– Ich danke Lydia Krüger für ihre zahlreichen Anregungen hier und im persönlichen Gespräch! 🙂 Die Ansichten in diesem Artikel sind zwar nur meine notdürftig zusammen geschraubten Gedanken, aber ich hätte sie ohne Lydias Ideen, ohne ihre Fragen und Einwände kaum wie folgt formulieren können:


Bewusstes und unbewusstes Arschloch-Verhalten

Ein „Arschloch“ ist leichter und klarer zu definieren als man vielleicht meinen könnte: Es handelt sich um einen Menschen, der zuverlässig ein Verhalten an den Tag legt, das deutlich ausdrückt: „Es kümmert mich kein bisschen, wie es Dir dabei geht“.

Weniger ins Gewicht fällt, ob es sich um ein „bewusstes“ oder ein „unbewusstes Arschloch“ handelt. Ob ein Mensch sich also merklich für das „I don’t care“ entscheidet oder ob er schlicht nicht auf die Idee kommt, sich um die Befindlichkeit, die Gefühle und Wünsche seiner Interaktionspartner zu kümmern. Menschen, die sich bei vollem Bewusstsein dafür, was sie anderen antun, dafür entscheiden, wird oft „Sadismus“ unterstellt. Ich persönlich glaube, dass die Deutung, die diese Bezeichnung unterstellt, in den meisten Fällen grob daneben liegt. Und Menschen, die sich andererseits einen großen blinden Fleck leisten, was die Auswirkungen ihres Agierens auf andere Menschen angeht, würde ich ähnlich nicht alle als „gleichgültig“ bezeichnen. Auch bei unbewusstem Arschloch-Verhalten sind zahlreiche Gründe und Erscheinungsformen denkbar. Beide Formen von Arschloch-Verhalten sind vielfältig. Bei aller Vielfalt haben Sie aber immer eine fehlende Sorge um das Wohlergehen anderer Menschen gemeinsam.

Ganz persönlich möchte ich bekennen, dass mich unbewusstes Arschloch-Verhalten mehr auf die Palme bringt als bewusstes: Wer sehenden Auges anderen schadet oder an ihren Bedürfnissen vorbei agiert, negiert dabei diese Bedürfnisse nicht, sondern nimmt sie wahr und erkennt sie implizit an. Würde man seine unerfüllten Bedürfnisse bei Menschen, die bewusstes Arschloch-Verhalten zeigen, addressieren, würde man auf Dialogfähigkeit treffen. Genau das ist bei unbewusstem Arschloch-Verhalten nicht der Fall: Man kann das Arschloch-Verhalten im ersten Schritt kaum ansprechen. Denn im Horizont des anderen kommen die eigenen Bedürfnisse und die eigene Situation überhaupt nicht vor. Hier wird – in aller „Unschuld“ – nicht nur das universalmenschliche „Caring“ verweigert, hier wird auch die Anerkennung verweigert, dass es gerade überhaupt ein Problem gibt. Und diese Verweigerung der Anerkennung von Bedürftigkeit kann deutlich mehr schmerzen als die Weigerung, sich zu kümmern. Nicht von ungefähr betonen viele Mediations- und Wiedergutmachungs-Profis, dass es entscheidend ist, dass der menschliche „Täter“ glaubwürdig anerkennt, welchen Schaden er angerichtet hat, damit das menschliche „Opfer“ von Arschloch-Verhalten einen Schlussstrich ziehen und seinen Frieden damit machen kann.

Doch gleich, wie die genau Gemengelage ist, welche Variante bewussten oder unbewussten Arschlochverhaltens also vorliegt, es ändert in der Situation selbst erst einmal wenig für diejenigen Menschen, die ihm ausgesetzt sind. – Es stellt sich stattdessen sehr unmittelbar die Frage „Was tun?“, d.h. unmittelbar, nachdem der erste Schock der Konfrontation mit Arschlochverhalten verdaut ist.

Generell sind 4 Hauptreaktionen auf Arschlochverhalten anderer naheliegend. Diese Reaktionsformen möchte ich kurz umreissen und in ihren Konsequenzen ausloten.

1) Konfrontation und Feedback

Natürlich könnte man Arschloch-Verhalten jederzeit als solches ansprechen: „Ich fühle mich verletzt von dem, was Du gerade gesagt hast.“ / „Ich fühle mich nicht gehört, gesehen, verstanden, wenn Du…“ – Doch das Ansprechen birgt ein Risiko: Es birgt das Risiko einer Erneuerung und Vertiefung der bereits erfolgten Verletzung. Und das ist ein „gefühlt sehr hohes Risiko“ nachdem der Andere in der eigenen subjektiven Perspektive ja deutlich gemacht zu haben scheint, dass er sich einen feuchten Kehricht um das eigene Befinden und die eigene Person zu schert.

Erfolgt diese „brave“ Form von Konfrontation und Feedback dennoch, so muss sie als Vertrauensvorschuss und als Risiko-Investition in die Beziehung verstanden werden. – Wird dieses Vertrauen nicht gewürdigt, z.B. indem weiter Unverständnis für das Anliegen geäußert wird oder generelle Unwilligkeit, sich überhaupt mit dem Anderen auseinderzusetzen, so wird die Beziehung in der Regel irreparabel geschädigt.

Feedback erfolgt zudem meist dann, wenn es keine einseitige Machtasymmetrie zwischen den Beziehungspartnern gibt. In allen Situationen, in denen das Arschloch-Verhalten von jemandem ausgeht, der in der Lage ist, mich zu belohnen oder zu bestrafen, werde ich es mir sehr gründlich überlegen, ob ich das Arschloch-Verhalten unmittelbar anspreche oder konfrontiere. – Ein Mitgrund, warum nahezu alle Menschen, die Machtpositionen innehaben, nahezu nichts darüber wissen, wie verletztend sie sich häufig verhalten: Sie bekommen kein Feedback mehr, das typisch wäre in einer machtsymmetrischen Beziehung.

In einer Situation, in der man in seiner Kraft ist und in einer nicht-abhängigen Position gegenüber dem Menschen, der Arschloch-Verhalten an den Tag legt, ist es zudem möglich, provokatives Feedback zu geben (im Sinne Frank Farrellys): Es ist dann möglich, entweder den anderen so übertrieben zu spiegeln oder ein so überdeutliches Opfer-Verhalten zu spielen, dass der andere auf emotionale Weise mit seinem gerade erfolgten Arschloch-Verhalten konfrontiert wird und nicht rein kognitiv. – Gute Freunde verhalten sich häufig so.

Menschen, die provokatives Feedback auch noch in Situationen geben, in denen sie sich in einem abhängigen Verhältnis zum Quasi-Arschloch befinden, sind aus guten Gründen rar. Aber es gibt sie: Sie gehören zu der Marke Karl Valentin oder John Yossarian, den wahren „Hofnarren“, die keineswegs in objektiver Sicherheit sind, sondern buchstäblich Kopf und Kragen dabei riskieren, anderen einen Spiegel vorzuhalten. Diese Form von sozialem Mut ist m.E. gekoppelt mit großer innerer emotionaler Sicherheit, die auf sehr gute und lebendige Beziehungen in der Kindheit zurückgehen, wie sie auch der Meister des Provokativen gehabt zu haben scheint.

Möglicherweise können aber auch gute Beziehungen in der Gegenwart eine nicht ganz so grandiose Kindheit zu einem guten Ausmaß kompensieren. Soll heißen: Wer gute andere Beziehungen hat, tut sich leichter, Menschen bei Arschloch-Verhalten zu konfrontieren. Und das auch dann, wenn er sich zu diesem Menschen in einem Abhängigkeitsverhältnis befindet. Denn gute Beziehungsalternativen machen uns frei und unabhängiger. Und dann eben auch frei zur Konfrontation.

Was auch immer die Quelle ist, aus der wir den Mut zur unmittelbaren Konfrontation schöpfen: Menschen, die die Konfrontation wagen, sind in der Lage, sich großen Respekt auch und gerade bei eingewachsenen Arschlöchern zu erarbeiten, d.h. bei Menschen, die sich meist positionsbedingt so sehr an Arschloch-Verhalten gewöhnt haben, dass es ihnen mittlerweile normal vorkommt und sie die Auswirkungen ihres Verhaltens auf und in Anderen kaum noch wahrnehmen können.

2) Kontaktabbruch

Die Flucht. – Das kann weniger ehrenrührig sein, als es möglicherweise auf’s Erste klingt. Kontaktabbruch kann die bestmögliche unter mehreren schlechten Optionen sein oder sogar eine Bejahung guter Selbstsorge.

Dies ist immer dann der Fall, wenn wir akut nicht in der Verfassung sind, auf eine produktive Art Feedback zu geben, wenn also unsere „Gesamtbedürfnis-Erfülltheits-Lage“ all zu schlecht aussieht und wir das auch nicht auf die Schnelle verbessern können. Es ist zudem dann der Fall, wenn wir bereits in der Vergangenheit durch spezifisches Arschlochverhalten traumatisiert wurden und die subjektiv empfundene Wucht eines aktuellen, ähnlichen Arschlochverhaltens eine Situation darstellt, zu der wir in aller Klarheit sagen können und müssen: „It’s beyond my present skill level“ (Marie Miyashiro).

Wir haben es dann mit einer Herausforderung zu tun, die keine „zu bewältigende Situation“ mehr ist, an der wir wachsen, sondern eine Herausforderung, von der wir wissen können, dass wir an ihr scheitern und vertiefte Traumatisierungen mitnehmen werden.

Wir kümmern uns also gut um uns selbst, wenn wir bestimmten Menschen einfach aus dem Weg gehen. Wir müssen es dann auch nicht als unsere „Pflicht“ ansehen, jenen Menschen zu helfen, ihr eigenes Arschloch-Verhalten in unseren Spiegelungen wahrnehmen zu können, sondern können diesen „Job“ anderen überlassen. Nicht alles, was auf Gottes weiter Welt zu tun ist, ist automatisch unsere Aufgabe.

Wir können uns aber vor einem Kontaktabbruch durchaus die Zeit nehmen, in Ruhe zu überlegen, ob wir nicht möglicherweise doch die Kraft zur Konfrontation in uns finden und ob wir es uns mit einem Kontaktabbruch all zu leicht machen.

Da Kontaktabbrüche in intensiven Beziehungen aber in der Regel hohe Kosten für uns mit sich bringen, haben wir solche Überprüfungen oft bereits hinter uns, wenn wir an Kontaktabbruch denken.

In diesem Bereich gibt es möglicherweise kein „Sicheres Wissen“, was wann das Richtige für uns ist. Wir müssen eine Entscheidung treffen, was wir riskieren und was wir uns zumuten wollen. – Im Grunde ist eine besonnene, ruhige Reflexion über die Optionen Konfrontation vs. Kontaktabbruch bereits ein Akt guter Selbstsorge. Rät unsere ruhige Intuition zu einem von beiden, können wir diesen Weg ohne unproduktive Reue gehen, egal wohin uns dieser Weg führt.

3) Bündnisse eingehen

Bei fortgesetztem Arschloch-Verhalten bietet es sich an, Bündnisse einzugehen: Das beginnt bei der emotionalen Entlastung und Notfall-Empathie bei unbeteiligten Dritten. Es kann aber auch zur bewussten Ansprache von Mit-Betroffenen führen, bei denen Verständnis zu erwarten ist.

Solche Bündnisse sind allerdings nach aller Erfahrung oft brüchig, wenn sich der Arschloch-Verhalten-an-den-Tag-Leger in einer Machtposition gegenüber allen Bündnispartnern gleichermaßen befindet. Dann wird es extrem unwahrscheinlich, dass eine gemeinsame Ansprache das erreicht, was sie erreichen soll: Dass der Betroffene, der andere betrifft, realisiert, was sein Verhalten bei denen auslöst, die dieses Verhalten nun ansprechen. Es ist dann leicht für ihn, das erhaltene Feedback für sich herunterzuspielen oder offen zu bagatellisieren, indem Einzelne, die sich besonders aktiv äußern, genauso einzeln angesprochen werden, so dass den anderen Bündnispartnern ein unehrenhafter Rückzug ins Schweigen ermöglicht wird. „Teile und herrsche“ ist eine Strategie, die auch in Situationen, in denen man unangenehmes Feedback erhält, zur unmittelbaren emotionalen Entlastung und Erhaltung eines positiven Selbstbildes gern gewählt wird. Zudem ist es in Beziehungen, die von Machtasymmetrien bestimmt sind, nahezu unmöglich, unangenehmes Feedback nicht als „Angriff auf die eigene Machtposition“ zu reinterpretieren. Jeder echte Austausch und jede Äußerungen von Emotionen gerät dann schnell zum Machtkampf, den beide „Parteien“ aus guten Gründen zu beinahe jedem Preis zu vermeiden suchen.

Oft wird dann ersatzweise „intrigiert“ oder es werden die vielen kleinen und großen verdeckten Rache-Aktionen gewählt, die im Grunde nichts weiter sind als ein verdeckter Kleinkrieg, der sich nie als offener, heißer Krieg zeigt und der sich dennoch genauso destruktiv für alle Beteiligten auswirkt.

Ist offene, gemeinsam Ansprache des zu Feedback-Zwecken geschlossenen Bündnisses nicht möglich, ist wahrscheinlich „Kontaktabbruch“ die bessere Variante.

4) Aussitzen, „Breites Kreuz zeigen“, Abwarten

Auch diese Strategie braucht vor allem eins: Emotionalen Rückhalt im Innen und Außen.

Als vorbildlich für diese Umgangsform mit Arschloch-Verhalten empfinde ich das Vorgehen, das Uwe Lübbermann von Premium-Cola im hier verlinkten Kurz-Video sehr anschaulich beschreibt (es handelt sich um das zweite Premium Cola-Video auf der Seite).

Es ist getragen von einer Haltung, die einen in die Lage versetzt, das Arschloch-Verhalten eines anderen Menschen „nicht persönlich zu nehmen“ und eigene Angriff/Flucht/Unterwerfungs-Reflexe mit Besonnenheit auszuschalten.

Dieses Vorgehen kostet nicht weniger Kraft als die besonnene Konfrontation und hat oft keine geringeren Kosten als der Kontaktabbruch oder das Schmieden von Feedback-Bündnissen.

Die gemeinsame Voraussetzung eines guten Umgangs mit Arschlöchrigkeiten

Wir können ganz generell festhalten, dass der Umgang mit Arschloch-Verhalten uns nahezu immer Kraft, Zeit, Aufmerksamkeit und die Kultivierung einer gehörige Portion Selbst-Liebe abverlangt. Es gibt keine „guten Abkürzungen“, die Arschloch-Verhalten bei anderen Menschen elegant und einfach beenden können. Zwar träumen wir ständig von solchen Möglichkeiten, aber diese Träume sind mehr Ausdrücke unseres Unwillens, uns mit Arschloch-Verhalten auseinandersetzen und dafür Kraft und Zeit bereit halten zu müssen.

Die meiste Zeit träumen wir uns also in eine perfekte, Arschloch-Verhalten-freie, soziale Welt, in die solches Verhalten dann als „unerwartete Störung“ hineinbricht.

Mit Arschloch-Verhalten fest zu rechnen, ohne einem generellen Menschenhass, Misstrauen oder sozialen Paranoia zu verfallen, ist daher möglicherweise die zentrale Voraussetzung dafür, irgendeine der hier angedachten Umgangsformen auf eine gute und zielführende Art praktizieren zu können.

Dazu gehört dann wohl, dass wir die Sichtweise kultivieren, dass Arschloch-Verhalten eine Normalität im Spektrum menschlicher Verhaltensoptionen darstellt und eben keinen „moralischen Skandal, der vergolten werden muss“. Nur dann werden wir so freundlich und aufmerksam bleiben können, wir wir sein müssen, um auf Arschloch-Verhalten besonnen reagieren und unsere jeweilige, situationsbezogene Strategie bewusst auswählen zu können.

Wer Arschloch-Verhalten auf Augenhöhe begegnen, wer es abholen, einfangen und in produktive Beziehungskanäle leiten will, der muss ständig diejenigen menschlichen Ressourcen bereit halten, die dafür nötig sind.

Dass wir einen derart schlechten Job machen beim Umgang mit Arschloch-Verhalten, wie wir das permanent tun, hat nach meinem Dafürhalten also etwas damit zu tun, das es schlicht ziemlich anstrengend ist, der ganz normalen sozialen Realität mit ihrer ganz normalen Arschlöchrigkeit permanent ins Auge zu schauen. Wir träumen lieber und erleben dann eben immer wieder „ein böses Erwachen“.

Kurz: Wer eine bessere soziale Welt will, muss die dafür notwendigen Ressourcen bei sich kultivieren und bereit halten. Wenn Arschloch-Verhalten dann „überraschend“ auftritt, ist es ohne solche „Vorbereitung“ nicht mehr möglich, gut zu reagieren, gute Lösungen zu finden, gut damit umzugehen. Ob wir mit Arschloch-Verhalten gut umgehen können, entscheiden wir nicht in der Situation seines Auftretens, sondern lange davor und lange danach.

Generell leben wir in meiner Wahrnehmung in einer Welt, in der wir uns daran gewöhnt haben, soziale Realitäten, Beziehungsqualität und anderen Dinge dieser Art deutlich weniger Aufmerksamkeit zu schenken als sie verdient haben, wenn man gleichzeitig wahrnimmt, welche Auswirkungen das Soziale auf uns hat und wie wichtig gute Beziehungsqualitäten für uns ist.

Man könnte auch sagen: Wir nehmen viel zu wenig wichtig, was unabweisbar wichtig für uns ist. Oder: Wir nehmen uns selbst bei Weitem nicht wichtig genug. Dieses „selbst“ steht für die Dinge, die uns wirklich bewegen, die emotional hochaufgeladen für uns sind, die uns berühren und die wir berühren wollen.

Unser eigenes Arschloch-Verhalten

Was ist nun aber mit der Frage, die man sich ebenfalls stellen könnte: Ob man nicht vielleicht selbst einer jener Menschen ist, die regelmäßig einen blinden Fleck an jener Stelle aufweisen, an der sich ihr Arschlochverhalten ereignet? Ob man nicht vielleicht selbst desöfteren ein „unbewusstes Arschloch“ ist?

Wenn Arschloch-Verhalten eine Normalität ist, „mit der zu rechnen ist“, dann natürlich auch mit eigener Unachtsamkeit, eigenem Instrumentalismus, eigenem Reflex-Verhalten, eigener Aggression aus Unsicherheit, eigenen unangebrachten bösartigen Unberstellungen und eigenem Sadismus und eigener Gleichgültigkeit.

Da wir aber nicht wissen können, was wir nicht wissen können: Da blinde Flecke nunmal blinde Flecke sind, ist unser eigenes Arschloch-Verhalten einer jener Punkte, die deutlich machen, wie sehr wir auf andere Menschen und ihr Feedback angewiesen sind: Ohne Konfrontation werden wir uns kaum weiterentwickeln können, da wir ohne Feedback nicht „sehend werden können“. Schmerzhaftes Feedback ist das, was uns bei unserem ständigen Verfertigen unsere Identität stört. Schmerzhaftes Feedback ist das, was unsere Identifizierung mit einem makellosen, großartigen Ich unmöglich macht.

Annehmen können wir es daher in der Regel nur von Menschen, von denen wir uns einigermaßen sicher sind, dass sie „auf unserer Seite stehen“, dass sie im Grunde wohlwollend sind und uns nichts Böses wollen. Die Irritation darüber, dass das, was wir normalerweise ein „Angriff“ interpretieren würden, in diesem Fall nur schlecht ein Angriff sein kann, weil es von jemandem kommt, der uns offensichtlich schätzt, wenn nicht liebt, diese Irritation ist die möglicherweise heilsamste Kraft, über die wir in Sachen Arschloch-Verhalten verfügen. Und diese Kraft kann sich, können wir nur in weitgehend machtsymmetrischen Beziehungen entfalten. Denn in Beziehungen, die in eine Machtasymmetrie eingespannt sind, herrscht immer „kalter, verdeckter Krieg“ und jede produktive Irritation muss hier als realer Angriff verstanden werden in einem Machtkampf, der nach dem Win-Lose-Muster gestrickt ist. Wohlwollen mir gegenüber kann ich hier nicht mehr unterstellen. Und daher stellt sich hier auch nicht jene Irritation ein, die in der Inkongruenz zwischen akutem Feedback und genereller Beziehungsqualität liegt. Werde ich in einer machtasymmetrischen Beziehung von jemandem mit eigenem Arschloch-Verhalten konfrontiert, den ich „auf meiner Seite“ wähnte, werde ich schnell mit der Interpretation eines „Lager-Wechsels“ bei der Hand sein.

Daraus können wir zwei Dinge für unseren Wunsch mitnehmen, eigenes und fremdes Arschloch-Verhalten auf diesem unserem schönen Planeten immer weiter zu reduzieren:

1.) Wer Arschloch-Verhalten reduzieren will, muss belastbar mit dem Menschen befreundet sein, der Arschloch-Verhalten an den Tag legt. Ohne eine solche Freundschaft ist keine Konfrontation und Irritation möglich, die eine Verhaltensänderung auslöst, da solches Feedback unsere Identität bedroht. Wir können das nur von „Freunden“ annehmen und aushalten. Gute Beziehungen heilen hier und ermöglichen die Konfrontation.

2.) Wer Arschloch-Verhalten grundsätzlich reduzieren will, darf keine Macht-Asymmetrien in Beziehungen dulden. Macht-Asymmetrien begünstigen nicht nur das Auftreten von Arschloch-Verhalten, indem sie den Perspektivenwechsel erschweren, der der erste Schritt bei empathischem Verhalten ist. Sie machen auch Irritation durch liebevolle Konfrontation unmöglich: Machtasymmetrien erschweren es massiv, dass es jemand wagt, zu konfrontieren. Sie machen es aber unmöglich, dass jemand die liebevolle Konfrontation auch als solche verstehen kann und nicht als Angriff, der einen „Gegen-Angriff“ herausfordert.

Denn alle Angriffe der menschlichen Welt und alle Arschlöchrigkeiten können stets durch „Angegriffen-Worden-Sein“ gerechtfertigt werden und werden stets auch so gerechtfertigt. Wenn nicht offen und äußerlich, so doch auf jeden Fall verdeckt und innerlich. Denn die (Be-)Wahrung der eigenen Identität ist die stärkste Kraft in der menschlichen Psyche.