Ich möchte in diesem Artikel kurz umreissen, warum es ein hilfreicher Gedanke sein könnte, uns sowohl vor Psychologisierungen als auch vor Soziologisierungen zu hüten, wenn wir in Beziehungen agieren und unsere Beziehungen bewusst miteinander gestalten wollen.

Anders als in einem Vorläufer-Artikel möchte ich also eine kritische Haltung gegenüber beiden Denkformen einnehmen. Dort hatte ich dafür argumentiert, dass beide Perspektiven ihre Berechtigung haben, dass sie einander ergänzen und wir daher immer beide brauchen. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher. Und ich denke, ich kann dafür ein paar Gründe nennen und diese Gründe zumindest halbwegs plausibel machen.

Beziehungsprobleme als situativer Anlass

Zunächst die notwendige Klärung: Was verstehe ich im Folgenden überhaupt unter „Psychologisierung“ bzw. „Soziologisierung“?

Als bekennender philosophischer Pragmatist verorte ich Sprechhandeln grundsätzlich situativ. D.h. Sprache macht unabhängig von sozialen Situationen recht wenig Sinn. Sowohl Psychologisierungen als auch Soziologisierungen kommen nur dann zum Einsatz, „wenn es ein Problem gibt“. Genauer: Wenn jemand ein Problem hat oder zu haben glaubt. Mit Thomas Gordon kann man hier von der Frage nach dem „Problembesitz“ sprechen.

In Beziehungen, wenn sie denn diese Bezeichnung verdient haben, gehört das Problem immer automatisch beiden Beziehungspartnern. Es ist zwar denkmöglich, aber pragmatisch unsinnig, davon auszugehen, dass der eine das Problem hat, den anderen das Problem aber nicht betrifft. In der sozialen Realität von Beziehungen und Beziehungsdynamiken ist es dagegen so, dass das Problem des einen immer automatisch auch für den anderen ein Problem darstellt. Da wir als soziale Wesen auf vielen Ebenen engstens miteinander verbunden sind, „übertragen sich“ Probleme auf uns, egal wie gut unsere Abgrenzungstechniken und -Fähigkeiten sind. Auf meine an dieser Stelle schon zur Gewohnheit gewordenen Rede von Spiegelneuronen, Resonanz-Phänomenen, usw. gehe ich nicht weiter ein. Das kann jeder gern recherchieren, den das Thema tiefergehend interessiert. Ich gehe stand heute davon aus, dass wir hier noch nicht einmal alle materiellen Prozesse entdeckt haben, die es uns ermöglichen, unser Verhalten und unsere Emotionen aufeinander abzustimmen. So rechne ich z.B. fest damit, dass es auch auf olfaktorischer Ebene Übetragungen und Resonanzen gibt, die noch nicht entdeckt und schon gar nicht wissenschaftlich erforscht sind. Von visuellen, auditiven und haptischen Resonanzen ganz zu schweigen. – „Individuelle Getrenntheit“ betrachte ich mittlerweile als Ideologie mit langer Tradition (= seit Platon), die aber dazu führt, dass unserem Bewusstsein für uns Wichtiges permanent entgeht. Dass wir also aufgrund ideologischer Vorprägungen unseres Bewusstseins vieles gar nicht wahrnehmen, das uns sehr helfen würde, unsere Beziehungen miteinander für alle Beteiligten befriedigender zu gestalten, wenn wir sie lernen würden wahrzunehmen. Dafür braucht es aber eine andere Sprache und andere Fokussierungs- und Wahrnehmungsgewohnheiten als die, die derzeit unter uns verbreitet sind und als „normal“ gelten.

Das Problem mit Psychologisierungen: Verschlechterung von Beziehungen durch gleichzeitige Überforderung und Unterforderung der Einzelnen

„Psychologisierungen“ bedeuten in diesem Kontext erst einmal nur, dass ein Mensch unangenehme Gefühle hat, die er nun ursächlich einem oder mehreren Menschen zuschreibt. Die sprachpragmatische Funktion einer Psychologisierung besteht darin, das Zirkuläre der Beziehungsdynamiken aufzubrechen und eine „Ursache“ zu finden, an der man ansetzen kann. Zugleich bringt dem Menschen, der Psychologisierungen gebraucht, allein schon der Einsatz von Psychologisierungen eine unmittelbare emotionale Entlastung. Diese Entlastung lässt sich übersetzen entweder in: „Die Schuld liegt nicht bei mir – Der andere ist Schuld“ oder in: „Die Schuld liegt bei mir – Der andere ist nicht Schuld.“ Beide Vorgänge sind emotional entlastend und belastend zugleich und sehr offensichtlich keine sonderlich produktive Betrachtungsweise. Nicht von ungefähr spricht die Transaktionsanalyse von der dogmatischen Setzung eines „Ich bin O.K. – Du bist O.K.“ als Basis aller produktiven Beziehungsgestaltung. Und nicht von ungefähr spricht der von mir vielfach bemühte Thomas Gordon sehr überzeugend davon, dass „Diagnosen“ in Beziehungen eine handfeste „Kommunikationssperre“ darstellen (in: „Gute Beziehungen“, Klett-Cotta 2013, S. 61). Ich möchte hier ergänzen, dass das auch dann der Fall ist, wenn sich die „Diagnose“ auf den Diagnostizierenden selbst richtet. Und dass sie auch dann für die Beziehung ungute Effekte nach sich zieht, wenn sie sich „im Stillen“ vollzieht, also gar nicht ausgesprochen wird.

Psychologisierungen haben mit der Brille der Beziehungsdynamik betrachtet den großen Nachteil, dass sie dem Einzelnen eine Verantwortung aufbürden, die für ihn viel zu groß ist. Ähnlich wie die Kategorie der „Schuld“ und andere Kategorien des Moralisierens wird die Beziehungsdynamik mit ihrer Unmöglichkeit, eine eindeutige Ursache zu benennen, durch Psychologisierungen direkt verleugnet und unwahrnehmbar gemacht. Man könnte auch sagen: Psychologisierungen sind der Tod derjenigen Art von Beziehungsklugheit, die durch eine entschiedene Fokussierung auf Beziehungsdynamiken ermöglicht wird.

Ist „der Schuldige“ oder „Pathologische“ gefunden und identifiziert, kommen zugleich Entlastungen ins Spiel. Entweder verlangt man von dem Psychologisierten bestimmte Verhaltensweisen nicht mehr, was zu krankhaft einseitigen Beziehungen führt, wie sie etwa Frank Farrelly sehr anschaulich beschrieben hat. Oder man verlangt vom Beziehungsumfeld des Psychologisierten bestimmte Verhaltensweisen nicht mehr, wie es etwa Alan Deutschman für die gängigen Praktiken in amerikanischen Gefängnissen sehr anschaulich beschrieben hat, die voller angeblich „unheilbarer Psychopathen“ sind.

Kommen Psychologisierungen innerhalb einer Beziehung ins Spiel, und sei es wie subtil oder offen auch immer, so beginnen sie das Beziehungsspiel zwischen den Beziehungspartnern merklich umzugestalten und bestimmte starre Rollen nahezulegen, die der Fülle der Möglichkeiten der Beziehungswirklichkeit nicht gerecht werden. Alle beteiligten Beziehungspartner werden dann in ihren menschlichen Möglichkeiten begrenzt und unnötig vereinseitigt. Man könnte geradezu von einer Pathologisierung aller Beteiligter sprechen, die durch die Verwendung von Psychologisierungen in Gang kommt und erhalten wird.

Ich möchte daher zu Vorsicht vor Psychologisierungen raten. Grundsätzlich. Und das sowohl für einen alltäglichen, privaten wie beruflichen Kontext. Über den Nutzen von ICD-10-Diagnosen für die therapeutische Arbeit im klinischen und ambulanten Bereich möchte ich als Unberufener bewusst schweigen.

Ist ein Mensch erst einmal mit einer psychologisierenden Diagnose „gebrandet“, entsteht automatisch eine beziehungsallseitige Überforderung. Die weitere Beziehungskommunikation vollzieht sich im Paradigma der „Heilung“. Beziehungsdynamisch gesehen hat dieses Heilungs-Paradigma beinahe komische Züge, bei denen man manchmal nicht weiß, ob man eher über sie weinen oder über sie lachen soll. Die Behandlung, die dem psychologisierten Menschen angedeiht, hat große Ähnlichkeiten mit dem Paradigma „Reparatur einer kaputten Maschine“. Da Menschen aber keine komplizierten Maschinen, sondern – sofern überhaupt als „Maschinen“ betrachtbar – komplexe, selbstbewegte und selbsterschaffende Maschinen sind, die bei ihrer Selberschaffung intensiv auf andere Menschen zurückgreifen, geraten alle Beteiligten im Heilungs- oder Reparatur-Paradigma in einem Zustand erschöpfender und unproduktiver Überforderung. Fähigkeiten des als krank diagnostizierten Menschen, verdeckter Krankheitsgewinn und vieles anderes mehr geraten aus dem Blick, die Verantwortung für eine befriedigende Beziehungsgestaltung flipp-floppt zwischen den Beteiligten hin und her wie eine heiße Kartoffel, die keiner lange in der Hand behalten kann.

Ich habe keine Ahnung, ob der Rat zur psychologisierenden Zurückhaltung in den gesellschaftlichen Kontexten, in denen wir uns heute bewegen, operativ umsetzbar und durchhaltbar ist. Was ich aber mit Sicherheit glaube behaupten zu können, ist: Dass diese Zurückhaltung notwendig ist, wenn wir Beziehungsdynamiken besser in den Blick bekommen wollen und in unserer gemeinsamen Beziehungsgestaltung neuartige Wege gehen wollen. Die Formen, die von systemischen Beratungsansätzen in den letzten Jahrzehnten entwickelt wurden, z.B. in der hypno-systemischen Arbeit Gunther Schmidts oder in der in meiner Wahrnehmung nicht weniger systemischen Arbeit von Frank Farrelly und des provokativen Stils und einigen weiteren Ansätzen, all diese Formen machen mich recht zuversichtlich, dass wir in der Lage sind, unser Sprechen, Fühlen und Handeln in Beziehungen über den Stand hinaus weiterzuentwickeln, den wir bereits miteinander erreicht haben. Ich halte eine menschliche Weltgesellschaft für möglich, in der wir unser Zusammenleben, unsere Probleme miteinander und unsere Freude miteinander in einer anderen Sprache berschreiben, die mit anderen Umgangsformen verknüpft ist und die dazu führt, dass wir bestimmte Verhaltensweisen weitaus weniger tolerieren als bisher, während wir für andere Verhaltensweisen weitaus aufgeschlossener werden als bisher. Die Vorstellung, dass menschliche Gesellschaft jemals zu einem Endzustand kommen könnte, in dem sie sich nicht mehr weiterentwickelt, erscheint mir absurd. Und das, obwohl ich zugleich nicht an einen „Automatismus der Weiterentwicklung“ glaube ( = Geschichtshistorismus, Geschichtsmetaphysik) und für mich genauso auch grobe Rückschläge und Rückfälle in Gesellschaftszustände vorstellbar sind, die wir bereits als „überwunden“ glauben.

Sofern wir uns aber als Gesellschaft in unseren Beziehungsgestaltungen weiterentwickeln, so wird das aus den genannten Gründen sehr wahrscheinlich mit einem Rückgang der Verwendung von psychologisierender Zuschreibungen gekoppelt sein. Von daher glaube ich eine generelle Zurückhaltung gegenüber Psychologisierungen empfehlen zu können.

Das Problem mit Soziologisierungen: Stabilisierung von Opferhaltungen und  Unterschätzung der Rolle von Emotionen bei der Beziehungsgestaltung

Was soll nun aber das Problem mit Soziologisierungen sein, dem Pendant zu Psychologisierungen?

Soziologisierungen sind oft von dem Wunsch getrieben, die Probleme, in die Psychologisierungen hineinführen, systematisch zu vermeiden. Insbesondere möchte man den versteckten oder offenen moralischen Kategorien aus dem Weg gehen, die zu unproduktiven Schuldzuschreibungen führen, von denen her kaum eine produktive Beziehungsgestaltung mehr möglich ist.

Dabei führen Soziologisierungen, deren Absichten ähnlich gut sind wie die Absichten hinter Psychologisierungen, in kaum geringere Probleme. Indem ich Probleme, die in Beziehungen auftreten auf Umstände und Rahmenbedingungen zurechne, die für keinen der Beteiligten unmittelbar verfügbar sind, öffne ich Hilflosigkeitsgefühlen und gepflegten Opferverhalten mit verstecktem Beziehungsgewinn Tür und Tor. Es mag unserem intellektuellen Erkenntnisdrang große Befriedigung verschaffen, gesellschaftliche Zusammenhänge und ihre Auswirkungen zu durchschauen – Für Beziehungsgestaltungen, die sich im Hier und Jetzt ereignet, geben Soziologisierungen sehr selten etwas her.

Dem geringe beziehungsdynamische Nutzen von Soziologisierungen stehen hohe beziehungsdynamische Kosten gegenüber. Das eigentliche Problem, das der Gebrauch von Soziologisierungen erzeugt, besteht ähnlich wie beim Gebrauch von Psychologisierungen darin, wie sie uns selbst im Beziehungsgeschehen positionieren: Ist mein innerer Fokus auf übergeordnete gesellschaftliche Zusammenhänge gerichtet, entgeht mir nicht nur meist, was im Hier und Jetzt geschieht, sondern auch, welche Rolle ich selbst dabei einnehme und wie sich diese Rollenwahl auf mich, auf andere und auf unsere gemeinsame Beziehung auswirkt. Ich nehme mich „gedanklich aus dem Spiel, das gerade läuft“. Beziehungsdynamisch gesehen ist dies in der Regel gekoppelt mit einer dominanten, intellektualistischen Rollenwahl im Beziehungsgeschehen, die vorhandene Emotionen bei allen Beteiligten als unerheblich, störend oder nicht-vorhanden herabwürdigt. Der soziologisch Erleuchtete verhält sich in der Beziehung meist als wäre er ein gestandener Vollidiot: Er doziert, belehrt und schüchtert die anderen Beziehungspartner ein, mindert damit ihre aktiven Anteile, ihre Ideen, ihren Humor, ihre Ressourcen und ihre anderen Lösungskompetenzen. Soziologisierungen klingen meist sehr beeindruckend. Sie führen aber weg aus dem Hier und Jetzt, in dem sich die Dinge ereignen, die für uns gemeinsam eine Rolle spielen.

Von ausführlichen Soziologisierungen verseuchte Beziehungen enden meist in Ratlosigkeit, Frustration und tiefer Unverbundenheit der Beziehungspartner: Alle haben „viel verstanden“, dennoch oder gerade deswegen fühlt sich keiner der Beteiligten vom anderen richtig verstanden. Die Beziehungsseite der Kommunikation wird durch Soziologisierungen nämlich konsequent ausgeblendet, ausgelöscht und in die Unwahrnehmbarkeit verdrängt: Wovon wir in unseren Beziehungen nicht offen reden, das hört auf, für unser Bewusstsein zu existieren.

Wir können uns an dieser Stelle daran erinnern, dass es Beziehungsprobleme sind, die den Impuls zu Soziologisierungen auslösen. Soziologisierungen führen unser Bewusstsein auf eine umfassendere, abstraktere, allgemeinere und unverfügbarere Ebene, es führt uns aus Angst vor den übertriebenen Schuldzuschreibungen und Verantwortungsübernahmen der Psychologisierung hin zu einer erlernten und intellektuell verfestigten Hilflosigkeit.

Damit ist der Schaden, den Soziologisierungen innerhalb von Beziehungen anrichten, aber noch nicht vollständig benannt. Noch fataler und blockierender für neue Umgangsformen und gemeinsame Lösungen ist die Ignoranz gegenüber Emotionen, die mit Soziologisierungen unvermeidlich einhergeht. Indem unsere begrenzten Aufmerksamkeits- und Fokussierungsressourcen durch Soziologisierungen auf übergeordnete gesellschaftliche Zusammenhänge hingelenkt werden, lenken sie unsere Aufmerksamkeit zugleich weg von dem, was uns innerlich bewegt und was  uns zugleich mit anderen verbindet: Also weg vom unmittelbaren Beziehungsgeschehen.

Soziologisierungen lösen auch deswegen Ohnmachtsgefühle aus, weil sie unsere Verbindung mit uns selbst schwächen, die in der Verbindung mit Anderen gestärkt werden könnte. Indem wir mithilfe von Soziologisierungen von uns und unseren gegebenen Emotionen absehen, treiben uns Soziologisierungen in einen gefühlsbefreiten Rationalismus, der einen sinnvollen Wiedereintritt in ein Handlungsparadigma nahezu unmöglich macht. Da das, was positive Beziehungsgestalten ausmacht, in der sinnvollen Spiegelung von Gefühlen durch sprachliches und nicht-sprachliches Verhalten besteht, kann man ohne Umschweife feststellen, dass Soziologisierungen zur Verbesserung von Beziehungen nicht nur nichts beitragen, sondern selbst wie eine Sperre oder Blockade für solche produktiven Verhaltensweisen in Beziehungen wirken.

Soziologisierungen stärken keine Verbundenheit, sondern erschweren sie, wenn sie sie nicht sogar ganz unmöglich machen. Sie wirken in Beziehungen oft wie ein intellektueller Panzer, Rationalisierungen für vorhandene Emotionen, und erfüllen damit voll und ganz ihren Zweck, Verletzlichkeitsgefühle zu unterdrücken und zu verdrängen. Sie verschaffen ein falsches Gefühl der Möglichkeit von Einflussnahme und Gestaltungsmacht, während sie gleichzeitig Gestaltungsmöglichkeiten in der Gegenwart unwahrnehmbar machen.

Man kann sagen, dass Soziologisierungen mit Blick auf die realen Probleme, die durch Psychologisierungen ausgelöst werden, „das Kind mit dem Bade ausschütten“. Aus lauter Furcht vor Schuldzuschreibungen wird gar nicht mehr über das Gesprochen, was die beteiligten Beziehungspartner unmittelbar bewegt und verbindet. Die Rede über übergeordnete Strukturen, Rahmenbedinungen und Prozesse entfremdet nicht nur den Einzelnen von dem, was auch ihm gehört, sondern auch die beteiligten Beziehungspartner voneinander und jeden Einzelnen von sich selbst und seinen aktuellen Gefühlen und Bedürfnissen, die er nach dem Durchgang durch soziologisierende Redeweisen deutlich schwerer wahrnehmen kann als zuvor.

Man kann daher mit einigen Gründen vor Soziologisierungen genauso warnen wie vor Psychologisierungen. Mit Blick auf Beziehungsdynamiken und bewusste Beziehungestaltung geben beide Formen genauso wenig her und wirken sich ähnlich fatal auf die Menschen aus, die an ihnen beteiligt sind.

Das gemeinsame Übel: Vermeidung und Entfremdung

In meiner Wahrnehmung handelt es sich bei Psychologisierungen und Soziologisierungen im Grunde weniger um Gegensätze, sondern eher um die berühmten „zwei Seiten der gleichen Medaille“: Während uns Psychologisierungen vereinzeln, indem sie uns als Einzelne, unabhängig von unseren Beziehungen beschreiben, vereinzeln uns Soziologisierungen, indem sie uns gar nicht mehr beschreiben. Führen Psychologisierungen in Ohnmacht, indem sie dem einen viel zu viel und dem anderen viel zu wenig Verantwortung aufbürden (Opfer-Täter-Retter), führen Soziologisierungen in Ohnmacht, indem sie alle Beteiligten gar nicht mehr als Handelnde, sondern bevorzugt als „Opfer von unverfügbaren Umständen“ beschreiben, als ob diese Umstände nicht auf gemeinschaftliches Handeln rückführbar wären.

Psychologisierend kann man diese Vorgänge beide (sowohl die Psychologisierung als auch die Soziologisierung) als Vermeidungs-Verhalten beschreiben: Vermieden werden produktive Verhaltensweisen, die anstrengend und beängstigend sein können und die in der Lage sind, die aktuelle Identitäten der Beziehungspartner in Frage zu stellen. Solche Vermeidungen sind psychologisch gesehen gut nachvollziehbar. Besser werden sie dadurch aber keinen Meter.

Soziologisierend kann man beide Vorgänge als verbreitete Strukturformen ansehen, die dazu dienen, gesellschaftliche Prozesse stabil zu halten und gegen soziale Innovationen abzudichten. Warum man einen solchen Blick wählen sollte, dafür fehlen mir ganz offen gesprochen die Gründe. Außer intellektueller Selbstbefriedigung fällt mir im Moment tatsächlich kein Grund ein, der einen dazu motivieren kann, eine solche Perspektive zu wählen.

Denn die moralisierende Überladung, die die Soziologisiererei zu fürchen vorgibt, ist auf anderen Wegen viel effektiver aufhebbar: In einem Blick auf die Beziehungsdynamik, in der wir jeweils selbst beteiligte und aktive Mitgestalter sind, ist eine gleichzeitige Kultivierung von Selbst- und Anderempathie möglich, die nur dann funktioniert und zu unmittelbar befriedigendem Beziehungsfeedback führt, wenn wir sie weitgehend Moralinfrei praktizieren. Einige sprechen hier von der „eingebauten Supervision“, was nichts anderes heißen soll als: Wir kriegen es recht unmittelbar zu spüren, wenn wir unsere Beziehungen bewusst zu gestalten versuchen und dabei beginnen, entweder uns oder den anderen mit der moralischen Keule zu verprügeln. Denn das, was unmittelbar nach solcher Keulenschwingerei geschieht in unseren Beziehungen, das fühlt sich nur höchst selten gut und befriedigend für uns an.

Achtsamkeit für Beziehungen bedeutet immer auch: Gleichzeitige Achtsamkeit auf unsere emotionale Eigenzustände und auf die emotionalen Zustände unserer Beziehungspartner. Aussprache und Ansprache von „Beziehungsereignissen“, spontanes (Neu-)Erfinden einer Beziehungssprache, Spiegelung von emotional bedeutsamem Verhalten, das sich in unseren Körperreaktionen überdeutlich zeigt. – Wenn, ja wenn wir sie beachten und ihnen unsere Aufmerksamkeit schenken.

Dazu haben weder Psychologisierungen noch Soziologisierungen viel beizutragen. Mit ihrem Gebrauch machen wir es uns in Beziehungen deutlich schwerer als wir es haben müssten. Gute Beziehungen können wir völlig ohne Rückgriff auf diese beiden Formen gestalten. Mit klarem Blick für anderes: Dich und mich im Hier und Jetzt und was sich gerade zwischen uns ereignet, was sich zwischen uns abspielt, was wir gerade einander vorspielen und wie wir gerade einander mitspielen…

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