Der Verband ungeliebter Seelenanteile (VUSA) informiert

Unter den Anwendern psychotherapeutischer Praktiken besteht eine überraschend weitreichende Einigkeit darüber, dass das Ziel psychotherapeutischer Arbeit darin besteht, „Abgespaltenes zu integrieren“, „Ambivalenzen besser auszuhalten“ und „sich auf angemessene und positive Weise selbst zu behaupten“.

Ungute psychische Zustände lassen sich zu einem großen Teil so beschreiben: Teile der Psyche werden ohne Unterlass abgewertet und können nicht „als dem Ich zugehörig“ wahrgenommen werden. In der Folge werden sie nur noch im Außen wahrgenommen und bei anderen Menschen als „unmöglich“ abgewertet, um die eigene Verdrängung zu stabilisieren.

Für die relative Verbesserung solcher Situationen, Verhaltensweisen und Zustände gibt es mittlerweile eine unüberschaubare Zahl an therapeutischen Praktiken, viele davon scheinen im Grunde viele hundert Jahre alt und in sehr unterschiedlichen menschlichen Gesellschaftsformen wirksam zu sein.

Wir könnten auch sagen: Das „gegen sich selbst Krieg führende Individuum“ ist gewissermaßen unproblematisch. Wir wissen, wie wir es behandeln können. Wir wissen, was wirkt. Sicherlich gibt es Grenzen und nicht jeder Therapeut kann jedem momentan festgefahrenen Menschen zu jedem Zeitpunkt hilfreich sein.

Interessanter wird die Sache, wenn wir annehmen, dass Gesellschaften insgesamt „psychisch krank“ sein oder machen können. Unter dieser Annahme wird die Sache sehr schnell sehr komplex, oder eben: problematisch. Denn „Normalität“ steht ab diesem Zeitpunkt nicht mehr als korrektive Bezugsgröße zur Verfügung.

Wann immer eine menschliche Gesellschaft sich so organisiert, dass sie bei allen oder einigen ihrer Menschen bestimmte Seelenanteile zuverlässig und erwartbar sanktioniert, haben wir es mit einer Gesellschaft zu tun, die Menschen krank macht. Sie zwingt sie zu einem kranken Spiel mit sich selbst, und dies vor allem dann, wenn sich keine „Reservate“ finden lassen: Keine stabilen Beziehungen, in denen diese Menschen nicht durch Sanktionen bedroht sind, wenn sie bestimmte Seelenanteile als Teil von sich verstehen und sich entsprechend verhalten.

In der Regel wird die Kategorie „Gesundheit“ dann selbst zu einem Teil des Sanktionsapparats, sei es als Ideal, vor allem aber als Drohung, was man zu erwarten hat, wenn man dem, was diese Gesellschaft als „gesund“ sieht, gerade nicht entspricht.

Demütigungen, Ressourcenentzug, Beziehungsverweigerung und physische Gewalt sind die üblichen Mittel, mit denen man uns Menschen zuverlässig dazu bewegen kann, seelische Bestandteile abzuspalten und uns selbst krank zu machen. – Denn der Preis, den wir dabei zahlen, ist niedriger als der Preis, den wir in solchen Gesellschaften zahlen müssen, wenn wir darauf bestehen, in einem liebevollen Verhältnis mit uns selbst zu bleiben.

Die Krankheiten, die durch solche gesellschaftlichen Praktiken entstehen, werden entweder nicht als solche wahrgenommen: Sie fallen gar nicht auf, da sie ja kollektiv geteilt werden und verbreitet sind. Möglicherweise werden sie und ihre Folgen sogar idalisiert und als erstrebenswert propagiert.

Oder sie werden einfach anders zugerechnet. Ein Zusammenhang zwischen dem gesellschaftlichen Sanktions- und Bedrohungskonsens und den Symptomen, die die betroffenen Menschen zeigen, wird einfach ausgeblendet oder offensiv geleugnet.

Ungeliebte Seelenanteile sind aber leider / glücklicherweise „unkündbar“. Gleichgültig, ob eine sehr individuelle Geschichte oder eine gesamtgesellschaftliche Neurose beim Einzelnen zur Abwertung von Seelenanteilen geführt hat, der Seelenanteil verschwindet nicht dadurch, dass er nicht anerkannt wird. Er wandelt sich nur in seinen Ausdrucksformen.

So schafft denn auch gesellschaftliche Verdrängungsarbeit unweigerlich eine gesellschaftliche Unruhe, die ihr selbst neue Beschäftigungen verschafft.

Im Grunde kann es aber immer nur eine Bewegung geben, diese Unruhe aufzufangen: Die Suche nach dem jeweils gerade Verdrängten und Wegen seiner Anerkennung. Wegen, die nicht nur individuell, sondern die auch gesellschaftlich funktionieren. Alle müssen mit dem Weg, in dem ein Seelenanteil gelebt wird, leben können. Für den, der sich „auf einen heilsamen Weg macht“ darf genauso wenig ein Drohpotential bestehen, wie für den anderen, der sich unter die Sanktionsdrohungen duckt.

Denn jeder Mensch, der sich auf den Weg macht, sich individuell von einer gesellschaftlichen Sanktion zu befreien und einen Seelenanteil zu integrieren, kann all denen als Bedrohung erscheinen, die hart gearbeitet haben, jenen Seelenanteil in sich für immer zum Schweigen zu bringen.

Daher sind individuelle Lösungen oft mühselig. Wir arbeiten in zwei Richtungen: Mit unserer eigenen Angst davor, ausgegrenzt zu werden. Und mit der Angst derjenigen, die uns ausgrenzen, dass sie selbst morgen diejenigen sein könnten, die sich ausgegrenzt fühlen (ein Gefühl, das sie nur zu gut kennen).

Drohungen erzeugen Drohungen und wieder Bedrohungen.

Wenn wir eine Welt, eine Gesellschaft erschaffen wollen, in der Bedrohung nicht epidemische Verbreitung und Fortpflanzung findet, müssen wir unser eigenes Drohpotential kennen: Wie bedrohlich wir selbst für andere sein können. Über diese unsere Wirkung und dieses unser Potential sind wir uns nur selten bewusst.

Am Anfang jeder Drohung steht das Gefühl, selbst nur ein Opfer zu sein, „das sich zur Wehr setzt“.

Die Seite, auf die wir uns lehnen können, ist jene, die den Wunsch nach bedingungsloser Zugehörigkeit und voraussetzungsloser Anerkennung in allen Menschen wahrnimmt. Und dort bewusst nach Kontaktmöglichkeiten zu suchen, Kontaktaufnahmen auszuprobieren und darin geschickter, findiger und differenzierter zu werden.

Das erfordert Mut. Aber möglicherweise nicht nur Mut. – Denn Mut ist eine rein individuelle Größe. Möglicherweise schließt jenes „geschickter und differenzierter Werden“ auch den klugen Bau von gesellschaftlichen Institutionen mit ein. Also auch „soziale“ Lösungen anstatt nur individuelle Lösungen. Bzw. genauer: Das Ausprobieren von Institutionen und ihre mit dem Ausprobieren immer klüger werdende Gestaltung.

Denn das Individuum ist nicht allein auf der Welt. Es hat seine Probleme nicht „für sich allein“. Und es löst auch nur wenige Probleme „für sich allein“. Auch das sind Annahmen, die in die VUSA-Welt passen.

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