Also es gibt ja zwei Sorten Menschen: Einmal die, die immer irgendwas machen müssen, um in Ordnung zu sein, um in Ordnung zu kommen.

Was genau, wechselt natürlich: Mit den Jahren, mit den Lebensphasen, mit den Lebenspartnern, mit den Lebensorten, mit den Jahreszeiten, mit der aktuellen Wetterlage, mit den tendances de la saison. Und natürlich mit dem jeweiligen Gesprächspartner und was er grade so in einem triggert.

Die andere Sorte Mensch muss nichts machen, um in Ordnung zu kommen. Sie findet sich im großen und ganzen überwiegend okay so, wie sie gerade ist. Egal, wie sie gerade ist. Sie macht Neues, weil sie es interessant findet, weil sie Bock hat „auf die Erfahrung“. Oft weiß sie es auch gerade nicht so genau. Und sie macht gut Vertrautes, Gewohntes, weil es sich bewährt hat und einfach gut anfühlt.

Ich gehöre zur ersteren Sorte, meine liebe Lebensmitbewohnerin gehört zur zweiteren.

Wenn man zu den im Nicht-okay-Sein geübten Menschen gehört, ist es zunächst einmal gar nicht so leicht zu kapieren, dass es überhaupt Menschen gibt, die im Okay-Sein geübt sind.

Wenn man es dann doch mit großen Augen realisiert, dass es „die“ gibt, hat man dann erst mal so ein paar Fragen:

Wie werden die einen so? Wie die anderen so? Kann ich das auch? Gene? Erziehung? Aktuelle Situation? Stand der Sterne? Verschiedenes Zeug im Trinkwasser oder im Badezimmerschrank?

Naheliegende Antwort ist dann z.B.: Die okayen Menschen sind einfach wohlgenährt im Sich-angenommen-Fühlen (ungefähr so wie immer genügend zu essen haben) und haben sich so sehr daran gewöhnt, dass sie gar nicht mehr auf die Idee kommen, dass es auch anders sein könnte (ungefähr so wie sich daran gewöhnen, dass der Kühlschrank immer voll ist).

Natürlich kommt man als nicht-okayer Mensch dann schnell auf den Trichter, dass diese Sichtweise einen mitten hinein in eine veritable Opferhaltung führt, die sich immer weiter selber füttert und die einen keinen Meter weiter bringt.

Kurz: Auch Nicht-okay-Sein braucht Nahrung. Auch dieser Kühlschrank braucht jemanden, der einkaufen geht im großen Supermarkt der Realitäten. Nicht-okay-Sein ist harte Arbeit. Oft deutlich härtere Arbeit als Okay-Sein, weil bei der Arbeit am Nicht-Okay-Sein nur Energie drauf geht, aber anders als beim Okay-Sein keinerlei Energie zurückkommt. In der Regel empfinden okaye Menschen ihre Arbeit am Okay-Sein daher auch gar nicht als Arbeit, sondern als Abenteuer, als Erfahrung, als Spiel oder einfach als „ganz normal“: „Is so“.

Brücken von hier nach da gibt es also nicht. Denn nicht-okaye Menschen, die sich plötzlich einbilden, an den okayen ein Beispiel zu nehmen und nun in Okay-Sein zu machen, sagen dann stimmigerweise so sachen wie: „Da muss ich an mir arbeiten“.

Nunja.

Eine verhunzte Kindheit ist eine verhunzte Kindheit. Eine nicht-verhunzte Kindheit ist eine nicht-verhunzte Kindheit. „Da gibt es keine Hilfe“ (Lieblingszitat meiner Lebensmitbewohnerin aus dem Jugendbuch: „Großer Tiger und Christian“, mittlerweile ein geflügeltes Familienwort bei uns).

Lustig ist nur, dass die wunderbare Kindheit meiner wunderbaren Lebensmitbewohnerhin so wunderbar gar nicht war. Und meine nicht gar nur so schrecklich.

Daher bleibt im Grunde nur eine Erklärung: Bevor uns der liebe Gott hier runter auf die Erde schickt, würfelt er’s aus: Ungerade Zahl = Empfindet sich als nicht-okay, umständeunabhängig. Gerade Zahl = Empfindet sich als okay, umständeunabhängig.

Wird also wohl alles schon so seine Ordnung und seinen Sinn haben.

Religion ist einfach eine feine Sache. Finde ich.

 

 

 

 

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