„Was wünscht Du Dir?  – Weltfrieden!“

Wenn man der Frage nachgehen möchte, ob dieser Dialog auch in einer unironischen Variante Sinn machen kann, muss man vielleicht zunächst einmal klären, was das denn bitteschön heißen soll – „Weltfrieden“?

Vielleicht kann man sich dem Begriff des Weltfriedens annhähern, indem man auflistet, was ihn zu einem problematischen Begriff macht:

  • Unter Stress werden wir manchmal gewalttätig, öfter unachtsam. Es wird uns gleichgültiger, was unser Handeln/Nicht-Handeln mit anderen Menschen macht.
  • Um uns selbst zu schützen, wählen wir manchmal die Strategie „Angriff ist die beste Verteidigung“
  • Individuelle und gesellschaftliche Traumata neigen zur Selbst-Reproduktion und Re-Inszenierung: Verletzungen, Gewalt und Demütigungen, die sich in der Vergangenheit ereignet haben, werden durch gegenwärtige „Auslöser“ in die Zukunft hinein verlängert, indem wir uns selbst und andere Re-Traumatisieren. Traumata erhalten sich aus sich selbst heraus, wenn man sie nicht wahrnimmt und auf sie eingeht. Sich mit Traumatisierungen auseinanderzusetzen ist anstrengend, oft wenig lustvoll. Oft erscheint anderes drängender und wichtiger.
  • Fehlende unmittelbare Verbindungen, fehlendes unmittelbares Feedback sorgt für Gewalt, die gerade von dem, der die gewaltsamen Wirkungen auf andere erzeugt, nur schwer wahrgenommen werden kann. Von den menschlichen Opfern dieser Gewalt wird dies als Gleichgültigkeit, Unachtsamkeit, wenn nicht als Böswilligkeit und Egoismus wahrgenommen, weil dies in unmittelbaren Beziehungen in persönlichen Kleingesellschaften die Gründe solchen Verhaltens wären. In der teil-anonymen Weltgesellschaft kann solche Gewalt jedoch ganz andere Gründe haben. – Die Gesellschaft braucht daher „künstliche“, neuartige Feedback-Ergänzungen, weil wir sonst das Leid, das wir bei anderen verursachen, in dem Moment, in dem wir es bewirken, nicht spüren können.
  • Unsere formellen Institutionen, Prozesse und Regeln können gewalttätig sein, wenn sie nicht durch passende Praktiken empathischer Kommunikation und situativer Anpassung und Ausnahmen ergänzt werden. Oft werden Institutionen, die uns helfen sollen, besser miteinander umgehen zu können, selbst zum Problem, wenn wir sie nicht mehr hinterfragen, sondern absolut setzen. Institutionen neigen dazu, ihren eigenen Sinn zu untergraben. Wir ruhen uns auf ihnen aus und machen sie dadurch zu „Wohlergehens-Maschinen“. Durch diese unsere Unachtsamkeit und Bequemlichlichkeit werden sie aber zuverlässig zu grausamen, menschenverachtenden Höllenmaschinen.
  • Menschen, die sich selbst für unverletztlich halten oder ihre ihre eigene Verletzlichkeit mit Kraft aus ihrem Bewusstsein ausblenden, neigen dazu, andere Menschen zu verletzen. Gerade Menschen, die in Positionen sind, die ihnen in einem hohen Ausmaß Unverletzlichkeit garantieren oder die bestimmte Formen der physischen oder psychischen Verletzung selbst noch nicht erlitten haben, neigen dazu, „ohne Bewusstsein“ gewalttätig, grausam, demütigend, unachtsam, rücksichtslos zu sein und andere Menschen dadurch zu verletzen.
  • Wir alle sind anfällig dafür, „Drama“ anzuzetteln, aus Angst vor Leere und Langeweile. Gewalt und Konflikte garantieren „Action“: Den Anschein, das gerade etwas passiert. Daher wird „Friede“ oft assoziiert mit Tod, Grau-in-Grau, Öde, Ereignislosigkeit. „Weltfriede“ wird so zu einer wenig attraktiven Perspektive, die mehr Horror als Wunschtraum sein kann: Eine Welt, in der die Langeweile und Leere vollkommen und auf Dauer gestellt sind. Auch nur die Angst vor Langeweile kann uns dazu bringen, im Hier und Jetzt unmittelbar Dramen zu inszenieren, das unser Gefühl der Leere für eine kurze Zeit wegwischt.
  • Unsere Geschichten, Mythen und Bilder, auch unsere Sprache mit ihrem „Heer an toten Metaphern“ neigt dazu, uns auf Gewaltverhalten zu programmieren. Sie sind Teil des Vorgangs, unsere vergangenen Traumata in unsere Zukunft zu verlängern.
  • Ein Großteil der Spiele, die wir miteinander spielen, programmiert uns auf Konkurrenz und lässt uns Win-Lose-Spiele als selbstverständlich und normal empfinden: „So war es immer schon. So ist es richtig. So wird es immer sein. – Also muss man sich darauf einstellen, sich daran anpassen, sich wappnen, selber aufrüsten, selber eine gewisse Grundaggression pflegen und für alle Fälle bereit halten“ . Menschen, die Waffen kaufen und Kampfsport trainieren, um sich sicherer zu fühlen, handeln in diesem Sinne teil-rational. Naiverweise ausgeblendet wird dabei immer der potentielle Mörder, zu dem man in so mancher Alltagssituation selber werden könnte. Wer ihm nahestende Menschen wirklich liebt, müsste nach den immer wieder neu bestätigten Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung eigentlich die Finger davon lassen. Die Annahme: „Ja, aber mir passiert das sicher nicht!“ ist naiv. Fragen Sie mal nach bei Polizisten und Rettungssanitätern. Die können Ihnen detailliert erzählen, wie „normal“ und alltäglich Gewaltverhalten gegen nahestehende Menschen heute immer noch ist.

Betrachtet man diese – sicher unvollständige – Liste, kann man den Eindruck gewinnen: „Weltfrieden“ ist möglicherweise weit weniger ein Zustand, als vielmehr eine Arbeit, eine Aufgabe.

Sollte dem aber so sein, so wird unser ironisches Lächerlichmachen des Wunsches nach einer erhöhten Kooperativität zu einem weiteren Problem: Wenn unsere Entschlossenheit in Frage gestellt ist, nach einer Erhöhung von Empathie, Reziprozität und Kooperation zu streben, so werden wir uns an diese Aufgabe gar nicht erst machen. Wir werden stattdessen blind und unbewusst diejenigen Gewalttaten verüben, die wir verzögert, indirekt und mittelbar dann wieder erleiden.

Dann fällt diejenige Macht aus, deren Aufgabe es sein könnte, „Weltfrieden“ zu ermöglichen: Wir selbst. In der relativ besseren Version von uns selbst.

Denn wenn es je eine Erkenntnis gegeben hat, die Philosophie, Psychologie und Soziologie miteinander teilen, dann die: „Der Mensch“, also wir „ist“ nicht. Die Kategorie des Seins macht unter uns, bei uns, zwischen uns weitaus weniger Sinn als bei allen anderen „Gegenständen“.

Bei uns selbst macht es einen andersartigen Unterschied, was wir über andere Menschen und was wir über uns selbst denken, als bei allem anderen, „was in der Welt ist“.

Wir – als Einzelne die in Gemeinschaft leben und als Gemeinschaften, mit denen wir uns identifizieren – sind formbarer und veränderbarer durch uns als beinahe alles andere in der Welt. Wir verändern uns und „unsere Welt“ permanent. Doch das meiste davon bleibt außerhalb unseres Bewusstseins. Unsere eigenen Wirkungen entziehen sich zum Großteil unserer Wahrnehmung. Wie wir über uns und andere Menschen denken, ist eine Macht, die uns, die andere und die unsere Welt formt.

Daher brauchen wir ständig Feedback. Auch daher brauchen wir einander. Immer. Wir alle.

Die Arbeit am Weltfrieden erscheint daher ebenso unausweichlich wie ihre beinahe zahllosen und erdrückenden Schwierigkeiten. Heute vielleicht mehr als in der Vergangenheit.

Doch „Arbeit“ das klingt hart: Es klingt immer noch nach „Pflicht“, nach „wenig lustvoll“, nach „wenig attraktiv“, nach „extrinsischer Motivation bedürftig“.

Das, was „die Arbeit am Weltfrieden“ möglicherweise attraktiver machen kann als jenes: „Wir brauchen das, sonst werden wir alle sterben!“ oder jenes: „Wir brauchen das, sonst werden wir unsere gegenwärtigen Probleme nicht lösen können!“, sind die unmittelbaren Gefühle, die sich bei dieser „Arbeit“ einstellen können.

Möglicherweise, so könnte man denken, kann auch die Arbeit am Weltfrieden „süchtig“ machen. Möglicherweise gibt es auch hier so etwas wie Workaholismus.