Ich glaube, dass die traditionellen Zurichtungen von Menschen mit erkennbar männlichem Geschlecht aus uns zunächst „das romantische Geschlecht“ machen. Und das geht so…

In der traditionellen Geschlechterordnung werden viele kleine Jungen von ihren Müttern verhätschelt, ohne dass irgendwer dies unterbinden würde. Anders als viele kleine Mädchen, die früh in Aufgaben eingebunden werden und von ihren Müttern immer wieder auch eine gewisse, manchmal sogar maßlose Härte erleben, erlebt die Mehrzahl kleiner Jungen ihre Mutter als „reinen Quell des Guten“. – Für Strafen, Grenzen, Härte sind die selten anwesenden Väter zuständig. Von sinnvollen Aufgaben und Beiträgen zum gemeinsamen Leben bleiben Jungen vergleichsweise lange verschont.

Das Frauenbild, das in der traditionellen Geschlechterordnung auf diese Weise bei kleinen Jungen entsteht, ist gelinde gesagt: Wenig realistisch. So wachsen sie auf und werden größer…

…bis sich eines Tages in ihnen ein „Interesse an Mädchen“ regt, zumindest bei denen, die sich sexuell zu Mädchen hingezogen fühlen. Und in der traditionellen Geschlechterordnung wird genau das von ihnen ja auch zwingend erwartet. Das, was in den meisten Jungen in diesem Moment geschieht, hat zwei Namen: Enttäuschung und Demütigung.

Jungen erleben ihren Eintritt „ins geschlechtsreife Alter“ als Enttäuschung, weil sie eins ums andere Mal feststellen, dass kein Mädchen sich ihnen auch nur ansatzweise so treu gewogen zeigt wie ihre Mutter. Bei den meisten dauert dieser Prozess der fortgesetzten Enttäuschung ihr ganzes Erwachsenen-Leben über an. „Alles Schlampen außer Mutti“ ist ein nur halb-lustig gemeinter Spruch, der dieses subjektive Erleben vieler Männer zum Ausdruck bringt. Die als grenzenlos erlebte Liebe der eigenen Mutter wird zu einem unnerreichbaren Maßstab, dem keine reale erwachsene Frau gerecht werden kann.

Und als Demütigung erleben Jungen ihr „Mann-Werden“, weil ihr naiv-romantisches Interesse von den Mädchen, die sie unmittelbar interessant finden, so gut wie nie in gleicher Intensität erwidert wird, wenn es denn überhaupt erwidert wird: Gleichaltrige Mädchen interessieren sich meist für die Jungs, die ein paar Jahre älter sind, wenn nicht gleich für „richtige Männer“. Wie drastisch diese Entdeckung erlebt wird, ist mit Worten tatsächlich schwer zu beschreiben. Ein Imperativ: „Du musst Mädchen für Dich interessieren können, wenn Du ein Mann sein willst“ trifft auf das Erleben einer völligen Unmöglichkeit, diesem Imperativ in der Realität gerecht werden zu können. – Und erzeugt so eine fundamentale Verunsicherung in der eigenen Geschlechtsidentität: Einen Zweifel in jedem einzelnen heteronormativ zugerichteten Mann, dass er in Wirklichkeit „kein richtiger Mann“ sei und das fortan irgendwie unter Beweis zu stellen habe („Sei ein Mann!“). – Die auf diese Erfahrung sich einstellenden Gefühle der Ohnmacht, Verzweiflung und ähnlichem wirken um so stärker als sie in der traditionellen Ordnung als „unmännlich“ gelten. Sie können nicht nur nicht von den Jungen artikuliert werden, sie dürfen auch für ihn selbst gar nicht existieren. Männer reden nicht deswegen nicht über Gefühle, weil sie sich auf die Zunge beißen. Männer erzeugen in sich selbst eine fehlende Gefühlswahrnehmung, in der sie sich gar nicht mehr auf die Zunge beißen müssen. Die am schwierigsten zu beantwortende aller Fragen an einen traditionell zugerichteten Mann lautet daher auch ganz einfach: „Wie geht’s Dir“? – Auf diese Frage wird man stets nur ein „Passt scho“, „Muss ja“, einen lahmen Witz oder pures Schweigen bekommen. Nicht aus Renitenz oder Bockigkeit, sondern weil ein traditionell zugerichteter Mann diese Frage auch sich selbst gar nicht mehr beantworten kann. Was nach außen „verschlossen“ wirkt, ist in Wirklichkeit vor allem eine Verschlossenheit vor sich selbst. „Echte Männer“ haben sich ihre Gefühlwahrnehmungen konsequent abtrainiert. So werden aus wunderbar empathischen, selbst- und mitfühlenden Menschenkindern bis zum Alter von 8-12 in der Pubertät allmählich jene Alltagskrieger und Unternehmenssoldaten, für die es das erstrebenswerteste ist, in den Kämpfen da draußen möglichst klaglos drauf zu gehen.

In ihren konkreten Reaktionen auf beide Prozesse: Der Enttäuschung von gleichaltrigen Frauen und des Erlebens eines Gefühls ständiger sexueller Demütigung in der Pubertät dürften sich  heterosexuell orientierte Jungen stark unterscheiden. Es gibt aber ein Angebot, dass die traditionelle Ordnung den Jungen in dieser wenig beneidenswerten Lage macht: Nach Status und Macht zu streben, um „gegenüber Frauen an den längeren Hebel zu kommen im Krieg der Geschlechter“. Diese Deutung gibt Jungen in ihrem pubertären emotionalen Chaos einen Sinn, einen Ausweg und eine klare Anweisung, ihre unangenehm-unartikulierbaren Gefühle durch Handeln auszuagieren. Und Gefühle durch Handeln auszuagieren, nunja, eben das gilt in der traditionalen Geschlechterordnung eben als „männlich“.

Dass das ungebrochene Statusstreben vieler heutiger Männer in tiefen Gefühlen sexueller Demütigung und Enttäuschung wurzelt, die nahezu alle pubertierenden Jungen durchlaufen, entgeht den meisten Frauen, weil sie in der traditionalen Ordnung ihre eigenen Lasten aufgebürdet bekommen. – Es entgeht aber auch den meisten Männern selbst, weil „die Wendung nach innen“ nicht nur einem generellen Verbot („unmännlich“) unterliegt, sondern ganz unmittelbare Nachteile mit sich bringt, während Vorteile einer Auseinandersetzung mit eigenen „negativen“ Gefühle kaum abzusehen sind. Dass traditional sozialisierte Männer statistisch weitaus seltener Therapien und Coachings in Anspruch nehmen. Dass traditional sozialisierte Männer der gesamten Ratgeberliteratur mit einer Haltung zwischen distanziert-freundlicher Skepsis und abwertender Radikal-Verurteilung („Esoterik!“) gegenüberstehen. Dass traditional sozialisierte Männer deutlich mehr Gewaltverhalten zeigen, nicht nur gegen andere, sondern auch gegen sich selbst: All das ist weder zufällig, noch irgendwie „biologisch“ herleitbar.

Das Ergebnis ist, dass die psychologischen Mechanismen hinter traditionell männlichem Verhalten so gut wie nie aus der Innensicht jener zugerichteten Männer beschrieben wird. Schlicht und einfach, weil es Teil der traditionellen Geschlechterordnung ist, dass es diese Sicht gar nicht gibt und auch gar nicht geben kann. Frauen können sie nicht einnehmen, weil sie die männlichen Zurichtungsprozesse nicht erleben, sondern die weiblichen, die keinen Deut weniger grausam sind. Männer können sie nicht einnehmen, weil Mann-Werdung in der traditionalen Ordnung gerade in der kategorischen Abwendung von einer Innenorientierung an eigenen Gefühlen und Bedürfnissen besteht.

Appelle an traditionell sozialisierte Männer, „sich doch bitte in diesem oder jenem Punkt zu verändern“ laufen auch deswegen ins Leere, weil es aus der traditionellen Ordnung heraus kaum Menschen geben kann, die verstehen, „was es heißt ein Junge gewesen zu sein und zum Mann zugerichtet worden zu sein“. Den Appellen fehlt schlicht und einfach das Verständnis, der Zugang zur Innensicht, der Zugang zum emotionalen Erleben hinter der äußeren Oberfläche des gezeigten Verhaltens.

Viele traditionell sozialisierten Männer brechen in Lebenskrisen ein Stück weit aus dieser Wortlosigkeit über ihr Innenerleben auf: Nach Verlust von Partnern, erlebtem Scheitern als Vater, nach Krankheit, nach Jobverlust, nach Gewalttätigkeit, nach Suchtverhalten und was der Männerkatastrophen mehr sind.

Doch die traditionelle Ordnung berührt das nicht: Wir Männer haben in einem tiefgreifenden, für uns emotional bedeutsamen Prozess gelernt, dass wir nur dann nicht gedemütigt werden, wenn wir vielleicht unsere Mitmänner, in jedem Fall aber die Frauen, die uns interessieren, an Status soweit wir nur können übertreffen. „Demütige oder werde gedemütigt“ ist nicht nur das Lebensmotto, es ist das unmittelbare, erfahrungsgenährte Erleben der meisten Männer.

Ich sehe keine Macht am Horizont unserer heutigen Gesellschaft, die Chancen hat, diese Erfahrung von unserer Erde zu tilgen. Aus diesem Motiv heraus werden wir auch in naher Zukunft noch mit heteronormativ zugerichteten Männern rechnen müssen, die alles, wirklich alles daran setzen, auf dem einen oder anderen Weg eine Hochstatus-Position zu erreichen.

Denn „die ursprüngliche Wunde“ der traditionell zugerichteten Männer gibt ein wunderbar gewaltiges Motiv, das einen durch ein ganzes Leben tragen kann, auch wenn es uns zu einer ebenso hartnäckigen Teilverblödung führt.

Die ursprüngliche Wunde traditionell zugerichteter Frauen: Die Erfahrung des Verlusts einer ungebrochenen Zuwendung durch die Mutter bei gleichzeitigem Verbot, sich durch Stärke, Tätigkeit und Leichtigkeit eine neue Heimat zu erschaffen, ist kein bisschen weniger schmerzhaft. Sie kann leichter artikuliert werden, um den Preis, dass diesen Artikulationen kaum Bedeutung, Gewicht und Anerkennung zugemessen wird. Und diese Wunde konditioniert in der traditionellen Ordnung Frauen als einzigen Ausweg darauf, „sich einen guten (= möglichst Hochstatus verkörpernden) Mann zu schnappen und durch geeignetes Verhalten an sich zu binden“.

Die ultimative Befolgung dieses Ausweg-Imperativs besteht für traditionell zugerichtete Frauen darin, „einen Jungen zu bekommen“, der dann auf eine Weise „ihnen gehört“, die sie ihrerseits bei ihren traditionell zugerichteten Männern nicht erleben. Erwachsene Männer müssen ja äußerlich maximale Unabhängigkeit demonstrieren, um ihre in der Mutter-Sohn-Dyade erlernte innerliche maximale Abhängigkeit von Frauen zu überspielen. Durch Verhätschelung und unrealistisch verzerrte Wahrnehmung von ihm kann frau so einen kleinen Jungen dann gut an sich binden, so dass er ihr – anders als erwachsene Männer – nie abhanden kommen kann. Der Sohn wird zum Ego-Appendix der Mutter, die das, was sie selbst abspalten musste, im eigenen Kind kompensiert. Durch einen Jungen, so will es die perverse traditionelle Geschlechterordnung, wird die Frau wieder zu einem kompletten Menschen. Genauso wie der traditionale Mann erst durch „den Besitz“ einer „emotional aktiven“ Frau wieder zu einem richtigen Menschen wird, da er selbst ja keinerlei Gefühle zu haben hat, wenn er sich seinen Mann-Status erhalten will, was wiederum Voraussetzung dafür ist, dass…

…Es gibt keinen Anfang in diesem Spiel. Keine Ursache. Keine Schuldigen. Nur Opfer.

Und eine ewig währenden Zirkel an Verletzungen und immer gleichen Antworten auf diese Verletzungen.

Dass Männer nicht im gleichen Ausmaß als Opfer der traditionellen Geschlechterordnung wahrgenommen werden, ist dabei selbst ein Teil dieses Prozesses, der sich gegen jede mögliche Veränderung hermetisch abschließt.

In meiner Wahrnehmung gibt es kein schlimmer und weniger schlimm hinsichtlich der weiblichen und männlichen Zurichtungen. Es gibt nur Opfer, die zu verdrängen haben, dass sie Opfer sind (Männer), und die in dieser Verdrängung Frauen als Komplizen erleben, die Männer wiederum eben rein als Täter erleben.  Und es gibt Opfer, die zwar ihr Opfer-Sein zwar artikulieren können (Frauen), die aber ihr eigenes Sich-nicht-ernstnehmen im Verhalten der Männer gespiegelt erleben, da „es ja nur um die Gefühle Frauen geht“.

Der gemeinsame Nenner ist wie immer: Gefühle dürfen nicht ernstgenommen werden. Entweder hat mensch sie erst gar nicht zu haben (Männer). Oder mensch hat sie zu haben, aber genau aus diesem Grund kann mensch nun als Person nicht mehr richtig ernstgenommen werden (Frauen).

Wir leben darum nicht in einer Gesellschaft, die nur Frauen abwerten würde. Wir leben in einer Gesellschaft, die menschliche Gefühle auf zwei verschiedene Weisen gleichzeitig abwertet und sie dadurch systematisch allen gesellschaftlichen Prozessen entzieht.

Wir leben in einer anti-emotionalen Kultur, die sich einer Geschlechterunterscheidung und normativen Zurichtung von Menschen zu „Frauen/Männern“ zu ihrer eigenen Reproduktion bedient.

Männer und Frauen, die aus dieser Ordnung ausbrechen, haben auch heute noch einen schmerzhaft hohen Preis zu bezahlen. Sowohl Männer, die anfangen, ihre Gefühle und damit ihre Menschlichkeit zu entdecken. Die darauf bestehen, Empfindlichkeiten, Verwirrung, Ängste, Verzweiflung und Ohnmacht zu kennen und diese ungefiltert auszudrücken. Und genauso Frauen, die handeln, die für sich einstehen, die sich nicht damit begnügen, ihre Gefühle wahrzunehmen. Sondern die ihre Gefühle als hinreichenden Grund sehen, etwas Bestimmtes zu tun und etwas anderes zu lassen, ohne irgendeine weitere Rechtfertigung und vor allem ohne irgendein Zögern oder ein schlechtes Gewissen.

Wir Menschen haben eine unmenschliche Gesellschaft erschaffen. Und unsere Unterteilung in zwei Geschlechter ist ein ganz wesentliches Moment bei unserem Bemühen darum, dass sie auch in Zukunft ganz genauso unmenschlich bleiben wird.

 

 

 

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