Steve de Shazer wird das Bonmot zugeschrieben, nach dem er „sich in die Ecke setze und abwarte, bis der Anfall vorbei sei“, wenn er in Beratungsprozessen, „Hypothesen habe.“

Nun neige ich nicht sonderlich zur lösungsorientierten Schule (eher im Gegenteil), noch glaube ich, dass es überhaupt möglich ist, „ohne Hypothesen zu agieren“. Hypothesen darüber, was gerade passiert, kommen und gehen in Beratungen. Eine sinnvolle Frage ist wohl eher, wie hartnäckig man als Berater an Hypothesen festhält, wenn der Kunde auf das, was man tut, nicht ganz so reagiert, wie von einem als Berater beabsichtigt…

Also: Kann ich meine superschlaue Hypothese dann aus „situativer Erfordernis“ loslassen oder mach ich einfach am Kunden vorbei weiter, weil ich selber gerade akut von ihr geradezu besessen bin? Höre und sehe ich die Signale noch, die der Kunde mir rüberschickt? Nehme ich seinen Ärger, sein Desinteresse, seinen Frust, seine Einschüchterung noch wahr, die sich bei ihm immer stärker zeigen, um so länger ich bei meiner heißgeliebten Hypothese bleibe?

Ungünstige Vorprägungen und überraschende Selbsterfahrungen als Berater

Ich bestreite jetzt etwas mehr als 10 Jahre meinen Lebensunterhalt mit Beratungs-Tätigkeiten. Ich habe die üblichen Ausbildungen und Zusatzausbildungchen absolviert (macht sich gut in Profilen und kann man noch besser von der Steuer absetzen). Ich war mit bisher 5 Institutionen/Unternehmen relativ fest verbandelt als Berater und hatte entweder hauptsächlich oder nebenher immer auch reine Auftragstätigkeiten. In allen Kontexten war ich darauf angewiesen, „meine Kunden abzuholen“, also von meiner Kompetenz und meinem Wohlwollen zu überzeugen, sie dazu gewinnen, „mit dabei zu sein“ im Prozess, auf sie und ihre Einwände einzugehen und in kurzer Zeit relativ weitreichende und nachhaltige Veränderungen in ihrem Handeln auszulösen.

Dabei hat mich wenig so beeinflusst, wie der kleine Nebenumstand, dass ich „zufällig“ Philosophie studiert habe und dass ich „anderen Menschen gerne die Welt erkläre“. Um das Ausmaß meiner diesbezüglichen pathologischen Neigungen zu verdeutlichen, reicht es vielleicht aus, darauf hinzuweisen, dass ich zu jenen Vätern gehöre, die begeistert waren, als ihr Kind in der „Warum-Phase“ war. Frei nach dem Motto: „Endlich fragt mich mal einer!“ – Seltsamerweise fragt mich mein Sohn mittlerweile nur noch selten. Dafür erklärt er mir nun oft selber wortreich und begeistert die Welt. Ein Vorgang, der mich jedes Mal etwas bedröppelt zurücklässt und oft auch mit offenem Mund dastehen lässt. – Woher diese professoral-naseweis-klugscheißerischen Neigungen meines Sohnes kommen, ist für mich völlig rätselhaft…

Anders als mein Sohn sind meine Kunden zu meinem großen Erstaunen in der Regel überaus offen und positiv gegenüber meinem Hang zu „Ich-erklär-Dir-mal-Deine-Welt, Kleine(r)“. Rein beratungstechnisch betrachtet sind solche Reaktionen eher unwahrscheinlich. Bzw. sollten sie mich als Berater einigermaßen misstrauisch machen, ob sich nicht hier gerade an mir eine „schmeichlerische Verführung“ durch den Kunden vollzieht oder ob meine Kunden mich dadurch einfach nur zum Schweigen zu bringen versuchen, indem sie Zustimmung und Begeisterung heucheln und mir so elegant den Wind aus den Segeln nehmen. – Möglicherweise handelt es sich auch um Effekte, die einfach nur deswegen möglich sind, weil die meisten meiner Beratungssettings Kurzzeitberatungen sind, in denen Ermüdungserscheinungen über belehrende Konzeptvermittlungen gar nicht erst auftreten können… …Im Grunde ist es aber so: Ich weiß schlicht nicht, was da eigentlich genau vor sich geht. Ich weiß nur, dass es mir Spaß macht, was ich da tue, und dass meine Kunden recht zufrieden zu sein scheinen, selbst dann, wenn ich nicht nur auf den Inhalt ihrer Worte höre, sondern vor allem auf ihre Körpersprache achte.

Damit kommen wir aber zu einem wichtigen Punkt, bei dem ich nicht weiß, ob ihn andere inhaltsfixierte Berater mit ähnlichen pathologischen Neigungen wie meinen eigenen, überhaupt auf dem Schirm haben. Ich benenne diesen Punkt mit einem neumodischen Begriff, der derzeit die Runde macht und der für mich viel Sinn macht, nämlich mit dem hübschen Wort: „Aufmerksamkeitökonomie“.

In diesem Fall geht es mir um die Aufmerksamkeitsökonomie von mir als Menschen, der „professionell berät“, d.h. einem Menschen, der nicht nur hin und wieder in einer „beratenden Rolle“ ist, sondern ständig; und das gegenüber Menschen, die höchst unterschiedliche Backgrounds, Lebenskonzepte, Situationen Probleme und Möglichkeiten haben. Was – by the way – meinen Job anhaltend spannend macht; selbst für jemanden, der sich so schnell langweilt, wie ich das gerne tue.

Möglicherweise mache ich mir da so richig schöne Illusionen: Aber natürlich halte ich mich für einen recht aufmerksamen Menschen – zumindest während meinen Beratungen; was meine Frau Ihnen da über mich zu erzählen hätte, geht möglicherweise in eine völlig andere Richtung…

Und ich kann mir mein positives Selbstbild von mir als einem „überaus aufmerksamen Berater“ auch sehr überzeugend rationalisieren: Nachdem ich in meinen jungen Jahren wenig Geborgenheit, dafür aber oft Bedrohtheit empfunden habe, neige ich zu einer gewissen sozialen Paranoia, die sich liebevoll als „erhöhte Aufmerksamkeit für das, was in anderen Menschen vor sich geht“ umschreiben lässt. – „Zeige Deine Wunde“ sagte Joseph Beuys. „Mach aus Deinen Wunden ein Business“ sagte mir meine Intuition. Und, wie bereits angedeutet: Das scheint ganz gut zu funktionieren, sowohl für meine Kunden, wie auch für mich selber.

Trotz all meiner (möglicherweise vermeintlichen) Aufmerksamkeit für die vielen Nuancen, „Zwischen-den-Zeilen-Botschaften“, Hintergründigkeiten und blinden Flecken meiner Kunden gelingt mir jedoch eins niemals: Mit meiner Aufmerksamkeit bei meinen welterklärenden Konzepten zu sein und gleichzeitig mit meiner Aufmerksamkeit bei meinen Kunden zu sein. Ich kann mein Bewusstsein hin- und her wandern lassen und oft muss ich aufpassen, dass ich über meine Berater-Schallplatten und meine Begeisterung für „das Verfassen der Gedanken beim Reden“ immer mal wieder zu meinen Kunden und ihrer momentanen Bewegtheit zurückkehre. Aber ich schaffe es nicht, nicht mal ansatzweise, „an beiden Orten gleichzeitig zu sein“. Ich mag zwar den „View from above“ lieben, die großen Übersichten, Metapositionen, die vielen möglichen Vogelperspektiven. – Aber so weit geht meine Hybris dann doch nicht, dass ich mich für Gott halte, der, so hört man von Theologen, mit seinem Bewusstsein auf Mehrereres zugleich fokussieren könne. Allgütig, allmächtig, allwissend? – Ja, vielleicht. Aber „Allaufmerksam“? – Da steigt mein armes kleines brain dann doch aus…

Kognitive Dissonanz

Besonders drastisch kommt das Phänomen der sehr begrenzten Berater-Aufmerksamkeitsökonomie zum Tragen, wenn man in Beratungen im provokativen Modus unterwegs ist, einer Beratungs-Haltung, für die ich mich seit etwas mehr als 2 Jahren begeistere, und die – zumindest nach meinem Erleben – die vergleichsweise schnellste unter vielen möglichen tollen Formen ist, mit denen man als Berater nachhaltige Veränderungen bei Kunden auslösen kann.

Der provokative Stil setzt sehr bewusst und gezielt das Mittel der „Kognitiven Dissonanz“ ein: Also das, was wir im Alltag, wenn es unbewusst auftritt, als absoluten Vertrauenskiller erleben, wenn nicht als schweres moralisches Defizit. Geübte beratende Provokateure wie Frank Farelly, Noni Höfner oder Charlotte Cordes bombardieren ihre Kunden verbal mit so ziemlich dem genauen Gegenteil von dem, was sie in Wirklichkeit über die Kunden, ihre Probleme und mögliche Lösungen denken. Sie tun das, während sie gleichzeitig auf der körperlichen Ebene alle möglichen Signale der Annahme, des Einverständnisses und der Sympathie senden. – Dieses Vorgehen setzt voraus, dass man selbst an Menschen etwas Sympathisches finden kann, die es mit großer Energie darauf anlegen, von allen anderen gehasst und/oder verachtet zu werden, einschließlich von sich selbst. – Der Effekt dieses „provokativen“ Vorgehens ist, wenn es einigermaßen sicher gehandhabt wird, dass es in solchen Beratungen so gut wie immer recht humorvoll zu geht, und die Augen dabei sehr selten trocken bleiben. Meist vor Lachen.

Dieser professionelle Einsatz von „Kognitiver Dissonanz“ ist nach meinem Erleben neben dem, dass er auch dem Berater selbst seinen Beruf sehr versüßen kann, relativ anspruchsvoll und gelegentlich auch ziemlich anstrengend. Zumindest für leidenschaftliche Welterklärer und geborene Gscheithaferl wie mich. – Und diese Anstrengung hat nach meinem Dafürhalten viel mit der bereits erwähnten „Aufmerksamkeitsökononmie“ zu tun: Es ist ziemlich anstrengend, bei seinen Beratungskonzepten und Weltbildern zu bleiben und gleichzeitig das Husarenstück zu vollbringen, noch mitzukriegen, was gerade in einem selbst als Berater vor sich geht, was gerade zwischen den Zeilen beim Kunden vor sich geht und wie sich das, was er verbal kommuniziert, von dem unterscheidet, was „sein Körper sagt“ – und das dann auch noch spontan mit oft hohem Körper- und Gefühlseinsatz in zielsichere Beratungs-Interventionen zu überführen, die für den Kunden in seiner ebenso aktuellen wie speziellen Situation hilfreich sind.

Menschen, die ihre Oberlehrergewohnheiten einigermaßen im Griff haben oder sich klugerweise gar nicht erst welche zugelegt haben, haben es leichter mit dem provokativen Stil in der Beratung. Sie finden in der Regel auch eher Geschmack daran, ihren Kunden zu lassen und zu kitzeln, ihren Kunden zu mögen und ihm das auch zu zeigen und ihn dennoch mit verbaler Fiesheit genau dort konsequent zu piesacken, wo „es einfach dran ist“ und wo es ihm zu Gute kommt.

Bin ich so blöd? Oder „die anderen“? Oder ist es doch ganz anders? – Ich weiß es nicht!

Möglicherweise ist das aber auch einfach nur eine sehr persönliche Grenze von mir. Denn wenn ich mir anschaue, wie hartnäckig sich viele meiner Berater-Kollegen an ihre mentalen Konzepte klammern, so lässt das nicht gar so viele Schlüsse zu, wenn ich das mit meinen eigenen Erfahrungen in Beratungsprozessen abzugleichen versuche

1. Entweder meine Berater-Kollegen haben im Bereich Aufmerksamkeitsökonomie Ressourcen, von der ich selbst höchstens nachts feuchte Berater-Träume haben kann.

2. Oder sie tun sich wesentlich leichter als ich, zwischen ihren Hypothesen und dem, was bei ihren Kunden gerade so alles emotional los ist, hin und her zu springen.

3. Oder sie haben schlicht und einfach keine Ahnung, dass es überhaupt so etwas gibt wie Fallstricke inhaltlicher Fixierungen von Beratern während Beratungsprozessen.

Nur im letzteren Fall wäre es so, dass viele Berater einen Ozean-großen Blinden Fleck dort haben, wo ihre eigene Aufmerksamkeitsökonomie während ihren Beratungen zu finden ist. Nur dann wäre es so, dass viele Berater glauben, es sei kein Problem, wenn sie ihre Kunden über Totquatschen mit schlauen Wörtern und Vollballern mit virtuosen Graphen beeindrucken, während sie gleichzeitig gar nicht mitkriegen, was in den Kunden innerlich, körperlich, emotional so alles vor sich geht.

Nur dann wäre es so, dass viele Berater vor sich selbst geschickt verbergen, dass sie ihre mentalen Konzepte selbst größtkalibrig in die Systeme ihrer Kunden hineinschießen können: Solange der Kunde nicht selbst als aktives, selbsterschaffendes Wesen verstanden wird, werden sie als Berater es gar nicht mitkriegen, wie geschickt ihre Kunden ihren wundertollen Beratungsgeschossen auszuweichen verstehen. Nur dann wäre es so, dass ein Verhältnis umgekehrter Reziprozität zwischen dem besteht, für wie schlau ein Berater sich hält, und für wie blöd, unfähig oder pathologisch er seine Kunden hält. Nur dann wäre es so, dass viele Berater nicht mehr mitbekommen, wie findig, ressourcenreich, aktiv und selbstbestimmt ihre Kunden auch noch während schwerwiegendster Problemtrancen und leidenschaftlich performter Opferhaltungen sind.

Dann und nur dann wäre es so, dass ganze Heerscharen von Beratern sich innerlich auf die Schulter klopfen und zu sich selbst sagen „Das war aber gerade ein guter Prozess!“, während sie soeben von ihren Kunden mit allen Mitteln der Kunst an der Nase herumgeführt wurden. Dann wäre es so, dass ihre meisten Kunden wesentlich kompetenter und – aus „gefühlter Not“ – auch wesentlich hinterfotziger sind als die meisten Berater in ihrer Blauäugigkeit annehmen. Dann wäre es so, dass die meisten Kunden wesentlich beratungsschlauer sind als die meisten Berater, die in ihren konzeptionellen Selbst-Befriedigungen vor dem Kunden als Zuschauer und Konsumenten gar nicht mitbekommen, welches Spiel gerade im Hier- und Jetzt gespielt wird (im sogenannten „Beratungssystem“ nämlich). Dann wäre es so, dass Kunden die natürliche Eitelkeit und Unsicherheit ihrer Berater virtuos dazu benutzten, sich in der Beratung geschickt an genau den Themen und Aktivitäten vorbeizumogeln, die sie beängstigen, weil sie ihnen als allzu mühevoll oder schmerzhaft erscheinen. – Zum Nachteil der Kunden und der bei ihnen möglichen Veränderungen. Und vielleicht sogar in irgendeiner Hinsicht zum Nachteil der Berater.

Wie gesagt: Ich weiß es nicht. Denn ich kann ja nur von dem sprechen, was ich selbst in Beratungsprozessen zu erleben glaube…

…Und Verallgemeinerungen von individuellen Eigenerfahrungen muss man ja immer mit Vorsicht genießen.

 

 

 

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