Wir müssen reden.

Mal wieder ist ein neuer, überaus spannender TedTalk heraus gebracht worden: Robert Sapolsky erklärt uns in seinem launigen, humorvollen und beinahe liebevollen Vortrag, wie komplex und vielfältig die Einflussgrößen menschlichen Verhaltens nach dem Stand der heutigen biologischen Forschung sind. Bis es zu einer menschlichen Entscheidung – mit vielleicht weitreichenden Folgen – gekommen ist, ist „zu viel passiert“, als dass da großer Raum für Moralisieren wäre. Oder für starke Bewertungen. Oder für eindeutige Zuschreibungen auf irgendeine „Ursache“. Darüber hinaus versucht Sapolsky uns aus einer historisch-anthropologischen Perspektive deutlich zu machen, wie nachweislich veränderlich das ist, was wir in unseren politischen Tagesgesprächen manchmal für „die menschliche Natur“ halten.

Mir geht es bei dem Vortrag so, dass ich den Eindruck habe, Sapolsky trägt in einer biologischen Sprache und Bebilderung Dinge vor, die uns und auch den allermeisten Menschen, die vor uns gelebt haben, bereits sehr gut bekannt waren.

Sie wurden zwar anders ausgedrückt. – Und auch wir Heutigen vergessen das „Wissen“ über diese „Dinge“, die wir selber sind, bei unserem Handeln und Reden mit schöner Regelmäßigkeit. Wir stellen uns gern fest. Wir stellen gern fest: „Ich bin so und nicht so“. Und noch lieber tun wir das in Bezug auf Menschen: „Er ist nunmal so.“ Oder: „Er ist eben ein …“. Oder gleich generalisierend: „Menschen ändern sich nicht.“

Veränderlichkeitsalltag im postkanonischen Zeitalter

Alle Fälle, in denen wir uns selbst oder andere Menschen ganz unübersehbar und alltäglich drastisch geändert haben, verdrängen wir in diesen Momenten ebenso en passant wie gewohnheitsmäßig in unser Unbewusstes: Dass wir im Urlaub anders sind. Dass wir in einer neuen Beziehung anders sind. Dass wir mit diesem Freund völlig anders sind als mit jenem. Dass wir in einem neuen Job, in einer neuen Rolle, in einer neuen Firma ein völlig anderer sind. Dass wir mit unserem geliebten deutschen Schäferhund ein völlig anderer Mensch sein können als mit vielen unserer Mitmenschen. Dass umgekehrt die am konsequent praktizierendsten Philanthropen unter uns unter Umständen die größten Grausamkeiten begehen können. Etc. – Das alles ist so alltäglich, dass es für uns verdammt schwer zu übersehen ist. Könnte man meinen.

Die Anzahl der Immer-Heiligen unter uns ist deutlich geringer, als uns das unsere punktuelle Wahrnehmung und unser Hang zur Verallgemeinerung glauben machen. Und das heißt umgekehrt: Die Anzahl der Immer-Verrückten Menschen ist deutlich geringer, als das von uns auf dem gleichen Weg geschaffenes Menschenbild nahelegt. Wir alle tragen ausnahmslos den Keim der „Entartung“ in uns. In jedem Moment. Und das ist vermutlich gar nicht mal so schlecht für uns so. Es ist wahrscheinlich weitaus eher ein Anlass zur Hoffnung als ein Grund zur Verzweiflung…

Die Veränderlichkeit des Menschen unterliegt also einer gewohnheitsmäßigen Verdrängung, die ebenfalls derart alltäglich ist, dass der Verdrängungsakt bei uns keinen großen psychischen Aufwand mehr erzeugt. Die Straßen dieses Verdrängungsvorgangs in uns sind vermutlich das psychische Äquivalent ausgelatschter Trampelpfade, wo kein Innehalten mehr wächst; oder vielleicht eher: 8-spuriger Neuigkeits-Autobahnen, auf denen wir tagtäglich dahinrasen. Das Vergessen der Veränderlichkeit „der menschlichen Substanz“ ist politischer common sense. Wir verändern nicht unsere Nicht-Wahrnehmung, dass wir Menschen uns ständig drastisch verändern.

– Dennoch bleiben Sapolsky’s Ausführungen für mich ein weiterer Fall „des wissenschaftlichen Nachweises des natürlichen Hinternwackelns bei weiblichen Exemplaren der Spezies homo sapiens“: Alltägliche Menschlichkeiten, die jeder wahrnehmen kann und die niemand in Frage stellt, werden von den Humanwissenschaften in eine Sprache gepackt, die dafür sorgt, dass sich auch Menschen mit einer eher nerdigen Veranlagung zum ersten Mal in ihrem Leben für sie interessieren können. Oft mit der Illusion, sie hätten etwas „Neues entdeckt“.

– Was uns zum Thema der heute fundamentalen Subjektivität des Neuen bringt: Eine Einsicht, die für den einen  Menschen ein alter Hut ist, hat beim anderen Menschen gerade die Begeisterung des Frischverliebseins eine für ihn in neuartig Erkenntnis geweckt, über die alle Welt nun aufgeklärt werden muss. Auch die, die das längst wissen, sich dafür vielleicht nur einer leicht anderen Sprache bedienen.

Im postkanonischen Zeitalter ist eben auch „Wissen“ subjektiv und der Glaube, es gäbe noch kanonisches Wissen, Megatrends und objektive Wissensstände, führt wieder und wieder zu zwischenmenschlichen Situationen, die schreiend komisch für uns wären, wenn wir sie denn in der Situation selbst noch überreißen würden.

Wovon der eine zuviel weiß und wovon er so besessen ist, dass er sich nicht mehr für zunächst widersprüchlich wirkende Wahrheiten öffnen möchte, davon weiß der andere gar nichts. Und umgekehrt. Was „Wissen“ angeht, gleichen wir alle heute Fahrern auf einer Landstraße, die aus entgegengesetzten Richtungen aneinander vorbei brausen und sich beim „point of contact“ wechselseitig wohlinformierte Warnungen vor dem Ort zurufen, von dem sie weg wollen und zu dem der jeweils andere gerade hinstrebt.

Moralische Appelle frisch verliebter Wissenschaftler

Weitaus mehr als Sapolskys schöner Vortrag und seine biologischen Einsichten hat mich daher ein anderer Teil seiner Rede bewegt: Sein moralischer Appell gegen Ende seines Vortrags. Sapolsky macht uns hübsche Vorwürfe für den Fall, dass wir uns nicht mit dem Äquivalent von „Salutogenese“ beschäftigen, wenn es zu Veränderungen des menschlichen Verhaltens kommt. Er spricht von „those, who don’t study the history of extra-ordinary human change“, die immer wieder zu einem falschen Menschenbild und zu falschen Vorstellungen von menschlichem Verhalten kämen. Und die daher in Hilflosigkeit gefangen seien, wenn sie in einer Situation seien, in der sie eigenes Verhalten oder das Verhalten anderer Menschen nur all zu gern ändern würden.

Nun ist es nicht schwer zu sagen, warum mich dieser Appell so gut und gern und leicht bewegt: Ich bin ganz offensichtlich keiner von jenen „those“, denn ich beschäftige mich mit genau diesem Thema nun schon irgendwas zwischen 5 und 25 Jahren. Und obwohl ich nicht sagen kann, dass das bisher irgendetwas an meinen Hilflosigkeits-Gefühlen in vielen Situationen geändert hätte, tue ich mich also naturgemäß leicht einem flammenden Appell zuzustimmen, der mich nicht trifft. Ich bin ja „einer von den Guten“, soweit es nach dieser Rede geht.

Ich kann aber auch sagen: Das, auf was Sapolsky hier abzielt, ist heute bekannt. Man kann es finden, wenn man danach sucht. Es ist kein großes Rätsel, wann und unter welchen Bedingungen wir Menschen unser Verhalten in einer unerwarteten und drastischen Weise verändern können. Und zwar Verhalten, von dem wir oft so sprechen, als sei es eben unveränderbar. Als müssten wir es einfach hinnehmen und damit leben.

Dieses Wissen allerdings ist nur mäßig nützlich. Es ist nur mäßig nützlich, weil wir selbst im Spiel sind und eben nicht, wie Wissenschaft ihrem eigenen Wesen nach tun muss, außerhalb stehen und aus der Distanz eines Laboranten, der mit seinen Laboraten spielt, durch eine trennende Glasscheibe auf Objekte herabschauen, die wir systematisch zu manipulieren versuchen.

Wenn es zur Frage nach der drastischen Veränderbarkeit menschlichen Verhaltens kommt, ist Wissenschaft daher weitgehend nutzlos, oft sogar kontraproduktiv. Drastische Veränderungen menschlichen Verhaltens kommen, so viel kann Wissenschaft einsehen, so gut wie nie durch wissenschaftliche Interventionen zustande (etwas, das die Sozial- und Humanwissenschaften von den sogenannten Naturwissenschaften fundamental unterscheidet).

Und schlimmer noch: Die Haltung, die wir einnehmen müssen, um „saubere wissenschaftliche Arbeit zu leisten“, erschwert es uns gegen unsere ursprünglichen und auch heute noch weit verbreiteten Annahmen, solche Veränderungen auslösen zu können. Ein wissenschaftliches Mindset ist in der Regel die schlechtmöglichste Voraussetzung, um tiefgreifende und bleibende Veränderungen bei Menschen auszulösen. „Schlimmer kann man es nicht machen“.

Ich weiß, wovon ich spreche. Denn ich bin eben selbst einer jener Wissenschafts-Nerds, die mit Begeisterung TedTalks schauen. Allerdings einer, der sich bereits vor langer Zeit ins Menschenveränderungs-Business verirrt hat und mit all dem konfrontiert wurde, was ich hier zu umreissen versuche. Teilen leidvoller Selbst-Erfahrung nennt man das wohl.

Das vermeintlich Neue: Ablenkung vom Wesentlichen

Mit diesen Erfahrungen sieht es für mich so aus, als sei das, was uns davon abhält, „jenes Wissen auch umzusetzen“ weniger ein Mangel an Know-How, als ein Mangel an Konzentration auf das, was Wesentlich ist, wenn es um tiefgreifende menschliche Veränderungen geht. Vielmehr lassen wir uns als leicht und gern von „bloß Interessantem“ ablenken. Wir haben heute, im Zeitalter der medial-sozialen Reizüberflutung große „Konzentrationsschwierigkeiten“.

Ich glaube also nicht, dass es uns nicht wichtig genug ist, im Bereich Veränderung menschlichen Verhaltens Erfolge zu erzielen, und dass wir also an Mangel an Motiviertheit scheitern würden. Es ist eher so, dass die notwendige Spannung zwischen hoher Motivation und ihrer Entladung in Umsetzungen – das, was man früher mal „Disziplin“ genannt hat – es heute deswegen schwer hat, weil sie einen vorübergehenden Schmerz erzeugt, der sich heute nur allzuleicht vermeiden und sedieren lässt:

Indem man vom Wesentlichen absieht und sich mit Interessantem beschäftigt.

Wir wissen also längst, „was getan werden kann“ und „wie wir das angehen müssten“. Aber wir tun es nicht, weil es für uns weitaus angenehmer ist, sich mit (für uns) immer Neuem zu beschäftigen.

Das bewirkt zwar nichts. Aber es lindert den Schmerz schneller und nicht weniger wirksam als die uns immer möglichen Aktivitäten, mit denen wir menschliche Veränderungen bewirken können. Bei uns. Bei anderen Menschen.

„Das Interessante“ gleicht dagegen einem ständigen Nachlegen lindernder Schmerzpflaster, die uns glauben machen, wir könnten uns diejenigen der uns wohlbekannten Aktivtäten völlig ersparen, mit denen wir unsere dauerhafte Heilung wirksam unterstützen würden.

Damit ähnelt unser Vorgehen dem einzigen substantiellen Beitrag, den Wissenschaft bisher zur drastischen und nachhaltigen Veränderung menschlichen Verhaltens geleistet hat: Der Entdeckung, Herstellung und großflächigen Verbreitung von Psychopharmaka.

Dass es „natürlichere“, menschengerechtere und genauso effektive Mittel der Verhaltensänderung gibt, hat unter diesen Bedingungen keine große Lobby. Mittel, die durchaus angenehmere Nebenwirkungen haben und die nicht in die Kategorie fallen: „the cure itself is a disease“.

Wenn es eine anthropologische Konstante gibt, dann vielleicht die, dass leichte Wege immer einiges für sich haben. Auch dann, wenn ihre Langzeitfolgen absehbar katastrophal sind. Kurzfristig lindernde Symptombehandlungen finden stets reissenden Absatz.

Auch dort, wo uns bleibende Einwirkung auf das „Immer-wieder-neu-Entstehen“ von Krankheiten möglich ist.

Aber die Vertrautheit damit, dass Krankheiten Systeme sind und Systeme bilden, ist schwerer im Gedächtnis zu behalten als der Ort, an dem wir unsere momentan bevorzugten Linderungspflaster verstaut haben.

„Nosce te ipsum“: Selbstreflexive Bescheidung von Wissenschaft

Wenn es uns darum geht, unser eigenes Verhalten zu ändern oder das anderer Menschen, sollten wir daher auf die Wissenschaft hören, studieren, was drastische menschliche Veränderungen ermöglicht und begünstigt.

Und wenn wir dabei herausfinden sollten, dass es nicht die biologisch angereicherten Sozial- und Humanwissenschaften sind, die drastische menschliche Veränderungen ermöglichen und begünstigten, sollten wir vielleicht auf den Rat dieser unserer Wissenschaft hören und uns weniger mit Wissenschaft und Theorien beschäftigen, sondern uns entschieden auf das konzentrieren, was uns die Methode der Erfahrungsgewinnung unserer Wahl uns gezeigt hat, was wirklich wirksam ist, wenn es um Menschen geht.

Wissenschaft zeigt genauso wie die alltägliche Erfahrung: „Wahrheit“ und „Wirkung“ sind zwei sehr verschiedene Paar Schuhe. Oftmals stehen sie sich gegenseitig im Weg herum. Wir müssen uns dann entscheiden, was uns gerade wichtiger ist.

Es scheint heute eine geradezu Revolutionäre Wiederentdeckung zu sein, dass es so etwas wie „unwesentliche Wahrheiten“ gibt: Erkenntnisse, die unzweifelhaft wahr und und interessant sind, die uns aber keinen Meter weiterbringen. Weil diese für uns „neuen Erkenntnisse“ uns deutlich weniger dabei helfen, uns auf unsere vorhandenen Möglichkeiten einzulassen, als diejenigen Erkenntnisse, über die wir bereits verfügen.

Wissen als Ablenkung vom Wesentlichen.

Nicht „Fake News“. Eher „Distraction News“.

 

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