Im Dialog „Phaidros“gibt Platon mit seinem berühmten „Seelenwagenmythos“ ein Bild von der menschlichen Seele. Die tiefgreifende Wirkung dieses platonischen Bilds für die uns mögliche Psychologie ist nach meinen Eindrücken weitgehend unbekannt und unerforscht geblieben.

Nun fehlt es mir sowohl an Geduld, an Zeit wie auch an Interesse, dieser von mir unterstellten Wirkung detailliert nachzugehen und meine Unterstellung philosophiehistorisch oder metaphorologisch (http://www.suhrkamp.de/buecher/paradigmen_zu_einer_metaphorologie-hans_blumenberg_27010.html) zu untermauern.

Stattdessen möchte ich die markantesten Aspekte jenes platonischen Bildes von der menschlichen Seele kurz herausstellen und dann eine kleine Modifikation an diesem Bild vornehmen, die m.E. sehr drastische Folgen dafür haben könnte, wie wir uns selbst beschreiben, wie wir andere wahrnehmen und welche Formen von Interaktionen zwischen uns Menschen für möglich und sinnvoll gehalten werden.

1.) Das schlechte Pferd

Platon gibt uns das Bild der menschlichen Seele als eines Zweispänners mit einem „menschlichen“ Lenker: Dem Bewusstsein, gezogen von einem „guten Pferd“ und einem „schlechten Pferd“, alle gemeinsam auf der Reise zum Rand des Kosmos: zum Ideenhimmel, von dem sich sonst nur die Götter selbst nehmen, was sie brauchen, wenn denn Götter irgendetwas bräuchten (eine Oxymoron im griechischen-antiken Gottesbegriff).

Während das gute Pferd brav den Wagen nach oben, an den Rand des Kosmos zieht, strebt das schlechte Pferd nach unten, zur Materie. Es ist also eine Metapher dessen, was man in bravem Platonismus immer wieder „unsere niederen Triebe“ genannt hat, wobei der platonische Begriff dessen, was „nieder“ ist als denkbar weit vorgestellt werden darf. Die Lust an sich, sofern sie nicht rein geistige Lust ist, sofern sie das Makel einer erkennbaren Körperlichkeit an sich hat, wird von Platon als ein hochgradig problematischer Zustand beschrieben, der uns davon abhält, der uns pflichtmäßig auferlegten „Verähnlichung mit Gott“ nachzustreben und gerecht zu werden.

Dem Wagenlenker kommt die Funktion zu, das schlechte Pferd zu disziplinieren, es auf Linie zu bringen, auf das er selbst mit seinem hübschen Köpfchen immer wieder kurz die Grenze des Kosmos hin zum Ideenhimmel durchstoßen kann und der ewigen Ideen ansichtig wird.

Platon leistet mit seiner überdeterminierten Geschichte mindestens 4 Dinge gleichzeitig:

a) Er erneuert und spezifiziert den Gottes- und Menschbegriff, in dem er beide Begriffe gegeneinander ausdifferenziert: Menschen sind keine Götter, da sie anders als die Götter nur eines kleinen Teils der Ideen ansichtig werden. „Es herrscht zu viel Gedränge“ am Rand des Kosmos, hinzu kommt die Problematik der schlechten Pferde, die die Götter nicht kennen: Ihre Seelenwägen werden von durchgängig folgsamem Pferdevieh durch den Äther gezogen. Platonisch verstandene Götter kennen keinen Mangel, keine Bedürfnisse und haben daher auch keine „niederen Triebe“. Und wenn wir kurz über uns Menschen sprechen: Im Ergebnis des Hauen- und Stechens der Pferde und Wagen, bleibt „das Wissen“ (im platonischen Sinne) von uns einzelnen Menschen immer unvollständig, mangelhaft.

b) Platon war bei allem Idealismus Idealist genug, um handfeste Gründe dafür anzugeben, warum ihm die Welt der Erscheinungen durchweg mangelhaft vorkam. Analog zum Demiurgen-Mythos im Dialog „Timaios“ haben wir auch im Seelenwagenmythos eine Verschwörung der Materie vor uns, die die Welt der Erscheinungen sowohl ausmacht als auch verhindert, dass sich die göttliche Vernunft in ihr jemals vollständig durchsetzen konnte. Anders als der neuzeitliche Platonismus ist der antike Platonismus von einem tiefen Pessimissmus durchdrungen, was die Durchsetzbarkeitschancen der Vernunft angeht. Man könnte auch sagen: Der antike Platonismus ist in diesem Punkt „realistisch“. Platon liefert uns also auch hier noch einmal gute Gründe (oder Bilder von Gründen) für den schlechten Zustand der von uns vorgefundenen und erlebten Welt.

c) Er bestätigt noch einmal den Gegensatz von „Verstand“ und „Gefühl“, den wir auch in die Moderne mitgeschleppt haben. Der Seelenwagen-Mythos dürfte in dieser Hinsicht mit das plastischste Bild von unserer Verfassung, von unserer Seele, von unserem Selbst sein, das in der Philosophiegeschichte zu finden ist. Wir können das auch daran festmachen, dass Platons Bild trotz oder wegen aller bisherigen modernen Psychologie auf uns auch heute noch Eindruck zu machen kann. Ein Vorgang, der keineswegs naheliegend ist, nach allem, was die Psychologie seit Freud an Veränderungen und Einsichten aufgebracht hat. – Bilder waren schon immer wirksamer als nüchterne Einsichten und werden es wohl immer bleiben.

d) Er führt mehr oder weniger subtil eine bildliche Vorstellung davon ein, dass einige „Seelen“ (i.e.: Menschen) anderen überlegen sind in genau jenem Punkt, auf den es nach Platon allein ankommt: Da manche Menschen – vorgeburtlich (!) – mehr von den Ideen gesehen hätten als andere. Am meisten natürlich platonische Philosophen. Platon ankert hier tief in die Vorstellungswelten des europäisch-abendländischen Denkens die Annahme, manche Menschen seien von Geburt an „wertvoller“ und „intelligenter“ als andere – Und genau deswegen „zum Herrschen geboren“ über vermeintlich „weniger wertvolle“ und „weniger intelligentere“ Menschen. Die sehr wörtlich zu nehmende Geistes-Aristokratie Platons hat in der Geschichte von den „edleren Seelen“ ihren Anker und ihre Begründung. Das platonische Seelenbild führt unmittelbar dazu, Demokratie für absurd und schädlich zu halten. Die philosophischen Seelen müssen herrschen! Nur das ist gut für alle! Usw. Usf.

Diesem letzten Punkt möchte ich etwas mehr Aufmerksamkeit schenken, um von ihm aus meine kleine, versprochene, folgenreiche Modifikation anzubringen.

2.) Wer wem was zu sagen hat

Entgegen dem exoterischen „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, macht Platon überaus deutlich, dass ein „mehr oder weniger Wissen“ ein zentraler Bestandteils seines Denkens über Menschen und menschliche Gesellschaft ist. Da bei ihm Tugend Wissen ist, leitet sich aus dem platonischen Bild auch eine praktische Überlegenheit der überlegenen Seelen ab, was es nötig macht, im platonischen Höhlengleichnis einigermaßen plausible Gründe für die offensichtliche praktische Ungeschicklichkeit der meisten philosophischen Seelen anzugeben: Bei der Rückkehr in das Funzellicht in der Höhle der Polis sind dem, der grade in das Sonnenlicht der Ideen geblickt hat, die Augen natürlich etwas getrübt und er braucht etwas Zeit, um sich wieder an die Dunkelheit zu gewöhnen.  – Platon war wirklich ein großartiger Dramatiker.

Das ist der Kontext all jener Geschichten, die zwanghaft die praktische Tüchtigkeit des Philosophen demonstrieren müssen, vom ersten Philosophen Thales,  über Platons Sokrates-Figur, bis hin zum Bild des englischen Gentleman, der vorbildlich platonisch diszipliniert seine Triebe beherrscht und eben genau deswegen ein Ausbund an Tüchtigkeit ist.

Es ist also ein Sinn und Zweck von Platons Seelenwagenmythos die Menschheit zu spalten in Herrscher und Beherrschte, wobei es erklärtes Ziel sein muss, „den Vernünftigeren“ zur Herrschaft zu verhelfen, und sei es durch einen für die uneinsichtigen Massen gedachten bilderreichen Mythos. Die Unvernünftigeren dürfen hier erkennen, wo ihr Platz ist, und werden ihren Drang nach Herrschaft aufgeben, da sie sich ja so wenig selbst beherrschen können. – Der Platonismus in den meisten heutigen Führungskonzeptionen ist m.E. überdeutlich genauso erkennbar, wie in vielen öffentlich geäußerten politischen Sehnsüchten nach starken (und meist „männliche Tugenden“ verkörpernden) Führern.

Eine interessante Modifikation des Bildes, das Platon im Phaidros gibt, wäre daher die Annahme, alle menschlichen Seelen hätten exakt gleich viel von den ewigen Ideen gesehen – nur eben jeweils Unterschiedliches. Man landet dann bei einer Art „Schleiermacherischen Konzeption“, in der alle Menschen „gleich unmittelbar zu Gott“stehen und sich eben darüber mächtig in die Haare bekommen können bzw. sich eben darüber mächtig viel zu sagen haben:

Jeder weiß etwas, jeder weiß anderes, jeder weiß etwas, was für den Anderen relevant sein dürfte, jeder kann von jedem lernen, etc.

Wir landen dann in einer rhetorischen Situation, die nah an dem steht, was einer von Platons sophistischen Erz-Gegnern: Gorgias vor Augen zu haben schien: Eine Situation, in der Zuhören und Reden gleichermaßen Sinn machen, weil inklusives All-Wissen oder sogar relatives Mehr-Wissen kaum möglich sind. Bzw.: Selbst wenn es sie gäbe, für uns kaum erkennbar sein können, da jeder von uns weiß, was er weiß, und nicht weiß, was er nicht weiß.

3.) Worüber wir etwas wissen können

Alle Rationalisten müssen nun weghören, denn nun folgen ein paar empiristische Einlassungen, die jeden Rationalisten, der nach sicherem Wissen strebt, tief unbefriedigt lassen müssen:

Stellen wir die Frage danach, was wir überhaupt wissen und worüber wir uns daher austauschen können, so lässt sich das „Gewusste“ in zwei Formen von Wahrnehmungen teilen:

Einerseits sinnliche Wahrnehmungen, die nach außen gerichtet sind, und die wir gewöhnlich, etwas arg verkürzend wie ich finde, „Sinneswahrnehmungen“ nennen.

Andererseits sinnliche Wahrnehmungen, die unser Bewusstsein aus unserem Körperinneren zugehen, und die wir gewöhnlich, wiederum arg verkürzend, „Gefühle“ nennen.

Wir verfügen also über zweierlei Informationsquellen über die Welt, die unsere Gespräche miteinander in Gang und in Atem halten: Sinneswahrnehmungen und Gefühlswahrnehmungen.

4.) Eine revolutionäre Annahme

All das, so hat man wahrscheinlich schon längst bemerkt, passt mehr als nur schlecht zur platonischen Vorstellung „eingeborener Ideen“, denn ein solcher naiver, ahistorischer und asozialer Empirismus macht solche Ideen überflüssig. Warum also überhaupt beide einander abgrundtief abstoßenden Konzepte auf diese Weise miteinander in Verbindung bringen?

Charmant finde ich die in Platons Mythos prinzipiell integrierbare Annahme, jeder von uns wisse etwas, was der andere so nicht wissen kann. Und sei es nur: Was er fühlt.

– Zwar halte ich es nach meinen Erfahrungen mit provokativen Interventionen für gewagt anzunehmen, jeder Mensch wisse allein oder zumindest am besten, was er fühlt. Und auch ist mittlerweile gut bekannt, dass wir z.B. die Gefühlsäußerungen unserer eigenen Stimme deswegen selbst schlecht wahrnehmen können, weil das entsprechende Wahrnehmungszentrum in unserem Gehirn abgeschaltet ist, wann immer wir selbst sprechen (ein Mitgrund, warum uns unsere Stimme so fremd vorkommt, wenn wir sie in einer Aufnahme zu hören bekommen – gewöhnlich schweigen wir in solchen Momenten und können uns überhaupt nur dann einmal „richtig zuhören“: Auch die Emotion in unserer eigenen Stimme wahrnehmen). Kurz: Wir brauchen oft andere Menschen, um unsere eigenen Gefühle überhaupt wahrnehmen zu können, die sonst niemals unser Bewusstsein erreichen würden.

Aber selbstverständlich haben wir zumindest in ruhigeren Momenten einen bevorzugten Zugriff auf unsere inneren Wahrnehmungen. Und dieses „Was uns bewegt“ können wir anderen mitteilen.

Genauso können wir uns darüber austauschen „was wir gesehen/ gehört/ gerochen/ geschmeckt/ ertastet haben“.

Doch all das legt uns allzu nahe, dass es ein notwendige Herrschaft begründendes „Mehrwissen“ geben könnte. – Selbst noch in den fluffigsten aller heutigen Führungskonzepte, die von natürlicher oder situativer Autorität ausgehen, anstatt von einer, die uns qua Amt oder Position verliehen wird.

Wir glauben dann – ganz mit Platon – dass der eine zu reden und der andere zuzuhören habe. Dass der eine den Ton angeben und der andere folgen müsse. Dass die Beiträge des einen „zur Sache“ wertvoll und die des anderen vernachlässigbar seien.

Wir glauben in einem naiven Empirismus, der sprachliche, soziale und historische Frames ausklammert, die uns Wahrnehmungen überhaupt erst ermöglichen oder verunmöglichen, sehr schnell daran, dass es überlegenes Herrschaftswissen geben müsse, weil einer von uns einfach „mehr von der Sache gesehen hat“ als der andere oder weil er „hier eine bessere Intuition habe“.

Kaufen wir das, macht Zuhören tatsächlich in vielen Situationen nur noch wenig Sinn. Es wird irrational.

Da es aber prinzipiell schwer unterscheidbar ist, sowohl in einem platonisch-rationalistischen als auch in einem naiv-empiristischen Konzept, wer denn nun mehr Ahnung hat von uns, haben beide Konzepte zur Folge, dass sich in Gruppen, in Familien, unter Freunden, in Firmen und in der politischen Arena regelmäßig die lautesten Schreihälse durchsetzen: Diejenigen, die am geschicktesten Dominanz inszenieren, diejenigen, die den geringsten Zweifel am Mythos vom überlegenen Wissen haben und daran, dass dieser Mythos zu ihren eigenen Gunsten spielt. Wenn andere weniger sagen, so muss das wohl daran liegen, dass sie eingesehen haben, dass sie hier, wenn nicht sogar generell Unwissender sind.

Kurz: Ist der Mythos des Mehrwissens und der sinnvollen Herrschaft einmal etabliert, wozu Platon m.E. entscheidend beigetragen hat, dann fühlen sich die Einen von uns ermächtigt und die Anderen von uns verstummen in Scham.

Demgegenüber scheint mir die Annahme, jeder könnte etwas zu jeder Sache beitragen überaus spannend.

Denn sie ist weitaus weniger verbreitet, als uns die Anhänger des platonisch bebilderten Mehrwissens glauben machen.

Von daher wirft sie die weitaus interessanteren Fragen auf. Und dürfte diese Annahme auch ein weitaus größeres Potential haben, unsere sozialen und zwischenmenschlichen Fragen ganz neu zu bebildern, zu entscheiden und zu institutionalisieren.

Die Annahme, wir alle wüssten möglicherweise exakt gleich viel, nur eben verschiedenes, erscheint mir ebenso revolutionär wie hochsozial. Mit ihr lässt sich keine Herrschaft und keine Führung mehr begründen.

Sie und nur sie wäre tatsächlich und recht endgültig a-platonisch. Aplatonischer wäre nur noch die Annahme, dass es beim Zwischenmenschlichen, im sozialen oder „politischen“ Raum vorrangig gar nicht um „Wissen“ geht oder gehen sollte, sondern um einige andere, für uns deutlich wichtigere Dinge…

5.) Eine gemeine Modifikation

Ich bin ganz offensichtlich kein großer Fan der Vorstellung „eingeborener Ideen“. Ich kann gut nachvollziehen, dass unser Genom, unsere vorgeburtlichen Erfahrungen, unsere frühen nachgeburtlichen Erfahrungen und die von uns in unserer unmittelbaren sozialen Umwelt vorgefundenen und emotional aufgeladenen Frames und Sprachspiele massiven Einfluss auf das haben, was wir leicht, was wir schwer und was wir gar nicht denken können.

Der Seelenwagenmythos Platons gibt uns aber ein gutes Bild von der Form eines „Was wäre wenn?“ – Was wäre also, wenn es die von Platon nahegelegte vorgeburtliche Ideenschau tatsächlich gäbe, und wir dabei eben Verschiedenes, aber alle gleich viel zu Sehen bekommen hätten?

Ich nehme an, dann bliebe uns nicht viel Sinnvolleres zu tun, als uns über unser Wissen auszutauschen.

Und genau dann würde das Gespräch unserer Seelen miteinander ebenso sinnvoll wie das philosophisch-platonische „Gespräch der Seele mit sich selbst“.

Um von anderen etwas erfahren wollen zu können, müssen wir stets voraussetzen, dass es überhaupt etwas für uns Sinnvolles von ihnen zu erfahren gibt.

Ein modifizierter Seelenwagenmythos ist möglicherweise ein nicht völlig unbrauchbares Bild, um die diese Voraussetzung bei uns zu ankern. Daher nutze ich dieses Bild so lange, bis mir ein besseres Bild einfällt oder von anderen nahegebracht wird.

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