Wie kommt es, dass du den Splitter im Auge deines Bruders siehst, aber den Balken in deinem eigenen Auge nicht bemerkst?“ – Die meisten dürften den Bibelspruch schon in der einen oder anderen Version gehört haben.

Der Spruch kann auch als Beschreibung eines Abspaltungs-Prozesses verstanden werden: Eigene Verhaltensweisen, Einstellungen, Neigungen und selbst Gedanken, die wir verurteilen und nicht als uns-zugehörig auffassen wollen, werden von uns gezielt ausgeblendet. „Im Spiegel der Anderen“ begegnen sie uns dann wieder.

– Wobei es sich um einen Zerr- und Vergrößerungsspiegel handelt: Um so stärker aufgeladen unsere Abspaltung ist (mit um so mehr Gewalt unserer Verurteilung Nachdruck verliehen wurde), um so größer, monströser, unmöglicher und sanktionierungswürdiger erscheinen uns die entsprechenden Verhaltensweisen, Einstellungen, Neigungen und Gedanken bei anderen Menschen. Bis zu dem Punkt, an dem wir sie auch dort in andere hineinprojizieren, wo es kaum Anlass dafür gibt.

Wir benutzen andere Menschen, um unsere Identität, unser Selbstbild herzustellen und aufrecht zu erhalten.

Spannend ist für mich das Verhältnis negativer Reziprozität, das durch Gewalt, Bedrohungen und Verurteilungen zwischen uns entsteht und dadurch unsere Beziehungen in ganz bestimmter Weise formt: „Ich bin nicht wie Du, Du bist nicht wie ich, was bei Dir viel ist, ist bei mir wenig, usw.“ – Und das geht noch weiter bis zu: Was ich bei anderen sehr gut erkennen kann, kann ich deswegen bei mir selbst noch lange nicht gut erkennen.

Ja, das „gut erkennen bei anderen“ hat hier geradezu die Funktion, die gleiche Sache bei mir selbst gezielt zu verkennen. „Weil ich das beim anderen ja klar und deutlich sehe und verurteile, kann ich ja kaum selbst so sein.“ Soweit so bekannt, so typisch für Beziehungen, die von vergangener oder gegenwärtiger oder erwarteter Gewalt überformt sind.

Weniger bekannt als die Balken/Splitter-Geschichte, die für nicht-reziproke Beziehungen typisch ist, ist das Verhältnis bei Gefühlen und Beziehungen. Denn anders als bei Verhaltensweisen, Einstellungen, Neigungen und Gedanken herrscht hier eine positive Reziprozität: Wenn wir in der Lage sind, eigene Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen und auch sprachlich-kognitiv zu benennen, sind wir auch deutlich besser in der Lage, die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen und zu benennen.

Und umgekehrt: Können wir das bei uns selbst nicht, dann können wir das auch kaum bei anderen Menschen. Und nochmals umgekehrt: Lernen wir, Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen, an- und auszusprechen (und sei es zunächst nur für uns selbst, im Stillen), lernen wir gleichzeitig mit, im Bezug auf unser eigenes Innenleben aufmerksamer zu werden, mehr mitzubekommen und aktiver darauf einzugehen, „was sich in uns so alles tut.“

Psychologische Schulen wie die von Carl Rogers Klientenzentrierter Therapie, Thomas Gordons Beziehungsgestaltung und Marshall Rosenbergs Gewaltfreier Kommunikation machen sich diese Reziprozität hinsichtlich menschlicher Gefühle und Bedürfnisse zu nutze. In der Folge meiden sie z.B. Fragen wie „Wie geht es Dir?“, weil eine solche Frage voraussetzt, dass der Andere gerade einen guten Zugang zum eigenen Erleben, Fühlen und Brauchen hat. Und das kann leider häufig gerade nicht vorausgesetzt werden.

Gleichzeitig ist dieser fehlende Zugang der Grund für verschiedenste Probleme, Verwirrungen und unproduktive Verhaltensweisen. Stattdessen wird in solchen heilsamen Settings gefragt: „Geht es Dir gerade so und so?“, weil eine solche spezifischere Frage inklusive aktivem Vorschlag dem Anderen einen Zugang öffnet. Vorausgesetzt: Der Fragende ist für den Gefragten in einer erkennbar nicht-wertenden, nicht-verurteilenden, nicht-ausschließenden Haltung anwesend.

Ein aktiver Vorschlag einer offensichtlich nicht-wertenden, annehmenden Person dahingehend, was der Andere gerade fühlen oder brauchen könnte, schickt diesen Anderen auf die gedankliche Reise in sein Innenleben und verhilft ihm sowohl in der Negation als auch in der Affirmation zu einem Kontakt zu dem, was mit ihm gerade so alles los ist.

D.h. auch wenn ich sage: „Nein, überhaupt nicht!“ weiß ich nach dieser Negation in der Regel deutlich genauer, wie es mir geht und worum es mir gerade geht, als vorher. Ein „Nein, überhaupt nicht! …“ liegt erstaunlich oft erstaunlich nah an einem „… Sondern ich fühle mich/brauche gerade vielmehr …!“

Vorschläge, in einer offenen Haltung vorgebracht, öffnen mehr als Fragen. Sie aktivieren den kognitiv-sprachlichen Bereich der Gefühls-/Bedürfnis-Benennung und damit einen aktiven, handelnden und interaktiven Umgang mit eigenen Innenzuständen.

Mit etwas Übung und einer Erweiterung des sprachlichen Spektrums: des emotionalen Vokabulars geht aufgrund der positiven Reziprozität bei Gefühlen und Bedürfnissen beides miteinander einher: Man bemerkt leichter und schneller, was in einem selber vorgeht. Und man bemerkt leichter und schneller, was in anderen Menschen vor sich geht.

Eine positive, wechselseitige Spiegelung, durch die es beiden Beziehungspartnern besser geht. Man zieht sich aneinander hoch, anstatt sich wechselseitig herunter zu ziehen.

Unsere kognitive Überforderung, sobald es um unsere Beziehungen geht

Wir haben also eine negative Reziprozität des Erkennens bei negativ bewerteten Verhaltensweisen, Einstellungen, Neigungen und Gedanken.

Und wir haben zugleich eine positive Reziprozität des Erkennens bei Gefühlen und Bedürfnissen.

Dass beides gleichzeitig existiert, scheint uns kognitiv zu überfordern. Das zumindest ist die einzige Erklärung, die mir bislang einfällt, warum die positive Reziprozität in Bezug auf menschliche Gefühle und Bedürfnisse derart wenig Bekanntheit hat: Sie wird von der Augenfälligkeit und Bekanntheit der negativen Reziprozität derart „überlagert“, dass sie uns kaum mehr auffällt.

Das geht so weit, dass wir allen Ernstes glauben können, dass es einem Menschen möglich ist, einen guten Innenzugang (Selbstempathie) zu haben, während er zugleich dazu in der Lage sein soll, über die die Innenzustände anderer Menschen hinwegzugehen, sie nicht wahrzunehmen und von ihnen unbeeinflusst zu bleiben. (= keine Anderempathie).

Oder wir glauben, dass es Menschen geben kann, die Meister der Anderempathie sind, während sie ihre Selbstempathie vernachlässigen. Z.B. Helfersyndrome und krankhafte Selbstlosigkeit werden oft so verstanden. Mit Blick auf die Reziprozitätsthese dürfen wir aber viel mehr annehmen, dass es sich hier nur scheinbar um Empathie mit anderen handelt, in Wirklichkeit aber viel eher um ein rein manipulatives Verhalten, das aus eigener seelischer Not helfend um sich schlägt und jegliches Leid von anderen ausbeutet, um sich selbst wichtig zu machen.

Nach meiner Einschätzung kommen beide Zustände also nur in unseren gedanklichen Rekonstruktionen vor: Sowohl der rein selbstempathische Egoist, als auch der rein anderempathische Altruist. Beide „Menschentypen“ oder „Menschenzustände“ gibt es in der zwischenmenschlichen Realität nicht, sondern nur in unserem verkürzten Verständnis davon, was sich in Menschen ereignet und was sich zugleich in unseren Beziehungen miteinander abspielt. (Interne psychische Dynamik + Beziehungsdynamik)

Was vorkommt, sind Handlungsunterbrechungen: Wahrnehmung von Innenzuständen, die nach Handlung rufen, die aber „gewohnheitsmäßig“ unterlassen werden. Die traditionell weibliche Sozialisierung in unserer Gesellschaft baut via Bedrohungen und Bestrafungen in Menschen solche Handlungsblocker ein, sobald es um Eigenempathie geht, während sie bei Frauen Handeln aufgrund von Anderempathie offensiv fordert und belohnt. Das engelsgleiche Ideal traditioneller Weiblichkeit (das Mutter-Theresa-Syndrom) beruht auf exakt einer solchen Zurichtung und bereitet auch heute noch vielen Frauen, die nach außen durchaus selbstbewusst wirken können, große Probleme.

Was ebenfalls vorkommt, sind generelle Empathieblocker: Die Wahrnehmung von Innenzuständen ist generell gedimmt, manchmal restlos. Traditionell männliche Sozialisierung in unserer Gesellschaft baut via Bedrohungen und Bestrafungen in Menschen solche Wahrnehmungsblocker ein, sowohl was Eigenempathie angeht wie auch Anderempathie, während bei Männern zugleich ein Regel-geleitetes, rein-außenorientiertes Handeln offensiv gefordert und belohnt wird. Das Widerstände übergehende Ideal traditioneller Männlichkeit (das Lonesome-Hero-Syndrom) beruht auf exakt einer solchen Zurichtung und bereitet auch heute noch vielen Männern, die nach außen durchaus reflektiert wirken können, große Probleme.

Auf diesen gedanklichen Misskonzeptionen beruhen beispielsweise die ständig wiederholten Fehleinschätzungen, dass viele Männer „nicht über Gefühle reden wollen“. Wollen setzt allerdings Können voraus. Wie der Männertherapeut Björn Süfke bereits 2008 eindrucksvoll herausgearbeitet hat, ist es weitaus zutreffender zu sagen, dass in einem traditionellen Männlichkeitskonzept sozialisierte Menschen ihre Gefühle vor sich selbst verbergen: Die Frage nach dem eigenen Empfinden überfordert sie schlichtweg, weil die Tore zu Gefühls- und Bedürfniswahrnehmungen auch für sie selbst verschlossen sind. Damit einhergeht ausnahmslos eine mangelnde Fähigkeit mitzubekommen, was in anderen Menschen vor sich geht: In seinen Nuancen, in seinem Reichtum, in seiner Widersprüchlichkeit.

Auf der gleichen gedanklichen Misskonzeption beruhen auch die ständig wiederholten Fehleinschätzungen, dass viele Frauen damit völlig zufrieden seien, weniger Einfluss und weniger Gestaltungsmöglichkeiten zu haben und in unserer Gesellschaft reihenweise Tiefstatus-Rollen auszufüllen. Für-sich-Handeln-Können setzt Ermächtigung voraus. Viele Frauen durchlaufen aber auch heute noch in ihrer Kindheit regelrechte Trainingsprogramme, durch die ihr intuitives, unmittelbares Handeln im eigenen Namen, für die eigene Sache mit drastischen Verboten belegt wird. Handlungsimpulse, die nicht im Wohlergehen anderer Menschen wurzeln, wurden von Geburt an bis ins frühe Erwachsenenalter sanktioniert, abgewertet und verurteilt.

Solange wir für die Gleichzeitigkeit negativer Reziprozität und positiver Reziprozität in unserer Selbst- und Fremdwahrnehmung keine Sprache haben, solange wir die weiterhin laufenden Zurichtungsprogramme von Jungen und Mädchen nicht auf dem Schirm haben, und solange wir allen Ernstes glauben, die Entgegensetzung von  „Egoismus/Altruismus“ würde irgendeinen Sinn machen, solange wird es für uns sehr schwer sein, gemeinsam diejenigen gesellschaftlichen Fortschritte zu erzielen, die wir in unserer heutigen, modernen Weltgesellschaft von uns selbst und von unseren Mitmenschen brauchen.

 

 

 

 

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