Losentscheid als Verfahren zur Belebung der Demokratie: Das einzige echte Problem

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin nach 41 Jahren Leben in einer elektoralen Demokratie nur noch genervt von Parteien, ihren Wahlversprechen, ihrem realen Verhalten nach der Wahl und von den Diskussionen, die sich darum herum ranken. Und sogar unsere ausgesprochen gut kultivierte Politikerschelte nervt mich genauso wie das erwartbare Verhalten der Berufs-Politker selbst.

Trotz eines recht ausführlichen Studiums der Politischen Philosophie ist mir persönlich aber sehr lange entgangen, dass es zu all dem: zu Parteibildung und zu Wahlen, sowie zu sinnlosen moralischen Debatten eine naheliegende Alternative gibt, die bereits über Jahrhunderte erprobt war, bevor sich dann wieder mal die Feigheit vor dem Volk durchgesetzt hat: Sowohl während der Französischen Revolution, als auch bei der Herausbildung der Demokratie amerikanischen Typs.

Die Rede ist vom Losentscheid als Verfahren zur Besetzung politischer Ämter. Also von einem Verfahren, dass die „Selbstbeherrschung der Menschen durch die Menschen“ aka Demokratie sehr viel unmittelbarer gestaltet, als das in einer elektoral-repräsentativen Demokratie der Fall ist. Also in einer Form von Demokratie, die wir nur deswegen für state of the art halten, weil wir uns mittlerweile an sie gewöhnt haben.

Diese unsere Gewöhnung, die zu einem Stillstand in der Weiterentwicklung unserer politischen Institutionen geführt hat, bedroht heute den Erhalt guter, demokratischer Prinzipien. Die Rückfälle in autoritäre Lösungen und Heilserwartungen haben auch damit zu tun, das uns bisher der Mut fehlt, die Probleme wirklich anzugehen, die von einer elektoralen Demokratie heute weithin erkennbar erzeugt werden. Dieser fehlende Mut zur Weiterentwicklung unserer Demokratie hat auch mit einem diffusen Gefühl der Alternativlosigkeit zu tun. Doch genau so eine Alternative ist der Losentscheid. Und mit Blick auf die Geschichte dürfen wir durchaus sagen: Eine bewährte Alternative.

In einer aleatorischen Demokratie, die politische Ämter per Losverfahren besetzt, sind nicht nur Wahlen überflüssig, sondern auch Parteibildungen. Und – es ist wichtig, das völlig klar zu haben – das Losverfahren umgeht konsequent den großen Nachteil, der Volksentscheiden völlig zu Recht entgegengehalten wird: Dass sehr weitgehend uninformierte Menschen Entscheidungen für alle treffen. Entscheidungen, die sie später daher auch all zu oft bereuen und nicht mehr verantworten wollen. Im Losverfahren ausgewählte Mitbürger können dagegen, ähnlich wie Schöffen oder Geschworene, sehr leicht und sehr effektiv darauf verpflichtet werden, sich intensiv „mit der Materie“ auseinanderzusetzen. Dazu braucht es keine Jahre „politischer Erfahrung“, die hauptsächlich eine Bildung im Bestreiten inner- und zwischen-parteilicher Grabenkämpfe ist, wie wir wissen.

Die Erfahrung über Zeiten und Erdteile hinweg zeigt immer wieder: Wenn man die Sache so angeht, treffen die „zufällig“ ausgewählten Bürger, die für ihre Mitbürger mitentscheiden, erstaunlich „vernünftige“ Entscheidungen. Politisch gesprochen: Inklusive, hochgradig „mehrheitsfähige“ Entscheidungen. Diese Erfahrung der überraschenden Unaufgeregtheit und Vernünftigkeit „aller“, macht man auch in Unternehmen, die sich aus guten Gründen für eine systematische Ausschaltung der Kämpfe um Machtposten entscheiden (inklusive „konsultativem Einzelentscheid“ oder „konstultativem Mehrheitsentscheid“).

Demgegenüber steht unsere heutige alltägliche Erfahrung, dass überall dort, wo politisch um Machtpositionen gekämpft werden muss, sehr schnell eben nicht mehr das Wohl aller, das Gemeinwohl oder das Wohl des Ganzen im Vordergrund steht, sondern strukturelle Anreize für asoziale Egoismen gesetzt werden: „Mir geht es gut“ und „Anderen geht es gut“ wird dann zum Trade-off. Lügen, Betrügen, leere Versprechungen, Vorenthaltung von Informationen sind dann wohlfeile Mittel, um sich Vorteile im Kampf darum zu verschaffen, Machtpositionen zu erhalten oder zu erhalten. Dieser künstlich institutionalisierter „Kampf aller gegen alle“ kann nicht im allgemeinen Interesse sein. Darum ist der Losentscheid als politische Institution so wirksam: Er schaltet die systematische Asozialisierung aller Beteiligten ebenso systematisch aus, indem er das Mittel des Zufalls nutzt und institutionalisiert. Sobald wir vom Zwang zur politischen Selbstbehauptung befreit sind, sind wir in der Lage, die politisch zu verhandelnden Dinge um einiges sachlicher, allseitiger und kooperativer anzugehen.

Wir könnten uns also das ganze Brimbamborium um „Parteien und Gedöns“ einfach ersparen, wenn wir uns und unseren Mitbürgern unter ganz bestimmten Umständen auch mal Gutes zutrauen würden und die Selbstherrschaft des Volkes etwas ernster nehmen als das die bisherige Verfassung unserer Demokratie getan hat.

Kurzgesagt: Wir brauchen heute keine „Repräsentanten“ mehr, die uns vor uns selbst beschützen sollen, wir brauchen keinen Restpaternalismus, der uns kleine unmündigen Bürgerkinder vor unserer politischen Eigenverantwortung bewahrt.

Vor allem aber brauchen wir keine professionelle Politkaste, die nicht wie oft gemutmaßt wird aus charakterlichen Defiziten, sondern schlichtweg systemisch für Hinterzimmerabsprachen und Beeinflussung durch gut organisierte Lobbyisten anfällig sein muss. Gewählt Berufspolitiker sind keine besseren oder schlechteren Menschen als wir alle. Sie sind im derzeitigen System aber Zwängen und Anreizen ausgesetzt, die es für sie unmöglich machen, das Allgemeinwohl im Blick zu behalten. – Das hindert uns freilich nicht daran, genau das immer wieder zu fordern und die vermeintliche „moralische Verkommenheit“ von Berufspolitikern zu beklagen. Was wir dabei ignorieren: Wollen setzt können voraus. Im derzeitigen System können die, die uns repräsentieren sollen, nicht in unserem Interesse handeln.

Die Dysfunktionalität einer elektoralen oder zumindest rein elektoralen Demokratie sind heute offensichtlich. Und das wird eben nicht besser durch den Wahlsieg von dieser oder jener neuen oder alten Partei. Und auch nicht durch Politikerschelte. – Wenn Institutionen durch bessere Institutionen ersetzt werden können, dann sollten wir das auch tun, anstatt weiter über das zu jammern, was die von uns selbst autorisierten Institutionen systematisch an schlechten Ergebnissen produzieren.

Der Nachteil des Losentscheids – Wofür wir Lösungen brauchen

Im Grunde hat der Losentscheid als Verfahren der Besetzung politischer Ämter auf Zeit genau einen Nachteil. Und für diesen Nachteil brauchen wir tatsächlich intelligente, funktionale Lösungen, wenn wir gemeinsam das „Wagnis“ eingehen wollen, uns auf eine sehr viel unmittelbarere Form von Demokratie einzulassen.

Der Nachteil des Losentscheids besteht in dem Erfahrungs-Vorsprung, den der Beamtenapparat immer haben wird vor jenen durch Los ermächtigten Menschen, die dann die eigentlichen Entscheidungen treffen. Es gibt viel Grund zu befürchten, dass bei einer Umstellung auf Losverfahren die politische Macht noch stärker hinein in die Apparate professionalisierter Ministerien wandert, also in die Hände von Menschen, die, ähnlich wie heute Berufspolitiker, eine recht besondere und eben nicht repräsentative Lebensform bestreiten.

Dieser Mechanismus ist bereits aus Monarchien aller möglicher Kulturen recht gut bekannt: Auch hier hatte „der Souverän“ oft nicht viel zu melden. Er war abhängig von Beamten, die oft weitaus länger geübt waren im Spiel der Macht, die ihrerseits souverän darüber entschieden, von welchen Informationen der Souverän überhaupt erfuhr, die seine Entscheidungen verschleppten oder bei der Umsetzung bis in ihr gerades Gegenteil „interpretierten“, etc. – Viele Kaiser und Könige waren daher nur ihrem funktionalen Image, dem schönen Schein nach „souveräne Herrscher“. Oft waren sie einfach die Vorzeigepuppe bürokratischer Strippenzieher, die ihr eigenes Amt weitaus länger innehatten, als derjenige, der im Vordergrund den Kopf hinhalten durfte und musste.

Sollten wir also den Mut haben, uns alle selbst im Losverfahren zu potentiellen politischen Entscheidern auf Zeit zu machen, dann stehen wir vor der Herausforderung, uns Lösungen dafür zu überlegen, dass jene notwendigen bürokratischen Apparate nicht „unter der Hand“ das politische Ruder übernehmen. Und so aus einer direkten Demokratie per Losentscheid eine direkte Funktionärsherrschaft machen.

Ähnlich wie beim Schutz von Geschworenen durch Beeinflussung von Außen brauchen auch die durch Losverfahren bestimmten Politiker auf Zeit Schutz davor, sowohl durch Medien, Lobbyisten, aber eben auch vor ihren eigenen „Dienern“ (den Ministerien) in ihren Gewissensentscheidungen beeinflusst zu werden.

Hinsichtlich der Beeinflussung durch Lobbyisten gibt es ein einfaches Mittel: Wem eine solche nachgewiesen wird, verliert sofort sein politisches Mandat und auch die Chance, in Zukunft ein weiteres Mal im Lostopf zu sein (das „aktive Losrecht“ 😉 ).

Hinsichtlich der Beeinflussung durch Medien sollten ausgeloste politische Mandatsträger vollen Zugriff auf alle Medien haben, auf die sie Zugriff haben wollen.

Hinsichtlich der Beeinflussung durch den ihnen zuarbeitenden (Informationen, Vorbereitung und Duchführung des Verfahrens) und ausführenden Staatsapparat („Exekutive“) braucht es hingegen ganz neuartige Regeln, um eben nicht direkte Demokratie fördern zu wollen, aber aus Versehen vollendete Bürokratie zu erhalten.

Denn Parteien haben als vergleichsweise dauerhafte Organisationen den großen Vorteil, auf Augenhöhe mit Beamtenapparaten agieren zu können: Höhere Posten werden ausgetauscht, oft mit parteifreundlichem Personal besetzt. Professionelle Politiker halten professionelle Beamte in Schach. Daher kann in einer repräsentativen Demokratie wie unserer Bisherigen nur schwer eine verkappte Beamtenherrschaft entstehen, die „das einfache Volk“ vor sich selbst beschützt, am Ende aber vor allem die eigenen Privilegien fördert.

Denkbar wäre: Ein ritueller Austausch der höheren Beamten, in jedem Losentscheidungs-Turnus, und natürlich ebenfalls per Zufall. Damit Ministerien weiterhin denen dienen, denen sie dienen sollen. Nur dass dies dann nicht mehr gewählte „Volksvertreter“ sind, sondern potentielle wir alle, zufällig ausgewählt.

Darüber, ob man ein zweites Mal ausgelost werden kann, und wenn ja: in welchem Abstand, darüber kann man gerne streiten.

Denkbar wäre auch: Das Losen auf die Legislative zu begrenzen und Wahlen für die Exekutive beizubehalten. Doch dabei sehr penibel darauf zu achten, dass die Legislative wirksame Kontrolle über die Exekutive hat. Auch dafür braucht es institutionelle Lösungen.

Und denkbar wäre auch eine „minimalinvasive“ Verfassungsreform, bei der wir eine weitere Staatsgewalt aus der Taufe heben: Die Konsultative, die dann ebenfalls regelmäßig institutionalisiert sein und die zuverlässigen politischen Einfluss auf die anderen Staatsgewalten haben muss, damit sie die Probleme löst, vor denen wir heute politisch stehen. Das würde bedeuten, dass wir uns an die Einführung von regelmäßigen Bürgergutachten auf allen politischen Ebenen gewöhnen: Lokal, regional, national, kontinental und global.

Dass eine Besetzung der politischen Ämter per Losentscheid gegenüber einer Besetzung per Wahlen ein großer demokratischer Fortschritt ist, ist meines Erachtens aber in jedem Fall so offentlich, dass nur diejenigen gegen seine Einführung Stellung beziehen können, die Platons tief anti-demokratisches Mantra „Die Masse ist dumm“ immer noch als persönliches politisches Glaubensbekenntnis pflegen.

Die größten Vorteile des Losentscheids

Der vielleicht größte Vorteil einer konsequenten Besetzung politischer Ämter per Losentscheid wäre: Er würde unsere öffentliche Debatte nicht nur wie bereits erwähnt versachlichen (von Machtkämpfen, Parteien und ihren Personalien weglenken). Er würde unser politisches Gespräch miteinander auch dahingehend zähmen, dass wir vorsichtiger würden mit dreisten Behauptungen und vorschnellen Zuschreibungen.

Denn wir wüssten, dass es nur all zu schnell der Fall sein könnte, dass wir tatsächlich „das Privileg“ erhalten könnten, politische Entscheider sein und echte Verantwortung übernehmen zu müssen.

In dieser neuartigen institutionellen Gemengelage – stets von der Möglichkeit realer politischer Verantwortung „bedroht“ –  sind wir alle mit der öffentlichen Äußerung einfacher Lösungen vermutlich etwas vorsichtiger.

Auch mit der Beschimpfung anderer gesellschaftlicher Gruppen als unserer eigenen dürften wir gemäßigter werden: Denn mit ihnen fänden wir uns in den politischen Entscheidungsgremien wieder, die per Losverfahren zusammenfänden. Mit ihnen und nicht gegen sie müssten wir politische Lösungen für alle finden. Für uns selbst, für unser Gemeinwesen. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass auf diesem Wege auch ein neuartiges, tieferes Verständnis der verschiedenen Bevölkerungsgruppen füreinander entsteht. Vor allem bei regelmäßiger Durchführung von Bürgerkonventen auf allen politischen Ebenen. Wenn das Losverfahren also nicht Ausnahme bleibt, sondern zur politischen Regel wird.

Ich denke, dass die Einführung des Losverfahrens in unsere politische Prozesse uns überhaupt erstmals so richtig erleben lassen, was Demokratie eigentlich bedeutet und wie sie sich anfühlt.

Die elektorale Demokratie mit ihren kläglichen Repräsentationsversuchen durch Wahlen war immer schon ein fauler Kompromiss, geboren aus einem tiefen Misstrauen „in das Volk“. Heute können wir sagen: Aus einem tiefen Misstrauen in uns selbst.

Das aber ist tatsächlich „nicht mehr zeitgemäß“. Es gibt heute weitaus mehr Gründe, Misstrauen in die Entscheidungskriterien von Parteifunktionären zu haben, als Gründe, dem Gewissen unseres Nachbarn zu misstrauen, nach dem dieser sich mit allen bekannten Informationen einer Thematik vertraut gemacht hat, über die er zugunsten unseres Gemeinwesens entscheiden soll.

 

 

 

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Hypnose und Selbsthypnose im Alltag

Wenn jede Hypnose im Grunde Selbsthypnose ist, wie wir bei Gunther Schmidt lernen können (wenn wir uns von ihm bezaubern lassen), dann werden die Beziehungen in unserem Alltag extrem spannend.

Dann können wir nämlich nicht nur sagen, dass wir unter allen möglichen Einleitungen von Selbsthypnose-Vorgängen vor allem andere Menschen dazu benutzen, um uns selbst zu hypnotisieren („Trance-Induktion“).

Sondern wir können dann auch überdenken, welche Angebote wir anderen Menschen machen, uns selbst für ihre selbsthypnotischen Vorgänge zu benutzen.

„Hypnose“ klingt ja ziemlich magisch. Im Grunde bedeutet das hier aber nur eine Form der fortgesetzten Aufmerksamkeitsfokussierung auf Bestimmtes – Unter Absehung von vielem, vielem anderen, das in den durch die Hypnose gesetzten Frame nicht hineinpasst.

Wenn es stimmt, dass Aufmerksamkeit neben Zeit die knappste Ressource in der derzeitigen Gesellschaft ist („Aufmerksamkeitsökonomie“), dann hat es viel Beachtung verdient, wie wir uns von anderen bezaubern lassen und wie wir andere bezaubern.

Genauer: Wie andere uns zur Selbstverzauberung benutzen und wie wir andere zur Selbstbezauberung benutzen.

Die Frage nach „der Verantwortung in Beziehungen“ wird dann z.B. recht schillernd, wenn nicht sogar unsinnig. Zumindest unter Erwachsenen.

Denn: Wir können unseren Mitmenschen und Beziehungspartnern wesentlich leichter ein (bewusstes) Hypnose-Angebot machen als uns selbst.

„Gesellschaft“ ist, so wahrgenommen, „reine Hexerei“. 😉

 

 

Die Unterscheidung „Frauen/Männer“ im Übergang von Kriegerkultur zu Gärtnerkultur

Die Transformationsprozesse, die unsere schöne Weltgesellschaft im Moment durchläuft, lassen sich beschreiben als Übergang von einer Kriegerkultur zu einer Gärtnerkultur.

Den Begriff der Gärtnerkultur und die Entgegensetzung zu militärischen Metaphern borge ich mir von einem Artikel Marcus Raitners über ein neues Verständnis von Führung.

Übertragen auf unsere Weltgesellschaft als ganzes kann man behaupten, dass wir uns erkennbar auf eine Formation zubewegen, in der „Caring“, Fürsorge oder eben „Gärtnerhaltungen“ zunehmend wichtiger werden und alte Einstellungen, Haltungen, Entscheidungsformen und Institutionen ersetzen, die eher zu einer militärisch oder räuberisch orientierten Gesellschaftsform passen, die bevorzugend auf eine Ausbeutung von Lebensräumen, Ressourcen, anderen Menschen oder eben „Märkten“ ausgerichtet war.

Setzt man voraus, dass die Grundform dessen, was wir heute „Unternehmen“ nennen, seinen Ursprung in den königlich-staatlich ausgerüsteten Kaperfahrten der frühen Neuzeit hatte: Als neue Länder zu entdecken waren und solche Unternehmen eben vorfinanziert werden mussten, so kann man sagen, dass dieses „räuberische Element“ unseren heutigen Unternehmen immer noch tief in den Knochen steckt. Zugleich erkennt man aber auch, dass dieses Verständnis von Unternehmertum und die damit zusammenhängenden Lebensvollzüge immer mehr zu einem Ende kommen.

Durch die heute spürbare Begrenztheit des Ausbeutbaren kommt unsere Wachstumsgesellschaft einerseits an ein Ende, andererseits sind wir durch zunehmende Vernetzung auf mehreren Ebenen als Menschheit bereits heute so zusammengewachsen, dass der alte Ausdruck „global village“ mehr zutrifft als jemals – Und von Jahr zu Jahr immer noch zutreffender wird. Man kann heute der Weltgesellschaft beim Zusammenwachsen zuschauen. Manchmal schmerzhaft, manchmal sprunghaft, manchmal mit kurzen Rückfällen. Das ändert aber alles nichts an der deutlich erkennbaren Grundtendenz und Irreversibilität des Prozesses.

Unser Grundverständnis als Kriegerkultur ist daher ohne Zweifel ein Auslaufmodell. So sehr, dass viele heute sogar bestreiten würden, dass wir überhaupt noch in einer Kriegerkultur leben. Dem kann man zwar mit Gründen entgegentreten, denn wir finden überall Überbleibsel von Verhaltensweisen, Haltungen und Institutionen, die innerhalb einer Kriegerkultur viel Sinn machen, außerhalb jedoch eher überflüssig, wenn nicht hochproblematisch erscheinen.

Ein besonderes Kennzeichen unseres Herkommens aus einer Kriegerkultur ist die traditionelle Arbeitsteilung zwischen „Männern und Frauen“, verbunden mit der entsprechenden „Erziehung“, „Zurichtung“ und „Training“ für die beiden Seiten zugedachten Aufgaben:

Frauen wurden zurechtgestutzt auf Haltungen, Gewohnheiten und Empfindungen, die vorteilhaft sind, wenn man Tag ein Tag aus nichts als Kinderumsorgung und Haushaltsführung im Kopf zu haben hat.

Männer wurden zurechtgestutzt auf Haltungen, Gewohnheiten und Empfindungen, die vorteilhaft, wenn man Tag ein Tag aus nichts als Kriegsführung und Kaperfahrten im Kopf zu haben hat.

Der familiär abwesende Vater und die beruflich abwesende Mutter sind das Ideal einer reinen Kriegerkultur.

Nicht nur diese klare Aufteilung und geschlechtlich kodierten Erziehungsideale sind uns heute zunehmend fragwürdig geworden, sondern auch das, wie jeweils „Beruf“ und „Familie“ heute aussehen können und sollen.

Das Verständnis von Unternehmertum als eine Art „Kriegsführung mit anderen Mitteln“ dürfte keine Zukunft haben.

Und auch das Verständnis von Familie als Einheit, die in der Reproduktion von kleinen Nachwuchssoldaten aka Männern und Nachwuchsbrutkästen aka Frauen ihren vorrangigen Zweck findet, ist ein Auslaufmodell.

Familie ist heute nicht nur vielfältiger als die heteronormative Mutter-Kinder-(Vater)-Kleinfamilie, sie verteilt auch die Verantwortung für das Wohl von Kindern auf deutlich mehr menschlichen Schultern. – Wieder, wie man anmerken darf. Denn die frühindustrialisierte Kleinfamilie ist eine Ausnahmeerscheinung in der Menschheitsgeschichte.

Unternehmen, oder wie man auch sagen könnte: Sinnvolle menschliche Betätigung außerhalb des unmittelbaren Kreises von lieben Menschen zu Wohle eines größeren Kreises von Menschen aka Kunden, verwandelt sich zugleich zu einem Raum menschlichen Austausches, menschlicher Kontaktaufnahme und wechselseitiger menschlicher Fürsorge. Die Formen der Entfremdung durch Arbeit / in Unternehmen, die für die frühe Industrialisierung typisch waren, werden in einer sich dorfähnlich organisierenden Weltgesellschaft immer mehr aufgefangen durch echten Kontakt, Anteilnahme und wechselseitige Empathie in der Gestaltung der wirtschaftlichen Beziehungen.

Dieser Umstand entgeht uns, weil wir das berechtigte Misstrauen gegenüber „der Wirtschaft“ aus der Frühindustrialisierung mitgenommen haben. Wir fokussieren auf Skandale und Entfremdung. Diese in ihrer Pauschalität heute absurd gewordene Misstrauen und Hypersensibilität sind zugleich Treiber der Entwicklung: Sie helfen uns, es immer weniger zu dulden, wann immer wir auf reine Ausbeutungsverhältnisse treffen, die nach dem Muster Herr/Knecht ablaufen. Die materielle Ungleichheit hinsichtlich der Besitzverhältnisse, die sich über Jahrhunderte der Ausbeutungs- und Kriegerkultur herausgebildet hat, dürfte daher dort, wo sie sich nicht von alleine nivelliert, auf immer mehr Skandalisierung treffen. Menschen, deren Besitzverhältnisse all zu weit über dem Durchschnitt befinden, kommen um so mehr unter Druck, „anderen etwas abzugeben“, um so mehr ihr größerer Besitz offensichtlich nicht auf größere Leistung zurückgeht.

Man kann sich auch hier wieder klarmachen, „woher wir als Gesellschaft kommen“: Der heutige finanzielle Adel ist ein Erbe des klassischen Adels der wiederum ein Erbe des militärischen Adels war. Jene „Tugenden“ (Aretai), die Besitz-Privilegien einzelner Menschen rechtfertigten, waren stets militärischer Natur. Im Sinne eines klaren gesellschaftlichen Deals: „Die Tüchtigsten“ hatten das Kriegerhandwerk zu lernen und damit die „weniger Tüchtigen“ vor Gefahren (Natur, wilde Tiere, vor allem aber den Kriegern anderer Stämme) zu beschützen. Dafür waren sie von „niederer Arbeit“ freigestellt. – Und dafür wurden sie von den „Nicht-Adligen“ ausgehalten und versorgt. Sowohl mafiöse Ordnungen funktionieren nach diesem Prinzip: „Ihr zahlt uns und dafür brennen wir Euer Zeugs nicht nieder, sorgen aber gleichzeitig dafür,dass auch niemand anderer Euer Zeugs niederbrennt.“ Und auch der neuzeitliche Staat hat sich aus diesem Prinzips heraus entwickelt: „Wir errichten hier ein Gewaltmonopol. Dafür zahlt Ihr Steuern. Und wir sorgen dafür, dass niemand anderer außer uns Steuern erhebt.“ – Wahlweise wurde der immer schon bestehende Deal zwischen geadelten und normalsterblichen Menschen religiös überhöht („Gottkaiser; „von Gottes Gnaden“; „Repräsentant der göttlichen Ordnung“). Oder dieser Deal wurde naturrechtlich verargumentiert wie bei Thomas Hobbes: „Aus wissenschaftlich logisch abgeleiteten Vernunftgründen müsst Ihr doch einsehen, dass hier überall Chaos ausbricht, wenn Ihr hier nicht aus freien Stücken ein Gewalmonopol duldet und den König unterstützt. Das könnt Ihr doch nicht wollen, oder?“ – Solche Gleichsetzungen von Anarchie (Herrschaftslosigkeit) mit Anomie (Gewalt und Chaos) sitzen uns auch heute noch im Denken und in der Sprache. Dass wir diese Formen altertümlichen Denkens einfach unbereinigt übernommen haben und unreflektiert fortsetzen, ist ein recht zuverlässiger Weg, uns unser Zusammenleben auf diesem kleinen, blauen Planeten ohne Not schwer zu machen.

Denn in einer Zeit, in der großer Reichtum seinen Bezug zu irgendwelchen Tüchtigkeiten für alle offensichtlich verloren hat und in der zugleich kein Schutz mehr vor fremden Stämmen benötigt wird, verlieren auch Besitzprivilegien ihren gesellschaftlichen Sinn und Nutzen für alle.

Es ist daher weder eine Wunschfantasie, noch Glaskugelkuckerei wenn man behauptet, dass es bereits heute absehbar ist, dass wir sowohl die Idealisierung von Krieger- und Abenteurertum hinter uns lassen werden als auch uns in eine Gesellschaftsform hineinentwickeln, die ein deutlich egalitäreres Grundverständnis hat. – Und das ganz unabhängig davon, ob uns das nun gefällt oder ob uns das abstößt.

Der sich gerade herausbildende egalitärere Grundkonsens innerhalb unserer Weltgesellschaft ermöglicht es, dass die menschliche Individualität und Vielfalt ganz neue Räume bekommt. Räume, die wir, fixiert auf unsere Unterschiede zur nahen Vergangenheit, heute noch kaum erahnen können. Sicher ist, dass wir die individuellen Lebensmodelle unsere Nachfahren kaum verstehen geschweige denn gut heißen könnten, und unsere Nachfahren kopfschüttelnd auf unsere (aus ihrer Sicht) Borniertheiten zurücksehen werden.

Für „Männlichkeit/Weiblichkeit“ bedeutet das, dass wir eine weitaus größere Vielfalt an Formen bekommen, gegen die heutige Vielfalt, von der wir manchmal glauben, dass sie uns bereits überfordert, ein einfältiger Witz sein dürfte. – Menschen werden auch als „Geschlechtswesen“ frei, sich zu entdecken, zu erfinden und zu verändern. Und das eben weitgehend ungebunden (auch nicht durch Widerstand) von den Anforderungen einer Kriegerkultur.

Wir brauchen keine auf emotionale Selbstlosigkeit konditionierten, abenteuerlustigen Kriegsmaschinen mehr. Wir brauchen keine auf Status-Selbstlosigkeit konditionierten,  übersorgsamen Gebärmaschinen mehr. Wir können in unserer Gärtner- und Verbundenheitskultur generell nichts mehr mit Menschen anfangen, die die Selbstlosigkeiten fortsetzen, die für eine Kriegerkultur erforderlich waren. Die Verhaltensweisen, die daraus resultieren, dass mann den Innenkontakt bei sich zuschüttet, und die Verhaltensweisen, die daraus resultieren, dass frau sich nach außen nicht so wichtig nimmt, erscheinen uns heute zunehmend pathologisch: Sie erschweren uns in der heutigen befriedigende Interaktionen und Beziehungen, sowohl, wenn wir sie selbst an den Tag legen, als auch wenn wir sie bei anderen Menschen antreffen. Sie erzeugen bei uns allen Frust, Schmerz, Verzweiflung und Einsamkeit.

Sind meine Analysen richtig, so wird uns das ganze alte Geschlechterdingsbums schon bald schlicht zu anstrengend werden und sinnlos vorkommen. Die Anstrengungen, die nötig sind, um es in unsere Zukunft mit hinein zu nehmen, werden die Anstrengungen, die es verursacht, die Beziehungen zu sich und anderen immer wieder neu zu entdecken, nicht mehr überwiegen. Und die Lust, die aus einer eindeutigen heteronormativen Zurichtung aller Menschen ensteht, wird die Lust, die aus einer Entdeckung der Vielfalt der Möglichkeiten menschlicher Kontaktaufnahme und Interaktion entsteht, nicht mehr überwiegen.

Ich denke, wir werden uns Zukunft nicht mehr in erster Linie als „Männer“ und „Frauen“ verstehen, sondern wir werden uns alle in erster Linie als „Menschen“ verstehen. Sexualität wird nicht mehr die gesellschaftliche Aufladung erhalten, die sie heute immer noch von uns bekommt. Weil die gesellschaftlich-stabilisierenden Funktionen, die Sexualität in unseren Kriegerkulturen hatte, ganz einfach weggefallen sind.

Im Grunde ist das heute schon der Fall, aber Veränderungen brauchen in komplexen Systemen oft eine Weile bis sie deutlicher zu Tage treten. Alle gesellschaftlichen Institutionen sind darauf angewiesen, dass sie sich in uns als Individuen spiegeln. Funktioniert das für uns nicht mehr, hat das für uns deutliche Nachteile gegenüber anderen, für uns greifbaren Alternativen, so ist jegliche gesellschaftliche Institution Geschichte. So unvorstellbar das auch für diejenigen Menschen sein mag, die mit dieser Institution aufgewachsen sind, sich auf sie eingestellt haben und sich in dieser Einstellung auf „die gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse“ zu dem geformt haben, die sie heute sind.

Das alles heißt natürlich auch nicht, dass wir weniger Sex, weniger Kontakt, weniger intensive Beziehungen miteinander haben werden. Nach meiner Einschätzung ist gerade das Gegenteil ist der Fall: Wir werden uns auf deutlich mehr Verbundenheit  miteinander einlassen können, da Beziehungsängste und falsche Verständnisse von „Unabhängigkeit“ sich erledigen. Wir werden deutlich erfüllendere Beziehungen haben als in den Kriegerkulturen, die lange Zeit die menschliche Geschichte bestimmt haben. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

 

 

Dienst des Kunden am Dienstleister

Ich arbeite ja in einem Business, in dem ich mich extrem schnell auf extrem viele, sehr verschiedene Leute einstellen muss. Auf Menschen, die ich völlig neu kennenlerne (und die mich völlig neu kennenlernen) und die von mir Dienstleistungen erwarten, die keine gar so geringen Einflüsse auf ihr weiteres Berufsleben, manchmal auch Leben haben.

Für mich als ursprünglich mal eher introvertierten Menschen, der zudem mit einem Heidenrespekt vor dem „Material Mensch“ gesegnet ist, ist das alles eine ziemliche Herausforderung. – Aber ich hab’s ja so gewollt…! 😉

Heute morgen hatte ich dann mal wieder ein Gespräch mit einem lieben Kollegen; so ein kurzer, informeller Austausch auf dem Flur. Thema: „Ich kann meine eigenen Schallplatten, die ich den Kunden erzähle, manchmal nicht mehr hören“. Und ja, da geht es uns beiden sehr ähnlich.

Was mir dabei immer hilft, sind – unsere Kunden selbst. Etwas pathetisch dahergesprochen (ich mag’s gern pathetisch) könnte ich sagen: „Meine Kunden erlösen mich von mir selbst.“ – Vor allem aber von meinen Schallplatten aus meiner Berater-Jukbox. Also jenen Scheiben, die ich schon zehntausendmal abgespielt habe. Von meiner Berater-Komfortzone eben.

Denn nach einiger Zeit in einem Beraterjob hat man’s meist halbwegs drauf, wie man in Gespräche reingeht, wie man mit Menschen sprechen kann, damit die Gesprächsatmosphäre gut ist und der liebe Klient brav alles mitmacht, was sich das kleine Beraterlein so alles vorgestellt hat. „Situationserfahrungsvorsprung“ oder „Situationsasymmetrie“ könnte man das nennen. Das kennen z.B. Ärzte oder Anwälte sicher auch.

Trete ich allerdings einen Schritt zurück und lasse ich diesen Kunden hier und jetzt auf mich wirken, dann schaffe ich es immer wieder mal, meine Schallplatten mal doch stecken zu lassen. Also die Individualität meines Kunden nicht auf eine meiner vorhandenen ausgetretenen Pfade zuzurechnen und dieses für mich Ausgelatschte dann einfach „zu exekutieren“.

Aus der Wahrnehmung der Individualität von Kunden entsteht: Neues. Neue Interventionen, neue Pfade, neue Verhaltensweisen auf meiner Seite. Wie auch immer also Dienstleister ihren Kunden weiterhelfen mögen: Kunden helfen ihren Dienstleistern, sich neu zu erfinden – Wenn die Dienstleister denn Bock drauf haben.

Das kann wie gesagt auch als Erlösung vom eigenen, alten Selbst empfunden werden.

Neben „Kunde droht mit Auftrag“ gibt es also auch „Kunde ermöglicht Innovationen“.

Nur mal so. Vielleicht gilt das ja auch in einigen, völlig andersartigen Branchen ganz genauso…

 

Sinn und Zweck gesellschaftlicher Institutionen

Wir alle verbringen unser Leben in Institutionen: Wir haben Erfahrungen mit Behörden und mit Unternehmen und mit noch einigem anderen mehr, das man „Institution“ nennen kann. Wir machen diese Erfahrungen von mehreren Seiten her: Als „Agenten“ dieser Institutionen, als „Klienten“ oder „Kunden“ dieser Institutionen, sowie als nur vermeintlich unbeteiligte Dritte, die oft doch recht direkt davon betroffen sind, wie diese Institutionen gebaut sind, wie sie arbeiten und worauf sie fokussieren. Oft sprechen wir dann etwas verkürzt davon, dass sie uns als „Bürger“ betreffen. Ich würde eher sagen: Als Menschen, die in einer neuartigen Kultur der Verbundenheit leben, die sich in unserer heutigen Weltgesellschaft immer weiter herauszubilden beginnt.

Auf der Grundlage dieser unserer alltäglichen Erfahrungen möchte ich hier für ein bestimmtes Verständnis gesellschaftlicher Institutionen werben: Was sie „eigentlich“ sind, wie sie wirken und wozu sie da sind. – Mein Eindruck ist: Dieses Verständnis a) ist konsensfähig b) vergessen wir es viel zu oft „während des Tuns“ c) bietet es eine gute Grundlage für fortgesetzte Reformen unserer gesellschaftlichen Institutionen. – Ich denke also, das folgende Verständnis von Institutionen bietet uns eine gute Orientierung  im Sinne einer Art Polarsterns.

 

Die hypno-systemische Brille auf uns selbst, unsere Mitmenschen und unsere Beziehungen

Die Brille, die ich uns beim Betrachten unserer Institutionen aufsetzen möchte, stammt aus einer psychologischen Ecke. Genauer: Aus den Grundannahmen und Erfahrungen, die in der hypnosystemischen Arbeit präsent sind, für die neben anderen Psychopraktikern auch der Name Gunther Schmidt steht.

Sehr verkürzt steht das „Systemische“ dabei für die Annahme und Erfahrung von intensiven Wechselwirkungen zwischen Menschen, die auch nur einmalige Interaktionen miteinander haben. – Und um so mehr, wenn sie regelmäßige Interaktionen miteinander haben, also irgendeine Form von „Beziehung“ miteinander eingehen.

Und ebenfalls sehr verkürzt steht das „Hypnotische“ dabei für die Annahme und Erfahrung, dass unser Unterbewusstes eine unglaublich reichhaltige Ressource ist, die wir in ihrer ganzen Fülle nie gleichzeitig wahrnehmen können. Und dass die Fokussierung unserer Aufmerksamkeit daher sehr viel weitreichendere Folgen für uns hat als uns das meist in unserem Alltag, bei unseren Handlungen bewusst sein kann. – Das bedeutet auch: Wir und mit uns alle Menschen um uns herum sind deutlich wandlungsfähiger als wir das in unserem Alltag mit seinen relativ stabilen Abläufen, Ritualen und Beziehungsarrangements erleben können. Wir könnten von einer „alltäglichen, versteckten Veränderlichkeit“ sprechen, die sich uns vor allem dann zeigt, wenn sich Beziehungen wandeln oder in die Brüche gehen. Dann nehmen wir oft „andere Seiten“ bei uns selbst und unseren lieben Mitmenschen wahr. Und manchmal versteigen wir uns dann dabei zu Sätzen über andere wie „Nun hat er sein wahres Gesicht gezeigt“. Oder schämen uns in Grund und Boden, weil unsere eigenen Verhaltensweisen nun nicht mehr dem durch Beziehungen stabilisierten Selbstbild entsprechen, das uns die Grundlage unseres Handelns und Redens zur Verfügung stellt.

Beziehungen stellen sich für jemanden, der die hypnosystemische Brille aufsetzt, so dar, dass sie Systeme wechselseitiger Hypnotisierungen etablieren und aufrecht erhalten. Alle an einer Beziehung beteiligten Menschen werden voneinander in dem Sinne „hypnotisiert“ als ihre Aufmerksamkeit aus der Fülle des möglichen Wahrnehmbaren konstant nur auf ganz bestimmte Ereignisse, Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen hingelenkt wird. Dabei muss die Hypnose der beteiligten Menschen nicht gleichfokussiert sein. Genauso häufig wie „wir fokussieren jetzt alle immer auf X“ ist die wechselseitige Hypnose in Richtung einer Art Arbeitsteilung: „Ich mache Dich auf Y fokussieren, Du machst mich auf Z fokussieren“.

Etwas direkter gesprochen und an unseren Alltagserfahrungen anknüpfend können wir sagen: Wir verändern uns drastisch in Beziehungen, Beziehungen verändern uns massiv.

Diese „Formbarkeit durch Beziehung“ oder „Hypnotisierbarkeit“ ist einem Umstand geschuldet, den man „unsere natürliche Konnektivität“ nennen könnte: Als Menschen bringen wir einfach zahlreiche „Anschlüsse“ mit, in die andere Menschen ganz natürlich einfädeln, und zwar vom ersten Moment an, in dem wir gemeinsam mit ihnen in einem Raum sind. Teilweise gilt das selbst noch bei gemeinsamem Betreten eines virtuellen Raums, der allerdings von der Primärerfahrung in physischer Präsenz zehrt. – Im Englischen würden wir sagen: „We are wired to connect“.

 

Unsere Vorstellung von Institutionen ist psychologisch unter-informiert

Diese unsere schöne Hypnotisierbarkeit hat bemerkenswerte Folgen, sobald wir unsere gesellschaftlichen Institutionen ins Spiel bringen. Denn mit diesen Institutionen stellen wir bestimmte Hypnosen auf „dauerhaft“ und etablieren damit ganz bestimmte Beziehungen, während wir ganz bestimmte andere Beziehungen und die mit ihnen verbundenen Aufmerksamkeiten und Wahrnehmungen erschweren oder verunmöglichen.

Diese Vorgänge bleiben von uns meist weitgehend unbemerkt in unserem alltäglichen „Stream of Consciousness“. Unser Alltagsbewusstsein ist gepolt auf „Es ist wie es eben ist“, nicht auf „Es ist so, wie wir es gerade gemacht haben, es könnte aber auch ganz anders sein.“

Wieder direkt gesprochen: Wir neigen dazu, unsere Institutionen absolut zu setzen, sie wie gegebene, unveränderliche Größen zu behandeln, an denen wir uns orientieren, die wir aber nicht mehr daraufhin befragen können, ob sie uns dienen, ob sie eigentlich denjenigen Zweck optimal erfüllen, für den sie von uns gemacht sind.

Mit einer hypno-systemischen Brille betrachtet ist unser alltägliches Verständnis von Institutionen damit auf fatale Weise unter-informiert: Wir sind uns selten bewusst, dass es der Sinn und Zweck von Institutionen ist, uns selbst auf ganz Bestimmtes zu fokussieren. Gesellschaftliche Institutionen sind immer und unvermeidbar hypnotische Gebilde: Werkzeuge, mit deren Hilfe wir uns so zu wechselseitig zu hypnotisieren versuchen, wie wir es gerade brauchen.

Nur für eine Perspektive, die annimmt, es gäbe für uns Menschen „nicht-hypnotische Zustände“ kann das erschreckend oder unglaubhaft sein. Nimmt man mit der hypno-systemischen Schule dagegen an, dass Hypnose ein überaus alltägliches menschliches Geschehen ist, ebenso natürlich wie Atmen, Essen und Smartphone-Nutzung, ändert sich zugleich auch unsere Perspektive auf unsere Institutionen sofort. – Unsere Frage an uns selbst beim Gestalten unserer Institutionen lautet dann:

Wie müssen unsere Institutionen gerade beschaffen sein, damit wir uns wechselseitig mit ihrer Hilfe so hypnotisieren können, dass es für uns gerade hilfreich ist?

Oder, wenn uns das Wort „hypnotisieren“ aufgrund unserer spektakulären Zaubershow-Vorstellungen von Hypnose abstößt:

Worauf wollen wir, das uns unsere Institutionen darauf fokussieren machen?

Diese Fragen deswegen von so großer Bedeutung, weil unsere Hypnotisiertheit/Fokussiertheit durch unsere Institutionen sich derzeit oft ungefragt und unbewusst vollzieht: Wir formen uns und lassen uns formen, ohne dass die Frage, wie es uns damit geht und wie es uns bei anderer Fokussierung auch gehen könnte, irgendeine große Rolle spielt.

Auf diese Weise werden unsere Institutionen zu von uns selbst geschaffenen Höllen auf Erden. Und zwar für alle Beteiligten: Sowohl für die Agenten unserer Institutionen, die einer Langzeit-Hypnose ausgesetzt sind. Als auch für die Klienten von Institutionen, die in genau dem Zeitraum von unseren Institutionen hypnotisiert werden, in dem sie mit deren Agenten zu tun haben. Als auch die berühmten „Dritten“, die die indirekten Kosten solcher unbewussten Hypnosevorgänge durch Institutionen tragen dürfen.

Die häufigste Form, in der sich diese Kosten zeigen, sind nach meinen Eindrücken sogenannte „Erkrankungen“: Die meisten Menschen, die einer fehlgeleiteten Aufmerksamkeits-Zurichtung ausgesetzt waren, die zu einem Nicht-Ausdruck eigener Gefühle und zu einer Nicht-Wahrnehmung eigener Bedürfnisse geführt hat, beginnen diese „Fehlstellung“ damit auszudrücken, dass sie „somatisieren“: Wir lassen unsere Körper ausdrücken, was in unserem hypnotisierten Bewusstsein keinen Platz mehr hat.

Erkrankungen sind so gesehen wichtige Informationen für uns. Informationen über den Reform-Bedarf unserer Institutionen.

Aufmerksame Leser dürften bereits bemerkt haben, dass ich davon ausgehe, dass es keine „perfekten Institutionen“ gibt noch geben kann. Sondern dass Institutionen sich dann in einem „optimalen Zustand“ befinden, wenn sie dauerhaft für Reformen offen bleiben und von uns nicht zu „objektiv-absoluten Wesen“ ontologisiert werden.

Wenn wir annehmen, dass wir uns selbst vermittelt über unsere Institutionen dienen, indem wir diese so gestalten, dass sie uns auf „die gerade richtige Weise“ hypnotisieren, dann werden wir hinsichtlich jeder Institution in einer Art Dauer-Reform landen.

Die Frage ist nur, ob diese Dauer-Reform einen menschendienlichen Fokus hat oder einen willkürlichen, von allem menschlichen Wohlergehen losgelösten.

 

Selbsterfahrung mit Institutionen

Seit etwas mehr als 20 Jahren „arbeite“ ich nun als Agent verschiedenster gesellschaftlicher Institutionen. Meine persönlichen Erfahrungen wiederholen sich dabei auf eine für mich schmerzhafte Weise: Ich nehme wahr, dass die Institutionen, für die ich arbeite, einerseits den Zweck haben, anderen Menschen (Kunden/Klienten) zu dienen. Ihnen auf bestimmte Weise hilfreich zu sein, sie zu unterstützen, sie mit etwas zu versorgen, dass sie sich nicht leicht selbst verschaffen können.

Andererseits mache ich die Erfahrung, und zwar nicht zufällig und gelegentlich, sondern stabil und systematisch, dass mich „meine Institutionen“ darauf zu fokussieren versuchen, Dinge zu beachten, die meine Fähigkeiten, den Zweck der Institution zu erfüllen, mehr als nur ein wenig beeinträchtigen.

Als Formel: Unsere Institutionen unterstützen ihre Agenten nicht dabei, ihren Klienten so hilfreich zu sein, wie sie ihnen hilfreich sein könnten. Unsere Institutionen machen „einen schlechten Job“, sobald wir sie daraufhin prüfen, ob sie hilfreiche oder weniger hilfreiche Hypnosevorgänge zu etablieren.

Die Regel ist: Teammeetings und Gespräche mit „Vorgesetzten“ sind für Agenten von schlecht gebauten Institutionen unerquicklich, frustrierend und ärgerlich. Denn vor allem dort sind diese Agenten hypnotischen Vorgängen ausgesetzt, die dazu führen, dass sie für ihre Kunden immer schlechtere Ansprech- und Beziehungspartner werden.

In schlecht gebauten Institutionen wird über das Falsche gesprochen. Oder: Es wird über das Richtige auf falsche Weise gesprochen.

Wir könnten auch von „Zweckvergessenen Institutionen“ sprechen, die an erster Stelle von ihren eigenen Agenten (oft: „Mitarbeitern“) als sinnlos, bedrückend und krank-machend erlebt werden. – In der Folge sind auch die Erfahrungen, die die Kunden dieser Institutionen „mit der Institution“ machen: frustrierend, ärgerlich, schräg, daneben, verrückt und verrückend. – Ein typisches Hypnose-Erleben, wenn wir mal wieder einer uns schädlichen Hypnose ausgesetzt sind, anstatt einer Hypnose, die uns hilft, für uns selbst auf das zu fokussieren, was wir gerade brauchen und was uns hilft, das auch zu erreichen.

Dritte tragen die Kosten solcher schlecht gemachten Institutionen mit. Viele unserer Institutionen können ihre unbewussten Fehlfokussierungen nur deswegen ungestört fortsetzten, weil die Kosten dieser Fehlfokussierungen „externalisiert“ werden: Andere, eben „Dritte“ stellen Ressourcen zur Verfügung, von denen diese schlecht gebauten Institutionen kontinuierlich zehren.

Menschliche Nachhaltigkeit ist daher kein Thema für schlechte Institutionen: „Die Gesellschaft“ – also: wir alle – springt ja ein.

Besonders beim Zur-Verfügung-Stellen von Kooperativität kann das auffallen. Ein Großteil der Agenten von schlecht gemachten Institutionen verhält sich aus eigenem Antrieb deutlich kooperativer als es ihre Institution verlangt, unterstützt oder auch nur erlaubt.

Wir können das nicht nur bei vielen Verkäufern, Vertrieblern und ähnlichen „Agenten mit direktem Kundenkontakt“ feststellen, sondern auch bei vielen Mitarbeitern von Behörden, von staatlichen und halbstaatlichen Institutionen.

Gut-gebaute Institutionen werden ihre unvermeidlichen Hypnose-Vorgänge, die nach dem hier vorgeschlagenen Verständnis geradezu den Zweck unserer Institutionen darstellen, daher von denjenigen Agenten der Institution gestalten, prüfen und reformieren lassen, die an der „Außengrenze“ der Institution arbeiten. Also von den „Agenten mit direktem Kundenkontakt“.

Wann immer eine Institution sich so gestalten lässt, dass sich diejenigen gut unterstützt fühlen, die unmittelbar dazu da sind, die Klienten der Institutionen zu unterstützen, haben wir eine „derzeit gut gemachte Institution“ vor uns.

Fragen wir uns mal, wie häufig wir das bisher antreffen.

Fragen Sie einmal ihren „Kundenbetreuer“, wie es ihm „mit seiner Organisation“ geht. Und lassen Sie sich nicht von oberflächlichem Vermeidungsblabla zufrieden stellen.

Denn derjenige, der von seiner Institution auf für ihn ungute Weise verhext wird, wird im nächsten Moment versuchen, sie auf für Sie ungute Weise zu verhexen.

Mit dem Agenten selbst hat das kaum etwas zu tun. Wohl aber mit der Institution selbst und den von ihr stabil etablierten Hypnosevorgängen.

 

Institutionen sind vor allem psychologische Gebilde

Nach meinem Dafürhalten ist es daher an der Zeit nach einem psychologisch deutlich aufgeklärteren Verständnis davon, „was eine Institution ist“, „was eine Institution mit uns macht“ und „wozu unsere Institutionen eigentlich da sind“.

Denjenigen, die in hierarchisch gebauten Institutionen, sogenannten „HORGs“, positionsbedingt einflussreich sind, möchte ich an dieser Stelle darum bitten: Übertragt die Macht zur Reform und Gestaltung Eurer gemeinsamen Institution soweit Ihr es vermögt auf Eure Direkter-Kunden-Kontakt-Mitarbeiter.

Diese Bitte kommt nicht ohne ein psychologisch triftiges Argument daher: „We are wired to connect“. Nicht nur hypnotisiert Ihr Eure Kunden, sondern genauso hypnotisieren Eure Kunden Euch. Hypnose ist immer und unvermeidlich wechselseitig. Es gibt im zwischenmenschlichen Kontakt keine rein einseitigen, nicht-zirkulären Prozesse, keine reine Aktivität und keine reine Passivität. In jeder zwischenmenschlichen Interaktion sind immer beide Interaktionspartner aktiv und immer beide Interaktionspartner passiv, egal, was dabei der oberflächliche Anschein ist.

Wenn dem aber so ist, wenn diese psychologische Einsicht angenommen wird, dann haben allein Eure Direkten-Kunden-Kontakt-Mitarbeiter die richtige Verrücktheit, um Eure gemeinsame Institution immer wieder neu ihrem eigentlichen Zweck zuzuführen.

Niemand in einer Institution, der nicht „täglich beim Kunden ist“ kann diejenigen hypnotischen Vorgänge in eine Institution einspeisen, die die jeweilige Institution dringend benötigt, um ihren Zweck zu erfüllen, so gut sie das eben gerade kann.

Das können heutzutage alle kundenfernen Agenten von Institutionen wissen. Das können wir heute alle wissen. Ich würde sogar sagen: Das ist in dem Sinne völlig banal, als wir das im Grunde bereits alle wissen, weil wir das alle von allen Seiten zur Genüge erfahren haben: Als Agenten, als Kunden, als kostenübernehmende Dritte. – Die Frage ist eben nur, ob wir uns dieses Wissen immer wieder bewusst machen. Und ob wir immer wieder institutionelle Konsequenzen daraus ziehen. Ob wir die jeweils gerade richtigen hypnotischen Vorgänge initiieren. Ob wir Institutionen haben, die uns auch darin unterstützen, genau dieses Wissen über Institutionen bewusst zu halten, anstatt es beständig zu verdrängen und zu vergessen.

Wir formen uns in Institutionen unweigerlich. Wir werden von unseren Institutionen unweigerlich geformt. Es ist an der Zeit, diese unbewussten Vorgänge bewusst zum Thema zu machen. Ich denke, es ist an der Zeit, dass hypnosystemische Psychologie in die hypnotischen Vorgänge innerhalb aller unserer gesellschaftlichen Institutionen Eingang erhält.

Anders gesagt: Wir könnten in unseren Institutionen deutlich mehr darüber reden, was wir hier gerade eigentlich für wen machen? Was der eigentliche innere Zweck der jeweiligen Institution ist? Und ob wir dafür die richtigen Kommunikationswege etabliert haben? Spricht wirklich gerade der richtige von uns mit dem richtigen von uns auf die richtige Weise? Oder machen wir uns gerade nur alle völlig gaga mit unseren internen Kommunikation? – Ohne irgendeinen erkennbaren Bezug zum eigentlichen Zweck unserer Institution?

 

 

 

 

Warum es „den neuen Mann“ nicht gibt und nie geben wird

Emanzipation stammt von dem lateinischen emancipatio, was „Entlassung aus der väterlichen Gewalt“ oder auch die „Freilassung eines Sklaven“ bedeutet. (Wikipedia)

Warum das so ist

Wir denken in Mustern. Vergeht etwas altes, glauben wir, dass etwas Neues, leicht Verschiedenes, aber doch irgendwie Gleichartiges an seine Stelle treten müsse.

Unser Gehirn strukturiert und erschafft sich seine Wirklichkeit mithilfe von „Frames“. Brüche von Frames waren ursprünglich mal selten. Heute häufen sie sich und sind beinahe schon wieder „normal“. Frames sind für den einzelnen Menschen das, was Thomas S. Kuhn bezogen auf die Wissenschaftsgeschichte als „Paradigma“ bezeichnet hat. Veränderung von Frames sind für den Einzelnen das, was Kuhn innerhalb einer Wissenschaft „Paradigmenwechsel“ nannte.

Dementsprechend denken wir „Veränderung“ so: Ein Paradigma ersetzt ein anderes Paradigma. Ein Frame ersetzt einen anderen Frame.

Dass ein Paradigma durch nichts Gleichartiges, Gleichwertiges ersetzt werden könnte, ist für uns in einem sehr buchstäblichen Sinne „undenkbar“.

Das gilt heute für den Begriff „Männlichkeit“, der in der Differenzierung zu „Weiblichkeit“ gebildet und aufrecht erhalten wurde.*

Die Veränderungen, die derzeit hinsichtlich der traditionellen Geschlechterdifferenzierung vor sich gehen, denken wir also unweigerlich so: „Der neue Mann“ ersetzt „den alten Mann“.

Damit zeigen wir nur eins: Wir können Veränderung nicht denken. Wir können sie nur machen, durchleben und erleiden.

 

Warum der Satz „Es gibt keinen ’neuen Mann'“ etwas ganz anderes heißt als das, woran wir bei dem Satz wahrscheinlich erst einmal denken

Ein naheliegender Gedanke, wenn wir die Behauptung in der Überschrift akzeptieren, geht ungefähr so:

„Ja klar gibt es keinen einen neuen Mann! Weil es viele, verschiedene neue Männer gibt! Männer gibt es in vielen Geschmacksrichtungen! Diversity! Dappadajajippiejippiejeeeee!

Oder, auf andere Weise affirmativ:

„Ja klar gibt es keinen neuen Mann! Weil Männer immer Männer sein werden! Testosteron! Biologie! Gene! Lang lebe das Y-Chromosom!

Beides ist nicht der Grund für die Richtigkeit der in der Überschrift aufgestellten Behauptung.

„Mann“ ist eine gesellschaftliche Konstruktion, die bestimmte Funktionen erfüllt. Innerhalb einer Gesellschaftsformation, die ich als „Kriegerkultur“ bezeichne, ist sie vor allem ein Set aus Imperativen und Verboten, die dafür sorgen sollen, dass der menschlichen Gesellschaft hinreichend genügend Soldaten zur Verfügung stehen: Wesen, die kampfbereit sind, die risikofreudig sind, die sich daran haben gewöhnen lassen, Schmerz, Krankheit, Schwäche und Gefühle generell zu unterdrücken, deren Wahrnehmung auf spezifische Weise geschärft und auf spezifische Weise abgeschwächt ist und die dadurch zuverlässig ein Set an Verhaltensweisen, Einstellungen und Haltungen an den Tag legen, das benötigt wird, um Kriege zu führen, auf Kaperfahrten zu gehen, wilde Tiere zu töten, auf Naturkatastrophen zu reagieren, etc. – Hier eine schöne Beschreibung, wie das alles genau vor sich zu gehen hat, für alle, die das bereits vergessen haben.

Diese Kriegerkultur liegt im Sterben. Wir nehmen das in seiner ganzen Drastik nur selten wahr, denn, wie es bei Nietzsche so schön heißt: „Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt.“ – Das gilt bei wirklichen Veränderungen deutlich mehr noch als bei Worten und Gedanken, die meist gar nichts ändern, sondern Veränderungen nur nachträglich feststellen. Meist dann, wenn solche Veränderungen bereits so unübersehbar und unignorierbar geworden sind, dass man eher geneigt ist zu fragen: „War das etwa nicht schon immer so?“

„Männer“ werden daher schlicht und einfach nicht mehr benötigt in der Weltgesellschaft, in die wir uns gerade unaufhaltsam hineinentwickeln. Das heißt natürlich nicht, dass das Y-Chromosom verschwindet. Es heißt vielmehr, dass es zunehmend unwichtig für uns sein wird, wie es um die Gonosome bei uns und bei anderen Menschen genau bestellt ist.

Um eine Inspiration aus einem auf „Führung“ gemünzten Artikel von Marcus Raitner zu nutzen: Wir sind mitten in einer Entwicklung von einer Kriegerkultur zu einer Gärtnerkultur. – Und das ist nun, nunja doch vielleicht ein Paradigmenwechsel. Allerdings einer, der keine „neuen Männer“ hervorbringen wird, sondern eine ganz neuartige Konstellation. Eine Konstellation, innerhalb derer sich unser Umgang mit „Geschlecht“ im Sinne von „Sex“ (nicht: „Gender“) tatsächlich „revolutioniert“.

 

Warum das gut ist

Ich teile die Haltung des Bielefelder Männertherapeuten Björn Süfke, dass es für uns heutige Männer wenig Sinn macht, die Gebote der Traditionellen Männlichkeit durch neue Gebote einer „Neuen Männlichkeit“ zu ersetzen. Zu einem Zeitpunkt, zu dem uns diese alten Gebote noch voll im Nacken und in den Knochen sitzen, macht es wenig Sinn, noch einen drauf zu setzen und uns selbst mit noch mehr Imperativen zu knechten. – Das wäre keine „männliche Emanzipation“, sondern eine zusätzliche, weitere „Immanzipation“: Selbstversklavung x 2, sozusagen.

Der individuelle Druck, den heute viele Menschen verspüren, wenn gerade mal wieder Geschlechterkategorien gespielt werden, ist auf diese Weise gut erklärbar. Oft wird er auf der männlichen Seite entlang der Pole „Macho/Softie“ oder ähnlichem verhandelt. Es werden dann Sätze gesagt wie: „Der heutige Mann weiß nicht, ob er Macho oder Softie sein soll, er soll ein bisschen von beidem sein. Männer sind heute überfordert“. Oft wird dabei mitgedacht, wenn nicht offen ausgesprochen: „Aber das werden sie mit der Zeit schon noch lernen!“

Nach meiner Einschätzung macht diese Beglückung von Menschen mit zusätzlichen Imperativen aber nicht nur jetzt gerade, „zu diesem Zeitpunkt der Transformation“ keinen Sinn, sondern wird auch später kaum irgendeinen Sinn machen. Die Entwicklung geht in eine völlig andere Richtung.

Statt der Aufstellung eines „neuen Ideals“, wie denn so „ein Mann zu sein habe“, damit er ein „richtiger Mann“ oder ein „guter Mann“ ist, laufen wir auf einen Zustand zu, indem uns jegliche normative Vorstellung, jegliches Männerbild absurd vorkommen muss. – Dass ist gleichbedeutend mit einem immer Unwichtiger-Werden des Konzeptes „Mann“ als sozialer Kategorie, an dem sich Menschen gleich welchen Gonosoms reiben und orientieren. Drastischer formuliert: Es wird keine Männer mehr geben, weil es kein Mann-Ideal mehr geben wird. Die Existenz von Männern setzt eine normative Vorstellung voraus, „was es heißt, ein Mann zu sein“. Mit dem Tod dieser normativen Vorstellung stirbt auch das menschliche Substrat, das von dieser Vorstellung zehrt.

Hat mann als einzelner Mensch bereits viel in seine eigene Zurichtung zum „richtigen Mann“ investiert, z.B. auf viel verzichtet, um der gerade herrschenden Norm von „Mann-Sein“ gerecht zu werden, hat man sich „geformt“, bestimmte Haltungen und Prägungen angenommen, die sich nicht mehr eben mal einfach so ändern lassen, dann wird einem die Prognose „es wird keine Männer mehr geben“ bedrohlich, absurd, unvorstellbar oder unwahrscheinlich vorkommen müssen. Aber Veränderungen dieser Größenordnung kümmern sich schlicht nicht darum, was wir von ihnen halten: Ob wir sie bejahen oder negieren berührt sie nicht. Wir können sie weder aufhalten, noch vorantreiben. Sie vollziehen sich an uns. Wir machen sie nicht.

Ich gehe davon aus, dass in der Modernen Weltgesellschaft, die sich gerade entwickelt, die geschlechtliche Emanzipation vollständig sein wird. Das heißt für Menschen, die die typischen körperlichen Merkmale haben, die sich bei vielen aber eben nicht allen zeigen, die ein Y-Chromosom besitzen, dass sie ihre individuelle Identität zum ganz überwiegenden Teil nicht mehr um diese Merkmale herum aufbauen werden. „Geschlechtlichkeit“ wird ein vergleichsweise nebensächlicher und bedeutungsarmer Teil dessen werden, wie wir uns selbst verstehen.

Dass dies kein Verlust, sondern ein Gewinn ist, ist heute wahrscheinlich für viele Menschen nur schwer nachvollziehbar. Minderheiten, die heute unter der noch sehr wirksamen Heteronormativität leiden, haben es da ein wenig leichter, obgleich auch sie keineswegs frei sind von der Genderisierung von allem und jeder. Es steht uns heute noch kaum frei, uns um unser zufälliges Geschlecht kaum zu scheren. Wir sind gezwungen, dazu „Position zu beziehen“: Dafür, dagegen, wie auch immer.

Wenn ich das aber richtig sehe, ist das ein Zustand, der kaum Bestand haben wird.

Der Slogan „Neue Männer braucht die Welt“ ist in jedem Fall Unsinn. Wir brauchen alles mögliche, aber sicher kein neues Männer-Ideal, für wie progressiv wir es auch gerade halten mögen. Jedes Geschlechts-Ideal ist ein Rückschritt, der von dem realen Verlauf der gesellschaftlichen Prozesse weggespült wird.

Menschliche Identität ist bereits heute so vielfältig, vielschichtig und veränderlich geworden, dass unsere lieben Nachfahren nach einem weiteren Fortschritt dieses Reichtums an Identitäten wohl kaum einen Verlust empfinden werden, wenn sie auf heute zurückblicken und dabei wahrnehmen, dass sie unsere Kriegerkultur, die zu ihrer Selbsterhaltung klarer „Mann/Frau“-Zuschreibungen bedurfte, weit hinter sich gelassen haben.

 


 

* Zu „Weiblichkeit“ und „Frauen“ schreibe ich in diesem Artikel nichts, obwohl es rein begriffstechnisch unmöglich ist, über „Männer“ zu sprechen, ohne dabei gleichzeitig über „Frauen“ zu sprechen. Begriffe machen Sinn erst durch das, wovon sie unterschieden werden.

Ich bin jedoch der Ansicht, dass a) diejenigen Menschen, die sich selbst derzeit als „Frau“ identifizieren, „die Veränderungen von Weiblichkeit“ bitteschön unter sich ausmachen können, und dass b) Lydia Krüger zu dem Thema bereits viel Spannendes geschrieben hat, das ich so niemals nicht hätte formulieren können. – Viel Spaß beim Lesen!

Flucht in die Technik, Flucht in die Theorie

Es ist faszinierend mitzubekommen, was für einen Aufwand wir betreiben, um zu vergessen, wie wichtig andere Menschen für uns sind. Insbesondere wir Männer, heute wahrscheinlich in zunehmendem Ausmaß auch Frauen bedienen sich dazu dreier „Methoden“, die wiederum interessante Folgen haben.

Menschen sind der relevanteste Teil der Primärumwelt eines Menschen. Von nichts anderem sind wir so abhängig. Auf nichts anderes sind wir so „voreingestellt“, um sinnvolle Interaktionen zu ermöglichen. Interaktionen, durch die für unsere Bedürfnisse gesorgt wird / durch die wir für die Befriedigung unserer Bedürfnisse sorgen. Auch wenn wir erwachsen sind, können wir keineswegs unsere meisten Bedürfnisse selbst versorgen, für einen Großteil unserer Bedürfnisse delegieren wir die Zuständigkeit an andere Menschen. Wir sind eingesponnen in ein Netz von Beziehungen mit anderen Menschen. Man könnte sogar noch weiter gehen und sagen: „Wir sind das Netz unserer Beziehungen zu anderen Menschen“. Die Wechselwirkungen mit anderen, denen wir ausgesetzt sind und die wir anderen aussetzen, sind ebenso immens wie wenig verwunderlich: Wir haben einfach Unmengen an unmittelbaren „Anschlüssen“, über die wir uns permanent mit anderen verbinden und austauschen. Wie sehr wir durch unsere menschlichen Umwelten verformt werden, fällt allerdings meist nur alten Bekannten, Freunden und Verwandten auf, die uns länger nicht mehr gesehen haben. Und nicht von vielen können wir über diese „wundersamen Wandlungen“ offene Rückmeldung erwarten. Nicht nur unsere Partner formen uns. Nicht nur unsere Kollegen. Nicht nur die Menschen des Ortes, an dem wir die meiste Zeit leben. Nicht nur unsere Kinder. Nicht nur unsere Freunde. Im Grunde ist jeder Mensch, mit dem wir interagieren, an unserer „Formung“, also an „uns“ beteiligt. – Und das völlig unabhängig davon, ob wir das wollen oder nicht, ob uns das gefällt oder nicht, ob uns das bewusst ist oder nicht.

Dieser kaum wegzudiskutierenden fundamentalen Abhängigkeit von anderen Menschen steht ein intensives Wegdenken dieser Verbundenheit. Unsere moderne Gesellschaft, mithin: wir pflegen einen nachdrücklichen Diskurs des „Autonomen Individuums“, das sich in einem ganz bestimmen Bild von uns niederschlägt: Wir stellen uns uns selbst als „geschlossenes System“ vor, „das seine Gesetze selber macht“. Diese Vorstellung ist ein Witz. Ein Witz, der in uns Schuldgefühle auslöst, wann immer wir diesen Autonomie-Illusionen mal wieder nicht gerecht geworden sind. Also immer dann, wenn wir uns unserer Abhängigkeit von anderen doch mal kurz wieder bewusst werden.

Die drei Methoden, die wir pflegen, um unsere fundamentale Abhängigkeit zu vergessen, sind Flucht in Suchtverhalten, Flucht in die Technik und Flucht in die Theorie. Interessant sind diese Methoden der versuchten Selbstabschließung, Selbstbezogenheit und Selbsterschaffung vor allem dann, wenn ein Re-Entry der zwischenmenschlichen Beziehungen in diese Flucht-Methoden eintritt. Denn diese Re-Entrys vollziehen sich musterhaft, also auf spezifische, regelhafte und beschreibbare Weise.

1.) Sucht

Sucht ist innerhalb einer Gesellschaft, die den Mythos des autonomen Einzelwesens pflegt, eine brave Hörigkeit gegenüber den allgegenwärtigen Autonomie-Erwartungen, denen wir in einer solchen Gesellschaft ununterbrochen ausgesetzt sind: „Ich brauche niemanden. Ich brauche nur meine Pillen/Drinks/Online-Spiele/Videostreams/Selbstverletzungen/Pornos/Sporteinheiten/Arbeit/etc.“

Mit Suchtverhalten versuchen wir eine Selbstregulation einzuführen, die ohne emotional aufgeladene Interaktionen mit anderen Menschen auskommt. Im Grunde ist Suchtverhalten das pragmatische Gegenstück zum Imperativ der Autonomie und zum Mythos des In-sich-geschlossenen Einzelwesens und heroischen Urheber des eigenen Willens.

Interessanterweise führt Suchtverhalten mit großer Regelmäßigkeit zu einer deutlich sichtbaren, kaum mehr ignorierbaren Abhängigkeit von anderen Menschen. Unsere Versuche, mittels reiner Selbstregulation, in perfekter emotionaler Isolation von „unzuverlässigen“ oder „bedrohlichen“ anderen unser Leben zu gestalten, scheitern allesamt früher oder später.

Der Re-Entry des Zwischenmenschlichen besteht bei Suchtverhalten nicht erst in der Co-Abhängigkeit oder im massiven Umsorgt-Werden-Müssen durch Familie, Freunde und professionelles klinisches „Personal“. Der Re-Entry beginnt bereits damit, dass wir, wenn wir eine Sucht pflegen, überaus angenehm für unsere mitmenschliche Umwelt sind. Süchtige schmutzen emotional nicht sonderlich. Sie machen alles Emotionale mit sich selbst aus. Sie funktionieren. Der perfekte Süchtige existiert über dieses Funktionieren hinaus kaum. Er ist auffällig unauffällig. Er entlastet seine mitmenschliche Umwelt massiv. Er tut ein gutes Werk an der Menschheit, indem er sie nicht mit seinem Innenleben belastet, sondern „Medikamente“ für seine Ängste und seine Schmerzen gefunden hat, mit denen er sich selbst behandeln kann, wann immer sie auftreten.

Das ist sehr nett von ihm.

Bevor also suchtpflegende Menschen beginnen, ihren Mitmenschen schmerzhaft zur Last zu fallen, haben sie lange Zeit damit begonnen, ihnen so wenig wie nur möglich zur Last zu fallen.

Man könnte das auch emotional-gesellschaftliches Gleichgewicht nennen. Den Preis zahlen alle zusammen am Schluss. Davor wird lange, lange auf emotionalen Pump gelebt. Und daran ist mitnichten „nur der Süchtige selbst“ beteiligt. An diesem Vorgang sind alle beteiligt, die an Interaktionen beteiligt sind.

Nur ist es in einer Gesellschaft, die den Mythos des autonomen Einzelnen pflegt, schlicht viel naheliegender und – wiederum – emotional entlastender, davon auszugehen, dass wahlweise „mit dem Süchtigen was nicht stimmt“ oder „irgendwas in seiner Vergangenheit“ oder „irgendwas in seinen Genen“, etc.

Auf die soziale Gegenwart zuzurechnen, auf das, was gerade hier und jetzt zwischen Dir und mir geschieht, das erscheint dann allzu absurd und allzu belastend.

2.) Technik

Technik ist grandios. Sie ist spannend, sie ist aufregend, sie sorgt immer wieder für Neuerungen. Sie erleichtert nicht nur unser Leben, sie ermöglicht es heute überhaupt erst. – Ohne unseren vielen Techniken könnten kaum 8 -12  Milliarden von uns diesen kleinen Planeten bewohnen.

Technik hat also ein ziemliches Renommee. Als emotionales Selbsregulativ und systematische Verabschiedung aus sozialen Zusammenhängen generiert sie das, was wir manchmal einen „Ingenieur“ nenne, oder „Bastler“ oder „Tüftler“ oder auch einen „Techie“ oder „Nerd“.

Technik ermöglicht Erfahrungen der Kontrolle und der Selbstvergessenheit. Wir sind in technischen Aktivitäten „ganz beim Gegenstand“, bei seinen spezifischen Eigenschaften, bei seiner Veränderbarkeit und Manipulierbarkeit durch uns. – In der Technik erleben wir uns als souverän gegenüber dem Gegenstand, als göttlich. Es ist kein Zufall, dass der welterschaffende Gott im entsprechenden platonischen Mythos die Bezeichnung „Demiourgos“, also Handwerker trägt.

Zwar verändert uns Technische Aktivität durchaus: Jemand, der sich viel mit der Manipulation eines ganz bestimmten Gegenstands beschäftigt, wird sich in dieser Beschäftigung nach und nach verändern und immer wieder anpassen müssen, um bei seinen Manipulationen erfolgreich zu sein. Darin unterscheidet sich der beinahe ausgestorbene Holzschnitzer nicht von einem Programmierer oder einem Ingenieur oder einem Grundlagenforscher.

Entscheidend ist aber, dass Zwischenmenschliches bei technischen Manipulationen tunlichst ausgeblendet werden kann und muss. Die Grundform technischer Aktivität ist „Ich und der Gegenstand – Und bitte stör mich nicht dabei, verdammt nochmal!“ – Als Sonderform hat die wissenschaftliche technische Aktivität noch gefunden: „Ich, eine Scheibe Glas dazwischen und dahinter ein kontrollierter Versuchsaufbau – Rückwirkungen des Gegenstands auf mich: ausgeschlossen“. Wissenschaft ist insofern das Ideal der Technik, als sie die Selbstvergessenheit zu einer unbedingten Anforderung erhoben hat. Der Wissenschaftler wäre, würde die Glasscheibe wegfallen, würde er in seinem Gegenstand vorkommen, eine Störung. Seine Anwesenheit auf Seiten des Gegenstandes würde zu einer „Verzerrung der Ergebnisse“ führen. Die Fachbezeichnung dafür lautet: „Objektivität“. Versuchsaufbauten dienen dazu, so zu tun als sei der Wissenschaftler, der den Versuch arrangiert hat, eigentlich überhaupt nicht da. – Vor allem deswegen ist Wissenschaft so eine lustige Sache.

Der Re-Entry des Zwischenmenschlichen in die Pflege von Technikverhalten geschieht auf drei grundverschiedene Weisen:

a) Wenn „Techies“ versuchen, erfolgreich mit anderen Menschen zu interagieren. Da das, was wir viel tun, uns unweigerlich formt, neigen wir unweigerlich zur Anwendung „technischer Verfahren“ im Umgang mit anderen Menschen, wenn wir die entsprechende „déformation professionelle“ durchlaufen haben. Wir Techies begeistern sich sehr für den Modus des „Erklärens“ oder „Theoretisierens“, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Wichtig ist dabei, dass unsere aktuellen Emotionen und die Emotionen unserer Interaktionspartner keine Rolle spielen, sondern dass alles ganz „rational“, kontrolliert und emotional gedimmt abläuft.

Dieser Re-Entry ist sehr zielführend: Da uns kaum interessiert, was keine Emotionen in uns auslöst, bekommen wir, wenn wir so vorgehen, exakt die Einsamkeit, Ungestörtheit und Ruhe von Anderen, die wir uns so sehr wünschen. „Technik“ ist so betrachtet ein erfolgreiches soziales Regulativ, dass andere Menschen exakt auf dem Abstand hält, von dem wir glauben, dass wir ihn brauchen.

Eine Sonderform dieses Re-Entry’s stellen Versuche von Technik-affinen Menschen dar, auf technische Weise gezielt bestimmte Emotionen bei anderen Menschen auszulösen, und dabei selbst emotional völlig unbeteiligt zu bleiben. Manche nennen solches Verhalten ja „soziopathisch“. Ich glaube, dass eine solche Pathologisierung aber mehr vernebelt als erhellt. Aus Sicht eines Menschen, der sich entschieden hat, via Technik alles Zwischenmenschliche so weit wie möglich von sich fernzuhalten, ist dies ein erster Schritt wieder hinein in die Interaktion, und zwar mit dem Sicherheitsabstand, den er glaubt zu benötigen.

Die Erfahrung, dass diese Versuche und ihn selbst involvierenden Experimente nur selten zu den Ergebnissen führen, die er herbeiführen wollte, kann einen Techie zu weitergehenden Schritten führen. „Der Mensch als Gegenstand“ erweist sich nämlich bei solchen Versuchen als ausgesprochen widerständiges Material, das eine ganz andere Form von Engagement benötigt, um in Experimenten erfolgreich zu sein. – Nach und nach beginnt der „Gegenstand“ den „souveränen Experimentator“ auf seine Seite zu ziehen und zu verändern…

…was natürlich eigentlich etwas ist, das keinem eingefleischten Techniker jemals passieren darf.

b) Wenn Technik „dem Menschen nutzen soll“, also in ökonomischen oder anderen sozialen Zusammenhängen instrumentalisiert wird. – Dieser Re-Entry ist für die meisten Menschen ziemlich frustrierend und schmerzhaft, die Technik als emotionales Selbstregulativ und Befolgung des Autonomie-Imperativs gewählt haben.

Damit sind nicht nur die vielen Konflikte zwischen BWLern und Technikern gemeint, die in unseren Unternehmen ständig ausgefochten und von den Technikern mangels politischer/emotionaler Übung regelmäßig verloren werden. Damit ist auch die Konfliktlinie zwischen Produktion und Vertrieb gemeint. Zwischen Investoren- und Kundenorientierung von Unternehmen. Zwischen dem Versuch, Prozesse zu managen, und dem Versuch, Menschen zu führen. Und auch die Transformationskonflikte, wenn Techies in Technik-Vernutzungszusammenhängen plötzlich entdecken, dass es dort ja überall Menschen gibt und als Reaktion auf diese Entdeckung solche Dinge erfinden wie „agile“, „Beyond Budgeting“, „Management 3.0“ und was der lustigen Nerd-Spielereien mehr sind… …Nicht-Techies lassen sich von solchem Wortgeklingel wahlweise beeindrucken, wahlweise haben sie das Gefühl, dass hier gerade irgendwelche Teenager zum ersten Mal Sex hatten und nun den Rest der Welt darüber aufklären wollen, wie großartig das doch ist. „Der Rest der Welt“ gähnt dann gelangweilt oder lächelt milde. Und der Teenager schmollt dann und findet alle anderen ahnungslos und doof.

Techies, die Konzentration auf Technik als Methode zur Distanzaufrechterhaltung gewählt haben, wünschen sich regelmäßig die Tüftler-Werkstatt zurück, in der Unternehmenspolitik keine Rolle spielt. In der höchstens ab und zu Donald Duck am Abend anklopft, irgendwas Unmöglich-Abgefahrenes bestellt, das man dem staunenden Donald dann nach einer durchgetüftelten Nacht fertig in die Hand drückt. – DAS wäre beglückend. Hach, Wirtschaft könnte so schön sein…!

Das Wirtschaft heute vor allem Zusammenarbeit ist, die uns alle sehr weit weg rückt vom Modus „Ich und mein Werk“, führt dazu, dass Technik als eine Lebensform der Distanznahme zunehmend unbrauchbar geworden ist. Um in wirtschaftlichen Zusammenhängen Techniker sein zu dürfen, muss man leider seine empfindlichen Organe reaktivieren, die befriedigende Interaktionen überhaupt erst möglich machen.

Das jedoch fühlt sich ziemlich gefährlich, riskant und bedrohlich an. – Lieber doch abgeschalteter Dienst nach Vorschrift + Leidenschaft in der heimischen Bastelkammer.

c) Es wird versucht, das Zwischenmenschliche selbst zum Gegenstand von Technik oder zum „Forschungsgegenstand“ zu machen. – Wann immer das geschieht, haben wir Menschen vor uns, die im Versuch gefangen sind, sich gottgleich über alle anderen Menschen zu erheben. – Platons Politeia ist hier formgebend:

Wir haben dann einerseits Menschen als Objekt. Andererseits Menschen- oder Gesellschafts-Techniker als diesen Gegenstand manipulierende Subjekte, die aber auf der Objektseite selbst nicht vorkommen („das würde die Ergebnisse verzerren“, man erinnert sich an die Grundbedingung von Wissenschaft). „Das Rationale“ hat „das Irrationale“ auf Biegen und Brechen zu beherrschen. Zu diesem Zweck hat es bitteschön Abstand von ihm zu halten. Sonst Kontaminierung des Rationalen mit Emotion = Weltuntergang.

Da die Trennung von „Gestaltung der Spielbedingungen“ und „Mitspieler im Spiel sein“ fundamental für Technik ist, führt die Anwendung der Aktivitätsformen Technik und Wissenschaft auf den Bereich des Menschlichen und Gesellschaftlichen entweder zu absurd komischen Auswüchsen oder zu gewalttätigem, empathiebefreiten Verhalten, das dazu dient, eine unmögliche Trennung („die Glasscheibe“) zwanghaft aufrecht zu erhalten. Oft führt es zu beidem gleichzeitig. Die meisten Diktatoren, Foltermeister, Gesellschaftsverbesserer und mitgefühllosen Psychiater sind ziemlich lächerliche Figuren. – Das kann man immer dann leicht wahrnehmen und aussprechen, wenn man gerade nicht selbst in den Objektbereich ihrer technischen Experimente fällt.

Die Verleugnung des Umstandes, dass wir als Menschen immer selbst im Spiel ist, dass es hier keine sinnvollen Subjekt-Objekt-Trennungen geben kann, und dass eine „Wissenschaft vom Menschen“ oder eine „Wissenschaft von der Gesellschaft“ ein „Kategorienfehler“, oder schlicht und einfach Unsinn ist, führt in praktischer Hinsicht zur Rechtfertigung von Gewalt, die die einen Menschen den anderen Menschen antun dürfen – oder sogar glauben, ihnen antun zu müssen: „Der Wissendere“, dem „Unwissenderen“.

Dass dieser platonische Mythos auch heute noch in vollem Saft und Kraft steht, lässt sich an der Entstehungsgeschichte unserer modernen Demokratien ablesen und an unserer anhaltenden Weigerung, unsere demokratischen Verfahren dahingehend weiterzuentwickeln, dass jeder von uns voll als Subjekt des Gemeinwesens erleben und empfinden kann.

3. Theorie

Theorie ist als Mittel der Menschlichkeitsverdrängung perfekt: Als „view from above“ kann sie einen sogleich vergessen lassen, dass man einen Körper hat, dass man was Essen muss, dass man Schlaf braucht, sowie Aussprache, Zuspruch, Austausch und Umarmungen. „Wenn ich eine interessante Interaktion haben will, unterhalte ich mich mit mir selbst“ ist der Leitsatz des autonomen theoretischen Menschen, der damit ebenfalls brav den Vereinzelungsmythen und -Imperativen folgt.

Da Theorie zudem umso mehr zu beeindrucken weiß, um so weniger ein Interaktionspartner selbst von dieser Krankheit befallen ist, bieten sich interessante und typische Formen des Re-Entries an:

  • Bücher schreiben
  • Vorträge halten
  • Langatmige Blogeinträge mit viel zu vielen Nebensätzen, Einschüben und Fremdwörtern verfassen
  • Finden eines Lebenspartners, mit dem man eine kontaktarme Beziehung führt, und der für einen das Geld verdient, der die Kinder versorgt und einem den Haushalt macht

Der typische Re-Entry-Frust besteht hier darin, dass Theorie für jeden Nicht-Theoretiker schlicht langweilig, umständlich und uninteressant ist. Die Frage: „Und, was hat das jetzt gerade mit mir zu tun?“ ist für Nicht-Theoretiker eben nicht dadurch beantwortet, dass für sie die großen Vorzüge der zwischenmenschlichen Distanznahme unmittelbar spürbar wären. Denn entweder kennen sie die Ängste der Theoretiker vor Unmittelbarkeit, Körperlichkeit, Abhängigkeit und Kontrollverlust gar nicht. Oder sie haben andere Wege und Mittel gefunden, ihnen zu begegnen oder mit ihnen umzugehen.

Auf das große Desinteresse ihrer Mitmenschen an ihrer Theorie reagieren Theoretiker

  • mit Verstärkung ihrer theoretischen Aktivität („mehr vom Selben“), in der irrigen Annahme, dass die Theorie bisher noch zu schlecht und unausgereift war, um Anklang zu finden. Die Illusion, es könnte kontrollierbaren, unemotionalen zwischenmenschlichen Kontakt geben, wird aufrecht erhalten.
  • mit „Popularisierung“ und „Bebilderung“: Man muss es diesen ganzen Dummies einfach besser „vermitteln“. Manche Theoretiker laufen hier erst richtig zur Höchstform auf.
  • mit Rückzug, Sarkasmus und Elite-Fantasien: Wenn andere es nicht verstehen, was an den eigenen Gedanken so wahnsinnig toll ist, haben sie es eben nicht besser verdient („Perlen vor die Säue“). Eines Tages wird man verstehen. Die Ideen sind gut, doch die Menschheit noch nicht bereit. Wahlweise auch: Niemals bereit. Egal. Ich weiß, was ich weiß, und bin mir selbst genug.

Auch hier treffen wir bei Platon den Vorgänger aller Re-Entries an: Im „Höhlengleichnis“ beschreibt er wunderbar selbstimmunisierend den Rückkehr des theoretisch Erleuchteten in die Höhle der Gesellschaft und damit den Kontakt des einsichtigen Theoretikers mit den weiterhin an ihre lächerlichen Ideen angebundenen Menschen. Er schildert das Nicht-Willkommensein, die Gegenwehr oder wie die Psychotherapeuten mal sagten: „Den Widerstand“ der dummen Masse gegen den wohlmeinenden Philosophen. Einsicht sei schwer zu vermitteln, es bedürfe dazu der indirekten Techniken und einer Unterscheidung von esoterischem und exoterischem Auftreten. Mit den „Men in Black“ hätte Platon einiges anzufangen gewusst. Denn „die Wahrheit“ ist den meisten Menschen nur unter Gefahr für Leib und Leben des Wahrheitsbringers zumutbar. Bevor man sie blitzdingsen muss, sollte man lieber dafür sorgen, dass sie nichts davon erfahren, dass Aliens auf der Erde leben.

Ich muss zugeben: Zumindest die Unterscheidung von Esoterik und Exoterik ist ein charmanter Gedanke, dem ich einiges abgewinnen kann. Immerhin erleben wir täglich, dass eine gewisse kognitive Dissonanz recht produktiv ist, wenn man anderen Menschen bei ihren (Nicht-)Veränderungen begegnet. Wenn entschieden, nachdrücklich und vor allem emotional für eine Sache eingetreten wird, so überzeugt das die meisten von uns immer noch nachhaltig vom Gegenteil. – So verteidigen wir unsere Autonomie gegenüber den Zumutungen unserer Mitmenschen.

Natürlich ist das alles ein bisschen umständlich, da man sich auch einfach auf andere einlassen und mit ihnen Spaß haben könnte. Aber wer von uns will es schon einfach haben?

Lang lebe die Autonomie! Und der Theoretiker ist immer noch der Autonomste von allen! Nur schade, dass nicht alle Welt theoretisch werden will, sondern dass sie sich hartnäckig weigert, die unbestreitbaren Vorzüge der theoretischen Distanznahme für sich zu erkennen! – Wer aber derart verstockt die Heteronomie wählt und auf die Selbst-Befreiung durch Theorie verzichtet, für den darf es eben auch keinen Unterschied machen, ob seine Heteronomie von autonomen Theoretikern bestimmt wird oder von Sklaven nicht-theoretischer, niedriger, körperlicher Leidenschaften! Die Theoretiker müssen die Welt beherrschen, um sie vor sich selbst zu retten.

– So oder so ähnlich würde das Platon als Erfinder der „theoretischen Methode“ wohl heute nicht schreiben. Es wäre zu direkt, zu wenig subtil und zu unverständlich.

 

 

 

 

 

 

Über die 4 Sorten von Problemen – In Unternehmen und überhaupt

Problem ist nicht gleich Problem. – Sehr gerne reden wir über zwei ganz bestimmte Arten von Problemen, weil die uns nicht sonderlich wehtun und weil wir dabei sehr schnell sehr toll ausschauen. Sehr ungern reden wir über zwei ganz bestimmte andere Arten von Problemen, die uns oft peinlich und schmerzhaft sind und vor denen wir deutlich mehr Angst haben als uns gut tut und als es angemessen wäre. Aber, nunja, wir sind halt Menschen.

Unter den insgesamt 4 Sorten von Problemen, die wir als Menschen so haben können und die es daher auch in Unternehmen gibt, sind

  • 2 „problematische Probleme“, an denen man sinnvollerweise arbeiten sollte,
  • 1 „unproblematisches Problem“, an dem ohnehin ständig gearbeitet wird. Und an dem vor allem dann sehr gut gearbeitet werden kann, wenn die ersten beiden Problemsorten gerade mal wieder halbwegs gut bearbeitet sind,
  • sowie 1 Sorte supernerviger Pseudo-Probleme, bei denen ich mittlerweile immer einfach weghöre oder reissaus nehme. Also zumindest dann, wenn ich gerade meine sieben Sinne beieinander habe.

1. Problemsorte: Überanpassung

„Freiheit in Beziehung“ ist sicher eine Grundformel dessen, worin sich die meisten Menschen wohlfühlen würden. Leider gibt es da dieses klitzekleine und überaus robuste Problem: In den meisten von uns schlummert eine tiefe Urangst, ausgestoßen zu werden und nicht dazu zu gehören, wenn…

…wir uns nicht angepasst verhalten. Manche sagen auch: Wenn wir uns nicht „sozial erwünscht“ verhalten. Diese Angst geht soweit, dass wir dafür regelmäßig bereit sind, drängende Bedürfnisse zurückzustellen und nicht mehr wahrzunehmen. Oftmals bis hin zur massiven Selbstschädigung und Erkrankung. Manchmal ziehen wir sogar den Tod vor, bevor wir uns „entehren“, „blamieren“, „das Gesicht verlieren“, etc.. – Lauter Worte für unsere Anpassung an die erlebten oder angenommenen Erwartungen anderer.

Als Bewerbungscoach, der Menschen regelmäßig danach fragen darf, was sie denn nun eigentlich als nächstes so machen wollen, kann ich mich beinahe täglich mit diesem Problem herumschlagen. Ich mache das nun jetzt schon so lange, dass ich sagen kann: Mittlerweile sind die Überanpassung und ich so richtig dicke Kumpel geworden. Ich freue mich unverhohlen, wenn ich mal wieder auf einen jener gefühlten 50% meiner Kunden treffe, die die Frage, was sie eigentlich wollen, gar nicht mehr beantworten können. Nicht mir gegenüber und auch nicht sich selbst gegenüber wohlgemerkt. – Denn Überanpassung hat nur ihre Vorstufe darin, dass man sich auf die Zunge beißt und anderen einfach nicht mehr mitteilt, was man gerade bräuchte und möchte. In ihrer vollen Entfaltung und Pracht nimmt Überanpassung so gut wie immer die Form an, dass man nicht mehr nur vor anderen Menschen verbirgt, was man will, sondern auch vor sich selbst. Das ist einfach das Sicherste. Ein Mensch, der seine Wünsche soweit weggesperrt hat, dass er sie selbst nicht mehr wahrnehmen kann, verhält sich wie einer, der sich selbst in ein ein- und ausbruchssicheres Gefängnis einsperrt, und dann den Schlüssel so weit wie möglich aus dem Fenster wirft. Auf jeden Fall so weit, dass er ohne fremde Hilfe nicht mehr herankommen kann. So kann man sehr effizient verhindern, dass man nicht ausversehen doch mal den Mund aufmacht, etwas unternimmt oder sonstwie aus dem Eck kommt.

Generell dürfen wir davon ausgehen, dass wir eigene Wünsche, die wir nicht anderen mitteilen, relativ schnell auch selbst nicht mehr wahrnehmen können. Als soziale Wesen brauchen wir die Spiegelung durch andere, brauchen wir Resonanz und Feedback, um bei uns selbst sein zu können. Dauerhafte emotionale Einsamkeit bringt Kauzigkeit hervor, wenn nicht schiere Verzweiflung und ihre handlungsorientiertere Schwester, die Sucht.

Daher ist es recht effektiv, sich ein Umfeld zu suchen, in dem man beim Äußern von eigenen Wünschen und Wollen zuverlässig gedemütigt oder anderswie bestraft wird. Auf diese Weise kommt man nie in Versuchung, zu sich zu kommen und gewöhnt sich jenes magische Ding, das sich „Authentizität“ schimpft, einfach konsequent ab.

Überanpassung ist eins von zwei sehr realen und bearbeitenswerten Problemen, die Menschen haben können. Sonderlich dramatisch ist es allerdings nicht: Heutzutage nehmen sich Menschen mangels guter Freunde einfach einen zu ihnen passenden Coach oder einen Therapeuten und verschaffen sich damit die Erfahrung einer Beziehung, in der nicht das Äußern von Bedürfnissen scharf sanktioniert wird, sondern das Nicht-Äußern-Können von Bedürfnissen… 😉

2. Problemsorte: Fehlende Anpassung

Dass es nur Überanpassung gibt und nackte Authentizität alle Probleme löst, die man als Mensch so haben kann, ist allerdings ein therapeutischer Mythos oder schlicht ein alltägliches Missverständnis. Die Dosis macht das Gift, und so gibt es natürlich neben einem zu viel an Anpassung auch ein zu wenig. Neben unserer Ängstlichkeit sind wir gleichzeitig in der Lage, ausgemachte Sturköpfe zu sein, die lieber ein 10.000stes Mal mit dem Kopf gegen die gleiche Wand rennen, als mal nachzuschauen, ob vielleicht direkt nebendran eine offene Tür ist, die nur darauf wartet, dass wir durch sie hindurchgehen. Und das auch dann noch, wenn wir tierisches Schädelweh haben, uns die Nase blutet und wir uns alle Zähne längst ausgebissen haben.

Den meisten von uns liegt der Glaube nicht wirklich fern, dass wir uns auf’s hohe Prinzipienpferd setzen und dann einfach mal über die konkrete Bedürfnislage unserer menschlichen Interaktionspartner drübergalopieren können. – Nun, das stimmt ja auch. Wir sind ja nicht blöd. Man kann das machen. Nur darf man dann halt nicht mit Begeisterungsstürmen dieser anderen Menschen rechnen. Auch nicht damit, dass man von ihnen dann besonders geschätzt wird. Und schon nicht damit, dass man dann von ihnen bekommt, was man eigentlich gerade von ihnen bekommen wollte.

Das beginnt bei Anrufen bei Behörden („alles faule, unfreundliche Socken“). Das geht weiter über Ignoranz gegenüber dem Faktum, dass z.B. auch die eigene Chefin nebenberuflich ein Mensch ist und Bedürfnisse hat. Und endet bei diffusen Erwartungen gegenüber dem eigenen Lebenspartner oder den eigenen Kindern. – Die Annahme, dass wir selbst bedürftig sein können, und diejenigen Menschen, von denen wir etwas wollen, ebenfalls Bedürfnisse haben könnten, scheint uns trotz theoretischer Begeisterung für komplexe Zusammenhänge oft kognitiv völlig zu überfordern: „Entweder ich brauche was oder der andere! Es brauchen gleichzeitig wir beide was? Viel zu uneindeutig!“

Trotz grundsätzlicher Umarmung aller möglichen Überanpassungen und Vorauseilender Gehorsamkeiten sind wir in der Lage, uns gleichzeitig in vielen Situationen überaus unangepasst zu verhalten: Alles mögliche von allen möglichen anderen Menschen zu erwarten, ohne bereit zu sein, auch nur im geringsten dem Umstand Tribut zu zollen, dass der Andere ebenfalls ein Mensch ist, sich in einer für ihn spezifischen Situation befindet und gerade alle möglichen Bedürfnisse haben könnte. – Daher wird gar nicht erst nach den Bedürfnissen anderer gefragt, sondern diese werden als störungsfreie Funktionseinheiten zur eigenen Befriedigung und Beglückung vorausgesetzt. In Unternehmen kennen wir die institutionelle Überhöhung dieser Weltsicht unter der Bezeichnung „Management“.

Dass die wenigen geübten Manipulatoren, die den Umstand der grundsätzlichen Bedürftigkeit auch aller anderen Menschen zum absolut handlungsleitenden Prinzip machen, damit überaus erfolgreich sind, ist daher nicht besonders erstaunlich. Da die meisten von uns derart ausgehungert danach sind, dass mal jemand unsere aktuelle Situation würdigen möge, wenn er an uns mit einem Anliegen herantritt, sind wir leichte Opfer für diejenigen, die unsere allzu selten gebrauchten Tasten zu drücken verstehen. Solange Fehlende Anpassung in unserer Gesellschaft so verbreitet ist wie derzeit, ist das Tor für alle halbwegs begabte Hochstapler, Verkäufer und Karrieristen aka Tiefanustaucher sperrangelweit offen. – Ich jedenfalls treffe in meiner Berufspraxis Unmengen aufrechter Gesellen, die sich halb erstaunt, halb verbittert fragen, warum immer wieder Menschen ganz elegant und leichthin an ihnen vorbeiziehen, die sich deutlich weniger engagieren als sie selbst und die deutlich weniger Sachkenntnis haben als sie selbst. Ihr ausgemachter Sturschädel aka Unwille, andere Menschen als solche wahrzunehmen, hat mit diesen Vorgängen natürlich niemals auch nur das Geringste zu tun…

Auch hier kann man heute mangels Freunden, von denen man sich auch mal ein offenes Wort sagen lässt, eben mal zu einem Coach oder Therapeuten geben und sich von diesen „in einem geschützen Raum“ dasjenige Feedback auf die eigenen Unangepasstheiten geben lassen, das einem die alltägliche Umwelt konsequent verweigert, weil sie es komischerweise einfach nicht riskieren möchte, es sich dauerhaft mit einem zu verscherzen.

Im Grunde sind übermäßige Anpassung und fehlende Anpassung auch gar keine Gegensätze. Ihr Gegensatz ist nur Oberfläche. Nach meinen Erfahrungen gehen beide vielmehr Hand in Hand:

Fehlende Anpassung des eigenen Handelns an die eigenen Bedürfnisse („Überanpassung“) hat nahezu immer die Folge, dass wir im gleichen oder nächsten Atemzug nicht mehr bereit sind, unser Handeln an die Bedürfnisse derjenigen Mitmenschen anzupassen, mit denen wir auskommen oder von denen wir mehr wollen.

Guter Kontakt mit sich selbst ist die Basis für guten Kontakt mit anderen. Genauso wie guter Kontakt mit anderen die Basis ist für guten Kontakt mit sich selbst.

Nur unsere gewohnte Redeweise sieht hier Gegensätze. Natürlich gibt es Menschen, die an der Oberfläche wie die geborenen Sklaven des Rests der Menschheit daherkommen. Doch die haben ausnahmslos immer an ganz bestimmten Stellen einen ausgesprochenen Eigensinn, um nicht zu sagen Dickschädel, der sie auf recht überunangepasste Weise anecken lässt.

Und genauso gibt es natürlich Menschen, die an der Oberfläche der sprichwörtlichen Axt im Wald so sehr ähneln, dass man sie instinktiv großräumig zu umfahren versucht. Aber deren Schärfe ist ausnahmslos immer ein vorauseilender Gehorsam gegenüber bestimmten Bewertungen, die sie einfach dem Rest der Menschheit als „selbstverständlich“ unterjubeln. Hinter jeder notorischen Unangepasstheit steckt eine Überanpassung nach der Maxime „Ein-Schlüssel-für-alle-Schlösser“. Die Überanpassung gilt jenem Schloss, das diesen einen Schlüssel geformt hat. Wenn wir in unserem Prinzipienreiter-Modus unterwegs sind, sind wir exakt genauso wenig mit uns selbst und unseren aktuellen Bedürfnissen in Konakt, wie dann, wenn wir es allen anderen Recht zu machen versuchen, nur uns selbst nicht.

3. Problemsorte: Technische Probleme

Technische Probleme ist jener Rest an sinnvollen Problemen, die übrigbleiben, wenn wir unsere Probleme von Überanpassung und Fehlender Anpassung gerade halbwegs gut verarztet haben.

Rein Technische Probleme sind immer „unproblematisch“, weil ihre Lösung lustvoll ist, weil wir in diesem Bereich Fortschritte machen können, in dem Sinne, dass die gleichen technischen Probleme nicht immer wieder neu auftreten. Zudem kann man in diesem Bereich brauchbares Wissen anhäufen, das man sogar mit anderen Menschen auf sinnvolle Art teilen kann. Das Kompetenzerleben nach der Lösung eines technischen Problems ist für die meisten von uns überaus beglückend, solange es nicht durch Andere kommentiert und bewertet wird.

Technische Probleme haben zudem den Vorzug, dass ihre Lösungen leicht miteinander verglichen werden können. Es gibt hier meist ein recht eindeutiges  „besser oder schlechter“. Ein Besser oder Schlechter, in Bezug auf das leicht Konsens hergestellt werden kann, indem man es misst und die Messungen vergleicht. Ein Besser oder Schlechter, das zu seiner Validierung sehr gut ohne irgendeine Bezugnahme auf das schwer greifbare Innenleben von irgendwelchen Wabbeldingern genannt Menschen auskommt.

Das einzige mir bekannte Problem, das im Kontext technischer Probleme auftreten kann, ist eine all zu große Gewöhnung an die „Technizität“ von Problemen. Sprich: Menschen, die sich berufsmäßig und/oder privat viel mit Technik herumschlagen, neigen irgendwann dazu zu glauben, dass alle menschlichen Probleme rein technischer Natur seien.

Das ist zwar oft unheilbar aber im Grunde harmlos. Es handelt sich um eine der vielen möglichen „Déformations professionelles“, oder eben: Um eine unangepasste Überanpassung an den eigenen Beruf und die eigenen Erfolge dort.

Technische Probleme haben es an sich, dass es nicht sonderlich beängstigend, unbequem oder schmerzhaft für uns ist, in Bezug auf sie Anpassungen unserer Vorgehensweise, Ideen oder Haltung anzunehmen. Natürlich kann man sich auch an bestimmte Technik allzu sehr gewöhnen und aus purer Trägheit neue Techniken ablehnen, die irgenwelche wildgewordenen Innovatoren einem gerade aufschwatzen oder andienen wollen.

Aber ein Techniker, der gerade in ein ganz bestimmtes technisches Problem „verliebt“ ist, hat in der Regel kaum Probleme, dieses oder jenes „Tool“ zu verwerfen, wenn es das Problem, das er gerade lösen möchte, eben einfach nicht zu befriedigenden Ergebnissen bringt. Entweder er interessiert sich dann für bessere Werkzeuge oder er erschafft diese gleich selbst.

Technische Probleme haben nämlich die angenehme Eigenschaft, keine primäre soziale Komponente zu haben: Man muss sich nicht mit der Balance der Aufmerksamkeit für die eigenen Bedürfnisse und der Bedürfnisse anderer auseinandersetzen, um sie zu lösen. Oder anders gesagt: Technische Probleme sind angenehm unmenschlich. Oft macht man bei ihnen die größten Fortschritte in jenen Momenten, in denen man mal für eine Zeitlang völlig auf eigene und fremde Befindlichkeiten sch****. „Flow“ ist auch eine Erlösung von der eigenen lästigen Menschlichkeit und der Menschlichkeit irgendwelcher dahergelaufener Anderer. Ein wahrhaft göttlicher Zustand.

Viele Menschen mit starken technischen Neigungen leiden heutzutage darunter, dass die Zeiten des einsamen Tüftlers in seiner Werkstatt in den meisten Berufen der Vergangenheit angehören. – Heute ist vieles vordergründig Technische am Ende eben doch vor allem „Menschenbusiness“: Man muss wissen, wie man andere dazu bekommt, Bestimmtes rechtzeitig zu liefern. Die erlösende Einsamkeit und Konzentration auf „Ich und mein Werk“ ist in den meisten Berufen ein ausgesprochen seltenes Privileg. Mir begegnen jedenfalls ständig hochbegabte Daniel Düsentriebe, die ich gerne in eine Zeitmaschine setzen und in eine Zeit zurückschicken möchte, in der die Begeisterung für bestimmte Techniken hinreichend war, um äußerst wohltuende Beiträge zur menschlichen Gesellschaft zustande zu bringen.

4. Problemsorte: Theoretiker-Probleme

Alle anderen Probleme, die von Menschen aufgeworfen werden, sind reine Schein-Probleme, mit denen wir uns wichtig zu machen versuchen. V.a. Menschen, die sich überdurchschnittlich gut ausdrücken können und die ihr leicht hyperaktives Gehirn vor allem dazu benutzen, auf eine beredte Weise zu vermeiden, ihre sehr gegenwärtigen und oft peinlich banalen Probleme wirkungsvoll anzugehen, werfen gern Pseudo-Probleme auf, für die sie dann eine beeindruckend monumentale Lösung gleich mitliefern. Eine Lösung, die natürlich ein lebenslanges Studium voraussetzt. Kritik an dieser Lösung verbietet sich automatisch, denn sie kann nur aus „fehlender Beschäftigung/ Wissen/ Einsicht/ Verständnis“ hervorgegangen sein. – Theorien liefern ihre wasserdichte Selbstimmunisierung gegen Kritik automatisch mit. Keine technische Sicherheitsanlage kann es mit jenen Bollwerken gegen die Wirklichkeit aufnehmen, die wir „Theorien“ nennen. Wenn Sie also mal wieder einen eingefleischten Theoretiker treffen, nehmen Sie ihre Beine in die Hand und laufen Sie weg. Noch effektiver ist nur die gegenüber jeder Theorie wirkungsvolle Widerlegung, die in dem ebenso kurzen wie endgültigen Satz besteht: „Du, ich muss mal auf’s Klo.“

Fazit

Wann immer wir auf „ein Problem“ treffen, können wir prüfen:

Handelt es sich bei diesem Problem:

a) um eine notorische Überanpassung an die Wünsche anderer

b) um eine notorische Verweigerung von Anpassung an die Wünsche anderer

c) um ein rein technisches Problem

d) um reinen Bullshit

Im letzteren Fall empfehle ich mir hiermit selbst, konsequent auf Durchzug zu schalten. Es gibt einfach viel zu viele brauchbarere Probleme, mit denen ich meine Lebenszeit verbringen kann.

 

 

 

 

Wir sind verbunden – Aber wir denken nicht so

Große Teile unseres Denkens über „den Menschen“ und „die Gesellschaft“ haben einen ganz bestimmten blinden Fleck: Sie sind auf eine sehr spezifische Weise nicht selbstfreflexiv. Weder berücksichtigen sie den aktuellen Zustand derer, die da denken. Noch ihre möglichen Zustände. Noch den grundsätzlichen Umstand, was „am Wesen Mensch“ veränderlich ist und was zu seiner „unveränderlichen Substanz“ gehört. Auch, dass ein Denken über einen „Gegenstand“, das von diesem „Gegenstand“ selbst gedacht wird, ein Denken eigener Art ist („Subjekt“ und „Objekt“ fallen in eins, sind nicht mehr ganz so leicht auseinander zu dividieren), wird selten berücksichtigt. Dass hier das Denken eine ganz andere Rolle hat, als wenn wir „streng wissenschaftlich“ Objekte, die wir nicht selber sind, analytisch auseinandernehmen und synthetisch in unserem Denken neu zusammensetzen, wird selten „mitgedacht“. Unterscheidungen, die wir ziehen oder die spiegeln, was wir wahrzunehmen glauben, wirken hier noch einmal auf eine zweite Weise, die bei anderen „Objekten des Denkens“ nicht gegeben ist.

So zu denken ist etwas aus der Mode gekommen. „Substanz“ und „Akzidentien“ sind feste Bestandteile klassischer philosophischer Gespräche, wie sie Platon und Aristoteles als vorbildlich hingestellt haben.

Lustigerweise haben wir mit unserem heutigen Denken die Körperferne und den blinden Rationalismus der klassischen antiken Philosophie übernommen, während wir ihre beherzte Selbstreflexivität über die Jahrhunderte abgestriffen haben. Der letzte Philosoph, der dem klassischen antiken Denken voll verpflichtet war und dabei auch jene Selbstreflexivität voll in sein Denken hineinnahm und in aller Länge und Breite zu entfalten versucht, war der gute alte Hegel. Bei Nietzsche finden wir zwar die gleichen Voraussetzungen, aber mit dem verzweifelten Wunsch, das alles loszuwerden. Nietzsche macht den Auftakt zu den vielen unterschiedlichen Philosophie-Beendigungs-Philosophien des 20. Jahrhunderts. – Eine flächendeckende Bewegung innerhalb der Philosophie, die nie wirklich von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Anders ist kaum erklärbar, warum man heute allüberall so viele Theoretiker antreffen kann, deren ungebrochener Platonismus von keiner einzigen der zahllosen Kritiken an der philosophischen Tradition angekratzt ist. Platon hat heute immer noch so viele Menschen am Schlawickel, dass ich manchmal halb bewundernd, halb schaudernd mit offenem Mund davorstehe, was heute immer noch so gedacht werden kann. Das sind die Momente, in denen ich denke: „Da hat sich das Philosophie-Studium vielleicht doch ein wenig gelohnt.“


 

Die Frage, die ich hier stellen möchte, ist die, wovon unser Denken eigentlich geleitet ist. Wenn wir nach dem gehen, was uns Psychologen erzählen, sind die Grundimpulse, die auf einer kognitiv-sprachlichen Ebene gespiegelt werden, Körperzustände. – Ich spreche hier vereinfachend von „erfüllten und unerfüllten Bedürfnissen“ und übernehme damit eine Redeweise aus der „Gewaltfreien Kommunikation“ Marshall Rosenbergs.

Während die klassische philosophische Tradition die Außenwelt in logischen (= sprachlichen) Strukturen spiegeln will und dabei Innenimpulse (= Gefühle) als „störend“ konzipiert hat, sind wir heute bereit anzunehmen, dass wir unsere Außenwelt nur benutzen, um sie Impulsen, die bereits vor allem Außenkontakt bestehen, zuzuordnen. Das geschieht nicht erst im Handeln, also wenn wir jenen Teil unseres Körpers bewegen, der vermeintlich „unserer bewussten Kontrolle“ unterliegt, sondern bereits in unserem Denken, also in dem Moment, in dem wir Wirklichkeit konzipieren. Je nachdem, „wie es uns geht“ und „was mit uns gerade los ist“, nehmen wir völlig anderes wahr, nehmen wir völlig anders war, Verknüpfen wir diese Wahrnehmungen anders, benutzen wir andere Teile unseres Gedächtnis, schaffen wir andere sprachliche Strukturen. – Und dies alles so schnell und so „unbewusst“, dass der Versuch einer „adäquaten Selbstbeobachtung“ dieser Vorgänge von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. – Wir können sie mühselig und im Nachhinein zu rekonstruieren versuchen. Aber auch dieses Bemühen ist von jeweils aktuellen Bedürfnissen / Innenzuständen „eingefärbt“, besser: geleitet.

Die Fiktion der Wissenschaft, es könne so etwas wie ein objektives Denken geben, das vor allem von Emotionslosigkeit und Unbeteiligtheit charakterisiert ist, ist eine Fiktion, die für uns um so lächerlicher wird, um so mehr wir uns mit den psychologischen Vorgängen beschäftigen, die ununterbrochen vor sich gehen, um nicht zu sagen: „die wir sind“.

Dieser Schritt bringt uns dahin, wo wir meiner Einschätzung nach immer schon sind: In Beziehung.

Wir können uns verstehen als Beziehungswesen, die in einem permanenten Austausch mit ihrer Umwelt stehen, in ganz besonderer Weise und in ganz besonderem Ausmaß mit ihrer mitmenschlichen Umwelt.

Ausgehend davon gewinnt unser Denken eine neue Rolle: Wir können heute besser als Menschen in früheren Zeiten annehmen, dass unser Denken vor allem in der Fähigkeit besteht, sich auf anderes zu richten als auf unsere aktuellen Innenzustände und auf die unserer Mitmenschen. Wir können von unseren aktuellen Gefühlen und Bedürfnissen wegsehen, und uns voll und ganz auf „Dinge“ konzentrieren, mit der Folge, dass unsere Gefühle und Bedürfnisse in unserem Bewusstsein, in unserem Denken und Sprechen nicht mehr auftauchen. Wir sind das einzige bekannte Wesen neben der von uns selbst konzipierten Artificial Intelligence (AI), das in der Lage ist, sich eine gefühllose und bedürfnislose Welt zu schaffen.

Dass sie durch die Formen unserer Aktivität nicht mehr in unserem Bewusstsein und unserem sprechen auftauchen, bedeutet nicht, dass jene Gefühle und Bedürfnisse „aus der Welt“ wären. Weder Gefühle noch Bedürfnisse verschwinden einfach, wenn sie keine innere Aufmerksamkeit, keinen Ausdruck, keine Spiegelung durch andere, keine soziale Anerkennung finden. Sie suchen sich nur andere Wege des Ausdrucks und des Aufmerksamkeitsgewinns. Sie „verkleiden sich“, sie korrumpieren, sie übertragen sich und sie nehmen einen Zustand an, in der ihr Informationgehalt sich nur bei einem drastisch erhöhten Decodierungsaufwand erschließt. – Einem Aufwand, den wir in unserem Alltag nur selten aufbringen wollen.

Um keine Missverstände auf den Plan zu rufen: Ich halte unsere Fähigkeit zur weitgehenden Dissoziation von unseren Gefühlen und Bedürfnissen an aller erster Stelle eben für: Eine Fähigkeit.

Allerdings hat diese Fähigkeit einen ganz bestimmten Preis, den wir zahlen, wann immer wir von ihr Gebrauch machen. Und derzeit zahlen wir ihn oft unbewusst und sind dadurch permanent belastet und – so könnte man sagen – „emotional überschuldet“.

Ich denke, es darf auf den Tisch unseres Bewusstseins und unseres Sprechens, dass wir weniger Verbundenheit miteinander erleben als wir qua unserer „natürlichen Ausstattung“ miteinander erleben könnten.

Auf einer körperlichen Ebene sind wir weit weniger getrennt voneinander als platonische Unterscheidungen es uns nach wie vor nahelegen. Unterscheidungen, die wir auch heute noch begeistert reproduzieren, während wir das, was sie uns spürbar kosten, in der Regel anderswo „verursacht“ glauben. Meist: Von wahlweise „bösartigen“ oder „dummen“ oder „psychopathischen“ Anderen.

Wir erleben heutzutage von unserer ersten Äußerung an Entfremdung. Wir haben uns angewöhnt, Gefühle und Bedürfnisse aus unserer Sprache herauszuhalten. Wir haben uns angewöhnt, unsere Gefühle und Bedürfnisse wechselseitig so wenig wie möglich zu spiegeln. Damit haben wir uns zugleich dazu verurteilt, unsere Gefühle und Bedürfnisse auch selbst weitaus weniger wahrzunehmen und „indirekter“ zu befriedigen als es notwendig wäre.

Unsere Gefühle und Bedürfnisse sind heute in einer Dauerunbefriedigung und in einer Unruhe, die für uns kaum erträglich ist, weil sie im Außen nicht mit derjenigen Verbundenheit und unmittelbaren, emotional befriedigenden Antworten rechnen können, derer wir bedürfen, um sowohl uns selbst „gut zu fühlen“, als auch um uns bei anderen „gut aufgehoben zu fühlen“.

Mit einer philosophischen Aufladung können wir daher sagen: Das, was wir heute empfinden, denken, sagen und leben, spiegelt mit großer Sicherheit nicht „unseren natürlichen Zustand“. – Der klassische Begriff der „corruptio“ erscheint hier und möglicherweise nur hier nach wie vor ganz besonders brauchbar.

Um dieses „Verdorben-Sein“ zu denken, braucht es keineswegs einen „Verderber“. Keine böswillige Gruppe von „Anderen“, die uns nicht zu dem kommen lässt, was uns an Gutem möglich wäre. – In einem selbstreflexiven Denken sind wir ohnehin immer „Täter und Opfer“ zugleich. Und mit Blick auf die Erfolge der heutigen Psychopraktiker darf und muss zudem die Frage gestellt werden, ob Verbesserungen wirklich so viel mit Analysen zu tun haben: „Lösungen von Problemen können nicht aus dem gleichen Denken entstehen, das zu den Problemen geführt hat.“ Analysen sind aber in der Regel genau das: Versuche der adäquaten Spiegelung des Problems. Sie führen im Bereich des Menschlichen meist tiefer in die Probleme hinein, aber nur sehr selten wieder hinaus. „Mehr vom Selben“ eben.

Wir dürfen heute davon ausgehen, dass wir gar nicht wissen können, weil wir es gar nicht erleben konnten, „wie sozial wir in Wirklichkeit sind“. Wir erleben stattdessen Zustände künstlicher Vereinzelung und emotionaler Isolation, in der wir unser natürliches Instrumentarium an Kontaktaufnahme und wechselseitiger Spiegelung nicht nur verkümmern lassen, sondern geradezu gezielt abtrainieren.

Wir müssen uns nur einmal genauer anfühlen, was sich beim Gebrauch von uns positiv aufgeladenen Worten wir „Professionalität“, „Rationalität“, „Arbeit“ und „Unternehmen“ emotional abpielt, um zu bemerken, dass wir eine Gesellschaft der systematischen wechselseitigen Verängstigung aufrechterhalten, die wir nicht wollen können. Wir leben in einem von uns selbst künstlich aufrechterhaltenen Krieg miteinander.

In einem Krieg, den wir jederzeit beilegen können.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Unterscheidung Vernunft/Unvernunft: Eindeutig Unbrauchbar

Die Unterscheidung vernünftig/unvernünftig hat mittlerweile nur noch einen rein rhetorischen Mehrwert: Sie dient heute nur noch der eigenen Aufwertung bei gleichzeitiger Diskreditierung des Gesprächspartners.

Basis der Unterscheidung war einmal ein bestimmtes Bild von der menschlichen Seele: Einem „rationalen“, göttlichen Teil, stand ein „irrationaler“, tierischer Anteil gegenüber, den der erste zu „bändigen“ hatte, wobei er „die Zügel nicht zu locker schleifen lassen sollte“.

Dieses Bild von „Zucht und Ordnung“, auch von „Erziehung“ ist durch unsere heute weiterentwickelten Einsichten in die Funktionsweisen der menschlichen Psyche überholt. Sie macht schlicht keinen Sinn mehr, wenn wir wissen, dass Gefühle und Bedürfnisse, also jener vermeintlich „irrationale Anteil“, die Grundlage aller menschlichen Orientierung in der Welt und allen menschlichen Entscheidens sind. Diese „Grundlegung“ geht so weit, dass Menschen, die im limbischen System des Gehirns schwerere Schäden erleiden, dadurch zugleich auch unfähig werden, irgendwelche „höheren“ kognitiven Operationen auszuführen. War Sigmund Freud noch eins mit der platonischen Psychologie, nach der „im Unbewussten“ schlimme Dinge schlummern, die ein heroisches Ich bitteschön an die Kandare zu nehmen und zu subliminieren habe, hat sich im Gefolge von Milton Erickson und Gunther Schmidt eine Sichtweise verbreitet, derzufolge das Unbewusste eine beinahe unerschöpfliche Quelle von Ressourcen und Einsichten ist. Auch die Psychologen in Nachfolge von Carl Rogers (Marshall Rosenberg, Eugene T. Gendlin, Thomas Gordon) vertreten eine sehr ähnliche Sichtweise, in der wir über einen natürlichen inneren Kompass verfügen, die es uns auf sehr organische Weise ermöglicht, uns mit unserer menschlichen und nicht-menschlichen Umwelt zu verbinden, auf sie zu reagieren und sie auch aktiv zu gestalten. Und die provokative Schule, der meine besondere Bewunderung gilt, demonstriert in ihrer Praxis immer wieder auf’s Neue, wie sehr wir uns etwas vormachen, wenn wir annehmen, dass irgendeine nennenswerte Veränderung im Bereich des Menschlichen an unseren Emotionen vorbei, „aus rein rationaler Einsicht“ zustande kommen könnte.

Mehr Sinn als Vernunft/Unvernunft macht heute daher die Unterscheidung „Gut in Kontakt mit menschlichen Bedürfnissen/Weniger gut in Kontakt mit menschlichen Bedürfnissen“ bzw. „entfremdet/verbunden“.

Diese Unterscheidung ist in der Lage, die ethisch-heuristische Funktion, die die Unterscheidung „vernünftig/unvernünftig“ mal hatte, vollständig zu ersetzen. Mehr noch: „Verbunden/unverbunden“ ist dazu in der Lage, zu weitaus brauchbareren Handlungsideen beizutragen.

An jener zeitgemäßeren Unterscheidung ist mehreres bemerkenswert: Sie ist nicht nur leicht und schnell weiter zu spezifizieren, indem wir danach fragen, um welches menschliche Bedürfnis es gerade geht. Sie unterläuft auch die Unterscheidung fremd/eigen und wird dadurch der Einsicht gerecht, dass wir zutiefst soziale Wesen sind, die immer und überall ganz unmittelbare Reaktionen aufeinander haben – ob wir uns nun dessen gerade bewusst sind oder nicht.

Verbunden oder unverbunden können wir nur gleichzeitig mit uns selbst und mit anderen sein. Es gibt kein Gut-Verbunden-Sein mit sich selbst bei gleichzeitigem schlecht-Verbunden-Sein mit Anderen. Und genauso wenig ein Schlecht-Verbunden-Sein mit sich selbst, bei gleichzeitigem Gut-Verbunden-Sein mit anderen.

Auf diese Weise zeigt sich die künstliche Entgegensetzung von „Altruismus/Egoismus“ als ein Substrat der platonisch-freudianischen Psychologie: Ohne „Vernunft/Unvernunft“ ist es nicht mehr möglich zu denken, es könne sich jemand „etwas Gutes tun auf Kosten anderer“ oder es könne jemand „sich aufopfern zum Wohle anderer“.

Alle platonische Mythen sind eng miteinander verknüpft und kaum voneinander zu trennen. Ganz so, wie es sich für eine gut gemachte Philosophie gehört.

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