Die meisten Psychoprobleme auf dieser Welt werden außerhalb von Fachpraxen gelöst. – Sehr zum Verdruss von Psychotherapeuten.  (Noni Höfner)

Wir leben immer noch in einer Kriegerkultur. D.h. in einer Gesellschaft, in der wir künstlich unsere Aggressivität hoch halten und bestimmte Verhaltensformen „züchten“, die sehr passend und brauchbar wären, wenn wir ständig dringend Kriege führen müssten.

Woran lässt sich das festmachen?

Ein dauerhaft hohes Niveau an menschlicher Aggressivität lässt sich gut erzeugen…

  • indem Sex in seiner Funktion, zwischenmenschliche Verbundenheit und Entspanntheit herzustellen blockiert wird. Wir haben weitaus weniger und unbefriedigenderen Sex als uns gut tut. Die „sexuelle Befreiung“ seit den 1960er Jahren hat die überkommene Schambesetzung von Sexualität keineswegs aufgehoben, sondern sie stattdessen um zusätzliche, neue sexuelle Imperative ergänzt: Weit entfernt davon,  Leichtigkeit, Freude, Verbundenheit und Humor in unserem Leben zu fördern, ist Sex für uns nun wie so vieles andere auch mit Leistungs- und Besitzdenken verbunden.  Zudem bestimmt immer noch eine strikte Kopplung von Reproduktion und Sexualität große Teile unseres Sexuallebens. Eine Kopplung, die dann sehr sinnvoll ist, wenn es uns vorrangig darum geht, eindeutige Möglichkeiten zu schaffen, Besitz zuzuordnen und weiterzugeben („zu vererben“). Sex wird von uns in unseren derzeitigen gesellschaftlichen Gepflogenheiten künstlich verknappt. Das hält die Anspannung hoch und erzeugt eine Fülle an Kompensationsverhalten, bei den meisten von uns mit einer starken aggressiven Note.
  • …indem wir aggressives, empathie-reduziertes Verhalten bewundern und idealisieren. Dies geschieht vor allem in Filmen, in Unternehmen („Durchsetzungsvermögen“, „Schmerzbefreitheit“), in der Politik und im sogenannten Profi-Sport. Gerade unseres Verhältnis zu Letzterem und was das mit uns und unseren Beziehungen macht, hätte eine eigene Auseinandersetzung verdient. Wir idealisieren weiterhin kriegerische Figuren. Und das, obwohl wir mittlerweile in einer Weltgesellschaft leben, in der wir keinen Bedarf mehr an Kriegern und kriegerischen Auseinandersetzungen haben. Denn die Zeit der Stammesgesellschaften, die sich zueinder wechselseitig wie Naturgewalten verhielten, ist definitiv vorbei. Sie wird selbst im Fall irgendwelcher globaler Katastrophen kaum zurückkehren, auch wenn Mad-Max- und Zombieapokalypse-Filme uns etwas anderes zu suggerieren versuchen. – Im Grunde handelt es sich bei solchen Bildern um verkappte Wunschträume, die unsere gegenwärtige hohe Aggressivität indirekt rechtfertigen: „Haltet Eure Aggressivität hoch – Ihr werdet sie nochmal dringend brauchen!“ – Auch in diesem Punkt sollten uns die Funktionsweise unserer Psyche klar sein: Es macht für unsere Psyche nur sehr geringe Unterschiede, ob wir Gewalt selbst ausüben, oder ob wir dabei zusehen, wie ein anderer Mensch Gewalt ausübt, mit dem wir uns gerade identifizieren. Die Ausschüttung der Hormone dürfte ähnlich sein. Die physiologischen Reaktionen dürften ähnlich sein. Und in unserem emotionalen Gedächtnis wird eine ähnliche Erfahrung abgelegt, die uns von da an für zukünftige zwischenmenschliche Interaktionen als Ressource zur Verfügung steht.

Und es gibt da diese Sache, die wir uns erzählen, wenn wir die bisherige Menschheitsgeschichte skizzieren: Dass in unserer Vergangenheit die Ablösung der einen Kultur durch die andere vom technischen Fortschritt getrieben sei, einhergehend mit militärischer Überlegenheit: Überlegenen Taktiken, Transportmitteln, Waffen, überlegener Disziplin, usw. – Diese Geschichte ist von uns gut bebildert worden durch zahlreiche Filme.

Tatsächlich haben sich in unserer Vergangenheit viele menschliche Gemeinschaften zueinander so verhalten wie Naturgewalten: Die eine viel aggressiv über andere her, bis wenig von ihr übrig war. „Disruption“ nennt man heute Vorgänge in unserer Wirtschaft, die darin nicht ganz unähnlich sind.

Möglicherweise hat bei diesen Ereignissen technische Überlegenheit nicht die größte oder zumindest nicht die einzige Rolle gespielt. Möglicherweise gabe es noch einen ganz anderen Faktor, der regelmäßig dazu geführt hat, dass die eine menschliche Gemeinschaft die andere vom Erdboden getilgt hat: Kulturen, in denen menschliche Aggressivität systematisch kultiviert wurde, haben immer wieder andere Kulturen ausgelöscht, in denen das nicht im gleichen Ausmaß der Fall war.

Entgegen unserer alltäglichen Redeweise können wir in diesem Sinn davon sprechen, dass es heute nur noch eine einzige, globale menschliche Kultur gibt. – Natürlich in verschiedenen Geschmacksrichtungen und Färbungen. Ob ich heute als Mensch in Bombay, in Sidney oder auf dem Land in Bayern oder in Limpopo lebe, ist aber ein Unterschied von fundamental anderer Art als jener Unterschied, den es für mich annodunnemals gemacht hätte, ob ich in diesen subtropischen Indianerstamm oder in jenen Indianerstamm hineingeboren wurde, obgleich deren Lebensräume nicht tausende Kilometer voneinander entfernt waren: Wechsel „von der einen in die andere Kultur“ wären unmöglich gewesen. Ich hätte trotz der viel größeren geographischen Nähe kaum etwas über diese anderen Menschen „in der anderen Kultur“ erfahren. Und das Risiko von Interaktionen zwischen den Menschen in der einen Kultur und der anderen Kultur hätten – eben – aus Sicherheitsgründen einer hohen Aggressivitätspotentials auf meiner Seite bedurft. Das ist heute bei „interkultureller Kommunikation“ eher kontraproduktiv.

Ein „Kampf der Kulturen“ ist schon allein deswegen heute gar nicht mehr möglich, weil wir in einer Weltgesellschaft leben, in der jede bestimmte Menschen ausschließende Kultur nur noch Subkultur sein kann. „Kultur“ in einem übergeordneten Sinne kommt schlicht und einfach nicht mehr im Plural vor. Jedes Denken, das heute von anderen Voraussetzungen ausgeht, ist erkennbar rückständig: Es bezieht sich auf Weltgesellschaftszustände, die endgültig und unwiederbringlich der menschlichen Vergangenheit angehören.

Wir führen also eine weltweite menschliche Kriegerkultur weiter, in der ein künstlich hohes Aggressivitätslevel als „ganz normal“ oder „natürlich“ gilt. So verbreitet, dass es uns nur selten in der hier beschriebenen Form auffallen kann. Eine der interessantesten unter den Lügen, die wir uns regelmäßig wechselseitig erzählen, ist daher die, dass „der Mensch“ von Natur aus gewalttätig und hochaggressiv ist. – Also wir alle. Diese Erzählung dient offensichtlich dazu, unsere vorhandenes hohes Aggressionsniveau zu rechtfertigen: Wenn „der Mensch halt von Natur aus so ist“, ist es „nur vernünftig“, wenn man Waffen und Rüstung gut pflegt und ständig bereit hält. – Wo eine solche Waffenkultur „literally“ gegeben ist, kommen nur überraschenderweise viel mehr Menschen zu Tode als dort, wo das nicht der Fall ist…

Meine Frage an mich selbst und an uns alle ist, ob das nicht auch im übertragenen Sinn der Fall sein könnte…

…Wäre dem so, so würden wir einen Beitrag zur weiteren Evolution unserer Gesellschaft leisten, wann immer…

  • wir unsere kleinen Kinder auf den Arm nehmen oder am Körper tragen, dass gerade von seinen Gefühlswahrnehmungen überwältigt wird.
  • wir viel Singen, Summen, Pfeiffen, Lachen und uns und andere mit der natürlichen Kraft unserer Stimme beruhigen.
  • wir uns im Alltag mehr berühren und umarmen.
  • wir die Praxis pflegen, eigene und fremde Gefühle aktiv zu benennen, wann immer wir sie wahrnehmen. Nicht zwingend laut und ausgesprochen. Das ist auch in Gedanken für uns gut möglich. Manche nennen das „stille Empathie“. Sie beruhigt zunächst uns selbst und hilft uns auf diese Weise, wenn wir das wollen auch auf andere Menschen, die gerade in irgeneiner Weise emotional aufgebracht sind, sinnvoll und passend eingehen zu können.
  • wir den Mut haben, eigene Gefühle als „Grund“ eigener Verhaltensweisen offen auszusprechen, anstatt Rationalisierungen, Rechte und objektive Gründe vorzuschieben und unsere Gefühle hinter all dem zu verstecken. – Das gilt im „privaten“ Alltag genauso wie in unseren politischen Interaktionen oder bei unseren Gesprächen in Unternehmen. – Jede „Wertung“ fußt in einem Gefühl, das in mindestens einem Menschen körperlich gegeben ist. Im Grunde ist uns das auch klar. Wir schieben diese Klarheit nur gern zur Seite, wann immer es für uns um etwas geht und wir uns entscheiden müssen, ob wir uns anderen in unserer Verletzlichkeit und Bedürftigkeit zeigen wollen oder ob wir unseren Menschen nicht doch lieber gut geharnischt  und mit „Argumenten“ bewaffnet begegnen.

Generell ist davon auszugehen, dass wir uns momentan in einer größeren gesellschaftlichen Transformation befinden, die Menschen hervorbringen wird, die auf uns heute Lebende zurückblicken und leichter als wir selbst wahrnehmen können, wie stark wir noch eine Kriegerkultur pflegen und wie sehr wir absurderweise bei uns eine ständige Aggressivität nähren, bewundern und hochhalten.

Das alles soll nicht heißen, dass Aggressionsverhalten an sich „unnatürlich“ wäre oder unzweckmäßig in vielen Situationen. Es soll nur heißen, dass dass Aggressionsniveau in verschiedenen menschlichen Gemeinschaften unterschiedlich hoch ist und dass dieses Niveau in unserer heutigen Weltgesellschaft möglicherweise deutlich höher ist als es sein müsste und wohl auch höher ist als es in jener Weltgesellschaft sein wird, in der unsere Kinder und Enkel leben werden.

So wahr wir uns helfen.

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