Dienen hat einen schlechten Ruf heutzutage. Aus guten Gründen. In der Regel wird dienen assoziiert mit Unterordnung, Hierarchie und fehlender Augenhöhe. – Das macht alles viel Sinn, solange wir uns in einer hierarchisch organisierten Gesellschaft befinden, in der es für uns vor allem darum geht oder gehen soll, „nach oben zu kommen“.

Und ich denke auch, dass der Begriff des Dienens noch eine ganz andere Dimension hat, die sich vor allem dann erschließt, wenn wir unsere Beziehungsbrille aufsetzen und mit ihr auf das Geschehen in und um Unternehmen schauen.

Im Kern ist Unternehmertum ein hochsozialer, empathischer Prozess. Sieht man mit der Beziehungsbrille auf das, was ein Unternehmen „leistet“, dann sieht man, dass es darum geht, menschliche Bedürfnisse zu erfüllen. Genauer: Dass Menschen anderen Menschen (einen kleinen Teil ihrer) Bedürfnisse erfüllen. Das könnte man auch mit dem Begriff des „Helfens“ sehr treffend beschreiben – oder mit dem des „Dienens“:

Während wir hier in diesem Unternehmen Menschen auf diese Weise helfen, helfen andere Unternehmen Menschen auf eine andere Weise. – Der Austausch, der sich dabei vollzieht, ist indirekt „auf Augenhöhe“, weil jeder hilft und jedem geholfen wird. – Im Prinzip: wenn man sich die gegenwärtig noch vorhandenen Machtasymmetrien herausdenkt, könnte man von „der Wirtschaft“ als einem zutiefst empathischen Beziehungsgeschehen sprechen, das darauf ausgerichtet ist, Formen zu finden, wie wir uns als Menschen auf diesem kleinen, großartigen Planeten wechselseitig unter die Arme greifen und wechselseitig Freude bereiten können.

Genauso können wir aber auch sagen, dass wir uns innerhalb der Sozialform Unternehmen: als Kollegen wechselseitig „dienen“. Assoziiert man „Dienst“ eher mit „Helfen“ als mit „Unterordnung“, dann sind wir in der Form des Unternehmen sehr nah an einem Begriff des „spezifischen Dienst am Anderen“. – Auch hier kann man sehr deutlich erkennen, dass die Augenhöhe und Reziprozität darin liegt, dass einem in einem Vorgang gedient ist, während man in einem anderen unternehmerischen Vorgang der Diener ist. Nehmen wir dann noch dazu, dass es ein „Geschenk“ ist, andere Menschen zu unterstützen, Freude zu bereiten, Befriedigung zu verschaffen oder zu helfen, dann wird klar, dass „Dienen“ für uns unter ganz bestimmen Umständen keine erniedrigende Beschäftigung ist, sondern eine überaus erfüllende; eine, die für uns aus sich selbst heraus motivierend ist und auch uns selbst schon im Vollzug, und nicht erst in einer „Entlohnung“ eine große Befriedigung und Vergnügen bereiten kann.

Dass diese Gedanken unter den gegenwärtigen Bedingungen gefährliche Aspekte haben, spricht nach meinem Verständnis nicht gegen diese Auffassung vom „Dienen“, sondern gegen die gegenwärtigen Bedingungen:

Was sie riskant macht, ist die Gefahr der Ausbeutung und Haltungen, die wir unter die Begriffe des „Helferkomplex“ oder „Fehlender Selbstsorge“ fassen können. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir in ständiger Bedrohung sind, nicht fair behandelt, ausgebeutet und über den Tisch gezogen zu werden, dass ein freies Geben nur noch in wenigen und oft „privaten“ Situationen möglich ist, nicht oder kaum aber in Unternehmen.

Zugleich haben einige von uns Muster entwickelt, in denen sie ihr instabiles, wenig genährtes Selbstwertgefühl nicht nur dadurch auszubalancieren versuchen, dass sie „Höchstleistungen bringen“, „zu den Gewinnern gehören“, „einen Erfolg an den anderen Reihen“, sondern auch dadurch, dass sie ständig anderen zu Gefallen sein wollen, ohne Pause, ohne Unterlass und vor allem ohne Rücksicht auf die eigenen Innenzustände und Gesundheit. – Die Gründe für beide Muster: den neurotisch Erfolgshungrigen und den neurotisch Dienenden liegen möglicherweise ganz woanders als wir sie oft vermuten.

Ich weiß nicht, ob wir je einen Gesellschaftszustand erreichen werden, in dem Unternehmen das sein werden, was sie im Prinzip sein könnten: Organisationsformen wechselseitiger Hilfe. Sollten wir dem je nahekommen, hätten wir auf einer höheren, komplexeren, ausdifferenzierteren Weise etwas wiedergewonnen, dass nach unseren informierten Vermutungen auch diejenigen menschlichen Gesellschaften ausgezeichnet hat, in denen Menschen ihr Leben in Zeiten vor dem Ackerbau und der sesshaften Ansiedlung gemeinsam gestalteten. Gesellschaften, in denen Beziehungen so sicher und bedrohungsfrei sind, dass wir nicht permanent exakt gegeneinander aufrechnen müssen, was wir Geben, was wir Bekommen und was das genau wert ist. Der große Unterschied einer solchen vergleichsweise friedlichen, globalen Weltgesellschaft zu den „hunter gatherer“ Gesellschaften unserer Vorfahren läge zugleich darin, dass wir uns nicht mehr als Stämme gegenüberstünden, die füreinander so etwas waren wie Naturgewalten oder sogar Naturkatastrophen: Ohne Möglichkeiten für wechselseitigen Austausch, Kooperation und Empathie.

Was ich aber für sicher halte ist Folgendes: Der Begriff des „Dienens“ in Unternehmen macht großen, ja ich würde sogar sagen: einen wichtigen Sinn. Wenn wir Dienen als Helfen oder Unterstützen verstehen, können wir wahrnehmen, dass es in unseren Unternehmen zwei unterschiedliche Gruppen von Tätigkeiten und Rollen gibt: Einmal Menschen, die anderen Menschen in ihrer Rolle als „Kunden“ unmittelbar zu diensten sind, indem sie eben „Dienstleistungen erbringen“ oder Produkte herstellen, die „Kundenbedürfnisse befriedigen“. Und zum anderen Menschen, die den Menschen dienen, die den Kunden dienen.

Was ich damit sagen will: Ich kann dem Begriff der „Supportive“ oder „Servant Leadership“ aus meiner Sichtweise auf Unternehmen heraus einiges abgewinnen. Diese Begriffe machen Sinn für mich, weil sie sich darauf beziehen, worum es in Unternehmen eigentlich geht: Darum, menschliche Bedürfnisse so gut und so günstig zu befriedigen, wie wir es hier gemeinsam vermögen.

Dieser immanente Sinn von Unternehmen ist nur dann verstellt, wenn wir es weiterhin gestatten, dass abstrakte, nicht durch Beziehungen untermauerte Investoreninteressen eine zweite Außenreferenz bilden, die die Aufmerksamkeit der gemeinsam Unternehmenden vom Dienst an Kundenbedürfnissen abziehen muss. Nimmt man unsere begrenzte Aufmerksamkeit ernst, also das, was wir heute „Aufmerksamkeitsökonomie“ nennen, gewinnt der Satz „Man kann nicht zwei Herren dienen“, einen neuen, unternehmerischen Sinn: In vielen unserer derzeitigen Unternehmen versuchen wir genau das die ganze Zeit über. Und dies ist nach meiner Auffassung der ebenso einfache wie durchschlagende Grund, warum „Arbeit“ in Unternehmen oft so anstrengend, unerquicklich, sinnlos und schizophren ist. Während ein Teil der Unternehmenden versucht, Kundenbedürfnisse zu befriedigen, versucht ein anderer Teil der Unternehmenden („das Management“), Investorenbedürfnisse zu befriedigen. So, wir wir dies derzeit ordnen, organisieren und aufeinander beziehen, stiften wir einen unvermeidlichen Krieg zwischen beiden Menschengruppen in unseren Unternehmen. Einen höchst überflüssigen Krieg, der täglich vielen Menschen das Unternehmen und Arbeiten: Den Dienst an anderen Menschen verleidet.

Nun kann es nicht darum gehen, diesen Krieg einfach zu verlagern. Es kann nicht um „Investoren-Bashing“ gehen. Aus meiner Sicht liegt z.B. eine Lösung dieses Problems darin, Investoren ganz anders in Unternehmen einzubinden, als wir das heute in den allermeisten Fällen tun. Mir scheint es vielversprechend, Investoren als „Mitunternehmer“ zu reframen, genauso wie man Mitarbeiter als Mitunternehmer reframen kann.

So betrachtet sind Investoren Menschen, die Geld für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zur Verfügung stellen, so wie andere Menschen ihre Zeit, Aufmerksamkeit, Tatkraft und Ideen zur Verfügung stellen. All diese Ressourcen laufen zusammen, um etwas auf die Beine zu stellen, das menschlichen Bedürfnissen (von Kunden) besser dient als bisherige Lösungen, die wir in anderen Sozialformen und Institutionen finden konnten.

Eine solche Einbindung von Investoren und sinnvolles Investitions-Wesen würde aber erfordern, dass wir Unternehmen so gestalten, dass sie auch Investoren, ebenso wie „Mitarbeitern“ ein anderes Beziehungs- und Bindungsangebot machen als diejenigen Beziehungsangebote, die heute viele Unternehmen „ihren Menschen“ machen.

Diese Bindungen wären sinnorientiert, wären möglicherweise langfristiger und vor allem wären sie „auf Augenhöhe“. D.h. wir müssten Unternehmen einen Überfluss an Investitionsmitteln verschaffen, der ihnen ermöglicht, ungute „investor relations“ zu vermeiden, also Geld von solchen Investoren nehmen zu müssen, die keinerlei Interesse an dem haben, was in diesem Unternehmen geleistet wird. Unternehmen brauchen in Investitionsbeziehungen ebenso wie in ihren Beziehungen zu anderen Mitunternehmern „Beziehungsalternativen“. Freiheit entsteht erst in der Wahl. Derzeit befinden sich die meisten Unternehmen in einer sehr einseitigen Abhängigkeit. Und diese Machtasymmetrie im Außen spielt auch in die Unternehmen herein und zerstört und vergiftet die Beziehungen zwischen den verschiedenen Mitunternehmern und die Beziehungen des Unternehmen zu seinen Kunden.

Unternehmen brauchen die Möglichkeit, sich von solchen Menschen Geld zu verschaffen, die an diesem spezifischen Unternehmen Interesse haben. Von Menschen, die diese spezifische Art und Weise, wie wir hier, in diesem Unternehmen menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, so begeisternd finden, dass sie mittels ihres Geldes „ein Teil davon werden“ wollen. Die, wenn sie schon nicht ihre Zeit, Kraft und Ideen dazu geben können, weil die bereits in anderen Unternehmen gebunden sind, doch zumindest mit ihrem Geld und ihrer Aufmerksamkeit dabei sein wollen.

Ein solches Beziehungsangebot an Investoren kann man „Impact Investing“ nennen. Es ermöglicht Menschen, auch mittels ihres Geldes anderen Menschen zu dienen.

In solchen, und nur in solchen Beziehungsverhältnissen macht es Sinn von „Führung als Dienst“ zu sprechen. Denn dann ist allen klar, was hier geschieht und was wir hier tun, wer wem dient, und wem wir hier wie dienen wollen. In diesem spezifischen Unternehmen.

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