Vor dem Lesen dieses Artikels habe ich eine Bitte: Einmal in die folgenden 10 Minuten des Vortrags von Vera F. Birkenbihl reinzuhören. Es ist dann wahrscheinlich deutlich leichter nachzuvollziehen, warum ich beim Thema „Offene Gesellschaft“ überhaupt den Wunsch habe, über „Männer und Frauen“ zu sprechen.

Es gibt benennbare Gründe, warum weltweit Männer gegen eine Offene Gesellschaft kämpfen. Und es gibt ebenfalls benennbare Gründe, warum auch Frauen derzeit deutlich weniger haben von der überaus wünschenswerten Entwicklungen in Richtung einer immer Offeneren Gesellschaft. Deutlich weniger als prinzipiell möglich wäre.

Wir haben da ein veritables Lose-Lose-Spiel am Start. Und die Frage ist, ob wir dieses erbärmliche Spiel wirklich bis in alle Ewigkeit zusammen weiterspielen wollen. Oder ob uns dieses Spiel nicht mittlerweile durchaus schon so weit zum Hals heraushängt, dass wir stattdessen lieber gemeinsam neuartige Spiele entdecken wollen. Selbst wenn (oder weil?) uns das eine abenteuerliche Angst macht…


Ich möchte im Folgenden nicht von „Männern“ und „Frauen“ sprechen, sondern stattdessen davon, wozu wir derzeit Menschen erziehen, die von ihrer Erscheinung her entweder dem einen oder anderen Geschlecht zugeordnet werden. – Von jenem normativen Ideal zu sprechen, ist etwas deutlich anderes als davon „wie Männer sind“ oder „wie Frauen sind“. Ich möchte dafür argumentieren, dass unsere momentanen Erziehungsformen, ja möglicherweise „Erziehung“ überhaupt etwas ist, dass uns unser Zusammenleben in einer offenen Weltgesellschaft deutlich schwerer macht als wir es haben könnten – Dabei gehe ich davon aus, dass unser Zusammenleben auch dann, wenn wir mit unserem Unterlassen von Erziehung erfolgreich sein sollten, immer noch schwer genug sein wird, um für uns spannend zu sein. 😉

Wenn ich behaupte, dass geschlechtsspezifische Erziehung uns unser Zusammenleben in einer offenen Gesellschaft deutlich schwerer macht als nötig, so wirkt das möglicherweise zunächst wie eine dreiste Behauptung, die entweder nicht belegt ist oder generell schwer zu belegen ist. Also wie ein „purer Glaube“ oder „eine Ideologie“. Ich glaube aber Gründe liefern zu können, die den Zusammenhang zwischen beiden Phänomenen klarer machen. Diese Gründe haben die Form einer Klärung, was wir denn unter „schwer/leicht in einer offenen Gesellschaft“ verstehen können. Und einer Klärung, was wir unter „geschlechtsspezifischer Erziehung“ verstehen können.

Ich beginne mit der Klärung der Frage, was wir unter „geschlechtsspezifischer Erziehung“ verstehen können. Und ich beginne willkürlich bei der „Erziehung zu Männern“, wahrscheinlich weil ich von dieser Erziehung unmittelbar betroffen bin, während ich die Folgen der „Erziehung zu Frauen“ nur mittelbar kenne.

Dabei ist wohl jedem klar, dass es weder Männern egal sein kann, in welcher Weise Mädchen spätestens von Geburt an zurechtgestutzt werden, noch Frauen egal sein kann, in welcher Weise Männer spätestens von Geburt an zurechtgestutzt werden. Es hat für uns alle recht weitreichende Folgen, wenn wir uns in Gesellschaft auf ein jeweils kollektives Unvermögen einzustellen haben. Und es hat Folgen für die Möglichkeit und Unmöglichkeit bestimmter Gesellschaftsformen und unsere Möglichkeiten, in ihnen Befriedigung zu finden.

1) Wozu wir derzeit Menschen erziehen, die wir als „Jungen/Männer“ betrachten

Zu diesem Thema könnte ich einen ganzen Roman schreiben. Glücklicherweise haben Autoren wie Björn Süfke, Steve Biddulph und andere dazu bereits auf eine solch empathische Weise geschrieben, dass ich an diesem Roman gut vorbei komme.

Worauf ich besonders hinweisen möchte, ist ein Kernpunkt unserer Erziehung von Jungen zu Männern: Wenig Empathie zu geben und wenig Empathie zu erwarten.

Diese Zurichtung menschlicher Wesen macht dann viel Sinn, wenn wir davon ausgehen, dass wir als Gesellschaft dringend Massen von emotional abgestumpften, eigene Bedürfnisse vernachlässigenden Soldaten brauchen, die zu ihrer Verhaltenskoordinierung auf Regeln, Rangfolgen und Hierarchien zurückgreifen.

Sollten wir aber der Meinung sein, dass wir heutzutage diesen gesellschaftlichen Bedarf nicht mehr haben, sollten wir uns fragen, was wir uns mit dieser Form von Jungen/Männer-Erziehung eigentlich antun.

Es gibt gute Gründe, Gefühle als körper-interne Informationen darüber aufzufassen, ob menschliche Bedürfnisse erfüllt oder unerfüllt sind. Wird über eine Form von selbst-entfremdender Erziehung die Fähigkeit minimiert, Gefühle bei sich selbst wahrnehmen zu können, so hat das folgende absehbaren Effekte (die wir zugleich an uns und unseren Mitmännern sehr gut wahrnehmen können, wenn wir noch etwas bei Sinnen sind):

  • Menschen, die zur Gefühl-Abspaltung erzogen wurden, sind orientierungslos. Sie sind zwar programmiert, „immer zu marschieren“. Fragen nach dem „Wohin“ des Marschierens machen aber für sie selbst kaum Sinn: Sie können solche Fragen schlichtweg nicht mehr beantworten. Sie spüren auch die meiste Zeit kein Defizit: Solange ihnen eben jemand sagt, wohin sie marschieren sollen. Erst die Eltern und die Lehrer. Später die Frauen und die Chefs.
  • Menschen, die zur Gefühls-Abspaltung erzogen wurden, können auch Gefühle bei anderen Menschen deutlich schlechter wahrnehmen. Sie merken nicht, was in anderen Menschen vor sich geht. Wird das innere Vorgehen von anderen Menschen unüberwahrnehmbar geäußert, wird es in der Regel bagatellisiert und performativ nicht-ernst genommen. Wie auch anders? Man kennt den Vorgang, „auf Gefühle zu hören“ ja auch bei sich selbst nicht. Warum sollte man das dann in Bezug auf die Gefühle anderer Menschen machen? – Menschen mit massiven Gefühls-Abspaltungen sind lausige Partner, schreckliche Väter und völlig führungsunfähige Kollegen und Vorgesetzte.
  • Menschen, die zur Gefühls-Abspaltung erzogen wurden, haben keine Chance, „ihres Lebens froh zu werden“. Sie sind getrieben von einer „gefühlten Leere“, die sie durch äußere Erfolge, Leistung und Ergebnisse zu kompensieren versuchen, aber niemals kompensieren können („Externalisierung“). – Ich gehe zusammen mit berufeneren Menschen: Experten für das Thema „Depression“ davon aus, dass die Zahl männlicher Depressiver deutlich höher ist als sie diagnostiziert wird, weil „männliche Depression“ häufig ein anderes Erscheinungsbild hat als das, was sowohl Mediziner als auch Nicht-Mediziner mit Depression verbinden. Männliche Depressive sind oft hochaktiv. Ganz plötzlich bekommen sie dann merkwürdige Krankheiten, haben Unfälle oder pflegen intensiv verschiedene Süchte, viele davon sind gesellschaftlich akzeptiert. Von der hohen Selbstmordrate von Männern ganz zu schweigen. Zurecht wird darauf hingewiesen, dass viele Sterbefälle, die in der Statistik als „Unfälle“ auftauchen, wahrscheinlich verkappte Selbstmorde von Männern sind, die auch noch im letzten Ausdruck ihrer Verzweiflung zu verbergen suchen, was in ihnen vorging. Männer geben nicht nur kaum Empathie, sie erwarten auch keine. Aus Erfahrung.

Da die Erziehung „zu männlichen Verhaltensweisen“ keineswegs an das biologische Geschlecht gekoppelt ist, können wir ähnliche Phänomene bei Frauen überall dort wahrnehmen, wo sie Teil hierarchischer, armee-ähnlich organisierter sozialer Umfelder werden. Dort verhalten sich Frauen häufig „wie Männer“.

Sollten wir Empathiefähigkeit für eine Kernkompetenz unserer gesellschaftlichen Zukunft auf einem begrenzten Planeten mit bald 11 Millionen Menschen halten, sollte uns diese Entwicklung durchaus bedenklich stimmen: Statt unseren Männern zu ermöglichen, ihre natürliche Empathiefähigkeit wieder freizulegen (bei kleinen Jungen bis zum Alter von ca. 10 kann man das noch sehr gut wahrnehmen), haben wir begonnen, nun auch unseren Frauen ihre Empathiefähigkeit abzutrainieren.

2) Wozu wir derzeit Menschen erziehen, die wir als „Mädchen/Frauen“ betrachten

Als überwiegend heterosexueller, weißer, mittelalter Mann darf man unter dieser Überschrift wohl vorsichtig sein. Falls einem nicht zu verstehen gegeben wird, dass man über dieses Thema generell zu schweigen habe. Ich bin da allerdings renitent und ideologisch verdorben: Ich bin der Auffassung, dass jeder Mensch über alles und alle sprechen darf, solange er dabei in einer empathischen Haltung bleibt. Ob mir das im Folgenden gelingt, darf gerne in Frage gestellt werden:

Die meisten Frauen werden in unserer Erziehung zur Empathie angehalten. Es handelt sich dann nicht um eine Empathie-Fähigkeit, sondern vor allem um eine Fremd-Empathie-Pflicht: Sich um andere kümmern, sich nach dem Befinden erkundigen, Interesse für das Wohl anderer entwickeln. Viele Frauen wurden sehr früh in familiäre Abläufe eingebunden, wobei ihnen andere Möglichkeiten der Selbstverwirklichung performativ entzogen wurden.

Was die Eigenempathie angeht, bewirkt unsere Erziehung von Mädchen/Frauen ein – aus meiner männlichen Sicht – verwirrendes „Ergebnis“: Viele Frauen sind im Vergleich zu vielen Männern in der Lage, ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse sehr viel besser wahrzunehmen. – Aber sie unternehmen nichts, um diesen Gefühlen und Bedürfnissen gerecht zu werden! Mit einer männlichen Sozialisation im Nacken ist dieses Verhalten völlig paradox und unverständlich. Denn uns Männern wird ja die Handlungsorientierung („immer marschieren, egal wohin“) eingeimpft. Würden wir gelegentlich spüren, was zu tun ist, würden wir „es einfach machen“.

Als Formel könnte man also sagen: „Nach erfolgreicher Sozialisation ‚zum Mann‘ wissen Menschen zwar nicht, wohin sie marschieren wollen, aber sie marschieren. Idealerweise immer. – Nach erfolgreicher Sozialisation ‚zur Frau‘ wissen Menschen zwar sehr genau, wohin sie gern marschieren würden, aber sie marschieren dafür nicht mehr. Idealerweise nie“

Die Folge: Frauen spenden Trost. Sie spenden nicht nur ihren Kindern und ihren Männern Trost, sie spenden auch einander Trost, spiegeln einander Gefühle, „nehmen Anteil“. Ob Trost aber immer das ist, was gerade dran ist, und ob beherztes Handeln im Namen der eigenen Bedürfnisse nicht die oft naheliegender Option wäre, diese Frage können sich viele Frauen nach ihrer Erziehung kaum mehr stellen. Dass es ein hinreichender Grund ist, etwas zu unternehmen, dass es einem dann besser geht, ist für viele Mädchen/Frauen nach unserer „erfolgreichen Erziehung“ zwar oft noch kognitiv erfassbar, aber nicht mehr umsetzbar. Hart gesprochen bauen wir in Mädchen/Frauen durch die Art und Weise unserer Erziehung Blockaden für Selbst-Empathisch motiviertes Handeln ein. Und das hat ähnlich fatale Konsequenzen wie unsere Jungen/Männer-Erziehung.

Ich kenne die aktuellen Zahlen nicht, aber ich weiß, dass die Zahl der Frauen, die in auffälliger Weise an bestimmen Angst-Erkrankungen, Depressionen, Medikamentenmissbrauch und weiteren psychischen Störungen erkranken, erschreckend hoch ist. – Schauen wir unsere Erziehung von Mädchen/Frauen an, sollte uns das zwar durchaus erschrecken; wundern sollte uns das aber nicht mehr.

Wirklich pervers wird unsere Frauen-Erziehung, wenn wir uns anschauen, mit welchem Double-Bind wir sie „bespielen“, wenn sie dann ins Berufsleben eintreten: Dort sollen sie dann in Systemen, die ursprünglich von Soldaten für Soldaten gemacht wurden, „typisch männliche Tugenden“ entwickeln. – Zwar ist die Arbeitswelt durchaus im Wandel. Aber machen wir uns nichts vor: An beinahe allen Orten bis auf ein paar wenigen Inseln, die es immer schon gab, ist unsere Arbeitswelt auch heute noch strikt hierarchisch organisiert. Wann immer „schmerzhafte Entscheidungen“ getroffen werden müssen, „wird durchregiert“, wird die Befehlskette aktiviert, die von Investoren/Eignern über Vorstände, CXOs und Führungskräfte bis „zum einfachen Mitarbeiter“ reicht. An ihrem Handeln, nicht an ihren Worten sollst Du Hierarchien erkennen…

Unsere Unternehmen sind immer also noch Armeen mit Rängen, Weisungsbefugnis und Regeln. Unternehmen sind Armeen, die zur Bereicherung ihrer Eigner „Märkte erobern sollen“, nicht menschliche Bedürfnisse befriedigen. Dies wird sich nach meinen Einschätzungen erst dann ändern, wenn sich im Bereich der Unternehmensfinanzierung Fundamentales ändert und Zeit-Investoren („Mitarbeiter“, „Mitunternehmer“) und Geld-Investoren echte Beziehungen auf Augenhöhe eingehen, die ihrerseits von keiner einseitigen Hierarchie bestimmt sind, die sich dann völlig unaufhaltsam in die Unternehmensorganisation hinein verlängert. Solange sich das nicht ändert, werden wir in unseren Unternehmen immer Armee-ähnliche Gebilde haben, damit die bereits grundgelegte Gefühls-Abspaltung bei Männern nochmal vertiefen und Frauen einer perfiden Doppel-Botschaft aussetzen, an der sie kaum anders können als zu leiden.

Unsere Unternehmen sind derzeit noch aufgestellt wie jene Kolonialisierungs-Schiffe, ausgestattet von Königshäusern, die Soldaten auf Eroberungsfeldzüge schicken, wo sie Beute machen sollen. Die Beute wird im Nachgang (ungleich) geteilt. Wie es Eingeborenen und Eroberern bei der Kolonialisierung ergeht, oder wie viele von ihnen dabei umkommen: All das spielt keine wirkliche Rolle für das Unternehmen. Unternehmerisch geht nur um eine Rechnung: Investition in die Ausstattung der Expedition x Risiko des Verlustes dieser Ausstattung x Möglicher Gewinn an Beute durch den unternehmerischen Eroberungsfeldzug. – Ob er das noch zeitgemäß und für sich befriedigend findet, muss jeder für sich selbst entscheiden. Mein Eindruck ist: Um so besser die Selbst- und Anderempathie eines Menschen noch intakt ist, um so größer ist sein Problem, sich für Unternehmen dieser Art zu begeistern oder von ihnen einspannen zu lassen.

3) Was uns das Leben in einer offenen Gesellschaft erleichtert – und was es erschwert

Die Frage ist, was wir überhaupt unter einer „offenen Gesellschaft“ verstehen wollen. Ich für mein Teil verstehe darunter eine Hierarchie-Freie Gesellschaft, in der jeder Mensch in die Lage versetzt wird, auf Regeln und Institutionen Einfluss zu nehmen, die dazu führen, dass er sich wohlfühlt oder nicht, dass er seine Bedürfnisse erfüllen kann oder nicht.

Eine offene Gesellschaft kann sinnvoll nur gedacht werden unter dem Wohlergehen von Menschen als Letztinstanz. Aller Menschen. In ihrer Individualität. Den Kern einer nicht normativ-überformten („sei individuell! sei authentisch!“) Individualität finden wir aber nur in unserem Innenleben: In unseren Gefühlen als Informationen über den aktuellen Stand unserer verschiedenen Bedürfnisse.

Auf dieser Grundlage sind wir als Menschen beispielsweise in der Lage, viele, scheinbar widersprüchliche Gefühle gleichzeitig zu empfinden. – Ein Umstand, der „klassisch erzogene Männer“ schon immer an Kindern und „klassisch erzogenen Frauen“ irritiert hat, der aber nichts weniger sein dürfte als „unser natürlicher Zustand, wenn wir mit uns selbst gut in Kontakt sind“, also unser Bewusstsein auch auf unsere Innenzustände gerichtet haben und unsere Gefühle überhaupt wahrnehmen zu können, anstatt sie gewohnheitsmäßig abzuspalten.

Ich weiß nicht, ob es überflüssig ist, das hier einzuflechten: Aber ich halte „Frauen“ keineswegs für „die besseren Menschen“. Ich kann aber anerkennen, dass sie auch noch nach ihrer Zurichtung durch „Erziehung zur Frau“ eine Grundkompetenz mitbringen, die für ein Leben in einer offenen Gesellschaft dringend benötigt wird: Wahrnehmen zu können, ob es Menschen gerade gut oder weniger gut geht.

Wenn wir heute etwas brauchen, um in der Offenen Weltgesellschaft miteinander glücklich werden zu können, dann ist es ein Abschütteln beider Erziehungsformen:

Wir brauchen als Menschen alle, ohne Ausnahme, sowohl die Fähigkeit, menschliche Gefühle und Bedürfnisse bei uns selbst und anderen wahrnehmen zu können, als auch die Fähigkeit, allein aus diesem Grund heraus handeln zu können, also das als hinreichende Motivation bei uns selbst und anderen zu verstehen.

Worin wir – vor allem wir Männer – in der Vergangenheit Orientierung und Halt gefunden haben: Regeln, Tabus, Rangfolgen, Tabellenstände, Score-Cards, Aktienkurse und Co. – All das kann in einer offenen Gesellschaft keinen Bestand haben. Es ist schlichtweg „nicht verbindlich“, sondern befindet sich in einem „Dienstverhältnis“ gegenüber unseren wandelbaren Gefühlen und Bedürfnissen: Regeln und Institutionen sind nicht mehr sakrosankt und unverfügbar, sondern wir experimentieren mit ihnen. Und der Maßstab dieser Experimente kann nur sein: Inwieweit sie unseren Bedürfnissen dienen, was wir wiederum an unseren Gefühlen bemerken. Wenn wir sie denn noch bewusst bemerken.

Für die Offene Gesellschaft, in der wir bereits leben, sind wir klassisch erzogenen Männer denkbar schlecht vorbereitet. Wundern diese merkwürdig rückständigen Männer-Initiativen, die sich mit Gewalt Gehör zu schaffen versuchen, da noch irgendwen? Mich nicht. Um Erfolg und um Durchsetzung kann es hierbei nicht gehen. Denn wie wir heute wissen, sind gewaltlose gesellschaftliche Initiativen erwiesenermaßen weitaus erfolgreicher als solche, die sich dafür entscheiden, Gewalt zu verwenden.

Aus meiner Sicht sind heute viele Menschen schlicht und einfach orientierungslos, weil sie in ihrem Inneren nichts mehr finden können, das ihnen Orientierung geben könnte, nachdem die bisherigen Orientierungen im Außen weggebrochen sind oder weiter wegbrechen. Und sie sind auf diese Weise orientierungslos, weil wir ihnen diese Orientierung künstlich genommen haben, indem wir ihnen mittels unserer Erziehungen „das Lauschen auf ihre inneren Stimmen“ drastisch erschwert haben.

Und jenen, die noch sehr gut wahrnehmen können, was bei ihnen und anderen Menschen vorgeht, haben wir systematisch ihre Stimme, ihre Beherztheit und ihre Handlungsfähigkeit genommen. – Und da wundern wir uns dann, dass…

Wir sind keine Freunde der Offenen Gesellschaft – Noch nicht, nicht mehr – Aber wir können es wieder werden

Ich denke, nach all dem hier ausgeführten können wir uns eingestehen: Selbst wenn wir es gern anders hätten, wir sind heute durchaus keine Freunde der Offenen Gesellschaft. Aber wir könnten Freunde der Offenen Weltgesellschaft werden. Und dies beginnt u.a. damit, dass wir aufhören, uns selbst und andere zu den beiden Formen „zu erziehen“, die das Leben in einer offenen Gesellschaft künstlich erschweren und zu einer echten Qual für uns machen können. Was wir brauchen, sind wir selbst und andere Menschen in einer Verfassung, in der sie ihre Gefühle und Bedürfnisse a) wahrnehmen und b) gewohnt sind, dafür aktiv zu werden. Und sei es in der Form, andere Menschen aktiv um Hilfe zu bitten, ohne dabei in Forderungen oder ins „Kämpfen“ abzugleiten.

Forderungen und Kampf machen uns unfrei. Machen unsere Mitmenschen unfrei. Daher können wir nicht nur Kämpfe beenden zwischen Menschen, die in verschiedenen Regionen leben und die unterschiedliche Kulturformen reproduzieren. Sondern auch Kämpfe zwischen Menschen mit höchst unterschiedlichen Eigentumsverhältnissen („Klassismus“). Und genauso Kämpfe zwischen den Geschlechtern („Sexismus“ – In allen Schattierungen von Diskriminierung).

Der Modus operandi gesellschaftlicher Weiterentwicklung kann sich heute nicht mehr in der Form von Kämpfen vollziehen. Kämpfe sind per se rückschrittlich, weil wir in einer globalen, offenen Weltgesellschaft fundamental aufeinander angewiesen sind – Auf unsere wechselseitige, freiwillige, ungezwungene, bedürfnisverbundene Kooperation angewiesen sind.

Das heißt nicht, dass wir Nicht-Kooperatives, asoziales Verhalten und sich-reproduzierende Machtasymmetrien dulden müssen. Es heißt nur, dass wir dem entschieden entgegentreten und zugleich bessere Kooperationsangebote unterbreiten können. Wir können einander gewinnen. Aber um das zu tun, sollten wir uns damit – immer wieder neu – beschäftigen,was wir gerade überhaupt brauchen, vielleicht vom anderen.

Menschen, die nicht wissen, was sie brauchen, und Menschen, die nicht dafür eintreten können, wovon sie wissen, dass sie es brauchen, sind gleich schlecht auf das Leben in einer offenen Gesellschaft vorbereitet. Dass diese schlecht vorbereiteten Menschen (also wir selbst) sich in die vermeintliche Kuscheligkeit rigider, hochgradig unfreier, geschlossener Gesellschaften zurückwünschen, sollte niemanden von uns mehr überraschen.

Wieder freigelegte, täglich gepflegte und handlungsorientierte Selbst- und Anderempathie sind die Tugenden von Menschen, die in einer Offenen Gesellschaft nicht nur „gut zurecht kommen“, sondern die in ihr ohne Mühe Genuß und Geborgenheit finden.

Nach meinem Dafürhalten unterscheiden sich diese „Tugenden“ von allen anderen bekannten Tugenden dadurch, dass sie nicht „erlernt“, nicht „anerzogen“ werden müssen. Sondern schlicht nicht „aberzogen“ werden sollten.

Das Ausmaß, in dem wir auch heute noch uns allen, unseren Töchtern und unseren Söhnen, allen menschlichen Wesen genau diese natürlichen Fähigkeiten aberziehen, ist uns in dem meisten Momenten unseres Alltagslebens nicht hinreichend bewusst.

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