Was Beziehungskommunikation angeht, scheinen sich zwei Positionen einander unversöhnlich gegenüber zu stehen: Eine Ermutigung zur Authentizität, „ganz man selbst zu sein“, sich zu öffnen, sich zu zeigen einerseits. Und eine Ermutigung zu Rollenverhalten oder zu einem Spiel mit Rollen andererseits, die sich gut in die Formel des Buchtitels „Wir spielen alle nur Theater“ von Erving Goffmann fassen lässt.

Aber möglicherweise handelt es sich bei der Annahme, dass das ein Widerspruch sei, um ein weitgehend unnötiges Missverständnis. Hat man den Provokativen Kommunikationsstil und die Grundannahmen der Provokativen Therapie vor Augen, so muss man in der Frage „Authentizität – ja/nein“ entweder noch verwirrter sein als ohnehin schon. Oder man kommt zu dem Schluss, dass das wohl doch irgendwie vereinbar sein muss. Denn das, was begabte provokative Berater und Therapeuten, und ja: auch Alltagsprovokateure tun, ist ganz offensichtlich Schauspielkunst einerseits und durchaus authentisch andererseits. Nicht umsonst spricht Noni Höfner, die den provokativen Stil in Deutschland bekannt gemacht hat, davon, dass es einer der Vorzüge der provokativen Kommunikation ist, dass man dabei viel Professionalitäts-Begrenzungen weglassen kann und auch in der Rolle „wieder Mensch ist“.

Das wirft uns auf die Frage, was das eigentlich sein soll: „Authentizität“? – Geht es um das zeigen und den Ausdruck unseres „wahren Wesenskerns“? – Das setzt voraus, dass es so etwas überhaupt gibt. Ich persönlich bin kein Freund dieser Annahme. – Oder geht bei Authentizität darum, dass man seinen ungefiltert Ausdruck verleiht, etwa so wie das ganz kleine Kinder oder Tiere zu tun scheinen? – Das ist offensichtlicher Unsinn, denn wenn wir unser Erwachsenen-Ich und sein komplexes „Management“ unserer verschiedenen Gefühle und Bedürfnisse über Bord werfen, wirken wir nicht „authentisch“, sondern eher aufgesetzt, künstlich. – Oder sind wir dann authentisch, „wenn alle Verstellungen fallen“, also z.B. unter Alkoholeinfluss oder unter dem Einfluss anderer Drogen, die unseren Neocortex beeinträchtigen und „Hemmungen abbauen“? Zeigen wir da „unser wahres Ich“?

Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber für mich ist „Authentizität“ etwas ganz anderes, wenn denn der Begriff irgendetwas bedeutet, was wir in vielen Situationen eher positiv bewerten: Jemand ist in gutem Kontakt mit seinen Gefühlen und zugleich mit den Gefühlen anderer Menschen, die mit ihm in einem Raum sind. „Authentizität“ ist – zumindest wenn wir nach unserem verbreiteten Sprachgebrauch gehen – eine soziale Kompetenz. Wir merken das daran, dass es wenig Sinn zu machen scheint, über jemanden, der gerade allein ist, zu sagen, er sei authentisch. „Authentisch“ nennen wir gewöhnlich weder Menschen, die ihr Bewusstsein ausgeschaltet oder gedimmt haben (also sich z.B. „das Hirn weggesoffen haben“). Noch nennen wir Menschen so, die sich ihrer gegebenen Gefühle nicht bewusst sind. Dieses Bewusstsein geht nach meinen Erfahrungen aber meist mit einem Bewusstsein auch für die Gefühle der anderen Menschen einher, mit denen man Raum und Situation teilt.

Das aber schließt gezieltes Schauspiel nicht aus. Wir spielen ohnehin die ganze Zeit miteinander – Die Frage scheint viel eher zu sein, ob wir diesen Umstand „gezielt vergessen“ oder ob uns dieses Spiel zu sehr in eine anstrengende Ernsthaftigkeit entgleitet. Letzteres scheint uns Erwachsenen all zu oft zu passieren, zumindest wenn man nach Frank Farrelly, dem Erfinder des provokativen Stils geht.

Das führt uns zu einer paradoxen Aussage: Wenn wir vergessen, dass wir gerade schauspielen, und damit auch: Dass wir schauspielen können, dann wirken wir ebenfalls unauthentisch. Authentizität scheint schlichtweg in einem merklich bewussten Umgang mit menschlichen Gefühlen zu bestehen, eigenen wie fremden.

Was ist aber mit „Manipulation“? Wir können uns als Menschen ja ganz offensichtlich „verstellen“! Wir können „unsere Absichten verbergen“ oder „unsere wahren Gefühle“! – Nicht von ungefähr fühlen wir einen großen Vertrauenverlust, wenn wir den Eindruck haben, jemand habe uns etwas vorgemacht, um etwas von uns zu bekommen, was wir ihm sonst nicht gegeben hätten.

Hier hilft uns bei der Klärung erneut der Rückgriff auf den provokativen Kommunikationsstil: Interessanterweise ist der provokative Stil einerseits ganz offensichtlich hochmanipulativ; er nutzt, wenn er kann, die ganze Bandbreite der gefühlsauslösenden Verhaltenspalette. Andererseits nimmt „das Opfer“ solcher Manipulation diese Manipulation höchst selten übel. – Wie kann das sein? Wo liegt der Unterschied?

Möglicherweise ist auch dieser Widerspruch leichter aufzulösen als wir oft glauben: Der geschickte Betrüger, der einen anderen über den Tisch zieht, hat seinen eigenen Vorteil im Sinn. Er „spielt“ ernst: Er will etwas bekommen und dem anderen etwas nehmen. Er spielt, wenn man das noch Spiel nennen will, kein kooperatives Spiel. Einer gewinnt, einer verliert. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich um einen Vertriebler handelt, der ein in Wahrheit nutzloses oder mangelhaftes Produkt „verkauft“, oder um eine Führungskraft, die ihren Mitarbeitern Kündigungspläne verheimlicht, die längst beschlossen sind, oder um die privaten wie beruflichen Schauspielleistungen im Rahmen von frustrierenden und ermüdenden Kennenlernprozessen.

Der Nutzer des provokativen Kommunikationsstil schauspielert zwar ebenfalls, was das Zeug hält, aber er spielt ein kooperatives Spiel: Er verbündet sich nicht mit den Ängsten, Verletzungen und Schwachpunkten seines Spielpartners, sondern gerade mit seinen Ressourcen, Stärken und seiner Handlungsfähigkeit. Einer Handlungsfähigkeit, die der andere oft hinter einer eingeübten Opferhaltung vor sich und anderen versteckt, und die aufgrund der provokativen Kommunikation emotional kostspieliger in der Aufrechterhaltung wird. – Am Ende einer „erfolgreichen Provokation“ steht daher der Eindruck, dass sich der provozierte Spielpartner vor der Provokation selbst „unauthentisch“ verhalten hat und sich selbst zum eigenen Nachteil ein ungutes Schaustück geliefert hat.

Es gehört zu den Grundannahmen der Anwender des provokativen Stils, dass alle Menschen begnadete Schauspieler sind. Und dass wir beinahe immer schauspielen. Die meiste Zeit, ohne es zu bemerken. Die meiste Zeit glauben wir, „wir sind so“ (Entsprechend lautet ein schöner Buchtitel von Noni Höfner: „Glauben Sie ja nicht, wer Sie sind!“). Gehen wir nach den Erfahrungen in der provokativen Beratung können wir daher sagen: „Authentisch“ sind wir in den seltenen Momenten, in denen wir uns unserer ständigen Schauspielerei bewusst ist. – Und dieses Bewusstsein unserer ständigen Schauspielerei durch Humor für uns und unsere Mitspieler sehr gut erträglich oder sogar lustvoll ist.

„Authentizität“ ist dann ein gerade ein Aufbruch in neue Verhaltens-Möglichkeiten, indem in solchen Momenten sich die „emotionalen Ladungen“ von bestimmten Verhaltensweisen lösen, auf die wir uns fixiert haben. Wenn andere Menschen merken, dass wir gerade lustvoll und selbstbestimmt mit unserem Verhalten spielen und sie offen in dieses Spiel miteinbeziehen, gerade dann bezeichnen sie uns oft als „authentisch“.

Ich weiß allerdings nicht, ob dieses Verständnis von „Authentizität“ auch für Menschen Sinn macht, die derzeit noch wenig Erfahrungen mit liebevoller und humorvoller provokativer Kommunikation haben.

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