1.) Entkörperlichung

Mit „Entkörperlichung“ ist jener Zustand gemeint, in den wir geraten, wenn wir durch fortgesetzte Wegfokussierung von unseren körperlichen Zuständen unsere vorhandenen Gefühle und die Fülle unserer Bedürfnisse kaum noch wahrnehmen.

Es ist an dieser Stelle leicht, in alter philosophischer Tradition auf „Verschwörungen“ der einen oder anderen Art zu sinnen. Also nach „Schuldigen/m“ zu suchen dafür, dass wir in solche Zustände geraten, dass wir vermeintlich vermehrt in solche Zustände geraten, etc.

Ich neige an dieser Stelle derzeit eher zu einer Art „Voluntarismus“: D.h. ich würde gerne auf eine Suche nach Ursachen, Schuldigen und Verschwörungen verzichten und schlicht und einfach sagen: Enkörperlichung ist eine menschliche Option. Es ist eine Option, die uns als Menschen offen steht. – Und wir haben die Wahl zu fokussieren, was wir fokussieren wollen. Zumindest in Situationen, in denen wir nicht fortgesetzt von anderen Menschen „hypnotisiert werden“, d.h. in denen andere Menschen ihre natürliche Wertigkeit, die sie für uns haben, dazu nutzen, um uns auf Bestimmtes hinzufokussieren, so dass wir anderes nicht mehr wahrnehmen. U.a. auch unsere Gefühle nicht mehr wahrnehmen. – Solche hypnotische Situationen sind nach meinem Eindruck selten. Sie sind zwar als Extremformen eben auch extrem interessant. Sie geben aber wenig her dafür, den Vorgängen der Entkörperlichung nachzuspüren, weil sie nicht der Regelfall sind, und weil zugleich Entkörperlichung weitaus häufiger vorkommen als solche hypnotische Fokussierung weg von allem Möglichen hin auf Bestimmtes.

Wir entscheiden uns also in der Regel für Entkörperlichung. – Und haben dann mit den Folgen unserer Entkörperlichung umzugehen.

Prinzipiell möglich sind uns Menschen Vorgänge in Richtung auf unsere Entkörperlichung, weil unser Bewusstsein extrem „kontaktfreudig“ ist und unsere Aufmerksamkeit extrem „suchtanfällig“: Wir können uns leicht verstricken in alles Mögliche, das uns entsprechende iterative oder sich steigernde Reize verschafft. Wiederholung und Variation in Kombination haben immer gute Chancen, unsere dauerhafte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wir lieben Muster und Musterbrechungen. Und finden wir entsprechendes in unserer Umwelt, so bleiben wir gerne dabei. – Und wir sind extrem gut darin, Muster zu finden oder zu erfinden (je nachdem, wie man das gerade lieber verstehen mag…).

Die Folgen von Entkörperlichung für uns kann man mit sehr verschiedenen Vokabularien umschreiben: Als Substanzverlust, der einen geneigt machen könnte, jenes „Mensch, werde wesentlich!“ neu aufzulegen. Oder als Orientierungslosigkeit, die hektische Aktivität nach sich zieht, aber in dieser hektischen Aktivität doch keine Orientierung zu finden vermag. Oder als „Externalisierung„: Als eine Suche nach äußeren Ergebnissen und Erfolgen zum Zwecke der „Selbstfühlung“ über Umwege. Philosophisch naheliegend ist auch die Umschreibung als innerer Entfremdungsvorgang, der äußerliche Entfremdung: Von der Welt, ihren Gegenständen und vor allem von anderen Menschen als notwendiges Pendant hat. Ohne dass man immer festzustellen wagte, was da Henne und was da Ei sei.

Sicher könnte man auch „die böse Technik“ hier als Sündenbock heranziehen: Eine digitale Welt, die uns in sie hineinzieht, ein Fixierung auf technische Lösbarkeit in unseren Wissenschaften und anderen Praktiken, ein Bild von unserem Körper und unserer Psyche, das stark an Automechanik und Autoreparatur erinnert und nicht zuletzt unsere Science Fiction, die uns nahelegt, dass unsere Bindung an unseren Körper ohnehin ein Auslaufmodell und eine Entkoppelung von ihm für uns bewusstseinsverlustfrei möglich sei.

Ich kaufe solche Technik-Dämonisierung nicht. Ich gehe aber auch davon aus, dass neue technische Möglichkeiten und der Umstand, dass die Art und Weise, in der wir alle „Cyborgs“ sind, sich permanent wandelt, uns vor permanent neue Fragen stellt, wie wir mit dem Phänomen der Entkörperlichung umgehen wollen.

Denn Entkörperlichung ist wie angedeutet nicht folgenlos für uns zu haben. Wir finden in unseren innerlichen Körpervorgängen und zuallererst in unseren auf unsere Bedürfnisse verweisenden Gefühlen eine Orientierung oder zumindest einen Impuls, der Handeln überhaupt möglich macht. Wie António Damásio gezeigt hat, sind Menschen mit mit schweren Hirnschäden im Großhirnteil des emotionalen Apparates, besonders in einigen Arealen des Stirnlappens, weitgehend unfähig zu allem, was wir „Handlung“ nennen. Entkörperlichung kann gesehen werden als eine alltäglichere und vergleichsweise weniger dramatische Form der gleichen Störung, nur dass diese frei gewählt und „selbst verschuldet“ ist.

Für unsere Lebensführung, v.a. für die Vielfältigkeit und „Tiefe“ unseres Erlebens, für unser Gedächtnis, für unsere fortlaufenden Identitätskonstruktionen, für die Vermeidung von Süchten und für unseren komplexen Interaktionen mit anderen Menschen dürfte Entkörperlichung also vermutlich deutlich dramatischere Folgen haben als uns heute gemeinhin bewusst ist. Gerade in der Interaktion mit anderen Menschen kommt zudem eine weitere Folge von Entkörperlichung zur Entfaltung, die uns kaum kalt lassen kann: In einem entkörperlichten Zustand sind wir nicht mehr in der Lage, sinnvoll mit anderen Menschen zu kommunizieren. Weder verstehen wir, „was uns der andere eigentlich sagen will“, noch können wir uns so ausdrücken, dass der Andere eine Chance hat zu verstehen, „was wir ihm eigentlich sagen wollen“. – Natürlich verstehen wir nicht nichts. Wir interpretieren ja ständig, finden ständig Muster. Aber wir haben auch keine Chance mehr, unser Missverständnis zu entdecken, und zwar durch auffällige Inkongruenzen zwischen Inhalt der Kommunikation und emotionaler Wahrnehmung. Wir missverstehen dann ständig und werden ständig missverstanden – Und zwar ohne dass wir eine Möglichkeit haben, überhaupt zu bemerken, dass es ein Missverständnis gibt. Entkörperlichung kann also auch als Tilgung der Kategorie des Missverständnisses beschrieben werden. Wir sind dann tatsächlich in einem Zustand angekommen, in dem der Satz „es kommuniziert“ nicht gar so wenig Sinn macht. Dass dieser Zustand pathologisch ist, ist nur noch von außen wahrnehmbar, also für andere, die sich selbst entkörperlichten Zustand befinden. Da aber „Pathologie“ sich unvermeidlich an „Normalität“, „Üblichkeit“ und „Verbreitung“ orientiert, ist selbstverständlich ein Zustand denkbar, in dem Entkörperlichung so weite Verbreitung gefunden hat, dass sie nicht mehr sinnvoll als Pathologie beschrieben werden kann: Was alle machen und alle sind, kann nicht seelisch krank sein. Es gibt dann kein Außen mehr und damit auch keine Inkongruenzen, da es niemanden gibt, der diese Inkongruenzen überhaupt noch wahrnehmen könnte. Die alte Frage, ob es denn ein Geräusch gäbe, wenn es keiner hört, bekommt hier eine bittere Note.

Andererseits können wir auch fragen, ob überhaupt ein Problem für uns besteht, wenn uns etwas fehlt, dessen Fehlen wir gar nicht mehr bemerken? Denn ein „Problem“ ist immer eine Sein-Sollens-Differenz. Und mindestens für das Sollen, wenn schon nicht für das Sein, benötigen wir ein Subjekt, dass dieses Sollen vertritt. Ein Subjekt, dass sich durch ein bestimmtes Sein so gestört fühlt, dass es dazu neigt, in Aktion zu treten. Eben diese Funktion übernehmen aber in unserem Alltag (und möglicherweise immer) unsere „negativen Gefühle“, die uns auf unerfüllte Bedürfnisse hinweisen.

Entkörperlichung kann also durchaus auch als ein Weg in die „Ungestörtheit“ oder „Störungsfreiheit“ verstanden werden. Ein völlig entkörperlichter Mensch, ist, sofern wir ihn noch Mensch nennen wollen, ein Mensch ohne Probleme.

Dass allerdings macht die Interaktion mit ihm eher schwierig, wenn nicht sogar zu einer äußerst unangenehmen Erfahrung für alle diejenigen, die sich noch nicht im körperbefreiten Nirwana befinden.

Freilich sprechen wir hier von einem recht spekulativen Szenario. Denn wahrscheinlicher ist es im Moment, dass eine solche Annäherung an eine kollektiv entkörperlichte menschliche Gesellschaft sich nicht unfall- und störungsfrei vollziehen kann.

Solange aber der Einzelne, der sich seine fortgesetzten Fokussierungen und Alltagspraktiken entkörperlicht, keine Störung wahrnehmen kann, gibt es keine relevante Grenze für eine Ausbreitung und Vervollständigung individueller Entkörperlichung. Sicher sind Krankheit, Vereinsamung, Gewalttätigkeit, Sucht und Tod Grenzen, die einer individuellen Entkörperlichung gesetzt sind. Doch gibt der Tod, anders als viele meinen, uns keinen Grund, irgendetwas zu tun oder zu lassen. Wir sind in der Lage, uns für eine Lebensführung zu entscheiden, die uns in vorhersehbar unangenehme Zustände bringt oder einen offensichtlich „vorzeitigen“ Tod. Auch wenn die Zeiten einigermaßen vergessen sind, in dem Gesellschaften die menschliche Bereitschaft, Unangenehmes auf sich zu nehmen und vergleichsweise jung daran zugrunde zu gehen, heroisiert haben, so bleiben doch die Mechaniken kurzfristiger Schmerzvermeidung zulasten langfristigen Wohlergehens immer in Kraft. – Enkörperlichung wird also auch dann immer eine Option sein, selbst dann, wenn vollkommen klar und anerkannt wäre, dass sie „gesundheitsschädlich zum Tode“ ist.

2.) Fehlendes Fernstenfeedback

Dem Begriff des Fernstenfeedbacks nähert man sich am Besten über das Begriffspaar an, das ihn inspiriert hat: „Nächstenliebe/Fernstenliebe“.

„Fernstenliebe“ wurde ursprünglich gebildet, um unsere Aufmerksamkeit darauf hinzulenken, dass wir uns manchmal leichter tun, Empathie für das Leiden von Menschen in fernen Ländern aufzubringen, während wir „das Leiden nebenan“ gleichzeitig ausblenden und ignorieren, geschweige denn, dass es uns zu irgendwelcher Aktivität veranlasste. Der Grund für diese unsere vermeintliche „Bigotterie“ ist leicht auszmachen: Es geht um Selbstbestimmtes Helfen. Während man dem Leiden nebenan nur schwer ausweichen kann, kann man sich zu Hilfssendungen und Spenden in ferne Länder gerade deswegen gut aufraffen, weil man hier gerade kein Verpflichtungsgefühl empfindet: Man meint hier „edler Spender“ sein zu können, während das Leiden nebenan einen bei seiner Wahrnehmung in die vergleichsweise unangenehme Selbstbild pressen würde, man mache sich ständig einer „unterlassenen Hilfeleistung“ schuldig. – Es geht also auch um die Tücken der Verantwortlichkeit in einer Welt, in der das Leiden unendlich und die Zusammenhänge unklar zu sein scheinen.

Allerdings kann man heute auch leicht Zweifel aufwerfen, ob die Kategorien „nah und fern“ sich heute in erster Linie nach Entfernung in Kilometern bemessen. Ich möchte zumindet im Zusammenhang mit der neugeschaffenen Kategorie des „Fernstenfeedbacks“ davon ausgehen, dass es heute mehr Sinn macht, ganz anders zu begreifen, wer uns nah und wer uns fern ist.

Wir leben heute in einer Welt, in der mir so mancher Mensch am anderen Ende der Welt nicht nur mehr am Herzen liegt als mancher meiner Nachbarn oder Kollegen, sondern an der mir so mancher Mensch in fernen Ländern auch deutlich ähnlicher sein dürfte an Eigenschaften und Interessen. Und mit so manchem Menschen, der nach Kilometern weit entfernt von mir sein Leben gestaltet, dürften mich sehr enge, handfeste Wechselwirkungen verbinden. Zuweilen deutlich stärkere Kopplungen als sie mich mit so manchem Menschen verbinden, der mir in Kilometern deutlich näher ist.

„Nah und fern“ haben sich heute also nach meinem Verständnis nicht aufgelöst. Aber sie haben sich als Kategorien verändert. Ich könnte auch sagen: Sie haben sich (wie alles) deutlich subjetiviert. „Nah“ ist mir, wer mir nah geht. „Fern“ ist mir, wer mir fern liegt.

Nimmt man diese Subjektiviertung der Kategorien „Nah und fern“ in ihren Konsequenzen ernst, so ist es durchaus möglich, dass Bezeichnungen wie „der ferne Kollege, der ferne Chef, der ferne Kunde, der ferne Dienstleister, der ferne Geldgeber, der ferne Nachbar, der ferne Partner“ anfangen, Sinn zu machen.

Wollen wir uns aber nicht in einem sinnlosen Subjektivismus verfangen, gilt es, die Kategorien in Beziehungskategorien zu übersetzen. Dann aber stellt sich die nicht grade triviale Frage, wer „von den beiden Enden einer Beziehung“ denn über „Nähe/Ferne“ die Deutungshoheit hat?

Denn Wechselwirkungen sind leider nicht immer automatisch Wechselwirkungen in unserer heutigen schönen neuen Welt und Dorfgemeinschaft. Es ist möglich, dass mir ein Mensch nah ist, dem ich fern bin. Und möglich, dass ich einem Menschen nah, allzunah bin, der mir fern zu leben scheint.

In recht allgemein akzeptierter Form treffen wir auf solche Phänomene, auf solche Beziehungsverhältnisse z.B. bei „Chefs, die immer da sind, wenn man sie nicht braucht, und nie da sind, wenn man sie braucht“. Solche Vorgesetzte in Unternehmen liegen uns offenbar allzunah und allzufern zugleich: Sie selbst bestimmen einseitig über Nähe und Ferne, und wir werden dann Opfer mal übergroßer, mal völlig fehlender Distanz.

In der von mir angestrebten Terminologie bin ich für einen solchen Chef ein „Fernster“. Und das obwohl derjenige mir örtlich durchaus recht nah sein kann.

Wenn wir in Beziehungswechselwirkungen denken, dann können wir nämlich in Ferstenwirksamkeit von Fernstenfeedback unterscheiden.

Fernstenwirksamkeit besteht immer dann, wenn wir durch unser Dasein und unser Handeln auf Menschen Wirkung haben (oder sie auf uns), ohne dass eine Beziehung besteht, in der ein wechselseitiger Austausch über Gefühle und Bedürfnisse beider Beziehungspartner stattfindet.

Selbst wenn es eine Fernstenwirksamkeit in umgekehrter Richtung auch gäbe, wenn es sich also um ein Reziprozitätsverhältniss handelt und die Wirkung für einen der Partner  keine gefühlte Einbahnstraße ist, fehlt beiden Partnern in diesem Verhältnis: Fernstenfeedback.

Fehlendes Fernstenfeedback ist definiert durch Fernstenwirksamkeit ohne machtfreie Beziehung zwischen den menschlichen Subjekten und den menschlichen Objekten der Wirkungen.

Und es ist heute genauso verbreitet wie das Phänomen der Entkörperlichung.

Wir müssen hierzu nicht auf die Klimaerwärmung zurückgreifen oder auf die weltumspannenden Wertschöfpungsketten, also auf Phänomene, bei denen wir Menschen in der vermeintlich „Entwickelten Welt“ durch unser Handeln und Leben massive Wirkungen haben auf Menschen, die andernorts leben. Auch das ist natürlich Ferstenwirksamkeit ohne Ferstenfeedback.

Wir können eben genauso unseren Alltag durchgehen und auf uns wirken lassen, wo wir auf andere oder andere auf uns massive Wirkungen haben, ohne dass wir Feedback geben können, was das mit uns macht, oder ohne dass andere uns Feedback geben können, was das mit ihnen macht, was wir so machen.

Was aber blockiert „Fernstenfeedback“ in einer Welt, in der digitale Kommunikation alle weltweiten Schranken eingerissen zu haben scheint?

Zum einen gibt es das Risiko: Wir tun uns oft gerade in sehr“engen Beziehungen“ oder zumindest für uns überaus bedeutungsvollen Beziehungen besonders schwer, direktes und offenes Feedback zu geben, was Wirkungen angeht. Es steht einfach zu viel auf dem Spiel. Wir haben Angst vor den Folgen (Beziehungsabbruch, Verlust von Zugängen zu Ressourcen, Demütigung, Schamgefühle, Erleiden von bürokratischer oder körperlicher Gewalt). – Dadurch rücken uns gerade die besonders „fern“, die uns eigentlich besonders nah sein sollten.

Zum anderen gibt es in unserer heutigen „Organisation von Beziehungen“ die Möglichkeit, viele Interaktionen und Transaktionen beziehungsfrei zu gestalten: Solange „es läuft“, muss ich mich nicht mit dem Bäcker auseinandersetzen, von dem ich mein Brot beziehe, nicht mit dem Beamten im Kreisverwaltungsreferat, nicht mit meinem Chef (es steht ja alles im Arbeitsvertrag) und in einer routinierten, eingespielten Zweck-WG-Beziehung nicht einmal mit meinem Lebenspartner.

Beziehungsfreiheit ist für viele von uns geradezu ein Ideal: Sie erleichtert das Leben ganz immens. Wir versuchen so beziehungsfrei zu leben wie möglich. Damit aber leben wir auch so „fern“ von allen anderen Menschen wir nur möglich. – Feedback ist lästig, ist eine Störung, ist anstrengend, ist unerwünscht. Zumal andere Menschen die unangenehme Eigenschaft haben, damit immer dann um die Ecke zu kommen, wenn wir gerade nicht darauf vorbereitet sind. – Die ritualisierten „Feedbackgespräche“ in Unternehmen sind so verstanden Versuche, Menschen für Menschen so fern wie nur möglich auf Abstand zu halten.

Da wir zugleich aber Beziehungswesen sind, die ohne Feedback nicht leben können, entsteht durch unsere Lebensweise bei allen ein Feedbackhunger. – Ärzte, Anwälte, Coaches und Psychotherapeuten dürfen sich dann damit „professionell“ herumschlagen und Menschen das Feedback geben, das sie von anderen entweder nicht haben oder nicht bekommen können.

Auch der angebliche „Narzissmus“, der sich in unserer Gesellschaft ebenso angeblich immer mehr ausbreitet und der durch tausenderlei Social Media Aktiväten belegt ist, wirkt da plötzlich gar nicht mehr so individualpsychologisch, sondern vielmehr wie der verzweifelte Versuch zu bekommen, was das real life nicht hergibt.

Fehlendes Fernstenfeedback ist offenbar fehlendes Nächstenfeedback, das Nächste in Fernste verwandelt. Oder genauer: Fehlendes emotionales Feedback verwandelt nächste Menschen in gefühlt fernste Menschen.

Was aber, wenn diese Fernsten: Ihr Dasein und Handeln dennoch massiv spürbare Wirkungen auf uns haben? – Dann, so glaube ich, entsteht „Feedbackstau“. Handelte es sich um einmalige Vorgänge oder um Wirkungen, die wir als Kleinigkeiten empfinden, so hätte dies sicherlich keine Folgen. Die Frage ist aber, was kollektiver Feedbackstau, der Fernste auf Fernste prallen lässt, für Möglichkeiten hat, sich selbst abzubauen?

Sehr viele Möglichkeiten bleiben da nicht. Nehmen wir David Graebers Annahme hinzu, dass Gewalt die einzige Interaktionsform zwischen Menschen ist, bei denen Menschen Menschen in vorhersagbarer Weise bewegen können, ohne dass dabei Verständnis und Kommunikation eine Rolle spielen muss (S. 83 f.), wird recht klar, worauf eine Gesellschaft hinausläuft, die keine Möglichkeiten findet, dass Menschen sich überall dort Feedback geben können, das für beide Interaktionspartner emotional bedeutsam ist, wo Wirkungen bestehen, die für mindestens einen der beiden Interaktionspartner emotional bedeutsam sind.

Angesichts dieser wenig anziehenden Alternative gibt es in der Modernen Gesellschaft ganz offensichtlich einen hohen Bedarf, neue Wege zu ermöglichen, emotionales Feedback zu geben. Und „emotional“ heißt, wir erinnern uns: Durch Informationen über Innenzustände von Menschen bereichert. Was Menschen wirklich bewegt, ist das, was andere Menschen bewegt. Daher werden die Feedbackmöglichkeiten, die wir zulassen oder erfinden werden, die Eigenschaft der Unmittelbarkeit an sich haben müssen. Sie werden körperlich sein müssen. – Ein Indiz, dass es in unser vertexteten und bebilderten Welt diesen Bedarf tatsächlich gibt, ist die Existenz von Emoticons und von Emotionen transportierenden Gifs und Memes. Ich denke nicht, dass es bei diesen Schwundformen zwischenmenschlichen Informationsaustauschs bleiben kann, wird und sollte.

3.) Gemeinsamkeiten zwischen beiden Formen der Entfremdung

Es ist anzunehmen, dass zwischen Fehlendem Ferstenfeedback und Entkörperlichung Zusammenhänge bestehen. Dass es sich also auch beim Fehlenden Fernstenfeedback nicht um ein rein technisches und daher auch rein technisch lösbares Problem handelt. Neue Technik kann hier offenbar hilfreich sein (man denke nur an Hologramme; der Science-Fiction-Fan in mir wartet zudem immer noch sehnsüchtig auf die Erfindung des Beamens). Genausogut kann Technik aber auch dazu genutzt werden, Entkörperlichung voranzutreiben und zu vertiefen. Und das ist dann eine Entwicklung, die das Fehlen von Fernstenfeedback auf heute noch schwer vorstellbare Ausmaße vorantreiben dürfte. Wir würden uns dann in eine vollkommen entfremdete Gesellschaft hineinbewegen. Und das bedeutet, wenn meine Analysen nicht vollständig daneben liegen: In eine Gesellschaft, deren verkappte Gewalttätigkeit das hohe Gewaltniveau der gegenwärtigen Gesellschaft immer weiter in ungeahnte Höhen aufstaut. – Und das dass dabei noch störende Rückmeldungen auftauchen könnten. Wie gesagt: Dass System der Feedbackausschaltung ist selbsterhaltend und verstärkt sich in einer ganz eigenen „positiven“ Rückkopplung immer weiter selbst, wenn nicht bewusst gegengesteuert wird. Das Bewusstsein kann nur mit dem umgehen, was ihm getrieben durch eine emotionale Ladung auch bewusst wird.

Ich gehe davon aus, dass die Natur findig ist, was die Aufhebung von Ungleichgewichtszuständen angeht. Dass sie dabei auf unsere besonderen menschlichen Befindlichkeiten viel Rücksicht nimmt, steht dagegen weniger zu erwarten. Was Hoffnung machen kann, ist, dass wir Menschen, selbst Teil der Natur, ebenfalls eine gewisse Findigkeit mitbringen, die uns die übelsten Formen der Ungleichgewichtsauflösung möglicherweise ersparen können. Sehr wahrscheinlich ist das im Moment aber nicht mehr. Die Lernkurve zu flach, die Rückkopplungsschleifen der sich selbst fütternden Entfremdung sind bereits auf hohem Niveau. Entfremdung ist fett, auch heute schon.

Für hier ging  es mir nur darum, zwei auffällige Formen Moderner Entfremdung zu skizzieren. Dass es einen Zusammenhang zwischen beiden Formen der Entfremdung gibt: Zwischen innerlicher Entfremdung vom eigenen Körper und äußerlicher Entfremdung von anderen Menschen, erscheint mir zu offensichtlich, um im Detail darauf eingehen zu müssen. Sollte ich damit richtig liegen, lässt sich die Moderne Entfremdung nur durch einen gezielten Abbau beider Formen der Entfremdung zugleich abmildern oder auflösen.

Sich gut mit sich selbst zu verbinden und sich gut mit den Menschen zu verbinden, in denen man rein materiell bereits intensiv im Austausch steht – Diese beiden Übungen gehen Hand in Hand.

„Sich gut mit sich selbst verbinden“ beginnt mit dem Entschluss, eigene Gefühle und Bedürfnisse auch dann wahrzunehmen, wenn sie unangenehm sind und nicht in die augenblicklichen Pläne unseres Bewusstseins passen. Wenn sie stören.

„Sich gut mit anderen verbinden“ beginnt mit dem Entschluss, Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen auch dann wahrzunehmen, wenn sie für uns unangenehm sind und nicht in die augenblicklichen Pläne unseres Bewusstseins passen. Wenn sie stören.

Gestatten wir dagegen unserem Bewusstsein seinen Wunsch nach ungestörtem Ausagieren seiner „Pläne“, brechen sich Gefühle und Bedürfnisse von gleich wem auf vergleichsweisere unangenehmere Weise ihre Bahn in unser Bewusstsein.

Das ist der Deal. – Etwas Naturgesetzähnlicheres wird sich in der Welt des Sozialen nicht finden lassen.

Da unser Bewusstsein keine kognitiven Dissonanzen mag und das Zulassen und uns das bewusste Aushalten von kognitiver Dissonanz (bewusstes Fokussieren von einander störenden Daten, Gefühlen, Zuständen) eine Menge Kraft kostet, dürfte das auf den Vorschlag hinauslaufen, immer Kraft für die Bewältigung sicher auftretender, aber unvorherhbarer Störungen bereit zu halten. Sich nicht völlig zu verausgaben. Nicht bis zum Anschlag zu gehen. „Im relativen Gleichgewicht zu bleiben“.

Eben um überhaupt die Kraft zu haben, dann damit umgehen zu können, wenn Körper etwas zu melden haben, das besser wahrgenommen werden und in verändertes Handeln überführt werden sollte.

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