf vorbereitet sind. – Die ritualisierten „Feedbackgespräche“ in Unternehmen sind so verstanden Versuche, Menschen für Menschen so fern wie nur möglich auf Abstand zu halten.

Da wir zugleich aber Beziehungswesen sind, die ohne Feedback nicht leben können, entsteht durch unsere Lebensweise bei allen ein Feedbackhunger. – Ärzte, Anwälte, Coaches und Psychotherapeuten dürfen sich dann damit „professionell“ herumschlagen und Menschen das Feedback geben, das sie von anderen entweder nicht haben oder nicht bekommen können.

Auch der angebliche „Narzissmus“, der sich in unserer Gesellschaft ebenso angeblich immer mehr ausbreitet und der durch tausenderlei Social Media Aktiväten belegt ist, wirkt da plötzlich gar nicht mehr so individualpsychologisch, sondern vielmehr wie der verzweifelte Versuch zu bekommen, was das real life nicht hergibt.

Fehlendes Fernstenfeedback ist offenbar fehlendes Nächstenfeedback, das Nächste in Fernste verwandelt. Oder genauer: Fehlendes emotionales Feedback verwandelt nächste Menschen in gefühlt fernste Menschen.

Was aber, wenn diese Fernsten: Ihr Dasein und Handeln dennoch massiv spürbare Wirkungen auf uns haben? – Dann, so glaube ich, entsteht „Feedbackstau“. Handelte es sich um einmalige Vorgänge oder um Wirkungen, die wir als Kleinigkeiten empfinden, so hätte dies sicherlich keine Folgen. Die Frage ist aber, was kollektiver Feedbackstau, der Fernste auf Fernste prallen lässt, für Möglichkeiten hat, sich selbst abzubauen?

Sehr viele Möglichkeiten bleiben da nicht. Nehmen wir David Graebers Annahme hinzu, dass Gewalt die einzige Interaktionsform zwischen Menschen ist, bei denen Menschen Menschen in vorhersagbarer Weise bewegen können, ohne dass dabei Verständnis und Kommunikation eine Rolle spielen muss (S. 83 f.), wird recht klar, worauf eine Gesellschaft hinausläuft, die keine Möglichkeiten findet, dass Menschen sich überall dort Feedback geben können, das für beide Interaktionspartner emotional bedeutsam ist, wo Wirkungen bestehen, die für mindestens einen der beiden Interaktionspartner emotional bedeutsam sind.

Angesichts dieser wenig anziehenden Alternative gibt es in der Modernen Gesellschaft ganz offensichtlich einen hohen Bedarf, neue Wege zu ermöglichen, emotionales Feedback zu geben. Und „emotional“ heißt, wir erinnern uns: Durch Informationen über Innenzustände von Menschen bereichert. Was Menschen wirklich bewegt, ist das, was andere Menschen bewegt. Daher werden die Feedbackmöglichkeiten, die wir zulassen oder erfinden werden, die Eigenschaft der Unmittelbarkeit an sich haben müssen. Sie werden körperlich sein müssen. – Ein Indiz, dass es in unser vertexteten und bebilderten Welt diesen Bedarf tatsächlich gibt, ist die Existenz von Emoticons und von Emotionen transportierenden Gifs und Memes. Ich denke nicht, dass es bei diesen Schwundformen zwischenmenschlichen Informationsaustauschs bleiben kann, wird und sollte.

3.) Gemeinsamkeiten zwischen beiden Formen der Entfremdung

Es ist anzunehmen, dass zwischen Fehlendem Ferstenfeedback und Entkörperlichung Zusammenhänge bestehen. Dass es sich also auch beim Fehlenden Fernstenfeedback nicht um ein rein technisches und daher auch rein technisch lösbares Problem handelt. Neue Technik kann hier offenbar hilfreich sein (man denke nur an Hologramme; der Science-Fiction-Fan in mir wartet zudem immer noch sehnsüchtig auf die Erfindung des Beamens). Genausogut kann Technik aber auch dazu genutzt werden, Entkörperlichung voranzutreiben und zu vertiefen. Und das ist dann eine Entwicklung, die das Fehlen von Fernstenfeedback auf heute noch schwer vorstellbare Ausmaße vorantreiben dürfte. Wir würden uns dann in eine vollkommen entfremdete Gesellschaft hineinbewegen. Und das bedeutet, wenn meine Analysen nicht vollständig daneben liegen: In eine Gesellschaft, deren verkappte Gewalttätigkeit das hohe Gewaltniveau der gegenwärtigen Gesellschaft immer weiter in ungeahnte Höhen aufstaut. – Und das dass dabei noch störende Rückmeldungen auftauchen könnten. Wie gesagt: Dass System der Feedbackausschaltung ist selbsterhaltend und verstärkt sich in einer ganz eigenen „positiven“ Rückkopplung immer weiter selbst, wenn nicht bewusst gegengesteuert wird. Das Bewusstsein kann nur mit dem umgehen, was ihm getrieben durch eine emotionale Ladung auch bewusst wird.

Ich gehe davon aus, dass die Natur findig ist, was die Aufhebung von Ungleichgewichtszuständen angeht. Dass sie dabei auf unsere besonderen menschlichen Befindlichkeiten viel Rücksicht nimmt, steht dagegen weniger zu erwarten. Was Hoffnung machen kann, ist, dass wir Menschen, selbst Teil der Natur, ebenfalls eine gewisse Findigkeit mitbringen, die uns die übelsten Formen der Ungleichgewichtsauflösung möglicherweise ersparen können. Sehr wahrscheinlich ist das im Moment aber nicht mehr. Die Lernkurve zu flach, die Rückkopplungsschleifen der sich selbst fütternden Entfremdung sind bereits auf hohem Niveau. Entfremdung ist fett, auch heute schon.

Für hier ging  es mir nur darum, zwei auffällige Formen Moderner Entfremdung zu skizzieren. Dass es einen Zusammenhang zwischen beiden Formen der Entfremdung gibt: Zwischen innerlicher Entfremdung vom eigenen Körper und äußerlicher Entfremdung von anderen Menschen, erscheint mir zu offensichtlich, um im Detail darauf eingehen zu müssen. Sollte ich damit richtig liegen, lässt sich die Moderne Entfremdung nur durch einen gezielten Abbau beider Formen der Entfremdung zugleich abmildern oder auflösen.

Sich gut mit sich selbst zu verbinden und sich gut mit den Menschen zu verbinden, in denen man rein materiell bereits intensiv im Austausch steht – Diese beiden Übungen gehen Hand in Hand.

„Sich gut mit sich selbst verbinden“ beginnt mit dem Entschluss, eigene Gefühle und Bedürfnisse auch dann wahrzunehmen, wenn sie unangenehm sind und nicht in die augenblicklichen Pläne unseres Bewusstseins passen. Wenn sie stören.

„Sich gut mit anderen verbinden“ beginnt mit dem Entschluss, Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen auch dann wahrzunehmen, wenn sie für uns unangenehm sind und nicht in die augenblicklichen Pläne unseres Bewusstseins passen. Wenn sie stören.

Gestatten wir dagegen unserem Bewusstsein seinen Wunsch nach ungestörtem Ausagieren seiner „Pläne“, brechen sich Gefühle und Bedürfnisse von gleich wem auf vergleichsweisere unangenehmere Weise ihre Bahn in unser Bewusstsein.

Das ist der Deal. – Etwas Naturgesetzähnlicheres wird sich in der Welt des Sozialen nicht finden lassen.

Da unser Bewusstsein keine kognitiven Dissonanzen mag und das Zulassen und uns das bewusste Aushalten von kognitiver Dissonanz (bewusstes Fokussieren von einander störenden Daten, Gefühlen, Zuständen) eine Menge Kraft kostet, dürfte das auf den Vorschlag hinauslaufen, immer Kraft für die Bewältigung sicher auftretender, aber unvorhersehbarer Störungen bereit zu halten. Sich nicht völlig zu verausgaben. Nicht bis zum Anschlag zu gehen. „Im relativen Gleichgewicht zu bleiben“.

Eben um überhaupt die Kraft zu haben, dann damit umgehen zu können, wenn Körper etwas zu melden haben, das besser wahrgenommen werden und in verändertes Handeln überführt werden sollte.