Wir sind alle unbewusste Platoniker. Gerade wenn es um die Themen Geld und Macht geht.

Ich bin möglicherweise nicht der größte Platon-Fan der Welt. Brav arbeite ich mich wie alle anderen philosophisch verbildeten Menschen mit meinen beschränkten Mitteln rauf und runter an dem guten bösen alten Mann des Abendlands ab.

Das tue ich unter der Annahme, dass wir in einer Gesellschaft leben, die zahlreiche Vorannahmen Platons unhinterfragt übernommen hat und diese Vorannahmen wieder und wieder ausbuchstabiert; und unter der Annahme, dass unsere unbewussten alltäglichen Platonismen Folgen für uns haben: Sie beschränken unsere Möglichkeiten. Sie beschränken unsere Menschlichkeit. Sie beschränken unsere Möglichkeiten guten Zusammenlebens. Sie beschränken unseren Austausch, unseren Kontakt und unser Mitgefühl. Sie begründen überflüssige Kämpfe und Kriege. Sie schaffen Hierarchien. Sie erzeugen unsere Korruption durch Macht. Sie erzeugen unsere Korruption durch Ohnmacht. Sie verunmöglichen gute Beziehungen und damit menschliches Lebensglück. – Die ewige Wiederkehr des gleichen Platonismus in immer neuem von ihm Geschlaucht-Sein…

…Ich tue also das, was ehemalige Philosophie-Studenten halt so tun, wenn der Tag lang ist und bei Netflix gerade keine neue Serie zum Anschauen (theorein) verfügbar ist.

Eins der offiziellen Argumente, die uns Platon für seine Ansage liefert, dass „die Könige Philosophen und die Philosophen Könige sein sollten“, geht ungefähr so: Es sei die bestmögliche politische Lösung für alle, wenn diejenigen herrschten, die das geringste Interesse an Herrschaft hätten. Und dies sei nur bei denjenigen Menschen gegeben, die für sich etwas besseres kennen würden, als eben: Politik und Herrschaft. Heißeste Kandidaten für so ein grundsätzliches Desinteresse an Herrschaft waren für Platon seinerzeit die mathematik- und wissenschaftsverliebten Philosophen parmenideischer Provinienz, die sowieso im 7. Ideenhimmel schwebten und nur mit Müh und Not überhaupt dazu zu bringen waren, sich mit irdischen Dingen aka menschlich-allzumenschlicher Politik abzugeben.

Wir können sagen: Wir sind heute recht nah dran an der vollständigen Verwirklichung dieses platonischen Ideals. Denn wir stehen kurz davor zuzulassen, dass ein paar Silicon Valley Nerds die uneingeschränkte Weltherrschaft an sich reißen. – Kleiner Philosophenscherz.

Die Frage, welche Menschen wann in welcher Form sanktionsbewehrte Entscheidungsmacht haben sollen, dürfte eine niemals endende Menschheitsfrage sein.

Der liebe Sven Franke stellt diese Frage nach dem Wer, Wann und Wie der Macht nun in Zusammenhang mit Unternehmen und Unternehmensführung. Indirekt natürlich, indem er nach neuartigen Formen der Bezahlung, Entlohnung oder Gewinnverteilung, kurz: nach #NewPay fragt. Dass zwischen Bezahlungsfrage und der Machtfrage ein Zusammenhang besteht, wird erkennbar, wenn wir fragen: Wer führt heute warum Unternehmen? Wer herrscht dort? Aus welchen Gründen? – Der derzeit verbreitete Grund trägt den Namen „Karriere“ und lautet in Langform: Wir schaffen finanzielle Anreize zum „Aufstieg“ und entgelten „mehr Verantwortung“ mit „mehr Geld“. Und dazu schaffen wir eine Herrschafts-Pyramide, in der man weiter oben gleichzeitig mehr zu bestimmen und mehr zu bekommen hat. Vor allem kann man weiter oben bestimmen, wer weiter unten was bekommt, was bestimmen darf und wer selbst Chancen hat, nach oben zu kommen. – Pyramiden und Sklaverei standen wohl schon immer in einem gewissen Zusammenhang.

Hier könnte man nun den guten alten bösen Platon ins Spiel bringen und sagen: Ist es nicht klug, wenn wir all die armen Vorstände, Geschäftsführer und Manager von dem Anreiz erlösen, solche Positionen allein deswegen anzustreben, weil sie ihnen als Menschen finanzielle Vorteile bringen?

Ist es nicht vielleicht wirklich schlau (= „gut für alle“), wenn wir den „Weg zur Unternehmensherrschaft“ noch steiniger, noch unattraktiver gestalten als er ohnehin heute schon in vielen Unternehmen ist? Zumindest für die meisten von uns?

Daraus kann folgende #NewPay-Idee hervorgehen: Um so mehr jemand im Unternehmen zu sagen und zu bestimmen hat, um so schlechter sollte er verdienen. Wenn wir schon die dumme alte Pyramide mit ihrer Befehlskette und Weisungsbefugnis nicht aus den Unternehmen bekommen, dann könnten wir den Aufstieg in der Hierarchieleiter mit Anti-Anreizen versehen: Wir könnten „Karriere“ deutlich unattraktiver machen als sie schon heute ist.

Oder genauer: „Anders attraktiv“.

Denn was ist aus psychologischer Sicht erwartbar, wenn diejenigen Menschen am meisten verdienen, die die Basis in der Pyramide der Unternehmenshierarchie bilden? Also diejenigen Menschen, die „am nächsten am Kunden“, „am nächsten am Produkt“ sind? Die Menschen, „die die eigentliche Arbeit machen“? – Und wenn diejenigen Menschen am wenigsten verdienen, die in der Hierarchie am weitesten oben und weitesten Weg von Kunden und Produkten des Unternehmens sind?

Der erwartbare Effekt einer solchen Umkehrung der Gehaltspyramide ist m.E.: Es werden 1.) andere Menschen als bisher Entscheidungspositionen anstreben. Und es werden 2.)  die Menschen an der Basis des Unternehmens mehr Einfluss auf die Unternehmensentscheidungen nehmen.

Beide Effekte scheinen mir für eine gesunde, auf Langfristigkeit angelegte Unternehmensführung recht vorteilhaft zu sein:

1.) Wenn ich auf Geld verzichten muss, um etwas zu sagen zu haben in meinem Unternehmen, so werde ich solche einflussreichen Positionen im Unternehmen nur dann anstreben, wenn mir wirklich etwas an jenem Unternehmen liegt. – Unternehmungführung wird vom gut vergüteten Privileg zur wirklich unangenehmen Pflicht. Die Entkopplung von Unternehmenswohl und Wohl des einzelnen Managers wäre in diesem Fall weitaus geringer als sie es in einem Bezahlungssystem sein kann, in dem ich „das meiste für mich raushole“, wenn ich meine eigenen Karriere maximiere: Aufstieg um jeden Preis. Bekanntlich sind die meisten Menschen in bisherigen Unternehmenshierarchien ständig hin- und hergerissen, ob sie bei ihren Entscheidungen ihr Eigenwohl oder das Unternehmswohl fokussieren sollen. Langfristig entscheiden sich die meisten von uns für unseren Eigennutz und gegen das Unternehmenswohl, was man uns schlecht vorwerfen kann, denn das Bezahlungssystem „erzieht“ uns dazu. Wenn ich ständig erlebe, dass eine Fokussierung darauf, was das Beste für das Unternehmen ist, mich in meiner eigenen Karriere kaum voranbringt oder mir sogar den nächsten Karriereschritt verhagelt, weil ich es mir dabei mit derart vielen anderen „Entscheidern“ im Unternehmen verscherze, dann kann man kaum von mir erwarten, dass mich noch sonderlich interessiert, was langfristig aus „meinem“ Unternehmen wird: „Nach mir die Sintflut“. Und auch Manager, die ganze Unternehmen versenkt haben, haben nur selten Probleme, eine neue, vergleichbare oder sogar besser bezahlte Position beim nächsten Unternehmen zu ergattern. – Soweit bei der klassischen Bezahlungspyramide, die mit der Entscheidungspyramide parallel geschaltet ist.

2.) Wenn ich an der Basis des Unternehmens: Nah am Kunden / nah am Produkt am Besten verdiene, dann werde ich mich dadurch aufgewertet fühlen. Ich werde selbstbewusst sein. Ich werde, das, was mir mein unmittelbarer Kontakt mit den Kunden / mit den Produkten an Informationen bringt, einbringen wollen. Ich werde deutlich mehr als heute darauf bestehen, dass das, was ich an Problemen und an Chancen für das Unternehmen wahrnehme, auch in die Unternehmensentscheidungen einfließt. Ich werde den Mund aufmachen. Deutlich öfter und deutlich lauter. V.a. aber werden statusorientierte, energische Menschen häufiger in solchen Basis-Positionen („einfacher Arbeiter“, „einfacher Angestellter“, „Fachkraft“) bleiben, anstatt den „Aufstieg“ zu suchen.

Das heißt für das nun systematisch schlechter bezahlte Management: Es ist nicht nur eine ganz schöne Zumutung, in der Hierarchie aufzusteigen, weil man dabei ja nun jedesmal auf Geld verzichtet. Es ist auch noch weniger angenehm als es heute schon ist, denn man hat es nun mit deutlich „mündigeren“ Mitarbeitern zu tun: Mit Mitarbeiter die mehr fordern. Nicht Geld, nicht den Aufstieg, sondern Einfluss auf die Unternehmensentscheidungen.

Das Thema „Macht“ in Unternehmen würde dadurch völlig neu verhandelt. Und „aufsteigen wollen“ würden nur noch echte Überzeugungstäter. Unternehmerische Idealisten, die man geradezu als „Anti-Karrieristen“ bezeichnen müsste: Sie entscheiden sich für Leitungsaufgaben rein aus dem Grund, weil sie führen wollen, nicht weil sie dadurch sonst irgendwie besser gestellt wären.

Wie man aber Menschen, die heute etwas zu sagen haben in Unternehmen: Vorstände und Geschäftsführer dazu bringen kann, eine solche Umkehrung der Bezahlungspyramide vorzunehmen, dazu bin ich genauso blank wie der gute alte böse Platon, der mit seinem Versuch kläglich scheiterte, auf dem sizilianischen Syracus einen platonischen Staat auf die Beine zu stellen.

Eine solche Umkehrung müsste im Grunde von den „Machthabern von außen“ getrieben sein: Also von Nicht-selbst-managenden Unternehmenseignern und Unternehmensinvestoren. – Oder eben von der Politik aka uns allen, die wir ja angeblich in einer Demokratie leben und damit de facto alle miteinander Gesetzgeber sind.

Welcher von beiden der ein bisschen noch aussichtslosere Ansatzpunkt für eine Verwirklichung der Umkehrung der Gehaltspyramide ist, das überlasse ich gerne Ihrer Fantasie.

Zumal man fragen könnte, wer heute überhaupt ein Interesse an einem langfristigen Unternehmenswohl haben kann. Denn unsere derzeit noch laufenden Finanzierungs- und Investitionsspielchen machen es auch Investoren nicht gerade leicht, an „ihren“ Unternehmen ein langfristiges Interesse hegen zu können. Unter den gegebenen Rahmenbedingungen werden mir als Investor v.a. Anreize gesetzt, den schnellen Reibach: Den möglichst baldigen, möglichst lukrativen Weiterverkauf meiner Unternehmen zu suchen. Und kaum Anreize, überhaupt jemals an das auch nur mittelfristige Wohl von Unternehmen, Kunden oder anderen am Unternehmen Mitwirkenden zu denken.

So bleibt es wohl bei einem: „Die Idee ist gut, doch die Welt ist nie bereit.“

 

 

 

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