Es ist faszinierend mitzubekommen, was für einen Aufwand wir betreiben, um zu vergessen, wie wichtig andere Menschen für uns sind. Insbesondere wir Männer, heute wahrscheinlich in zunehmendem Ausmaß auch Frauen bedienen sich dazu dreier „Methoden“, die wiederum interessante Folgen haben.

Menschen sind der relevanteste Teil der Primärumwelt eines Menschen. Von nichts anderem sind wir so abhängig. Auf nichts anderes sind wir so „voreingestellt“, um sinnvolle Interaktionen zu ermöglichen. Interaktionen, durch die für unsere Bedürfnisse gesorgt wird / durch die wir für die Befriedigung unserer Bedürfnisse sorgen. Auch wenn wir erwachsen sind, können wir keineswegs unsere meisten Bedürfnisse selbst versorgen, für einen Großteil unserer Bedürfnisse delegieren wir die Zuständigkeit an andere Menschen. Wir sind eingesponnen in ein Netz von Beziehungen mit anderen Menschen. Man könnte sogar noch weiter gehen und sagen: „Wir sind das Netz unserer Beziehungen zu anderen Menschen“. Die Wechselwirkungen mit anderen, denen wir ausgesetzt sind und die wir anderen aussetzen, sind ebenso immens wie wenig verwunderlich: Wir haben einfach Unmengen an unmittelbaren „Anschlüssen“, über die wir uns permanent mit anderen verbinden und austauschen. Wie sehr wir durch unsere menschlichen Umwelten verformt werden, fällt allerdings meist nur alten Bekannten, Freunden und Verwandten auf, die uns länger nicht mehr gesehen haben. Und nicht von vielen können wir über diese „wundersamen Wandlungen“ offene Rückmeldung erwarten. Nicht nur unsere Partner formen uns. Nicht nur unsere Kollegen. Nicht nur die Menschen des Ortes, an dem wir die meiste Zeit leben. Nicht nur unsere Kinder. Nicht nur unsere Freunde. Im Grunde ist jeder Mensch, mit dem wir interagieren, an unserer „Formung“, also an „uns“ beteiligt. – Und das völlig unabhängig davon, ob wir das wollen oder nicht, ob uns das gefällt oder nicht, ob uns das bewusst ist oder nicht.

Dieser kaum wegzudiskutierenden fundamentalen Abhängigkeit von anderen Menschen steht ein intensives Wegdenken dieser Verbundenheit. Unsere moderne Gesellschaft, mithin: wir pflegen einen nachdrücklichen Diskurs des „Autonomen Individuums“, das sich in einem ganz bestimmen Bild von uns niederschlägt: Wir stellen uns uns selbst als „geschlossenes System“ vor, „das seine Gesetze selber macht“. Diese Vorstellung ist ein Witz. Ein Witz, der in uns Schuldgefühle auslöst, wann immer wir diesen Autonomie-Illusionen mal wieder nicht gerecht geworden sind. Also immer dann, wenn wir uns unserer Abhängigkeit von anderen doch mal kurz wieder bewusst werden.

Die drei Methoden, die wir pflegen, um unsere fundamentale Abhängigkeit zu vergessen, sind Flucht in Suchtverhalten, Flucht in die Technik und Flucht in die Theorie. Interessant sind diese Methoden der versuchten Selbstabschließung, Selbstbezogenheit und Selbsterschaffung vor allem dann, wenn ein Re-Entry der zwischenmenschlichen Beziehungen in diese Flucht-Methoden eintritt. Denn diese Re-Entrys vollziehen sich musterhaft, also auf spezifische, regelhafte und beschreibbare Weise.

1.) Sucht

Sucht ist innerhalb einer Gesellschaft, die den Mythos des autonomen Einzelwesens pflegt, eine brave Hörigkeit gegenüber den allgegenwärtigen Autonomie-Erwartungen, denen wir in einer solchen Gesellschaft ununterbrochen ausgesetzt sind: „Ich brauche niemanden. Ich brauche nur meine Pillen/Drinks/Online-Spiele/Videostreams/Selbstverletzungen/Pornos/Sporteinheiten/Arbeit/etc.“

Mit Suchtverhalten versuchen wir eine Selbstregulation einzuführen, die ohne emotional aufgeladene Interaktionen mit anderen Menschen auskommt. Im Grunde ist Suchtverhalten das pragmatische Gegenstück zum Imperativ der Autonomie und zum Mythos des In-sich-geschlossenen Einzelwesens und heroischen Urheber des eigenen Willens.

Interessanterweise führt Suchtverhalten mit großer Regelmäßigkeit zu einer deutlich sichtbaren, kaum mehr ignorierbaren Abhängigkeit von anderen Menschen. Unsere Versuche, mittels reiner Selbstregulation, in perfekter emotionaler Isolation von „unzuverlässigen“ oder „bedrohlichen“ anderen unser Leben zu gestalten, scheitern allesamt früher oder später.

Der Re-Entry des Zwischenmenschlichen besteht bei Suchtverhalten nicht erst in der Co-Abhängigkeit oder im massiven Umsorgt-Werden-Müssen durch Familie, Freunde und professionelles klinisches „Personal“. Der Re-Entry beginnt bereits damit, dass wir, wenn wir eine Sucht pflegen, überaus angenehm für unsere mitmenschliche Umwelt sind. Süchtige schmutzen emotional nicht sonderlich. Sie machen alles Emotionale mit sich selbst aus. Sie funktionieren. Der perfekte Süchtige existiert über dieses Funktionieren hinaus kaum. Er ist auffällig unauffällig. Er entlastet seine mitmenschliche Umwelt massiv. Er tut ein gutes Werk an der Menschheit, indem er sie nicht mit seinem Innenleben belastet, sondern „Medikamente“ für seine Ängste und seine Schmerzen gefunden hat, mit denen er sich selbst behandeln kann, wann immer sie auftreten.

Das ist sehr nett von ihm.

Bevor also suchtpflegende Menschen beginnen, ihren Mitmenschen schmerzhaft zur Last zu fallen, haben sie lange Zeit damit begonnen, ihnen so wenig wie nur möglich zur Last zu fallen.

Man könnte das auch emotional-gesellschaftliches Gleichgewicht nennen. Den Preis zahlen alle zusammen am Schluss. Davor wird lange, lange auf emotionalen Pump gelebt. Und daran ist mitnichten „nur der Süchtige selbst“ beteiligt. An diesem Vorgang sind alle beteiligt, die an Interaktionen beteiligt sind.

Nur ist es in einer Gesellschaft, die den Mythos des autonomen Einzelnen pflegt, schlicht viel naheliegender und – wiederum – emotional entlastender, davon auszugehen, dass wahlweise „mit dem Süchtigen was nicht stimmt“ oder „irgendwas in seiner Vergangenheit“ oder „irgendwas in seinen Genen“, etc.

Auf die soziale Gegenwart zuzurechnen, auf das, was gerade hier und jetzt zwischen Dir und mir geschieht, das erscheint dann allzu absurd und allzu belastend.

2.) Technik

Technik ist grandios. Sie ist spannend, sie ist aufregend, sie sorgt immer wieder für Neuerungen. Sie erleichtert nicht nur unser Leben, sie ermöglicht es heute überhaupt erst. – Ohne unseren vielen Techniken könnten kaum 8 -12  Milliarden von uns diesen kleinen Planeten bewohnen.

Technik hat also ein ziemliches Renommee. Als emotionales Selbsregulativ und systematische Verabschiedung aus sozialen Zusammenhängen generiert sie das, was wir manchmal einen „Ingenieur“ nenne, oder „Bastler“ oder „Tüftler“ oder auch einen „Techie“ oder „Nerd“.

Technik ermöglicht Erfahrungen der Kontrolle und der Selbstvergessenheit. Wir sind in technischen Aktivitäten „ganz beim Gegenstand“, bei seinen spezifischen Eigenschaften, bei seiner Veränderbarkeit und Manipulierbarkeit durch uns. – In der Technik erleben wir uns als souverän gegenüber dem Gegenstand, als göttlich. Es ist kein Zufall, dass der welterschaffende Gott im entsprechenden platonischen Mythos die Bezeichnung „Demiourgos“, also Handwerker trägt.

Zwar verändert uns Technische Aktivität durchaus: Jemand, der sich viel mit der Manipulation eines ganz bestimmten Gegenstands beschäftigt, wird sich in dieser Beschäftigung nach und nach verändern und immer wieder anpassen müssen, um bei seinen Manipulationen erfolgreich zu sein. Darin unterscheidet sich der beinahe ausgestorbene Holzschnitzer nicht von einem Programmierer oder einem Ingenieur oder einem Grundlagenforscher.

Entscheidend ist aber, dass Zwischenmenschliches bei technischen Manipulationen tunlichst ausgeblendet werden kann und muss. Die Grundform technischer Aktivität ist „Ich und der Gegenstand – Und bitte stör mich nicht dabei, verdammt nochmal!“ – Als Sonderform hat die wissenschaftliche technische Aktivität noch gefunden: „Ich, eine Scheibe Glas dazwischen und dahinter ein kontrollierter Versuchsaufbau – Rückwirkungen des Gegenstands auf mich: ausgeschlossen“. Wissenschaft ist insofern das Ideal der Technik, als sie die Selbstvergessenheit zu einer unbedingten Anforderung erhoben hat. Der Wissenschaftler wäre, würde die Glasscheibe wegfallen, würde er in seinem Gegenstand vorkommen, eine Störung. Seine Anwesenheit auf Seiten des Gegenstandes würde zu einer „Verzerrung der Ergebnisse“ führen. Die Fachbezeichnung dafür lautet: „Objektivität“. Versuchsaufbauten dienen dazu, so zu tun als sei der Wissenschaftler, der den Versuch arrangiert hat, eigentlich überhaupt nicht da. – Vor allem deswegen ist Wissenschaft so eine lustige Sache.

Der Re-Entry des Zwischenmenschlichen in die Pflege von Technikverhalten geschieht auf drei grundverschiedene Weisen:

a) Wenn „Techies“ versuchen, erfolgreich mit anderen Menschen zu interagieren. Da das, was wir viel tun, uns unweigerlich formt, neigen wir unweigerlich zur Anwendung „technischer Verfahren“ im Umgang mit anderen Menschen, wenn wir die entsprechende „déformation professionelle“ durchlaufen haben. Wir Techies begeistern sich sehr für den Modus des „Erklärens“ oder „Theoretisierens“, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Wichtig ist dabei, dass unsere aktuellen Emotionen und die Emotionen unserer Interaktionspartner keine Rolle spielen, sondern dass alles ganz „rational“, kontrolliert und emotional gedimmt abläuft.

Dieser Re-Entry ist sehr zielführend: Da uns kaum interessiert, was keine Emotionen in uns auslöst, bekommen wir, wenn wir so vorgehen, exakt die Einsamkeit, Ungestörtheit und Ruhe von Anderen, die wir uns so sehr wünschen. „Technik“ ist so betrachtet ein erfolgreiches soziales Regulativ, dass andere Menschen exakt auf dem Abstand hält, von dem wir glauben, dass wir ihn brauchen.

Eine Sonderform dieses Re-Entry’s stellen Versuche von Technik-affinen Menschen dar, auf technische Weise gezielt bestimmte Emotionen bei anderen Menschen auszulösen, und dabei selbst emotional völlig unbeteiligt zu bleiben. Manche nennen solches Verhalten ja „soziopathisch“. Ich glaube, dass eine solche Pathologisierung aber mehr vernebelt als erhellt. Aus Sicht eines Menschen, der sich entschieden hat, via Technik alles Zwischenmenschliche so weit wie möglich von sich fernzuhalten, ist dies ein erster Schritt wieder hinein in die Interaktion, und zwar mit dem Sicherheitsabstand, den er glaubt zu benötigen.

Die Erfahrung, dass diese Versuche und ihn selbst involvierenden Experimente nur selten zu den Ergebnissen führen, die er herbeiführen wollte, kann einen Techie zu weitergehenden Schritten führen. „Der Mensch als Gegenstand“ erweist sich nämlich bei solchen Versuchen als ausgesprochen widerständiges Material, das eine ganz andere Form von Engagement benötigt, um in Experimenten erfolgreich zu sein. – Nach und nach beginnt der „Gegenstand“ den „souveränen Experimentator“ auf seine Seite zu ziehen und zu verändern…

…was natürlich eigentlich etwas ist, das keinem eingefleischten Techniker jemals passieren darf.

b) Wenn Technik „dem Menschen nutzen soll“, also in ökonomischen oder anderen sozialen Zusammenhängen instrumentalisiert wird. – Dieser Re-Entry ist für die meisten Menschen ziemlich frustrierend und schmerzhaft, die Technik als emotionales Selbstregulativ und Befolgung des Autonomie-Imperativs gewählt haben.

Damit sind nicht nur die vielen Konflikte zwischen BWLern und Technikern gemeint, die in unseren Unternehmen ständig ausgefochten und von den Technikern mangels politischer/emotionaler Übung regelmäßig verloren werden. Damit ist auch die Konfliktlinie zwischen Produktion und Vertrieb gemeint. Zwischen Investoren- und Kundenorientierung von Unternehmen. Zwischen dem Versuch, Prozesse zu managen, und dem Versuch, Menschen zu führen. Und auch die Transformationskonflikte, wenn Techies in Technik-Vernutzungszusammenhängen plötzlich entdecken, dass es dort ja überall Menschen gibt und als Reaktion auf diese Entdeckung solche Dinge erfinden wie „agile“, „Beyond Budgeting“, „Management 3.0“ und was der lustigen Nerd-Spielereien mehr sind… …Nicht-Techies lassen sich von solchem Wortgeklingel wahlweise beeindrucken, wahlweise haben sie das Gefühl, dass hier gerade irgendwelche Teenager zum ersten Mal Sex hatten und nun den Rest der Welt darüber aufklären wollen, wie großartig das doch ist. „Der Rest der Welt“ gähnt dann gelangweilt oder lächelt milde. Und der Teenager schmollt dann und findet alle anderen ahnungslos und doof.

Techies, die Konzentration auf Technik als Methode zur Distanzaufrechterhaltung gewählt haben, wünschen sich regelmäßig die Tüftler-Werkstatt zurück, in der Unternehmenspolitik keine Rolle spielt. In der höchstens ab und zu Donald Duck am Abend anklopft, irgendwas Unmöglich-Abgefahrenes bestellt, das man dem staunenden Donald dann nach einer durchgetüftelten Nacht fertig in die Hand drückt. – DAS wäre beglückend. Hach, Wirtschaft könnte so schön sein…!

Das Wirtschaft heute vor allem Zusammenarbeit ist, die uns alle sehr weit weg rückt vom Modus „Ich und mein Werk“, führt dazu, dass Technik als eine Lebensform der Distanznahme zunehmend unbrauchbar geworden ist. Um in wirtschaftlichen Zusammenhängen Techniker sein zu dürfen, muss man leider seine empfindlichen Organe reaktivieren, die befriedigende Interaktionen überhaupt erst möglich machen.

Das jedoch fühlt sich ziemlich gefährlich, riskant und bedrohlich an. – Lieber doch abgeschalteter Dienst nach Vorschrift + Leidenschaft in der heimischen Bastelkammer.

c) Es wird versucht, das Zwischenmenschliche selbst zum Gegenstand von Technik oder zum „Forschungsgegenstand“ zu machen. – Wann immer das geschieht, haben wir Menschen vor uns, die im Versuch gefangen sind, sich gottgleich über alle anderen Menschen zu erheben. – Platons Politeia ist hier formgebend:

Wir haben dann einerseits Menschen als Objekt. Andererseits Menschen- oder Gesellschafts-Techniker als diesen Gegenstand manipulierende Subjekte, die aber auf der Objektseite selbst nicht vorkommen („das würde die Ergebnisse verzerren“, man erinnert sich an die Grundbedingung von Wissenschaft). „Das Rationale“ hat „das Irrationale“ auf Biegen und Brechen zu beherrschen. Zu diesem Zweck hat es bitteschön Abstand von ihm zu halten. Sonst Kontaminierung des Rationalen mit Emotion = Weltuntergang.

Da die Trennung von „Gestaltung der Spielbedingungen“ und „Mitspieler im Spiel sein“ fundamental für Technik ist, führt die Anwendung der Aktivitätsformen Technik und Wissenschaft auf den Bereich des Menschlichen und Gesellschaftlichen entweder zu absurd komischen Auswüchsen oder zu gewalttätigem, empathiebefreiten Verhalten, das dazu dient, eine unmögliche Trennung („die Glasscheibe“) zwanghaft aufrecht zu erhalten. Oft führt es zu beidem gleichzeitig. Die meisten Diktatoren, Foltermeister, Gesellschaftsverbesserer und mitgefühllosen Psychiater sind ziemlich lächerliche Figuren. – Das kann man immer dann leicht wahrnehmen und aussprechen, wenn man gerade nicht selbst in den Objektbereich ihrer technischen Experimente fällt.

Die Verleugnung des Umstandes, dass wir als Menschen immer selbst im Spiel ist, dass es hier keine sinnvollen Subjekt-Objekt-Trennungen geben kann, und dass eine „Wissenschaft vom Menschen“ oder eine „Wissenschaft von der Gesellschaft“ ein „Kategorienfehler“, oder schlicht und einfach Unsinn ist, führt in praktischer Hinsicht zur Rechtfertigung von Gewalt, die die einen Menschen den anderen Menschen antun dürfen – oder sogar glauben, ihnen antun zu müssen: „Der Wissendere“, dem „Unwissenderen“.

Dass dieser platonische Mythos auch heute noch in vollem Saft und Kraft steht, lässt sich an der Entstehungsgeschichte unserer modernen Demokratien ablesen und an unserer anhaltenden Weigerung, unsere demokratischen Verfahren dahingehend weiterzuentwickeln, dass jeder von uns voll als Subjekt des Gemeinwesens erleben und empfinden kann.

3. Theorie

Theorie ist als Mittel der Menschlichkeitsverdrängung perfekt: Als „view from above“ kann sie einen sogleich vergessen lassen, dass man einen Körper hat, dass man was Essen muss, dass man Schlaf braucht, sowie Aussprache, Zuspruch, Austausch und Umarmungen. „Wenn ich eine interessante Interaktion haben will, unterhalte ich mich mit mir selbst“ ist der Leitsatz des autonomen theoretischen Menschen, der damit ebenfalls brav den Vereinzelungsmythen und -Imperativen folgt.

Da Theorie zudem umso mehr zu beeindrucken weiß, um so weniger ein Interaktionspartner selbst von dieser Krankheit befallen ist, bieten sich interessante und typische Formen des Re-Entries an:

  • Bücher schreiben
  • Vorträge halten
  • Langatmige Blogeinträge mit viel zu vielen Nebensätzen, Einschüben und Fremdwörtern verfassen
  • Finden eines Lebenspartners, mit dem man eine kontaktarme Beziehung führt, und der für einen das Geld verdient, der die Kinder versorgt und einem den Haushalt macht

Der typische Re-Entry-Frust besteht hier darin, dass Theorie für jeden Nicht-Theoretiker schlicht langweilig, umständlich und uninteressant ist. Die Frage: „Und, was hat das jetzt gerade mit mir zu tun?“ ist für Nicht-Theoretiker eben nicht dadurch beantwortet, dass für sie die großen Vorzüge der zwischenmenschlichen Distanznahme unmittelbar spürbar wären. Denn entweder kennen sie die Ängste der Theoretiker vor Unmittelbarkeit, Körperlichkeit, Abhängigkeit und Kontrollverlust gar nicht. Oder sie haben andere Wege und Mittel gefunden, ihnen zu begegnen oder mit ihnen umzugehen.

Auf das große Desinteresse ihrer Mitmenschen an ihrer Theorie reagieren Theoretiker

  • mit Verstärkung ihrer theoretischen Aktivität („mehr vom Selben“), in der irrigen Annahme, dass die Theorie bisher noch zu schlecht und unausgereift war, um Anklang zu finden. Die Illusion, es könnte kontrollierbaren, unemotionalen zwischenmenschlichen Kontakt geben, wird aufrecht erhalten.
  • mit „Popularisierung“ und „Bebilderung“: Man muss es diesen ganzen Dummies einfach besser „vermitteln“. Manche Theoretiker laufen hier erst richtig zur Höchstform auf.
  • mit Rückzug, Sarkasmus und Elite-Fantasien: Wenn andere es nicht verstehen, was an den eigenen Gedanken so wahnsinnig toll ist, haben sie es eben nicht besser verdient („Perlen vor die Säue“). Eines Tages wird man verstehen. Die Ideen sind gut, doch die Menschheit noch nicht bereit. Wahlweise auch: Niemals bereit. Egal. Ich weiß, was ich weiß, und bin mir selbst genug.

Auch hier treffen wir bei Platon den Vorgänger aller Re-Entries an: Im „Höhlengleichnis“ beschreibt er wunderbar selbstimmunisierend den Rückkehr des theoretisch Erleuchteten in die Höhle der Gesellschaft und damit den Kontakt des einsichtigen Theoretikers mit den weiterhin an ihre lächerlichen Ideen angebundenen Menschen. Er schildert das Nicht-Willkommensein, die Gegenwehr oder wie die Psychotherapeuten mal sagten: „Den Widerstand“ der dummen Masse gegen den wohlmeinenden Philosophen. Einsicht sei schwer zu vermitteln, es bedürfe dazu der indirekten Techniken und einer Unterscheidung von esoterischem und exoterischem Auftreten. Mit den „Men in Black“ hätte Platon einiges anzufangen gewusst. Denn „die Wahrheit“ ist den meisten Menschen nur unter Gefahr für Leib und Leben des Wahrheitsbringers zumutbar. Bevor man sie blitzdingsen muss, sollte man lieber dafür sorgen, dass sie nichts davon erfahren, dass Aliens auf der Erde leben.

Ich muss zugeben: Zumindest die Unterscheidung von Esoterik und Exoterik ist ein charmanter Gedanke, dem ich einiges abgewinnen kann. Immerhin erleben wir täglich, dass eine gewisse kognitive Dissonanz recht produktiv ist, wenn man anderen Menschen bei ihren (Nicht-)Veränderungen begegnet. Wenn entschieden, nachdrücklich und vor allem emotional für eine Sache eingetreten wird, so überzeugt das die meisten von uns immer noch nachhaltig vom Gegenteil. – So verteidigen wir unsere Autonomie gegenüber den Zumutungen unserer Mitmenschen.

Natürlich ist das alles ein bisschen umständlich, da man sich auch einfach auf andere einlassen und mit ihnen Spaß haben könnte. Aber wer von uns will es schon einfach haben?

Lang lebe die Autonomie! Und der Theoretiker ist immer noch der Autonomste von allen! Nur schade, dass nicht alle Welt theoretisch werden will, sondern dass sie sich hartnäckig weigert, die unbestreitbaren Vorzüge der theoretischen Distanznahme für sich zu erkennen! – Wer aber derart verstockt die Heteronomie wählt und auf die Selbst-Befreiung durch Theorie verzichtet, für den darf es eben auch keinen Unterschied machen, ob seine Heteronomie von autonomen Theoretikern bestimmt wird oder von Sklaven nicht-theoretischer, niedriger, körperlicher Leidenschaften! Die Theoretiker müssen die Welt beherrschen, um sie vor sich selbst zu retten.

– So oder so ähnlich würde das Platon als Erfinder der „theoretischen Methode“ wohl heute nicht schreiben. Es wäre zu direkt, zu wenig subtil und zu unverständlich.

 

 

 

 

 

 

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