Yuval Noah Harari’s Buch „Homo deus“ macht gerade die Runde. „Wir werden Götter sein“ titelt der Spiegel. – Zeit für eine kleine Aufklärung über den klassisch-abendländischen Gottesbegriff.

Der klassiche Gottesbegriff ist recht technisch: „Gott“ ist in der platonischen Philosophie ein Grenzbegriff, der trotz aller wichtigen Einflüsse aus der hebräischen Theologie für den abendländischen Raum prägend geblieben ist. Kurz gesagt ist „Gott“ das „rein aktive“, das „nicht-leidende“ Wesen. Ein Wesen, dem alle „Pathologie“ fremd ist, also im Wortsinne von „pathein“ (leiden).

„Gott“ war seit Platons Definitionen und Geschichten stets der Traum des Menschen von sich selbst in einer leidlosen Variante. Die Platonische Philosophie eine „Methodik“ der Bildung hin zur eigenen Gott-gleich-Werdung. Auch als mit der neueren christlichen Mythologie der Schöpfer-aus-dem-Nichts-Gott Einzug ins Denken hielt, blieb der Subtext des Platonismus überaus wirksam. Indem wir uns davon nie wirklich frei gemacht haben, verurteilten wir uns dazu, uns in erster Linie als „geniale Schöpfer“ zu sehen und „in Konkurrenz mit Gott“ zu treten. Vieles von der auch heute noch ungebrochenen Wissenschafts- und Technikgläubigkeit hat seine psychologischen Wurzeln in diesen ursprünglich philosophisch-theologischen Mythologemen. Viel „Maskulismus“ atmet immer noch die alte, abgestandene platonische Luft.

Dass ein Menschenbegriff, aus dem Verletzlichkeit gedanklich herausgerechnet ist, nicht sonderlich viel Sinn macht, blieb dabei meist unreflektiert. Zu übermächtig erschien das „Leiden“, so groß die Sehnsucht nach vollkommener Unverletzlichkeit.

Nun leben wir aber wieder in einer Zeit, die gern alle menschliche Verletzlichkeit von sich abschütteln möchte. Die in der Leidensfähigkeit und Beschämbarkeit des Menschen keine Ressource und keinen Reichtum erkennen kann, sondern nur einen Makel, den man – mithilfe von Technik und Wissenschaft – möglichst aus der Welt schaffen sollte. Verähnlichung mit Gott, ja ja. Das uralte Spiel.

Der platonische Mensch, auch das könnte man heute wissen, ist ein asozialer Mensch. Die „Polis“, die griechisch-antike Chiffre für das soziale Gemeinwesen, in dem sich Menschen verbunden sind und als Freie begegnen, war dasjenige Angebot für menschliches Engagement, GEGEN das Platon antrat und das er mit seiner „Philosophie“ zu überbieten versuchte. Die platonische Philosophie ist in ihrem Kern anti-politisch, anti-sozial. Und wir haben viele Platonismen auch heute noch unreflektiert übernommen. Auch unser Denken, Fühlen und Handeln wird immer noch von zahlreichen Platonismen bestimmt.

Dass wir Menschen von Geburt an soziale Wesen sind. Dass wir durch Gefühle und Resonanzphänomene noch vor allem „logos“ miteinander verbunden sind. Dass wir Sinn und Erfüllung nur in guten Beziehungen finden: All das kann jemandem kaum bewusst werden, der sich voll unter die uralte Fuchtel Platons stellt.

Klassisch gab es eine Bezeichnung für Menschen, die das Soziale in seinen anspruchsvolleren Formen des Miteinanders, die Menschen in ihrem gemeinsamen Streben nach einem guten Leben verachteten: Man nannte diese Menschen „idiotes“.

Ein Mensch, der sich von allem Leiden, von aller Verletzlichkeit frei machen könnte, ein Mensch der ein „homo deus“ wäre, so ein Mensch wäre vor allem eins: Ein perfekter Tyrann. Wie man bereits jetzt sehr gut an Menschen wahrnehmen kann, die ihre eigene Verletzlichkeit abwehren, verleugnen und betäuben, ist es die zentrale Voraussetzung für Grausamkeit gegenüber anderen lebenden Wesen, dass man sein eigenes Leiden ins Dunkel des Unbewussten verschiebt.

Um Empathie mit anderen kultivieren zu können, muss man seine eigene Verletzlichkeit bejahen können. Dass das viel leichter gesagt als getan ist, ist der unveränderliche Teil der ansonsten sehr veränderlichen conditio humana.

Wer aber menschliche Erfüllung erleben will, wird an Verbundenheit mit anderen vermittelt über die eigene Verletzlichkeit nicht vorbeikommen.

Der „homo deus“ ist eine reine Horrorvision von Menschen, die auf eine sehr intelligente Art sehr dumm sind. So vorsätzlich abgestumpft, dass sie den platonischen Horror der Verähnlichung mit Gott gar nicht mehr wahrnehmen können.

Die Kälte und Grausamkeit, die allen Phantasien über die eigene Unverwundbarkeit, Unverletzlichkeit und Unsterblichkeit gemein ist, können nur die Menschen fühlen, die ihre eigene Verletzlichkeit zu umarmen versuchen und die sich auf ihren Schmerz einlassen, ohne ihn zu verdrängen.

 

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