Philosophische Welthaltung und menschliche Gemeinschaft

Die philosophische Welthaltung setzt nicht nur einen tiefen Vertrauensverlust in die menschliche Gemeinschaft voraus. Sie setzt diesen Verlust auch aktiv. Die philosophische Welthaltung reproduziert diejenige zwischenmenschliche Entfremdung, auf die sie eine Antwort sein will.

Wir treffen die philosophische Einstellung überall dort an, wo die antike Selbstüberhebung „hoi polloi“ (die Menge ist dumm) weiterhin verwendet wird, überall dort, wo „para doxa“(gegen die landläufige Meinung) bereits eine Auszeichnung in sich ist. Vor allem aber überall dort, wo es als wichtiger bewertet wird, recht zu haben, als innerlich mit und beim Anderen zu sein. „Ich scheiß auf Dich, denn ich habe Recht“ oder auch „Ich scheiß auf Dich, denn ich bin schlauer als Du“ ist der Kernsatz jeder Philosophie seit ihrer Erfindung durch Platon.

Will man eine unphilosophische Gesellschaft, in der die Erfahrung des Gehalten-Seins, des Vertrauens und der zwischenmenschlichen Solidarität eine alltägliche Erfahrung ist, wird man in den Zirkel „Vertrauensverlust –> Philosophie –> Vertrauensverlust“ an irgendeiner Stelle in irgendeiner Form intervenieren. Und zwar so, dass keine Anti-Philosophie-Philosophie entsteht.

Man wird also das tun, was die Philosophie versäumt, weil dieses Versäumnis ihr als Konstitutionsbedingung eingeschrieben ist: Man wird bei den Menschen sein und sie wertschätzen, wie sie sind. Man wird nicht nachträglich „exoterisch“ Köder auslegen, um das Unbekömmliche bekömmlich zu machen. Man wird auf eine Agenda verzichten. Man wird „mit den Dingen sein“ und „sie sich entwickeln lassen“. Man wird nicht „aus der Höhle flüchten“ und erleuchtet zurückkehren. Man wird im Zweifelsfall dümmer sein als alle anderen und kein Schlaukopf in der Verkleidung eines Narren.

All dies steht und fällt mit der Frage, wann, wo und wie wir bereit sind Nähe und Verletzlichkeit zuzulassen und auszuhalten.

Zur philosophischen Haltung gehört es, dass Nähe und Verletzlichkeit als unerträglich aufgefasst und daher als „korrumpierend“ diskreditiert werden.

 

 

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Bedingte und unbedingte Beziehungen in unserer modernen Gesellschaft

Dass es überhaupt „unbedingte Beziehungen“ gibt in unserer modernen Gesellschaft lässt sich mit guten Gründen anzweifeln. Wir leben schon lange mit der Selbstverständlichkeit der Bedingtheit von Beziehungen. Das betrifft nicht nur die „Märkte“, in denen leisten muss, wer in Beziehung bleiben will. Das betrifft genauso unsere so genannten „privaten“ Beziehungen. Und ebenso unsere so genannten „politischen“ Beziehungen.

Unsere Beziehungen sind in vieler Hinsicht austauschbar. Und das hat durchaus Vorteile: Wo ich hinsichtlich meiner Beziehungspartner Wahlmöglichkeiten habe, da wird Abhängigkeit von einzelnen bestimmten Beziehungen verringert. In unbedingten Beziehungen sind wir unter Umständen von Ausbeutbarkeit und Ohnmacht bedroht. In bedingten Beziehungen versuchen wir uns in eine Position zu bringen, die uns als Beziehungspartner hinreichend attraktiv erscheinen lässt, dass wir „notfalls“ leicht und schnell Alternativen finden.

Angesichts unserer Gewöhnung an bedingte Beziehungen und die Allgegenwart von „Märkten“, in denen wir oder Aspekte von uns Warencharakter haben, ist es vielleicht nicht ganz überflüssig zu erwähnen, dass es in uns eine tiefe, möglicherweise nicht tilgbare Sehnsucht nach unbedingten Beziehungen gibt. Eine Sehnsucht, die wir besser nicht als „kindisch“ oder „regressiv“ bewerten sollten.

Die Quelle dieser Sehnsucht ist möglicherweise: Das biologische Wesen „Mensch“ hat sich in Gesellschaftsformen herausgebildet, in denen die Beziehungen unbedingt waren. Außerhalb der eigenen Gruppe gab es nur Einsamkeit und Tod. Man wurde in diese Gruppe geboren, man wuchs mit ihr auf, man lebte in ihr, man wurde in ihr alt, man starb in ihr. Mit den gleichen Menschen. – Wollte man wirklich biologistisch werden, so könnte man sagen: Wir sind für unbedingte Beziehungen gemacht. Das sitzt uns in den Genen, in den Knochen, im Mark, im Blut, in den Synapsen, in den Hormonen, wo auch immer…

Ich teile die Kritik, die Arno Gruen unserer Gesellschaft, unseren Lebens- und Beziehungsformen entgegenhält. Wir wachsen in unserer modernen Gesellschaft auf mit fundamentalen Mangelerscheinungen, die nur deswegen nicht weiter auffallen, weil sie so verbreitet sind, dass sie uns normal, wenn nicht sogar erstrebenswert vorkommen. Der universelle Mangel, in den wir hineingeboren und mit dem wir „groß“ werden, ist jener Mangel an unbedingter Liebe und unbedingter Beziehung. Ein Mangel, der uns sehr anfällig für bedingte Liebesbotschaften macht. Wir sind leicht manipulierbar, weil wir so sehr brauchen, was wir so wenig bekommen. Das geht in der allseitigen Grausamkeit unserer Vater-Mutter-Kind-Kleinfamilien los und setzt sich in unseren Arbeitsbeziehungen fort. Überall sind wir konfrontiert mit bedingten Beziehungsbotschaften, die uns signalisieren: „Ja, klar kannst Du dazugehören. Kein Problem. Du musst dazu nur Folgendes tun…“

Um dieser Manipulierbarkeit „von außen“, i.e. „durch andere Menschen“ entgegenzuwirken, verlagern wir unsere Sehnsucht und unsere Bedürfnisse auf anderes, auf Dinge, die wir vermeintlich leichter kontrollieren können. Zu den derzeit häufigsten Kompensationsverhaltensweisen dürften gehören:

  • Essen, inklusive Orthorexie
  • Aufbau sexueller Attraktivität, Aufbau von Status
  • Anhäufung von Geld als Selbstzweck
  • Besitz und Erwerb von Technik
  • Egofetischismus: Arbeit am eigenen Körper, am eigenen Selbst

Viele dieser Techniken, die in unserem gesellschaftlichen Kontext schnell Suchtcharakter bekommen, sollen uns davor schützen, „von Beziehungen abhängig zu werden“. Wir fürchten zwischenmenschliche Nähe, weil sie tatsächlich bedrohlich ist, wenn diese Nähe nicht in eine Gesellschaft eingelagert ist, in der es üblich ist, „dass man sich umeinander kümmert“. Der Preis, den wir dabei zahlen, ist ein Verstetigung unseres Gefühls fehlender Geborgenheit.

In Zeiten einer sich rasant entwickelnden AI, die uns erstmals mit nicht-menschlichen Beziehungspartnern konfrontiert, die uns kognitiv ebenbürtig, wenn nicht weit überlegen sind, erscheint unsere inhärente Sehnsucht nach unbedingter Beziehung möglicherweise wie ein „Bug“: Gut, wenn wir sie los werden könnten. Gut, wenn sie sich ausmendeln ließe. Gut, wenn sie aussterben würde.

Zugleich erscheint aber unsere Sehnsucht nach unbedingten Beziehungen auch eine Quelle unserer Menschlichkeit zu sein. Und das sogar noch im Zustand fortgesetzter Ungestilltheit dieses Bedürfnisses. Wann immer wir in unserer Gesellschaft, die sich über bedingte Beziehungen konstitutiert, in unserern „Unbedingte-Beziehungs-Modus“ schalten oder geraten, verhalten wir uns auf absurde Weise „menschlich“: Wir überschreiten jene Kosten-Nutzen-Logik, mit der wir sonst die meisten unserer Beziehungen gestalten. Wir werden unglaublich verletzbar. Wir werden ausbeutbar und enttäuschbar. Wir sind dann nicht mehr in Beziehungssicherheit.

Ich kann derzeit nicht erkennen, wie wir unsere moderne Gesellschaft in einer Gesellschaft transformieren können, in der unser Bedürfnis nach unbedingter Beziehung gestillt wird. Noch bin ich mir sicher, ob das überhaupt wünschenswert ist oder nicht vielleicht eher eine der vielen Varianten von „Hölle auf Erden“ wäre, zu denen wir gemeinsam fähig sind.

Ich bin mir zugleich sicher, dass jedes einzelne Mal, in dem wir uns in der Verfassung erleben oder uns willkürlich in die Verfassung bringen, uns mit anderen Menschen auf eine unbedingte Beziehung einzulassen, unsere Welt für uns und unsere Mitmenschen unmittelbar an Lebensqualität gewinnt. Und wir weniger abhängig von unseren Süchten aka umgelenkten, ungestillten Bedürfnissen werden.

Zu den wenigen Dingen, die wir tatsächlich in der Hand haben, gehört glücklicherweise unsere Fähigkeit unseren Alltag und unsere Beziehungen zu verzaubern.

Dass wir in einer Gesellschaft des universellen Empathie- und Beziehungsmangels damit jedes einzelne Mal Erwartungen wecken bei anderen Menschen, und dass wir auch damit irgendwie umgehen müssen, steht auf einem weiteren, für uns nicht weniger wichtigen Blatt: Viele unserer Entschlüsse, uns in Situationen abweisend, selbstverteidigend, ja rabiat zu verhalten, resultieren aus begründeten Kalkulationen: Wir wissen nur zu gut, dass wir „ein besseres Niveau“ kaum halten können werden und dass wir mit Enttäuschungsgefühlen in uns selbst und von Anderen konfrontiert sein werden, wenn wir hier und jetzt anfangen, uns in unser beziehungsfähigeres Selbst hineinzulehnen. Lieber ist uns ein Niveau, das insofern „realistisch“ ist, als wir es auch morgen oder schon im nächsten Moment wieder „bringen“ können.

Aber auch diese Sichtweise und diese Empfindungen: Empathieverhalten als „Leistung“ sind kaum vorstellbar in einer Gesellschaft, in der die meisten Beziehungen Unbedingtheitscharakter haben. In der es kein „ausgestoßen-werden“ oder „verlassen-werden“ gibt.

Es kommt mir so vor, als läge unser tiefstes Glück unauslöschlich in irrationalen Akten, mit denen wir uns situativ unbedingte Beziehungen schaffen, obgleich unsere Gesellschaft solche Verhaltensweisen kaum unterstützt oder sogar für gefährlich, fahrlässig, unerwachsen oder verrückt erklärt.

 

Der Mensch – Das grundlose, abgründige, unverursachte Wesen

Immer wieder darf man heute Texte lesen, in denen das Wort „Ursache“ in Zusammenhang mit menschlichem Verhalten auftaucht.

Das ist erstaunlich. Denn im Grunde ist es schon etwas länger common sense, dass wir Menschen recht vielschichtige Wesen sind, auf die viel gleichzeitig einwirkt. Und die zudem so etwas haben, was man früher mal eine „Seele“ (= Selbstbewegtheit) oder „Subjektcharakter“ genannt hat. Was man heute „Autopoiese“, „intrinsische Motivation“ oder was auch immer nennt. Jedenfalls kann man sich in vielen Situationen nur lächerlich machen, wenn man uns als „triviale Maschinen“ beschreibt, die sich nach einem simplen Reiz-Reaktions-Muster immer gleich verhalten: Zeitpunkt-, tagesform-, kontext-, situations- und vorgeschichts-unabhängig. Input –> Output.

Die große Überraschung, die viele Männer in romantischen Beziehungen erleben, besteht ja nicht von ungefähr darin, dass die roten Rosen von vorgestern bei der Dame ihres Herzens heute nicht die gleichen Begeisterungsgefühle auslösen. Und die große Überraschung, die sich das Management in Unternehmen immer wieder aufs Neue selbst verschafft, ist ja nicht von ungefähr die, dass „Menschen nur sehr schwer zu führen sind“ – Zumindest wenn man ihnen in einer eingefleischt-alternativlosen Management-Haltung begegnet.

Soweit mir bekannt ist, ist die Feststellbarkeit zeitloser und kontextunabhängiger Muster eine Minimal-Voraussetzung für die Rede von „Wirkung und Ursache“. Und selbst dann „wissen“ wir niemals sicher, ob es sich vielleicht nicht einfach nur um eine Koinzidenz handelt oder um eine Fabuliererei unseres eigenen kleinen Gehirns, das danach süchtig ist, in der Welt „da draußen“ Muster zu finden und zu erkennen.

Die Suche nach „Ursachen“ im menschlichen Verhalten, also in uns selbst, ist recht offensichtlich befeuert von unserem Wunsch nach Kontrolle, sozialer wie individueller Kontrolle: Wir wollen uns selbst und andere durchschauen, um zuverlässig bei uns selbst und bei anderen bestimmte Wirkungen aka Verhaltensweisen auslösen zu können. – Ein Verfahren, das in Teilen der unbelebten Welt recht erfolgreich ist. Dort haben wir sehr erfolgreich „Techniken“ etabliert und erfinden täglich neue: Verfahren, die zuverlässig bestimmte Ergebnisse produzieren. „Die Natur der Dinge“ ist hier ein Freund technischen Vorgehens, legt Techniken nahe. So dass wir oft eher sagen können: Wir haben Techniken „entdeckt“, nicht „erfunden“.

Die Natur, die wir selber sind, scheint jedoch irgendwie anders geartet zu sein. Oder geht es gerade darum, dass es wir selbst sind, die wir da „untersuchen“? Ist es die Handlungs-Reflexivität selbst, die uns hier Schnippchen schlägt? Fehlt uns der Abstand? Sind wir eingesponnen in Rückwirkungs-Kreisläufe, von denen wir immer selbst Teil sind? Verändern wir stets, was wir dabei „beobachten“, und das gleich in mehrfacher Hinsicht? Heisenbergsche Unschärferelation³?

Wie auch immer man es dreht und wendet: Wir können Verständnis für unsere vergeblichen Versuche haben, „uns zu verursachen“ oder „einander zu verursachen“.

Denn es gibt immer wieder Anhaltspunkte, die es nahelegen, bei uns und bei anderen nach Ursachen zu suchen, um uns „menschliches Verhalten zu erklären“:

Zum einen sind wir ja keineswegs „freischwebende, rein geistige Wesen“. Wir sind recht materiell. Ebenso materiell wie alles andere, das wir „da draußen“ vorfinden. Und „in dieser Eigenschaft“ können wir eine Menge mit uns selbst anstellen, das sehr leicht und sehr zuverlässig vorhersagbar ist. Vom Patellasehnenreflex über die Etablierung von Suchtverhalten bis hin zu verschiedenen letalen Interventionen.

Auch was wir als belebend, schön, erfreulich oder begeisternd empfinden ist nicht so schwer vorhersagbar oder so unzuverlässig, dass wir darin keine anwendungsoffenen Muster, also „Techniken“ finden könnten. Davon können sowohl die Werbung als auch Menschen, die überwiegend glückliche Beziehungen führen, ein Lied singen.

Besonders spannend ist die Vorhersagbarkeit, unsere menschliche Offenheit für Rhetorik und Manipulation dort, wo es um den menschlichen Wunsch nach der Veränderung menschlichen Verhaltens geht: In Psychotherapien, im Coaching und in dem, was wir leider immer noch „Führung“ nennen, obgleich dafür bereits tausend bessere Bezeichnungen zur Verfügung stehen.

Hier gibt es ein Set von erprobten Interventionen, die recht zuverlässig Verhaltensänderungen begünstigen. Das Problem der zuverlässigen Erzeugung von Veränderungen liegt also keineswegs in „fehlendem Wissen“. Es liegt weitaus mehr in den Tücken der Anwendung jenes Wissens: Denn hier ist „das Instrument“, das die jeweilige Technik „anwendet“ selbst menschlicher Natur. Und daher hochgradig unzuverlässig.

Wenn Menschen auf Menschen treffen und es dabei auch noch um die „zielgerichtete“ Veränderung des Verhaltens eines der beiden Interaktionspartner gehen soll, wird die Sachlage schnell so unüberschaubar, dass viele von denen, die sonst oft mit leuchtenden Augen von „steigender Komplexität“ sprechen, vor der Komplexität jener recht zeitlos-alltäglichen Vorgänge ganz einfach kapitulieren. Das ist ihnen zu hoch. Nun ja.

So gelangen wir zu den Paradoxien,

1) dass es, was uns selbst angeht, wenig Sinn macht, von Ursachen zu sprechen, und dass es bei uns dennoch zuverlässige Wege der Wirkungserzeugung gibt.

2) dass es Know-How darüber gibt, wie sich menschliches Verhalten zuverlässig verändern lässt, und es dennoch nicht zuverlässig angewandt werden kann.

Probleme, die sich nicht mit Wissen lösen lassen, scheinen uns hilflos zu machen.

Aber dass wir uns mithilfe der Musters „Ursache-Wirkung“ oder „Wissen-Technik“ dazu machen, heißt eben gerade nicht, dass wir auch hilflos sind.

Und selbst wenn es uns ermächtigt und befreit: Vom Muster des Musterns lösen wir uns  nochmal deutlich weniger gern als von allen anderen unserer lustigen Fixierungen.

Viele Alternativen liegen auf der Hand und wollen grundlos ergriffen sein.

Willkommen in der VUSA-Welt!

Der Verband ungeliebter Seelenanteile (VUSA) informiert

Unter den Anwendern psychotherapeutischer Praktiken besteht eine überraschend weitreichende Einigkeit darüber, dass das Ziel psychotherapeutischer Arbeit darin besteht, „Abgespaltenes zu integrieren“, „Ambivalenzen besser auszuhalten“ und „sich auf angemessene und positive Weise selbst zu behaupten“.

Ungute psychische Zustände lassen sich zu einem großen Teil so beschreiben: Teile der Psyche werden ohne Unterlass abgewertet und können nicht „als dem Ich zugehörig“ wahrgenommen werden. In der Folge werden sie nur noch im Außen wahrgenommen und bei anderen Menschen als „unmöglich“ abgewertet, um die eigene Verdrängung zu stabilisieren.

Für die relative Verbesserung solcher Situationen, Verhaltensweisen und Zustände gibt es mittlerweile eine unüberschaubare Zahl an therapeutischen Praktiken, viele davon scheinen im Grunde viele hundert Jahre alt und in sehr unterschiedlichen menschlichen Gesellschaftsformen wirksam zu sein.

Wir könnten auch sagen: Das „gegen sich selbst Krieg führende Individuum“ ist gewissermaßen unproblematisch. Wir wissen, wie wir es behandeln können. Wir wissen, was wirkt. Sicherlich gibt es Grenzen und nicht jeder Therapeut kann jedem momentan festgefahrenen Menschen zu jedem Zeitpunkt hilfreich sein.

Interessanter wird die Sache, wenn wir annehmen, dass Gesellschaften insgesamt „psychisch krank“ sein oder machen können. Unter dieser Annahme wird die Sache sehr schnell sehr komplex, oder eben: problematisch. Denn „Normalität“ steht ab diesem Zeitpunkt nicht mehr als korrektive Bezugsgröße zur Verfügung.

Wann immer eine menschliche Gesellschaft sich so organisiert, dass sie bei allen oder einigen ihrer Menschen bestimmte Seelenanteile zuverlässig und erwartbar sanktioniert, haben wir es mit einer Gesellschaft zu tun, die Menschen krank macht. Sie zwingt sie zu einem kranken Spiel mit sich selbst, und dies vor allem dann, wenn sich keine „Reservate“ finden lassen: Keine stabilen Beziehungen, in denen diese Menschen nicht durch Sanktionen bedroht sind, wenn sie bestimmte Seelenanteile als Teil von sich verstehen und sich entsprechend verhalten.

In der Regel wird die Kategorie „Gesundheit“ dann selbst zu einem Teil des Sanktionsapparats, sei es als Ideal, vor allem aber als Drohung, was man zu erwarten hat, wenn man dem, was diese Gesellschaft als „gesund“ sieht, gerade nicht entspricht.

Demütigungen, Ressourcenentzug, Beziehungsverweigerung und physische Gewalt sind die üblichen Mittel, mit denen man uns Menschen zuverlässig dazu bewegen kann, seelische Bestandteile abzuspalten und uns selbst krank zu machen. – Denn der Preis, den wir dabei zahlen, ist niedriger als der Preis, den wir in solchen Gesellschaften zahlen müssen, wenn wir darauf bestehen, in einem liebevollen Verhältnis mit uns selbst zu bleiben.

Die Krankheiten, die durch solche gesellschaftlichen Praktiken entstehen, werden entweder nicht als solche wahrgenommen: Sie fallen gar nicht auf, da sie ja kollektiv geteilt werden und verbreitet sind. Möglicherweise werden sie und ihre Folgen sogar idalisiert und als erstrebenswert propagiert.

Oder sie werden einfach anders zugerechnet. Ein Zusammenhang zwischen dem gesellschaftlichen Sanktions- und Bedrohungskonsens und den Symptomen, die die betroffenen Menschen zeigen, wird einfach ausgeblendet oder offensiv geleugnet.

Ungeliebte Seelenanteile sind aber leider / glücklicherweise „unkündbar“. Gleichgültig, ob eine sehr individuelle Geschichte oder eine gesamtgesellschaftliche Neurose beim Einzelnen zur Abwertung von Seelenanteilen geführt hat, der Seelenanteil verschwindet nicht dadurch, dass er nicht anerkannt wird. Er wandelt sich nur in seinen Ausdrucksformen.

So schafft denn auch gesellschaftliche Verdrängungsarbeit unweigerlich eine gesellschaftliche Unruhe, die ihr selbst neue Beschäftigungen verschafft.

Im Grunde kann es aber immer nur eine Bewegung geben, diese Unruhe aufzufangen: Die Suche nach dem jeweils gerade Verdrängten und Wegen seiner Anerkennung. Wegen, die nicht nur individuell, sondern die auch gesellschaftlich funktionieren. Alle müssen mit dem Weg, in dem ein Seelenanteil gelebt wird, leben können. Für den, der sich „auf einen heilsamen Weg macht“ darf genauso wenig ein Drohpotential bestehen, wie für den anderen, der sich unter die Sanktionsdrohungen duckt.

Denn jeder Mensch, der sich auf den Weg macht, sich individuell von einer gesellschaftlichen Sanktion zu befreien und einen Seelenanteil zu integrieren, kann all denen als Bedrohung erscheinen, die hart gearbeitet haben, jenen Seelenanteil in sich für immer zum Schweigen zu bringen.

Daher sind individuelle Lösungen oft mühselig. Wir arbeiten in zwei Richtungen: Mit unserer eigenen Angst davor, ausgegrenzt zu werden. Und mit der Angst derjenigen, die uns ausgrenzen, dass sie selbst morgen diejenigen sein könnten, die sich ausgegrenzt fühlen (ein Gefühl, das sie nur zu gut kennen).

Drohungen erzeugen Drohungen und wieder Bedrohungen.

Wenn wir eine Welt, eine Gesellschaft erschaffen wollen, in der Bedrohung nicht epidemische Verbreitung und Fortpflanzung findet, müssen wir unser eigenes Drohpotential kennen: Wie bedrohlich wir selbst für andere sein können. Über diese unsere Wirkung und dieses unser Potential sind wir uns nur selten bewusst.

Am Anfang jeder Drohung steht das Gefühl, selbst nur ein Opfer zu sein, „das sich zur Wehr setzt“.

Die Seite, auf die wir uns lehnen können, ist jene, die den Wunsch nach bedingungsloser Zugehörigkeit und voraussetzungsloser Anerkennung in allen Menschen wahrnimmt. Und dort bewusst nach Kontaktmöglichkeiten zu suchen, Kontaktaufnahmen auszuprobieren und darin geschickter, findiger und differenzierter zu werden.

Das erfordert Mut. Aber möglicherweise nicht nur Mut. – Denn Mut ist eine rein individuelle Größe. Möglicherweise schließt jenes „geschickter und differenzierter Werden“ auch den klugen Bau von gesellschaftlichen Institutionen mit ein. Also auch „soziale“ Lösungen anstatt nur individuelle Lösungen. Bzw. genauer: Das Ausprobieren von Institutionen und ihre mit dem Ausprobieren immer klüger werdende Gestaltung.

Denn das Individuum ist nicht allein auf der Welt. Es hat seine Probleme nicht „für sich allein“. Und es löst auch nur wenige Probleme „für sich allein“. Auch das sind Annahmen, die in die VUSA-Welt passen.