Die Transformationsprozesse, die unsere schöne Weltgesellschaft im Moment durchläuft, lassen sich beschreiben als Übergang von einer Kriegerkultur zu einer Gärtnerkultur.

Den Begriff der Gärtnerkultur und die Entgegensetzung zu militärischen Metaphern borge ich mir von einem Artikel Marcus Raitners über ein neues Verständnis von Führung.

Übertragen auf unsere Weltgesellschaft als ganzes kann man behaupten, dass wir uns erkennbar auf eine Formation zubewegen, in der „Caring“, Fürsorge oder eben „Gärtnerhaltungen“ zunehmend wichtiger werden und alte Einstellungen, Haltungen, Entscheidungsformen und Institutionen ersetzen, die eher zu einer militärisch oder räuberisch orientierten Gesellschaftsform passen, die bevorzugend auf eine Ausbeutung von Lebensräumen, Ressourcen, anderen Menschen oder eben „Märkten“ ausgerichtet war.

Setzt man voraus, dass die Grundform dessen, was wir heute „Unternehmen“ nennen, seinen Ursprung in den königlich-staatlich ausgerüsteten Kaperfahrten der frühen Neuzeit hatte: Als neue Länder zu entdecken waren und solche Unternehmen eben vorfinanziert werden mussten, so kann man sagen, dass dieses „räuberische Element“ unseren heutigen Unternehmen immer noch tief in den Knochen steckt. Zugleich erkennt man aber auch, dass dieses Verständnis von Unternehmertum und die damit zusammenhängenden Lebensvollzüge immer mehr zu einem Ende kommen.

Durch die heute spürbare Begrenztheit des Ausbeutbaren kommt unsere Wachstumsgesellschaft einerseits an ein Ende, andererseits sind wir durch zunehmende Vernetzung auf mehreren Ebenen als Menschheit bereits heute so zusammengewachsen, dass der alte Ausdruck „global village“ mehr zutrifft als jemals – Und von Jahr zu Jahr immer noch zutreffender wird. Man kann heute der Weltgesellschaft beim Zusammenwachsen zuschauen. Manchmal schmerzhaft, manchmal sprunghaft, manchmal mit kurzen Rückfällen. Das ändert aber alles nichts an der deutlich erkennbaren Grundtendenz und Irreversibilität des Prozesses.

Unser Grundverständnis als Kriegerkultur ist daher ohne Zweifel ein Auslaufmodell. So sehr, dass viele heute sogar bestreiten würden, dass wir überhaupt noch in einer Kriegerkultur leben. Dem kann man zwar mit Gründen entgegentreten, denn wir finden überall Überbleibsel von Verhaltensweisen, Haltungen und Institutionen, die innerhalb einer Kriegerkultur viel Sinn machen, außerhalb jedoch eher überflüssig, wenn nicht hochproblematisch erscheinen.

Ein besonderes Kennzeichen unseres Herkommens aus einer Kriegerkultur ist die traditionelle Arbeitsteilung zwischen „Männern und Frauen“, verbunden mit der entsprechenden „Erziehung“, „Zurichtung“ und „Training“ für die beiden Seiten zugedachten Aufgaben:

Frauen wurden zurechtgestutzt auf Haltungen, Gewohnheiten und Empfindungen, die vorteilhaft sind, wenn man Tag ein Tag aus nichts als Kinderumsorgung und Haushaltsführung im Kopf zu haben hat.

Männer wurden zurechtgestutzt auf Haltungen, Gewohnheiten und Empfindungen, die vorteilhaft, wenn man Tag ein Tag aus nichts als Kriegsführung und Kaperfahrten im Kopf zu haben hat.

Der familiär abwesende Vater und die beruflich abwesende Mutter sind das Ideal einer reinen Kriegerkultur.

Nicht nur diese klare Aufteilung und geschlechtlich kodierten Erziehungsideale sind uns heute zunehmend fragwürdig geworden, sondern auch das, wie jeweils „Beruf“ und „Familie“ heute aussehen können und sollen.

Das Verständnis von Unternehmertum als eine Art „Kriegsführung mit anderen Mitteln“ dürfte keine Zukunft haben.

Und auch das Verständnis von Familie als Einheit, die in der Reproduktion von kleinen Nachwuchssoldaten aka Männern und Nachwuchsbrutkästen aka Frauen ihren vorrangigen Zweck findet, ist ein Auslaufmodell.

Familie ist heute nicht nur vielfältiger als die heteronormative Mutter-Kinder-(Vater)-Kleinfamilie, sie verteilt auch die Verantwortung für das Wohl von Kindern auf deutlich mehr menschlichen Schultern. – Wieder, wie man anmerken darf. Denn die frühindustrialisierte Kleinfamilie ist eine Ausnahmeerscheinung in der Menschheitsgeschichte.

Unternehmen, oder wie man auch sagen könnte: Sinnvolle menschliche Betätigung außerhalb des unmittelbaren Kreises von lieben Menschen zu Wohle eines größeren Kreises von Menschen aka Kunden, verwandelt sich zugleich zu einem Raum menschlichen Austausches, menschlicher Kontaktaufnahme und wechselseitiger menschlicher Fürsorge. Die Formen der Entfremdung durch Arbeit / in Unternehmen, die für die frühe Industrialisierung typisch waren, werden in einer sich dorfähnlich organisierenden Weltgesellschaft immer mehr aufgefangen durch echten Kontakt, Anteilnahme und wechselseitige Empathie in der Gestaltung der wirtschaftlichen Beziehungen.

Dieser Umstand entgeht uns, weil wir das berechtigte Misstrauen gegenüber „der Wirtschaft“ aus der Frühindustrialisierung mitgenommen haben. Wir fokussieren auf Skandale und Entfremdung. Diese in ihrer Pauschalität heute absurd gewordene Misstrauen und Hypersensibilität sind zugleich Treiber der Entwicklung: Sie helfen uns, es immer weniger zu dulden, wann immer wir auf reine Ausbeutungsverhältnisse treffen, die nach dem Muster Herr/Knecht ablaufen. Die materielle Ungleichheit hinsichtlich der Besitzverhältnisse, die sich über Jahrhunderte der Ausbeutungs- und Kriegerkultur herausgebildet hat, dürfte daher dort, wo sie sich nicht von alleine nivelliert, auf immer mehr Skandalisierung treffen. Menschen, deren Besitzverhältnisse all zu weit über dem Durchschnitt befinden, kommen um so mehr unter Druck, „anderen etwas abzugeben“, um so mehr ihr größerer Besitz offensichtlich nicht auf größere Leistung zurückgeht.

Man kann sich auch hier wieder klarmachen, „woher wir als Gesellschaft kommen“: Der heutige finanzielle Adel ist ein Erbe des klassischen Adels der wiederum ein Erbe des militärischen Adels war. Jene „Tugenden“ (Aretai), die Besitz-Privilegien einzelner Menschen rechtfertigten, waren stets militärischer Natur. Im Sinne eines klaren gesellschaftlichen Deals: „Die Tüchtigsten“ hatten das Kriegerhandwerk zu lernen und damit die „weniger Tüchtigen“ vor Gefahren (Natur, wilde Tiere, vor allem aber den Kriegern anderer Stämme) zu beschützen. Dafür waren sie von „niederer Arbeit“ freigestellt. – Und dafür wurden sie von den „Nicht-Adligen“ ausgehalten und versorgt. Sowohl mafiöse Ordnungen funktionieren nach diesem Prinzip: „Ihr zahlt uns und dafür brennen wir Euer Zeugs nicht nieder, sorgen aber gleichzeitig dafür,dass auch niemand anderer Euer Zeugs niederbrennt.“ Und auch der neuzeitliche Staat hat sich aus diesem Prinzips heraus entwickelt: „Wir errichten hier ein Gewaltmonopol. Dafür zahlt Ihr Steuern. Und wir sorgen dafür, dass niemand anderer außer uns Steuern erhebt.“ – Wahlweise wurde der immer schon bestehende Deal zwischen geadelten und normalsterblichen Menschen religiös überhöht („Gottkaiser; „von Gottes Gnaden“; „Repräsentant der göttlichen Ordnung“). Oder dieser Deal wurde naturrechtlich verargumentiert wie bei Thomas Hobbes: „Aus wissenschaftlich logisch abgeleiteten Vernunftgründen müsst Ihr doch einsehen, dass hier überall Chaos ausbricht, wenn Ihr hier nicht aus freien Stücken ein Gewalmonopol duldet und den König unterstützt. Das könnt Ihr doch nicht wollen, oder?“ – Solche Gleichsetzungen von Anarchie (Herrschaftslosigkeit) mit Anomie (Gewalt und Chaos) sitzen uns auch heute noch im Denken und in der Sprache. Dass wir diese Formen altertümlichen Denkens einfach unbereinigt übernommen haben und unreflektiert fortsetzen, ist ein recht zuverlässiger Weg, uns unser Zusammenleben auf diesem kleinen, blauen Planeten ohne Not schwer zu machen.

Denn in einer Zeit, in der großer Reichtum seinen Bezug zu irgendwelchen Tüchtigkeiten für alle offensichtlich verloren hat und in der zugleich kein Schutz mehr vor fremden Stämmen benötigt wird, verlieren auch Besitzprivilegien ihren gesellschaftlichen Sinn und Nutzen für alle.

Es ist daher weder eine Wunschfantasie, noch Glaskugelkuckerei wenn man behauptet, dass es bereits heute absehbar ist, dass wir sowohl die Idealisierung von Krieger- und Abenteurertum hinter uns lassen werden als auch uns in eine Gesellschaftsform hineinentwickeln, die ein deutlich egalitäreres Grundverständnis hat. – Und das ganz unabhängig davon, ob uns das nun gefällt oder ob uns das abstößt.

Der sich gerade herausbildende egalitärere Grundkonsens innerhalb unserer Weltgesellschaft ermöglicht es, dass die menschliche Individualität und Vielfalt ganz neue Räume bekommt. Räume, die wir, fixiert auf unsere Unterschiede zur nahen Vergangenheit, heute noch kaum erahnen können. Sicher ist, dass wir die individuellen Lebensmodelle unsere Nachfahren kaum verstehen geschweige denn gut heißen könnten, und unsere Nachfahren kopfschüttelnd auf unsere (aus ihrer Sicht) Borniertheiten zurücksehen werden.

Für „Männlichkeit/Weiblichkeit“ bedeutet das, dass wir eine weitaus größere Vielfalt an Formen bekommen, gegen die heutige Vielfalt, von der wir manchmal glauben, dass sie uns bereits überfordert, ein einfältiger Witz sein dürfte. – Menschen werden auch als „Geschlechtswesen“ frei, sich zu entdecken, zu erfinden und zu verändern. Und das eben weitgehend ungebunden (auch nicht durch Widerstand) von den Anforderungen einer Kriegerkultur.

Wir brauchen keine auf emotionale Selbstlosigkeit konditionierten, abenteuerlustigen Kriegsmaschinen mehr. Wir brauchen keine auf Status-Selbstlosigkeit konditionierten,  übersorgsamen Gebärmaschinen mehr. Wir können in unserer Gärtner- und Verbundenheitskultur generell nichts mehr mit Menschen anfangen, die die Selbstlosigkeiten fortsetzen, die für eine Kriegerkultur erforderlich waren. Die Verhaltensweisen, die daraus resultieren, dass mann den Innenkontakt bei sich zuschüttet, und die Verhaltensweisen, die daraus resultieren, dass frau sich nach außen nicht so wichtig nimmt, erscheinen uns heute zunehmend pathologisch: Sie erschweren uns in der heutigen befriedigende Interaktionen und Beziehungen, sowohl, wenn wir sie selbst an den Tag legen, als auch wenn wir sie bei anderen Menschen antreffen. Sie erzeugen bei uns allen Frust, Schmerz, Verzweiflung und Einsamkeit.

Sind meine Analysen richtig, so wird uns das ganze alte Geschlechterdingsbums schon bald schlicht zu anstrengend werden und sinnlos vorkommen. Die Anstrengungen, die nötig sind, um es in unsere Zukunft mit hinein zu nehmen, werden die Anstrengungen, die es verursacht, die Beziehungen zu sich und anderen immer wieder neu zu entdecken, nicht mehr überwiegen. Und die Lust, die aus einer eindeutigen heteronormativen Zurichtung aller Menschen ensteht, wird die Lust, die aus einer Entdeckung der Vielfalt der Möglichkeiten menschlicher Kontaktaufnahme und Interaktion entsteht, nicht mehr überwiegen.

Ich denke, wir werden uns Zukunft nicht mehr in erster Linie als „Männer“ und „Frauen“ verstehen, sondern wir werden uns alle in erster Linie als „Menschen“ verstehen. Sexualität wird nicht mehr die gesellschaftliche Aufladung erhalten, die sie heute immer noch von uns bekommt. Weil die gesellschaftlich-stabilisierenden Funktionen, die Sexualität in unseren Kriegerkulturen hatte, ganz einfach weggefallen sind.

Im Grunde ist das heute schon der Fall, aber Veränderungen brauchen in komplexen Systemen oft eine Weile bis sie deutlicher zu Tage treten. Alle gesellschaftlichen Institutionen sind darauf angewiesen, dass sie sich in uns als Individuen spiegeln. Funktioniert das für uns nicht mehr, hat das für uns deutliche Nachteile gegenüber anderen, für uns greifbaren Alternativen, so ist jegliche gesellschaftliche Institution Geschichte. So unvorstellbar das auch für diejenigen Menschen sein mag, die mit dieser Institution aufgewachsen sind, sich auf sie eingestellt haben und sich in dieser Einstellung auf „die gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse“ zu dem geformt haben, die sie heute sind.

Das alles heißt natürlich auch nicht, dass wir weniger Sex, weniger Kontakt, weniger intensive Beziehungen miteinander haben werden. Nach meiner Einschätzung ist gerade das Gegenteil ist der Fall: Wir werden uns auf deutlich mehr Verbundenheit  miteinander einlassen können, da Beziehungsängste und falsche Verständnisse von „Unabhängigkeit“ sich erledigen. Wir werden deutlich erfüllendere Beziehungen haben als in den Kriegerkulturen, die lange Zeit die menschliche Geschichte bestimmt haben. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

 

 

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