Machbarkeitswahn hat derzeit keine große Lobby. Dennoch gibt es eine sehr spezifische Form von Machbarkeitswahn, der sich bei uns hartnäckig hält und der in unseren Versuchen besteht, „Geschichte zu schreiben“. Meist wird dieser Wahn zunächst in der Form von uns vertreten, dass wir glauben, wir könnten durch kluge und kontinuierliche Refomen fortan „unser Schicksal selbst in die Hand nehmen und bestimmen“. Oder dass wir glauben, die Zeit der großen politischen Krisen und Katastrophen läge ein für alle mal hinter uns. Wahlweise unterfüttern wir diesen unseren Wahn mit Rationalisierungen vom Typ „weil wir jetzt dieses oder jenes Moralitäts-/Wissenschafts-/Gesellschafts-Niveau erreicht haben, das unsere Vorfahren noch nicht hatten.“

Alle diese Annahmen sind erkennbar naiv. Der Grund dafür lässt sich leicht benennen: Er hat etwas damit zu tun, dass wir nicht anders können, als „Systeme“ herauszubilden. Und damit, „wie Systeme funktionieren“: Sie neigen zur Selbsterhaltung und Selbststabilisierung. Und sie funktionieren unter Ausschluss/Einschluss. Wie bei der Mutter aller Systeme: Dem Leben selbst, ist die Grundfunktion eines jeden Systems, erkennen zu können, was ihm zugehörig/bekömmlich ist, und was ihm nicht-zugehörig/bekömmlich ist und daher ausgeschieden werden muss, um das Bestehen des Systems nicht zu gefährden. Jedes erfolgreiche System ist aber sein eigener größter Feind, wenn wir „Erfolg“ mit „Ausbreitung“ gleichsetzen. Es verbraucht, was es braucht. Und es staut an seinen Außengrenzen das Ausgeschlossene auf. Beides bis zu einem Grad, an dem jedes System aus seinen Erfolgen heraus in einer Krise, wenn nicht in eine Katastrophe geraten muss. Der Philosoph Hans Blumenberg hat dafür einmal die (un)schöne Formel der „Austreibung des Lebens durch seine Erfolge“ gefunden.

Die fundamentalen Systemumstellungen, die nötig sind, um ein System dann zu erhalten, wenn es in eine solche Krise gerät, kann aber kein System der Welt aus sich selbst heraus anstreben. Könnte es das, wäre es kein System mehr. Systeme sind die Vermeidung ihrer Krisen. Der verstorbene Peter Kruse macht in diesen kurzen Ausführungen die fehlende Fähigkeit von Systemen, mir ihren eigenen Krisen umzugehen, unzweifelhaft deutlich.

Krisen sind für Systeme „schmerzhafte Zustände“, in denen das jeweilige Systeme an die Grenzen seiner Operationalität gelangt und „sich nicht mehr zu helfen weiß“.

Das gilt „bereichsübergreifend“, also unabhängig davon, ob es sich um ein biologisches, ein psychisches, ein Organisations-System handelt, oder um „eine Gesellschaft“ als ganze.

In dem Bereich, der uns am nächsten liegt und in den wir am meisten Einsicht haben: im Bereich der psychischen Systeme ist uns oft auch halbwegs klar, dass kein Mensch eine Krise: Also komplette Dekompensation und Handlungsunfähigkeit bewusst ansteuert oder anstrebt. Selbst in vermeintlich dysfunktionalen psychischen Gewohnheiten entdecken Menschen, die sich an deren „Heilung“ probieren regelmäßig, dass jene Krankheit „System hat“: Dass sie selbst eine Handlung darstellt, meist mit dem Hauptzweck Handlungsfähigkeit überhaupt zu erhalten. Und damit Kontrolle über die (mitmenschliche) Umwelt. Die meisten psychischen „Krankheiten“ sind zunächst weniger Probleme als vielmehr Lösungen. Sie garantieren ihrem „Träger“ Kontrolle über das Verhalten der ihn umgebenden Menschen dort, wo sonst keine Kontrolle mehr möglich erscheint. Sie lindern Schmerz, sie erhalten das Selbsterleben als Subjekt des Geschehens, wo Erleben als reines Objekt unerträglich wäre.

Für diejenigen Umstellungen, die ein System benötigt, wenn es über seine eigenen Operationen „in die Krise“ geraten ist, braucht es aber das, was wir manchmal „Katastrophen“ nennen: Das System hat keine eigenen Operationen zur Verfügung, die die Krise nicht verschlimmern und den Schmerz des Systems vergrößern würden.

Aus diesem einfachen Grund sind Katastrophen unvermeidlich. Systeme selbst erzeugen sie. Und wir sind nicht in der Lage, ohne die Herausbildung von Systemen zu leben.

Die Vorstellung, wir Menschen könnten einen Gesellschafts- oder Bewusstheitszustand erreichen, in dem wir Katastrophen ein für alle mal durch kluges Erkennen und rechtzeitiges Gegensteuern vermeiden könnten, verkennt völlig, dass wir regelmäßig Katastrophen brauchen, um unsere Systeme neu justieren zu können. – Ein Leben ohne Katastrophen beginnt an einem spezifischen Punkt, sich in ein langsames Siechtum hineinzumanövrieren. Das ist der Grund, warum wir uns durch viele Lebenskatastrophen, die wir niemals willkürlich angestrebt hätten, so merkwürdig belebt fühlen. Und das erklärt auch, warum Menschen, denen es gelingt, ein Ideal der Krisenfreiheit vorzutäuschen und ein Ideal der Katastrophenfreiheit zu leben, uns so unlebendig, grau und wenig anziehend erscheinen.

Weder „die Geschichte“, noch unsere eigene kleine Geschichte können wir daher in die Hand nehmen und wie göttliche Autoren „unsere Geschichte schreiben“. – Gleich, auf welchem Differenziertheits- und Komplexitätsniveau wir zu agieren glauben: Wir tun es immer „systemisch“. Und das heißt: Hinter unserem Rücken, dort wo unsere Frames keine Augen haben, und dort in unseren Augen, wo sich unsere zahllosen blinden Flecken befinden, reift in diesem Moment bereits die nächste Krise heran. In jedem System. In jedem Moment.

Ist man an diesem Punkt der Einsicht in die fehlende souveräne Machbarkeit angekommen, regt sich oft so etwas wie Trotz: Im verzweifelten Versuch „Subjekt des eigenen Schicksals“ zu bleiben, will man nun die Krisen willkürlich herbeiführen, von denen man nun annimmt, das sie unvermeidlich seien.

Die totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts: Faschismus und Kommunismus waren Versuche, in dieser Art „Geschichte zu machen“. Nach dem Muster „Einsicht –> Handeln“ wollte man die Welle der Geschichte reiten, am liebsten vorreiten. Man glaubte „erkannt zu haben“ und „zu wissen“, welche Krise da im Anflug sei und wollte sie nun „gestalten“.

Aber dieser kindliche Trotz ist schlicht der gleiche, alte Machbarkeitswahn. – Nun von der anderen Seite: Wo man zunächst noch glaubte, durch informierte Reformen Katastrophen vermeiden zu können, glaubt man sie nun herbeiführen zu müssen. Natürlich im Namen eines guten, paradiesischen Zustands „auf der andere Seite der Krise/Katastrophe“. Und paradiesisch heißt immer: Fortan bis in alle Ewigkeit krisenfrei. – Das sind so offensichtlich Illusionen, dass solche Vorstellungen nur durch die gewaltigen Kräfte und Bedürfnisse unserer Psyche aufrecht erhalten werden können. Gegen die Zumutungen der „Einsicht“ bauen wir kraft unserer Bedürftigkeit Dämme und Wände so hoch und dick, dass sie den blinden Fleck aufrecht erhalten können, den wir nötig haben.

In der Psychologie nennt man das ein „Täter-Introjekt“: Die Selbst-Identifikation mit dem, was einen verletzt hat. In diesem Fall handelt es sich um eine fundamentale Verletzung: Die Verletzung unserer Subjekthaftigkeit, Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit durch die Wirkungsweisen des Lebens selbst. Wir sind deutlich mehr Objekte unserer eigenen Geschichte als wir Subjekte sein können. Wir können zwar Subjekterleben herstellen, indem wir Wirksamkeit fantasieren und uns auf diejenigen Dinge konzentrieren, „die in unserer Macht sind“. – Aber das alles führt nicht dazu, dass wir uns die Sicherheit verschaffen können, nicht durch unser eigenes Tun auf unsere nächste Krise hinzuwirken.

Die Träume vom „erlösenden Systemzusammenbruch“ schlagen heute wieder einmal um sich. Sie treffen auf ähnlich kriegerisch gesonnene Versuche, „das System zu retten“. Wie wir nun erkennen können, haben wir es hier mit einem Kampf der beiden Machbarkeiten zu tun, die unversöhnlich aufeinanderschlagen und uns voneinander entzweien. – Das ist tragisch, denn in Zeiten von herannahenden Systemumbrüchen, sind Versöhnlichkeit und zwischenmenschlicher Zusammenhalt das einzige, das die Krise halbwegs für uns erträglich machen kann.

Ein Blick in den Bereich der psychischen Salutogenese kann hier vielleicht auch für Krisen in anderen Systemen ein Fingerzeig sein: Psychische Systeme streben Katastrophen weder an, sondern versuchen sie „systematisch zu vermeiden“. Dennoch gelingt ihnen das nur um den Preis der Leblosigkeit und oft auch buchstäblich der Krankheit.

Das, was psychischen Systemen ihre Systemumbrüche ermöglicht, ist ein „soziales Gehaltensein“: Durch geliebte Menschen, durch Freunde und manchmal durch professionelle Beziehungspartner, die im Schmerz des Systemumbruchs als symbolische Garanten dafür stehen, dass der, der da auf der anderen Seite des Umbruchs herauskommt, „immer noch ich sein wird“.

In anderen Worten: Was uns in Zeiten von Systemumbrüchen unsere durch sie bedrohte Identität garantiert, das sind immer andere Menschen. Sie ermöglichen uns das, was man im Englischen „lean into the pain“ nennt: Ein sich hineinlehnen, mitreissen lassen, mitgehen mit dem, was einem da geschieht, in der Hoffnung, dass man dabei bestehen bleibt. In der Hoffnung, dass man verändert, aber nicht zerstört wird, durch das, was einem da gerade geschieht. In diesem Mitgehen, das möglicherweise dem entspricht, dem fernöstliche Weisheitslehrer einen Namen gegeben haben, wird es für einen unendlich langen Moment in der Zeit unwichtig für uns, ob wir noch Subjekte sind.

Wenn wir gerade nicht mehr wissen, wer wir sind, dann blicken wir in das Antlitz eines anderen Menschen, der es für uns tut. Der andere garantiert uns unsere Menschlichkeit dort, wo wir uns unsere Subjekthaftigkeit nicht mehr garantieren können.

Und oft erscheint es uns nötig, dass der Andere kein Teil unseres eigenen, alten Systems ist. Neue Beziehungen haben eine eigene Kraft für uns: Sie wirken auf uns wie Katalysatoren unserer unvermeidlichen Krisen und Katastrophen.

Wir wissen das alle. Es ist der Grund, warum wir neue Beziehungen entweder panisch vermeiden oder manisch suchen. – Beides sind aber wieder nur „die beiden Machbarkeiten“, die so illusorisch wie stabil unsere vielen Systemzustände begleiten.

Die Weisheit, „es geschehen zu lassen“ und die Vorstellung ganz und gar aufzugeben, „dass wir Subjekte sind“, scheint uns nur in wenigen, vorübergehenden Momenten gegeben zu sein.

 

 

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