Bei Arno Gruen finden wir eine Gesellschaftsbeschreibung, die zugleich eine Beschreibung der Psyche des modernen Menschen ist, ihrer Entwicklung und ihrer Mechanismen. Diese Beschreibung halte ich für ziemlich hilfreich, um zahlreichen Missverständnissen gezielt aus dem Weg zu gehen, in die wir uns ansonsten oft verwickeln, wenn wir über den Zusammenhang „Einzelner Mensch und Gesellschaft“ sprechen.

Auf den Punkt gebracht, schickt uns Gruen auf eine Reise, in der wir die heilsamen Wirkungen bedingungsloser Liebe neu entdecken und zugleich auch unsere gesellschaftlichen Institutionen weiterentwickeln können. Für die Veränderung gesellschaftlicher Institutionen gibt Gruen’s Denken einiges her, weil es uns ein hilfreiches Kriterium zur Verfügung steht, auf das hin wir unsere Institutionen  untersuchen können: Inwieweit sie unsere natürliche Liebesfähigkeit blockieren und wie sie verändert werden können, damit sie das nicht mehr oder in geringerem Ausmaß als bisher tun. – Ohne ein solches Kriterium gleichen gesellschaftliche Reformen einem haltlosen Tasten ohne Sinn und Ziel. Wir werden ohne ein solches Kriterium ständig von Neuem und Anderem abgelenkt, von verschiedensten „Reform-Moden“, weil uns ein klarer Fokus fehlt, worum es uns bei all dem Experimentieren und Reformieren eigentlich überhaupt geht und was genau eine Verbesserung darstellt und was nicht.

Soweit so produktiv.

Der Ansatz, die Kultivierung zwischenmenschlicher Empathie oder genauer: Die Nicht-Weiter-Kultivierung von Empathie-Blockaden als Allheilmittel für nahezu alle gegenwärtigen Probleme anzunehmen, führt uns zugleich in ein sehr unmittelbar spürbares Problem hinein:

Die Ausbeutbarkeit wohlwollenden Verhaltens, manchmal auch „Trittbrett-Fahrer-Problem“ (Free rider problem) genannt. Ein Problem, das so alt zu sein scheint wir die sesshafte und grundbesitzende Gesellschaft. Und es kann einen bedenklich stimmen, dass gerade eine apokalyptische, also weltverneinende Religion wie das Frühe Christentum die Lehre von der Bedingungslosen Liebe hochhält. In der Naherwartung des Weltuntergangs und des unser Verhalten beurteilenden jüngsten Gerichts, im Ausfall einer irdischen Zukunft scheint es sich leichter bedingungslos lieben zu lassen als in einer weltzugewandten Haltung, die davon ausgeht, dass wir es uns auf dem Planeten Erde gemeinsam und bleibend einrichten müssen, dass es also kein „Jenseits des Irdischen“ gibt. – Dass manche sogenannten „Buddhismen“, die ebenfalls Bedingunslose Liebe lehren, das „Nirwana“, also die endliche Lösung aus den irdischen Dualitäten zum (Nicht-)Ziel menschlichen Strebens erklären, verstärkt den Eindruck eher noch, dass mit der Bedingungslosen Liebe etwas faul sein könnte, als dass es diesen Eindruck auflösen würde.

Sollte also jemand von uns sich wild entschlossen zeigen, sich von seinen gesellschaftlichen Konditionierungen so weit zu lösen, dass er sich und anderen Menschen mit der Haltung bedingungsloser Liebe zu begegnen versucht, ist er schnell damit konfrontiert, dass er sich damit verletzlich und „ausbeutbar“ macht. „Der Liebevolle ist der Dumme“. – Es scheint für uns undenkbar zu sein, dass es auch eine kluge, nicht-selbstschädigende Liebe geben könnte…

Die kriegerischen Gesellen, die wir selber sind, jene Menschen, die durch die Schule der bedingten Liebesbotschaften gegangen sind, werden, ausgehungert wie wir sind, einen bedingungslos liebenden Menschen immer als „Energiequelle“ sehen, die man nach Herzenslust anzapfen kann. Bis dieser ausgelaugt entweder erkrankt und stirbt – oder eben aufgibt und wieder „einer von uns“ wird: Ein kalkulierender, Eigennutz und Fremdnutz klar differenzierender, von sich und allen Menschen getrennter, vernünftiger Mensch.

„Einer von uns“. Nach meinem Verständnis ist dieser Ausdruck weitgehend deckungsgleich mit der Bedeutung des Wortes „Mensch“. Die meisten unserer gesellschaftlichen Mechanismen und auch die meisten unserer alltäglichen gemeinsamen Aktivitäten benutzen den Ingroup/Outgroup-Mechanismus: Wir schauen sehr genau hin, ob „der Andere“ zugleich „Einer von uns“ ist. Und wir sind es so gewohnt andere mit dem Ausschluss aus unserer Ingroup zu bedrohen oder von anderen Menschen mit diesem Ausschluss aus dem Konzept seiner Ingroup bedroht zu werden, dass uns diese Vorgänge in der Regel gar nicht mehr großartig auffallen: Arbeiter schließen Chefs aus ihrer Ingroup aus, Männer Frauen, das eine Dorf das andere Dorf – und jeweils umgekehrt. Trotz des Unbehagens, die sie nach wie vor auslösen, halten wir diese Vorgehensweisen für  „menschlich“, für „natürlich“, für „unausweichlich“, für „völlig normal“. – Wie auch anders? Was verbreitet ist, erscheint immer als „normal“. Gleichgültig wie wohltuend „unnormales“,  „paradoxes“, „verrücktes“ Verhalten für uns wäre.

In diese Lage des Denkens und Empfindens möchte ich einen Vorschlag platzieren: Wir können das zerstörerische Ausbeutungsverhalten, das sowohl wir selbst als auch unsere heutigen Mitmenschen an den Alltag legen, in einer ganz bestimmten Weise „umverstehen“:

Nicht nur als Ausdruck einer inneren Verzweiflung, Haltlosigkeit und Leere, sondern als ein tätiges Antesten oder Austesten, ob „da draußen“ nicht vielleicht doch irgendwo Bedingungslose Liebe zu finden sei. – Nehmen wir an, dass es keinem Menschen gelingen kann, die ebenso innerliche wie äußerliche Suche nach Bedingungsloser Liebe jemals völlig aufzugeben, so können wir alle Verhaltensweisen, selbst noch die schrecklichsten, verstehen als einen Suchakt, der Bedingungslose Liebe finden will, aber bisher nicht finden konnte.

Diese Auffassung ändert gleichzeitig nichts daran, dass wir alle verletzliche und bedürftige Wesen sind, die Grenzen haben: Grenzen der Kraft und darüber hinaus eine reizbare Amygdala, die möglicherweise durch die Arten unserer eigenen Sozialisation weitaus stressverbreitender ist, als sie „prinzipiell“ sein müsste, gesetzt, unsere eigener Lebensweg hätte andere Wege genommen. Jedenfalls eine Amygdala, die uns enge Grenzen setzt, inwieweit wir Bedingungslose Liebe an den Tag legen können, ohne bei dem, was uns dann an Menschlich-Allzumenschlichem begegnet, irgendwann durchzudrehen, auszurasten, zu verhärten und zu erkranken.

„Calming the amygdala“ scheint daher eine Praxis, Gewohnheit und tägliche Übung zu sein, die notwendige Bedingung dafür ist, in unserem Alltag Experimente mit Bedingungsloser Liebe anzustellen: Genügend Schlaf, genügend Pausen, gutes, dosiertes Essen, genügend, aber nicht übertriebene Bewegung, Äußerung eigener Gefühle, Sich-Umgeben mit einer kleinen Gruppe von Menschen, mit denen man stabile und liebevolle Beziehungen pflegt („gute Freunde“), Verzicht auf die Linderung eigener seelischer Schmerzen durch Suchtverhalten aller Art, Dankbarkeitsübungen und Fokussierung von wohltuenden Wahrnehmungen, Selbst-Schutz vor Reizüberflutung.

Gesetzt, wir können solche Praktiken in unser Leben integrieren, sind wir in der Lage, das, was uns dann an „verrücktem Verhalten“ anderer Menschen begegnet zu verstehen als Austesten unserer Liebesfähigkeit. – Ohne uns dabei zu übernehmen; unter Wahrnehmung unserer eigenen, menschlichen Grenzen.

Und nicht zuletzt unter großzügigem Einsatz des universalen Heilmittels gegen Drama Bier-Ernst: Unter großzügigem Gebrauch von Humor als dem üblichen Verkehrsmittel bedingungslos verbundener Menschen.

Humor und Bedingungslose Liebe scheinen eine unheimliche Freundschaft zu pflegen. Eine Freundschaft von der Art, das der eine ohne die andere nicht sein kann. Und die andere nicht ohne den einen.

 

 

 

Advertisements