Emanzipation stammt von dem lateinischen emancipatio, was „Entlassung aus der väterlichen Gewalt“ oder auch die „Freilassung eines Sklaven“ bedeutet. (Wikipedia)

Warum das so ist

Wir denken in Mustern. Vergeht etwas altes, glauben wir, dass etwas Neues, leicht Verschiedenes, aber doch irgendwie Gleichartiges an seine Stelle treten müsse.

Unser Gehirn strukturiert und erschafft sich seine Wirklichkeit mithilfe von „Frames“. Brüche von Frames waren ursprünglich mal selten. Heute häufen sie sich und sind beinahe schon wieder „normal“. Frames sind für den einzelnen Menschen das, was Thomas S. Kuhn bezogen auf die Wissenschaftsgeschichte als „Paradigma“ bezeichnet hat. Veränderung von Frames sind für den Einzelnen das, was Kuhn innerhalb einer Wissenschaft „Paradigmenwechsel“ nannte.

Dementsprechend denken wir „Veränderung“ so: Ein Paradigma ersetzt ein anderes Paradigma. Ein Frame ersetzt einen anderen Frame.

Dass ein Paradigma durch nichts Gleichartiges, Gleichwertiges ersetzt werden könnte, ist für uns in einem sehr buchstäblichen Sinne „undenkbar“.

Das gilt heute für den Begriff „Männlichkeit“, der in der Differenzierung zu „Weiblichkeit“ gebildet und aufrecht erhalten wurde.*

Die Veränderungen, die derzeit hinsichtlich der traditionellen Geschlechterdifferenzierung vor sich gehen, denken wir also unweigerlich so: „Der neue Mann“ ersetzt „den alten Mann“.

Damit zeigen wir nur eins: Wir können Veränderung nicht denken. Wir können sie nur machen, durchleben und erleiden.

 

Warum der Satz „Es gibt keinen ’neuen Mann'“ etwas ganz anderes heißt als das, woran wir bei dem Satz wahrscheinlich erst einmal denken

Ein naheliegender Gedanke, wenn wir die Behauptung in der Überschrift akzeptieren, geht ungefähr so:

„Ja klar gibt es keinen einen neuen Mann! Weil es viele, verschiedene neue Männer gibt! Männer gibt es in vielen Geschmacksrichtungen! Diversity! Dappadajajippiejippiejeeeee!

Oder, auf andere Weise affirmativ:

„Ja klar gibt es keinen neuen Mann! Weil Männer immer Männer sein werden! Testosteron! Biologie! Gene! Lang lebe das Y-Chromosom!

Beides ist nicht der Grund für die Richtigkeit der in der Überschrift aufgestellten Behauptung.

„Mann“ ist eine gesellschaftliche Konstruktion, die bestimmte Funktionen erfüllt. Innerhalb einer Gesellschaftsformation, die ich als „Kriegerkultur“ bezeichne, ist sie vor allem ein Set aus Imperativen und Verboten, die dafür sorgen sollen, dass der menschlichen Gesellschaft hinreichend genügend Soldaten zur Verfügung stehen: Wesen, die kampfbereit sind, die risikofreudig sind, die sich daran haben gewöhnen lassen, Schmerz, Krankheit, Schwäche und Gefühle generell zu unterdrücken, deren Wahrnehmung auf spezifische Weise geschärft und auf spezifische Weise abgeschwächt ist und die dadurch zuverlässig ein Set an Verhaltensweisen, Einstellungen und Haltungen an den Tag legen, das benötigt wird, um Kriege zu führen, auf Kaperfahrten zu gehen, wilde Tiere zu töten, auf Naturkatastrophen zu reagieren, etc. – Hier eine schöne Beschreibung, wie das alles genau vor sich zu gehen hat, für alle, die das bereits vergessen haben.

Diese Kriegerkultur liegt im Sterben. Wir nehmen das in seiner ganzen Drastik nur selten wahr, denn, wie es bei Nietzsche so schön heißt: „Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt.“ – Das gilt bei wirklichen Veränderungen deutlich mehr noch als bei Worte und Gedanken, die meist gar nichts ändern, sondern Veränderungen nur nachträglich feststellen. Meist dann, wenn solche Veränderungen bereits so unübersehbar und unignorierbar geworden sind, dass man eher geneigt ist zu fragen: „War das etwa nicht schon immer so?“

„Männer“ werden daher schlicht und einfach nicht mehr benötigt in der Weltgesellschaft, in die wir uns gerade unaufhaltsam hineinentwickeln. Das heißt natürlich nicht, dass das Y-Chromosom verschwindet. Es heißt vielmehr, dass es zunehmend unwichtig für uns sein wird, wie es um die Gonosome bei uns und bei anderen Menschen genau bestellt ist.

Um eine Inspiration aus einem auf „Führung“ gemünzten Artikel von Marcus Raitner zu nutzen: Wir sind mitten in einer Entwicklung von einer Kriegerkultur zu einer Gärtnerkultur. – Und das ist nun, nunja doch vielleicht ein Paradigmenwechsel. Allerdings einer, der keine „neuen Männer“ hervorbringen wird, sondern eine ganz neuartige Konstellation. Eine Konstellation, innerhalb derer sich unser Umgang mit „Geschlecht“ im Sinne von „Sex“ (nicht: „Gender“) tatsächlich „revolutioniert“.

 

Warum das gut ist

Ich teile die Haltung des Bielefelder Männertherapeuten Björn Süfke, dass es für uns heutige Männer wenig Sinn macht, die Gebote der Traditionellen Männlichkeit durch neue Gebote einer „Neuen Männlichkeit“ zu ersetzen. Zu einem Zeitpunkt, an dem uns diese alten Gebote voll im Nacken und in den Knochen sitzen, macht es wenig Sinn, noch einen drauf zu setzen und uns selbst mit noch mehr Imperativen zu knechten. – Das wäre keine „männliche Emanzipation“, sondern eine zusätzliche, weitere „Immanzipation“: Selbstversklavung x 2, sozusagen.

Der individuelle Druck, den heute viele Menschen verspüren, wenn gerade mal wieder Geschlechterkategorien gespielt werden, ist auf diese Weise gut erklärbar. Oft wird er auf der männlichen Seite entlang der Pole „Macho/Softie“ oder ähnlichem verhandelt. Es werden dann Sätze gesagt wie: „Der heutige Mann weiß nicht, ob er Macho oder Softie sein soll, er soll ein bisschen von beidem sein. Männer sind heute überfordert“. Oft wird dabei mitgedacht, wenn nicht offen ausgesprochen: „Aber das werden sie mit der Zeit schon noch lernen!“

Nach meiner Einschätzung macht diese Beglückung von Menschen mit zusätzlichen Imperativen aber nicht nur jetzt gerade, „zu diesem Zeitpunkt der Transformation“ keinen Sinn, sondern wird auch später kaum irgendeinen Sinn machen. Die Entwicklung geht in eine völlig andere Richtung.

Statt der Aufstellung eines „neuen Ideals“, wie denn so „ein Mann zu sein habe“, damit er ein „richtiger Mann“ oder ein „guter Mann“ ist, laufen wir auf einen Zustand zu, indem uns jegliche normative Vorstellung, jegliches Männerbild absurd vorkommen muss. – Dass ist gleichbedeutend mit einem immer Unwichtiger-Werden des Konzeptes „Mann“ als sozialer Kategorie, an dem sich Menschen gleich welchen Gonosoms reiben und orientieren. Drastischer formuliert: Es wird keine Männer mehr geben, weil es kein Mann-Ideal mehr geben wird. Die Existenz von Männern setzt eine normative Vorstellung voraus, „was es heißt, ein Mann zu sein“. Mit dem Tod dieser normativen Vorstellung stirbt auch das menschliche Substrat, das von dieser Vorstellung zehrt.

Hat mann als einzelner Mensch bereits viel in seine eigene Zurichtung zum „richtigen Mann“ investiert, z.B. auf viel verzichtet, um der gerade herrschenden Norm von „Mann-Sein“ gerecht zu werden, hat man sich „geformt“, bestimmte Haltungen und Prägungen angenommen, die sich nicht mehr eben mal einfach so ändern lassen, dann wird einem die Prognose „es wird keine Männer mehr geben“ bedrohlich, absurd, unvorstellbar oder unwahrscheinlich vorkommen müssen. Aber Veränderungen dieser Größenordnung kümmern sich schlicht nicht darum, was wir von ihnen halten: Ob wir sie bejahen oder negieren berührt sie nicht. Wir können sie weder aufhalten, noch vorantreiben. Sie vollziehen sich an uns. Wir machen sie nicht.

Ich gehe davon aus, dass in der Modernen Weltgesellschaft, die sich gerade entwickelt, die geschlechtliche Emanzipation vollständig sein wird. Das heißt für Menschen, die die typischen körperlichen Merkmale haben, die sich bei vielen aber eben nicht allen zeigen, die ein Y-Chromosom besitzen, dass sie ihre individuelle Identität zum ganz überwiegenden Teil nicht mehr um diese Merkmale herum aufbauen werden. „Geschlechtlichkeit“ wird ein vergleichsweise nebensächlicher und bedeutungsarmer Teil dessen werden, wie wir uns selbst verstehen.

Dass dies kein Verlust, sondern ein Gewinn ist, ist heute wahrscheinlich für viele Menschen nur schwer nachvollziehbar. Minderheiten, die heute unter der noch sehr wirksamen Heteronormativität leiden, haben es da ein wenig leichter, obgleich auch sie keineswegs frei sind von der Genderisierung von allem und jeder. Es steht uns heute noch kaum frei, uns um unser zufälliges Geschlecht kaum zu scheren. Wir sind gezwungen, dazu „Position zu beziehen“: Dafür, dagegen, wie auch immer.

Wenn ich das aber richtig sehe, ist das ein Zustand, der kaum Bestand haben wird.

Der Slogan „Neue Männer braucht die Welt“ ist in jedem Fall Unsinn. Wir brauchen alles mögliche, aber sicher kein neues Männer-Ideal, für wie progressiv wir es auch gerade halten mögen. Jedes Geschlechts-Ideal ist ein Rückschritt, der von dem realen Verlauf der gesellschaftlichen Prozesse weggespült wird.

Menschliche Identität ist bereits heute so vielfältig, vielschichtig und veränderlich geworden, dass unsere lieben Nachfahren nach einem weiteren Fortschritt dieses Reichtums an Identitäten wohl kaum einen Verlust empfinden werden, wenn sie auf heute zurückblicken und dabei wahrnehmen, dass sie unsere Kriegerkultur, die zu ihrer Selbsterhaltung klarer „Mann/Frau“-Zuschreibungen bedurfte, weit hinter sich gelassen haben.

 


 

* Zu „Weiblichkeit“ und „Frauen“ schreibe ich in diesem Artikel nichts, obwohl es rein begriffstechnisch unmöglich ist, über „Männer“ zu sprechen, ohne dabei gleichzeitig über „Frauen“ zu sprechen. Begriffe machen Sinn erst durch das, wovon sie unterschieden werden.

Ich bin jedoch der Ansicht, dass a) diejenigen Menschen, die sich selbst derzeit als „Frau“ identifizieren, „die Veränderungen von Weiblichkeit“ bitteschön unter sich ausmachen können, und dass b) Lydia Krüger zu dem Thema bereits viel Spannendes geschrieben hat, das ich so niemals nicht hätte formulieren können. – Viel Spaß beim Lesen!

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3 Gedanken zu “Warum es „den neuen Mann“ nicht gibt und nie geben wird

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