Verbundenheit und Entfremdung sind herstellbar. Wir können sie herstellen, wann immer uns danach ist.

Ein zentraler Baustein bei diesen Herstellungsprozessen ist unser „Wir“. Also das, was wir manchmal etwas aufgeblasen „Inklusion / Exklusion“ nennen.

Wir können uns das so vorstellen: Für Wesen, wie wir es sind, ist „Zugehörigkeit“ nicht nur ein zentraler Überlebensfaktor, sondern davor noch ein zentraler Lust- und Schmerzfaktor.

Da dieser „Schalter“ in jedem von uns angelegt ist (für Näheres fragen Sie Ihren Neurobiologen oder Apotheker), ist es uns nahezu unmöglich, diesem Schalter in unserem Alltag auszuweichen – oder der Versuchung zu widerstehen, diesen Schalter bei anderen Menschen nicht zu nutzen.

Wir senden also permanent Zugehörigkeitssignale und Ausschluss-Androhungen, oft, ohne uns dessen bewusst zu sein. Oft auch ohne uns klar zu machen, welche weitreichenden Folgen das für unseren Gesprächs-, Handels-, Interaktions-, Sex- oder Beziehungspartner das hat. – Und eben für die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten in unserer gemeinsamen Beziehung.

Verbundenheit stellen wir her, indem wir dem Anderen signalisieren: „Egal, wer Du bist, egal, was Du für Eigenschaften Du hast, egal, was Du tust: Du bist einer von uns. Du gehörst in die gleiche Gruppe wie ich. Du bist Teil meines „Wir“. Du genießt meinen Schutz, meine Anteilnahme. I care about you!“

Entfremdung stellen wir her, indem wir dem Anderen signalisieren: „Wenn Du Dich so und so verhälst, wenn Du so oder so bist, dann gehörst Du nicht zu meiner Gruppe. Dann bist Du kein Teil meines „Wir“. Dann bist Du keiner von uns. Du bist dann ausgestoßen und kannst schauen, wo Du bleibst. Tu, was ich von Dir will, dass Du tust – or I give a goddamn fuck about you!“

Oder wer’s gern kürzer hat: Die unbedingten bzw. bedingten Liebesbotschaften aus der guten alten Transaktionsanalyse.

Sobald wir hinreichend „Wir“-Signale verschickt haben, die auch beim Anderen angekommen sind, sind uns Dinge erlaubt, die der Andere keinem anderen Menschen ansonsten durchgehen lassen würde. – Für diesen Sachverhalt verwende ich gern folgendes Bild: Wenn die Brücke steht und wenn sie gut gebaut ist, dann kann auch ein 40t-LKW darüber fahren, ohne dass die Brücke zusammenkracht. Ist die Brücke dagegen nur bis zur Hälfte gebaut, ist sie wacklig, porös, brüchig oder morsch, dann können wir nicht einmal ein kleines Spielzeugauto darüber fahren lassen, ohne dass das ganze Gebilde: Unsere Beziehung zusammenbricht.

Wir-Signale schicken wir auf 3 Ebenen:

1. Mit unserer Körpersprache. – Diese „Technik“ wird u.a. in der Provokativen Beratung intensiv genutzt. Sie ist sehr effizient, denn sie triggert die gleichen tieferen Schichten, denen eben auch „Zugehörigkeit“ und „Emotionale Geborgenheit“ so überaus wichtig sind.

2. Mit unserer Sprache und unseren verbal oder bildlich vermittelten mentalen Konzepten. – Diese Brücke ist wesentlich dünner als die meisten annehmen. Zu viele Unterschiede sind möglich. Und das Unbewusste, das Limbische System, unser Inneres Kind oder wie auch immer man jene Instanz nennen mag, die hier eigentlich entscheidet, ob Verbundenheit ensteht oder eben nicht, versteht die meisten dieser Unterschiede schlichtweg nicht. In der Regel fühlt es sich vor den Kopf gestoßen, irritiert, enttäuscht. – Ihm fehlt die „Wärme“, die es braucht, um Vertrautheit wahrzunehmen und aufzubauen.

3. Mit unserem Sein. – Diese Ebene entzieht sich unserer Manipulierbarkeit. Sie ist nur schwer unterscheidbar von jenen beiden anderen Ebenen: Verbaler-konzeptioneller und non-verbaler, körperlicher Kommunikation. Wenn man sie par tout von diesen beiden unterscheiden will, könnte man sagen: Sie ist eben jener Teil davon, der sich unserem unmittelbaren, bewussten Einfluss entzieht. – Und vor allem dieser Teil ist es, der in anderen Menschen Vertrautheitsgefühle und ein tiefes Gefühl der Verbundenheit weckt. Das bedeutet im Endeffekt: Es gibt eben doch „Grenzen der Verbundenheit“. – Wir können nicht für jeden Menschen zu jedem Zeitpunkt ein „Nicht-Fremder“, „Einer von uns“ sein. – Das mag banal klingen oder für viele Menschen keine Einsicht, sondern eine Selbstverständlichkeit sein. Für mich ist es das jedoch nicht. Gerade in unserer heutigen Zeit, in der wir in unseren Städten, in unserem Berufs- und Privatleben ständig mit der Gegenwart uns fremder Menschen konfrontiert sind, sind wir darauf angewiesen, schnell Vertrautheit und Verbundenheit aufbauen zu können.

Es ist wichtig wahrzunehmen, dass diesen Herstellbarkeiten „natürliche Grenzen“ gesetzt sind: Wir können durchaus mit mehr Menschen ein „Wir“ bilden als uns in vielen Situationen bewusst ist. Oft fehlt uns einfach die Kraft, die Zeit, die Muße, die Lust, hier und jetzt das in Beziehungen zu investieren, was prinzipiell möglich wäre. Oder wir glauben: „Es geht ja auch so. Ich muss mich hier beziehungsmäßig nicht sonderlich anstrengen oder besonders aufmerksam sein.“

Aber selbst wenn wir uns entschließen, hier viel zu investieren, uns so weit wie nur gerade möglich auf jenes situative Wir: „Ich und der Andere“ einzulassen und einzustellen, selbst dann stoßen wir an eine Grenze:

Nicht jeder kann uns jederzeit als „eine(r) von uns“ anerkennen. Der Andere oder etwas im Anderen entscheidet mit, ob er uns gerade in seine Wir-Gruppe aufnimmt oder eben nicht.

Und dann ist es oft besser, das Weitere zu suchen. Nicht für alle Zeit. Aber für den Moment. Wir können immer nur situativ schauen, was gerade mit dem Anderen möglich ist: Ob er gerade „einer von uns“ sein kann für uns. Und ob wir gerade „einer von uns“ sein können für ihn.

Wollen wir aber nach Möglichkeit Verbundenheit stärken und Entfremdung abbauen, so werden wir viel ausprobieren, um jenes für gute Beziehungen notwendige „Wir“ herzustellen. Wir werden nicht bei der ersten Ernüchterung und beim ersten Schmerz aufgeben. Wir werden die Kunst der bewussten Beziehungsgestaltung erlernen und immer weiter verfeinern: In ihrer Vielschichtigkeit und ganz eigenen Komplexität. Wir werden unsere Beziehungsfähigkeit und die Vielfalt unserer Beziehungsangebote an Andere nach und nach ausweiten.

Immer im Bewusstsein, dass auch diesem Feld: Im Feld bewusster Beziehungsgestaltung Grenzen gesetzt sind, was wir gerade bewusst gestalten können und was gerade einfach „ist wie es ist.“

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