Beschäftigt man sich bei dem Thema „soziale Systeme“ vor allem damit, was sie mit Menschen machen und was Menschen dabei miteinander machen, können einem viele verschiedenartige Dinge auffallen.

Eines dieser Dinge ist die Wahrnehmung: Soziale Systeme haben eine hypnotische Wirkung auf uns. Sie lenken unsere Wahrnehmung, verstärken bestimme Verhaltensweisen und „formen“ uns. Gleichzeitig schwächen sie andere Wahrnehmungen und machen andere bestimmte Verhaltensweisen unwahrscheinlicher oder subjektiv wahrgenommen: sie erschweren sie.

Nehmen wir in diese hypnotische Wirkung sozialer Systeme auf Menschen eine gestiegene innergesellschaftliche Differenzierung hinein, so werden wir annehmen müssen, dass „wir selbst bei diesem Prozess verschiedenartiger werden“. Das gilt nicht nur für die „Déformations professionelles“, sondern auch für viele andere Unterschiedlichkeiten, die eine ausdifferenzierte moderne Weltgesellschaft ermöglicht und erzwingt.

Das bedeutet aber zugleich: Unser wechselseitiges Unverständnis wächst. Wenn es wahr ist, „dass man erst 1000 Schritte in den Schuhen des anderen gelaufen sein muss“, bevor man sein Denken, Handeln und Fühlen nachvollziehen kann, so werden unsere gemeinsamen Schritte weniger, die wir mit den Menschen teilt, denen wir in vielen alltäglichen Situationen (Nachbarschaft, Beruf, Freundschaft, Verwandschaft, Behörden, Politik, Kinder, Verletzungen, Alter, etc.) begegnen und mit denen wir zurecht kommen müssen. Nicht nur werden wir „verschiedene Sprachen sprechen“, sondern wir werden auch unter den gleichen Worten Unterschiedliches verstehen. Das sorgt für eine Erwartbarkeit von Missverständnissen und erhöht den Aufwand für gelingende Kommunikation und gute Beziehungen.

Das alles stellt uns vor große und teilweise neuartige Anforderungen, wollen wir mit anderen Menschen heutzutage gute Beziehungen führen.

Das, was geteilte Erfahrungen in einer in sich hochdifferenzierten Gesellschaft nicht mehr leisten können, muss durch einem Mehraufwand in Zeit, Aufmerksamkeit, Energie und Empathie in Beziehungen kompensiert werden. Wer diesen Aufwand aber betreibt, macht sich „beziehungsmäßig ausbeutbar“. Diese Ausbeutbarkeiten des „wohlmeinenden Gutmenschen“ gab es zwar immer schon; und Täuschung ist ebenfalls ein unausrottbarer, „überzeitlicher“ Teil des Verhaltensrepertoirs in Beziehungen, aber die Formel „der Empathische ist der Dumme“ ist für die Moderne Weltgesellschaft aufgrund ihrer internen Differenzierung ein größeres Problem als für alle uns bisher bekannten Gesellschaftsformen.

Es gibt heute ein „gesellschaftliches Interesse“, dass Menschen, die kooperative Verhaltensweisen zeigen und einen persönlich hohen Aufwand betreiben, von diesem Mehraufwand auch profitieren sollten. – Aber welche gesellschaftliche Institution sollte diese Sicherstellung eines „emotionalen/empathischen Payout“ leisten? Die Frage führt tief hinein in „das Wesen des Intitutionellen“ und die Frage, was Institutionen leisten können und was nicht.

Stand heute müssen wir wahrscheinlich davon ausgehen, dass diejenigen, die sich durch einen Mehraufwand in Beziehungen verletzlich machen als andere, selbst gut schützen müssen. – Was einen weiteren Mehraufwand bedeutet, mindestens an kognitivem Aufwand und Energie.

Beziehungen humorvoll ernst zu nehmen und ihnen einen Großteil seiner Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken ist heute leider eine „heroische Wahl“, d.h. man trifft diese Entscheidung auf persönliches Risiko. Es gibt keine gesellschaftliche Ermutigung zu dieser Wahl und keine institutionellen Garantien, dass sich diese Entscheidung für einen persönlich lohnen wird.

Auch wenn Empathie erkennbar der vielgesuchte „Kitt“ ist, der eine hochdifferenzierte Gesellschaft von ihrer menschlichen Seite her zusammenhält, ermutigen unsere heutigen Institutionen uns vorwiegend zu persönlichen Praktiken, deren Ergebnis eine Absenkung unserer natürlichen Empathiefähigkeit ist. Wir werden angehalten „zu gewinnen“, „bei Tests gut abzuschneiden“, „zu konkurrieren“, „aufzusteigen“, „Märkte zu erobern und auszubeuten“, „Rechte einzuklagen (= vor Gericht zu gewinnen)“, „Parteien zu bilden, die Wahlen zu gewinnen versuchen“, etc.

Zudem ist unsere Gesellschaft voller weithin akzeptierter hierarchischer Strukturen. Und das, obwohl wir schon seit mehreren Jahrzehnten wissen können, dass Hierarchie und Empathie sich in einem wechselseitigen Abstoßungs-Verhältnis zueinander stehen. Wir dulden also ein geringes Empathie-Niveau bei uns selbst und bei anderen. In der Regel halten wir dieses geringe Empathie-Niveau sogar für „normal“, „natürlich“ oder einfach „menschlich“. – Studien, die anderes nahelegen, ignorieren wir souverän und ziehen aus ihnen keine institutionellen Konsequenzen.

Ich möchte hier nur eines von zahllosen Feldern benennen, in denen sich diese unsere Ignoranz gegenüber unseren Empathie-Fähigkeiten den gesellschaftlichen Fortschritt sabotiert:

Im Bereich des Investitionswesens wird zurecht moniert, dass wir keine Ideen dafür haben, wie wir aus einer zum Wachstum verurteilten Wirtschaft zu einer Kreislaufwirtschaft kommen könnten. Daher wird völlig zu Recht angenommen, dass nur katastrophale Entwicklungen einen Übergang schaffen können. Entwicklungen von der Art, wie sich kaum jemand von uns wünschen kann.

Bei diesem Gedankengang wird stillschweigend unser common sense vorausgesetzt, nachdem Menschen Geld nur dort investieren, wo „mehr Geld“ als Ergebnis der Investition zu erwarten ist. Die Konzeption des „Impact Investing“, bei dem ich Geld nicht investiere, weil ich mir davon „mehr Geld“ erwarte, sondern „mehr von etwas anderem“, in der ich also emotional an meiner Investition beteiligt bin, sind damit gedanklich ausgeschlossen.

Dass eine Ausbreitung dieser andersartigen Form des Investierens das Missing Link jenes hochwahrscheinlich notwendigen Übergangs zu einer Kreislaufwirtschaft bilden könnte, dieser an sich ziemlich banale und naheliegend Gedanke existiert für uns nicht, solange wir nicht Empathie zum Dreh- und Angelpunkt unseres Nachdenkens von Gesellschaft und unseres Experimentierens mit gesellschaftlichen Institutionen machen.

Ja, unserem Experimentieren mit Institutionen, Organisationsformen und Entscheidungswegen fehlt jegliches Ziel und Kriterium, solange es nicht in dem verankert ist, wie es den von diesem Experimentieren betroffenen Menschen dabei und danach geht.

Die Banalitäten, „dass die Wirtschaft für den Menschen da ist“ oder „dass ein Unternehmen in einem bestimmten Dienst an bestimmten menschlichen Bedürfnissen besteht“ verlieren sich ebenfalls völlig aus unseren Wahrnehmungen, solange wir Empathie nicht fokussieren. Beide Annahmen erscheinen dann als „der Realität widersprechend“, und ernten wiederum völlige Ignoranz, wenn nicht vehementen Widerspruch. Auch viele Menschen, die heute unter hohem Einsatz ihrer persönlichen Zeit und Kräfte an einer menschlicheren Wirtschaft arbeiten, schämen sich ganz offensichtlich für diese ihre Absichten. Man kann das daran gut ablesen, dass sie sich fast ausnahmslos beeilen zu betonen, „es muss sich natürlich auch rechnen“. Sie wollen nicht als naiv gelten. Oft werden also Effizienz-Vorteile vorgeschoben, um institutionelle Veränderungen voranzubringen, die vor allem dazu dienen, dass es Menschen leichter wird, anderen Menschen zu dienen, ohne sich selbst dabei zu schaden.

Es dürfte sehr zutreffend sein, dass „gute Absichten“ noch lang keine guten Effekte nach sich ziehen. Diesen fehlenden Automatismus scheinen aber viele heute dahingehend überzuinterpretieren, gute Absichten trügen einen Automatismus für schlechte Effekte in sich. Beim gemeinsamen Experimentieren mit Institutionen und Entscheidungsformen sind „gute Absichten“ aber eine notwendige Voraussetzung für gute Effekte. Keine hinreichende Voraussetzung, ja klar. Fehlen diese guten Absichten aber, so werden die beteiligten Mit-Experimentatoren aber irgendwann durchschauen, dass ihnen hier gerade übel mitgespielt werden soll, dass die schönen Experimente dabei enden sollen, dass es ihnen schlechter und anderen besser geht.

Einer Entwicklung unserer Weltgesellschaft in Richtung einer Zunahme von emotionalen win-win-Spielen und einer Abnahme von emotionalen win-lose-Spielen ist mit der Annahme jedenfalls wenig gedient, dass Empathie keine Rolle spiele und gesellschaftlicher Wandel völlig emotions- und damit auch motivlos vor sich gehen könne.

Da die Gesellschaft „uns macht“, haben wir gar keine andere Wahl, als wiederum unsererseits „Gesellschaft zu machen“. Was für Gesellschaft wir machen, ist dabei unseren Absichten, Wünschen, Gefühlen und Bedürfnissen überlassen. Und den Absichten, Wünschen, Gefühlen und Bedürfnissen unserer menschlichen Mit-Experimentatoren.

Es könnte daher eine nicht ganz schlechte Idee sein, sich intensiv und zeitaufwändig genau dafür zu interessieren…

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