Ein beliebter Irrtum: „Der Geist“, „das Bewusstsein“ sei der treibende, aktive Part der Psyche.

Begründer des Irrtums: Die ollen Griechen, vor ca. 2400 Jahren.

Die Folgen des Irrtums: Burnout; Boreout; Unverbundenheit; Entfremdung; Krankheiten; Unverständnis; permanente Anspannung; Unwesentlichkeit und Beliebigkeit der Kommunikation; Verleugnung von Gefühlen, Bedürftigkeit und Verletzlichkeit; ein hohes Gewaltniveau in der Gesellschaft, das für normal gehalten und weithin akzeptiert wird.

Eine interessanter Parallel-Irrtum: In Unternehmen gehe die Aktivität vom „Management“ oder „der Führung“ aus, welche sich aus einer „Übersicht“ heraus schlaue Strategien ausdenken müssten, die dann implementiert, ausgerollt, umgesetzt, angereizt oder sonstwie durchgesetzt werden müssten.

Ein irreführendes Bild von der menschlichen Seele scheint zu bekloppten Praktiken in menschlichen Sozialformen zu führen.

Was aber würde es in praktischer Hinsicht bedeuten, wenn ein anderes Bild von psychischen Vorgängen bei uns Verbreitung und Annahme finden würde?

Zur Beantwortung dieser Frage können wir möglicherweise ebenfalls Praktiken in Unternehmen nutzen, diesmal als Metapher: Ein Unternehmen, in dem ein anderes Bild von „Unternehmung“ gepflegt wird, würde wohl nicht auf die Idee kommen, dass es eine „zentrale Leitung“ brauche, die „bestimmen muss“, was getan und was gelassen werden muss, weil all die dummen Mitarbeiter dazu ja nicht in der Lage sein können.

Stattdessen würde man große reaktive Ressourcen bereithalten, für den Fall, dass sie gebraucht werden für das, „was anfällt“, für das „was sich an Unvorhersehbarem und Überraschendem ergibt“. – Und Mitarbeiter würden also neben ihrem Handlungs- und Bearbeitungspart auch als die Initiatoren dessen gesehen, dass überhaupt gehandelt werden sollte.

Die Gefühle und Bedürfnisse von Mitarbeitern in einer solchen Unternehmung würden nicht als „Privatbefinden“ bagatellisiert und damit für „unternehmensirrelevant“ erklärt. Vielmehr wären es gerade die Befindlichkeiten von Mitarbeitern, die als Informationsquellen für unternehmerischen Handlungsbedarf gesehen würden. „Ich habe da ein schlechtes Gefühl“ oder „Ich habe da ein gutes Gefühl“ ist in einem solchen Unternehmen nicht mehr etwas, gegenüber dem man eine achselzuckend gleichgültige Haltung einzunehmen geneigt wäre. Es ist der Ausgangspunkt für produktive unternehmerische Auseinandersetzung, wenn nicht für unternehmerische Initiative. Es gibt keinen Bedarf für „Management“ oder „Führung“ mehr. Wohl aber an Verfahren, „wie wir hier zu Entscheidungen kommen, mit denen wir uns alle dauerhaft wohlfühlen können“.

Ja: „Wohlfühlen“. In einem Unternehmen. – Verrückt, ich weiß.

Dieses Bild „der guten Unternehmung“ hätte wohl interessante Folgen für unseren Umgang mit uns selbst: Mit unseren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Für unsere Körperwahrnehmung. Für unsere Selbstsorge, wenn nicht Selbstliebe. Und für den Grad an Empathie, der uns dann in Bezug auf andere Menschen möglich wäre oder der uns normal vorkäme.

Und es hätte wohl auch interessante Folgen für „die Politik“. Ein rein konsumierendes Bürgertum, das auf ein Dasein als Wahlvolk und Gesetzebefolgungsvolk reduziert ist, erschiene uns dann wohl völlig widersinning und kontraintuitiv. Wir wären partizipativeren Formen von Demokratie deutlich offener gegenüber; an allererster Stelle offener gegenüber einer zeitlich oder auf Sachfragen begrenzten Besetzung politischer Ämter durch ein reines Losverfahren. Denn das Losverfahren ist eine politische Praxis, die jeden Bürger zu einem potentiellen politischen Akteur macht, der seine individuelle Lebenserfahrung in politische Entscheidungsverfahren einfließen lässt. Die Kopplung zwischen individueller Alltagserfahrung in einer hochdifferenzierten modernen Gesellschaft und ihren politischen Entscheidungen wäre deutlich unmittelbarer als sie das in „Wahlen von Parteien“ oder auch in „Volksentscheiden“ jemals sein kann.

Eine fremde Welt lauert also hinter der Annahme, all unsere Aktivität gehe vom Körper aus und unser Bewusstsein habe nur aufnehmende und umsetzende Funktionen…

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