Große Teile unseres Denkens über „den Menschen“ und „die Gesellschaft“ haben einen ganz bestimmten blinden Fleck: Sie sind auf eine sehr spezifische Weise nicht selbstfreflexiv. Weder berücksichtigen sie den aktuellen Zustand derer, die da denken. Noch ihre möglichen Zustände. Noch den grundsätzlichen Umstand, was „am Wesen Mensch“ veränderlich ist und was zu seiner „unveränderlichen Substanz“ gehört. Auch, dass ein Denken über einen „Gegenstand“, das von diesem „Gegenstand“ selbst gedacht wird, ein Denken eigener Art ist („Subjekt“ und „Objekt“ fallen in eins, sind nicht mehr ganz so leicht auseinander zu dividieren), wird selten berücksichtigt. Dass hier das Denken eine ganz andere Rolle hat, als wenn wir „streng wissenschaftlich“ Objekte, die wir nicht selber sind, analytisch auseinandernehmen und synthetisch in unserem Denken neu zusammensetzen, wird selten „mitgedacht“. Unterscheidungen, die wir ziehen oder die spiegeln, was wir wahrzunehmen glauben, wirken hier noch einmal auf eine zweite Weise, die bei anderen „Objekten des Denkens“ nicht gegeben ist.

So zu denken ist etwas aus der Mode gekommen. „Substanz“ und „Akzidentien“ sind feste Bestandteile klassischer philosophischer Gespräche, wie sie Platon und Aristoteles als vorbildlich hingestellt haben.

Lustigerweise haben wir mit unserem heutigen Denken die Körperferne und den blinden Rationalismus der klassischen antiken Philosophie übernommen, während wir ihre beherzte Selbstreflexivität über die Jahrhunderte abgestriffen haben. Der letzte Philosoph, der dem klassischen antiken Denken voll verpflichtet war und dabei auch jene Selbstreflexivität voll in sein Denken hineinnahm und in aller Länge und Breite zu entfalten versucht, war der gute alte Hegel. Bei Nietzsche finden wir zwar die gleichen Voraussetzungen, aber mit dem verzweifelten Wunsch, das alles loszuwerden. Nietzsche macht den Auftakt zu den vielen unterschiedlichen Philosophie-Beendigungs-Philosophien des 20. Jahrhunderts. – Eine flächendeckende Bewegung innerhalb der Philosophie, die nie wirklich von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Anders ist kaum erklärbar, warum man heute allüberall so viele Theoretiker antreffen kann, deren ungebrochener Platonismus von keiner einzigen der zahllosen Kritiken an der philosophischen Tradition angekratzt ist. Platon hat heute immer noch so viele Menschen am Schlawickel, dass ich manchmal halb bewundernd, halb schaudernd mit offenem Mund davorstehe, was heute immer noch so gedacht werden kann. Das sind die Momente, in denen ich denke: „Da hat sich das Philosophie-Studium vielleicht doch ein wenig gelohnt.“


 

Die Frage, die ich hier stellen möchte, ist die, wovon unser Denken eigentlich geleitet ist. Wenn wir nach dem gehen, was uns Psychologen erzählen, sind die Grundimpulse, die auf einer kognitiv-sprachlichen Ebene gespiegelt werden, Körperzustände. – Ich spreche hier vereinfachend von „erfüllten und unerfüllten Bedürfnissen“ und übernehme damit eine Redeweise aus der „Gewaltfreien Kommunikation“ Marshall Rosenbergs.

Während die klassische philosophische Tradition die Außenwelt in logischen (= sprachlichen) Strukturen spiegeln will und dabei Innenimpulse (= Gefühle) als „störend“ konzipiert hat, sind wir heute bereit anzunehmen, dass wir unsere Außenwelt nur benutzen, um sie Impulsen, die bereits vor allem Außenkontakt bestehen, zuzuordnen. Das geschieht nicht erst im Handeln, also wenn wir jenen Teil unseres Körpers bewegen, der vermeintlich „unserer bewussten Kontrolle“ unterliegt, sondern bereits in unserem Denken, also in dem Moment, in dem wir Wirklichkeit konzipieren. Je nachdem, „wie es uns geht“ und „was mit uns gerade los ist“, nehmen wir völlig anderes wahr, nehmen wir völlig anders war, Verknüpfen wir diese Wahrnehmungen anders, benutzen wir andere Teile unseres Gedächtnis, schaffen wir andere sprachliche Strukturen. – Und dies alles so schnell und so „unbewusst“, dass der Versuch einer „adäquaten Selbstbeobachtung“ dieser Vorgänge von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. – Wir können sie mühselig und im Nachhinein zu rekonstruieren versuchen. Aber auch dieses Bemühen ist von jeweils aktuellen Bedürfnissen / Innenzuständen „eingefärbt“, besser: geleitet.

Die Fiktion der Wissenschaft, es könne so etwas wie ein objektives Denken geben, das vor allem von Emotionslosigkeit und Unbeteiligtheit charakterisiert ist, ist eine Fiktion, die für uns um so lächerlicher wird, um so mehr wir uns mit den psychologischen Vorgängen beschäftigen, die ununterbrochen vor sich gehen, um nicht zu sagen: „die wir sind“.

Dieser Schritt bringt uns dahin, wo wir meiner Einschätzung nach immer schon sind: In Beziehung.

Wir können uns verstehen als Beziehungswesen, die in einem permanenten Austausch mit ihrer Umwelt stehen, in ganz besonderer Weise und in ganz besonderem Ausmaß mit ihrer mitmenschlichen Umwelt.

Ausgehend davon gewinnt unser Denken eine neue Rolle: Wir können heute besser als Menschen in früheren Zeiten annehmen, dass unser Denken vor allem in der Fähigkeit besteht, sich auf anderes zu richten als auf unsere aktuellen Innenzustände und auf die unserer Mitmenschen. Wir können von unseren aktuellen Gefühlen und Bedürfnissen wegsehen, und uns voll und ganz auf „Dinge“ konzentrieren, mit der Folge, dass unsere Gefühle und Bedürfnisse in unserem Bewusstsein, in unserem Denken und Sprechen nicht mehr auftauchen. Wir sind das einzige bekannte Wesen neben der von uns selbst konzipierten Artificial Intelligence (AI), das in der Lage ist, sich eine gefühllose und bedürfnislose Welt zu schaffen.

Dass sie durch die Formen unserer Aktivität nicht mehr in unserem Bewusstsein und unserem sprechen auftauchen, bedeutet nicht, dass jene Gefühle und Bedürfnisse „aus der Welt“ wären. Weder Gefühle noch Bedürfnisse verschwinden einfach, wenn sie keine innere Aufmerksamkeit, keinen Ausdruck, keine Spiegelung durch andere, keine soziale Anerkennung finden. Sie suchen sich nur andere Wege des Ausdrucks und des Aufmerksamkeitsgewinns. Sie „verkleiden sich“, sie korrumpieren, sie übertragen sich und sie nehmen einen Zustand an, in der ihr Informationgehalt sich nur bei einem drastisch erhöhten Decodierungsaufwand erschließt. – Einem Aufwand, den wir in unserem Alltag nur selten aufbringen wollen.

Um keine Missverstände auf den Plan zu rufen: Ich halte unsere Fähigkeit zur weitgehenden Dissoziation von unseren Gefühlen und Bedürfnissen an aller erster Stelle eben für: Eine Fähigkeit.

Allerdings hat diese Fähigkeit einen ganz bestimmten Preis, den wir zahlen, wann immer wir von ihr Gebrauch machen. Und derzeit zahlen wir ihn oft unbewusst und sind dadurch permanent belastet und – so könnte man sagen – „emotional überschuldet“.

Ich denke, es darf auf den Tisch unseres Bewusstseins und unseres Sprechens, dass wir weniger Verbundenheit miteinander erleben als wir qua unserer „natürlichen Ausstattung“ miteinander erleben könnten.

Auf einer körperlichen Ebene sind wir weit weniger getrennt voneinander als platonische Unterscheidungen es uns nach wie vor nahelegen. Unterscheidungen, die wir auch heute noch begeistert reproduzieren, während wir das, was sie uns spürbar kosten, in der Regel anderswo „verursacht“ glauben. Meist: Von wahlweise „bösartigen“ oder „dummen“ oder „psychopathischen“ Anderen.

Wir erleben heutzutage von unserer ersten Äußerung an Entfremdung. Wir haben uns angewöhnt, Gefühle und Bedürfnisse aus unserer Sprache herauszuhalten. Wir haben uns angewöhnt, unsere Gefühle und Bedürfnisse wechselseitig so wenig wie möglich zu spiegeln. Damit haben wir uns zugleich dazu verurteilt, unsere Gefühle und Bedürfnisse auch selbst weitaus weniger wahrzunehmen und „indirekter“ zu befriedigen als es notwendig wäre.

Unsere Gefühle und Bedürfnisse sind heute in einer Dauerunbefriedigung und in einer Unruhe, die für uns kaum erträglich ist, weil sie im Außen nicht mit derjenigen Verbundenheit und unmittelbaren, emotional befriedigenden Antworten rechnen können, derer wir bedürfen, um sowohl uns selbst „gut zu fühlen“, als auch um uns bei anderen „gut aufgehoben zu fühlen“.

Mit einer philosophischen Aufladung können wir daher sagen: Das, was wir heute empfinden, denken, sagen und leben, spiegelt mit großer Sicherheit nicht „unseren natürlichen Zustand“. – Der klassische Begriff der „corruptio“ erscheint hier und möglicherweise nur hier nach wie vor ganz besonders brauchbar.

Um dieses „Verdorben-Sein“ zu denken, braucht es keineswegs einen „Verderber“. Keine böswillige Gruppe von „Anderen“, die uns nicht zu dem kommen lässt, was uns an Gutem möglich wäre. – In einem selbstreflexiven Denken sind wir ohnehin immer „Täter und Opfer“ zugleich. Und mit Blick auf die Erfolge der heutigen Psychopraktiker darf und muss zudem die Frage gestellt werden, ob Verbesserungen wirklich so viel mit Analysen zu tun haben: „Lösungen von Problemen können nicht aus dem gleichen Denken entstehen, das zu den Problemen geführt hat.“ Analysen sind aber in der Regel genau das: Versuche der adäquaten Spiegelung des Problems. Sie führen im Bereich des Menschlichen meist tiefer in die Probleme hinein, aber nur sehr selten wieder hinaus. „Mehr vom Selben“ eben.

Wir dürfen heute davon ausgehen, dass wir gar nicht wissen können, weil wir es gar nicht erleben konnten, „wie sozial wir in Wirklichkeit sind“. Wir erleben stattdessen Zustände künstlicher Vereinzelung und emotionaler Isolation, in der wir unser natürliches Instrumentarium an Kontaktaufnahme und wechselseitiger Spiegelung nicht nur verkümmern lassen, sondern geradezu gezielt abtrainieren.

Wir müssen uns nur einmal genauer anfühlen, was sich beim Gebrauch von uns positiv aufgeladenen Worten wir „Professionalität“, „Rationalität“, „Arbeit“ und „Unternehmen“ emotional abpielt, um zu bemerken, dass wir eine Gesellschaft der systematischen wechselseitigen Verängstigung aufrechterhalten, die wir nicht wollen können. Wir leben in einem von uns selbst künstlich aufrechterhaltenen Krieg miteinander.

In einem Krieg, den wir jederzeit beilegen können.

 

 

 

 

 

 

 

 

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