Was „dienen“ gerade heute in unseren Unternehmen verloren hat

Dienen hat einen schlechten Ruf heutzutage. Aus guten Gründen. In der Regel wird dienen assoziiert mit Unterordnung, Hierarchie und fehlender Augenhöhe. – Das macht alles viel Sinn, solange wir uns in einer hierarchisch organisierten Gesellschaft befinden, in der es für uns vor allem darum geht oder gehen soll, „nach oben zu kommen“.

Und ich denke auch, dass der Begriff des Dienens noch eine ganz andere Dimension hat, die sich vor allem dann erschließt, wenn wir unsere Beziehungsbrille aufsetzen und mit ihr auf das Geschehen in und um Unternehmen schauen.

Im Kern ist Unternehmertum ein hochsozialer, empathischer Prozess. Sieht man mit der Beziehungsbrille auf das, was ein Unternehmen „leistet“, dann sieht man, dass es darum geht, menschliche Bedürfnisse zu erfüllen. Genauer: Dass Menschen anderen Menschen (einen kleinen Teil ihrer) Bedürfnisse erfüllen. Das könnte man auch mit dem Begriff des „Helfens“ sehr treffend beschreiben – oder mit dem des „Dienens“:

Während wir hier in diesem Unternehmen Menschen auf diese Weise helfen, helfen andere Unternehmen Menschen auf eine andere Weise. – Der Austausch, der sich dabei vollzieht, ist indirekt „auf Augenhöhe“, weil jeder hilft und jedem geholfen wird. – Im Prinzip: wenn man sich die gegenwärtig noch vorhandenen Machtasymmetrien herausdenkt, könnte man von „der Wirtschaft“ als einem zutiefst empathischen Beziehungsgeschehen sprechen, das darauf ausgerichtet ist, Formen zu finden, wie wir uns als Menschen auf diesem kleinen, großartigen Planeten wechselseitig unter die Arme greifen und wechselseitig Freude bereiten können.

Genauso können wir aber auch sagen, dass wir uns innerhalb der Sozialform Unternehmen: als Kollegen wechselseitig „dienen“. Assoziiert man „Dienst“ eher mit „Helfen“ als mit „Unterordnung“, dann sind wir in der Form des Unternehmen sehr nah an einem Begriff des „spezifischen Dienst am Anderen“. – Auch hier kann man sehr deutlich erkennen, dass die Augenhöhe und Reziprozität darin liegt, dass einem in einem Vorgang gedient ist, während man in einem anderen unternehmerischen Vorgang der Diener ist. Nehmen wir dann noch dazu, dass es ein „Geschenk“ ist, andere Menschen zu unterstützen, Freude zu bereiten, Befriedigung zu verschaffen oder zu helfen, dann wird klar, dass „Dienen“ für uns unter ganz bestimmen Umständen keine erniedrigende Beschäftigung ist, sondern eine überaus erfüllende; eine, die für uns aus sich selbst heraus motivierend ist und auch uns selbst schon im Vollzug, und nicht erst in einer „Entlohnung“ eine große Befriedigung und Vergnügen bereiten kann.

Dass diese Gedanken unter den gegenwärtigen Bedingungen gefährliche Aspekte haben, spricht nach meinem Verständnis nicht gegen diese Auffassung vom „Dienen“, sondern gegen die gegenwärtigen Bedingungen:

Was sie riskant macht, ist die Gefahr der Ausbeutung und Haltungen, die wir unter die Begriffe des „Helferkomplex“ oder „Fehlender Selbstsorge“ fassen können. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir in ständiger Bedrohung sind, nicht fair behandelt, ausgebeutet und über den Tisch gezogen zu werden, dass ein freies Geben nur noch in wenigen und oft „privaten“ Situationen möglich ist, nicht oder kaum aber in Unternehmen.

Zugleich haben einige von uns Muster entwickelt, in denen sie ihr instabiles, wenig genährtes Selbstwertgefühl nicht nur dadurch auszubalancieren versuchen, dass sie „Höchstleistungen bringen“, „zu den Gewinnern gehören“, „einen Erfolg an den anderen Reihen“, sondern auch dadurch, dass sie ständig anderen zu Gefallen sein wollen, ohne Pause, ohne Unterlass und vor allem ohne Rücksicht auf die eigenen Innenzustände und Gesundheit. – Die Gründe für beide Muster: den neurotisch Erfolgshungrigen und den neurotisch Dienenden liegen möglicherweise ganz woanders als wir sie oft vermuten.

Ich weiß nicht, ob wir je einen Gesellschaftszustand erreichen werden, in dem Unternehmen das sein werden, was sie im Prinzip sein könnten: Organisationsformen wechselseitiger Hilfe. Sollten wir dem je nahekommen, hätten wir auf einer höheren, komplexeren, ausdifferenzierteren Weise etwas wiedergewonnen, dass nach unseren informierten Vermutungen auch diejenigen menschlichen Gesellschaften ausgezeichnet hat, in denen Menschen ihr Leben in Zeiten vor dem Ackerbau und der sesshaften Ansiedlung gemeinsam gestalteten. Gesellschaften, in denen Beziehungen so sicher und bedrohungsfrei sind, dass wir nicht permanent exakt gegeneinander aufrechnen müssen, was wir Geben, was wir Bekommen und was das genau wert ist. Der große Unterschied einer solchen vergleichsweise friedlichen, globalen Weltgesellschaft zu den „hunter gatherer“ Gesellschaften unserer Vorfahren läge zugleich darin, dass wir uns nicht mehr als Stämme gegenüberstünden, die füreinander so etwas waren wie Naturgewalten oder sogar Naturkatastrophen: Ohne Möglichkeiten für wechselseitigen Austausch, Kooperation und Empathie.

Was ich aber für sicher halte ist Folgendes: Der Begriff des „Dienens“ in Unternehmen macht großen, ja ich würde sogar sagen: einen wichtigen Sinn. Wenn wir Dienen als Helfen oder Unterstützen verstehen, können wir wahrnehmen, dass es in unseren Unternehmen zwei unterschiedliche Gruppen von Tätigkeiten und Rollen gibt: Einmal Menschen, die anderen Menschen in ihrer Rolle als „Kunden“ unmittelbar zu diensten sind, indem sie eben „Dienstleistungen erbringen“ oder Produkte herstellen, die „Kundenbedürfnisse befriedigen“. Und zum anderen Menschen, die den Menschen dienen, die den Kunden dienen.

Was ich damit sagen will: Ich kann dem Begriff der „Supportive“ oder „Servant Leadership“ aus meiner Sichtweise auf Unternehmen heraus einiges abgewinnen. Diese Begriffe machen Sinn für mich, weil sie sich darauf beziehen, worum es in Unternehmen eigentlich geht: Darum, menschliche Bedürfnisse so gut und so günstig zu befriedigen, wie wir es hier gemeinsam vermögen.

Dieser immanente Sinn von Unternehmen ist nur dann verstellt, wenn wir es weiterhin gestatten, dass abstrakte, nicht durch Beziehungen untermauerte Investoreninteressen eine zweite Außenreferenz bilden, die die Aufmerksamkeit der gemeinsam Unternehmenden vom Dienst an Kundenbedürfnissen abziehen muss. Nimmt man unsere begrenzte Aufmerksamkeit ernst, also das, was wir heute „Aufmerksamkeitsökonomie“ nennen, gewinnt der Satz „Man kann nicht zwei Herren dienen“, einen neuen, unternehmerischen Sinn: In vielen unserer derzeitigen Unternehmen versuchen wir genau das die ganze Zeit über. Und dies ist nach meiner Auffassung der ebenso einfache wie durchschlagende Grund, warum „Arbeit“ in Unternehmen oft so anstrengend, unerquicklich, sinnlos und schizophren ist. Während ein Teil der Unternehmenden versucht, Kundenbedürfnisse zu befriedigen, versucht ein anderer Teil der Unternehmenden („das Management“), Investorenbedürfnisse zu befriedigen. So, wir wir dies derzeit ordnen, organisieren und aufeinander beziehen, stiften wir einen unvermeidlichen Krieg zwischen beiden Menschengruppen in unseren Unternehmen. Einen höchst überflüssigen Krieg, der täglich vielen Menschen das Unternehmen und Arbeiten: Den Dienst an anderen Menschen verleidet.

Nun kann es nicht darum gehen, diesen Krieg einfach zu verlagern. Es kann nicht um „Investoren-Bashing“ gehen. Aus meiner Sicht liegt z.B. eine Lösung dieses Problems darin, Investoren ganz anders in Unternehmen einzubinden, als wir das heute in den allermeisten Fällen tun. Mir scheint es vielversprechend, Investoren als „Mitunternehmer“ zu reframen, genauso wie man Mitarbeiter als Mitunternehmer reframen kann.

So betrachtet sind Investoren Menschen, die Geld für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zur Verfügung stellen, so wie andere Menschen ihre Zeit, Aufmerksamkeit, Tatkraft und Ideen zur Verfügung stellen. All diese Ressourcen laufen zusammen, um etwas auf die Beine zu stellen, das menschlichen Bedürfnissen (von Kunden) besser dient als bisherige Lösungen, die wir in anderen Sozialformen und Institutionen finden konnten.

Eine solche Einbindung von Investoren und sinnvolles Investitions-Wesen würde aber erfordern, dass wir Unternehmen so gestalten, dass sie auch Investoren, ebenso wie „Mitarbeitern“ ein anderes Beziehungs- und Bindungsangebot machen als diejenigen Beziehungsangebote, die heute viele Unternehmen „ihren Menschen“ machen.

Diese Bindungen wären sinnorientiert, wären möglicherweise langfristiger und vor allem wären sie „auf Augenhöhe“. D.h. wir müssten Unternehmen einen Überfluss an Investitionsmitteln verschaffen, der ihnen ermöglicht, ungute „investor relations“ zu vermeiden, also Geld von solchen Investoren nehmen zu müssen, die keinerlei Interesse an dem haben, was in diesem Unternehmen geleistet wird. Unternehmen brauchen in Investitionsbeziehungen ebenso wie in ihren Beziehungen zu anderen Mitunternehmern „Beziehungsalternativen“. Freiheit entsteht erst in der Wahl. Derzeit befinden sich die meisten Unternehmen in einer sehr einseitigen Abhängigkeit. Und diese Machtasymmetrie im Außen spielt auch in die Unternehmen herein und zerstört und vergiftet die Beziehungen zwischen den verschiedenen Mitunternehmern und die Beziehungen des Unternehmen zu seinen Kunden.

Unternehmen brauchen die Möglichkeit, sich von solchen Menschen Geld zu verschaffen, die an diesem spezifischen Unternehmen Interesse haben. Von Menschen, die diese spezifische Art und Weise, wie wir hier, in diesem Unternehmen menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, so begeisternd finden, dass sie mittels ihres Geldes „ein Teil davon werden“ wollen. Die, wenn sie schon nicht ihre Zeit, Kraft und Ideen dazu geben können, weil die bereits in anderen Unternehmen gebunden sind, doch zumindest mit ihrem Geld und ihrer Aufmerksamkeit dabei sein wollen.

Ein solches Beziehungsangebot an Investoren kann man „Impact Investing“ nennen. Es ermöglicht Menschen, auch mittels ihres Geldes anderen Menschen zu dienen.

In solchen, und nur in solchen Beziehungsverhältnissen macht es Sinn von „Führung als Dienst“ zu sprechen. Denn dann ist allen klar, was hier geschieht und was wir hier tun, wer wem dient, und wem wir hier wie dienen wollen. In diesem spezifischen Unternehmen.

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Wie man einen Menschen bewegt – Eine Anleitung (Part I)

Wir sind Beziehungswesen. Beziehungswesen mit vermeintlich niemals endenden Bedürfnissen. Als solche sind wir darauf angewiesen, dass wir unsere lieben Mitmenschen zu bestimmtem Handeln bewegen können. – Und obwohl das so ist, ist das Wissen darüber, wie man einen Menschen bewegt, erstaunlich wenig verbreitet. Stattdessen pflegen wir zahlreiche Irrtümer über „Motivation“, die wir durch unsere unübersehbaren Unbeholfenheiten comedy-reif zum Ausdruck bringen. In unserem wenig effektiven Vorgehen beim Versuch, andere Menschen zu etwas zu bewegen, dürfen wir uns mir Fug und Recht rühmen, unbelehrbare Wiederholungstäter zu sein. Wir schaffen es erfolgreich, nichts aus unseren Misserfolgen zu lernen, indem wir unseren Frust darüber am Ende ganz einfach umlenken: Im Zweifelsfall beschimpfen wir dann einfach unsere Mitmenschen: Wenn nicht lautstark und offen, dann zumindest innerlich.

Oder noch lieber: Wir beklagen uns bei Dritten darüber, wie dumm, uneinsichtig, böswillig oder wasnochalles die Menschheit im Allgemeinen und dieser eine besonders dickschädelige Mensch im Besonderen ist. – Gerne auch Generalisieren wir unsere auf diesem Weg gewonnene schlechte Meinung von unseren Mitmenschen und verfassen theoretische Pamphlete, in denen wir uns wortreich und logisch stimmig bestätigen, dass es an unserer eigenen Dickschädligkeit im Umgang mit anderen nicht liegen könne, dass wir bisher so viele Menschen so wenig bewegen konnten.

Aufklärung tut also not. – Nun denn:

Wie man einen Menschen nicht bewegt

a) Durch Fakten, Tatsachen, Mitteilungen und Vermittlung von Informationen

Der Grund für die Wirkungslosigkeit dieser häufig gewählten Strategie ist einfach zu benennen: Dinge, die sind, wie sie nunmal sind, liefern aus sich selbst heraus keinem Menschen der Welt irgendein Motiv. – Die Annahme, der andere würde aus dem Aufzeigen von Zusammenhängen schon irgendwelche Schlüsse ziehen (so wie wir das hier tun), indem er sich selbst in die Gleichung einsetzt, ist deswegen naiv, weil sie die „interne Mechanik“ von Willensbildung völlig ignoriert. Kein Motiv der Welt kommt ohne Emotion aus. Und Tatsachen, die keine Gefühle beim Anderen auslösen, können ihn daher auch zu nichts bewegen. „Sie lassen ihn kalt“, wie wir oft sagen.

b) Durch Angstmache, Drohszenarien und Todesprophezeihungen

Aus der Einsicht in die Notwendigkeit von Motiven und Gefühlen ziehen viele von uns nun den Schluss, dass es eine prima Idee sei, auf Angst als Motivator zu bestimmtem Handeln zu setzen. Diese Strategie wird im Alltag genauso gern von uns gewählt wie in der Politik, in der Medizin oder in der Wirtschaft. Im letzteren Bereich gerne in der Variante „wenn sie nicht x tun, wird Ihr Unternehen über kurz oder lang pleite gehen“. – Diese Bewegungsversuche verkennen eine winzige Kleinigkeit, die jedoch gewaltige Auswirkungen hat: Es macht einen Unterschied für die menschliche Psyche, ob ich rufe: „Da hinten kommt ein Tiger um die Ecke, lauf!“ oder ob ich sage: „Wenn Du Deine Tablette X nicht jeden Tag nimmst, wirst Du mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann einen zweiten Herzinfarkt erleiden.“ Wie Studien zeigen, hören so motivierte Menschen binnen kurzem auf, ihre Tabletten zu nehmen. Und das, obwohl der Aufwand minimal, der positive Zusammenhang eindeutig nachgewiesen, die Folgen des Absetzens der Tabletten drastisch sind und diese Folgen sogar bereits am eigenen Leib erlebt wurden. Die in dieser Weise angesprochenen Herzinfarktpatienten wissen „aus tiefsten Schmerzen“, was es bedeutet, das Risiko einzugehen, einen weiteren Herzinfarkt zu erleiden. Denoch schläft bei den allermeisten die Tabletteneinnahme nach kurzer Zeit ein. Intelligenz oder fehlende Einsicht in den Zusammenhang spielt dabei nicht die geringste Rolle.

Warum aber „sind wir so blöd!?“ – Der Grund ist recht einfach zu benennen: Unsere Psyche erträgt schlichtweg den täglichen Gedanken an den eigenen Tod nicht. – Und leitet den Impuls deswegen konsequent in Richtung Verdrängung um. Ein sehr effektiver Selbstschutzmechanismus, der die eigene, tägliche Operationsfähigkeit gewährleistet. Kurzgesagt ist Angst ein sehr guter Kurzzeitmotivator. Als Langzeitmotivator aber ist sie ein ausgemachter Rohrkrepierer. Warum wir Angstmache und Drohkulissen dennoch ständig als Dauermotivatoren zu nutzen versuchen, wird wohl ewig unser Geheimnis bleiben…

Wie man einen Menschen zu so hohen Kosten bewegt, dass man es besser gleich ganz bleiben lässt

c) Durch permanente, unausgesetzte Bedrohung

Diese Strategie, auch „Gewalt“ oder „Zwang“ genannt, zieht konsequente Schlüsse aus der fehlenden Wirksamkeit von „Einsicht“ (b): Sie bedroht den „zu bewegenden Menschen“ körperlich, durch Demütigung, durch die Gefahr des Ausschlusses aus der Gemeinschaft und/oder durch den Entzug von Ressourcen, die dieser dringend braucht oder haben möchte.

Damit sich diese Strategie von der Angstmacherei unterscheidet, muss die errichtete Drohkulisse möglichst unmittelbar und lückenlos sein. Das legt dem „Motivator“, der die Bedrohungs-Strategie wählt, in der Regel sehr hohe Kosten auf, denn Menschen sind findig darin, sich der Unmittelbarkeit zu entziehen und die Lücken zu finden. Die Strategie setzt also einen Fokus auf „finde die Lücken im Bedrohungs-System“ und motiviert den Anderen genau dazu. Ein Gefangener denkt nur an Flucht, solange er glaubt, dass es Fluchtwege gibt.

Ist das Bedrohungssystem aber so tatsächlich „erfolgreich“, also so lückenlos, dass der „Motivierte“ seine Suche nach Fluchtmöglichkeiten tatsächlich aufgibt, kommen diejenigen Kosten zum Tragen, die die Bedrohungs-Strategie überhaupt erst so richtig kostspielig für denjenigen machen, der sie anwendet: Man hat dann den anderen Menschen in der Regel „gebrochen“. Er versinkt in Lustlosigkeit, Antriebslosigkeit, Depression. Ein Tier in hoffnungsloser Gefangenschaft ist ungleich kraftloser als ein Tier „in freier Wildbahn“. Das gilt auch für uns Menschen.

Die höchsten Kosten hat die Strategie jedoch in einer ganz anderen Hinsicht: Auf der Beziehungsebene. Wir können diese Strategie nicht wählen, ohne ganz bestimmte Formen von Beziehung zu dem Menschen eingehen, den wir auf diese Weise zu bestimmten Verhaltensweisen zu bewegen versuchen. Wir werden zu seinem „Peiniger“. Das verzeihen Menschen so gut wie nie. – Menschen, die keine Spielräume haben und die den Gedanken an Flucht aus Hoffnungslosigkeit auf ihren Erfolg aufgegeben haben, haben dennoch ein findiges Hirn, auch wenn sie es nun sehr gut vor uns verbergen und sich „dumm stellen“. Mangels alternativer Betätigungsmöglichkeiten wendet sich diese Findigkeit nun auf die einzigen Dinge, die ihm noch bleiben: Die kleinen, heimlichen Rachen und Triumphe über den Peiniger, also uns.

Wer Menschen dadurch bewegt, dass er sie durch Strafen bedroht, wird diese Strategie ausnahmslos immer zu bereuen haben. Denn die Möglichkeiten zur Rache sind unzählig. Und der von unserem Bedrohungs-System gefangene und „kanalisierte“ Mensch wird seine einzige Autonomie und Lust nun darin suchen, auch uns das Leben zur Hölle zu machen. Dabei sitzt er als derjenige, „der weniger vom anderen will“ (Frank Farrelly), immer am längeren Hebel. Ganz gleich, wie das Verhältnis an der Oberfläche aussehen mag. Eltern, Lehrer, Gefangenenwärter, Qualitätsmanager und Schergen totalitärer Staaten, die versucht haben, Systeme lückenloser Kontrolle zu errichten, wissen in der Regel recht genau, wovon ich hier spreche.

d) Durch Belohnung des gewünschten Verhaltens

Bei dieser Strategie handelt es sich um eine schlichte Umkehrung der Bedrohungsstrategie. Also um „Bedrohung von der anderen Seite“. Das ist leicht zu erkennen, wenn man sich klar macht, dass man hier versucht, den anderen auf Dinge zu fixieren, die man ihm dann, wenn er sich anders verhält, als gewünscht, wieder zu entziehen droht.

Diese Strategie, die man daher auch „schmeichlerische Verführung“ nennen kann, unterliegt daher exakt den gleichen Problemen wie die Bedrohungs-Strategie. Sie mag an der Oberfläche freundlicher daherkommen. Im Erleben der so „motivierten“ ist sie die Errichtung einer Drohkulisse. Oft werden Protagonisten, die ihr Handeln mit Belohnung, Süchtig-Machung und Bedrohung von Entzug zu beeinflussen versuchen, von den so bewegten Menschen noch deutlich inniger gehasst als Menschen, die offen mit Gewalt und Demütigung drohen.

Menschen verzeihen es niemals, wenn sie auf diese Weise manipuliert werden. Und sie rächen sich immer. Auf tausenderlei Arten. Und ganz wie bei der Bedrohung-Strategie sitzen auch sie am längeren Hebel und lassen uns das schmerzhaft spüren, wann immer sie das irgendwie können.

Die „Dummen“ sind in beiden Fällen an erster Stelle wir selbst, die glauben, durch Bestrafen und Belohnen könnten wir bekommen, was wir bekommen wollen, ohne dafür unendlich hohe Preise bezahlen zu müssen.

Wenn uns dagegen die Menschen, die wir so traktieren, „dumm erscheinen“, dürfen wir ausnahmslos immer davon ausgehen, dass wir ihre „Dummheiten“ selbst hervorgerufen und erzeugt haben. Und das zudem „Sich-dumm-Stellen“ die effektivst-mögliche Strategie für einen Menschen ist, der einem lückenlosen Kontrollsystem ausgesetzt ist. – Und dass wir als die Kontrollettis, zu denen wir uns selbst dabei gemacht haben, kein einziges Mittel gegen diese Strategie zur Verfügung haben. Wir sind die, die dann ein ums andere Mal „dumm dastehen“ und denken „das kann doch jetzt nicht wahr sein!?“. Ein unvermeidlicher Effekt in einem System der allgemeinen Verblödung, das wir selbst errichtet haben, weil wir nicht wissen, wie man einen Menschen bewegt.

Oder, und das ist der bei weitem häufigere Fall, weil wir den Weg zur „Bewegtheit des Anderen“ gerne schnell mal abkürzen und vermeintlich ungefährlich für uns selbst gestalten wollen…

Wie man einen Menschen bewegt

e) Bitten

Der einfachste, kostengünstigste und naheliegendste Weg, einen Menschen zu bewegen, besteht schlicht darin ihn darum zu bitten, etwas Bestimmtes zu tun. Und das allein aus dem Grund, dass wir ihn darum bitten.

Jedoch hat dieser Weg einen großen Pferdefuß: Der andere kann „nein“ sagen. – Sobald er das nicht mehr kann, sind wir aus dem Modus des „Bittens“ still und heimlich in den Modus des „Fordern“ gerutscht. Und damit in Strategie c) und d). – Das passiert uns oft so schnell, dass wir es nicht einmal mitbekommen, wenn wir nicht gezielt darauf achten, in der Form des Bittens zu bleiben. Und damit auch ihre Risiken auf uns zu nehmen.

Wer bittet, scheint sich abhängig und verletzlich zu machen. Darüber, dass ein erwachsener Mensch, der einen anderen erwachsenen Mensch um etwas bittet, diesem Menschen auch das Geschenk macht, ihm helfen zu dürfen, darüber schweigen wir mal. Genauso wie wir darüber schweigen, wie erfüllend und beglückend diese Strategie sein kann.

Die Strategie des Bittens scheitert aber nicht nur deswegen oft, weil wir heimlich fordern, weil wir also uns selbst genauso wie unserem Interaktionspartner nur vortäuschen zu bitten. Sie kann an noch vielen weiteren „Rahmenbedingungen der Situation“ scheitern:

  • An unserem vorbelasteten Verhältnis zum Anderen. Also an der Beziehungsebene. Hat der Ander bereits durch vergangene Bedrohungen/Schmeichlerische Verführungen durch uns gute Gründe erhalten, „sich rächen zu wollen“, so wird er es nun, da wir ihn um etwas bitten, in der Regel auch tun. – Als Bild: Wir öffnen unser Hemd, aber haben vorher den Dolch in die Hand des anderen gelegt, mit dem er nun, „für uns völlig überraschend“ herzhaft zusticht.
  • Daran, dass der Andere selbst gerade bedürftig ist. Dass er nicht die Kraft, Zeit, Ressourcen hat, um unserer Bitte nachkommen zu können, ohne sich selbst dabei zu schädigen. – Oft brauchen andere zunächst etwas von uns, um einer unsrer Bitten nachkommen zu können. Da wir aber selbst gerade bedürftig sind – sonst würden wir ja kaum bitten – fällt es uns schwer, in den Modus des Gebens oder aktiven Zuhörens zu schalten, der notwendig wäre, um herauszufinden, was der Andere zunächst von uns braucht, um anschließend für unsere Bitte „ein offenes Ohr haben zu können“. Da dieser Vorgang des Umschaltens mühselig ist und Zeit braucht, rutschen wir an dieser Stelle regelmäßig ins mehr oder weniger offene Drohen ab. Und Fordern und Bitten können gleichzeitig nicht sein. Sie schließen sich situativ wechselseitig aus. Sobald wir also die für das Bitten notwendige Geduld verlieren, haben wir die Möglichkeit des Bittens verloren.
  • An Unklarheit: Weil wir so genau zu wissen glauben, was wir vom Anderen wollen und brauchen, meinen wir oft, das wir nicht für den Anderen eindeutig und nachvollziehbar benennen müssten, worum wir ihn eigentlich bitten. – Wer je in einem handfesten Beziehungsstreit mit einem geliebten Menschen feststeckte und dabei an den Punkt gelangt ist, an dem er den Anderen fragte: „Was, was möchtest Du, dass ich tue?“, der hat erlebt, wie schwer es uns fällt, gegenüber anderen klar und deutlich zu benennen, worum wir sie bitten. In der Regel beißen wir uns lieber die Zunge ab, als direkt auszusprechen, was wir gerne hätte, was der andere für uns tun soll. – Der Grund hinter unserem äußerlichen Gestammel, unserem Zünden von verbalen Nebelkerzen und unserem Verstummen gerade dann, wenn die Chance zu bitten nackt und mit wolllüstigem Augenaufschlag auf einem Himmelbett vor uns liegt, dürfte daher in unserer tiefen, erlernten Angst vor Zurückweisung liegen. Die Worte und Wünsche entziehen sich uns, damit wir kein weiteres Mal erleben können, wie eine Bitte ausgeschlagen und unsere Beziehung zum Anderen dadurch belastet wird. Wir versuchen, unsere Beziehungen vor unseren Erwartungen zu beschützen, darum bitten wir nicht nur nicht, sondern wir verdängen in den entscheidenen Augenblicken gezielt, was wir eigentlich wollen. Denn gerade nicht einmal mehr selbst zu wissen, was wir wollen, verschafft uns die die größte Sicherheit, dass wir es nicht ausversehen doch aussprechen und damit eben – Bitten.
  • Der Andere hat schlicht andere Prioritäten. Weder will er sich heimlich rächen. Noch ist er gerade akut bedürftig. Es ist schlicht und einfach so, dass er seine Kraft, Zeit und Aufmerksamkeit lieber in anderes investiert als darin, unserer Bitte nachzukommen. Nicht selten hat das mit anderen Beziehungen zu anderen Menschen zu tun, die ihm im Moment gerade wichtiger sind als wir. Auch das ist in der Regel schmerzhaft für uns, denn wir hatten ja bei unserer Bitte den Mut gefasst, uns verletzlich zu machen und uns „dem Wohlwollen des Anderen auszuliefern“. Oft fühlen wir uns abgelehnt, wenn das passiert. Dann greifen unsere kleinen und großen Racheakte für die vermeintliche Zurückweisung unserer Person, die wir aus der Zurückweisung unserer Bitte machen. – Wir interpretieren dann selbst unser Bitte rückblickend in einer Forderung um, indem wir den anderen nun „bestrafen“. Natürlich verbergen wir das sehr gut vor uns selbst. – Aber Menschen sind nicht dumm. Nicht, wenn es um Beziehungen und Beziehungsdynamiken geht. Da Beziehungen zu anderen Menschen für nahezu alle Menschen das wichtigste ist, das es auf diesem Planeten für sie gibt, haben nahezu alle Menschen eine enorme „Beziehungsklugheit“: Schon bei leisesten Anzeichen einer Forderung auf unserer Seite wird von Anderen die beschriebene Möglichkeit anzipiert, dass wir unsere zunächst ehrlich gemeinte Bitte rückblickend in eine Forderung ummünzen könnten.

Auch darum ist es so schwer, die Strategie der Bitte umzusetzen: Wir müssen dazu nicht „nur“ mutig sein. Wir müssen eine enorme Selbstdisziplin mitbringen, damit sie funktioniert. Wir müssen mit dem Gedächtnis und den Antizipationsmöglichkeiten des Anderen rechnen. Und um beidem gerecht zu werden: Den Erfahrungen, die er mit uns oder „Leuten wir uns“ bereits gemacht hat, und den zukünftigen Szenarien, die er automatisch mit all seiner Beziehungsklugheit durchspielen wird, müssen wir tatsächlich „reinen Herzens“ sein, wenn wir Bitten, damit Bitten „funktioniert“. Eine Bitte ist durch uns selbst all zu leicht zu verderben. Eine Bitte ist voraussetzungsreich und aufwendig. Zumindest für unsere Psyche, wenn auch nicht im Außen, wo sie die effektivste und einfachste Form des „Motivierens“ darstellt.

Die naheliegendste aller Möglichkeiten, einen anderen Menschen zu bewegen, wird von uns also vor allem deswegen nicht genutzt, weil sie uns unsere Grenzen und Abhängigkeit von Anderen schmerzhaft aufzeigt. Der andere erscheint uns „autonom“. Der andere scheint uns im Moment des Bittens „Macht über uns zu haben“. Und das mögen wir nicht. Wir werden daher in der Regel nur dann bitten, wenn wir entweder heimlich oder unheimlich in einer sehr starken, machtasymmetrischen Position gegenüber dem Anderen sind. Dann wird es sich immer um eine heimliche Drohung handeln, egal wie oft wir das Wort „Bitte“ in unsere Rede einbauen. Es ist dann immer klar, dass wir Möglichkeiten haben, den anderen die Folgen seines „Neins“ spüren zu lassen. Wir Fordern dann also und sind weitaus weniger verletzlich als wir für eine „echte Bitte“ sein müssten.

Oder wir befinden uns in dem, was wir eine „gefühlt sichere Beziehung“ nennen können. Wir machen uns zwar auch dann und gerade dann sehr verletztlich, wenn wir einen anderen Menschen um etwas bitten. Aber dann und nur dann fühlt sich dieses Risiko aushaltbar an für uns. – Gute Beziehungen sind daher die notwendige Voraussetzung dafür, die effektivste und einfachste Strategie nutzen zu können, einen anderen Menschen zu einem bestimmten, von uns gewünschten Handeln zu bewegen.

Leider sind gute Beziehungen in einer sozialen Welt, die von drastischen und oft auch institutionalisieren Machtasymmetrien durchzogen ist, kaum aufrecht erhaltbar für uns.

Daher steht die Strategie des Bittens uns trotz ihrer unbestreitbaren Vorteile oft einfach gar nicht zur Verfügung.

f) Durch Lösungs-Trancen und soziale Hypnosen

Da wir es bereits gewohnt sind, ständig belohnt und bedroht zu werden, geht diese Möglichkeit des „Bewegt-Werden“ heutzutage oft unter im Meer unserer begründeten Angst vor Manipulation.

In einem Drohkulissen-freien sozialen Umfeld sind Lösungstrancen und soziale Hypnosen aber die „natürliche“ und naheliegende Form des Bewegens und Bewegt-Werdens.

Sie sind immer dann der Fall, wenn wir davon sprechen, „dass alle an einem Strang ziehen“, dass „das eine sinnvolle Sache ist“, aber auch dann, wenn „wir das hier halt so machen“, aber zugleich Abweichungen von diesem „das“ möglich sind, ohne vom Ausschluss aus der jeweiligen Gemeinschaft bedroht zu sein.

Soziale Hypnosen und Lösungstrancen nutzen den Umstand, dass wir zutiefst soziale Wesen sind, die nicht nur offen für – bedrohungsfreies – Geben und Nehmen sind (–> e) Bitten), sondern auch Freude an gemeinsamem Handeln haben. Verhaltenskoordination und Arbeit für eine gemeinsame Sache sind natürliche Zustände von Menschen, auch wenn wir das in unserer heutigen, in dieser Hinsicht schwer suboptimalen sozialen Umwelt oft vergessen.

Reaktiviert wird dieses „freie Sich-hypnotisieren-lassen“ in einigen wenigen Unternehmen, die stabile Räume für Experimente schaffen. Und „stabil“ heißt hierbei vor allem: „emotional sichere“ Räume. Räume, in denen wir uns mit offenem Ausgang abstimmen können. Räume, in denen wir nicht von Sanktionen bedroht sind, wenn wir „für die gemeinsame Sache“ anderes tun, als irgendwer im Vorhinein erwartet hätte.

Reaktiviert werden solche wechselseitigen Lösungstrancen auch bei vielen privaten und politischen Initiativen, solange sie sich in einem vor-institutionellen Raum halten können. Die amerikanische Unternehmens-Beraterin Marie Miyashiro nennt politische Wahl-Kampagnen als ein solches Beispiel, die von zahlreichen ehrenamtlichen Unterstützern getrgen und von den beteiligten Menschen oft als hochgradig erfüllend und eben „motivierend“ erlebt werden.

Gerade solche Beispiele zeigen aber auch, wie instabil und (zer-)störungsanfällig soziale Hypnosen und Lösungstrancen sind. Sie sind mit hoher Wahrscheinlichkeit noch voraussetzungsreicher als ihre kleine Schwester, die Bitte.

Die Nutzung dieser Strategie hängt also wiederum und vielleicht in noch höherem Maße von der Schaffung Belohnungs-/Bestrafungsfreier Räume ab. Eine Voraussetzung, an der wir als menschliche Weltgemeinschaft bisher konsequent scheitern.

Sollten wir aber dahin kommen, dass wir Beziehungen korrumpierende Machtasymmetrien institutionell ausschalten können, macht gerade diese Strategie einiges an Hoffnung: Sie deutet darauf hin, dass wir in einer heute unvorstellbar mühelosen Weise in der Lage sind zusammenzuleben und uns zu koordinieren. Unternehmen, die die Strategie der sozialen Hypnose und Lösungstrance bereits heute realisieren, sind daher sehr beeindruckend für uns. Sie sind „Leuchttürme in einem Meer sozialer Verzweiflung, Verletzungen in Beziehungen und gesellschaftlicher Mühsal“.

g) Durch wohlwollende Manipulation

Dies ist meine persönliche Lieblingsstrategie und ich möchte kurz erläutern warum: Sie setzt anders als die anderen beiden naheliegenden Strategien, andere Menschen zu bewegen, keine perfekte Welt voraus, in der wir Machtasymmetrien bereits konsequent eingestampft haben. – Daher eignet sie sich vorzüglich als Strategie „auf dem Weg dorthin“. Mit uns als unperfekten, verletzlichen und limitierten Wesen. Mit anderen Menschen in ihrer Version menschlicher Unperfektion. Und mit unserer sozialen Umwelt in ihrem natürlichen, bedauernswerten Zustand, wer möglicherweise schlichtweg ganz normal ist.

Das Wort „Manipulation“ ist immer abstoßend. Das hat seine überaus guten Gründe wie oben angedeutet in Strategie d), der schmeichlerischen Verführung. Wer also wie ich von „wohlwollender Manipulation“ spricht, muss die Unterschiede zur Manipulation durch Belohnung deutlich herausarbeiten, um überhaupt Chancen zu haben, auf die Möglichkeit dieser Strategie hinzuweisen.

Glücklicherweise ist es recht einfach, die Unterschiede zu benennen: Wohlwollende Manipulation setzt voraus, dass wir gerade nichts vom Anderen wollen, weil wir das, was wir persönlich brauchen, im Moment aus anderen „Quellen“, sprich: Beziehungen beziehen. Wir sind zwar alle keine Götter, sondern hochgradig bedürftige Wesen. So bedürftig, dass nach der Befriedigung eines Bedürfnisses sofort ein anderes unserer Bedürfnisse nach unserer Aufmerksamkeit schreit. – Aber wir sind nicht so bedürftig, dass wir anderen Menschen nicht „frei begegnen“ könnten. Wir sind in der Lage, „gerade nichts vom Anderen zu wollen“. Dies sind die Momente, die wir mit anderen Menschen am meisten genießen. – Wir bezeichnen sie oft mit Worten wie „spielerisch“, „humorvoll“, „freundschaftlich“, „locker“ oder ähnlichem.

Leider werden diese „schönen Momente“ oft nicht nur durch unseren eigenen Wahnsinn gestört, sondern genauso durch den ganz normalen Wahnsinn unserer lieben Mitmenschen. Diese Störungen, die in der Regel durch gegenwärtige oder vergangene Machtasymmetrien (Belohnungen/Bestrafungen) hervorgerufen werden, denen der Andere ausgesetzt war, versetzen uns meist in einen Zustand akuter, wenn nicht chronischer Hilflosigkeit gegenüber dem „selbstschädigenden Verhalten“, das der Andere an den Tag legt und das alles Spielerische und Leichte, das wir mit ihm so genießen, blockiert und unmöglich macht.

Wohlwollende Manipulation bedeutet hier, dass wir diese Störungen an Ort und Stelle auflösen, wo immer sie auftreten. Indem wir die Kraft unserer vorhandenen Beziehung zum Anderen nutzen und die Spielräume, die Humor und Schauspiel jederzeit bieten.

Die wirkungsvollste aller Arten, einen Menschen zu bewegen, von dem wir gerade selbst nichts brauchen und wollen, außer dass er ein wenig liebevoller zu sich selbst ist, ist daher die „paradoxe Verschreibung“ oder auch „Begeisterung für das Symptom“, die wir  augenzwinkernd und liebevoll inszenieren.

Zu allen Zeiten und an allen Orten und in allen möglichen Situationen bewegt es uns und unsere Mitmenschen am meisten, schnellsten und nachhaltigsten, wenn wir ihnen leidenschaftlich und beredt dazu raten, „mehr vom Selben“ zu tun. Solange und so intensiv, bis die leise Stimme des Misstrauens in ihnen erwacht, die ihnen Dinge zuflüstert wie: „Moment mal, irgendwas stimmt hier gerade irgendwie nicht…“

Gute Therapeuten und Berater nutzen diese Strategie seit Jahrtausenden ebenso wie Hofnarren, Ärzte, Verkäufer und andere Schelme. – Ihre transhistorische und transkulturelle Stabilität deutet daraufhin, dass es sich hier ebenso um eine „universalmenschliche Möglichkeit“ handelt wie bei den anderen genannten Strategien.

Jede Kraft erzeugt eine Gegenkraft. Fixiert sich ein Mensch einseitig auf eine bestimmte Verhaltensweise, und zwar so sehr, dass er sich selbst mit diesem seinen Verhalten zu schaden beginnt („die Dosis macht das Gift“), dann liegt in der Regel ein psychischer Innenzustand vor, indem dieser Mensch mit Macht die Gegenkräfte zum Schweigen gebracht hat und bringt.

Da wir soziale Wesen sind, die voller Resonanzphänomene füreinander und miteinander stecken, erzeugt solches Verhalten eines Menschen bei seinen Mitmenschen ausnahmslos immer: Unbehagen.

Und damit auch den Wunsch, „den anderen zu einer Vehaltensänderung zu bewegen“. – Die häufigst gewählten Wege hierzu sind die nutzlosen und völlig wirkungslosen Strategien a) und b): Informieren und Angst-Machen, indem wir dem Anderen Folgen aufzuzeigen versuchen, die „ihn treffen werden, wenn er so weiter macht“.

Demgegenüber ist begeisterte, penetrante Zustimmung ein deutlich einprägsamer und effektiverer Weg, der die Falle der Angst-Verdrängung wirksam umgeht, sich aber genauso emotional im Gedächtnis des derart „Bearbeiteten“ festsetzt.

Wie erwähnt funktioniert diese Strategie nur dann, wenn wir sie nicht aus eigener Bedürftigkeit heraus anwenden, sondern aus dem Wunsch, dem Anderen in einer Situation zur Seite zu stehen, in der er sich selbst zu seinem bedrohlichsten Feind gemacht hat oder wurde.

Das Einzige, das wir über diese wohlwollende Beziehungsdistanz hinaus benötigen, um die Strategie der wohlwollenden Manipulation zu nutzen, ist unsere natürliche Schauspielkunst. Eine Kunst, über die wir alle verfügen, auch wenn viele von uns sie sogar vor sich selbst leidenschaftlich verbergen. Dieses geschickte Verbergen unserer natürlichen Fähigkeiten ist selbst eines der komischsten Schauspiele, das wir uns selbst und anderen täglich bieten.

Warum gesellschaftliche Fortschritte heute nicht mehr im Kampfmodus erzielt werden können

Die im Titel benannte These, die ich hier vertreten möchte, ist für mich selbst eine hochgradig heikle: Sie könnte sich nämlich so auswirken, dass Menschen, die sich heute in einer Nicht-Privilegierten Situation befinden, abgesprochen wird, dass sie sich für Ihr Wohlergehen einsetzen können oder sollen.

Das ist im Folgenden nicht gemeint. Und warum die These „Kämpfen bringt nichts“ so nicht gemeint sein kann, dass möchte ich gern ausführen und klarstellen.

Ich nehme zwei heute typische Konfliktlinien, die sich an vielen Orten auf der Erde dauerhaft wiederholen und zu reproduzieren scheinen: A) Der Konflikt Management gegen Mitarbeiter und B) Der Konflikt (gender-normativ verstandene) Männer gegen (gender-normativ verstandene) Frauen.

Zunächst zum Problem in Unternehmen:

Natürlich hat die übliche Trenn- und Konfliktlinie zwischen „Management“ einerseits und „Einfachen Mitarbeitern“ andererseits für beide Seiten durchaus auch bequeme Aspekte.

Für „das Management“ muss es in klassisch organisierten Unternehmen ein Traum sein, eine Anweisung geben zu können, die dann einfach so und genau so befolgt wird, „wie sie gemeint war“. Das ist entlastend, es ist effizient und es kommt ohne irgendwelche menschelnd-psychologischen Erwägungen aus, denn es geht ja „allein um die Sache“.

Für „die einfachen Mitarbeiter“ ist es ziemlich bequem, wenn das heroisch im stillen Kämmerlein entscheidende Management sie mit vielen unternehmerischen Sorgen und Risiken gar nicht erst behelligt, indem viele Informationen „von oben nach unten“ nicht geteilt werden. „Man macht halt seinen Job“, geht nach Hause und hat ansonsten seine Ruhe.

Soweit die Theorie. Wir alle wissen jedoch, dass beides von den heutigen Realitäten in unseren Unternehmen himmelweit entfernt ist: Menschen, die sich in Management-Positionen wiederfinden, machen beinahe stündlich die Erfahrung, dass nichts so läuft und nichts so gemacht wird, wie sie sich das vorstellen und doch „klipp und klar“ angewiesen haben. Stattdessen schlagen sie sich ebenso stündlich mit Herausforderungen herum, die von der rein menschelnden Sorte sind. Diese Herausforderungen brauchen viel, viel Zeit. Zeit, die einzuplanen ebenso unmöglich wie lästig ist, weswegen es zwischen gut durchdachtem Management und nicht-vorhandener Führung täglich lautstark und ressourcenfressend knarrzt im Unternehmensgebälk.

Menschen, die unter „einfache Mitarbeiter“ laufen, machen derweil keineswegs die Erfahrung, dass ihre Arbeit ein „rundum-sorglos-Paket“ ist, innerhalb dessen sie nicht mitzudenken und sich auch sonst keine Sorgen zu machen brauchen. Allein ihr Einfluss auf und ihre Einsicht in Vieles, das ihre Arbeit und ihre Bedürfnisse unmittelbar betrifft, ist ihnen entzogen. Sie finden sich wieder in einer Ohnmachtsposition, in der sie Entscheidungen, die aus den Einsichten, die sie in ihrer täglichen Arbeit gewinnen, klar erkennbare Fehlentscheidungen sind, mit fatalistischem Augenrollen und innerlichem Stöhnen hinnehmen müssen. – Aber nichts davon offen äußern können, ohne eben „mit dem Management“ Probleme zu kriegen.

Die Arbeitsteilung zwischen Management und einfachen Mitarbeitern (ich lasse die Anführungszeichen im Folgenden weg, obwohl ich schon die Begriffe unnütz finde; beide) leistet also bei weitem nicht das, was man sich mal vorgestellt hat, als man diese Unterscheidung zwischen Menschen in Unternehmen eingeführt hat und dabei die einen der Weisung der anderen unterworfen hat („Hierarchie“): Beide Seiten haben Stress, der im Prinzip überflüssig ist. Beide Seiten halten aufgrund des Rollenzuschnitts und der Machtasymmetrie Informationen zurück, die für die jeweils andere Seite überaus wertvoll wären, um „ihren Job“ besser machen zu können. Und beide Seiten sind durch die Art der üblichen Unterscheidung in ihrer Kooperativität künstlich ausgebremst. Und das aus gutem Grund: Ein Manager, der offen „nach unten“ kommuniziert, erleidet persönlich ebenso unbequeme oder schmerzhafte Nachteile, wie ein einfacher Mitarbeiter, der offen „nach oben“ kommuniziert.

Und selbst dann, wenn das Arrangement zwischen Management und einfachen Mitarbeitern so funktionieren würde, wie es in der Theorie mal gedacht war, könnten wir Menschen auf beiden Seiten fragen: „Okay, es hat jeweils bequeme Aspekte für Euch. Das Management hat Machtmittel (Belohnen/Bestrafen) mit denen es die einfachen Mitarbeiter zu Laufen bringen kann (in der Theorie). Und die einfachen Mitarbeiter haben die Bequemlichkeit eines sicheren Jobs, bei dem sie sich über vieles keine Gedanken machen müssen, weil sie damit gar nicht behelligt werden (in der Theorie). – Aber bei aller Bequemlichkeit: Ist das wirklich die Art, wie wir miteinander arbeiten wollen, wenn wir es uns selbst frei aussuchen könnten? Mit all den Folgekosten, die uns dieses Arrangement verursacht? Wenn wir wirklich alles miteinrechnen, was das jeweils für uns bedeutet, wollen wir das dann genau so haben?“

Nun wird an dieser Stelle oft vorausgesetzt, Manager würden sich für die Fortsetzung der üblichen Formen entscheiden, während einige, aber nicht alle einfachen Mitarbeiter sich für das Experimentieren mit neuen Formen der Zusammenarbeit in Unternehmen entscheiden würden. Viele einfachen Mitarbeiter hätten eben gerne den sorglosen 9to5-Job. Und Macht ist ja immer gut, weswegen Manager niemals freiwillig auf die etablierten Machtasymmetrien verzichten und stattdessen ihre Privilegien und Pfründe bis auf’s Blut verteidigen würden.

So landet man im „Klassenkampf“ in Unternehmen.

Ausgeblendet werden dabei die gemeinsamen Interessen an alternativen Formen der Zusammenarbeit: Also dass es die Bequemlichkeiten auf beiden Seiten sehr wohl und sehr real gibt. Aber dass es bei Weitem mehr zu der Thematik zu sagen gibt. Ein Mehr, das Menschen auf beiden Seiten der vermeintlich roten Linie gute Gründe gibt, ein Interesse an der Veränderung der Formen unserer Zusammenarbeit in Unternehmen zu haben.

Nach meinen Erfahrungen leiden Menschen beiderseits jener merkwürdigen Linie Tag für Tag an jenem unguten Arrangement. – Und dass trotz solchen anhaltenden Leidens in den meisten Unternehmen keine Experimente gewagt werden, wie man die gemeinsame Arbeit jeweils unternehmensbezogen sinnvoller: weniger leidvoll organisieren kann, dass könnte uns zu denken geben. – Ich selbst glaube mittlerweile, dass die Gründe dafür gewissermaßen „unternehmensextern“ zu finden sind: In der Art, wie sich die meisten unserer Unternehmen finanzieren, und dass dadurch unternehmensfremde, externe Kontrollbedürfnisse „ins Unternehmen einwandern“, die das Management dazu zwingen, eben Management zu sein, und die einfache Mitarbeiter überhaupt erst zu solchen machen, d.h. die meisten Menschen in Unternehmen aus ihrer ansonsten natürlichen unternehmerischen Verantwortung verdrängen und dauerhaft heraushalten.

Das scheint jenen „Klassenkampf“ zu verlagern: Hin zu einer neuen „roten Linie“, auf der sich nun „Investoren und Eigener“ einerseits und „Mitarbeiter aller Hierarchieebenen“ andererseits wiederfinden.  – Wer diesen Kampf gewinnen würde und ihn auch heute faktisch täglich gewinnt, kann uns ebenfalls klar sein.

Darum kann es auch in dieser Beziehung schlichtweg nicht um „Kampf“ gehen, wenn wir Veränderungen und Fortschritte sehen wollen, „die uns Menschen dienen“.

Die Frage kann nur sein: Was sind die Nachteile, die – bei allen ebenfalls vorhandenen Vorteilen – das derzeitige Arrangement zwischen Unternehmenden und Geldgebern/Eignern für letztere hat? – Was wird für Geldgeber/Eigner eigentlich „besser“, wenn sie sich in ein partnerschaftliches Verhältnis auf Augenhöhe zu den Menschen in Unternehmen begeben, „die die eigentliche Arbeit machen“? Welche Interessen haben wir als Investoren und Unternehmenseigner an einer Beziehung zu jenen Menschen, die ja bereits heute faktisch unsere Partner sind, wenn es darum geht, „Unternehmen erfolgreich zu machen“?

Solange wir diese Fragen nicht beantworten, ja, sie uns noch nicht einmal stellen, weil wir vom „Kampf-Paradigma gesellschaftlichen Fortschritts“ hypnotisiert sind, solange werden wir in diesem Verhältnis keinerlei weiteren Fortschritte machen. – Innerhalb des Kampf-Paradigmas operieren wir nach meinen Einschätzungen nämlich bereits am Optimum. Weiter Fortschritte können nur außerhalb von „I win – you lose“ erzielt werden…

Nun zum noch heikleren „Geschlechterkampf“:

Dieses Thema gehört aus sehr persönlich-individuellen Gründen zu meinen Leib- und Magenthemen. Um niemandem damit zu sehr auf die Nerven zu gehen, lasse ich in diesem Text mal meine persönlichen Stakes bei diesem Thema raus. Wer darüber gern mehr wissen möchte, kann mich gerne dazu direkt fragen und wird dann auch in aller Länge und Breite von mir zu hören bekommen, warum gerade mich dieses Thema so ganz besonders bewegt.

Ich habe höchste Sympathie für alle Bemühungen, die der Gleich-Wertigkeit aller Menschen wirksame Anerkennung verschaffen. Ja mehr noch: Ich sehe meine eigenen Bedürfnisse davon positiv betroffen, wenn wir bei dieser Thematik Fortschritte erzielen können, weit über den derzeitigen Status quo hinaus!

Ich werde hier also niemanden mit meinen „zahlreichen homosexuellen Freunden“ behelligen, nicht mit meinen Erfahrungen mit einem Transgender-Jugendfreund von mir, nicht mit meiner eigenen einigermaßen wackligen sexuellen Identität, nicht mit meinen Problemen mit jenem Korsett, dass Björn Süfke „die Gebote traditioneller Männlichkeit“ nennt, nicht mit meinen Erfahrungen, die ich in intensiven Beratungsprozessen mit ca. zur Hälfte „Frauen“ und ca. zur Hälfte „Männern“ mache.

Stattdessen möchte ich hier meinen aufgestauten Frust rausschreiben: Frust darüber, wie wenig Empathie wir dafür übrig haben, was unser derzeitiges „Gender“-Konzept mit Menschen macht, die wir als „Jungen/Männer“ zu erkennen glauben.

Bei „gefühlten“ 75% aller feministischen Texte, die ich lese, ist von Empathie für Jungen und Männer nichts zu spüren. Wir kommen dort nur vor als die vom Gender-System privilegierten Menschen, die wir ja durchaus auch sind. Wir kommen nicht vor als jene vom gleichen System verkrüppelten und geknechteten menschlichen Wesen, die wir „so ganz nebenher“ auch noch sind.

Ich kann es durchaus nachvollziehen, dass man, wenn man sich in einer nicht-privilegierten Position befindet, wenig Empathie für diejenigen Menschen übrig hat, die einem als „die Folterknechte und Gewinner des Systems“ erscheinen. – Aber manchmal bin ich einfach müde darüber, dass wir über diesen Stand nicht hinauskommen. Denn diesen Stand: „Kampf der Geschlechter – Einer gewinnt, was der andere verliert“, den haben wir seit mindestens 100 Jahren bereits am Start. Mittlerweile, so meine ich manchmal, könnte klar sein, dass wir auch hier nur gemeinsam weiterkommen. Und gegeneinander keinen Millimeter mehr weiter kommen.

Wollen wir wirklich eine Gesellschaft, in der jedes menschliche Wesen von uns als gleich wichtig, als gleich viel wert, als gleichermaßen Potentialträger für alles mögliche wahrgenommen wird, so müssten wir alle gemeinsam den Schritt machen, dass „All-Empathie“ unsere Geschäftsgrundlage und Gesprächsbasis ist.

Denn das, was den Genderdiskurs mit seinem ermüdenden Geschlechterkampf mittlerweile mehr als alles andere limitiert, ist unsere Hartnäckigkeit, mit der wir alle gemeinsame und alle gleichermaßen den Jungen und Männern in unserer Gesellschaft unsere Empathie verweigern. Fatal ist diese unsere Hartnäckigkeit, weil wir von der „Lex TM“ zurechtgestutzten Männer dazu erzogen sind, Empathie weder zu geben, noch danach zu fragen. – Der Geschlechterkampf in seinen bisher üblichen Formen wiederholt dieses Muster leider einfach nur, statt mit ihm zu brechen:

Viele Männer, wenn sie „Männerbewegt“ sind oder gar „Maskulisten“, gehen reflexhaft in den Kampfmodus „gegen Frauen/Feministen“ und „verteidigen“ ihre Pfründe gegen die „Zumutungen der Gleichberechtigung, wo die Geschlechter doch offensichtlich in vielen Punkten verschieden sind, schon biologisch.“

Und viele Frauen, wenn sie sich für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse einsetzen oder gar „Feministinnen“ sind, fühlen sich von den unpassenden Formen, in denen wir Männer unser Unbehagen äußern, grundsätzlich angegriffen. So als könne es immer nur um die „Aufrechnung von Leid“ gehen: „Wir leiden aber mehr und seit Jahrtausenden – Also haltet einfach mal die Klappe! – (Nebentext: „Richtige Männer jammern übrigens nicht!)“.

Was mir bei dieser Form der Auseinandersetzung mit der Gender-Problematik völlig fehlt, ist „die menschliche Perspektive“: Wir sind alle Menschen. Wir leben auf einem begrenzten Planeten zusammen. Wir sind aufeinander und auf gute Kooperation und gute Beziehungen angewiesen. Wie schaffen wir das gemeinsam am besten? Wie können wir vorhandene Unterschiede zwischen uns, körperliche wie entwickelte, so benutzen, dass sie uns wechselseitig erfreuen und uns nicht in ein Korsett von falschen Begrenzungen, Verboten und gesellschaftlichen Unmöglichkeiten zwängen?

Darum möchte ich mich zur folgenden Behauptung versteigen: Der revolutionärste Akt, den „Feminismus“ heute leisten kann, ist der Akt, uns Männer in erster Linie als „ebenfalls unter Gender leidende menschliche Wesen“ wahrzunehmen.

Ist diese (offensichtlich gefährliche oder verbotene) Wahrnehmung nämlich einmal einen kleinen Türspalt weit geöffnet, so werden Männer wie Frauen entdecken, dass an dieser Annahme deutlich mehr dran ist „than is obvious for the eye“.

Heteronormativ zurechtgestutzte Männer leiden in unserer Gesellschaft mit ihren merkwürdigen Gender-Konstruktionen. Sie leiden nicht mehr als Frauen oder als Menschen, die neben ihrem Hauptberuf als Mensch, nebenberuflich die Eigenschaft haben, sich dem LGBT-Spektrum zuzurechnen. Sie leiden schlichtweg anders unter den Gender-Konstruktionen.

Und man könnte auch hier unter Aufgabe des Kampf-Paradigmas mal fragen, wo denn eigentlich die Win-Win-Chancen von Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen liegen können.

Bisher habe ich leider nur einen einzigen Menschen finden können, der diese Frage direkt und mit großem emotionalen Nachdruck stellt, den Männertherapeuten Björn Süfke nämlich.

Dass das befreiende Potential seiner Gedanken kaum wahrgenommen zu werden scheint, stimmt mich persönlich irgendwas zwischen nachdenklich, traurig, verzweifelt und stinkwütend.

Denn dieses verdammte Thema ist nun wirklich eines, dass „uns alle angeht“. Mehr noch: Dass uns allen bis ins Mark geht. Dass uns alle bis in die hinterletzten Winkel unserer Seelen und Körper verformt und begrenzt. Und damit auch „nebenher“ unsere Beziehungen zueinander völlig unnötig belastet und deformiert.

Ein Angebot aus der Position eines Privilegierten

Warum viele Frauen darauf bestehen, weiterhin den offensichtlich völlig ineffektiven „Kampf-Ansatz“ zu wählen, um ihre Möglichkeiten in unserer Weltgesellschaft zu erweitern und sich für die Wahrnehmung ihrer Bedürfnisse einzusetzen, kann ich mir folgendermaßen gut nachvollziehbar machen:

Da wir Frauen heteronormativ dazu zurichten, „immer empathisch sein zu müssen“ und „an sich zuletzt zu denken, wenn überhaupt“, ist es für Frauen ein revolutionärer Akt und Ausbruch aus der „für sie vorgesehenen Geschlechterrolle“, überhaupt in den Kampfmodus zu gehen; während der Vorschlag, „doch empathisch mit uns Männern zu sein“, bei ihnen daher sehr gut Reflexe in Richtung „dann sollen wir uns also wieder unterordnen, ja!?“ auslösen kann.

Sollte an dieser Annahme etwas dran sein, wäre mein Vorschlag an all die großartigen nicht-mehr-nur-lieben Frauen dieser unserer gemeinsamen Welt der Folgende:

„Liebe nicht-mehr-nur-liebe-Frauen, kämpft gerne weiter, setzt Euch gerne lautstark, mutig und von mir aus auch vogelwild für das ein, was Euch gerade wichtig ist. Aber zeigt uns deutlich, dass Ihr nicht „gegen uns“ kämpft, sondern dass ihr ein völlig veraltetes gesellschaftliches Konzept hinter Euch lassen wollt. Und deutet zumindest mal gelegentlich an, was für uns dabei so drin sein könnte, wenn wir uns dafür gewinnen lassen, „Feministen“ zu sein.

Natürlich könnt Ihr auch weiter darauf bestehen, „dass wir halt einfach das Recht haben“. Meine ganz pragmatische Frage wäre dann aber die nach den Erfolgsaussichten, in diesem Modus heute noch weiter Fortschritte zu erzielen. Denn Menschen, die sich bekämpft fühlen, leisten immer reflexhaft Widerstand, egal zu welcher Zeit, an welchem Ort oder in welchem gesellschaftlichen Kontext. Der „Ich wehre mich, wenn ich mich angegriffen fühle“-Reflex ist allgemeinmenschlich. Er ist älter und tiefer als jenes üble gesellschaftliche Konstrukt, dass wir wohl im Zuge unserer Sesshaft-Werdung und Ackerbauisierung erfunden haben.

Daher ist meine Frage, ob wir wirklich weiter „kämpfen“ wollen? Oder ob wir nicht langsam mal schauen wollen, wie wir gemeinsam zu neuen Umgangsformen, Lösungen und Institutionen kommen, in denen wir uns alle wohler fühlen als wir das heute tun in unseren gendermäßig zugericheten Häuten?“

Mein Angebot an „Frauen“ ist: Wir „Männer“ lernen wieder diejenige Empathie, die uns aberzogen wurde und wird (in beide Richtungen: Empathie zu geben und um Empathie zu bitten). Und meine Bitte an Euch ist: Klärt bitte unter Euch, was Ihr Frauen an „Euch Verbotenem“ dazu lernen wollt, von all dem, was Euch in Eurem frauenspezifischen Verformungsprozess aberzogen wurde. Und bitte teilt es uns dann in der Form einer Bitte mit, was ihr dabei von uns Männern gut brauchen könnt, wie wir Euch dabei unterstützen könnten, wenn wir wollten. Denn wenn Ihr uns darum bittet, sind wir deutlich offener dafür, wenn Ihr uns mitteilt, wie wir Euch bei Eurem Wohlergehen unterstützen können. Was wir lassen sollten, wenn wir Euch gerade unterstützen wollen. Was wir tun können, wenn wir Euch gerade unterstützen wollen. Beides eben als Bitte und nicht als Forderung.

Ich nehme an: Diese meine Bitten sind eine ziemliche Zumutung für Euch vor dem Hintergrund dessen, was Ihr mit uns Männern bisher alles erlebt habt und wie Ihr das „Rollenspiel“ mit uns bisher überwiegend erfahren habt. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur sagen, dass meine Zumutung zumindest nicht völlig grundlos ist:

Meine Zumutung geht hervor aus der Annahme, dass Bitten generell effektiver ist als Fordern, vor allem dann wenn wir entschieden sind, eine Gesellschaft von auch Gender-mäßig „freien Menschen“ erreichen zu wollen.

Bitten hat einen deutlich schlechteren Ruf als es verdient hat. Denn Bitten ist keine schwache Position. Bitten können wir auch mit Nachdruck, ohne Nachzulassen und ohne den geringsten Anteil von Kleinbeigeben. V.a. aber ist „Bitten“ ein Konzept, das aus dem eigentlich verheerenden Element aussteigt, mit dem wir die Kategorie „Geschlecht“ vergiftet haben. Traditionelle Männlichkeit, klassischer Hochstatus bittet nicht. Krieger bitten nicht: Sie bedrohen, sie nehmen es sich, sie fordern.

Der Kampfmodus ist immer ein Streit darüber, wer gerade die Hochstatus-Position einnehmen darf. Er kann daher niemals dazu führen, die Existenz von festgeschriebenen Hochstatus-Positionen in Frage zu stellen. Wer in den Kampfmodus geht sagt also – für alle Menschen gut verständlich: „Nun will ich mal oben sein (und Du sollst mal unten sein)“. Wer bittet, ohne nachzugeben oder sich dabei kleinzumachen sagt dagegen: „Ich mache Euch ein Angebot, dass wir beide in ein Spiel einsteigen, in dem es keine fixe Hochstatus-Position mehr gibt. Weder für Dich, noch für mich. Bock drauf? – Das Kampfspiel mache ich jedenfalls nicht mehr mit. Das Rattenrennen um ‚wer darf oben sein“ mache ich nicht mehr mit.“

Entschiedenes, starkes, selbstbewusstes Bitten und damit in Kontakt-Treten mit dem Anderen ist nicht nur die Haltung des „Gewaltlosen Widerstandes“, es ist noch viel mehr: Es ist ein aktives, produktives Angebot, es ist die Möglichkeit eines Einstiegs in ganz neuartige gesellschaftliche Spiele. Es ist Neugier und Innovation. Es ist Wagnis und Abenteuer. Es ist Spaß, es kann uns kitzeln, es ist Kommunikation at its best, getoppt vielleicht nur noch von einer Prise von gutem Humor.

Bitten ist gleich nach gemeinsam Lachen, Spielen und Tanzen die interessanteste Weise, in der wir Menschen uns miteinander verbinden können. Bzw. genauer: Wie wir interessante Verbindungen und Interaktionen miteinander aktiv einleiten und beginnen können. Daher ist Bitten auch so gefährlich. So risikobereich. Wer bittet, muss stark sein. Denn wer bittet agiert aktiv mit der eigenen Verletzlichkeit und Bedürftigkeit. Er sagt: „Ich bin stark genug, hier und jetzt auszuhalten, wenn Du hier und jetzt ’nein“ sagst zu dem, worum ich Dich gerade bitte. Ich bin stark genug, mit Dir in weitere Verhandlungen zu treten, meine Bitte zu modifizieren, so dass wir mit dem beginnenden Spiel mit uns mindestens beide gut leben können, wenn nicht sogar einen Riesenspaß miteinander haben…“

All das ist beim „Fordern“ und beim ihm verwandten „Kämpfen“ nicht gegeben. Beides sind Verhaltensweisen, die aus dem Gefühl einer inneren Schwäche hervorgehen. Eben genau aus dem Eindruck: „Ich halte ein „nein“ des Anderen hier und jetzt gerade nicht aus. Dafür bin ich nicht stark genug.“ – Fordern ist entgegen seinem Ruf und seinem Anschein eine Handlungsweise, die aus einer passiven, aus einer leidenden Haltung hervorgeht. Eine Position der Schwäche, mit der ich auch den anderen und meine Beziehung zu ihm vergifte, bis es uns beiden miteinander schlecht geht…

Sollte Euch, liebe und nicht-so-liebe Frauen dieser Welt an diesem meinem Anbieten und Bitten irgendetwas faul vorkommen, bin ich offen und  gespannt, davon in aller Ausführlichkeit hören zu dürfen. Denn dass in meinem eigenen Denken und Wahrnehmen keine blinden Flecken vorkommen, halte ich für ebenso unwahrscheinlich wie die Annahme, dass irgendein anderer Mensch keine blinden Flecken hat, dort, wo er grade steht, und wie er grade im Moment zu sein glaubt.

Mein Angebot an „Männer“ dabei ist: Lasst uns miteinander Empathie üben (wiederum: In beide Richtungen), auch wenn es uns schwer fällt, auch wenn es nervt und wenn es uns so erscheint als gäbe es „Abkürzungen zu guten Lösungen und guten Beziehungen“. Lasst uns jeden einzelnen verfickten Moment schauen, ob uns unsere Privilegien wirklich so viel Erfüllung bringen, wie uns immer vorgegaukelt wird. Oder ob es sich nicht um „goldene Käfige“ handelt, in denen unsere Seele über kurz oder lang ersterben muss? V.a. wenn es mal mit einem Leben als „Mann in freier Wildbahn“ vergleicht, also außerhalb des Gender-Korsetts, das uns in die Entscheidung hineinzwingt, „entweder auf sehr enge, tradtionelle Weise unseren Mann zu stehen oder ein wertloses Nichts zu sein.“ Freiheit ist was anderes. Ein wirklich freiheitsliebender Mann wird sich daher niemals in das Korsett der traditionellen Männlichkeit hineinzwingen lassen. Er wird zur Tat schreiten und sich auf die Suche machen. Auf die Suche nach neuartigen Wegen. Nach Lösungen für sein Problem, wie er heute Freiheit leben kann. Wie er gute, erfüllende Beziehungen zu anderen Menschen eingehen kann, in ihrer ganzen Vielfalt und in ihrem ganzen Reichtum, den unsere heutige Gesellschaft zu bieten hat. Nicht ausbeutend, sonden teilhabend und beitragend. Ich glaube, die meisten von uns Männern wünschen sich genau das.

Was uns bisher dazu fehlte, war etwas „klassisch männliches“: Klarheit, Bewusstheit, Entschiedenheit, Mut. Ich persönlich treffe in den letzten Jahren zunehmend mehr Männer, bei denen es lächerlich wäre, ihnen diese Verhaltensweisen abzusprechen. Oft sind das keine strahlenden, unbezwingbaren, fehlerfreien Helden. Sondern es sind Menschen aus Fleisch und Blut, die dabei sind zu lernen, für sich und ihre Bedürfnisse einzustehen, ohne dabei den meisten anderen Menschen um sie herum Schaden zuzufügen. Männer, die erfüllte, positive Beziehungen entschieden wollen. Auch wenn sie oft noch nicht in jeder Situation zu 100% wissen, wie sie das anstellen können. Männer, die dabei sind zu lernen, eine gewaltige, eine beunruhigende, eine wirklich unangenehme innere Unsicherheit auszuhalten, statt sie durch äußeres Kurzschluss-Handeln wegzumachen und wegzudrücken. Männer, die für sich Experimente in diese Richtung machen, treffe ich immer häufiger. Ich denke auch, dass nichts und niemand einen Mann daran hindern kann, sich auf diese seine ganz persönliche Reise zu machen, wenn er das will. Sie wird bei jedem von uns anders aussehen. Wir werden unseren Weg dabei kreuzen, wir werden einander dabei manchmal eine Weile begleiten. Und ja, klar werden wir uns dabei auch manchmal widersprechen, uns miteinander zoffen, und – in alter Gewohnheit – miteinander wetteifern und konkurrieren. Aber wir werden uns dabei auch ganz sicher verändern: Auf selbstbestimmte Weise, nicht weil andere von uns das wollen. „Emanzipiert“ ist heute ein Mann, wenn er sich auf den Weg macht, für sich herauszufinden, was ihm wirklich gut tut, unabhängig von den Erwartungen der traditionellen Männlichkeit. Und unabhängig von den Erwartungen der Menschen um ihn herum, gleich welchen Geschlechts diese zufällig sind.

Ich kann auch sagen, was ich glaube, dabei ganz persönlich zu gewinnen zu können. Aus welcher Motivation heraus ich solche Bitten äußere und Euch solche Angebote mache: Freiere Beziehungen nicht nur bei mir, sondern bei all den Menschen um mich herum. Strahlendere Gesichter und Körper, „in denen die Seele offensichtlich Lust hat zu sein“. Drastisches Zurückgehen von Süchten und Ersatzhandlungen. Mehr Neugier, mehr Freude, direkter ausgetragene Konflikte. Ein Leben in einer „Gesellschaft für freie Menschen“ eben. – Das wäre schön für mich und das halte ich für durchaus erreichbar für uns. Und dafür bin ich bereit, mir einiges zuzumuten und einiges zu tun, dass mir persönlich schwer fällt, weil ich Angst habe oder zu bequem oder weil mir eingeredet habe „ich kann das nicht“.

Auf mein persönliches Wohergehen werde ich dabei genauso schauen wie auf das Wohlergehen der Menschen um mich herum. Ich habe weder Lust, mich selbst zu einem Opfer zu machen. Noch habe ich Lust, mich anmachen zu lassen für etwas, worunter ich selbst leide. Dafür müsste man auch mir ein deutlich attraktiveres Beziehungsangebot machen als das Angebot, zwischen „parnter in crime“ und „partner in war“ wählen zu müssen.

Berater-Illusionen

Steve de Shazer wird das Bonmot zugeschrieben, nach dem er „sich in die Ecke setze und abwarte, bis der Anfall vorbei sei“, wenn er in Beratungsprozessen, „Hypothesen habe.“

Nun neige ich nicht sonderlich zur lösungsorientierten Schule (eher im Gegenteil), noch glaube ich, dass es überhaupt möglich ist, „ohne Hypothesen zu agieren“. Hypothesen darüber, was gerade passiert, kommen und gehen in Beratungen. Eine sinnvolle Frage ist wohl eher, wie hartnäckig man als Berater an Hypothesen festhält, wenn der Kunde auf das, was man tut, nicht ganz so reagiert, wie von einem als Berater beabsichtigt…

Also: Kann ich meine superschlaue Hypothese dann aus „situativer Erfordernis“ loslassen oder mach ich einfach am Kunden vorbei weiter, weil ich selber gerade akut von ihr geradezu besessen bin? Höre und sehe ich die Signale noch, die der Kunde mir rüberschickt? Nehme ich seinen Ärger, sein Desinteresse, seinen Frust, seine Einschüchterung noch wahr, die sich bei ihm immer stärker zeigen, um so länger ich bei meiner heißgeliebten Hypothese bleibe?

Ungünstige Vorprägungen und überraschende Selbsterfahrungen als Berater

Ich bestreite jetzt etwas mehr als 10 Jahre meinen Lebensunterhalt mit Beratungs-Tätigkeiten. Ich habe die üblichen Ausbildungen und Zusatzausbildungchen absolviert (macht sich gut in Profilen und kann man noch besser von der Steuer absetzen). Ich war mit bisher 5 Institutionen/Unternehmen relativ fest verbandelt als Berater und hatte entweder hauptsächlich oder nebenher immer auch reine Auftragstätigkeiten. In allen Kontexten war ich darauf angewiesen, „meine Kunden abzuholen“, also von meiner Kompetenz und meinem Wohlwollen zu überzeugen, sie dazu gewinnen, „mit dabei zu sein“ im Prozess, auf sie und ihre Einwände einzugehen und in kurzer Zeit relativ weitreichende und nachhaltige Veränderungen in ihrem Handeln auszulösen.

Dabei hat mich wenig so beeinflusst, wie der kleine Nebenumstand, dass ich „zufällig“ Philosophie studiert habe und dass ich „anderen Menschen gerne die Welt erkläre“. Um das Ausmaß meiner diesbezüglichen pathologischen Neigungen zu verdeutlichen, reicht es vielleicht aus, darauf hinzuweisen, dass ich zu jenen Vätern gehöre, die begeistert waren, als ihr Kind in der „Warum-Phase“ war. Frei nach dem Motto: „Endlich fragt mich mal einer!“ – Seltsamerweise fragt mich mein Sohn mittlerweile nur noch selten. Dafür erklärt er mir nun oft selber wortreich und begeistert die Welt. Ein Vorgang, der mich jedes Mal etwas bedröppelt zurücklässt und oft auch mit offenem Mund dastehen lässt. – Woher diese professoral-naseweis-klugscheißerischen Neigungen meines Sohnes kommen, ist für mich völlig rätselhaft…

Anders als mein Sohn sind meine Kunden zu meinem großen Erstaunen in der Regel überaus offen und positiv gegenüber meinem Hang zu „Ich-erklär-Dir-mal-Deine-Welt, Kleine(r)“. Rein beratungstechnisch betrachtet sind solche Reaktionen eher unwahrscheinlich. Bzw. sollten sie mich als Berater einigermaßen misstrauisch machen, ob sich nicht hier gerade an mir eine „schmeichlerische Verführung“ durch den Kunden vollzieht oder ob meine Kunden mich dadurch einfach nur zum Schweigen zu bringen versuchen, indem sie Zustimmung und Begeisterung heucheln und mir so elegant den Wind aus den Segeln nehmen. – Möglicherweise handelt es sich auch um Effekte, die einfach nur deswegen möglich sind, weil die meisten meiner Beratungssettings Kurzzeitberatungen sind, in denen Ermüdungserscheinungen über belehrende Konzeptvermittlungen gar nicht erst auftreten können… …Im Grunde ist es aber so: Ich weiß schlicht nicht, was da eigentlich genau vor sich geht. Ich weiß nur, dass es mir Spaß macht, was ich da tue, und dass meine Kunden recht zufrieden zu sein scheinen, selbst dann, wenn ich nicht nur auf den Inhalt ihrer Worte höre, sondern vor allem auf ihre Körpersprache achte.

Damit kommen wir aber zu einem wichtigen Punkt, bei dem ich nicht weiß, ob ihn andere inhaltsfixierte Berater mit ähnlichen pathologischen Neigungen wie meinen eigenen, überhaupt auf dem Schirm haben. Ich benenne diesen Punkt mit einem neumodischen Begriff, der derzeit die Runde macht und der für mich viel Sinn macht, nämlich mit dem hübschen Wort: „Aufmerksamkeitökonomie“.

In diesem Fall geht es mir um die Aufmerksamkeitsökonomie von mir als Menschen, der „professionell berät“, d.h. einem Menschen, der nicht nur hin und wieder in einer „beratenden Rolle“ ist, sondern ständig; und das gegenüber Menschen, die höchst unterschiedliche Backgrounds, Lebenskonzepte, Situationen Probleme und Möglichkeiten haben. Was – by the way – meinen Job anhaltend spannend macht; selbst für jemanden, der sich so schnell langweilt, wie ich das gerne tue.

Möglicherweise mache ich mir da so richig schöne Illusionen: Aber natürlich halte ich mich für einen recht aufmerksamen Menschen – zumindest während meinen Beratungen; was meine Frau Ihnen da über mich zu erzählen hätte, geht möglicherweise in eine völlig andere Richtung…

Und ich kann mir mein positives Selbstbild von mir als einem „überaus aufmerksamen Berater“ auch sehr überzeugend rationalisieren: Nachdem ich in meinen jungen Jahren wenig Geborgenheit, dafür aber oft Bedrohtheit empfunden habe, neige ich zu einer gewissen sozialen Paranoia, die sich liebevoll als „erhöhte Aufmerksamkeit für das, was in anderen Menschen vor sich geht“ umschreiben lässt. – „Zeige Deine Wunde“ sagte Joseph Beuys. „Mach aus Deinen Wunden ein Business“ sagte mir meine Intuition. Und, wie bereits angedeutet: Das scheint ganz gut zu funktionieren, sowohl für meine Kunden, wie auch für mich selber.

Trotz all meiner (möglicherweise vermeintlichen) Aufmerksamkeit für die vielen Nuancen, „Zwischen-den-Zeilen-Botschaften“, Hintergründigkeiten und blinden Flecken meiner Kunden gelingt mir jedoch eins niemals: Mit meiner Aufmerksamkeit bei meinen welterklärenden Konzepten zu sein und gleichzeitig mit meiner Aufmerksamkeit bei meinen Kunden zu sein. Ich kann mein Bewusstsein hin- und her wandern lassen und oft muss ich aufpassen, dass ich über meine Berater-Schallplatten und meine Begeisterung für „das Verfassen der Gedanken beim Reden“ immer mal wieder zu meinen Kunden und ihrer momentanen Bewegtheit zurückkehre. Aber ich schaffe es nicht, nicht mal ansatzweise, „an beiden Orten gleichzeitig zu sein“. Ich mag zwar den „View from above“ lieben, die großen Übersichten, Metapositionen, die vielen möglichen Vogelperspektiven. – Aber so weit geht meine Hybris dann doch nicht, dass ich mich für Gott halte, der, so hört man von Theologen, mit seinem Bewusstsein auf Mehrereres zugleich fokussieren könne. Allgütig, allmächtig, allwissend? – Ja, vielleicht. Aber „Allaufmerksam“? – Da steigt mein armes kleines brain dann doch aus…

Kognitive Dissonanz

Besonders drastisch kommt das Phänomen der sehr begrenzten Berater-Aufmerksamkeitsökonomie zum Tragen, wenn man in Beratungen im provokativen Modus unterwegs ist, einer Beratungs-Haltung, für die ich mich seit etwas mehr als 2 Jahren begeistere, und die – zumindest nach meinem Erleben – die vergleichsweise schnellste unter vielen möglichen tollen Formen ist, mit denen man als Berater nachhaltige Veränderungen bei Kunden auslösen kann.

Der provokative Stil setzt sehr bewusst und gezielt das Mittel der „Kognitiven Dissonanz“ ein: Also das, was wir im Alltag, wenn es unbewusst auftritt, als absoluten Vertrauenskiller erleben, wenn nicht als schweres moralisches Defizit. Geübte beratende Provokateure wie Frank Farelly, Noni Höfner oder Charlotte Cordes bombardieren ihre Kunden verbal mit so ziemlich dem genauen Gegenteil von dem, was sie in Wirklichkeit über die Kunden, ihre Probleme und mögliche Lösungen denken. Sie tun das, während sie gleichzeitig auf der körperlichen Ebene alle möglichen Signale der Annahme, des Einverständnisses und der Sympathie senden. – Dieses Vorgehen setzt voraus, dass man selbst an Menschen etwas Sympathisches finden kann, die es mit großer Energie darauf anlegen, von allen anderen gehasst und/oder verachtet zu werden, einschließlich von sich selbst. – Der Effekt dieses „provokativen“ Vorgehens ist, wenn es einigermaßen sicher gehandhabt wird, dass es in solchen Beratungen so gut wie immer recht humorvoll zu geht, und die Augen dabei sehr selten trocken bleiben. Meist vor Lachen.

Dieser professionelle Einsatz von „Kognitiver Dissonanz“ ist nach meinem Erleben neben dem, dass er auch dem Berater selbst seinen Beruf sehr versüßen kann, relativ anspruchsvoll und gelegentlich auch ziemlich anstrengend. Zumindest für leidenschaftliche Welterklärer und geborene Gscheithaferl wie mich. – Und diese Anstrengung hat nach meinem Dafürhalten viel mit der bereits erwähnten „Aufmerksamkeitsökononmie“ zu tun: Es ist ziemlich anstrengend, bei seinen Beratungskonzepten und Weltbildern zu bleiben und gleichzeitig das Husarenstück zu vollbringen, noch mitzukriegen, was gerade in einem selbst als Berater vor sich geht, was gerade zwischen den Zeilen beim Kunden vor sich geht und wie sich das, was er verbal kommuniziert, von dem unterscheidet, was „sein Körper sagt“ – und das dann auch noch spontan mit oft hohem Körper- und Gefühlseinsatz in zielsichere Beratungs-Interventionen zu überführen, die für den Kunden in seiner ebenso aktuellen wie speziellen Situation hilfreich sind.

Menschen, die ihre Oberlehrergewohnheiten einigermaßen im Griff haben oder sich klugerweise gar nicht erst welche zugelegt haben, haben es leichter mit dem provokativen Stil in der Beratung. Sie finden in der Regel auch eher Geschmack daran, ihren Kunden zu lassen und zu kitzeln, ihren Kunden zu mögen und ihm das auch zu zeigen und ihn dennoch mit verbaler Fiesheit genau dort konsequent zu piesacken, wo „es einfach dran ist“ und wo es ihm zu Gute kommt.

Bin ich so blöd? Oder „die anderen“? Oder ist es doch ganz anders? – Ich weiß es nicht!

Möglicherweise ist das aber auch einfach nur eine sehr persönliche Grenze von mir. Denn wenn ich mir anschaue, wie hartnäckig sich viele meiner Berater-Kollegen an ihre mentalen Konzepte klammern, so lässt das nicht gar so viele Schlüsse zu, wenn ich das mit meinen eigenen Erfahrungen in Beratungsprozessen abzugleichen versuche

1. Entweder meine Berater-Kollegen haben im Bereich Aufmerksamkeitsökonomie Ressourcen, von der ich selbst höchstens nachts feuchte Berater-Träume haben kann.

2. Oder sie tun sich wesentlich leichter als ich, zwischen ihren Hypothesen und dem, was bei ihren Kunden gerade so alles emotional los ist, hin und her zu springen.

3. Oder sie haben schlicht und einfach keine Ahnung, dass es überhaupt so etwas gibt wie Fallstricke inhaltlicher Fixierungen von Beratern während Beratungsprozessen.

Nur im letzteren Fall wäre es so, dass viele Berater einen Ozean-großen Blinden Fleck dort haben, wo ihre eigene Aufmerksamkeitsökonomie während ihren Beratungen zu finden ist. Nur dann wäre es so, dass viele Berater glauben, es sei kein Problem, wenn sie ihre Kunden über Totquatschen mit schlauen Wörtern und Vollballern mit virtuosen Graphen beeindrucken, während sie gleichzeitig gar nicht mitkriegen, was in den Kunden innerlich, körperlich, emotional so alles vor sich geht.

Nur dann wäre es so, dass viele Berater vor sich selbst geschickt verbergen, dass sie ihre mentalen Konzepte selbst größtkalibrig in die Systeme ihrer Kunden hineinschießen können: Solange der Kunde nicht selbst als aktives, selbsterschaffendes Wesen verstanden wird, werden sie als Berater es gar nicht mitkriegen, wie geschickt ihre Kunden ihren wundertollen Beratungsgeschossen auszuweichen verstehen. Nur dann wäre es so, dass ein Verhältnis umgekehrter Reziprozität zwischen dem besteht, für wie schlau ein Berater sich hält, und für wie blöd, unfähig oder pathologisch er seine Kunden hält. Nur dann wäre es so, dass viele Berater nicht mehr mitbekommen, wie findig, ressourcenreich, aktiv und selbstbestimmt ihre Kunden auch noch während schwerwiegendster Problemtrancen und leidenschaftlich performter Opferhaltungen sind.

Dann und nur dann wäre es so, dass ganze Heerscharen von Beratern sich innerlich auf die Schulter klopfen und zu sich selbst sagen „Das war aber gerade ein guter Prozess!“, während sie soeben von ihren Kunden mit allen Mitteln der Kunst an der Nase herumgeführt wurden. Dann wäre es so, dass ihre meisten Kunden wesentlich kompetenter und – aus „gefühlter Not“ – auch wesentlich hinterfotziger sind als die meisten Berater in ihrer Blauäugigkeit annehmen. Dann wäre es so, dass die meisten Kunden wesentlich beratungsschlauer sind als die meisten Berater, die in ihren konzeptionellen Selbst-Befriedigungen vor dem Kunden als Zuschauer und Konsumenten gar nicht mitbekommen, welches Spiel gerade im Hier- und Jetzt gespielt wird (im sogenannten „Beratungssystem“ nämlich). Dann wäre es so, dass Kunden die natürliche Eitelkeit und Unsicherheit ihrer Berater virtuos dazu benutzten, sich in der Beratung geschickt an genau den Themen und Aktivitäten vorbeizumogeln, die sie beängstigen, weil sie ihnen als allzu mühevoll oder schmerzhaft erscheinen. – Zum Nachteil der Kunden und der bei ihnen möglichen Veränderungen. Und vielleicht sogar in irgendeiner Hinsicht zum Nachteil der Berater.

Wie gesagt: Ich weiß es nicht. Denn ich kann ja nur von dem sprechen, was ich selbst in Beratungsprozessen zu erleben glaube…

…Und Verallgemeinerungen von individuellen Eigenerfahrungen muss man ja immer mit Vorsicht genießen.

 

 

 

Authentizität und alltägliches Schauspiel

Was Beziehungskommunikation angeht, scheinen sich zwei Positionen einander unversöhnlich gegenüber zu stehen: Eine Ermutigung zur Authentizität, „ganz man selbst zu sein“, sich zu öffnen, sich zu zeigen einerseits. Und eine Ermutigung zu Rollenverhalten oder zu einem Spiel mit Rollen andererseits, die sich gut in die Formel des Buchtitels „Wir spielen alle nur Theater“ von Erving Goffmann fassen lässt.

Aber möglicherweise handelt es sich bei der Annahme, dass das ein Widerspruch sei, um ein weitgehend unnötiges Missverständnis. Hat man den Provokativen Kommunikationsstil und die Grundannahmen der Provokativen Therapie vor Augen, so muss man in der Frage „Authentizität – ja/nein“ entweder noch verwirrter sein als ohnehin schon. Oder man kommt zu dem Schluss, dass das wohl doch irgendwie vereinbar sein muss. Denn das, was begabte provokative Berater und Therapeuten, und ja: auch Alltagsprovokateure tun, ist ganz offensichtlich Schauspielkunst einerseits und durchaus authentisch andererseits. Nicht umsonst spricht Noni Höfner, die den provokativen Stil in Deutschland bekannt gemacht hat, davon, dass es einer der Vorzüge der provokativen Kommunikation ist, dass man dabei viel Professionalitäts-Begrenzungen weglassen kann und auch in der Rolle „wieder Mensch ist“.

Das wirft uns auf die Frage, was das eigentlich sein soll: „Authentizität“? – Geht es um das zeigen und den Ausdruck unseres „wahren Wesenskerns“? – Das setzt voraus, dass es so etwas überhaupt gibt. Ich persönlich bin kein Freund dieser Annahme. – Oder geht bei Authentizität darum, dass man seinen ungefiltert Ausdruck verleiht, etwa so wie das ganz kleine Kinder oder Tiere zu tun scheinen? – Das ist offensichtlicher Unsinn, denn wenn wir unser Erwachsenen-Ich und sein komplexes „Management“ unserer verschiedenen Gefühle und Bedürfnisse über Bord werfen, wirken wir nicht „authentisch“, sondern eher aufgesetzt, künstlich. – Oder sind wir dann authentisch, „wenn alle Verstellungen fallen“, also z.B. unter Alkoholeinfluss oder unter dem Einfluss anderer Drogen, die unseren Neocortex beeinträchtigen und „Hemmungen abbauen“? Zeigen wir da „unser wahres Ich“?

Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber für mich ist „Authentizität“ etwas ganz anderes, wenn denn der Begriff irgendetwas bedeutet, was wir in vielen Situationen eher positiv bewerten: Jemand ist in gutem Kontakt mit seinen Gefühlen und zugleich mit den Gefühlen anderer Menschen, die mit ihm in einem Raum sind. „Authentizität“ ist – zumindest wenn wir nach unserem verbreiteten Sprachgebrauch gehen – eine soziale Kompetenz. Wir merken das daran, dass es wenig Sinn zu machen scheint, über jemanden, der gerade allein ist, zu sagen, er sei authentisch. „Authentisch“ nennen wir gewöhnlich weder Menschen, die ihr Bewusstsein ausgeschaltet oder gedimmt haben (also sich z.B. „das Hirn weggesoffen haben“). Noch nennen wir Menschen so, die sich ihrer gegebenen Gefühle nicht bewusst sind. Dieses Bewusstsein geht nach meinen Erfahrungen aber meist mit einem Bewusstsein auch für die Gefühle der anderen Menschen einher, mit denen man Raum und Situation teilt.

Das aber schließt gezieltes Schauspiel nicht aus. Wir spielen ohnehin die ganze Zeit miteinander – Die Frage scheint viel eher zu sein, ob wir diesen Umstand „gezielt vergessen“ oder ob uns dieses Spiel zu sehr in eine anstrengende Ernsthaftigkeit entgleitet. Letzteres scheint uns Erwachsenen all zu oft zu passieren, zumindest wenn man nach Frank Farrelly, dem Erfinder des provokativen Stils geht.

Das führt uns zu einer paradoxen Aussage: Wenn wir vergessen, dass wir gerade schauspielen, und damit auch: Dass wir schauspielen können, dann wirken wir ebenfalls unauthentisch. Authentizität scheint schlichtweg in einem merklich bewussten Umgang mit menschlichen Gefühlen zu bestehen, eigenen wie fremden.

Was ist aber mit „Manipulation“? Wir können uns als Menschen ja ganz offensichtlich „verstellen“! Wir können „unsere Absichten verbergen“ oder „unsere wahren Gefühle“! – Nicht von ungefähr fühlen wir einen großen Vertrauenverlust, wenn wir den Eindruck haben, jemand habe uns etwas vorgemacht, um etwas von uns zu bekommen, was wir ihm sonst nicht gegeben hätten.

Hier hilft uns bei der Klärung erneut der Rückgriff auf den provokativen Kommunikationsstil: Interessanterweise ist der provokative Stil einerseits ganz offensichtlich hochmanipulativ; er nutzt, wenn er kann, die ganze Bandbreite der gefühlsauslösenden Verhaltenspalette. Andererseits nimmt „das Opfer“ solcher Manipulation diese Manipulation höchst selten übel. – Wie kann das sein? Wo liegt der Unterschied?

Möglicherweise ist auch dieser Widerspruch leichter aufzulösen als wir oft glauben: Der geschickte Betrüger, der einen anderen über den Tisch zieht, hat seinen eigenen Vorteil im Sinn. Er „spielt“ ernst: Er will etwas bekommen und dem anderen etwas nehmen. Er spielt, wenn man das noch Spiel nennen will, kein kooperatives Spiel. Einer gewinnt, einer verliert. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich um einen Vertriebler handelt, der ein in Wahrheit nutzloses oder mangelhaftes Produkt „verkauft“, oder um eine Führungskraft, die ihren Mitarbeitern Kündigungspläne verheimlicht, die längst beschlossen sind, oder um unsere Schauspielleistungen im Rahmen von frustrierenden und ermüdenden Kennenlernprozessen, z.B. beim Dating oder in Vorstellungsgesprächen.

Der Nutzer des provokativen Kommunikationsstil schauspielert zwar ebenfalls, was das Zeug hält, aber er spielt ein kooperatives Spiel: Er verbündet sich nicht mit den Ängsten, Verletzungen und Schwachpunkten seines Spielpartners, sondern gerade mit seinen Ressourcen, Stärken und seiner Handlungsfähigkeit. Einer Handlungsfähigkeit, die der andere oft hinter einer eingeübten Opferhaltung vor sich und anderen versteckt, und die aufgrund der provokativen Kommunikation emotional kostspieliger in der Aufrechterhaltung wird. – Am Ende einer „erfolgreichen Provokation“ steht daher der Eindruck, dass sich der provozierte Spielpartner vor der Provokation selbst „unauthentisch“ verhalten hat und sich selbst zum eigenen Nachteil ein ungutes Schaustück geliefert hat.

Es gehört zu den Grundannahmen der Anwender des provokativen Stils, dass alle Menschen begnadete Schauspieler sind. Und dass wir beinahe immer schauspielen. Die meiste Zeit, ohne es zu bemerken. Die meiste Zeit glauben wir, „wir sind so“ (Entsprechend lautet ein schöner Buchtitel von Noni Höfner: „Glauben Sie ja nicht, wer Sie sind!“). Gehen wir nach den Erfahrungen in der provokativen Beratung können wir daher sagen: „Authentisch“ sind wir in den seltenen Momenten, in denen wir uns unserer ständigen Schauspielerei bewusst ist. – Und dieses Bewusstsein unserer ständigen Schauspielerei durch Humor für uns und unsere Mitspieler sehr gut erträglich oder sogar lustvoll ist.

„Authentizität“ ist dann ein gerade ein Aufbruch in neue Verhaltens-Möglichkeiten, indem in solchen Momenten sich die „emotionalen Ladungen“ von bestimmten Verhaltensweisen lösen, auf die wir uns fixiert haben. Wenn andere Menschen merken, dass wir gerade lustvoll und selbstbestimmt mit unserem Verhalten spielen und sie offen in dieses Spiel miteinbeziehen, gerade dann bezeichnen sie uns oft als „authentisch“.

Ich weiß allerdings nicht, ob dieses Verständnis von „Authentizität“ auch für Menschen Sinn macht, die derzeit noch wenig Erfahrungen mit liebevoller und humorvoller provokativer Kommunikation haben.

Unsere offene Gesellschaft und ihre Freunde

Vor dem Lesen dieses Artikels habe ich eine Bitte: Einmal in die folgenden 10 Minuten des Vortrags von Vera F. Birkenbihl reinzuhören. Es ist dann wahrscheinlich deutlich leichter nachzuvollziehen, warum ich beim Thema „Offene Gesellschaft“ überhaupt den Wunsch habe, über „Männer und Frauen“ zu sprechen.

Es gibt benennbare Gründe, warum weltweit Männer gegen eine Offene Gesellschaft kämpfen. Und es gibt ebenfalls benennbare Gründe, warum auch Frauen derzeit deutlich weniger haben von der überaus wünschenswerten Entwicklungen in Richtung einer immer Offeneren Gesellschaft. Deutlich weniger als prinzipiell möglich wäre.

Wir haben da ein veritables Lose-Lose-Spiel am Start. Und die Frage ist, ob wir dieses erbärmliche Spiel wirklich bis in alle Ewigkeit zusammen weiterspielen wollen. Oder ob uns dieses Spiel nicht mittlerweile durchaus schon so weit zum Hals heraushängt, dass wir stattdessen lieber gemeinsam neuartige Spiele entdecken wollen. Selbst wenn (oder weil?) uns das eine abenteuerliche Angst macht…


Ich möchte im Folgenden nicht von „Männern“ und „Frauen“ sprechen, sondern stattdessen davon, wozu wir derzeit Menschen erziehen, die von ihrer Erscheinung her entweder dem einen oder anderen Geschlecht zugeordnet werden. – Von jenem normativen Ideal zu sprechen, ist etwas deutlich anderes als davon „wie Männer sind“ oder „wie Frauen sind“. Ich möchte dafür argumentieren, dass unsere momentanen Erziehungsformen, ja möglicherweise „Erziehung“ überhaupt etwas ist, dass uns unser Zusammenleben in einer offenen Weltgesellschaft deutlich schwerer macht als wir es haben könnten – Dabei gehe ich davon aus, dass unser Zusammenleben auch dann, wenn wir mit unserem Unterlassen von Erziehung erfolgreich sein sollten, immer noch schwer genug sein wird, um für uns spannend zu sein. 😉

Wenn ich behaupte, dass geschlechtsspezifische Erziehung uns unser Zusammenleben in einer offenen Gesellschaft deutlich schwerer macht als nötig, so wirkt das möglicherweise zunächst wie eine dreiste Behauptung, die entweder nicht belegt ist oder generell schwer zu belegen ist. Also wie ein „purer Glaube“ oder „eine Ideologie“. Ich glaube aber Gründe liefern zu können, die den Zusammenhang zwischen beiden Phänomenen klarer machen. Diese Gründe haben die Form einer Klärung, was wir denn unter „schwer/leicht in einer offenen Gesellschaft“ verstehen können. Und einer Klärung, was wir unter „geschlechtsspezifischer Erziehung“ verstehen können.

Ich beginne mit der Klärung der Frage, was wir unter „geschlechtsspezifischer Erziehung“ verstehen können. Und ich beginne willkürlich bei der „Erziehung zu Männern“, wahrscheinlich weil ich von dieser Erziehung unmittelbar betroffen bin, während ich die Folgen der „Erziehung zu Frauen“ nur mittelbar kenne.

Dabei ist wohl jedem klar, dass es weder Männern egal sein kann, in welcher Weise Mädchen spätestens von Geburt an zurechtgestutzt werden, noch Frauen egal sein kann, in welcher Weise Männer spätestens von Geburt an zurechtgestutzt werden. Es hat für uns alle recht weitreichende Folgen, wenn wir uns in Gesellschaft auf ein jeweils kollektives Unvermögen einzustellen haben. Und es hat Folgen für die Möglichkeit und Unmöglichkeit bestimmter Gesellschaftsformen und unsere Möglichkeiten, in ihnen Befriedigung zu finden.

1) Wozu wir derzeit Menschen erziehen, die wir als „Jungen/Männer“ betrachten

Zu diesem Thema könnte ich einen ganzen Roman schreiben. Glücklicherweise haben Autoren wie Björn Süfke, Steve Biddulph und andere dazu bereits auf eine solch empathische Weise geschrieben, dass ich an diesem Roman gut vorbei komme.

Worauf ich besonders hinweisen möchte, ist ein Kernpunkt unserer Erziehung von Jungen zu Männern: Wenig Empathie zu geben und wenig Empathie zu erwarten.

Diese Zurichtung menschlicher Wesen macht dann viel Sinn, wenn wir davon ausgehen, dass wir als Gesellschaft dringend Massen von emotional abgestumpften, eigene Bedürfnisse vernachlässigenden Soldaten brauchen, die zu ihrer Verhaltenskoordinierung auf Regeln, Rangfolgen und Hierarchien zurückgreifen.

Sollten wir aber der Meinung sein, dass wir heutzutage diesen gesellschaftlichen Bedarf nicht mehr haben, sollten wir uns fragen, was wir uns mit dieser Form von Jungen/Männer-Erziehung eigentlich antun.

Es gibt gute Gründe, Gefühle als körper-interne Informationen darüber aufzufassen, ob menschliche Bedürfnisse erfüllt oder unerfüllt sind. Wird über eine Form von selbst-entfremdender Erziehung die Fähigkeit minimiert, Gefühle bei sich selbst wahrnehmen zu können, so hat das folgende absehbaren Effekte (die wir zugleich an uns und unseren Mitmännern sehr gut wahrnehmen können, wenn wir noch etwas bei Sinnen sind):

  • Menschen, die zur Gefühl-Abspaltung erzogen wurden, sind orientierungslos. Sie sind zwar programmiert, „immer zu marschieren“. Fragen nach dem „Wohin“ des Marschierens machen aber für sie selbst kaum Sinn: Sie können solche Fragen schlichtweg nicht mehr beantworten. Sie spüren auch die meiste Zeit kein Defizit: Solange ihnen eben jemand sagt, wohin sie marschieren sollen. Erst die Eltern und die Lehrer. Später die Frauen und die Chefs.
  • Menschen, die zur Gefühls-Abspaltung erzogen wurden, können auch Gefühle bei anderen Menschen deutlich schlechter wahrnehmen. Sie merken nicht, was in anderen Menschen vor sich geht. Wird das innere Vorgehen von anderen Menschen unüberwahrnehmbar geäußert, wird es in der Regel bagatellisiert und performativ nicht-ernst genommen. Wie auch anders? Man kennt den Vorgang, „auf Gefühle zu hören“ ja auch bei sich selbst nicht. Warum sollte man das dann in Bezug auf die Gefühle anderer Menschen machen? – Menschen mit massiven Gefühls-Abspaltungen sind lausige Partner, schreckliche Väter und völlig führungsunfähige Kollegen und Vorgesetzte.
  • Menschen, die zur Gefühls-Abspaltung erzogen wurden, haben keine Chance, „ihres Lebens froh zu werden“. Sie sind getrieben von einer „gefühlten Leere“, die sie durch äußere Erfolge, Leistung und Ergebnisse zu kompensieren versuchen, aber niemals kompensieren können („Externalisierung“). – Ich gehe zusammen mit berufeneren Menschen: Experten für das Thema „Depression“ davon aus, dass die Zahl männlicher Depressiver deutlich höher ist als sie diagnostiziert wird, weil „männliche Depression“ häufig ein anderes Erscheinungsbild hat als das, was sowohl Mediziner als auch Nicht-Mediziner mit Depression verbinden. Männliche Depressive sind oft hochaktiv. Ganz plötzlich bekommen sie dann merkwürdige Krankheiten, haben Unfälle oder pflegen intensiv verschiedene Süchte, viele davon sind gesellschaftlich akzeptiert. Von der hohen Selbstmordrate von Männern ganz zu schweigen. Zurecht wird darauf hingewiesen, dass viele Sterbefälle, die in der Statistik als „Unfälle“ auftauchen, wahrscheinlich verkappte Selbstmorde von Männern sind, die auch noch im letzten Ausdruck ihrer Verzweiflung zu verbergen suchen, was in ihnen vorging. Männer geben nicht nur kaum Empathie, sie erwarten auch keine. Aus Erfahrung.

Da die Erziehung „zu männlichen Verhaltensweisen“ keineswegs an das biologische Geschlecht gekoppelt ist, können wir ähnliche Phänomene bei Frauen überall dort wahrnehmen, wo sie Teil hierarchischer, armee-ähnlich organisierter sozialer Umfelder werden. Dort verhalten sich Frauen häufig „wie Männer“.

Sollten wir Empathiefähigkeit für eine Kernkompetenz unserer gesellschaftlichen Zukunft auf einem begrenzten Planeten mit bald 11 Millionen Menschen halten, sollte uns diese Entwicklung durchaus bedenklich stimmen: Statt unseren Männern zu ermöglichen, ihre natürliche Empathiefähigkeit wieder freizulegen (bei kleinen Jungen bis zum Alter von ca. 10 kann man das noch sehr gut wahrnehmen), haben wir begonnen, nun auch unseren Frauen ihre Empathiefähigkeit abzutrainieren.

2) Wozu wir derzeit Menschen erziehen, die wir als „Mädchen/Frauen“ betrachten

Als überwiegend heterosexueller, weißer, mittelalter Mann darf man unter dieser Überschrift wohl vorsichtig sein. Falls einem nicht zu verstehen gegeben wird, dass man über dieses Thema generell zu schweigen habe. Ich bin da allerdings renitent und ideologisch verdorben: Ich bin der Auffassung, dass jeder Mensch über alles und alle sprechen darf, solange er dabei in einer empathischen Haltung bleibt. Ob mir das im Folgenden gelingt, darf gerne in Frage gestellt werden:

Die meisten Frauen werden in unserer Erziehung zur Empathie angehalten. Es handelt sich dann nicht um eine Empathie-Fähigkeit, sondern vor allem um eine Fremd-Empathie-Pflicht: Sich um andere kümmern, sich nach dem Befinden erkundigen, Interesse für das Wohl anderer entwickeln. Viele Frauen wurden sehr früh in familiäre Abläufe eingebunden, wobei ihnen andere Möglichkeiten der Selbstverwirklichung performativ entzogen wurden.

Was die Eigenempathie angeht, bewirkt unsere Erziehung von Mädchen/Frauen ein – aus meiner männlichen Sicht – verwirrendes „Ergebnis“: Viele Frauen sind im Vergleich zu vielen Männern in der Lage, ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse sehr viel besser wahrzunehmen. – Aber sie unternehmen nichts, um diesen Gefühlen und Bedürfnissen gerecht zu werden! Mit einer männlichen Sozialisation im Nacken ist dieses Verhalten völlig paradox und unverständlich. Denn uns Männern wird ja die Handlungsorientierung („immer marschieren, egal wohin“) eingeimpft. Würden wir gelegentlich spüren, was zu tun ist, würden wir „es einfach machen“.

Als Formel könnte man also sagen: „Nach erfolgreicher Sozialisation ‚zum Mann‘ wissen Menschen zwar nicht, wohin sie marschieren wollen, aber sie marschieren. Idealerweise immer. – Nach erfolgreicher Sozialisation ‚zur Frau‘ wissen Menschen zwar sehr genau, wohin sie gern marschieren würden, aber sie marschieren dafür nicht mehr. Idealerweise nie“

Die Folge: Frauen spenden Trost. Sie spenden nicht nur ihren Kindern und ihren Männern Trost, sie spenden auch einander Trost, spiegeln einander Gefühle, „nehmen Anteil“. Ob Trost aber immer das ist, was gerade dran ist, und ob beherztes Handeln im Namen der eigenen Bedürfnisse nicht die oft naheliegender Option wäre, diese Frage können sich viele Frauen nach ihrer Erziehung kaum mehr stellen. Dass es ein hinreichender Grund ist, etwas zu unternehmen, dass es einem dann besser geht, ist für viele Mädchen/Frauen nach unserer „erfolgreichen Erziehung“ zwar oft noch kognitiv erfassbar, aber nicht mehr umsetzbar. Hart gesprochen bauen wir in Mädchen/Frauen durch die Art und Weise unserer Erziehung Blockaden für Selbst-Empathisch motiviertes Handeln ein. Und das hat ähnlich fatale Konsequenzen wie unsere Jungen/Männer-Erziehung.

Ich kenne die aktuellen Zahlen nicht, aber ich weiß, dass die Zahl der Frauen, die in auffälliger Weise an bestimmen Angst-Erkrankungen, Depressionen, Medikamentenmissbrauch und weiteren psychischen Störungen erkranken, erschreckend hoch ist. – Schauen wir unsere Erziehung von Mädchen/Frauen an, sollte uns das zwar durchaus erschrecken; wundern sollte uns das aber nicht mehr.

Wirklich pervers wird unsere Frauen-Erziehung, wenn wir uns anschauen, mit welchem Double-Bind wir sie „bespielen“, wenn sie dann ins Berufsleben eintreten: Dort sollen sie dann in Systemen, die ursprünglich von Soldaten für Soldaten gemacht wurden, „typisch männliche Tugenden“ entwickeln. – Zwar ist die Arbeitswelt durchaus im Wandel. Aber machen wir uns nichts vor: An beinahe allen Orten bis auf ein paar wenigen Inseln, die es immer schon gab, ist unsere Arbeitswelt auch heute noch strikt hierarchisch organisiert. Wann immer „schmerzhafte Entscheidungen“ getroffen werden müssen, „wird durchregiert“, wird die Befehlskette aktiviert, die von Investoren/Eignern über Vorstände, CXOs und Führungskräfte bis „zum einfachen Mitarbeiter“ reicht. An ihrem Handeln, nicht an ihren Worten sollst Du Hierarchien erkennen…

Unsere Unternehmen sind immer also noch Armeen mit Rängen, Weisungsbefugnis und Regeln. Unternehmen sind Armeen, die zur Bereicherung ihrer Eigner „Märkte erobern sollen“, nicht menschliche Bedürfnisse befriedigen. Dies wird sich nach meinen Einschätzungen erst dann ändern, wenn sich im Bereich der Unternehmensfinanzierung Fundamentales ändert und Zeit-Investoren („Mitarbeiter“, „Mitunternehmer“) und Geld-Investoren echte Beziehungen auf Augenhöhe eingehen, die ihrerseits von keiner einseitigen Hierarchie bestimmt sind, die sich dann völlig unaufhaltsam in die Unternehmensorganisation hinein verlängert. Solange sich das nicht ändert, werden wir in unseren Unternehmen immer Armee-ähnliche Gebilde haben, damit die bereits grundgelegte Gefühls-Abspaltung bei Männern nochmal vertiefen und Frauen einer perfiden Doppel-Botschaft aussetzen, an der sie kaum anders können als zu leiden.

Unsere Unternehmen sind derzeit noch aufgestellt wie jene Kolonialisierungs-Schiffe, ausgestattet von Königshäusern, die Soldaten auf Eroberungsfeldzüge schicken, wo sie Beute machen sollen. Die Beute wird im Nachgang (ungleich) geteilt. Wie es Eingeborenen und Eroberern bei der Kolonialisierung ergeht, oder wie viele von ihnen dabei umkommen: All das spielt keine wirkliche Rolle für das Unternehmen. Unternehmerisch geht nur um eine Rechnung: Investition in die Ausstattung der Expedition x Risiko des Verlustes dieser Ausstattung x Möglicher Gewinn an Beute durch den unternehmerischen Eroberungsfeldzug. – Ob er das noch zeitgemäß und für sich befriedigend findet, muss jeder für sich selbst entscheiden. Mein Eindruck ist: Um so besser die Selbst- und Anderempathie eines Menschen noch intakt ist, um so größer ist sein Problem, sich für Unternehmen dieser Art zu begeistern oder von ihnen einspannen zu lassen.

3) Was uns das Leben in einer offenen Gesellschaft erleichtert – und was es erschwert

Die Frage ist, was wir überhaupt unter einer „offenen Gesellschaft“ verstehen wollen. Ich für mein Teil verstehe darunter eine Hierarchie-Freie Gesellschaft, in der jeder Mensch in die Lage versetzt wird, auf Regeln und Institutionen Einfluss zu nehmen, die dazu führen, dass er sich wohlfühlt oder nicht, dass er seine Bedürfnisse erfüllen kann oder nicht.

Eine offene Gesellschaft kann sinnvoll nur gedacht werden unter dem Wohlergehen von Menschen als Letztinstanz. Aller Menschen. In ihrer Individualität. Den Kern einer nicht normativ-überformten („sei individuell! sei authentisch!“) Individualität finden wir aber nur in unserem Innenleben: In unseren Gefühlen als Informationen über den aktuellen Stand unserer verschiedenen Bedürfnisse.

Auf dieser Grundlage sind wir als Menschen beispielsweise in der Lage, viele, scheinbar widersprüchliche Gefühle gleichzeitig zu empfinden. – Ein Umstand, der „klassisch erzogene Männer“ schon immer an Kindern und „klassisch erzogenen Frauen“ irritiert hat, der aber nichts weniger sein dürfte als „unser natürlicher Zustand, wenn wir mit uns selbst gut in Kontakt sind“, also unser Bewusstsein auch auf unsere Innenzustände gerichtet haben und unsere Gefühle überhaupt wahrnehmen zu können, anstatt sie gewohnheitsmäßig abzuspalten.

Ich weiß nicht, ob es überflüssig ist, das hier einzuflechten: Aber ich halte „Frauen“ keineswegs für „die besseren Menschen“. Ich kann aber anerkennen, dass sie auch noch nach ihrer Zurichtung durch „Erziehung zur Frau“ eine Grundkompetenz mitbringen, die für ein Leben in einer offenen Gesellschaft dringend benötigt wird: Wahrnehmen zu können, ob es Menschen gerade gut oder weniger gut geht.

Wenn wir heute etwas brauchen, um in der Offenen Weltgesellschaft miteinander glücklich werden zu können, dann ist es ein Abschütteln beider Erziehungsformen:

Wir brauchen als Menschen alle, ohne Ausnahme, sowohl die Fähigkeit, menschliche Gefühle und Bedürfnisse bei uns selbst und anderen wahrnehmen zu können, als auch die Fähigkeit, allein aus diesem Grund heraus handeln zu können, also das als hinreichende Motivation bei uns selbst und anderen zu verstehen.

Worin wir – vor allem wir Männer – in der Vergangenheit Orientierung und Halt gefunden haben: Regeln, Tabus, Rangfolgen, Tabellenstände, Score-Cards, Aktienkurse und Co. – All das kann in einer offenen Gesellschaft keinen Bestand haben. Es ist schlichtweg „nicht verbindlich“, sondern befindet sich in einem „Dienstverhältnis“ gegenüber unseren wandelbaren Gefühlen und Bedürfnissen: Regeln und Institutionen sind nicht mehr sakrosankt und unverfügbar, sondern wir experimentieren mit ihnen. Und der Maßstab dieser Experimente kann nur sein: Inwieweit sie unseren Bedürfnissen dienen, was wir wiederum an unseren Gefühlen bemerken. Wenn wir sie denn noch bewusst bemerken.

Für die Offene Gesellschaft, in der wir bereits leben, sind wir klassisch erzogenen Männer denkbar schlecht vorbereitet. Wundern diese merkwürdig rückständigen Männer-Initiativen, die sich mit Gewalt Gehör zu schaffen versuchen, da noch irgendwen? Mich nicht. Um Erfolg und um Durchsetzung kann es hierbei nicht gehen. Denn wie wir heute wissen, sind gewaltlose gesellschaftliche Initiativen erwiesenermaßen weitaus erfolgreicher als solche, die sich dafür entscheiden, Gewalt zu verwenden.

Aus meiner Sicht sind heute viele Menschen schlicht und einfach orientierungslos, weil sie in ihrem Inneren nichts mehr finden können, das ihnen Orientierung geben könnte, nachdem die bisherigen Orientierungen im Außen weggebrochen sind oder weiter wegbrechen. Und sie sind auf diese Weise orientierungslos, weil wir ihnen diese Orientierung künstlich genommen haben, indem wir ihnen mittels unserer Erziehungen „das Lauschen auf ihre inneren Stimmen“ drastisch erschwert haben.

Und jenen, die noch sehr gut wahrnehmen können, was bei ihnen und anderen Menschen vorgeht, haben wir systematisch ihre Stimme, ihre Beherztheit und ihre Handlungsfähigkeit genommen. – Und da wundern wir uns dann, dass…

Wir sind keine Freunde der Offenen Gesellschaft – Noch nicht, nicht mehr – Aber wir können es wieder werden

Ich denke, nach all dem hier ausgeführten können wir uns eingestehen: Selbst wenn wir es gern anders hätten, wir sind heute durchaus keine Freunde der Offenen Gesellschaft. Aber wir könnten Freunde der Offenen Weltgesellschaft werden. Und dies beginnt u.a. damit, dass wir aufhören, uns selbst und andere zu den beiden Formen „zu erziehen“, die das Leben in einer offenen Gesellschaft künstlich erschweren und zu einer echten Qual für uns machen können. Was wir brauchen, sind wir selbst und andere Menschen in einer Verfassung, in der sie ihre Gefühle und Bedürfnisse a) wahrnehmen und b) gewohnt sind, dafür aktiv zu werden. Und sei es in der Form, andere Menschen aktiv um Hilfe zu bitten, ohne dabei in Forderungen oder ins „Kämpfen“ abzugleiten.

Forderungen und Kampf machen uns unfrei. Machen unsere Mitmenschen unfrei. Daher können wir nicht nur Kämpfe beenden zwischen Menschen, die in verschiedenen Regionen leben und die unterschiedliche Kulturformen reproduzieren. Sondern auch Kämpfe zwischen Menschen mit höchst unterschiedlichen Eigentumsverhältnissen („Klassismus“). Und genauso Kämpfe zwischen den Geschlechtern („Sexismus“ – In allen Schattierungen von Diskriminierung).

Der Modus operandi gesellschaftlicher Weiterentwicklung kann sich heute nicht mehr in der Form von Kämpfen vollziehen. Kämpfe sind per se rückschrittlich, weil wir in einer globalen, offenen Weltgesellschaft fundamental aufeinander angewiesen sind – Auf unsere wechselseitige, freiwillige, ungezwungene, bedürfnisverbundene Kooperation angewiesen sind.

Das heißt nicht, dass wir Nicht-Kooperatives, asoziales Verhalten und sich-reproduzierende Machtasymmetrien dulden müssen. Es heißt nur, dass wir dem entschieden entgegentreten und zugleich bessere Kooperationsangebote unterbreiten können. Wir können einander gewinnen. Aber um das zu tun, sollten wir uns damit – immer wieder neu – beschäftigen,was wir gerade überhaupt brauchen, vielleicht vom anderen.

Menschen, die nicht wissen, was sie brauchen, und Menschen, die nicht dafür eintreten können, wovon sie wissen, dass sie es brauchen, sind gleich schlecht auf das Leben in einer offenen Gesellschaft vorbereitet. Dass diese schlecht vorbereiteten Menschen (also wir selbst) sich in die vermeintliche Kuscheligkeit rigider, hochgradig unfreier, geschlossener Gesellschaften zurückwünschen, sollte niemanden von uns mehr überraschen.

Wieder freigelegte, täglich gepflegte und handlungsorientierte Selbst- und Anderempathie sind die Tugenden von Menschen, die in einer Offenen Gesellschaft nicht nur „gut zurecht kommen“, sondern die in ihr ohne Mühe Genuß und Geborgenheit finden.

Nach meinem Dafürhalten unterscheiden sich diese „Tugenden“ von allen anderen bekannten Tugenden dadurch, dass sie nicht „erlernt“, nicht „anerzogen“ werden müssen. Sondern schlicht nicht „aberzogen“ werden sollten.

Das Ausmaß, in dem wir auch heute noch uns allen, unseren Töchtern und unseren Söhnen, allen menschlichen Wesen genau diese natürlichen Fähigkeiten aberziehen, ist uns in dem meisten Momenten unseres Alltagslebens nicht hinreichend bewusst.

Wie können wir aufhören, einander zu „erziehen“?

Erziehung ist respektlos, menschenfeindlich und entwürdigend: Sie stellt eine Form zur Verfügung, in der ein menschliches Wesen sich genötigt fühlt, sich über ein anderes menschliches Wesen zu stellen und es in eine ganz bestimmte Form zu nötigen. Und das heißt immer auch: Ihm Gewalt anzutun.

Erziehung zerstört Beziehungen, oder zumindest belastet es Beziehungen schwer, oft irreparabel. Denn wenn ein Mensch merkt, dass er mit Mitteln der Verführung oder der Bedrohung „zu etwas gebracht oder gemacht werden soll, das für ihn ansonsten nicht gut wäre“ (Thomas Gordon), dann ist es eine hohe Erwartung an diesen Menschen, dass er das denjenigen nachsehen soll, die ihm das antun. Im mindesten Fall wird dasjenige Vertrauen verbraucht, das notwendig ist, um gute Beziehungen miteinander zu haben und zu gestalten. Erziehung greift die Substanz von Beziehungen an.

Wenn wir das annehmen, was ich hier über Erziehung behaupte, dann stellt sich die Frage, ob wir unser Verhalten, einander (und uns selbst!) zu erziehen überhaupt aufgeben, überhaupt sein lassen können?

Ganz offen: Ich weiß es nicht. – Ich bin jetzt mehreren tausend, mir völlig wildfremden Menschen gegenüber gesessen und gestanden, meist in einem machtverseuchten Kontext, in dem von mir erwartet wurde, diese Menschen zu erziehen. Was ich aus meinen Erfahrungen zu sagen können glaube, ist wenig und vergleichsweise banal:

1.) Humor hilft, Erziehung zu vermeiden. – In jenen spannungsreichen Situationen, in denen man geneigt sein könnte, „den anderen zu etwas zu bringen, weil es ja für ihn gut ist“, ist Humor eine Ausfahrt, in der man dem anderen seine Freiheit lässt und ihn gleichwohl gut mit den Folgen seines eigenen Verhaltens konfrontieren kann. Humor ist ein gutes Gegengift gegen die Toxik von Bedrohungen und Verführungen. – Leider nicht meine größte Stärke, wie ich immer wieder auf’s Neue feststellen darf. Humor als Mittel der Beziehungsgestaltung ist sehr nah an jenem Wort von Rosenberg: „Don’t do anything that isn’t play for you.“ Humor ist die kooperative Form des Spiels, das wir mit Menschen aller Altersstufen spielen, denen wir auf Augenhöhe begegnen.

2.) Gib dem anderen, was er braucht, nicht was er will. – Wir glauben oft, dass wir dann mit ihm unvermeidlich in Konflikte geraten, wenn wir uns nicht entsprechend dem Willen eines unserer menschlichen Gegenüber verhalten. – Diese Einschätzung ist falsch. Menschen verzeien es uns sehr wohl, wenn „wir ihnen nicht zu willen sind“. Aber sie verzeihen es uns kaum, wenn sie merken oder aufgrund unseres gezeigten Verhaltens glauben müssen, dass sie uns gleichgültig sind. – Dieser Eindruck der Gleichgültigkeit entsteht genau dann, wenn wir ihre Gefühle und Bedürfnisse ignorieren. Und das selbst dann, wenn sie selbst die gleichen Gefühle und Bedürfnisse penetrant ignorieren. – Es gibt in jeder Beziehung, die diesen Namen verdient hat, einen heimlichen „Konfrontationsauftrag“, den wir liebevoll wahrnehmen sollten, wenn wir gute Beziehungen: Ohne wechselseitige Erziehungsversuche haben wollen. Das mag widersprüchlich klingen. Aber die liebevolle Konfrontation, die sich auf die wahrgenommenen, aber vernachlässigten Gefühle und Bedürfnisse eines Menschen bezieht, hat rein gar nichts mit „Erziehung“ zu tun. Was wir dabei im Sinn haben, ist keine „Form“, in die wir den anderen hineinzupressen versuchen, damit er einem Idealbild in unserem Kopf (oder in den Köpfen dritter) entspricht. Was wir dabei im Sinn haben ist der Jetzt-Moment in der Beziehung, in der wir „ganz beim Anderen“ zu sein versuchen. Und das gelingt uns, wenn jemand sich gerade penetrang selbst vernachlässigt, nur dann, wenn wir ihn im Hier und Jetzt spiegeln, was wir wahrnehmen. Das kann, wiederum, humorvoll geschehen. Es kann aber auch völlig ernsthaft geschehen. Was hier den Unterschied macht, ist allein unser ehrliches Wohlwollen dem anderen gegenüber. Wenn wir dem anderen geben, was er gerade im Hier und Jetzt braucht, und nicht das, was er will, sind wir engagiert in der Beziehung und wir pflegen damit aktiv ein Gefühl von wechselseitiger Verbundenheit. Wir stellen uns nicht über den anderen, sondern auf der Seite unserer Wahrnehmungen und teilen sie mit dem anderen, obwohl wir damit diese Beziehung „auf’s Spiel setzen“. Nach meinen bisherigen Erfahrungen schätzen die meisten Menschen ein solches Verhalten über alle Maßen.

3.) Steh zu Deinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. – Wenn wir jemanden zu erziehen versuchen, haben wir so gut wie immer eine hidden agenda: Es sind Gefühle und Bedürfnisse im Raum, die entweder von uns selbst oder Dritten gehören. Im Modus des Erziehens verbergen wir jedoch diese Bedürftigkeit und verstecken uns hinter „Regeln, Pflichten, Wissen, Konzepten“, etc. – Wer auch immer es ist, dem wir Erziehung angedeihen lassen, er soll nicht merken, dass er im Interesse anderer und nicht seiner selbst handelt. Wir versuchen ihm einzupflanzen, dass er in seinem eigenen Interesse handelt, wo er in Wahrheit für die guten Gefühle und die Befriedigung von Bedürfnissen anderer Menschen handelt. Erziehung ist daher immer in einem sehr negativen Sinne „manipulativ“. Sie nimmt dem menschlichen Objekt der Erziehung ein Stück seiner Freiheit. Konkret: Die wunderbare Freiheit, selbst entscheiden zu können, ob sie der Bitte anderer Menschen nachkommen will, ihnen einen Gefallen zu tun. – Die meisten Menschen sind die meiste Zeit (wenn sie nicht gerade selbst in außergewöhnlichem Ausmaß bedürftig sind) durchaus bereit, Bitten nachzukommen. – Wenn sie offen und eben als Bitten, nicht als Forderungen oder Manipulationen an sie herangetragen wurden und sie sich im Rahmen einer „guten Beziehung“ ereignen, die nicht bereits durch Machtverhalten und Erziehungsversuche verdorben ist. – Dieser Part: Den Mut zu haben, dem anderen zu sagen und mehr noch: zu zeigen, dass man etwas versucht, von ihm zu bekommen, dass man ihn gerade braucht, dass man ihn gerade bittet, ist noch schwieriger als die beiden anderen „Mittel gegen Erziehung“, die ich hier erwähnt habe. Denn die meiste Zeit fehlt uns dieser Mut. Und wann immer dieser Mut uns fehlt, und wir dennoch versuchen, einen anderen Menschen zu etwas zu bewegen, versuchen wir ihn zu erziehen.

4.) Teile Deine guten und schlechten Erfahrungen mit anderen Menschen. – Vor allem, wenn wir unsere eigenen Gefühle dabei nicht verbergen, ist dies ein weiteres gutes Mittel der Erziehungsvermeidung. Statt den anderen „in Form zu bringen“, lassen wir es ihm offen, sich seinen Reim darauf zu machen, sich aus unserer emotionalen Erfahrung das zu nehmen, was davon in ihm selbst resoniert. Und das bei uns zu lassen, was mit ihm selbst nichts zu tun hat. Im Grunde ist es sehr ähnlich wie das offene Zeigen unserer eigenen Gefühle und Bedürfnisse im Hier und Jetzt, nur dass wir den regulären Umweg über unsere Vergangenheit nehmen. – Wir machen dem anderen damit zudem das Geschenk, uns einen Gefallen tun zu können: Denn das Teilen eigener emotionaler Erfahrung tut uns selbst gut. Nur dann, wenn wir völlig missachten, ob der andere signalisiert, dass er gerade zu sehr mit anderem beschäftigt ist, um Anteil zu nehmen, ist das Teilen eigener, gefühlsgeladener Erfahrungen ein Übergriff unsererseits. – Der entscheidende Unterschied, den das Teilen einer Erfahrung von einer „Heldengeschichte“ unterscheidet, mit der man lediglich Eindruck zu schinden versucht, ist die Verletzlichkeit, die man meist spürt, wenn man emotionale Erfahrungen teilt. Heldengeschichten machen uns nicht verletzlich. Sie sollen uns vor Verletzungen schützen und machen unsere Gegenüber klein. – Auch sie dürften daher ins Reich der Erziehung gehören.

Ich habe keine Ahnung, ob mein Gestammel hier jemanden ermutigen kann, Erziehungsversuche aufzugeben. Wem gute Beziehungen zu anderen Menschen ein Gut zu sein scheinen, wer sich gute Beziehungen mehr als vieles andere wünscht, kann zumindest das eine oder andere davon gezielter ausprobieren. Nichts davon ist so, dass es einem von uns völlig fremd wäre. Wir vergessen nur allzu oft die allseits guten Effekte, die Erziehungsvermeidung hat. Mir ging es bisher so, dass ich es niemals bereuen musste, „nicht erzogen zu haben“, wenn es mir gelungen ist, meine Finger von Erziehungsverhalten zu lassen.

Weiterentwicklung unserer Demokratie – Ich hätte da mal ein paar Vorschläge…

Ich war lange ein Fan unseres politischen Systems. Also keiner bestimmten Partei, aber des Systems, also unserer Verfassung, unserer Entscheidungswege und unserer politischen Institutionen.

Aber dass man etwas gut findet, heißt ja noch lang nicht, dass es für immer gut bleibt. Oder dass man es nicht weiterentwickeln könnte.

Das hier wären meine derzeitigen Vorschläge:

1) Ergänzung oder Ersetzung des Wahlsystems durch den Losentscheid bei der Besetzung politischer Ämter

Wie aktuelle Studien zeigen, hat unser derzeitiges Wahlsystem ein paar gravierende Mängel, was die Repräsentation aller Teile „des Volkes“ angeht.

Diese Mängel lassen sich durch das klassische Verfahren zur Besetzung politischer Ämter vermeiden. Wir können das ergänzend probieren. Wir könnten aber auch noch weiter gehen und es soweit treiben, dass „Parteien“, „Berufspolitiker“ und „Personenwahlen“ völlig überflüssig werden. In der Folge hätten politische Gespräche und Entscheidungen die Möglichkeit, sich zu versachlichen. Intransparente Beeinflussung politischer Entscheidungen durch Lobbygruppen wäre mit einem Mal die Grundlage entzogen. Zudem wäre dies ein Symbol dafür, dass „wir es ernst meinen“ mit unserem Zutrauen in „die Vernunft des Volkes“ – also von uns allen. Es wäre auch die Konsequenz dessen, dass wir der Meinung sind, dass jeder Mensch ein Recht hat, in politischen Prozessen, die ihn betreffen, beteiligt zu sein und aktiv Einfluss zu nehmen. Und eben nicht nur „Stimmvieh“ oder „Kunde“ von politischen Prozessen zu sein. Also „Politik nicht nur zu erleiden und zu erdulden“.

2) Was stellen eigentlich gewisse Institutionen mit unserem Geld an?

Nach meinem Dafürhalten ist es ein Unding, dass es uns so wenig interessiert, was institutionelle Investoren mit unserem Geld anstellen: Rentenversicherungen, Krankenkassen und ja, auch Banken versuchen und „Renditen“ zu garantieren. Dabei interessiert uns kaum, was unser Geld anrichtet, während „es arbeitet“.

In meiner Wahrnehmung ist das ein massives Demokratiedefizit. Wir haben sehr wohl mehr als nur ein Wörtchen darüber mitzureden, wie unser Geld angelegt und wozu es beitragen soll. – Und wozu nicht.

In meiner Wahrnehmung fehlt nicht nur überhaupt eine öffentliche Debatte über dieses Problem, sondern auch die Entwicklung von Möglichkeiten, Geldanlagen in ihren Auswirkungen auf Menschen und Umwelt transparenter zu machen. Instrumente wie die, die die Gemeinwöhlökonomie derzeit zu entwickeln versucht oder die, an denen Banken wie die GLS Bank schon lange arbeiten, sind erste Schritte in diese Richtung.

In jedem Fall sollten wir aber gemeinsam politisch entscheiden, wie unser Geld angelegt wird. Denn es ist unser Geld und unsere Verantwortung. Auch wenn wir bisher vor dieser unserer Verantwortung die Augen fest verschlossen haben und sie dankbar an Institutionen wegdelegiert haben, deren Aufgabe es nur sein darf, unsere Entscheidungen vorzubereiten. Und zwar so, dass sie uns dienen. Die sozialen und ökologischen Auswirkungen institutioneller Geldanlagen sind zu weittragend als dass wir ein Interesse daran haben können, darüber kein bewusstes „Reporting“ zu erhalten. Wir müssen auch über unser Geld entscheiden, was für eine Gesellschaft, was für eine Welt wir haben wollen, und wo unsere aktuellen Prioritäten als politische Gemeinschaft liegen. Derzeit lassen wir dieses demokratische Mittel der Gesellschaftsgestaltung einfach ungenutzt, in dem wir für uns intransparente Institutionen intransparente Entscheidungen treffen lassen.

Wenn wir unsere Demokratie weiterentwickeln wollen, kann das schlecht so bleiben.

3) Die Externalisierung von Kosten unseres Unternehmertums

Wettbewerb um die kostengünstigste Erfüllung menschlicher Bedürfnisse ist zu unserem Vorteil keine Frage. Aber nur dann, wenn dieser Wettbewerb nicht um die falschen Dinge stattfindet.

Was diese „falschen Dinge“ sind, ist weniger schwer zu benennen, als man meinen könnte. Wann immer wir in unseren Unternehmen „Kosten externalisieren“ und sie die Allgemeinheit tragen lassen, während davon vor allem einige wenige profitieren, kann das schlecht als „in unserem Interesse“ gedacht werden. Politische Institutionen und Gesetze und die Zwangsgewalt des Staates haben ja nicht zuletzt den Zweck, den unternehmerischen Wettbewerb so zu gestalten, dass er „zum Vorteil aller“ ist, bleibt oder wird.

Es ist Unternehmen möglich, gewaltige finanzielle Profite zu erwirtschaften und ihren eigenen Wiederverkaufswert in ungeahnte Höhen zu treiben, während dabei unzählige unserer Mitmenschen und unsere Umwelt irreparabel geschädigt werden. Sie externalisieren dann die Kosten ihres Unternehmertums, gemäß dem Prinzip: „Gewinne privatisieren, Kosten sozialisieren“. Warum wir das wollen sollen, ist zumindest mir ein Rätsel. Dass Menschen sich nur dann zu einem Unternehmen hinreissen lassen, wenn sie selbst dabei unendlich reich werden können, halte ich für einen leicht widerlegbaren Mythos. In der Tat wird dieser Mythos täglich von unzähligen Menschen und Unternehmen falsifiziert, die bereits heute – unter extrem ungünstigen Gesetzen und poltischen Bedingungen – andere Motivationsgründe in sich finden, „zu arbeiten“ und unternehmerisch aktiv zu sein.

Warum wir nicht die sozialen und ökologischen Kosten aller Unternehmen erheben, öffentlich machen und auf ihre Externalisierbarkeit bewussten politischen Einfluss nehmen, ist mir ein Rätsel. Denn das wäre tatsächlich „zum Vorteil aller“.

Um in diesem Punkt nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin keineswegs der Meinung, dass sämtliche Kosten privatisiert und sämtliche Gewinne sozialisiert werden sollten. Ich bin kein „Sozialist“. Ich bin aber durchaus der Meinung, dass wir darüber immer wieder neue politischen Gespräche und öffentliche Auseinandersetzungen führen sollten, wie wir das im Einzelfall haben wollen und was davon uns gerade am meisten dient. Und dass wir diese Gespräche und Auseinandersetzungen institutionalisieren, d.h. auf Dauer schalten sollten.

D.h. ich kaufe das Argument der „Investitionssicherheit“ nicht. Der Preis dieses Debatten-Totschlag-Arguments ist, dass wir Dinge einfach laufen lassen müssen, die uns so massiv schädigen, dass keine Investitionssicherheit der Welt sie mit ihren Erträgen jemals wieder ausgleichen kann. Wir hören dann auf nachzuprüfen, was uns wo dient und was uns wo nicht dient. Wir geben unseren Einfluss auf. Wir fügen uns ohne Not in „unbedeutende Nebenfolgen“ unkontrollierter Profitanbetung und Erfolgsfetischismus‘.

Der derzeitige Gesellschaftszustand, in dem wir es für „einen ökonomischen Erfolg“ halten, wenn ein Unternehmenswert ins Unermessliche steigt, unabhängig davon, zu welchem gesellschaftlichen und ökologischen Preis diese Wertsteigerung erkauft ist und ob wirklich alle, die diesen Preis zahlen, auch von dieser Wertsteigerung profitieren, erscheint mir auf Dauer unhaltbar. Und ja: Es erscheint mir auch zutiefst undemokratisch, dass wir gar nicht gefragt werden, ob wir das überhaupt so haben wollen. Uns wird unser Einfluss auf das entzogen, was uns und unsere Lebensmöglichkeiten fundamental betrifft. Wir werden für „zu dumm“ gehalten, um Zusammenhänge zu verstehen, die uns selbst betreffen. Dazu kann man klar sagen: Demokratisch ist anders.

Das Gleiche gilt dafür, dass wir manche Unternehmen einfach sterben lassen, die mit durchaus vergleichsweise geringer staatlicher Hilfe einen sozialen und ökologischen Impact haben, über den wir durchaus sprechen und gemeinsam entscheiden sollten. – Und nein: Ich spreche hier nicht über die viel zu viel bemühten „Arbeitsplätze“. Ich spreche darüber, „wofür ein Unternehmen da ist“ und „was es für die Gesellschaft leistet“. Dies messbar zu machen, darüber öffentlich zu sprechen und das alles in unseren politischen Entscheidungen zu berücksichtigen, erscheint mir „demokratisch“.

Wir sollten die Burnoutrate von Unternehmen kennen, und andere Krankheiten, die bei ihren Mitarbeitern auffällig überrepräsentiert sind. Wir sollten wissen, welchen Ressourcenverbrauch unsere Unternehmen haben, v.a. ihren Verbrauch unwiderbringlicher Ressourcen. Wir sollten den Schmutz kennen, den sie verursachen. Wir sollten viel mehr über unsere Unternehmen wissen. Dinge, die wir heute im Dunkeln lassen, so dass sie uns politisch nicht zu bekümmern brauchen. – Folgen auf uns und unsere Umwelt haben sie aber auch dann, wenn wir sie politisch ignorieren.

Denn wir leben in einer verbundenen Welt, auf einem begrenzten Planeten, in der es unweigerlich Auswirkungen auf die einen hat, was ein anderer macht oder nicht macht. Folgen wir weiter jener Ideologie, nachdem unendlich viel „Privatsache“ ist und wir alle Einzelwesen sind, die einander kaum etwas angehen, kommt es unweigerlich zu „politischen Verwerfungen“, die keiner von uns wollen kann. Das würde ich dann tatsächlich „Demokratieversagen“ nennen. Ein Versagen, das sich aus „dem Prinzip Hoffnung“, aus falscher politischer Zurückhaltung und zum großen Teil auch aus Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal speist, das viele Menschen bereits heute allein aufgrund der undemokratischen Formen unseres derzeitigen Wirtschaftens erleiden.

Wir haben ein Recht, mehr Einfluss auf unser Unternehmertum zu nehmen, als diejenigen armseligen Rechte, auf die wir bisher bestanden haben und mit denen wir uns zufrieden gegeben haben. Wir müssen immer wieder neu darüber entscheiden, was wir „privat“ sein lassen wollen und was „von allgemeinem Interesse“ ist. Wenn wir es nicht bewusst entscheiden und wird es sich entscheiden. Und ich bin wenig zuversichtlich, dass diese Entscheidungen gut für uns laufen werden, wenn sie ohne entsprechende Feedback- und Rückkopplungsschleifen mit unserem jeweils momentanem Wollen ablaufen.

4) Unser Alltagshandeln ist politisch

Auch wenn wir mit unseren demokratischen Institutionen weiterexperimentieren: Es wird immer ein nicht allzukleiner „Rest“ bleiben, der sich auch bei noch so guten Institutionen eben einfach nicht institutionell regeln lässt. – Dafür gibt es benennbare Gründe.

So betrachtet, leben wir heute in einer Weltgesellschaft auf einem Planeten, auf dem derzeit wohl 8 Millionen, in absehbarer Zeit 11-12 Millionen von uns leben werden. Und in der beinahe alles, was wir tun, andere Menschen direkt oder indirekt betrifft. Indem also unser sekündliches Handeln und Lassen „politisch“ ist.

Dieser Gedanke ist nur dann erschreckend oder eine Zumutung, wenn wir die aus der frühen Neuzeit stammende Vorstellung nicht abstreifen, dass Politik unweigerlich etwas mit „Zwang“ und „Einsatz des staatlichen Gewaltmonopols“ zu tun hat. – Nur wenn wir dieses Paradigma des Politischen beibehalten, ist es notwendig, „einen privaten Raum“ von den Zumutungen der Politik frei zu halten, weil wir alle unfrei würden, wenn wir es nicht täten.

Wenn wir dieses Paradigma aber verlassen und unser Verständnis des Politischen weiterentwickeln, ist es durchaus möglich, dass wir unserem Alltagshandeln: In unseren Nachbarschaften, in unseren Familien und Freundschaften, in unseren Unternehmen einen neuen und starken Sinn abgewinnen können: Alles, was wir tun und lassen hat „Bedeutung“, ganz einfach aus dem Grund, dass wir unweigerlich und ohne Unterlass aufeinander einwirken. Das Private ist auf einem begrenzten Planeten, auf dem Milliarden Menschen leben, die wirtschaftlich, ökologisch und medial miteinander verbunden sind, unweigerlich politisch.

Ich bin mir nicht sicher, ob das auch bedeutet, dass wir über kurz oder lang etwas bekommen, das derzeit scheinbar wenig Aussichten auf Realisierung hat: Einen demokratischen „Weltstaat“. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Herausbildung einer solchen Institution überhaupt wünschenswert ist.

Worüber ich mir aber sicher bin ist: Wir müssen immer neue Formen von Kopplungen unseres Handelns und Entscheidens finden. Und ich bin mir sicher, dass fehlendes Feedback ein Problem ist, das uns alle angeht. Also ein „politisches“ Problem. Und wenn wir unter „Demokratie“ Folgendes verstehen…:

Gestaltung von gesellschaftlichen Institutionen so, dass alle Menschen auf jene gesellschaftlichen Ereignisse und Entwicklungen angemessen Einfluss nehmen können, die wiederum sie selbst: ihre Lebensvollzüge, ihre Gefühle und Bedürfnisse beeinflussen

…dann kann auch das durchaus als ein Feld für „demokratische Weiterentwicklungen“ verstanden werden.

Denn dann sehen wir Demokratie nicht als etwas „Heiliges“, an dem wir nicht herumexperimentieren dürfen. Sondern dann sehen wir sie als ein Instrument, als ein Tool, das uns ermöglichen soll, uns besser miteinander abzustimmen in unserem Leben, Handeln und Entscheiden. Und das daher von uns immer wieder neu an unsere aktuellen Bedürfnisse, Gefühle und Situationen angepasst werden kann und muss.

Demokratie ist Selbst-Beherrschung „über Bande“ von Institutionen, die sicherstellen,  dass wir uns nicht aus Versehen selbst im Weg stehen, bei unseren Versuchen, unser Leben auf dem Planeten Erde miteinander zu leben. Demokratie ist Selbst-Beeinflussung mit dem Ziel, dass wir dieses unser gemeinsames Leben soweit wir es vermögen überwiegend lustvoll, spielerisch und befriedigend gestalten. Und zwar für uns alle. Denn es gibt nur noch ein einziges „Volk“ in der heutigen Demokratie: Die menschliche Weltbevölkerung.

Demokratie ist auch: Ein Feedback, dass wir uns gegenseitig zukommen lassen, das wir uns wechselseitig gönnen. Eine Kommunikationsform. Eine Kommunikationsform, der wir dringend bedürfen in einer in-sich-hochdifferenzierten Weltgesellschaft, um nicht aneinander vorbei und gegeneinander zu leben. Und dieses Feedback, das wir uns mithilfe von Demokratie genehmigen, kann mehr oder weniger hilfreich für uns gestaltet sein. Im Moment halte ich es für wenig gewagt, wenn wir annehmen, dass unsere Demokratie ausbaufähig ist, weil wir derzeit viele Feedbackdefizite hinnehmen als seien sie „natürlich“, „unveränderlich“ oder „gottgegeben“.

Ich glaube: Wir sollten andere(s) nicht für Dinge verantwortlich machen, auf die wir selbst Einfluss haben.

Moralisierende Kommunikation

Wenn wir das Verhalten eines anderen Menschen als gut oder schlecht beurteilen: Seine Äußerungen, seine Taten, seine Unterlassungen, dann beurteilen wir zunächst nicht den Menschen als gut oder böse. – Nur leider tun wir uns als Beurteilte sehr schwer, beides voneinander zu trennen. Wir fühlen uns dann oft als Verurteilte.

In der Regel muss jemand, der uns rückmeldet, dass er eine unserer Verhaltensweisen schätzt oder nicht schätzt, deutliche Signale der Verbundenheit mitschicken, damit sein Urteil über unser Verhalten für uns nicht in ein Urteil über unsere Person kippt. – „Wir können uns danach noch in die Augen schauen“ hat viel mit Beziehungsqualität und sehr handfesten (nicht nur verbal, sondern auch körperlich ausgedrückten) Beziehungssignalen zu tun. Oft verbergen wir hinter einem Urteil unsere eigene Verletzlichkeit. Wir wollen dennoch eine starke Rückmeldung geben, eine Rückmeldung ohne Emotion, eine Rückmeldung ohne Beziehungssignale – Und heraus kommt: Moralisierende Kommunikation.

Beschäftigen wir uns noch genauer damit, was bei uns passiert, wenn jemand mit uns moralisierend kommunziert und wir moralisierend ex-kommuniziert werden: Der Kern moralisierender Kommunikation betrifft unser Gefühl der Zugehörigkeit. Ein existentielles Gefühl, da „in unseren Genen“ jene urzeitliche Erfahrung steckt, nach der Ausstoßung aus der Gemeinschaft der (eigenen) Menschen einen überaus grausamen Tod bedeutet.

Im Kern besagt moralisierende Kommunikation also nichts anderes als: „Wenn Du (nicht) XYZ sagst, denkst, machst, fühlst, etc., dann gehörst Du nicht mehr dazu und wirst daher eines grausamen Todes sterben.“ – Nur aufgrund dieses gut geölten Mechanismus geht moralisierende Kommunikation so gut rein bei uns. Sie bedroht uns. Sie droht uns mit Konsequenzen schrecklichstmöglicher Art. Mit Konsequenzen, die uns, so „wie wir gestrickt sind“: als die sozialen Wesen, die wir sind, nur sehr schwer kalt lassen können.

Natürlich spielen viele von uns, dass moralisierende Kommunikation nichts mit ihnen macht. Dass sie da drüber stünden. Dass sie viel zu cool, abgeklärt, weise, selbstbewusst oder was auch immer wären, als dass man sie da noch erwischen könnte. Und wahrscheinlich ist diese Schauspielerei in vielen Situationen sogar ziemlich klug. Allerdings dürfen wir voraussetzen, dass da nicht so wirklich was dran ist: Moralisierende Kommunikation wirkt. Wirkt – so möchte ich behaupten – immer. Nur halt leider oft nicht in die Richtung, die der „mit besten Absichten“ moralisierend Kommunizierende gerade bezweckt.

Viele von uns lassen sich durch die Androhung einer Ausstoßung wegen non-konformem Verhalten nicht in die Richtung bewegen, die derjenige von uns beabsichtigt, der gerade auf das Mittel des Moralisierens zurückgreift. Äußerlich bleiben die Addressaten von Moralkommunikation oft frei und scheinbar „ungezwungen“. Was uns aber innerlich bewegt und was so gut wie immer Folgen hat (wenn auch unabsehbare, komplexe), ist die Angst, die Moralkommunikation so gut wie immer triggert. – Moralkommunikation bedeutet uns: „Andere drohen mir damit, bei anderen Menschen für die Ansicht zu werben, dass ich ein abgrundtief schlechter Mensch bin, was meine Kooperationschancen verschlechtert und für mich die Kosten erhöht, zu denen ich erreichen kann, was ich gerade brauche.“ – Moralkommunikation ist in der Regel der Versuch eines Rufmordes. Und das oft gerade dort, wo sich jemand hilflos fühlt und glaubt, einen sonst nicht treffen… pardon: bewegen zu können.

Moralkommunikation ist daher oft das Mittel derjenigen, die sich ohnmächtig fühlen.

Ob es auch das zweckmäßigste Mittel, das effektivste Mittel, das effizienteste Mittel ist, um das von jemandem zu bekommen, was man gerade von jemandem wirklich will, das muss wohl jeder von uns für sich selbst herausfinden. – In jenen Reihen-Versuchen und fortgesetzten Experimenten, die wir „Leben“ nennen.

Ist das Ziel aber lediglich, einem anderen Menschen das Leben zu vergällen, so ist Moralkommunikation ein gutes, altes, bewährtes Mittel. Es wirkt in der Regel wie ein langsames Gift: Man merkt nicht gleich eine Wirkung, aber langfristig lähmt es zuverlässig. Die Angst davor, keines menschlichen Austauschs mehr würdig zu sein, bewegt wohl mehr Menschen zu unsinnigen Verrenkungen, und hält wohl mehr Menschen von lustvoller Kontaktaufnahme und einem lebendigen Leben „aus ganzem Herzen“ (Brené Brown) ab, als wir ahnen können, solange wir nur auf das achten, was unter den Bedingungen verbreiteter Moralisiererei wahrnehmbar ist.

Praktiken, mit denen wir uns signalisieren, dass wir selbst und dass alle anderen „dazugehören“, ganz unabhängig davon, was jemand von uns oder allen anderen Menschen denkt, sagt, fühlt, tut, etc., sind daher wirksame „Akte der Befreiuung“.

Das heißt nicht, dass wir jegliches Verhalten einfach brav erdulden müssen, dass uns stört, oder sogar demütigt, schadet oder verletzt. – Denn wer hat je behauptet, dass Moralkommunikation die einzig mögliche Art und Weise ist, wie wir Menschen begegnen können, die sich gerade in einer Weise verhalten, die uns oder anderen Menschen Schaden zufügt?

Ein wenig mehr Fantasie, ein wenig mehr Mut zu „situativen sozialen Experimenten“ ist uns durchaus zuzutrauen! – Finde ich zumindest.

„Die Wahrheit“? – Darauf können wir heute gut verzichten!

Das Bezugnehmen auf „objektive Daten“, auf „Fakten“ und auf „soziale Wahrheit“ hat wieder politische Konjunktur. Aufgeschreckt durch den offen rhetorischen Umgang mit Zahlen, Daten, Fakten suchen heute einige Menschen wieder verstärkt Halt in Forschung, Wissenschaft und Expertentum. Einige möchten sogar die Demokratie wieder zurückschrauben, anstatt sie weiter zu entwickeln, weil sie es für eine schlechte Idee halten, den gemeinen Menschen, also uns, zu vertrauen.

Ich glaube diese Suche nach Halt, nach Nüchternkeit, nach informierten Entscheidungen, etc. gut nachvollziehen zu können. Und dennoch beunruhigt mich dieses Revival der Wahrheits-Anbetung weit mehr als offene Rhetorik. Und das aus guten Gründen, die ich ebenfalls glaube nachvollziehbar machen zu können.

Man muss sich möglicherweise noch nicht einmal mit meiner Einschätzung der sozialen Probleme des Platonismus auseinandersetzen, um zu verstehen, inwieweit wir heute auf den Begriff „der Wahrheit“ verzichten können. Und inwiefern es viele Vorteile für uns hat – sowohl als einzelne Menschen als auch als menschliche Gemeinschaft, die zusammen auf einem Planeten lebt -, darauf zu verzichten, genau diesen Begriff weiterhin zu benutzen.

Man muss möglicherweise noch nicht einmal Richard Rorty’s Kritik an dem kennen, was er „die Korrespondenztheorie der Wahrheit“ nennt und dem er eine „Kohärenztheorie der Wahrheit“ entgegensetzt. – Diese Kämpfe sind ziemlich akademisch und heute schon fast wieder historisch: Sie machen Sinn, wenn man viel Zeit in den amerikanischen Fakultäten für Philosophie des ausgehenden 20. Jahrhunderts verbringt, die von einer analytischen Sprachphilosophie dominiert werden – und man dabei ein ziemlich schlechtes Bauchgefühl hat. Das ist in der Tat recht weit weg von der Lebenssituation der meisten heute lebenden Menschen und von dem, was sie beschäftigt.

Hilfreich kann vielleicht sein, sich mit dem vertraut zu machen, was sich ausgehend von Rorty entwickeln lässt: Eine Praxis nämlich, die ich „Theorien-Pragmatismus“ nenne und die sich zu einem selbst- und sozialfokussierten Pragmatismus im Umgang mit Meinungen, Ansichten, Methoden, Weltanschauungen, Theorien und Erkenntnissen weiterentwickeln lässt. Diese Praxis könnte man auch „Personen-zentrierten Pragmatismus“ nennen. Sie hat viel gemein mit dem, was wir bei Menschen finden, die viel mit Menschen „und ihren Verrücktheiten“ gearbeitet haben, die sich auf diese Menschen eingelassen haben, die dabei merkwürdigerweise Spaß hatten und in diesen Einlassungen eine gewisse Befriedigung gefunden haben: Menschen wie Frank Farrelly, Marshall Rosenberg, Thomas Gordon, Eugene T. Gendlin, Gunther Schmidt oder Paul Watzlawick.

Worum geht es nun dabei und warum ist die Bezugnahme auf „Wahrheit“ dabei wenig nützlich oder sogar ziemlich hinderlich?

Gemeinhin wird angenommen, dass „Wahrheit“ Menschen Halt gibt, dass sie Konflikte befrieden kann (so Einigkeit erzielt wird) und dass sie irgendwie gleichzeitig eine Gesprächsgrundlage bildet wie auch das Ziel jeglichen Gesprächs darstellt (in Form einer „Einigung über die Wahrheit“ eben). Meine Erfahrung bei Gesprächen, an denen ich sowohl selbst beteiligt bin als auch die ich „nur beobachtet“ habe ist eine andere: Wann immer wir auf „Wahrheit“ Bezug nehmen, enden wir im Streit und zerschneiden mit Begeisterung und bestem Gewissen Tischtücher. Oft sind wir bereits im Streit, und es läuft „gefühlt“ gerade nicht gut für uns, wenn wir das Wort „Wahrheit“ (oder „Fakten“ oder „objektiv“) auspacken und auf jenen Tisch legen. – Diese meine Beobachtung folgt einer pragmatischen Perspektive: Sie fokussiert weniger die Inhalte jener Gespräche als die soziale Situation, in der sich diese Gespräch ereignen, und die sozialen Folgen, die solche Gespräche haben.

Warum ist das aber so? – In der Regel wollen wir in unseren Gesprächen etwas von anderen Menschen. Nur höchst selten haben wir „rein philosophische“ Gespräche, in denen sich zwei völlig befriedigte, bedürfnislose, gottgleiche Wesen begegnen, die nichts weiter voneinander wollen als „sich mal über die Welt und so austauschen“. – Das aber heißt: Wir wollen den anderen zu etwas bewegen. Und sei es nur, bestimmtes zu fokussieren, was der andere nach unserem Empfinden gerade zu wenig fokussiert, weil wir erwarten, er würde sich anders verhalten, wenn er XYZ einfach mehr wahrnehmen würde.

Was damit im Gespräch nicht auftaucht und performativ unwahrnehmbar gemacht wird, indem es nicht artikuliert wird, ist: Unsere eigene Bedürftigkeit und die Bedürftigkeit unseres Gesprächspartners. Nicht nur gerät aus dem Gespräch, was der andere vielleicht konkret für uns tun könnte (und vielleicht sogar tun würde, wenn wir unser persönliches Gewicht in die Waagschale werfen würden und ihn darum bitten würden), es gerät auch aus dem Gespräch, was der andere von uns vielleicht erst mal braucht, um uns überhaupt zuhören zu können oder seine Kraft zu spüren, die er benötigt, um auf unsere Bitte aus freien Stücken eingehen zu können.

Wenn es aber das ist, was der Gebrauch von „Wahrheit“ performativ leistet in den Gesprächen, die wir miteinander Tag für Tag haben, warum halten wir dann derart hartnäckig an diesem Instrument fest? Warum ignorieren wir so entschieden, dass wir nur höchst selten bekommen, was wir wollen, wenn wir „Fakten“, „objektive Daten“ und „Wahrheiten“ ins Gespräch bringen? Warum laufen wir gegen soziale Wände und holen uns immer wieder blutige Nasen bei anderen Menschen? – Ich unterstelle bei dieser Frage mal, dass der prozentuale Anteil an leidenschaftlich-entschiedenen Masochisten unter uns weitaus geringer ist als der Anteil an frustrierten Menschen, die an der „Uneinsichtigkeit“ ihrer Mitmenschen Tag für Tag verzweifeln. Eine Verzweiflung, die ihnen nur die ungute Wahl lässt zwischen den gleichermaßen ungünstigen Annahmen, die meisten ihrer Mitmenschen seien entweder a) dumm oder b) böswillig.

Ich denke, dass hier wie in so vielen anderen Situationen auch die Frage nach „dem Warum“ nicht wirklich ertragreich ist. – Weitaus ertragreicher sind Fragen danach, was man denn um erdenswillen stattdessen tun kann, in jenen Situationen in denen man sonst verzweifelt die Wahrheit beschwört, auf die man andere so gerne verpflichten möchte, aber leider leider höchst selten kann? (außer man hat gerade zufällig Macht, aber das ist ein anderes Thema).

Eine der ersten Fragen, die man sich in vielen sozialen Situationen aka Gesprächen stellen kann ist die, die Thomas Gordon stellt: Die Frage nach „dem Problembesitz“. Wer zum Teufel hat eigentlich gerade ein Problem? – Wessen Bedürfnisse sind gerade unerfüllt? – Und wenn überhaupt gerade irgendwelche Bedürfnisse von irgendwem unerfüllt sind, um welche Bedürfnisse handelt es sich dabei eigentlich gerade genau? Lassen sich dabei unterschiedliche Bedürfnisse („akuter Hunger“) von unterschiedlichen Strategien zur Befriedigung dieser Bedürfnisse („ich mach mir was, ich bestell mir was, ich frag mal den und den, ob er mir was abgibt/macht“) unterscheiden?

In den meisten Situationen, in denen plötzlich als Brandbeschleuniger „die Wahrheit“ ins Gespräch geworfen wird, haben wir mehrere Menschen, die jeweils auf mindestens einem akut unerfüllten Bedürfnis sitzen, bei dem sie davon ausgehen, dass es in diesem Moment nur der jeweilige Gesprächspartner befriedigen kann und sollte. „Wahrheit“ ist ein Konzept, dass diese Annahme sehr schnell zu einem wechselseitigen Problem macht: Beide erwarten dann erst mal vom anderen, er möge doch bitteschön erst einmal die eigene Wahrheit als ebensolche anerkennen – danach könne man erst sinnvoll weitersprechen. Kurz gesagt: Beide Seiten fordern „Unterwerfung“ unter die eigene Situations- oder Weltsicht und fühlen sich dabei auch jeweils gleichermaßen „im Recht“. Denn es geht ja „um die Wahrheit“ – Und davon kann es per definitionem schließlich nur eine einzige geben.

Das ist für eine Kooperation, die auf sinnvoller Arbeitsteilung beruht, eine denkbar ungünstiges Situationsverständnis.

Meist sind wir aber von unserer eigenen Sicht der Dinge so in Beschlag genommen, dass uns die Einsicht in das wenig produktive Bestehen auf unseren Einsichten und deren Anerkennung durch andere wenig weiterhilft. Denn unsere Sicht ist „emotional geladen“, wie die Anhänger des provokativen Stils in Coaching und Therapie zu sagen pflegen. Hinter unserer situativen Sicht der Dinge stehen Konzepte unserer generellen Sicht der Dinge, sogenannte „Frames“, die uns überhaupt erst operativ handlungsfähig machen und die wir als „unsere Identität“ ansehen. – „Wahrheiten“ und „Streitereien um Wahrheit“ dienen uns also immer auch als Identitätsabsicherung.

Nun sollte man vielleicht wirklich nie aus dem Blick verlieren, dass wir zutiefst „soziale Wesen“ sind. Selbst bei unserem Innersten: Unserem sogenannten „Selbst“, unserer „Identität“ sind wir darauf angewiesen, dass diese von anderen wahrgenommen, anerkannt, bejaht, akzeptiert und nicht selten sogar geliebt werden. Die Annahme, wir könnten uns selbst „Identitäten bauen“ so wie kleine Kinder Sandburgen und Legotürme bauen, halte ich für eine handfeste Unwahrheit. 😉 – Selbst jene Sandburgen und Legotürmen wollen noch von Eltern, Aufsichtspersonal und anderne Kindern begutachtet, bestaunt und kommentiert werden.

Was ich daher vorschlagen möchte, ist eine konsequente Fokussierung des Beziehungsgeschehens zwischen uns. Die Unternehmensberaterin Marie Miyashiro hat hierzu einmal das WAIT-Prinzip vorgeschlagen: „Why am I talking?“ – Was will ich eigentlich gerade erreichen, beim anderen erreichen, wohlgemerkt. Was will ich überhaupt gerade von meinen Gesprächspartnern? Was brauche ich eigentlich gerade wirklich? Sind meine Gesprächspartner wirklich die geeignetsten „Spender“ für Befriedigung gerade dieses meines akuten Bedürfnisses? Kann ich mir vielleicht sogar selber viel besser helfen, nachdem ich mir nun klar gemacht habe, was ich gerade brauche? Können mir andere bei genau dieser Sache vielleicht besser helfen als meine momentanen Gesprächspartner?

Und: Wo ist der andere gerade? Womit ist er gerade beschäfigt? Wie geht es ihm gerade? Ist er selbst unter dem Druck eines oder mehrerer akuter Beürfnisse? Ist er bereit zu hören? Ist er überhaupt in der Lage zu geben? Kann ich mit einem Nein von dieser Person umgehen, wenn ich sie bitte? Was brauche ich dafür, um mit einem Nein umgehen zu können, so dass ich auf diese Person zugehen kann, ohne unbewusst Druck auszuüben, den die Person sofort wahrnehmen und sich daher von mir genötigt fühlen wird?

Uns Fragen dieser Art zu stellen: Das sind hohe Anforderungen an uns, wenn wir uns in einer Situation befinden, in dem wir gerade akut etwas brauchen.

Allerdings wird dieser Druck, den wir haben, nicht dadurch geringer, dass wir unsere Bedürfnisse in den Anerkennungs-Bedarf für „objektive Wahrheiten“ umwandeln. Denn das, was wir dann bekommen, kann als sicher gelten: Streit.

Wenn wir tatsächlich Streit wollen, Streit suchen, weil er uns ablenkt von unserem Schmerz darüber, dass wir uns selbst gerade nicht zu helfen wissen, dass wir uns ohnmächtig fühlen, dass wir uns nicht wahrgenommen fühlen, dass wir uns allein gelassen fühlen, dann, ja dann machen wir alles richtig, wenn wir weiterhin darauf bestehen, dass es ganz unvorstellbar wichtig ist, dass wir weiterhin auf dem Gebrauch des Wortes „Wahrheit“ bestehen. Unabdingbar für den Fortbestand der Spezies Mensch, zum Beispiel. Oder ähnlicher Kokolores.

Und dass eine offen rhetorische Kultur uns alle ganz sicher ins Verderben führen muss. Mindestens.

Ich muss zugeben:  Dass uns ein konsequenter Verzicht auf „die Wahrheit“ dahin führen könnte, dass wir deutlich öfter voneinander bekommen, was wir wirklich voneinander wollen, fällt demgegenüber nicht großartig ins Gewicht. Nein, wirklich nicht. Hier scheint sich wie gewöhnlich jener Satz zu bestätigen: „Du kannst mit anderen einigermaßen glücklich werden oder Du kannst anderen gegenüber vollkommen recht behalten – Aber Du musst Dich entscheiden: Du kannst nicht beides haben.“ Da Wahrheit unverzichbar wichtig ist für uns, wissen wir ja, welche tragische Wahl wir hier zu treffen haben: Es ist unsere gottverdammte Pflicht, der Wahrheit jedes einzelne verdammte Mal zum Sieg zu verhelfen. Wann auch immer sie in irgendwelche Zweifel gezogen wird. Wo auch immer sie verwässert wird. Von wem auch immer sie gerade nicht anerkannt wird – Koste es uns, was es wolle! Also: Den Anderen und unsere mögliche gute Beziehung zu ihm. Auf den unerbittlichen Kampf um die Anerkennung unserer Wahrheiten zu verzichten: Das wäre eklige Schleimerei, feiges Appeasement gegenüber kommenden Adolf Hitlern! Nein: Aufrecht müssen wir alles zurückweisen, was möglich wäre, im Namen des einzigen, was uns Befriedigung verschaffen kann: Im Namen der Wahrheit! Erst wenn wir unseren jeweiligen Wahrheiten den Endsieg, d.h. allgemeine Anerkennung verschafft haben, erst wenn alle Menschen ihr Haupt vor unseren Wahrheiten nicht nur beugen, sondern zustimmend nicken, erst dann wird Frieden oder Friedhofsruhe auf Erden sein!

Amen.