Unser Denken und unsere Institutionen sind gut auf Situationen eingestellt, die von materieller Ressourcenknappheit bestimmt waren. Das Problem ist: Das ist nicht mehr unsere heutige Situation. Wir leben heute in einer Welt, in der wir materielle Ressourcenprobleme sehr weitgehend lösen könnten. Wenn, ja wenn wir uns nicht einer anderen, in ihrer Form neuartigen Ressourcenknappheit ausgesetzt finden würden: Emotionaler Ressourcenknappheit. Der Mangel, den wir heute nahezu ständig und nahezu überall empfinden, ist ein Mangel an guten Beziehungen.

Die beiden Phänomene: Materielle und Emotionale Ressourcenknappheit sind in mehrfacher Hinsicht miteinander verbunden. Für den Moment möchte ich jedoch vorschlagen, davon auszugehen, dass wir uns in einer grundsätzlich neuartigen Situation befinden, in der wir sowohl gedanklich als auch institutionell „noch nicht wirklich angekommen sind“.

Was ist gemeint, wenn wir von „Emotionaler Ressourcenknappheit“ oder „Mangel an guten Beziehungen“ sprechen? – Wie wir alle wissen, wenn wir es nicht gerade vergessen wollen, hat unser Empfinden von „guten Beziehungen“ nichts mit der Anzahl unserer Freunde zu tun, auch nicht mit der Zeit, wie lange wir bereits mit jemandem zu tun haben, und rein gar nichts mit den Klick-Zahlen unter unseren Postings und Beiträgen zur materiellen Welt.

Gute Beziehungen haben mit emotionaler Spiegelung zu tun. Im Alltag ist das z.B. dann der Fall, wenn wir davon sprechen, „dass wir uns von jemandem gut verstanden fühlen“. Dies ist immer ein emotionales Ereignis. Und es ist immer ein Beziehungsphänomen. Es kann etwas damit zu tun haben, das jemand „eine Meinung von uns teilt“, aber es muss nichts damit zu tun haben. Verständnis/Wahrnehmbares Mitgefühl einerseits und Einverständnis/Zustimmung andererseits sind sehr verschiedene Dinge. Und Knappheit herrscht nicht an letzteren, sondern an ersteren.

Emotionale Ressourcenknappheit hat durchaus auch eine „materielle Basis“, ist also alles andere als abgekoppelt von materiellen Vorgängen und Zuständen. Das hat mit einer ebenso schwer leugbaren wie häufig ignorierten Tatsache zu tun: Empathie kostet uns Kraft. Sie kann zwar sehr erfüllend und befriedigend sein. Das ändert aber nichts daran, dass sie uns Kraft kostet und unsere Möglichkeiten, mit uns und anderen empathisch zu sein, begrenzt und voraussetzungsreich sind.

Was ich vorschlagen möchte weiterzuverfolgen ist dies: Wenn es zutrifft, dass unser Denken und unsere gesellschaftlichen Institutionen nach wie vor eine Welt spiegeln, die von materieller Ressourcenknappheit bestimmt waren, und wenn es weiter zutrifft, dass dies heute ganz überwiegend nicht mehr unsere Situation ist, könnte es dann nicht sein, dass unser auf materielle Ressourenknappheit eingestellten Institutionen und Denken Teil davon sind, emotionale Ressourcenknappheit überhaupt erst zu erzeugen?

Das mag akademisch klingen. Für mich ist der Zusammenhang jedoch sehr handfest und naheliegend: In einer (sozialen) Welt mit knappen materiellen Ressourcen ist es sehr vernünftig, Verteilungskämpfe auszutragen, sich selbst zu behaupten und seine Rechte einzufordern. Denn was der eine mehr hat, muss der andere zwingend weniger haben.

Solche Knappheits-Phänomene haben wir durchaus auch in Beziehungen, auch in guten Beziehungen. So kann man seine volle Aufmerksamkeit zur gleichen Zeit immer nur einer Person schenken. Menschen, die vor und zu Gruppen sprechen, ist das sehr gut bekannt. Und es macht Gefühle wie „Eifersucht“ und Begriffe wie „Aufmerksamkeitsökonomie“ sinnvoll.

Allerdings fühlen wir uns nur sehr selten von Menschen verstanden und „gut emotional gespiegelt“, mit denen wir gerade Verteilungs- und Machtkämpfe um die Durchsetzung unserer Rechte austragen.

Es könnte also sein, dass unser gedankliches und institutionelles Verhaftet-Sein in einer Welt der materiellen Knappheit, die längst nicht mehr „real“ ist, dazu führt, dass wir weniger gute emotionale Spiegelungen und weniger gute Beziehungen erfahren, als das auch bereits heute gut möglich wäre.

Ein Indikator dafür ist die Zunahme der Zahl von Psychotherapeuten, Coaches, Sozialberater und weiterer Menschen, die in Berufen arbeiten, in der emotionale Zuwendung „professionalisiert“ wird und notwendiger Bestandteil der Arbeit ist. Auch die Entstehung der „alternativen Medizin-Sektors“ mit tausenden Heilpraktikern, die für uns auf eine Art da sind und die Menschen auf eine Art zuhören, wie es Ärzte aufgrund von Effizienz-Kriterien im „klassischen Medizin-Sektor“ nicht mehr können, spricht dafür, dass hier Bedarfe und Bedürftigkeiten entstanden sind, deren Notwendigkeit und Normalität wir durchaus hinterfragen könnten.

Wenn Emotionale Ressourcenknappheit tatsächlich die Materielle Ressourcenknappheit als zentrales Problem menschlicher Gesellschaft verdrängt hat, wie ich hier behaupte, so steht fest: Wir brauchen in der Politik und an den anderen Orten, in denen wir uns über das verständigen, was wir voneinander wollen und wünschen, eine andere Sprache, andere Paradigmen und sicher auch veränderte gesellschaftliche Institutionen.

Es kann für uns dann nicht mehr um „War on XYZ“ gehen. Oder den „Kampf für…“. Oder „das Recht auf … einzufordern“. Oder „die Idee … durchzusetzen“.  Es kann auch genausowenig darum gehen, einfach zu schweigen und hinzunehmen, wenn Dinge schlecht laufen für uns oder Menschen oder Wesen, die uns am Herzen liegen. Es kann und muss dann durchaus weiterhin um Aktivität gehen.

Aber nicht im „Kampfmodus“, so viel Energie dieser in uns tief angelegte Modus auch freisetzen mag. Kampf kann Anerkennung und Respekt begründen. Gute Beziehungen und wechselseitige Spiegelung des gesamten Möglichkeits-Spektrums menschlicher Gefühle wird durch den Eindruck „gerade angegriffen zu werden“ jedoch effektivst-möglich blockiert. Für einen „guten Kampf“ ist so weitgehende emotionale Sicherheit bei beiden Kampfpartnern notwendig, dass wir sagen können: Gute Beziehungen tragen gute Kämpfe. Aber Schlechte Beziehungen können durch Kämpfe nicht in gute Beziehungen „verwandelt“ werden. So siegreich wir auch sein mögen: Mit dem Feuer, unter das wir den Anderen nehmen, treffen wir immer und nicht zuletzt auch uns selbst. In dieser Art von „sozialen Kämpfen“ verlieren wir zuverlässig viel von jener Lebensqualität, die uns Menschen durchaus sehr irdisch möglich ist.

Die Zeit der Verteilungskämpfe ist möglicherweise einfach vorbei. Wir haben es nur noch nicht gemerkt. Und setzen darum die Kämpfe von gestern fort. Und leiden heute an ihnen. Und verlängern sie dadurch künstlich in ein Morgen hinein, das auch in vielen Punkten sehr anders aussehen kann, ohne deswegen gleich „paradiesisch“ zu sein.

Denn sicher ist auch: „Wir sind für’s Paradies nicht gemacht.“ Auch als religionsferner Mensch kann ich die Weisheit anerkennen, die an diesem Punkt im biblischen Mythos steckt.

Darum aber gleich mit Vorsatz in so mancher Beziehungshölle zu brennen und den darin enthaltenen Schmerz und Demütigungen keine Abhilfe zu schaffen, sondern still weiter vor sich hinzuleiden und auf die Zunge zu beißen, das allerdings fühlt sich – mit Verlaub – auch nicht sonderlich sinnvoll an.


Ich möchte abschließen noch ein paar Sätze zu jenem naheligenden Argument sagen, dass der, der materielle Verteilungskämpfe für nicht mehr sinnvoll hält, sich bloß zum Interessenvertreter derjenigen macht, „die derzeit mehr haben“:

Die finanzielle Ungleichheit zwischen den Menschen, die unsere derzeitige Weltgesellschaft zulässt, ist in meiner Wahrnehmung zusammen mit ein paar anderen „Kleinigkeiten“ der größte und effektivste Beziehungskiller, den man sich ausdenken könnte. Finanzielle Ungleichheit gibt denjenigen, die deutlich mehr haben, strukturelle und situative Macht über diejenigen Menschen, die deutlich weniger haben.  Die Instrumentalisierung und Objektivierung von Milliarden von Menschen sind dann nahezu unausweichlich. Und schlimmer noch: Eine solche stabile Machtasymmetrie macht wechselseitiges Mitgefühl und Interesse äußerst unwahrscheinlich. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass „die Mächtigeren“ kaum wissen, was in den „Ohnmächtigeren“ wirklich vor sich geht. Nicht nur aus fehlender Eigenerfahrung, sondern aus weiteren, beziehungsdynamischen Gründen können Menschen in einer Machtposition nicht verstehen, was im Leben von Menschen „auf der anderen Seite der Macht“ vor sich geht und was Situationen für sie bedeutet. In Beziehungen ist der Ohnmächtiger immer der „Beziehungsschlauere“. – Eine Schlauheit, die ihm und die beiden in den allermeisten Beziehungssituationen jedoch wenig bis gar nichts nützt. Umgekehrt ist aber Mitgefühl mit Menschen, die einen aufgrund einer stabilen Machtasymmetrie belohnen oder bestrafen können, ebenfalls sehr unwahrscheinlich: Der Ohnmächtigeriger versteht den Mächtigeren zwar deutlich besser als umgekehrt. Aber es handelt sich um ein rein kognitives Verstehen, nicht um ein empathisch-mitfühlendes. Um in einer stabilen Machtasymmetrie zu überleben und „zu bekommen was man braucht“, muss man schlichtweg frühzeitig erkennen, was im Anderen vor sich geht und was er wohl als nächstes tun wird oder was er tun wird, wenn man selber xyz tut.

Formelhaft: Macht korrumpiert. Sie korrumpiert immer. Sie korrumpiert jeden. Sie korrumpiert den Mächtigen wie den Ohnmächtigen. Zuverlässig.

Und wenn wir hier von „Korruption“ sprechen, so meinen wir sinnvollerweise: „Unfähig-Werden zu guten Beziehungen und emotionaler Spiegelung“. Alle stecken dann in ihren Körperpanzern und in ihren mentalen Panzern. Und diese fortgesetzte menschliche Panzerung hat genau einen erkennbaren Zweck: Emotionale Verletzungen abzuwehren, die in Situationen hochwahrscheinlich sind, die von Machtasymmetrie zwischen uns Menschen geprägt ist.

Wollen wir in der Frage der finanziellen Ungleichheit und anderer institutionell gestützter Machtasymmetrien Fortschritte machen, so können wir uns nicht nur fragen, was denn „Fortschritt“ hier überhaupt heißen kann und soll, wenn es nach uns geht. Wir können uns darüber hinaus auch fragen, ob Machtasymmetrien durch Kampf wirklich beseitigt werden können, da Kampf nur „Gewinner und Verlierer“ hervorbringen kann.

Geht es uns bei „Fortschritt“ um Verbesserungen unserer gesellschaftlichen Beziehungsmöglichkeiten und individuellen Beziehungsfähigkeiten, so wird schon der Weg dahin „irgendetwas mit Empathie“ zu tun haben.

Der Beginn könnte die Frage sein, ob die objektiv mächtigeren Menschen wirklich so viel glücklicher sind in Sachen Beziehungsqualität. Und das, ohne zugleich das Beziehungsunglück der objektiv ohnmächtigeren Menschen aus der Wahrnehmung zu verlieren oder zu bagatellisieren. Ich gehe davon aus, dass wir in Sachen Beziehungsqualität nur alle gemeinsam glücklicher werden können. Und dies ist ein großer Unterschied von emotionalen Ressourcen gegenüber materiellen Ressourcen. Während im Materiellen win-lose die Regel ist, und die meisten von uns daher energisch auf die „win“-Seite streben, haben wir im Emotionalen nur die Wahl zwischen lose-lose oder win-win. Was Beziehungsqualität angeht, gewinnen oder verlieren wir alle gemeinsam. Und was der eine von uns weniger hat an Beziehungsqualität, gewinnt der andere von uns nicht dazu.

Ich weiß: Das ist eine echte Herausforderung für uns. Nicht nur gedanklich, weil dieses Denken uns noch fremd ist. Sondern es birgt auch ein sehr reales Risiko: Jeder Schritt kann hier auch einfach ein taktischer Schachzug sein, um den Anderen in (Beziehungs-)Sicherheit zu wiegen, nur um ihn dann nochmal geschickter über’s Ohr zu hauen in einem ewigen Hauen und Stechen, in einem nimmer-endenden Ressourcenverteilungskampf.

Aber gute Beziehungen sind ohne Risiko eigener Verletzlichkeit niemals zu haben. – Und wir müssen nicht die Augen schließen vor den Mechanismen der Macht, um diese Risiken einzugehen. Wenn es nach mir geht, dürften wir sie sogar noch deutlich weiter aufmachen. Solange wir darüber nicht verzweifeln und weiterhin Großes wagen.

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