Wir sind Beziehungswesen. Beziehungswesen mit vermeintlich niemals endenden Bedürfnissen. Als solche sind wir darauf angewiesen, dass wir unsere lieben Mitmenschen zu bestimmtem Handeln bewegen können. – Und obwohl das so ist, ist das Wissen darüber, wie man einen Menschen bewegt, erstaunlich wenig verbreitet. Stattdessen pflegen wir zahlreiche Irrtümer über „Motivation“, die wir durch unsere unübersehbaren Unbeholfenheiten comedy-reif zum Ausdruck bringen. In unserem wenig effektiven Vorgehen beim Versuch, andere Menschen zu etwas zu bewegen, dürfen wir uns mir Fug und Recht rühmen, unbelehrbare Wiederholungstäter zu sein. Wir schaffen es erfolgreich, nichts aus unseren Misserfolgen zu lernen, indem wir unseren Frust darüber am Ende ganz einfach umlenken: Im Zweifelsfall beschimpfen wir dann einfach unsere Mitmenschen: Wenn nicht lautstark und offen, dann zumindest innerlich.

Oder noch lieber: Wir beklagen uns bei Dritten darüber, wie dumm, uneinsichtig, böswillig oder wasnochalles die Menschheit im Allgemeinen und dieser eine besonders dickschädelige Mensch im Besonderen ist. – Gerne auch Generalisieren wir unsere auf diesem Weg gewonnene schlechte Meinung von unseren Mitmenschen und verfassen theoretische Pamphlete, in denen wir uns wortreich und logisch stimmig bestätigen, dass es an unserer eigenen Dickschädligkeit im Umgang mit anderen nicht liegen könne, dass wir bisher so viele Menschen so wenig bewegen konnten.

Aufklärung tut also not. – Nun denn:

Wie man einen Menschen nicht bewegt

a) Durch Fakten, Tatsachen, Mitteilungen und Vermittlung von Informationen

Der Grund für die Wirkungslosigkeit dieser häufig gewählten Strategie ist einfach zu benennen: Dinge, die sind, wie sie nunmal sind, liefern aus sich selbst heraus keinem Menschen der Welt irgendein Motiv. – Die Annahme, der andere würde aus dem Aufzeigen von Zusammenhängen schon irgendwelche Schlüsse ziehen (so wie wir das hier tun), indem er sich selbst in die Gleichung einsetzt, ist deswegen naiv, weil sie die „interne Mechanik“ von Willensbildung völlig ignoriert. Kein Motiv der Welt kommt ohne Emotion aus. Und Tatsachen, die keine Gefühle beim Anderen auslösen, können ihn daher auch zu nichts bewegen. „Sie lassen ihn kalt“, wie wir oft sagen.

b) Durch Angstmache, Drohszenarien und Todesprophezeihungen

Aus der Einsicht in die Notwendigkeit von Motiven und Gefühlen ziehen viele von uns nun den Schluss, dass es eine prima Idee sei, auf Angst als Motivator zu bestimmtem Handeln zu setzen. Diese Strategie wird im Alltag genauso gern von uns gewählt wie in der Politik, in der Medizin oder in der Wirtschaft. Im letzteren Bereich gerne in der Variante „wenn sie nicht x tun, wird Ihr Unternehen über kurz oder lang pleite gehen“. – Diese Bewegungsversuche verkennen eine winzige Kleinigkeit, die jedoch gewaltige Auswirkungen hat: Es macht einen Unterschied für die menschliche Psyche, ob ich rufe: „Da hinten kommt ein Tiger um die Ecke, lauf!“ oder ob ich sage: „Wenn Du Deine Tablette X nicht jeden Tag nimmst, wirst Du mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann einen zweiten Herzinfarkt erleiden.“ Wie Studien zeigen, hören so motivierte Menschen binnen kurzem auf, ihre Tabletten zu nehmen. Und das, obwohl der Aufwand minimal, der positive Zusammenhang eindeutig nachgewiesen, die Folgen des Absetzens der Tabletten drastisch sind und diese Folgen sogar bereits am eigenen Leib erlebt wurden. Die in dieser Weise angesprochenen Herzinfarktpatienten wissen „aus tiefsten Schmerzen“, was es bedeutet, das Risiko einzugehen, einen weiteren Herzinfarkt zu erleiden. Denoch schläft bei den allermeisten die Tabletteneinnahme nach kurzer Zeit ein. Intelligenz oder fehlende Einsicht in den Zusammenhang spielt dabei nicht die geringste Rolle.

Warum aber „sind wir so blöd!?“ – Der Grund ist recht einfach zu benennen: Unsere Psyche erträgt schlichtweg den täglichen Gedanken an den eigenen Tod nicht. – Und leitet den Impuls deswegen konsequent in Richtung Verdrängung um. Ein sehr effektiver Selbstschutzmechanismus, der die eigene, tägliche Operationsfähigkeit gewährleistet. Kurzgesagt ist Angst ein sehr guter Kurzzeitmotivater. Als Langzeitmotivator aber ist sie ein ausgemachter Rohrkrepierer. Warum wir Angstmache und Drohkulissen dennoch ständig als Dauermotivatoren zu nutzen versuchen, wird wohl ewig unser Geheimnis bleiben…

Wie man einen Menschen zu so hohen Kosten bewegt, dass man es besser gleich ganz bleiben lässt

c) Durch permanente, unausgesetzte Bedrohung

Diese Strategie, auch „Gewalt“ oder „Zwang“ genannt, zieht konsequente Schlüsse aus der fehlenden Wirksamkeit von „Einsicht“ (b): Sie bedroht den „zu bewegenden Menschen“ körperlich, durch Demütigung, durch die Gefahr des Ausschlusses aus der Gemeinschaft und/oder durch den Entzug von Ressourcen, die dieser dringend braucht oder haben möchte.

Damit sich diese Strategie von der Angstmacherei unterscheidet, muss die errichtete Drohkulisse möglichst unmittelbar und lückenlos sein. Das legt dem „Motivator“, der die Bedrohungs-Strategie wählt, in der Regel sehr hohe Kosten auf, denn Menschen sind findig darin, sich der Unmittelbarkeit zu entziehen und die Lücken zu finden. Die Strategie setzt also einen Fokus auf „finde die Lücken im Bedrohungs-System“ und motiviert den Anderen genau dazu. Ein Gefangener denkt nur an Flucht, solange er glaubt, dass es Fluchtwege gibt.

Ist das Bedrohungssystem aber so tatsächlich „erfolgreich“, also so lückenlos, dass der „Motivierte“ seine Suche nach Fluchtmöglichkeiten tatsächlich aufgibt, kommen diejenigen Kosten zum Tragen, die die Bedrohungs-Strategie überhaupt erst so richtig kostspielig für denjenigen machen, der sie anwendet: Man hat dann den anderen Menschen in der Regel „gebrochen“. Er versinkt in Lustlosigkeit, Antriebslosigkeit, Depression. Ein Tier in hoffnungsloser Gefangenschaft ist ungleich kraftloser als ein Tier „in freier Wildbahn“. Das gilt auch für uns Menschen.

Die höchsten Kosten hat die Strategie jedoch in einer ganz anderen Hinsicht: Auf der Beziehungsebene. Wir können diese Strategie nicht wählen, ohne ganz bestimmte Formen von Beziehung zu dem Menschen eingehen, den wir auf diese Weise zu bestimmten Verhaltensweisen zu bewegen versuchen. Wir werden zu seinem „Peiniger“. Das verzeihen Menschen so gut wie nie. – Menschen, die keine Spielräume haben und die den Gedanken an Flucht aus Hoffnungslosigkeit auf ihren Erfolg aufgegeben haben, haben dennoch ein findiges Hirn, auch wenn sie es nun sehr gut vor uns verbergen und sich „dumm stellen“. Mangels alternativer Betätigungsmöglichkeiten wendet sich diese Findigkeit nun auf die einzigen Dinge, die ihm noch bleiben: Die kleinen, heimlichen Rachen und Triumphe über den Peiniger, also uns.

Wer Menschen dadurch bewegt, dass er sie durch Strafen bedroht, wird diese Strategie ausnahmslos immer zu bereuen haben. Denn die Möglichkeiten zur Rache sind unzählig. Und der von unserem Bedrohungs-System gefangene und „kanalisierte“ Mensch wird seine einzige Autonomie und Lust nun darin suchen, auch uns das Leben zur Hölle zu machen. Dabei sitzt er als derjenige, „der weniger vom anderen will“ (Frank Farrelly), immer am längeren Hebel. Ganz gleich, wie das Verhältnis an der Oberfläche aussehen mag. Eltern, Lehrer, Gefangenenwärter, Qualitätsmanager und Schergen totalitärer Staaten, die versucht haben, Systeme lückenloser Kontrolle zu errichten, wissen in der Regel recht genau, wovon ich hier spreche.

d) Durch Belohnung des gewünschten Verhaltens

Bei dieser Strategie handelt es sich um eine schlichte Umkehrung der Bedrohungsstrategie. Also um „Bedrohung von der anderen Seite“. Das ist leicht zu erkennen, wenn man sich klar macht, dass man hier versucht, den anderen auf Dinge zu fixieren, die man ihm dann, wenn er sich anders verhält, als gewünscht, wieder zu entziehen droht.

Diese Strategie, die man daher auch „schmeichlerische Verführung“ nennen kann, unterliegt daher exakt den gleichen Problemen wie die Bedrohungs-Strategie. Sie mag an der Oberfläche freundlicher daherkommen. Im Erleben der so „motivierten“ ist sie die Errichtung einer Drohkulisse. Oft werden Protagonisten, die ihr Handeln mit Belohnung, Süchtig-Machung und Bedrohung von Entzug zu beeinflussen versuchen, von den so bewegten Menschen noch deutlich inniger gehasst als Menschen, die offen mit Gewalt und Demütigung drohen.

Menschen verzeihen es niemals, wenn sie auf diese Weise manipuliert werden. Und sie rächen sich immer. Auf tausenderlei Arten. Und ganz wie bei der Bedrohung-Strategie sitzen auch sie am längeren Hebel und lassen uns das schmerzhaft spüren, wann immer sie das irgendwie können.

Die „Dummen“ sind in beiden Fällen an erster Stelle wir selbst, die glauben, durch Bestrafen und Belohnen könnten wir bekommen, was wir bekommen wollen, ohne dafür unendlich hohe Preise bezahlen zu müssen.

Wenn uns dagegen die Menschen, die wir so traktieren, „dumm erscheinen“, dürfen wir ausnahmslos immer davon ausgehen, dass wir ihre „Dummheiten“ selbst hervorgerufen und erzeugt haben. Und das zudem „Sich-dumm-Stellen“ die effektivst-mögliche Strategie für einen Menschen ist, der einem lückenlosen Kontrollsystem ausgesetzt ist. – Und dass wir als die Kontrollettis, zu denen wir uns selbst dabei gemacht haben, kein einziges Mittel gegen diese Strategie zur Verfügung haben. Wir sind die, die dann ein ums andere Mal „dumm dastehen“ und denken „das kann doch jetzt nicht wahr sein!?“. Ein unvermeidlicher Effekt in einem System der allgemeinen Verblödung, das wir selbst errichtet haben, weil wir nicht wissen, wie man einen Menschen bewegt.

Oder, und das ist der bei weitem häufigere Fall, weil wir den Weg zur „Bewegtheit des Anderen“ gerne schnell mal abkürzen und vermeintlich ungefährlich für uns selbst gestalten wollen…

Wie man einen Menschen bewegt

e) Bitten

Der einfachste, kostengünstigste und naheliegendste Weg, einen Menschen zu bewegen, besteht schlicht darin ihn darum zu bitten, etwas Bestimmtes zu tun. Und das allein aus dem Grund, dass wir ihn darum bitten.

Jedoch hat dieser Weg einen großen Pferdefuß: Der andere kann „nein“ sagen. – Sobald er das nicht mehr kann, sind wir aus dem Modus des „Bittens“ still und heimlich in den Modus des „Fordern“ gerutscht. Und damit in Strategie c) und d). – Das passiert uns oft so schnell, dass wir es nicht einmal mitbekommen, wenn wir nicht gezielt darauf achten, in der Form des Bittens zu bleiben. Und damit auch ihre Risiken auf uns zu nehmen.

Wer bittet, scheint sich abhängig und verletzlich zu machen. Darüber, dass ein erwachsener Mensch, der einen anderen erwachsenen Mensch um etwas bittet, diesem Menschen auch das Geschenk macht, ihm helfen zu dürfen, darüber schweigen wir mal. Genauso wie wir darüber schweigen, wie erfüllend und beglückend diese Strategie sein kann.

Die Strategie des Bittens scheitert aber nicht nur deswegen oft, weil wir heimlich fordern, weil wir also uns selbst genauso wie unserem Interaktionspartner nur vortäuschen zu bitten. Sie kann an noch vielen weiteren „Rahmenbedingungen der Situation“ scheitern:

  • An unserem vorbelasteten Verhältnis zum Anderen. Also an der Beziehungsebene. Hat der Ander bereits durch vergangene Bedrohungen/Schmeichlerische Verführungen durch uns gute Gründe erhalten, „sich rächen zu wollen“, so wird er es nun, da wir ihn um etwas bitten, in der Regel auch tun. – Als Bild: Wir öffnen unser Hemd, aber haben vorher den Dolch in die Hand des anderen gelegt, mit dem er nun, „für uns völlig überraschend“ herzhaft zusticht.
  • Daran, dass der Andere selbst gerade bedürftig ist. Dass er nicht die Kraft, Zeit, Ressourcen hat, um unserer Bitte nachkommen zu können, ohne sich selbst dabei zu schädigen. – Oft brauchen andere zunächst etwas von uns, um einer unsrer Bitten nachkommen zu können. Da wir aber selbst gerade bedürftig sind – sonst würden wir ja kaum bitten – fällt es uns schwer, in den Modus des Gebens oder aktiven Zuhörens zu schalten, der notwendig wäre, um herauszufinden, was der Andere zunächst von uns braucht, um anschließend für unsere Bitte „ein offenes Ohr haben zu können“. Da dieser Vorgang des Umschaltens mühselig ist und Zeit braucht, rutschen wir an dieser Stelle regelmäßig ins mehr oder weniger offene Drohen ab. Und Fordern und Bitten können gleichzeitig nicht sein. Sie schließen sich situativ wechselseitig aus. Sobald wir also die für das Bitten notwendige Geduld verlieren, haben wir die Möglichkeit des Bittens verloren.
  • An Unklarheit: Weil wir so genau zu wissen glauben, was wir vom Anderen wollen und brauchen, meinen wir oft, das wir nicht für den Anderen eindeutig und nachvollziehbar benennen müssten, worum wir ihn eigentlich bitten. – Wer je in einem handfesten Beziehungsstreit mit einem geliebten Menschen feststeckte und dabei an den Punkt gelangt ist, an dem er den Anderen fragte: „Was, was möchtest Du, dass ich tue?“, der hat erlebt, wie schwer es uns fällt, gegenüber anderen klar und deutlich zu benennen, worum wir sie bitten. In der Regel beißen wir uns lieber die Zunge ab, als direkt auszusprechen, was wir gerne hätte, was der andere für uns tun soll. – Der Grund hinter unserem äußerlichen Gestammel, unserem Zünden von verbalen Nebelkerzen und unserem Verstummen gerade dann, wenn die Chance zu bitten nackt und mit wolllüstigem Augenaufschlag auf einem Himmelbett vor uns liegt, dürfte daher in unserer tiefen, erlernten Angst vor Zurückweisung liegen. Die Worte und Wünsche entziehen sich uns, damit wir kein weiteres Mal erleben können, wie eine Bitte ausgeschlagen und unsere Beziehung zum Anderen dadurch belastet wird. Wir versuchen, unsere Beziehungen vor unseren Erwartungen zu beschützen, darum bitten wir nicht nur nicht, sondern wir verdängen in den entscheidenen Augenblicken gezielt, was wir eigentlich wollen. Denn gerade nicht einmal mehr selbst zu wissen, was wir wollen, verschafft uns die die größte Sicherheit, dass wir es nicht ausversehen doch aussprechen und damit eben – Bitten.
  • Der Andere hat schlicht andere Prioritäten. Weder will er sich heimlich rächen. Noch ist er gerade akut bedürftig. Es ist schlicht und einfach so, dass er seine Kraft, Zeit und Aufmerksamkeit lieber in anderes investiert als darin, unserer Bitte nachzukommen. Nicht selten hat das mit anderen Beziehungen zu anderen Menschen zu tun, die ihm im Moment gerade wichtiger sind als wir. Auch das ist in der Regel schmerzhaft für uns, denn wir hatten ja bei unserer Bitte den Mut gefasst, uns verletzlich zu machen und uns „dem Wohlwollen des Anderen auszuliefern“. Oft fühlen wir uns abgelehnt, wenn das passiert. Dann greifen unsere kleinen und großen Racheakte für die vermeintliche Zurückweisung unserer Person, die wir aus der Zurückweisung unserer Bitte machen. – Wir interpretieren dann selbst unser Bitte rückblickend in einer Forderung um, indem wir den anderen nun „bestrafen“. Natürlich verbergen wir das sehr gut vor uns selbst. – Aber Menschen sind nicht dumm. Nicht, wenn es um Beziehungen und Beziehungsdynamiken geht. Da Beziehungen zu anderen Menschen für nahezu alle Menschen das wichtigste ist, das es auf diesem Planeten für sie gibt, haben nahezu alle Menschen eine enorme „Beziehungsklugheit“: Schon bei leisesten Anzeichen einer Forderung auf unserer Seite wird von Anderen die beschriebene Möglichkeit anzipiert, dass wir unsere zunächst ehrlich gemeinte Bitte rückblickend in eine Forderung ummünzen könnten.

Auch darum ist es so schwer, die Strategie der Bitte umzusetzen: Wir müssen dazu nicht „nur“ mutig sein. Wir müssen eine enorme Selbstdisziplin mitbringen, damit sie funktioniert. Wir müssen mit dem Gedächtnis und den Antizipationsmöglichkeiten des Anderen rechnen. Und um beidem gerecht zu werden: Den Erfahrungen, die er mit uns oder „Leuten wir uns“ bereits gemacht hat, und den zukünftigen Szenarien, die er automatisch mit all seiner Beziehungsklugheit durchspielen wird, müssen wir tatsächlich „reinen Herzens“ sein, wenn wir Bitten, damit Bitten „funktioniert“. Eine Bitte ist durch uns selbst all zu leicht zu verderben. Eine Bitte ist voraussetzungsreich und aufwendig. Zumindest für unsere Psyche, wenn auch nicht im Außen, wo sie die effektivste und einfachste Form des „Motivierens“ darstellt.

Die naheliegendste aller Möglichkeiten, einen anderen Menschen zu bewegen, wird von uns also vor allem deswegen nicht genutzt, weil sie uns unsere Grenzen und Abhängigkeit von Anderen schmerzhaft aufzeigt. Der andere erscheint uns „autonom“. Der andere scheint uns im Moment des Bittens „Macht über uns zu haben“. Und das mögen wir nicht. Wir werden daher in der Regel nur dann bitten, wenn wir entweder heimlich oder unheimlich in einer sehr starken, machtasymmetrischen Position gegenüber dem Anderen sind. Dann wird es sich immer um eine heimliche Drohung handeln, egal wie oft wir das Wort „Bitte“ in unsere Rede einbauen. Es ist dann immer klar, dass wir Möglichkeiten haben, den anderen die Folgen seines „Neins“ spüren zu lassen. Wir Fordern dann also und sind weitaus weniger verletzlich als wir für eine „echte Bitte“ sein müssten.

Oder wir befinden uns in dem, was wir eine „gefühlt sichere Beziehung“ nennen können. Wir machen uns zwar auch dann und gerade dann sehr verletztlich, wenn wir einen anderen Menschen um etwas bitten. Aber dann und nur dann fühlt sich dieses Risiko aushaltbar an für uns. – Gute Beziehungen sind daher die notwendige Voraussetzung dafür, die effektivste und einfachste Strategie nutzen zu können, einen anderen Menschen zu einem bestimmten, von uns gewünschten Handeln zu bewegen.

Leider sind gute Beziehungen in einer sozialen Welt, die von drastischen und oft auch institutionalisieren Machtasymmetrien durchzogen ist, kaum aufrecht erhaltbar für uns.

Daher steht die Strategie des Bittens uns trotz ihrer unbestreitbaren Vorteile oft einfach gar nicht zur Verfügung.

f) Durch Lösungs-Trancen und soziale Hypnosen

Da wir es bereits gewohnt sind, ständig belohnt und bedroht zu werden, geht diese Möglichkeit des „Bewegt-Werden“ heutzutage oft unter im Meer unserer begründeten Angst vor Manipulation.

In einem Drohkulissen-freien sozialen Umfeld sind Lösungstrancen und soziale Hypnosen aber die „natürliche“ und naheliegende Form des Bewegens und Bewegt-Werdens.

Sie sind immer dann der Fall, wenn wir davon sprechen, „dass alle an einem Strang ziehen“, dass „das eine sinnvolle Sache ist“, aber auch dann, wenn „wir das hier halt so machen“, aber zugleich Abweichungen von diesem „das“ möglich sind, ohne vom Ausschluss aus der jeweiligen Gemeinschaft bedroht zu sein.

Soziale Hypnosen und Lösungstrancen nutzen den Umstand, dass wir zutiefst soziale Wesen sind, die nicht nur offen für – bedrohungsfreies – Geben und Nehmen sind (–> e) Bitten), sondern auch Freude an gemeinsamem Handeln haben. Verhaltenskoordination und Arbeit für eine gemeinsame Sache sind natürliche Zustände von Menschen, auch wenn wir das in unserer heutigen, in dieser Hinsicht schwer suboptimalen sozialen Umwelt oft vergessen.

Reaktiviert wird dieses „freie Sich-hypnotisieren-lassen“ in einigen wenigen Unternehmen, die stabile Räume für Experimente schaffen. Und „stabil“ heißt hierbei vor allem: „emotional sichere“ Räume. Räume, in denen wir uns mit offenem Ausgang abstimmen können. Räume, in denen wir nicht von Sanktionen bedroht sind, wenn wir „für die gemeinsame Sache“ anderes tun, als irgendwer im Vorhinein erwartet hätte.

Reaktiviert werden solche wechselseitigen Lösungstrancen auch bei vielen privaten und politischen Initiativen, solange sie sich in einem vor-institutionellen Raum halten können. Die amerikanische Unternehmens-Beraterin Marie Miyashiro nennt politische Wahl-Kampagnen als ein solches Beispiel, die von zahlreichen ehrenamtlichen Unterstützern getrgen und von den beteiligten Menschen oft als hochgradig erfüllend und eben „motivierend“ erlebt werden.

Gerade solche Beispiele zeigen aber auch, wie instabil und (zer-)störungsanfällig soziale Hypnosen und Lösungstrancen sind. Sie sind mit hoher Wahrscheinlichkeit noch voraussetzungsreicher als ihre kleine Schwester, die Bitte.

Die Nutzung dieser Strategie hängt also wiederum und vielleicht in noch höherem Maße von der Schaffung Belohnungs-/Bestrafungsfreier Räume ab. Eine Voraussetzung, an der wir als menschliche Weltgemeinschaft bisher konsequent scheitern.

Sollten wir aber dahin kommen, dass wir Beziehungen korrumpierende Machtasymmetrien institutionell ausschalten können, macht gerade diese Strategie einiges an Hoffnung: Sie deutet darauf hin, dass wir in einer heute unvorstellbar mühelosen Weise in der Lage sind zusammenzuleben und uns zu koordinieren. Unternehmen, die die Strategie der sozialen Hypnose und Lösungstrance bereits heute realisieren, sind daher sehr beeindruckend für uns. Sie sind „Leuchttürme in einem Meer sozialer Verzweiflung, Verletzungen in Beziehungen und gesellschaftlicher Mühsal“.

g) Durch wohlwollende Manipulation

Dies ist meine persönliche Lieblingsstrategie und ich möchte kurz erläutern warum: Sie setzt anders als die anderen beiden naheliegenden Strategien, andere Menschen zu bewegen, keine perfekte Welt voraus, in der wir Machtasymmetrien bereits konsequent eingestampft haben. – Daher eignet sie sich vorzüglich als Strategie „auf dem Weg dorthin“. Mit uns als unperfekten, verletzlichen und limitierten Wesen. Mit anderen Menschen in ihrer Version menschlicher Unperfektion. Und mit unserer sozialen Umwelt in ihrem natürlichen, bedauernswerten Zustand, wer möglicherweise schlichtweg ganz normal ist.

Das Wort „Manipulation“ ist immer abstoßend. Das hat seine überaus guten Gründe wie oben angedeutet in Strategie d), der schmeichlerischen Verführung. Wer also wie ich von „wohlwollender Manipulation“ spricht, muss die Unterschiede zur Manipulation durch Belohnung deutlich herausarbeiten, um überhaupt Chancen zu haben, auf die Möglichkeit dieser Strategie hinzuweisen.

Glücklicherweise ist es recht einfach, die Unterschiede zu benennen: Wohlwollende Manipulation setzt voraus, dass wir gerade nichts vom Anderen wollen, weil wir das, was wir persönlich brauchen, im Moment aus anderen „Quellen“, sprich: Beziehungen beziehen. Wir sind zwar alle keine Götter, sondern hochgradig bedürftige Wesen. So bedürftig, dass nach der Befriedigung eines Bedürfnisses sofort ein anderes unserer Bedürfnisse nach unserer Aufmerksamkeit schreit. – Aber wir sind nicht so bedürftig, dass wir anderen Menschen nicht „frei begegnen“ könnten. Wir sind in der Lage, „gerade nichts vom Anderen zu wollen“. Dies sind die Momente, die wir mit anderen Menschen am meisten genießen. – Wir bezeichnen sie oft mit Worten wie „spielerisch“, „humorvoll“, „freundschaftlich“, „locker“ oder ähnlichem.

Leider werden diese „schönen Momente“ oft nicht nur durch unseren eigenen Wahnsinn gestört, sondern genauso durch den ganz normalen Wahnsinn unserer lieben Mitmenschen. Diese Störungen, die in der Regel durch gegenwärtige oder vergangene Machtasymmetrien (Belohnungen/Bestrafungen) hervorgerufen werden, denen der Andere ausgesetzt war, versetzen uns meist in einen Zustand akuter, wenn nicht chronischer Hilflosigkeit gegenüber dem „selbstschädigenden Verhalten“, das der Andere an den Tag legt und das alles Spielerische und Leichte, das wir mit ihm so genießen, blockiert und unmöglich macht.

Wohlwollende Manipulation bedeutet hier, dass wir diese Störungen an Ort und Stelle auflösen, wo immer sie auftreten. Indem wir die Kraft unserer vorhandenen Beziehung zum Anderen nutzen und die Spielräume, die Humor und Schauspiel jederzeit bieten.

Die wirkungsvollste aller Arten, einen Menschen zu bewegen, von dem wir gerade selbst nichts brauchen und wollen, außer dass er ein wenig liebevoller zu sich selbst ist, ist daher die „paradoxe Verschreibung“ oder auch „Begeisterung für das Symptom“, die wir  augenzwinkernd und liebevoll inszenieren.

Zu allen Zeiten und an allen Orten und in allen möglichen Situationen bewegt es uns und unsere Mitmenschen am meisten, schnellsten und nachhaltigsten, wenn wir ihnen leidenschaftlich und beredt dazu raten, „mehr vom Selben“ zu tun. Solange und so intensiv, bis die leise Stimme des Misstrauens in ihnen erwacht, die ihnen Dinge zuflüstert wie: „Moment mal, irgendwas stimmt hier gerade irgendwie nicht…“

Gute Therapeuten und Berater nutzen diese Strategie seit Jahrtausenden ebenso wie Hofnarren, Ärzte, Verkäufer und andere Schelme. – Ihre transhistorische und transkulturelle Stabilität deutet daraufhin, dass es sich hier ebenso um eine „universalmenschliche Möglichkeit“ handelt wie bei den anderen genannten Strategien.

Jede Kraft erzeugt eine Gegenkraft. Fixiert sich ein Mensch einseitig auf eine bestimmte Verhaltensweise, und zwar so sehr, dass er sich selbst mit diesem seinen Verhalten zu schaden beginnt („die Dosis macht das Gift“), dann liegt in der Regel ein psychischer Innenzustand vor, indem dieser Mensch mit Macht die Gegenkräfte zum Schweigen gebracht hat und bringt.

Da wir soziale Wesen sind, die voller Resonanzphänomene füreinander und miteinander stecken, erzeugt solches Verhalten eines Menschen bei seinen Mitmenschen ausnahmslos immer: Unbehagen.

Und damit auch den Wunsch, „den anderen zu einer Vehaltensänderung zu bewegen“. – Die häufigst gewählten Wege hierzu sind die nutzlosen und völlig wirkungslosen Strategien a) und b): Informieren und Angst-Machen, indem wir dem Anderen Folgen aufzuzeigen versuchen, die „ihn treffen werden, wenn er so weiter macht“.

Demgegenüber ist begeisterte, penetrante Zustimmung ein deutlich einprägsamer und effektiverer Weg, der die Falle der Angst-Verdrängung wirksam umgeht, sich aber genauso emotional im Gedächtnis des derart „Bearbeiteten“ festsetzt.

Wie erwähnt funktioniert diese Strategie nur dann, wenn wir sie nicht aus eigener Bedürftigkeit heraus anwenden, sondern aus dem Wunsch, dem Anderen in einer Situation zur Seite zu stehen, in der er sich selbst zu seinem bedrohlichsten Feind gemacht hat oder wurde.

Das Einzige, das wir über diese wohlwollende Beziehungsdistanz hinaus benötigen, um die Strategie der wohlwollenden Manipulation zu nutzen, ist unsere natürliche Schauspielkunst. Eine Kunst, über die wir alle verfügen, auch wenn viele von uns sie sogar vor sich selbst leidenschaftlich verbergen. Dieses geschickte Verbergen unserer natürlichen Fähigkeiten ist selbst eines der komischsten Schauspiele, das wir uns selbst und anderen täglich bieten.

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