Dass es überhaupt „unbedingte Beziehungen“ gibt in unserer modernen Gesellschaft lässt sich mit guten Gründen anzweifeln. Wir leben schon lange mit der Selbstverständlichkeit der Bedingtheit von Beziehungen. Das betrifft nicht nur die „Märkte“, in denen leisten muss, wer in Beziehung bleiben will. Das betrifft genauso unsere so genannten „privaten“ Beziehungen. Und ebenso unsere so genannten „politischen“ Beziehungen.

Unsere Beziehungen sind in vieler Hinsicht austauschbar. Und das hat durchaus Vorteile: Wo ich hinsichtlich meiner Beziehungspartner Wahlmöglichkeiten habe, da wird Abhängigkeit von einzelnen bestimmten Beziehungen verringert. In unbedingten Beziehungen sind wir unter Umständen von Ausbeutbarkeit und Ohnmacht bedroht. In bedingten Beziehungen versuchen wir uns in eine Position zu bringen, die uns als Beziehungspartner hinreichend attraktiv erscheinen lässt, dass wir „notfalls“ leicht und schnell Alternativen finden.

Angesichts unserer Gewöhnung an bedingte Beziehungen und die Allgegenwart von „Märkten“, in denen wir oder Aspekte von uns Warencharakter haben, ist es vielleicht nicht ganz überflüssig zu erwähnen, dass es in uns eine tiefe, möglicherweise nicht tilgbare Sehnsucht nach unbedingten Beziehungen gibt. Eine Sehnsucht, die wir besser nicht als „kindisch“ oder „regressiv“ bewerten sollten.

Die Quelle dieser Sehnsucht ist möglicherweise: Das biologische Wesen „Mensch“ hat sich in Gesellschaftsformen herausgebildet, in denen die Beziehungen unbedingt waren. Außerhalb der eigenen Gruppe gab es nur Einsamkeit und Tod. Man wurde in diese Gruppe geboren, man wuchs mit ihr auf, man lebte in ihr, man wurde in ihr alt, man starb in ihr. Mit den gleichen Menschen. – Wollte man wirklich biologistisch werden, so könnte man sagen: Wir sind für unbedingte Beziehungen gemacht. Das sitzt uns in den Genen, in den Knochen, im Mark, im Blut, in den Synapsen, in den Hormonen, wo auch immer…

Ich teile die Kritik, die Arno Gruen unserer Gesellschaft, unseren Lebens- und Beziehungsformen entgegenhält. Wir wachsen in unserer modernen Gesellschaft auf mit fundamentalen Mangelerscheinungen, die nur deswegen nicht weiter auffallen, weil sie so verbreitet sind, dass sie uns normal, wenn nicht sogar erstrebenswert vorkommen. Der universelle Mangel, in den wir hineingeboren und mit dem wir „groß“ werden, ist jener Mangel an unbedingter Liebe und unbedingter Beziehung. Ein Mangel, der uns sehr anfällig für bedingte Liebesbotschaften macht. Wir sind leicht manipulierbar, weil wir so sehr brauchen, was wir so wenig bekommen. Das geht in der allseitigen Grausamkeit unserer Vater-Mutter-Kind-Kleinfamilien los und setzt sich in unseren Arbeitsbeziehungen fort. Überall sind wir konfrontiert mit bedingten Beziehungsbotschaften, die uns signalisieren: „Ja, klar kannst Du dazugehören. Kein Problem. Du musst dazu nur Folgendes tun…“

Um dieser Manipulierbarkeit „von außen“, i.e. „durch andere Menschen“ entgegenzuwirken, verlagern wir unsere Sehnsucht und unsere Bedürfnisse auf anderes, auf Dinge, die wir vermeintlich leichter kontrollieren können. Zu den derzeit häufigsten Kompensationsverhaltensweisen dürften gehören:

  • Essen, inklusive Orthorexie
  • Aufbau sexueller Attraktivität, Aufbau von Status
  • Anhäufung von Geld als Selbstzweck
  • Besitz und Erwerb von Technik
  • Egofetischismus: Arbeit am eigenen Körper, am eigenen Selbst

Viele dieser Techniken, die in unserem gesellschaftlichen Kontext schnell Suchtcharakter bekommen, sollen uns davor schützen, „von Beziehungen abhängig zu werden“. Wir fürchten zwischenmenschliche Nähe, weil sie tatsächlich bedrohlich ist, wenn diese Nähe nicht in eine Gesellschaft eingelagert ist, in der es üblich ist, „dass man sich umeinander kümmert“. Der Preis, den wir dabei zahlen, ist ein Verstetigung unseres Gefühls fehlender Geborgenheit.

In Zeiten einer sich rasant entwickelnden AI, die uns erstmals mit nicht-menschlichen Beziehungspartnern konfrontiert, die uns kognitiv ebenbürtig, wenn nicht weit überlegen sind, erscheint unsere inhärente Sehnsucht nach unbedingter Beziehung möglicherweise wie ein „Bug“: Gut, wenn wir sie los werden könnten. Gut, wenn sie sich ausmendeln ließe. Gut, wenn sie aussterben würde.

Zugleich erscheint aber unsere Sehnsucht nach unbedingten Beziehungen auch eine Quelle unserer Menschlichkeit zu sein. Und das sogar noch im Zustand fortgesetzter Ungestilltheit dieses Bedürfnisses. Wann immer wir in unserer Gesellschaft, die sich über bedingte Beziehungen konstitutiert, in unserern „Unbedingte-Beziehungs-Modus“ schalten oder geraten, verhalten wir uns auf absurde Weise „menschlich“: Wir überschreiten jene Kosten-Nutzen-Logik, mit der wir sonst die meisten unserer Beziehungen gestalten. Wir werden unglaublich verletzbar. Wir werden ausbeutbar und enttäuschbar. Wir sind dann nicht mehr in Beziehungssicherheit.

Ich kann derzeit nicht erkennen, wie wir unsere moderne Gesellschaft in einer Gesellschaft transformieren können, in der unser Bedürfnis nach unbedingter Beziehung gestillt wird. Noch bin ich mir sicher, ob das überhaupt wünschenswert ist oder nicht vielleicht eher eine der vielen Varianten von „Hölle auf Erden“ wäre, zu denen wir gemeinsam fähig sind.

Ich bin mir zugleich sicher, dass jedes einzelne Mal, in dem wir uns in der Verfassung erleben oder uns willkürlich in die Verfassung bringen, uns mit anderen Menschen auf eine unbedingte Beziehung einzulassen, unsere Welt für uns und unsere Mitmenschen unmittelbar an Lebensqualität gewinnt. Und wir weniger abhängig von unseren Süchten aka umgelenkten, ungestillten Bedürfnissen werden.

Zu den wenigen Dingen, die wir tatsächlich in der Hand haben, gehört glücklicherweise unsere Fähigkeit unseren Alltag und unsere Beziehungen zu verzaubern.

Dass wir in einer Gesellschaft des universellen Empathie- und Beziehungsmangels damit jedes einzelne Mal Erwartungen wecken bei anderen Menschen, und dass wir auch damit irgendwie umgehen müssen, steht auf einem weiteren, für uns nicht weniger wichtigen Blatt: Viele unserer Entschlüsse, uns in Situationen abweisend, selbstverteidigend, ja rabiat zu verhalten, resultieren aus begründeten Kalkulationen: Wir wissen nur zu gut, dass wir „ein besseres Niveau“ kaum halten können werden und dass wir mit Enttäuschungsgefühlen in uns selbst und von Anderen konfrontiert sein werden, wenn wir hier und jetzt anfangen, uns in unser beziehungsfähigeres Selbst hineinzulehnen. Lieber ist uns ein Niveau, das insofern „realistisch“ ist, als wir es auch morgen oder schon im nächsten Moment wieder „bringen“ können.

Aber auch diese Sichtweise und diese Empfindungen: Empathieverhalten als „Leistung“ sind kaum vorstellbar in einer Gesellschaft, in der die meisten Beziehungen Unbedingtheitscharakter haben. In der es kein „ausgestoßen-werden“ oder „verlassen-werden“ gibt.

Es kommt mir so vor, als läge unser tiefstes Glück unauslöschlich in irrationalen Akten, mit denen wir uns situativ unbedingte Beziehungen schaffen, obgleich unsere Gesellschaft solche Verhaltensweisen kaum unterstützt oder sogar für gefährlich, fahrlässig, unerwachsen oder verrückt erklärt.

 

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