Die Unterscheidung vernünftig/unvernünftig hat mittlerweile nur noch einen rein rhetorischen Mehrwert: Sie dient heute nur noch der eigenen Aufwertung bei gleichzeitiger Diskreditierung des Gesprächspartners.

Basis der Unterscheidung war einmal ein bestimmtes Bild von der menschlichen Seele: Einem „rationalen“, göttlichen Teil, stand ein „irrationaler“, tierischer Anteil gegenüber, den der erste zu „bändigen“ hatte, wobei er „die Zügel nicht zu locker schleifen lassen sollte“.

Dieses Bild von „Zucht und Ordnung“, auch von „Erziehung“ ist durch unsere heute weiterentwickelten Einsichten in die Funktionsweisen der menschlichen Psyche überholt. Sie macht schlicht keinen Sinn mehr, wenn wir wissen, dass Gefühle und Bedürfnisse, also jener vermeintlich „irrationale Anteil“, die Grundlage aller menschlichen Orientierung in der Welt und allen menschlichen Entscheidens sind. Diese „Grundlegung“ geht so weit, dass Menschen, die im limbischen System des Gehirns schwerere Schäden erleiden, dadurch zugleich auch unfähig werden, irgendwelche „höheren“ kognitiven Operationen auszuführen. War Sigmund Freud noch eins mit der platonischen Psychologie, nach der „im Unbewussten“ schlimme Dinge schlummern, die ein heroisches Ich bitteschön an die Kandare zu nehmen und zu subliminieren habe, hat sich im Gefolge von Milton Erickson und Gunther Schmidt eine Sichtweise verbreitet, derzufolge das Unbewusste eine beinahe unerschöpfliche Quelle von Ressourcen und Einsichten ist. Auch die Psychologen in Nachfolge von Carl Rogers (Marshall Rosenberg, Eugene T. Gendlin, Thomas Gordon) vertreten eine sehr ähnliche Sichtweise, in der wir über einen natürlichen inneren Kompass verfügen, die es uns auf sehr organische Weise ermöglicht, uns mit unserer menschlichen und nicht-menschlichen Umwelt zu verbinden, auf sie zu reagieren und sie auch aktiv zu gestalten. Und die provokative Schule, der meine besondere Bewunderung gilt, demonstriert in ihrer Praxis immer wieder auf’s Neue, wie sehr wir uns etwas vormachen, wenn wir annehmen, dass irgendeine nennenswerte Veränderung im Bereich des Menschlichen an unseren Emotionen vorbei, „aus rein rationaler Einsicht“ zustande kommen könnte.

Mehr Sinn als Vernunft/Unvernunft macht heute daher die Unterscheidung „Gut in Kontakt mit menschlichen Bedürfnissen/Weniger gut in Kontakt mit menschlichen Bedürfnissen“ bzw. „entfremdet/verbunden“.

Diese Unterscheidung ist in der Lage, die ethisch-heuristische Funktion, die die Unterscheidung „vernünftig/unvernünftig“ mal hatte, vollständig zu ersetzen. Mehr noch: „Verbunden/unverbunden“ ist dazu in der Lage, zu weitaus brauchbareren Handlungsideen beizutragen.

An jener zeitgemäßeren Unterscheidung ist mehreres bemerkenswert: Sie ist nicht nur leicht und schnell weiter zu spezifizieren, indem wir danach fragen, um welches menschliche Bedürfnis es gerade geht. Sie unterläuft auch die Unterscheidung fremd/eigen und wird dadurch der Einsicht gerecht, dass wir zutiefst soziale Wesen sind, die immer und überall ganz unmittelbare Reaktionen aufeinander haben – ob wir uns nun dessen gerade bewusst sind oder nicht.

Verbunden oder unverbunden können wir nur gleichzeitig mit uns selbst und mit anderen sein. Es gibt kein Gut-Verbunden-Sein mit sich selbst bei gleichzeitigem schlecht-Verbunden-Sein mit Anderen. Und genauso wenig ein Schlecht-Verbunden-Sein mit sich selbst, bei gleichzeitigem Gut-Verbunden-Sein mit anderen.

Auf diese Weise zeigt sich die künstliche Entgegensetzung von „Altruismus/Egoismus“ als ein Substrat der platonisch-freudianischen Psychologie: Ohne „Vernunft/Unvernunft“ ist es nicht mehr möglich zu denken, es könne sich jemand „etwas Gutes tun auf Kosten anderer“ oder es könne jemand „sich aufopfern zum Wohle anderer“.

Alle platonische Mythen sind eng miteinander verknüpft und kaum voneinander zu trennen. Ganz so, wie es sich für eine gut gemachte Philosophie gehört.

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