Es gehört zu den Schönheiten der GfK („Gewaltfreien Kommunikation“) Marshall Rosenberg’s, dass sie ein sehr einfaches Schema zur Verfügung stellt, auf das sich all unser Tun reduzieren lässt. Ein Schema, das by the way die uralte Unterscheidung von Praxis und Poiesis als „vergleichsweise unwesentlich“ unterläuft.

Um jene Kategorie: Die des Wesentlichen soll es im Folgenden gehen. Sie ist, für jeden Philosophiehistoriker unübersehbar, offensichtlich essentialistisch, offensichtlich platonisch. – Dann aber geschieht in einer philosophischen Wahrnehmung der GfK Wundersames…

Das Wesentliche der GfK

Durch beinahe die gesamte Geschichte der Philosophie dient die Kategorie des „Wesentlichen“ der Sicherheit, genauer: Zunächst der Erkenntnissicherheit (Platons „Ideen“, neu aufgelegt in der Kantischen Idee des Wissbaren). Und dann erst an zweiter Stelle der Handlungssicherheit. Wobei man sich auch da – mit Blick auf die historisch-politischen Rahmenbedingungen von Platons Erfindung der Philosophie -, wohl nicht so ganz sicher sein kann, ob das Ethische gegenüber dem Erkenntnistheoretischen wirklich als nachrangiges Interesse Platons aufgefasst werden kann, ohne dass man ein Gefühl dafür verliert, „worum es Platon wirklich ging“ bei dieser seiner Erfindung.

In der GfK jedenfalls treffen wir auf eine Setzung des Wesentlichen, die große Ähnlichkeit mit der platonischen Setzung des Wesentlichen hat: Sind es bei Platon die Ideen, die allein als Absolut-Wesentliches gelten können, als Unhinterfragbares, als Letztes Ziel aller menschlicher Aktivität, so sind es in der GfK unsere menschlich-allzumenschlichen Bedürfnisse.

Auch die veränderlichen, offensichtlich willkürlichen „Bedürfnislisten“, die man am Ende nahezu aller GfKistischen Bücher findet, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die GfK formell as platonic as can be verfährt, während sie inhaltlich as a-platonic as can be ist: Die platonisch vorgesehene Stelle des Absoluten ist in der GfK durch genau das besetzt, das Platon selbst als der ewige Widersacher der Realisierbarkeit einer durch und durch vernünftigen Welt erschien: Eben durch unsere Bedürfnisse.

Wie konnte das geschehen? Wie kann jemand dahin kommen, Himmel und Hölle derart zu vertauschen? – Und, vielleicht weitaus interessanter: Warum geschieht dies erst jetzt, in unserer nahen Vergangenheit?

Denn das ist alles andere als selbstverständlich, verfolgt man alls die Wendungen und Drehungen die die platonischen „Ursprungs“-Impulse durch die abendländische Geistesgeschichte hindurch genommen haben. Als eine von vielen möglichen einfachen Umkehrungen des Platonismus, hätte die GfK eigentlich sehr viel erfunden werden müssen. Ist sie aber nicht. Zumindest ich kann in der Philosophiegeschichte keine Gestalt erkennen, die das vorwegnimmt, was die GfK vorschlägt und realisiert. Irgendetwas muss also verhindert, blockiert, hintertrieben haben, dass die GfK früher erfunden wurde als sie eben von Rosenberg erfunden wurde. „Es ist kein Zufall“. 😉 – Wir wählen an dieser Stelle eine der vielen Verschwörungstheorien, von denen Hans Blumenberg schreibt, dass kein Platonismus ohne sie auskommen kann (S. 133). Nur dass unsere Verschwörungstheorie an Nietzsche, Heidegger, Derrida und Rorty anschließt und den Vater aller Verschwörungstheorien: Platon selbst zum schicksalhaft ersten und schlimmsten Saboteur einer verfehlter Erfindung der GfK erklärt.

Warum aber so viel Realismus? Wozu soll der gut sein? Wozu soll der nötig sein? – Und das nach allem erkennbar Schlimmen, das uns unser Platonismus eingebrockt hat? Und das nach all den findigen und großen Anstrengungen die von so vielen Philosophie-Aussteigern unternommen wurden, um den Realismus Platons ein für allemal zu erledigen, abzustreifen, hinter uns zu lassen? – Was soll das jetzt, dass in der GfK zwar nicht inhaltlich, aber formell ein Platonismus mit Wucht zurückkehrt und aufrecht erhalten wird?

Das erste, das man hierbei feststellen kann, ist, dass es in der GfK nicht um „Erkenntnis“ geht. Zumindest in keinem platonischen, klassisch-philosophischen Sinn. Die GfK ist eine pragmatistische Praxistheorie, die auf Effekte abzielt, die Effekt erzielen will. All ihre „theoretischen“ Bestimmungen gehen unmittelbar aus ihren ebenfalls sehr unmittelbar praktischen Absichten hervor: Sie verspricht uns zu lehren, besser miteinander auskommen zu können, uns besser mit uns selbst und uns besser mit anderen Menschen verbinden zu können, sobald wir ihre (wenigen!) theoretischen Bestimmungen annehmen, einüben und in Handeln übersetzen.

Es handelt sich also um eine bemerkenswert „überprüfbare“ Theorie. Allerdings nicht um eine „falsifizierbare“ im Popper’schen Sinn. Zwar kann jeder sich die GfK-Bestimmungen aneignen und unmittelbar erproben. Aber er kann ein Ausbleiben der erhofften und „von der Theorie verprochenen“ Effekte nur schwer der Theorie selbst zuschustern. Er bleibt auf der Enttäuschung sitzen, wenn sich keine unmittelbare Reduktion unbefriedigender Konflikte einstellt, kein unmittelbares Gefühl der Erleichterung durch ein Erleben der größeren Verbundenheit auch mit unerfüllten Bedürfnissen, kein Gefühl der größeren Verbundenheit mit anderen Menschen, die in seinen Lebensvollzügen für ihn bedeutsam sind. – Die GfK sagt hier, ganz platonisch: „Try harder! – Wenn Du nicht erlebst, was wir für möglich erklären, hast Du Dir an irgendeiner Stelle nur vorgemacht zu tun, was wir Dir vorschlagen zu tun.“

Die GfK ist mithin nicht nur eine bemerkenswert praktische „Theorie“, sie vereint auch die Eigenschaften der Einfachheit und der Schwierigkeit: GfK zu praktizieren ist nicht intellektuell herausfordernd, es ist nicht „kompliziert“. Nichtsdestoweniger fällt es den meisten von uns bemerkenswert schwer, und es gibt tausende Ausflüchte, von ihren Vorschlägen abzuweichen und stattdessen anderes zu tun. Mit anderen Effekten. Die Theorie der GfK ist einfach. Die Praxis der GfK ist schwer.

Wenn die GfK unsere Bedürfnisse und als Verweismittel auf Bedürfnisse auch unsere Gefühle als „Wesentliches“ ansetzt, so setzt sie zugleich unsere „Strategien“zur Erfüllung dieser unserer Bedürfnisse als Unwesentliches. „Unwesentlich“ nicht im Sinne von „gleichgültig für uns“, sondern im Sinne von „nicht festgelegt“. Die GfK bietet uns eine fast schon wissenschaftstypisch zu nennende Heuristik an. Eine Heuristik für unsere alltäglichen Lebensvollzüge und unser alltägliches praktisches Verhalten in ausnahmslos allen Situationen, in denen sich unser Bewusstsein im Wachzustand befindet. Mit anderen Worten: Die GfK ist totalitär. Und auch hierin ist sie erkennbar platonisch, bei allem inhaltlichen Aplatonismus.

Gegen Rorty und Blumenberg: Formeller Platonismus als Abweichung vom Hauptzug der modernen Philosophie mit philanthropischen Absichten

Dass eine solche philosophische Betrachtung oder Einordnung der GfK eine beachtliche Spannung erzeugt, ist dann spürbar, wenn man sie mit Autoren vergleicht, die mit den meisten philosophischen Wassern gewaschen sind und sich dabei einen merklich menschenfreundlichen Zug bewahren konnten.

Meine beiden persönlichen Helden, Väter und Freunde in dieser Hinsicht sind die beiden verstorbenen Philosophen Richard Rorty und Hans Blumenberg. Beide hätten einen Bedürfnis-Essentialismus, wie ihn meine Interpretation in der GfK wahrnimmt, mit Gründen abgelehnt. Beide verstehen Philosophie vorwiegend als sprachliches, wenn nicht sprach-bildliches Geschehen. Beide argumentierten, wie wir von einer GfK-Praxis aus sehen können, erstaunlich unkörperlich. Nichts in den Werken beider Autoren lässt den Schluss zu, es könne eine ewig-gemeinsame Basis zwischen uns Menschen geben. Inkohärent mit ihrem Denken ist daher auch die Annahme, eine solche ewig-immergleiche, sprachunabhängige Basis könne in unseren Bedürfnissen und Gefühlen zu finden sein.

Nun ist die Sprache sicher kein unerheblicher Teil einer theoriebasierten Praxis, die zumindest das Wort „Kommunikation“ im Namen trägt. Die Gewaltfreie Kommunikation Rosenberg’s sieht sprachliche Formen als zweierlei zugleich:

1) Als Selbstausdruck und als pragmatistisches Mittel zum Zweck. „Selbstausdruck“ sind sprachliche, bildliche oder andere menschliche Kommunikationsformen für die GfK insofern, als sie nach GfK-Verständnis vor allem auf unsere Gefühle und Bedürfnisse referenzieren. Das macht auch deutlich, dass GfK vor allem unsere Gefühle und Bedürfnisse meinen muss, wenn sie von unserem „Selbst“ spricht. WENN sie das denn jemals tut (GfK-intern gibt es dafür nicht viel Grund; mein hier gewählter Versuch, die GfK als Philosophie zu verstehen hat um so mehr Gründe dafür…). Das ist allerdings ein Schritt, der diese „Philosophie“ sehr weit weg führt von dem, was man als philosophisch verbildeter Mensch gewohnt ist, sich unter einem „Selbst“ vorzustellen. Weder „das Denken“, noch „das Bewusstsein“, noch ein bestimmtes bewegliches, in-sich-kohärentes Netz sprachlicher Formen ist hier gemeint, sondern etwas anderes, das für Formung durch Sprache nur sehr bedingt zugänglich ist, auf das wir aber via Sprache Bezug nehmen und dem wir mit Sprache Ausdruck verleihen können.

2) Als pragmatistisches Mittel zum Zweck versteht GfK sprachliche Formen, wenn sie es für möglich hält, dass manche sprachlichen Formen uns mehr und andere sprachliche Formen uns weniger dabei helfen, zu bekommen was wir brauchen, i.e. „was wir wirklich wollen“. Mithilfe der Formen der GfK leiten wir uns dazu an, Gefühle der geringeren oder größeren Befriedigung große Beachtung zu schenken, die sich beim oder unmittelbar nach dem Gebrauch bestimmter sprachlicher Formen bei uns einstellen. Das kann in „stiller Empathie“ geschehen, auch in iterativen Formen, denen Eugene T. Gendlin den Namen „Focusing“ gegeben hat. Das kann ebenso in lebendigster Interaktion mit anderen Menschen geschehen, wenn wir an den wahrnehmbaren Reaktionen unserer Gegenüber feststellen, dass diese wiederum Gefühle in uns auslösen, die – wie die GfK so schön unterscheidet – nicht von diesen Gegenübern „verursacht“, sondern eben nur von ihnen „ausgelöst“ sind. Die GfK besteht dogmatisch-apodiktisch-setzend darauf, dass unsere Gefühle „uns gehören“ und wir niemanden anderen für sie verantwortlich machen können: Weder „Verhältnisse“ noch „das Verhalten anderer Menschen“ werden von der GfK als Zurechnungsgröße zugelassen. Zwar ist die pragmatistische Absicht solcher Denkverbote überdeutlich: Wir landen in schnell-eskalierenden Konflikten mit anderen und in sich-selbst-verfestigenden Opferhaltungen, wenn wir unsere Gefühle anders zurechnen als die GfK uns das empfiehlt. Es wird also so und genau so gedacht wegen der Effekte, die ein solches Denken im Unterschied zu anderem Denken „über diese Dinge“ erzeugt. Zugleich wird aber nicht vermieden, dass ein solches Denken sich selbst als „Wahrheit“ versteht, also platonisch agiert. „In Wahrheit“ gehören unsere Gefühle uns selbst. „In Wahrheit“ werden unsere Gefühle von unseren erfüllten/unerfüllten Bedürfnissen verursacht (hier ist ein individual-historisches Element eingebaut, das sich in einer aktualen Situation bemerkbar macht). Das „Verursacht-Sein“ unserer Gefühle durch äußere Einwirkung und Ereignisse ist nur Schein. Zumindest in den Alltagsvollzügen, die zwischenmenschliche Extremsituationen wie Folter, Sklaverei, unausweichbare Ausbeutung und ähnliches ausklammern. Die GfK ist eine Alltagsphilosophie „für freie Menschen“, was sie sehr angreifbar durch jegliches soziologische Denken macht.

Von einer historistisch aufgeklärten Philosophie (Blumenberg) oder einer offen selbst-bestätigenden-selbst-überschreitenden Philosophie (Rorty) her betrachtet, erscheint die Philosophie der GfK unaufgeklärt, wenn nicht naiv-romantisch. Es erscheint ihnen undenkbar, dass kontingente gesellschaftliche Rahmenbedingungen inklusive den Institutionen der jeweils üblichen Sprachen unser Gefühlswahrnehmen und unsere Bedürfnisarten ungeformt gelassen haben könnten. Im Zusammenhang mit sowohl Rorty als auch Blumenberg macht der Begriff der „Authentizität“ wenig Sinn. Er löst sich auf in entweder sprachlich-begriffliche Kohärenz (Rorty) oder rhetorisch-metaphorische Wandlungen der Sprachformen (Blumenberg), die von irgendwas, man weiß nicht was, getrieben sind. Vermutlich von einer kontingenten, geschichtsphilosophischen Eigenlogik der Veränderung des Denkens in der Zeit. Von Pfadabhängigkeiten, wenn man so will. Davon, dass jede Generation insofern eine neue Situation vorfindet, weil sie andere Generationen von gedacht-habenden, gesprochen-habenden, gehandelt-habenden Menschen vor sich hat (oder hinter sich?). Die Geschichte kennt keinen Stillstand und die Veränderung, man mag sie als Fortschritt, als Verfall oder als bewertungsfreies „anders“ empfinden, geht immer weiter. Dabei darf jede Zeit, jede Gesellschaft, jede Denkschule, jede Mikrokultur von Menschen sich selbstbegründend als absolut verstehen (Rorty), bzw. darf der historisch orientierte Philosoph seine Aufgabe darin verstehen, einen all-verstehenden, wertungsfreien Standpunkt einzunehmen, der allem Menschenmöglichen gleichermaßen gerecht zu werden versucht (Blumenberg). Während Blumenbergs Losung „nichts Menschliches sei mir fremd“ sein könnte, könnte man Rortys Motto so fassen: „Mir ist einiges fremd, aber das ist auch mein gutes Recht, das keiner weiteren Begründung bedarf und für das keine weitere Begründung überhaupt möglich ist; vor allem dann, wenn ich damit privat bleibe und ich mich nebenher im politischen Raum auch noch darum kümmere, niemanden zu verletzen oder zu demütigen.“

Eine Referenz auf den Körper aber kennen beide kaum. Trotz all ihrem formellen Anti-Platonismus bleiben Rorty wie Blumenberg Platon darin treu, dass sie performativ seinem inhaltlichen Vergeistigungsgebot folgen. Von körperfernen Intellektuellen, die eine Praxis des sprachlichen Sich-immer-wieder-Verbindens mit dem Körper gar nicht kennen, kann man aber kaum erwarten, dass sie sich nicht in der Sprache verstricken, so dass es für sie kaum mehr ein „Außerhalb-der-Sprache“ geben kann. Sprache verweist dann vor allem auf: Andere Sprache.

Die Überwindung des Platonismus aus den Essenzen des menschlichen Körpers

Wir landen damit bei einer handfesten Überraschung – zumindest dann, wenn wir von umfangreichen philosophischen Erfahrungen herkommen: Der platonische „Realismus“ ist weitaus weniger ausschlaggebend als angenommen für das Problem der Asozialität der Philosophie, für ihre Absolutheitsansprüche, für ihren Anti-Demokratismus, für ihre Intoleranz, kurz für all das, was der Philosophie des 20. Jahrhunderts problematisch geworden ist an der philosophischen Tradition, die mit Platon beginnt.

Weitaus ausschlaggebender erscheint die Absehung vom menschlichen Körper, seinen Zuständen und Äußerungen, die Platon entschieden nahegelegt hat, als er „Ideen“ erfand und zum Wesentlichen verklärte.

Während gestandene Aplatoniker wie Rorty und Blumenberg den platonischen Realismus mit bewundernswerter Entschlossenheit hinter sich gelassen haben, haben sie gleichzeitig seine Körperabsehung geteilt, wenn wir nicht sogar sagen wollen: „weiterhin brav befolgt“.

Das Verdikt Platons, nach dem seine Bedürftigkeit den Menschen vertiere und entgöttliche, und dass sie daher über eine philosophische Praxis zu überwinden sei, ist das eigentlich Problematische am Platonismus.

Und das macht es möglich, dass eine Praxis, die mit minimalen theoretischen Annahmen auskommt und dabei entschieden essentialistisch ist, den Platonismus deutlich heftiger in den Hintern tritt als das alle ausgeklügelten philosophischen Anti-Platonismen des 20. Jahrhunderts getan haben.

Die GfK kann durchaus als Aufforderung verstanden werden, sprachschöpferisch tätig zu werden – ein Aspekt, der jede Ironikerin im Sinne Rorty’s aufatmen lassen müsste. Allerdings ist dies, solange es GfK ist, keine Aufforderung im luftleer-körperbefreiten Raum der rein sprachlichen Vorgänge (oder sollen wir sagen: „in den Selbstgesprächen von sich-selbst-erschaffenden Einzelkindern, die auf einsamen Inseln wohnen“?). Die Sprachschöpfung der GfK ist dabei „in einer liegenden Acht“ doppelt verbunden: Mit dem eigenen Körper und mit den wahrnehmbaren körperlichen Reaktionen anderer Menschen.

Die GfK und ihre Philosophie machen uns „im Kern“ das Angebot, menschlichen Körpern deutlich mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen als uns das Platon erlaubt hätte.

Wir sind, so behauptet GfK, wenn überhaupt, so vor allem anderen körperlich miteinander verbunden. Und nicht durch geteilte Überzeugungen, Werte, Frames, Denkformen oder Sprachspiele. All dies erweist sich zwar als spannend, aber zugleich auch als uns-voneinander-trennend. Innermenschliche wie zwischenmenschliche Verbundenheit werden wir darüber niemals herstellen können. Sprache, die die Gefühle und die Zustände unserer Körper absichtsvoll oder fahrlässig ignoriert, führt uns zur „Verunbewusstung“ unserer Gefühle und zur Vernachlässigung unserer Bedürfnisse. Wir können dann weder jemals Befriedigung erreichen (und halten ebendarum dann unsere Bedürfnisse für „unersättlich“). Noch können wir sinnvoll in Interaktion mit anderen Menschen treten (und halten ebendarum dann andere Menschen für wahlweise dumm oder böswillig).

Mir selbst ist im Übrigen kein „Denken“ bekannt, das irgendetwas anderes ist als „sprachlicher Ausdruck“, sei es rein verbal, bildsprachlich oder körpersprachlich. Insofern lässt sich der Terminus „Denken“ aus unserer Sprache völlig verlustfrei entfernen. Dass wir vor allem „denkende Wesen“ sind oder auch überhaupt denkende Wesen sind, ist ebenso wie seine „Ideen“ eine gehaltlose Erfindung Platons.

Wir haben Gespräche. Wir haben Gespräche mit anderen. Wir haben Gespräche mit uns selbst. Aber es gibt keine gehaltvollen Gespräche ohne Bezugnahme auf menschliche Körperzustände. Das, was wir Bewusstsein nennen, hat eine immer neue Bezugnahme auf Körperzustände nötig, wenn es sich nicht in gehaltlosem „Mindfuck“ verstricken will, der die Gräben vertieft und uns gleichzeitig von uns selbst und von anderen Menschen entfremdet.

Und möglicherweise lässt sich jenes Organ, dass wir „Gehirn“ nennen vor allem verstehen als ein Organ, das uns mit der Fähigkeit ausstattet, äußere und innere Reize immer wieder neu und immer wieder anders miteinander in Bezug zu setzen, unter vermittelndem Gebrauch von Sprache. Eine Sprache aber, die kaum Begriffe hat für innere Reize und die sich daher in einseitiger Bezugnahme auf äußere Reize erschöpft, kann eine solche Vernetzung nicht leisten. Sie vernetzt durchaus, denn unser Gehirn kann das vernetzen nicht lassen. Aber diese Netze fühlen sich nicht gut an für uns. Und eben das können wir spüren, wenn wir uns trauen und uns ähnlich viel Zeit auch dafür nehmen.

 

 

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